Frank
Helzel
Himmlers und Hitlers
Symbolpolitik mit mittelalterlichen Herrschern
König
Heinrich I. (919-936) und Kaiser Otto I. (936-973)
in ihren nationalgeschichtlichen Rollen
im
Schlussteil des Zweiten Dreißigjährigen Kriegs
1914-1945
„Die Tradition aller
toten Geschlechter lastet
wie ein Alp auf dem
Gehirne der Lebenden.
Und wenn sie eben
damit beschäftigt scheinen,
sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht
Dagewesenes zu
schaffen, gerade in solchen
Epochen revolutionärer Krise beschwören sie
ängstlich die
Geister der Vergangenheit zu
ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen,
Schlachtparole, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen
Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache
die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen.“
Karl Marx, 1852
Die
Kraft kommt von der Tigernase.
Janosch[1]
ihre größten
Wirkungen dort erzielt, wo es gar nicht
um die
Rekonstruktion der Vergangenheit geht?
Valentin Groebner
Bad Wildungen, November 2008
(Endfassung)
Hier können Sie eine PDF-Datei herunterladen: www.himmlers-heinrich.de/heinrich_I.pdf
Anschlussthemen:
* Über
die Slawenkriege seit Karl dem Großen in deutsch-nationalgeschichtlicher Darstellung:
www.himmlers-heinrich.de/slawenkriege.pdf
* Notizen zu Vorbildern und
Himmlers Ende: www.himmlers-heinrich.de/himmlers-ende.pdf
* Eroberung und
Kulturzerstörung: www.himmlers-heinrich.de/eroberung.pdf
* Ottonische Eiertänze: www.himmlers-heinrich.de/eiertaenze.pdf
* De- und Rekolonisation: www.himmlers-heinrich.de/dekolonisation-und-grenzen.pdf
* Schlussbetrachtung:
www.himmlers-heinrich.de/schluss.pdf
Kontakt: helzel@freecity.de
Inhalt
1...... Thesen zur Symbolpolitik Himmlers und Hitlers - Voraussetzungen und
Folgen (Einleitung)4
2...... Heinrich I. und Otto I. in der national-preußischen Tradition.. 10
2.1 Historisches
zu Heinrich I. und Otto I.
2.2 Die national-preußische
Rezeption Heinrichs I. seit dem ‚Turnvater‘ Friedrich Ludwig Jahn (1810)
3...... Heinrich I. und Otto der Große im „Dritten Reich“. 14
3.1 „Rede
des Reichsführers-SS im Dom zu Quedlinburg. Am 2. Juli 1936“
3.2.1
Himmler entdeckt den „germanischen“ Ostpolitiker Heinrich I.
3.2.2
Die Wewelsburg als Ausgangspunkt völkischer Vernichtungspolitik
3.2.3
Die Bedeutung von Toten bei der Legitimation von Herrschaft
3.3 Heilige Lanze und Speer Wotans als Vorlagen
für den geplanten Wewelsburgausbau
(1941/1944)
3.4 Otto
I. (936-973) als nationalsozialistischer Patron
3.4.1
Die Einschätzung deutscher Geschichte aus österreichischer Sicht
3.4.2
Die Reichseinigungseuphorie ab Mitte der 1930er Jahre
4.3 Anstehende Probleme: Reichseinigung und „Judenfrage“
4.3 Erfahrungen mit dem „asiatischen Raum“ und
Himmlers Auftrag an die SS-Junker
4.3.1 Der Streit um die expansive Ausrichtung
deutscher Außenpolitik seit dem 19. Jahrhundert
4.4.2 Himmlers Ostvisionen - und ihr real- und symbolpolitisches Ende
4.5 Himmler und sein Glaube an Vorbilder
4.7.1
Der Osten muss aber nicht so aussehen!
4.7.2
Was aber muss im Osten geschehen?
4.7.3
Der große Plan des Reichsführers SS
4.7.4
Das heilige Recht auf Erde, die unser Blut getrunken...
5...... Fortsetzung: 1956 wird Heinrich I. Namenspatron eines nordhessischen
Gymnasiums53
6...... Versuch über den „Zweiten Dreißigjährigen Krieg 1914-1945“. 56
6.1 Umrisse der historischen Diskussion
6.2 „Das Land Ober Ost“ und die deutsche
Ostforschung seit dem Ersten Weltkrieg
6.3 Die SS-Sondereinheit Dirlewanger
6.5 Exkurs 1: Eine Studie zum „Zweiten
dreißigjährigen Krieg 1914-1945“ von 1947
6.6 Exkurs 2: Ergebnisse mediävistischer
Selbsterforschung nach 1945
6.7 Exkurs 3: Das Mittelalter – Epoche eines
ersten Kolonialismus?
6.7.1
Europäische Schwierigkeiten mit dem kolonialen Erbe
6.7.2
Eroberung und Kolonisierung im Mittelalter
6.7.3
Symbolpolitische Analogien im „Dritten Reich“
7 Zur Beschäftigung mit den Ottonen, Himmler und Hitler.. 77
8 Heinrich I. in Peter Longerichs
Himmler-Biographie79
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1. Politische Totenrituale zur Befestigung von Herrschaftsverhältnissen stellen eine Art Dauerbrenner in vielen Kulturen dar. Diese Rituale können zur Neuordnung von in Unordnung geratenen gesellschaftlichen Verhältnissen dienen und drängen sich wegen ihrer Effizienz geradezu auf (Vgl. Olaf B. Rader, Grab und Herrschaft. Politischer Totenkult von Alexander bis Lenin, München 2003, S. 10).
2.
„Alexander, der immer die Ilias als ein Lehrbuch
militärischen Könnens unter seinem Kopfkissen verwahrt haben soll, schien ein
Erinnerungsband zu seinem verehrten homerischen Helden und dessen Taten
knüpfen, sich in seine Nachfolge stellen zu wollen. So wie einst Achill und
seine Recken Troia schlugen, so wollte der neue Achill Asien fällen. Und die Welt
sollte es wissen. Deshalb brauchte Alexander vor allem auch Publizität für seinen
Erfolg, er bedurfte einer Öffentlichkeit“ (ebd., S. 11).
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3. Himmler und Hitler beriefen sich bei der Rechtfertigung ihrer imperialistisch-koloni-alistischen Politik immer wieder auf Figuren, die in der nationalen Geschichtsschreibung als Vorbilder für die Gestaltung des angestrebten Nationalstaats galten. Während Himmler sich seit 1936 kontinuierlich auf Heinrich I. (919-936) stützte, gab es bei Hitler je nach ostpolitischem Anlass einen Wechsel von Otto I. (936-973) zu Friedrich Barbarossa und schließlich zu Karl dem Großen. (Zusätzlich spielte für beider völkermörderische Vorhaben das literarisch vermittelte Bild von Dschingis Chan eine wichtige Rolle.)
Himmler:
4. Himmler suchte seit 1933 nach einer Verankerung der SS in historischen Figurationen. Dazu gehörten auch Baulichkeiten. So die Wewelsburg bei Paderborn im „Lande Widukinds und Hermanns“, die 1934 in die Hände der SS überging. Von den über die „Niedersachsenideologie“ völkisch aufbereiteten Figuren interessierte ihn zunächst Heinrich der Löwe. Aber nach den enttäuschenden Braunschweiger Ausgrabungen von 1935 löste er sich von Heinrich dem Löwen: Heinrich I. trat in sein Blickfeld, der in der preußisch-nationalen Tradition im großen Historikerstreit des 19. Jahrhunderts von H. v. Sybel 1859 zum „Gründer des deutschen Reiches“ und nationalen Ostkolonisator erklärt worden war.
5. 1935 suchten nämlich die Quedlinburger bei höchsten Reichsstellen um Unterstützung für die Ausrichtung der Feierlichkeiten zum 1000. Todestag Heinrichs I. am 2. 7. 1936 nach. SS-Brigadeführer Dr. Hermann Reischle, Chef des Rasseamtes unter Darré, nannte diese Feier „propagandistisch [...] geradezu ein Geschenk des Himmels“ und berichtete am 24. 10. 1935 an Himmler: „Durch ihre zweckmäßige Gestaltung können wir mit einem großen Schlag das erreichen, was sonst auf propagandistischem Weg nur mühsam in Jahren durchgekämpft werden könnte. Schon aus diesem Grund muß die entscheidende Beteiligung der SS und damit unsere Einflußnahme auf die Vorbereitung und Gestaltung der Feier dringend befürwortet werden.“ Das wirkte sich sofort auf die Einschätzung der Wewelsburg aus: Der anfängliche Plan, die Burg zu einer Reichsführer-SS-Schule auszubauen, wurde fallen gelassen. Himmler übernahm die Burg mit Befehl vom 6. November 1935 in seinen Persönlichen Stab und verhängte ein 1939 erneuertes Verbot jeglicher Berichterstattung über die dortigen Vorgänge. Noch im Dezember 1935 legte er fest, „dass die SS mit der Stadt Quedlinburg alleinige Trägerin der Feiern am 2. Juli 1936 sein sollte“. Mit der 1935 erfolgenden Gründung der „Ahnenerbe“-Stiftung wollte Himmler alles in Erfahrung bringen, was sich über die quellenarme Zeit Heinrichs herausfinden und noch dokumentieren ließ. Nach Karl Hüser (1982/1987, S. 8) bestand für die SS-Ideologen nun „kein Zweifel, sie [d.i. die Entstehungszeit der Burg] in die Zeit der Abwehrkämpfe König Heinrichs I. gegen die Ungarn oder ‚Hunnen‘ zu legen“.
6. Himmler verlieh nach seiner deutschlandweit im Radio übertragenen Gedenkrede zu Heinrichs Todestag am 2. 7. 1936 dem Todesgedenken Heinrichs I. in Quedlinburg Ritualcharakter, erklärte 1937 ausgegrabene Knochen bei der Wiederbeisetzung zu den Gebeinen Heinrichs I., gründete eine „König-Heinrich-I.-Gedächtnis-Stiftung“ und rief 1938 eine Reihe von Städten zu „König-Heinrich-Städten“ aus (Braunschweig, Enger, Fritzlar, Wetzlar, Gandersheim, Erfurt, Goslar, Meißen, Nordhausen, Schleswig, Wallhausen und Quedlinburg), während über die Vorhaben auf der Wewelsburg ein Berichtsverbot verhängt wurde. Am 2.7.1939 überreichte ihm der Oberbürgermeister von Quedlinburg den eigens für ihn komponierten „König-Heinrichs-Marsch“. – In seinem engeren Umfeld konnte Himmler nach Auskunft seines Leibarztes durchaus respektvoll „König Heinrich“ genannt werden.
7. Die Duisburger machten am 1. 8. 1936, also kurz nach der Himmler-Rede vom 2. 7. 1936, ihren zentralen Stadtplatz zum „König-Heinrich-Platz“, wie er heute noch heißt. Er liegt am westlichen Ausgangspunkt des Hellweges – heute Bundesstraße 1 –, der in West-Ostrichtung auch an der Wewelsburg vorbeiführt. (Die Bad Soden-Salmünsteraner im hessischen Spessart benannten eine 1928 gebohrte und bis heute die ertragreichste Quelle „am 25. 8. 1936 anläßlich des 1000jährigen Todestages des großen Volkskönigs Heinrich I. der Vogler (919 - 936) in König-Heinrich-Sprudel“ um.)
8. Alles,
was Himmler mit Kriegsbeginn unternahm, stellte er unter die Patronage von Heinrich
I.: Fahrten ab 3. 9. 1939 in den Osten im Sonderzug „Heinrich“ (allein
im Dienstkalender Himmlers von 1941/42 23-malige Erwähnung); seine in der Nähe
des östlichen Führerhauptquartiers aufgeschlagene „Feldkdo.-Stelle“ nannte
er „Heinrich“; die Einrichtung der „SS-Sondereinheit Dirlewanger“ folgte
dem Vorbild, wie es Heinrichs Chronist Widukind von Corvey in der
„Merseburger Schar“ schildert. Sie kam im Raum Lublin ab 1940 zum Einsatz.
Dort sollte vor allem mit Hilfe von Odilo Globocnik, „Himmlers Vorposten im
Osten“ (Peter Black), das „Programm
Heinrich“ über Siedlungserschließung einschließlich Völkermord in den
Vernichtungslagern verwirklicht werden – mit Grenzen am Ural. Himmlers Freund
und Chronist Hanns Johst, Präsident der Reichsschrifttumskammer, hätte beim
Sieg die „Heinrich-Saga“ zu dichten gehabt. (Odilo Globocnik war bereits
verantwortlich für den „Anschluss Österreichs“, indem er im März 1938 an der
Auslösung des „Unternehmens/Falls Otto“ beteiligt war. Vgl. These 13 u. 15.)
9. Seit Kogons erster Untersuchung über den SS-Staat von 1945 gehört die Nennung Heinrichs I. zur Charakterisierung von Himmlers Persönlichkeit. In seiner Habilitationsschrift über ‚Geschichtsdenken und politisches Handeln im Dritten Reich‘ von 1998/21999 stellt dementsprechend Frank-Lothar Kroll fest, dass Heinrich I. die „überragende Symbolfigur“ für Himmlers ostpolitische Visionen war. Es ist, unabhängig von Hüsers Hinweis auf den Glauben der SS-Ideologen, in der Burg eine Heinrichsgründung zu sehen, das Naheliegendste, anzunehmen, dass die Wewelsburg nach der Zeugenaussage des SS-Obersturmbannführers Horst Klein deshalb Himmlers „Lieblings-Projekt“ wurde, weil er in ihr eine „Heinrichsburg“ sah. Willi Frischauer trägt in seinem unübersetzt gebliebenen Buch Himmler. The evil genius of the Third Reich, London 1953 viel über den Zusammenhang Himmlers mit Heinrich I. zusammen (vgl. S. 29, 68, 127) und überschreibt das ganze Kap. 7: „The other Heinrich“. Welch wichtige Rolle die Wewelsburg für Himmler spielte, hat er aus Gesprächen mit Richard Walther Darré, der von Anfang an auf der Wewelsburg dabei war, bis es später zur Entfremdung zwischen den beiden von Jugend auf Befreundeten kam. Darré nimmt nach Frischauer für sich in Anspruch, Himmler überhaupt erst auf den ersten Sachsenkönig aufmerksam gemacht zu haben. Das deckt sich damit, dass Heinrich I. mit seiner Frau Mathilde bereits in einer Veröffentlichung Darrés von 1930 eine Rolle spielt.
10. Nach dem „Anschluss Österreichs“ wurden noch 1938 die in Wien aufbewahrten Reichsinsignien nach Nürnberg gebracht. Zu ihnen gehört an hervorragender Stelle die von Heinrich I. erworbene Heilige Lanze. Die Geschichtswissenschaft im „Dritten Reich“ arbeitete in zahlreichen Publikationen ihren symbolpolitischen Wert heraus, und zwar gegenüber dem slawischen Osten, den sie vor allem seit Otto I. entfaltet habe. Die Bauplanungen auf der Wewelsburg wurden davon geprägt: 1941 zeigte der Ausbauplan noch deutliche Anlehnung an das bei den Reichsinsignien aufbewahrte Original der Heiligen Lanze. 1944 hatte sich die Speerspitzenform durchgesetzt, denn seit einem Vortrag des „Ahnenerbe“-Wissenschaftlers Otto Höfler auf dem Erfurter Historikertag von 1937 galt die Lanze als „heiliger Speer Wotans“. (Höfler war Professor an den Universitäten von Kiel, München und Wien [bis 1971]).
König Heinrich I.

„Er war der Erste unter Gleichen,
und es wurde ihm eine größere und wahre menschliche Ehrfurcht entgegengebracht,
als später Kaisern, Königen und Fürsten, die sie nach volksfremdem
byzantinischen Zeremoniell forderten, zuteil wurde. Er hieß Herzog und König
und war ein Führer vor tausend Jahren.“
Reichsführer
SS Heinrich Himmler
Holzschnitt von Ernst von Dombrowski aus dem Jahre 1938 (Schriftzüge verändert)
11. Himmlers Verehrung Heinrichs I. entspricht der symbolpolitischen Aufwertung des sächsischen Königshauses, in dem die preußischen Hohenzollern bereits ihre nationale Reichseinigungsaufgabe im 19. Jahrhundert vorgeprägt sahen. Als es nach der „Gleichschaltung“ der Länder am 5. 2. 1934 zum ersten Mal in der deutschen Geschichte eine einheitliche deutsche Staatsangehörigkeit gab – man war nicht mehr zuerst Bayer, Sachse, Badenser, Hesse oder Preuße, sondern von Anfang an Deutscher! –, wurde in Hitler der Einiger Deutschlands gesehen. Deshalb war ein Lieblingsthema nationalsozialistischer Aufsatzerziehung „Von Heinrich I. zu Adolf Hitler“.
12. Josef Otto Plassmann, Mitglied in Himmlers ‚Persönlichem Stab‘, dem alle Wewelsburgangelegenheiten unterstellt sind, verantwortlicher Redakteur der „Ahnenerbe“-Zeitschrift „Germanien“, Heinrichs-Fan und Verfasser einer Heinrichsmonographie (1928), habilitiert sich 1943 bei Hermann Schneider in Tübingen mit einer Arbeit über die Ottonen, die „das Geschichtsbild der Sachsenkaiser auf altgermanischer Grundlage aufbauen, dieses Geschichtsbild so der römischen Geschichtsklitterung endgültig entreißen und damit die Absichten des Reichsführers-SS in einer Weise und Stärke mit verwirklichen helfen [soll], wie sie eindrucksvoller nicht gedacht werden kann“.
Hitler:
13. Der Sohn Heinrichs I., Otto I., wurde öffentlich weniger auffällig, aber ganz ähnlich instrumentalisiert, und zwar 1938 von Hitler. Bereits in „Mein Kampf“ hatte er gleich zu Anfang von der Wiederherstellung „der alten Ostmark des Reiches“ geschrieben, die sich unter Otto I., Otto II. und Otto III. nach der Schlacht gegen die Ungarn 955 als Vorläuferin des späteren Österreichs herausgebildet hatte. Die erste Handlung Hitlers als neuer Oberbefehlshaber der Wehrmacht war dementsprechend „Die militärische Weisung für den Einmarsch in Österreich vom 11. März 1938“ mit dem Tarnnamen „Unternehmen Otto“, dem noch im Mai die von Hitler verfügte Umbenennung Österreichs in „Ostmark“ folgte.
14. Albert Brackmann (1871-1952), der damals „höchstrangige deutsche Historiker“ (W. J. Mommsen), die „graue Eminenz der Ostforschung“ (M. Beer) schrieb direkt nach dem Überfall auf Polen 1939 auf Bestellung der SS eine rechtfertigende Propagandaschrift für den angefangenen ostimperialistischen Eroberungsfeldzug: „Krisis und Aufbau in Osteuropa. Ein weltgeschichtliches Bild“ im Berliner „Ahnenerbe“-Verlag. Brackmann entfaltet einleitend ein Bild von Heinrich I. und Otto I. als ersten Vertretern einer deutschen Ostexpansion. Ottos Plan, dem Magdeburger Erzbistum „die ganze Slawenwelt zu unterstellen“, wird als „der umfassendste Plan, den je ein deutscher Staatsmann hinsichtlich des Ostens gefasst hat“, dargestellt.
15. Hitlers neuer Generalstabschef Franz Halder, unbeteiligt am „Unternehmen Otto“, arbeitete den Feldzug gegen Russland als „Plan Otto“ aus. Zur Vermeidung einer Doppelung wurde daraus das „Unternehmen Barbarossa“. „Unternehmen Barbarossa“ und „Programm Heinrich“ müssen parallel gesehen werden: Ersteres folgte den Planungen der Wehrmacht; das „Programm Heinrich“ war Himmlers Bezeichnung für alles, was unter SS-Regie in Osteuropa von der „germanischen“ Besiedlung bis zum Völkermord durchzusetzen war.
16. Seit 1940 trat mit dem erfolgreichen Feldzug gegen Frankreich und nach der bereits zuvor erfolgten Angliederung tschechischer und polnischer Gebiete Karl der Große in Hitlers Spektrum eines über „Großdeutschland“ hinausgehenden „Großgermanischen Reichs Deutscher Nation“. 1944 bekannte sich auch Himmler zu ihm als „Reichsgründer“, in dessen Nachfolge Hitler sich keine deutsche, sondern jetzt europäische oder abendländische Politik gegenüber „Asien“ machen sah (z. B. Gründung der Waffen-SS-Division „Charlemagne“ aus französischen Freiwilligen im Oktober 1944).
17. Die rasseimperialistische Ausrichtung in mittelalterlicher Einkleidung, in der nach Hitlers Vorstellungen von 1941 aus dem eroberten osteuropäischen Raum der „Far West“ oder „Deutschindien“ werden sollte – Hitler in seinen „Tischgesprächen“ im September 1941: „Was für England Indien war, wird für uns der Ostraum sein“ –, hatte zum Ziel „von Europa keinen Germanen mehr nach Amerika gehen“ zu lassen. „Die Norweger, Schweden, Dänen, Niederländer müssen wir alle in die Ostgebiete hereinleiten; das werden Glieder des Reichs.“ Der Verwirklichung sollte der „Generalplan Ost“ dienen, den Himmler als „Reichskommissar zur Festigung deutschen Volkstums“ von einem umfangreichen wissenschaftlichen Stab in etlichen Varianten bis 1942 ausarbeiten ließ. Nach dem Vorbild des Feudalismus sollten die anzuwerbenden „germanischen“ Siedler in den östlichen „Siedlungsmarken“ mit einem „Markhauptmann“ an der Spitze auf „Lehenshöfen“ „Lehens“-Träger von „Zeit- und Erblehen“ werden („Mark“ in etymologischer Berücksichtigung mittelalterlicher Sprache für „Grenze“ oder „Grenzgebiet“). Himmler hätte den „Lehensherrn“ abgegeben.
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18. Hitlers noch 1945 wiederholter Anspruch auf „für die Zukunft unseres Volkes unentbehrlichen Lebensraum im Osten“ und Himmlers Bestreben, im Namen König Heinrichs I. expansive Ostpolitik zu betreiben, waren spätestens für die Alliierten und die Sowjets am 12. September 1944 in London mit der im Londoner Protokoll der „European Advisory Commission“ verabredeten Grenzziehung zwischen den Blöcken absolut auf null gebracht. Während Himmler noch im August 1944 in Posen vor Gauleitern von „unseren politischen, wirtschaftlichen, menschlichen, militärischen Aufgaben in dem herrlichen Osten“ schwärmte, einigten sich die künftigen Besatzungsmächte einen Monat später auf eine Grenze, die unter Ausgrenzung des sachsen-anhaltinischen Gebietes mit den einstigen Zentren der Ottonen Magdeburg und Quedlinburg der Ostgrenze des ostfränkischen Reichs im Jahr 919 entsprach, bevor Heinrich I. slawische Stämme bekämpft, sich tributpflichtig gemacht hatte und bis in die Lausitz und nach Böhmen vorgedrungen war.
19. Die Politiker der auf nationale Unabhängigkeit bedachten osteuropäischen Völker hatten seit dem 19. Jahrhundert verfolgt, wie von deutscher Seite z. B. die „allmähliche Germanisierung Polens“ gefordert worden war, nämlich vom „deutschen Propheten“ Paul de Lagarde 1875, den Hitler mit Randnotizen studierte. Der von den „Alldeutschen“ 1891 in ihr Programm aufgenommene Begriff vom so genannten Deutschen Drang nach Osten, der unter Wiederaufnahme der mittelalterlichen Ostsiedlung wiederbelebt werden müsse, wurde vor allem von slawischer Seite verwendet und bedeutete für sie insofern Wirklichkeit, als sie sich bewusst wurden, dass der östliche Teil Deutschlands auf slawischem Gebiet entstanden war. Nachdem August Graf von Platen-Hallermünde die Behandlung der Polen mit erstmalig belegter Verwendung des Wortes einen „Völkermord“ genannt (1831/34) und westdeutsche Demokraten bereits beim „Hambacher Fest“ 1832 die Wiederherstellung des unter Preußen, Österreich und Russland aufgeteilten polnischen Staates gefordert hatten, hatte ihnen 1848 der ostpreußische Abgeordnete Wilhelm Jordan in der Paulskirche geantwortet: „Wenn wir rücksichtslos gerecht sein wollten, dann müssten wir nicht bloß Posen herausgeben, sondern halb Deutschland. Denn bis an die Saale und darüber hinaus erstreckte sich vormals die Slawenwelt.“ Anstatt von „Völkermord“ zog er es vor, von der „Bestattung einer längst in der Auflösung begriffenen Leiche“ zu sprechen (vgl. Anm. 164). – So wurden die Grenzziehung an der Oder-Neiße-Linie und die bis 1989/90 bestehende „Zonengrenze“ oder „innerdeutsche Grenze“ zur realpolitischen Antwort auf den im 19. Jahrhundert zu preußisch-deutscher Nationalpropaganda gewordenen und vom „Großdeutschen Reich“ ab 1939 mit dem Überfall auf Polen und 1941 auf Russland umgesetzten „Deutschen Drang nach Osten“. In symbolpolitischer Realisierung hätte sie gewissermaßen als slawischer Racheakt an den „Germanisierungs“-Absichten ohne Einspruch der Alliierten auch die Vertreibung der ostdeutschen Bevölkerung nach Westdeutschland bedeuten können, zumal die Eroberung Polens 1939 in der nationalsozialistischen Würdigung als „Beendigung des 1000jährigen Kampfes gegen Polen“ (Franz Lüdtke, 1941) ausgegeben worden war. So wurde sie nur konsequent auf sowjetische Linie und in Abhängigkeit gebracht.
20. „Eine vielhundertjährige geschichtliche Entwicklung, nämlich die deutsche Kolonisation im Osten“, sei „rückgängig gemacht“ worden, schreibt Walther Hofer als Herausgeber der erstmals 1957 erschienenen Dokumentensammlung „Der Nationalsozialismus. Dokumente 1933-1945“ am Schluss. „[...] die Soldaten der Sowjetunion stehen an der Elbe, und Europa sieht sich damit der größten Bedrohung seiner Geschichte ausgesetzt.“ Und der letzte Satz des Buches lautet: „Das Dritte Reich ist kein tausendjähriges Reich geworden, aber die zwölf Jahre seines Bestehens haben genügt, die geschichtliche Arbeit von tausend Jahren zu verschleudern.“ – Noch in dieser Bestandsaufnahme dauert die seit dem 19. Jahrhundert sprichwörtlich gewordene und von Hermann Aubin 1942 propagandistisch aufgegriffene Beschwörung „von der Ostsiedlung als der Großtat unseres Volkes im Mittelalter“ fort. Für den Historiker von 1942, einen Anhänger des „Lebensraum“-Gedankens, diente sie als Aufforderung an die Politik, sie unter nationalsozialistischen Vorzeichen fortzusetzen; der Historiker von 1957 betrachtet immer noch in dieser symbolpolitischen Tradition den Scherbenhaufen reinen imperialistischen Eroberungsdenkens, das sich als tausendjähriges gerechtfertigt sehen wollte.
21. Was die Beschwörungsformel von der mittelalterlichen „Großtat“ für die slawische Welt bedeutete, fasst der tschechoslowakische Historiker Zdeněk Váňa 1983 in seinem Buch „Die Welt der alten Slawen“ unter der Überschrift „Die Tragödie des nordwestlichen Zweiges“ zusammen, indem er die Propagandaformel vom „Deutschen Drang nach Osten“ zur Deutung tausendjähriger Geschichte einsetzt: „Deshalb kam es auch 919 zu einer großen historischen Wende, als der Sachsenherzog Heinrich der Vogler zum deutschen König gewählt wurde. Mit seinem Namen verbindet sich der eigentliche Auftakt jenes ‚Dranges nach Osten‘, der neun Jahre später eingeleitet wurde.“
22. Als das Schlagwort vom „Deutschen Drang nach Osten“ im 19. Jahrhundert geprägt wurde, sah die Wirklichkeit von Menschen, die auf Verbesserung ihrer Lage sannen und deshalb ihre Heimat verlassen wollten, längst ganz anders aus. Der „Deutsche Drang nach Osten“ ist nichts als eine auf diese Wirklichkeit gemünzte deutsche Gegenpropaganda. Denn seit William Penn, der 1683 in Worms um Einwanderer für seine Kolonie Pennsylvanien warb, so dass er „Entvölkerer Deutschlands“ genannt wurde, erstrahlte die transatlantische „Neue Welt“ als Glücksversprechen gegenüber der „Alten Welt“ immer mehr, bis im 19. Jahrhundert die Auswanderung dorthin in ein Millionenheer mündete, und zwar nicht nur aus Deutschland, sondern aus allen Teilen Europas. Für das seinem Höhepunkt zustrebende nationale Denken war das ein Aderlass zugunsten fremder nationaler Volkswirtschaften, so dass Alternativen erwogen wurden. In der jetzt nationalgeschichtlich zum ersten Mal wahrgenommenen mittelalterlichen Ostsiedlung tauchte unter imperialistisch-kolonialistischen Vorzeichen eine Denkmöglichkeit auf, mit der der sich in die transatlantischen Wirtschaften ergießende Auswandererstrom dem Mutterland erhalten bleiben sollte. So konnte osteuropäische „Grenzkolonisation“ bis zum Ural unter Missachtung der dort lebenden Menschen für deutsche Nationalideologen an den tatsächlichen Gegebenheiten vorbei auf einmal als „Natur“-Bedingung für die Kanalisierung deutsch-völkischen Bevölkerungsüberschusses erscheinen und sich den Charakter zivilisatorischer Mission Menschen gegenüber überstülpen sehen, die dem europäischen Kulturkreis genauso angehörten. Die symbolpolitische Aufladung unter Einsatz der für diese Zwecke völkisch zugerichteten Nationalgeschichte trug wesentlich zur Einschätzung von „Grenzkolonisation“ als Möglichkeit in der „Alten Welt“ mit all ihren schlimmen Folgen bei. Denn es ging nie um tausendjährige Geschichte oder die Pflege eines angeblichen Ottonenerbes oder deren Vermächtnis, sondern immer nur um die symbolpolitisch und völkisch rasseideologisch verzerrte Bewältigung von Gegenwart und ihre Gestaltung im Interesse von Macht.
Deshalb wirken ja alle in diesem Umfeld verwendeten symbolpolitischen Formeln heute so unwirklich. Denn sie waren nie mehr als Worthülsen zeitunterworfener nationalkultureller Kodierung und sind mehrheitlich leider erst im Nachhinein und verstärkt durch ihre Verbindung mit einer Katastrophe als verhängnisvolle Tigerpappnasen zu identifizieren. Indessen war Symbolpolitik keine nationalsozialistische Spezialität, sondern sie begleitet jede Gesellschaft in jeweils besonderen kulturellen Kodierungen. Allerdings kam ihr im „Dritten Reich“ deshalb eine bedeutendere Funktion zu, weil es an demokratischer Legitimation mangelte, so dass die Öffentlichkeit immer wieder über das kalkulierte Platzieren symbolpolitisch aufgeladener Zusammenhänge zunächst medial aufgeheizt und dann zur Zustimmung per Akklamation gebracht werden musste.
23. In der Folge zunehmender Distanz ist seit den 1990er Jahren das Bemühen einer Geschichtsschreibung zu beobachten, die jenseits von Nationalgeschichte das europäische Kriegsgeschehen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ohne symbolpolitische Begrifflichkeiten als Gesamtheit zu fassen versucht. Zur Veranschaulichung werden ebenfalls historische Anleihen gemacht, aber nicht zur Identitätsstiftung, sondern unter Zuhilfenahme des Vergleichens als komparativer Methode, um besser verstehen zu können. Der Erste und der Zweite Weltkrieg können in diesem Zusammenhang als „Zweiter dreißigjähriger Krieg“ oder als „Europäischer Bürgerkrieg 1914-1945“ gedeutet werden. Diese übergeordnete Perspektive bietet sich vor allem an, wenn das deutsche imperialistische Kolonisationsbestreben in Europa als eine Idee von langer Dauer entsprechend berücksichtigt werden soll. Diese Kontinuität weist sich allein schon darin aus, dass Hitler in seinem Geheimerlass vom 7. Oktober 1939 zur „Festigung deutschen Volkstums“ den Begriff „Ober Ost“ für die besetzten polnischen Gebiete verwendet. (Im Ersten Weltkrieg hatte das so genannte Land Ober Ost alle vom Deutschen Reich besetzten Gebiete zwischen Kurland, Litauen, Polen bis nach Weißrussland umfasst.)
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24. Himmlers
politisches Handeln als zweitmächtigster Mann im „Dritten Reich“ muss vor dem
Hintergrund verstanden werden, dass er es symbolpolitisch wie kein anderer
einkleiden wollte, und zwar in die historisch seit Friedrich Ludwig Jahn, dem
„Turnvater“, zum „Staatsretter“ gegen die „Asischen Horden“ aufgewertete Gestalt
des ersten Sachsenkönigs als „Reichsgründer“. Diese Einkleidung reichte bis
tief in sein Privatleben. Katrin Himmler berichtet von ihrem Großonkel, dass
seine Geliebte Hedwig Potthast noch nach seinem Selbstmord im Familienkreis der
Himmlers von ihm nur als von „König Heinrich“ gesprochen habe.[2]
Nur so war es ihm offenbar möglich, für sich selbst glaubwürdig zu wirken, wenn
er an die Verwirklichung seiner rasseimperialistischen Vorhaben dachte.
Hitler war flexibler:
Er konnte in fließendem Übergang von Otto I.
zu Barbarossa und schließlich zu Karl dem Großen wechseln, je nach
symbolpolitischem Bedarf für die ins Auge gefassten Vorhaben.
Nichtsdestoweniger bediente er sich der Geschichte im gleichen Sinne und sah
sich in tausendjährigen oder älteren Spuren schreiten, als er zunächst nach
Österreich griff, dann nach Osteuropa und schließlich insgesamt nach Europa und
dabei immer in Abwehr „Asien“ gegenüber zu stehen vorgab.
Die von Rader
behauptete Effizienz von Totenritualen, wie sie Himmler wie kein Zweiter im
„Dritten Reich“ zelebrierte, zeigte sich öffentlich vor allem in der
Etablierung der Quedlinburger Stiftskirche mit den Gräbern von Heinrich I. und
Mathilde als „nationaler Weihestätte“. Trotzdem traute er den Ritualen und
seiner Identifikation nicht ganz über den Weg. Denn nach der Aussage seiner
Frau war seit Kriegsbeginn eine Zyankalikapsel seine ständige Begleiterin. Und
bevor er sie zerbiss, wollte er auf der Wewelsburg als dem Zentrum seiner Totenbeschwörung
alle Spuren mit ihrer nur unvollkommen gelungenen Sprengung vernichten.
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25. Vom Jahr 2008 her scheint es selbst für manche Mediävisten nicht mehr vorstellbar, dass das Mittelalter je wieder einen solchen symbolpolitischen Boom erleben könnte, wenn auch in der heutigen Event-Kultur Mittelaltermärkte, Ritterspiele, mittelalterliche Festessen, der Nachbau von Ritterburgen und Mittelalterromane eine große Rolle spielen. Denn: „Mittelaltergeschichte funktioniert wie jede andere Disziplin dadurch, dass sie ihre Fähigkeit zur Auto-Memoria zum Strukturelement erhebt: Das ist das Gruppenbildende an ihr, die, wie Michel Foucault etwas boshaft geschrieben hat, ‚weiche, warme Freimaurerei der unnützen Gelehrsamkeit‘. In ihr werden erfolgreiche Forscher von ihren Schülern zu zentralen Figuren von immer höherem wissenschaftlichen Rang stilisiert, und Karrieren beruhen auf der Fähigkeit des jeweiligen Aspiranten, sich in diesen künstlichen Abstammungs- und Verwandtschaftssystem selbst zu platzieren. Ein gut eingespieltes und lang erprobtes System. Ob es aber gegen Desinteresse von außen hilft?“ (Groebner, wie Anm. 139, S. 16 f.)
Heinrich I.:
876 Wahrscheinliches
Geburtsjahr;
919
(oder später) Anerkennung Heinrichs I. als König im
Ostfrankenreich zunächst durch Sachsen und Franken, später durch Schwaben und
Baiern;
925 Lothringen fällt ans Ostfrankenreich;
928/29 Kämpfe gegen slawische Stämme östlich der Elbe und
Vordringen bis nach Brennabor (Brandenburg) und in die Lausitz;
933 nach
ersten Erfolgen der Bayern weiteres vorläufiges Zurückschlagen der bis 955 ins
Ostfrankenreich regelmäßig einfallenden Ungarn;
934 siegreicher Feldzug gegen den
Schwedenkönig Chnuba (Schleswig/ Haithabu);
2.7.936 Tod Heinrichs in Memleben.
Viele Angaben zu Heinrichs Wirken sind mit Fragezeichen zu versehen, da
während seiner Herrschertätigkeit selbst keine Aufzeichnungen gemacht wurden
und erst unter seinem Sohn Otto dem Großen (912-973) Widukind von Corvey, ein
schreibkundiger Mönch, vielleicht aus der Familie der Ottonen stammend, eine
Chronik zur Herrschaft Heinrichs und Ottos verfasste. Der Bericht stellt die
Hauptquelle für das schriftarme 10. Jahrhundert dar. Er ist gerade für die Zeit
Heinrichs insofern unzuverlässig, als er sich mündlicher Überlieferung
verdankt, dynastieorientiert ist und erst um 970, also kurz vor seines Sohnes
Otto I. Tod fertig gestellt wurde. Von daher eignet sich der historische
Heinrich später – gerade auch für Himmler – als riesige Projektionswand für
eigene Vorstellungen.
Otto I.:
912 Geburt
Ottos;
936 von seinem Vater als Nachfolger designiert: Salbung und Krönung zum König in Aachen;
939 Niederringen eines verwandtschaftlichen Aufstandes in Lothringen;
936/37 Mark an der Elbe für Hermann Billung, an der Saale für Gero;
951 erster Italienzug: durch Heirat Erwerb der Krone der Lombardei;
953/54 weiterer Aufstand, angezettelt in der königlichen Familie;
955 Sieg über die Ungarn auf dem Lechfeld mit deren sich anschließender Sesshaftwerdung;
962 Erneuerung des karolingischen Kaisertums durch Kaiserkrönung in Rom während des zweiten Italienzugs (weitgehende Abhängigkeit des Papsttums vom Kaiser, Reichskirche zur Unterstützung seiner Herrschaft);
967 auf seine Veranlassung bereits Krönung seines Sohnes zum Mitkaiser Otto II.; Verständigung mit dem oströmischen Reich durch Heirat seines Sohnes Otto mit Theophanu von Byzanz während dritten Italienzuges;
968 Errichtung des Bistums
Magdeburg (Slawenmission);
973 stirbt in Memleben und wird in Magdeburg beigesetzt.
(Wichtig für die negative
nationale Einschätzung Ottos im Gegensatz zu seinem Vater wurde vor allem der
Sachverhalt, dass er von den letzten 12 Jahren seiner Herrschaft 10 in Italien
verbrachte und gewissermaßen aus der Ferne regierte.)
In Friedrich Ludwig Jahns, des ‚Turnvaters‘, folgenreichem Buch vom DEUTSCHEN VOLKSTHUM (1810) werden den Deutschen zu ihrer Identifikation zwei historische Gestalten angeboten: Hermann der Cherusker als Volksheiland und Heinrich I. als Heinrich der Große oder Staatsretter, und zwar wegen der Vertreibung der Ungarn im Jahre 933.[3] Diese Vertreibung wird so hoch veranschlagt, dass Ottos des Großen Schlacht auf dem Lechfeld mit dem endgültigen Sieg über die Magyaren/Ungarn ganz aus dem preußischen Gesichtskreis gerät und gewissermaßen dem süddeutschen und österreichischen katholischen Gedächtnis überlassen bleibt.
Das ganze 19. Jahrhundert über wird die mittelalterliche Kaiserpolitik von preußischen Geschichtsschreibern kritisiert. Bereits Karl dem Großen wird vorgeworfen, er habe sich gegen nationale Interessen in Rom zum Kaiser krönen lassen und damit vom Papst und Italien abhängig gemacht. Am folgenreichsten geschieht das bei dem berühmten preußischen Historiker Heinrich von Sybel, der 1859 eine Rede hält, die Anlass zu einem ersten deutschen Historikerstreit gibt:
„[...] die Deutschen, die in dem langen Getümmel
in fünf beinahe selbständige Staaten zerfallen waren, erhoben sich im Anfang
des 10. Jahrhunderts wieder einen König, den ersten König der deutschen Nation.
Es war Heinrich I., nach meiner Meinung der Stern des reinsten Lichtes an dem
weiten Firmament unserer Vergangenheit. [...] Man kann ihn den Gründer des
deutschen Reiches und damit den Schöpfer des deutschen Volkes nennen.“[4]
In dieser Rede bereitet Sybel zudem vor, dass er auf die
Ostorientierung deutscher Politik gezielt hinauswill, indem er die
Kaiserpolitik Ottos I. und seiner
Nachfolger in ihrer südlichen Ausrichtung nach Rom verurteilt. Sie habe
„nutzlose Opfer“ gekostet, und es sei weder dem deutschen Reich noch dem
deutschen Königtum „Heil aus dem so errungenen Glanze“ erwachsen.
„Die Kräfte
der Nation, die sich mit richtigem Instinkte in die großen Kolonisationen des
Ostens ergossen, wurden seitdem für einen stets lockenden und stets täuschenden
Machtschimmer im Süden der Alpen vergeudet.“[5]
Da die „nationale Sache auf
der Seite des Kaisertums“ nicht zu gewinnen sei, lässt er seine Rede in eine
rhetorische Frage münden:
„Oder liegt
sie“ [d.i. „die nationale Sache“] „nicht vielmehr auf gerade der entgegengesetzten
Seite, wo Heinrich I. und Heinrich der Löwe ihre große Laufbahn begannen, wo
die Germanisierung unserer östlichen Lande den vereinten Kräften aller
deutschen Stämme gelang, wo Jahrhunderte hindurch in nationalem Glanze die Banner
Bayerns, die Banner Wittelsbachs voranflogen?“[6]
In Leopold von Rankes WELTGESCHICHTE
(1885) kommt dann ein weiteres zentrales Motiv für die gegen Rom und den
Katholizismus gerichtete Heinrichsrezeption hinzu, und zwar wird Bezug genommen
auf den Bericht Widukinds, der erwähnt, dass Heinrich bei der Königserhebung
die Salbung durch den Bischof abgelehnt habe:
„Die Salbung durch Heriger hätte einen Beitritt zu dem herrschenden
System in sich geschlossen. Heinrich wäre mit sich selbst in Widerspruch geraten.
Man kann sich darüber nicht täuschen, daß in der Zurückweisung der Salbung
unter diesen Umständen ein Einspruch gegen den überwiegenden Anteil der
Geistlichkeit an der Regierung, wie er sich in der letzten Zeit gebildet, und
gegen die klerikalen Tendenzen, die dabei zum Vorschein gekommen waren,
enthalten ist. Man darf vielleicht behaupten, daß in dieser Haltung der erste
Schritt lag, um Germanien von der unbedingten Herrschaft des Klerus und selbst
des Papstes zu emanzipieren.“[7]
Schließlich wird Heinrich I. als Sachse zum reinen
Germanen stilisiert, weil die Sachsen angeblich am längsten vom Westen und Rom
unbeeinträchtigt ihre Stammestraditionen bewahrt haben.[8]
So wird er zum völkischen König, der als Einziger im Mittelalter richtige
deutsche Politik gemacht haben soll. Das zeigt sich ausdrücklich bei der 1000-Jahr-Feier
von Quedlinburg im Jahre 1922, wo der Festredner betont:
„[...] wie er mit Festigkeit und zugleich mit
kluger Versöhnlichkeit die noch widerstrebenden Fürsten für sich gewann und die
Einheit des rein völkischen Staates schuf, wie er die Reichsgrenzen nach Westen
und Norden schützte, wie er, nur das wirklich Erreichbare im Auge, der
deutschen Staatskunst den erfolgverheißenden Weg nach Osten wies, ohne sich auf
italienische Abenteuer einzulassen, wie er die Besiegung der Ungarn zäh und umsichtig
vorbereitete und glorreich durchführte.“[9]
In einem Lehrbuch für evangelische Schulen wird der
Übergang der Königsherrschaft von den Franken auf die Sachsen 1935 so
vorgestellt:
„Rassereinheit und Volkstum. Bis um 900
hatte der fränkische Stamm die Führung im Reiche gehabt und durch seine hohe
Kultur fördernd auf die anderen Stämme gewirkt. Nun schien seine Kraft
erschöpft. Er hatte wohl auch durch die vielen Kriege zu sehr gelitten und
erhielt nicht mehr genügend Zuzug aus dem Mutterlande. Auch hatte er viel
fremdes Volkstum in sich aufgenommen. Jetzt trat das naturkräftige große
Sachsenvolk in den Vordergrund. In den Sachsen hatte sich die nordische Rasse
am reinsten erhalten. Sie wohnten weitab von dem damaligen Weltverkehr und der
Berührung mit den romanischen Völkern, und gegen Vermischung mit ostischen
Menschen schützten Sitte und Gesetz. Von den alten heidnischen Sachsen wird
berichtet: „ Für ihre Abkunft und ihren Geburtsadel trugen sie auf das
umsichtigste Sorge, ließen sich nicht leicht irgend durch Eheverbindungen mit
andern Völkern oder geringeren Personen die Reinheit ihres Geblütes verderben
und strebten danach, ein eigentümliches, unvermischtes, nur sich selbst ähnliches
Volk zu bilden.“ Noch im 6. Jahrhundert stand die Todesstrafe auf einer Vermischung
mit Fremdstämmigen. Bis über das Mittelalter hinaus haben denn auch die Sachsen
auf Rasse gehalten. So forderte man noch im 13. Jahrhundert von einem Schöffen,
daß er frei geboren und reinen Blutes sei. Bei den Zünften bestand die
Ahnenprobe: Die Eltern von Vater und Mutter mußten frei geboren sein. Die
Ritter verlangten noch mehr Ahnen. Durch solche Schutzmaßnahmen ist die Rasse
lange rein erhalten, und noch heute findet man in Niedersachsen verhältnismäßig
die meisten nordischen Menschen. [...]
Heinrich war der Neubegründer des deutschen Reiches.
Er hat durch sein kluges Verhalten und seine große Tapferkeit die
auseinanderstrebenden Teile des Reiches zusammengehalten. Es war nur ein loser
Bund, schloß aber das Deutschtum Mitteleuropas zu einem sächsisch-nordischen
Königreich zusammen, in dem Staat, Volkstum und Kirche eine Einheit bildeten.“[10]
Da Heinrich I. nichtsdestoweniger in dieser
Perspektive als Reichsgründer angesehen wurde, blieb er an seine Nachfolger wie
auch immer gebunden. Deren bewunderte „Kaiserherrlichkeit“ vom 10. bis ins 13.
Jahrhundert ließ sich so einfach nicht vernachlässigen, stellte vielmehr für
einen anderen, öffentlichkeitswirksameren Rezeptionsstrang, gegen den Sybel
sich wehrte, eine Traditionslinie dar, der sich schließlich auch der preußische
König bei der Reichsgründung von 1871 beugen musste. In Anlehnung an Barbarossa
wurde er zum Barbablanca, akzeptierte widerwillig den Kaisertitel, mit dem er auf einmal in mittelalterlicher
Reichstradition stehen sollte, obwohl der preußische Nationalstaat mit dem 1806
aufgelösten „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“ nichts zu tun hatte.
Zur Bewunderung und Zurschaustellung von Macht trug jedoch der Kaisertitel mit
den zur deutschen „Weltgeltung“ und „Weltstellung“ nationalistisch beschworenen
Ottonen, Saliern und Staufern mehr bei als der vorwiegend in völkischer
Perspektive hoch gehaltene Heinrich I. So kam es zu der widersprüchlichen Situation,
dass die Hohenzollern sich zwar in ihrer Privatmythologie als Verwalter des
Heinrichserbes und Quedlinburg als Ausgangspunkt ihres national gewordenen
Selbstbewusstseins ansahen, öffentlich aber im Sinne des Alten Reiches
kaiserlich auftraten. Mit Selbstbewusstsein tat das bereits der Sohn, der liberale Hunderttagekaiser Friedrich III. „Er
wollte Friedrich IV. genannt werden, weil ihn nach der Zählung der alten
römisch-deutschen Kaiser verlangte, und sein Nachfolger, der in jeder Hinsicht
unglückliche Wilhelm II., nahm sich ein Beispiel an der Weltpolitik des
sächsischen Kaisers Otto der Große (912-973) und glaubte, dass die
mittelalterliche Universalität des Reichs den deutschen Imperialismus des
beginnenden 20. Jahrhunderts rechtfertigte.“[11]
Berücksichtigt man außerdem den reichsorientierten
österreichischen nationalgeschichtlichen Ansatz, kommt von dorther Otto I. eine
Gewichtung zu, die ihm von Preußen her verweigert wurde. Otto der Große gilt
dort nämlich gewissermaßen als „Staatsgründer“, weil nach dem Sieg über die
Ungarn auf dem Lechfeld (955) die Bajuwaren sich wieder nach Osten ausdehnen
konnten. Das führte zur Erneuerung der auf Karl d. Gr. zurückgehenden so genannten
Ostmark, die noch im 10. Jahrhundert urkundlich zum ersten Mal „Ostarrîchi“ genannt
wurde. Im kaiserlich getönten österreichischen Reichsbewusstsein fiel in der kleindeutsch-großdeutschen
Auseinandersetzung um die preußische Reichsgründung herum ein nur herablassender
Blick auf den preußischen Umgang mit Heinrich I. und seine Verherrlichung im
Rahmen der „kleindeutsch-norddeutsch-protestantischen Geschichtsauffassung“ (Friedrich Schneider, 1940). Ganz
ironisch wurde er „kleindeutscher Musterkönig“ genannt, wogegen sich preußisch
getönte nationalsozialistische Autoren wie Alfred
Thoss noch 1943 wehrten.
Spätestens mit dem „Anschluss Österreichs“ 1938,
wenn nicht bereits 1936 beim Gedenken an den vor tausend Jahren erfolgten
Herrschaftsantritt Ottos, konnten aber mit zunehmend mehrheitsfähigem
Standpunkt Heinrich I. und sein Sohn Otto gleichberechtigt auch in der
preußisch orientierten Nationalgeschichtsauffassung nebeneinander stehen. Denn
auch diese veränderte mit ihren mediävistischen Repräsentanten ihre Gewichtungen
und trug je nach Bedarf den aktuellen Forderungen und Gegebenheiten Rechnung,
zumal die maßgeblichen Historiker ja „Sinndeutung“ für ihre jeweiligen Nationalgesellschaften
seit dem 19. Jahrhundert auf dem Panier geschrieben stehen haben. (Hier ist von nicht zu übersehender Bedeutung Albert Brackmann [1871–1952], der sich
mit seiner ganzen Reputation als Ranghöchster seiner Zunft den
Nationalsozialisten seit Kriegsbeginn gegen Polen und Russland so zur Verfügung
stellte, dass ihm zu seinem 70. Geburtstag höchste Ehren zuteil wurden: die
Auszeichnung mit dem „Adlerschild des Deutschen Reichs“ [höchster Wissenschaftspreis]
durch Hitler persönlich, Gratulationen von Göring, Frick und Ribbentrop. Bezeichnenderweise
ist das Buch, in dem seine Bedeutung 1988 aufgearbeitet wird, in England
erschienen und in Deutschland unübersetzt geblieben und mehr oder weniger
übergangen worden, so dass der Autor Michael
Burleigh erst im Vorwort zur zweiten englischen Auflage 2002
ausdrücklich auf das in Deutschland zunehmende wissenschaftliche Interesse hinweist. Burleigh stellt z. B. fest: „Provided
one pandered to his sense of self-importance, Brackmann had a utility to the
regime far greater than the mere nuisance value of Walter Frank.“) – Vor
allem ist im Folgenden etwas auch bisher Übergangenes, aber bis in die Gegenwart
mit einem wesentlichen Ergebnis Fortwirkendes, nämlich die „Gleichschaltung“ zu
berücksichtigen, mit der am 5. 2. 1934 die Hoheitsrechte und die Befugnis der
Länder zum Verleihen der jeweiligen föderalen Staatsangehörigkeit abgeschafft
wurden und es nur noch eine einheitliche deutsche Staatsbürgerschaft gab. Sie
brachte für das nationalstaatliche wie auch das nationalgeschichtliche Bewusstsein
der Deutschen einen begeisternden Schub, unter dessen Einfluss sie gern
übersahen, wer mit den „Nürnberger Gesetzen“ vom „Reichsparteitag der Freiheit“
im „Reichsbürgergesetz“ vom 15. 9. 1935 als gerade neuer deutscher Staatsbürger
gleichzeitig von der Reichsbürgerschaft ausgeschlossen wurde.
und wer dabei allzu
erfolgreich von sich selbst spricht,
der verliert den Kopf und kriegt den von jemand anderem.
Valentin Groebner (2008)
(Die Rede Himmlers
zum 1000. Todestag Heinrichs I. wurde deutschlandweit im Rundfunk übertragen.
Sie enthält nichts, was über das hinausginge, was in der preußischen Heinrichsliteratur
nicht bereits längst enthalten gewesen wäre. Dazu gehört auch seine als
Verunglimpfung gemeinte Nennung Karls des Großen als „Karl der Franke“. Himmler
legt sich aber in seinem Text nicht darauf fest, als wen oder was genau er denn
nun Heinrich I. in der Chronologie des ‚deutschen‘ Reiches ansehen möchte. So
spricht er von ihm einfach als einem „der größten Schöpfer des Deutschen
Reiches“, zu denen in ein paar wenigen Jahren – ab 1940 – auch wieder Karl der
Große gezählt werden wird. In Himmlers Heinrichsbild, das er sich seit 1935
angelesen hat, wird aber akzentuiert, dass es ihm um eine ostimperialistische
„germanisch“-völkische Perspektivierung deutscher Machtpolitik geht. Die im
ersten Redeabsatz enthaltene Aussage, „daß er einer der größten Schöpfer des
Deutschen Reiches war und zugleich einer, der am meisten vergessen wurde“,
verweist auf Himmlers katholisch-bayrische Herkunft, in deren Schulbildung die
preußische Heinrichsverherrlichung fehlte. So steht es ebenfalls gleich im
ersten Satz der von Gunter d’Alquen zur Druckfassung der Rede geschriebenen
Einleitung: „Vor tausend Jahren starb einer der größten Deutschen, vergessen,
verloren scheinbar und doch so lebendig und nah, daß wir ihn fast körperlich
unter uns zu fühlen glaubten, als wir oben auf seiner Burg Dankwarderode und im
Dom zu Quedlinburg seines Werkes und somit seines ewigen Lebens gedachten.“ Für
d’Alquen, der die Burg Heinrichs des Löwen in Braunschweig – Dankwarderode – einfach
nach Quedlinburg versetzt und die beiden historischen Figuren zu einer macht,
ohne dass jemand korrigierend eingreifen konnte, ist Heinrich I. indessen
wieder „der Gründer des ersten Reiches der Deutschen“. Wie viel Himmler an dieser
Rede lag, beschrieb zum ersten Mal Willi Frischauer in: Himmler. The
evil genius of the Third Reich, London 1953, auf S. 86ff.: „For some time
Himmler had been working on a speech to commemorate the death, a thousand years
ago, of King Heinrich. [...] His SS archaelogists had, on his instructions,
been working on a new shrine at a ceremonie which could leave nobody in doubt
that the new Heinrich (Himmler) was determined to lead Germany on the road
prescribed by the old King Heinrich. […] Himmler in private conversation often discribed it [the speech] as
the greatest and most important which he had ever made“ (Hervorhebung vom Verfasser). Wie wichtig für ihn die Rede war, zeigt sich darin,
dass sie 1936 zweimal jeweils mit Fotodokumentation publiziert wurde, einmal in
der „Ahnenerbe“-Zeitschrift „Germanien“ in Heft 8 und weiter im SS-eigenen Nordland-Verlag
in Berlin. Himmler war nach Angaben der ihm Nahestehenden, mit
denen Frischauer nach dem Krieg sprach, an einer Stelle zu Tränen gerührt: “With
tears in his eyes Heinrich Himmler told to his listeners that the great king
died on 2 July, A.D. 936, at the age of sixty, to be buried at the crypt in
front of which they were standing now.“ Als weiter bemerkenswert hebt Frischauer,
dem offenbar der Redetext vorlag und den er sich von Himmlervertrauten
kommentieren ließ, hervor: „Carefully choosing his words, Himmler described
the other Heinrich as a clever, cautious, tenacious politician – like himself, he seemed to imply. The
Hungarians, in the Heinrich’s times, were like the Russians of the thirties,
threatening an unprotected Germany. Instead of tanks, the Hungarians had hordes
of horsemen to terrify their enemies. The sober soldier, Heinrich, Himmler
continued, recognized that the forces of the Germanic tribes were
incapable of destroying this enemy (Hervorhebungen im Text). And what
did Himmler’s hero do? He concluded an armistice with the superior opponent and
used it to prepare for the inevitable final battle. If Europe’s statesmen had
listened to Himmler they might have been less surprised at the Nazi-Soviet pact
of 1939 which was really an armistice on the pattern of Heinrich I., who, in
the end, was, of course, victorious.“)
[Die Hervorhebungen im folgenden
Text entsprechen Himmlers im Nordland-Verlag veröffentlichtem Redemanuskript.]
„Nur zu oft wird im Leben der Völker davon gesprochen, daß man die
Ahnen und großen Männer ehren und ihr Vermächtnis nie vergessen soll, und nur zu selten wird diese oft ausgesprochene Weisheit
beachtet. Wir stehen heute, am 2. Juli 1936, an der Begräbnisstätte des
deutschen Königs Heinrich I., der vor genau tausend Jahren gestorben ist. Vorweg
dürfen wir behaupten, daß er einer der größten Schöpfer des Deutschen Reiches
war und zugleich einer, der am meisten vergessen wurde.
Als im Jahre 919 der damals 43jährige Heinrich,
Herzog der Sachsen, aus dem Bauernadel der Ludolfinger, deutscher König wurde,
übernahm er ein Erbe furchtbarster Art. Er wurde König eines Deutschen Reiches,
das kaum noch dem Namen nach bestand. Der ganze Osten Deutschlands war im
Verlauf der vorhergegangenen drei Jahrhunderte und insbesondere der Jahrzehnte
unter den schwächlichen Nachfolgern Karls des Franken an die Slawen
verlorengegangen. Die uralten germanischen Siedlungsgebiete, in denen die
besten Germanenstämme Jahrhunderte hindurch waren, waren restlos im Besitz der
slawischen, das Deutsche Reich bekämpfenden und die deutsche Reichsgewalt nicht
anerkennenden Völkerschaften. Der Norden war an die Dänen verlorengegangen. Im
Westen hatte sich Elsaß-Lothringen vom Reich gelöst und dem westfränkischen
Reich angeschlossen. Die Herzogtümer der Schwaben und Bayern hatten ein
Menschenalter hindurch die deutschen Schattenkönige – so besonders Ludwig das
Kind und Konrad I. von Franken – bekämpft und nicht anerkannt.
Überall waren noch die Wunden der radikalen
und blutigen Einführung des Christentums offen. Das Reich war im Innern
geschwächt durch die ewigen Machtansprüche der geistlichen Fürsten und die Einmischung
der Kirche in weltliche Angelegenheiten.
Die geschichtliche Tat der Schöpfung einer
Reichsgewalt über auseinander strebende germanische Stämme durch Karl den
Franken war aus tiefster eigener Schuld dem völligen Zusammenbruch nahe, da das
System dieser rein verwaltungsmäßig, auf einem artfremden Fundament gebauten
Zentralgewalt von den germanischen Bauern der Sachsen, Bayern, Schwaben,
Thüringer und auch Franken innerlich und blutsmäßig abgelehnt wurde.
So war die Lage, als Heinrich I. als König sein schweres Amt antrat.
Heinrich war der echte Sohn seiner sächsischen bäuerlichen Heimat. Zäh und zielbewusst
ging er schon als Herzog und erst recht als König seinen Weg.
Bei seiner Königswahl im Mai 919 in Fritzlar
lehnte er – ohne auch nur mit einem Wort verletzend zu werden – die Salbung
durch die Kirche ab und legte damit vor allen Germanen Zeugnis ab, daß er bei
kluger Anerkennung der nun einmal bestehenden Zustände nicht willens war zu
dulden, daß kirchliche Gewalt in politische Dinge in Deutschland unter seiner
Regierung mitzureden habe.
Noch im Jahre 919 ordnete sich der schwäbische
Stammesherzog Burkhart Heinrich als König unter, und dieser bindet damit den
Schwaben erneut an das Reich.
Im Jahre 921 zieht Heinrich mit einem Heer auch nach
Bayern und gewinnt auch dort nicht mit der Gewalt der Waffen, sondern mit der
überzeugenden Kraft seiner Persönlichkeit in offener deutscher Aussprache den
Herzog Heinrich von Bayern, der ihn freiwillig als König der Deutschen anerkannte.
Bayern und Schwaben, die in den damaligen Zeit dem Reiche verlorenzugehen
drohten, sind damit durch König Heinrich bis in unsere Tage und so, wie wir die
Überzeugung haben, für ewige Zukunft dem gesamten Deutschen Reiche
eingegliedert und erhalten geblieben.
Das Jahr 921 bringt Heinrich, diesem gewiegten,
vorsichtigen und zähen Politiker, die Anerkennung des westfränkischen, noch von
einem Karolinger regierten, heute französischen Reiches. Die Jahre 923 und 925
fügen dem Reich das bereits völlig verlorene Elsaß-Lothringen wieder ein.
Man stelle sich nun aber nicht vor, daß diese
Wiedergestaltung Deutschlands leicht und ohne jede Behinderung von außen
vollzogen wurde. Die bis dahin kraftlose deutsche Nation war seit einem
Menschenalter Jahr für Jahr in allen ihren Teilen das Beuteobjekt ständiger,
fast nie zu fassender und fast niemals besiegbarer Ungarnzüge. Schutzlos
lagen Land und Leute in ganz Deutschland, ich möchte sagen, in ganz Europa, dem
Zugriff dieser politisch und strategisch hervorragend geführten Reiterhorden
und –heere offen. Die Annalen und Chroniken der damaligen Zeit erzählen uns
sowohl von der Berennung Venedigs und Plünderung Oberitaliens, dem Angriff auf
Cambrai, dem Niederbrennen Bremens sowie von der immer wiederkehrenden
Zerstörung der bayerischen, fränkischen, thüringischen und auch sächsischen
Lande. Der nüchterne Soldat Heinrich erkennt, daß das vorhandene Heerwesen der
deutsch-germanischen Stämme und Herzogtümer, sowie die damals übliche Taktik
für die Abwehr oder gar für die Vernichtung dieses Feindes nicht geeignet war.
Das Glück kommt ihm nun zu Hilfe. Im Jahre 924 gelingt es ihm gelegentlich
eines Einfalles der Ungarn in die sächsischen Lande in der Nähe von Werla bei
Goslar einen bedeutenden ungarischen Heerführer gefangenzusetzen. Die Ungarn
bieten unerhörte Summen von Gold und Schätzen, um ihren Heerführer auszulösen.
Trotz der gegenteiligen Stimmen auch damals reichlich vorhandener törichter und
kurzsichtiger Zeitgenossen tauschte der stolze König den ungarischen Heerführer
gegen einen neunjährigen Waffenstillstand der Ungarn zunächst für Sachsen und
dann wohl für das ganze Reich aus und verpflichtete sich, neun Jahre lang
demütige Tribute an die Ungarn zu zahlen.
Er hatte den Mut, unpopuläre Politik zu machen, und
hatte das Ansehen und die Macht, sie durchführen zu können. Nun beginnt seine
große schöpferische Tätigkeit, ein Heer aufzustellen und das Land durch Anlage
von Burgen und Städten in den wehrfähigen Zustand zu setzen, in dem die
endgültige Auseinandersetzung mit dem bisher unbesiegbaren Gegner gewagt werden
konnte.
Zweierlei Art soldatischer Verbände gab es in den
damaligen Zeit, einesteils den germanisch-bäuerlichen Heerbann der
Stammesherzogtümer, der in Notzeiten zu den Waffen gerufen wurde, andernteils
die ersten deutschen Heerverbände aus Berufskriegern, Dienstmannen,
Ministerialen bestehend, die vor allem die Karolinger eingeführt hatten.
Heinrich I. schweißt die beiden Arten von Heerverbänden zu einer deutsche
Heerorganisation zusammen. Aus den Dienstmannen der Königs- und Herzogshöfe bestimmt
er ferner, daß jeder Neunte als Besatzung in die Burgen gehen sollte. Die
Verbände seiner Dienstmannen läßt er zum erstenmal in Germanien richtig
exerzieren und gewöhnt den rauflustigen Kämpfern ab, als einzelne
hervorzupreschen. Er ordnet die Reiterei nach einem taktischen Wollen und von
einem Befehl geleiteten Truppenkörper.
Im Verlaufe ganz weniger Jahre entstehen an der
damaligen deutschen Ostgrenze, so die Elbelinie entlang, und insbesondere im
ganzen Harzgebiet, eine Unzahl kleiner und großer Burgen, die mit Wall und
Graben, zum Teil mit Steinmauern, zum Teil mit Palisaden, umgeben sind. Sie
enthalten Waffenwerkstätten und Provianthäuser, in denen ein Drittel der Ernte
des Landes nach königlichem Befehl aufgespeichert werden muß. Aus einem Teil dieser
Burgen sind schon zu Heinrichs I. Zeiten spätere namhafte deutsche Städte, wie Merseburg, Hersfeld, Braunschweig,
Gandersheim, Halle, Nordhausen usw., entstanden.
Nach diesen Vorbereitungen ging Heinrich I. daran,
weitere Voraussetzungen für den Endkampf mit den Ungarn zu schaffen. In den
Jahren 928 bis 929 unternimmt er die großen Kriegszüge gegen die Slawen. Einesteils will er sein neu
aufgestelltes Heer üben und für die große Auseinandersetzung festigen,
andernteils will er den Ungarn die Bundesgenossen und die Stützpunkte für ihre
Kriege gegen Deutschland wegnehmen und für immer zunichte machen.
In diesen beiden Kriegsjahren, in denen er sein
junges Heer den härtesten Bewährungsproben unterwirft, besiegt er die Heveller,
Rätarier, Obotriten, Dalaminzier, Milzener und Wilzen. Er erobert im tiefsten
Winter die uneinnehmbar erscheinende Burg Brennabor, das heutige Brandenburg,
erobert nach dreiwöchiger Winterbelagerung die Festung Gana und baut im selben
Jahr die Burg von Meißen, die für alle kommenden Jahre eine strategische große
Bedeutung erhält.
Im Jahre 932, als der unentwegt sein Ziel
verfolgende König alle Voraussetzungen als erfüllt betrachtet, ruft er die geistlichen Fürsten zu einer Synode nach Erfurt, das Volk zu einer
Volksversammlung auf, in der er es in hinreißender Rede dazu begeistert, den
Ungarn nunmehr die Tribute zu verweigern und den Volkskrieg zur endgültigen
Befreiung aus der ungarischen Gefahr auf sich zu nehmen.
Im Jahre 933 erfolgt der Einfall der Ungarn, und sie erlitten als Schlußakt eines strategisch
meisterhaft angelegten deutschen Feldzugs eine vernichtende Niederlage bei
Riade an der Unstrut.
Das Jahr 934 findet Heinrich im Kriegszug gegen
Dänemark, um die nordische Grenze endgültig vor dem Zugriff der Dänen und
Slawen zu schützen und die im Norden in unglücklicher Vergangenheit seiner Vorgänger
verlorenen Gebiete dem Reiche wieder einzugliedern. Die damals weltpolitische
wichtige Handelsstadt Haitabu, das alte Schleswig, wird dem Reiche gewonnen.
Die Jahre 935 bis 936 sehen Heinrich I. als den berühmten und
angesehensten Fürsten Europas zumeist in seiner sächsischen Heimat, wo er, getreu seiner bäuerlichen Art, da er das
Ende seines Lebens herannahen fühlt, sein Erbe regelt und auf dem Reichstag zu
Erfurt den Herzögen und Großen des Reiches seinen Sohn Otto als Nachfolger empfiehlt.
Am 2. Juli starb er im Alter von 60 Jahren in seiner
Königspfalz Memleben im Unstruttal. In Quedlinburg, in dieser Krypta des
heutigen Domes, wurde er beigesetzt.
Soweit in nüchternen
Angaben und Zahlen der Inhalt dieses tatenreichen Lebens. Es hat manch anderer
eine längere Zeit regiert und kann sich nicht rühmen, einen Bruchteil eines
derart tausendjährigen Erfolges für sein Land errungen zu haben wie Heinrich I.
Und nun interessiert uns, die Menschen des 20. Jahrhunderts, die wir nach einer
Epoche furchtbarsten Niederbruchs in einer Zeit des abermaligen deutschen
Aufbaues allergrößten Stiles unter Adolf Hitler leben dürfen, aus welchen
Kräften heraus die Schöpfung Heinrichs I. möglich war. Die Frage beantwortet
sich, wenn wir Heinrich I. als germanische Persönlichkeit kennenlernen. Er war,
wie seine Zeitgenossen berichten, ein Führer, der seine Gefolgsleute an Kraft,
Größe und Weisheit überragte. Er führte durch die Kraft seines starken und
gütigen Herzens, und es wurde ihm gehorcht aus der Liebe der Herzen heraus. Der
alte und ewig neue germanische Grundsatz der Treue des Herzogs und des
Gefolgsmanns zueinander wurde von ihm in schärfstem Gegensatz zu den
karolingischen kirchlich-christlichen Regierungsmethoden wieder eingeführt. So
streng, wie er gegen seine Feinde war, so treu und dankbar war er zu seinen
Kameraden und Freunden.
König Heinrich
I.

„Er war der Erste unter Gleichen,
und es wurde ihm eine größere und wahre menschliche Ehrfurcht entgegengebracht,
als später Kaisern, Königen und Fürsten, die sie nach volksfremdem byzantinischen
Zeremoniell forderten, zuteil wurde. Er hieß Herzog und König und war ein
Führer vor tausend Jahren.“
Reichsführer SS Heinrich Himmler
Holzschnitt von Ernst von Dombrowski (1938)
(Nachempfunden dem Bamberger
Reiter und dem zeitgleichen Bildnis des Magdeburger Reiters / Ottos I. in Magdeburg.
– Mit den in Holz geschnittenen Redesätzen als Untertitel immer
wieder in zeitgenössischen Publikationen veröffentlicht.)
Er war einer der großen Führerpersönlichkeiten der deutschen
Geschichte, der bei allem Bewusstsein der eigenen Kraft und der Schärfe des
eigenen Schwertes genau wußte, daß es ein großer und haltbarer Sieg sei, einen
anderen im Grunde anständigen Germanen in offener männlicher Aussprache für das
große Ganze zu gewinnen, als kleinlich sich an Vorurteilen zu stoßen und einen
für das gesamte Deutschtum wertvollen Menschen zu vernichten.
Heilig war ihm das gegebene Wort und der Handschlag.
Er hielt getreulich abgeschlossene Verträge und erfuhr dafür in den langen
Jahren seines Lebens die ehrfurchtsvolle Treue seiner dankbaren Gefolgsmänner.
Er hatte Respekt vor all den Dingen, die anderen Menschen irgendwie heilig
sind, und so sehr er die selbst vor einem Meuchelmord nicht zurückschreckenden
Wege politisierender Kirchenfürsten kannte und daher mit unnahbarer Selbstverständlichkeit
jede Einmischung der Kirche in die Dinge des Reiches abwies, so wenig griff er
in religiöse Angelegenheiten ein oder behinderte die fromme Gesinnung seiner
von ihm geliebten und zeitlebens umsorgten Frau, der Königin Mathilde, des
alten Widukinds Urenkelin. Er hat keinen Augenblick seines Lebens vergessen,
daß die Stärke des deutschen Volkes in der Reinheit seines Blutes und der odalsbäuerlichen Verwurzelung im
freien Boden beruht. Er hatte die Erkenntnis, daß das deutsche Volk, wenn es
leben wollte, den Blick über die eigene Sippe und über den eigenen Raum nach
Größerem sich ausrichten mußte. Er kannte jedoch die Gesetze des Lebens und wußte,
daß man auf der einen Seite nicht erwarten konnte, daß der Herzog eines
Stammesherzogtums als Persönlichkeit fähig sein sollte, die Angriffe gegen die
Mark des Reiches abzuwehren, wenn man ihm auf der anderen Seite kleinlich nach
der Art der karolingischen Verwaltung alle Rechte und Hoheiten entzog. Er sah
das Ganze und baute das Reich und vergaß dabei nie, welche Kraft aus der
jahrtausendealten Tradition in den großen germanischen Stämmen schlummerte.
Er führte so weise, daß die urwüchsigen Kräfte der
Stämme und Landschaften willige und getreue Helfer bei der Gestaltung der
Reichseinheit wurden. Er schuf eine starke Reichsgewalt und bewahrte
verständnisvoll das Leben der Provinzen.
Zutiefst danken müssen wir ihm, daß er niemals den
Fehler beging, den deutsche und auf der anderen Seite europäische Staatsmänner
durch Jahrhunderte hindurch begangen haben: außerhalb des Lebensraumes – wir
sagen heute geopolitischen Raumes – seines Volkes sein Ziel zu sehen. Er ist
nie der Versuchung anheimgefallen, die vom Schicksal aufgerichtete Scheide des
Lebens- und Ausdehnungsgebiets der Ostsee und des Ostens, des Mittelmeeres und
des Südens, die Alpen, zu überschreiten. Er verzichtete dabei, wie wir wohl
annehmen können, aus dieser Erkenntnis heraus, bewußt auf den klangvollen Titel
des ‚Römischen Kaisers Deutscher Nation‘.
Er war ein edler Bauer seines Volkes, das immer
freien Zutritt zu ihm hatte und unbeirrt um staatlich notwendige
organisatorische Maßnahmen persönlich mit ihm zusammenhing.
Er war der Erste unter Gleichen, und es wurde ihm
eine größere und wahre menschliche Ehrfurcht entgegengebracht, als später
Kaisern, Königen und Fürsten, die sie nach volksfremdem byzantinischen
Zeremoniell forderten, zuteil wurde. Er hieß Herzog und König und war ein Führer
vor tausend Jahren.
Und nun muß ich zum Schluß ein für unser Volk
tieftrauriges und beschämendes Bekenntnis ablegen: Die Gebeine des großen
deutschen Führers ruhen nicht mehr in ihrer Begräbnisstätte. Wo sie sind,
wissen wir nicht. Wir können uns nur Gedanken darüber machen. Es mag sein, daß
treue Gefolgsmänner den ihnen heiligen Leichnam an sicherer Stelle würdig aber
unbekannt beigesetzt haben, es mag sein, daß finsterer, unversöhnlicher Haß politisierender
Würdenträger seine Asche ebensosehr in alle Winde zerstreute, wie er die verkümmerten
Gebeine gefolterter und zu Tode gequälter Menschen, deren Gebeine würdig zu bestatten
wir als ehrenvolles Vermächtnis erachten, vor dem Ausgang dieser Krypta im
Boden verscharren ließ, was die Ausgrabungen vor dem Dom beweisen. Wir stehen
heute vor der leeren Grabstätte als Vertreter des gesamten deutschen Volks, der
Bewegung und des Staates, im Auftrage unseres Führers Adolf Hitler und haben
Kränze der Ehrfurcht und des Andenkens gebracht. Wir legen auch einen Kranz auf
dem Steinsarg der vor mehr als neuneinhalb Jahrhunderten neben ihrem Gatten
bestatteten Königin Mathilde, des großen Königs großer Lebensgefährtin, nieder.
Wir glauben auch damit den großen König zu ehren, wenn wir in seinem Sinn der Königin
Mathilde, diesem Vorbild höchsten deutschen Frauentums, gedacht haben.
Dieses einstmalige Grab, auf dem seit Jahrtausenden
von Menschen unseres Bluts bewohnten Burgberg mit der wunderbaren aus sicherem
germanischen Gefühl heraus geschaffenen Gotteshalle soll eine Weihestätte sein,
zu der wir Deutschen wallfahrten, um König Heinrichs zu gedenken, sein Andenken
zu ehren und auf diesem heiligen Platz im stillen Gedenken uns vorzunehmen, die
menschlichen und Führertugenden nachzuleben, mit denen er vor einem Jahrtausend
unser Volk glücklich gemacht hat, und um uns wieder vorzunehmen, daß wir ihn am
besten dadurch ehren, daß wir den Mann, der nach tausend Jahren König Heinrichs
menschliches und politisches Erbe wieder aufnahm, unserem Führer Adolf Hitler
für Deutschland, für Germanien mit Gedanken, Worten und Taten in alter Treue dienen.“[12]
Die Frage, warum Himmler die
strategisch bedeutungslose und weit von allen Kampfhandlungen entfernte
Wewelsburg Ende März 1945, während er von Stettin aus die Heeresgruppe Weichsel
befehligte, als zerstörenswert ansah und von dort ein Sonderkommando zu ihrer
Vernichtung aussandte, kann bis heute als nicht beantwortet angesehen werden. Inzwischen
wird sie wohl gar nicht mehr gestellt, zumal die Archive infolge des
zweimaligen Verbots Himmlers, über die Wewelsburg zu berichten, schweigen. Dass
es einen Zusammenhang mit der Heinrichsrezeption geben könnte, wird inzwischen
ausgeschlossen. Damit sind obskurantistischer Antwortsuche Tür und Tor geöffnet.[13]
Dabei stand schon einmal fest, dass die SS-Ideologen auf der Burg in ihr eine
Gründung aus der Zeit Heinrichs I. sahen.[14]
Im neuesten Faltprospekt wird als Rest ohne weitere Erläuterung der Sächsische
Annalist des 12. Jahrhunderts mit seiner Angabe erwähnt, die Wewelsburg sei zur
Zeit der Hunnen errichtet worden. Wer mit ‚Hunnen‘ gemeint ist, nämlich die im
10. Jahrhundert ins ostfränkische Reich einfallenden, von Heinrich bekämpften
Ungarn, bleibt im Dunkeln und damit vernachlässigenswert. So heißt es z. B. zum
historischen Hintergrund der Burg in einem im Frühjahr 2005 aus Anlass des
60-jährigen Kriegsendes für den WDR verfassten Beitrag nur mehr: „Das Renaissance-Schloss,
Anfang des 17. Jahrhunderts von den Paderborner Fürstbischöfen errichtet, beeindruckt
noch heute die Besucher.“[15]
Bemerkenswert
ist das deshalb, weil man gegenwärtig unter der Schirmherrschaft von Paul
Spiegel aufwändig damit beschäftigt ist, mit Mitteln von Bund, Land und Kreis
auf der Burg als einem „national und international bedeutende[m] Geschichtsort“
ab 2008/09 schwerpunktmäßig die Geschichte der SS in einer Dauerausstellung zu
dokumentieren. Aussagen zu Himmlers Heinrichsrezeption werden dabei als zu
„hypothetisch“ angesehen und bleiben ausgespart.[16]
Damit wird
einer Tendenz in der gegenwärtigen Mediävistik gefolgt, die sich bemüht, die
Ottonenforschung aus allen mit dem „Dritten Reich“ gegebenen Zusammenhängen zu
lösen und dabei zu verstehen gibt, dass Himmlers Instrumentalisierung Heinrichs
I. in einem rein nationalsozialistischen Raum erfolgte, was zu Gegenreaktionen
in Gestalt einer intensiven und heute fortgesetzten Erforschung der Ottonenzeit
geführt habe,[17] gehört doch
die Auseinandersetzung mit Heinrich I. als klassisches Thema nach wie vor zum
Rüstzeug deutscher Mediävistik. Nach wie vor ist nämlich in der Mediävistik
nicht geklärt, ab wann das mittelalterliche ostfränkische Reich ein ‚deutsches‘
genannt werden könnte und welche Rolle Heinrich I. in diesem Zusammenhang
zuzuschreiben wäre.[18]
Das hinwiederum erweckt bei neuhistorischen Beobachtern den Eindruck, dass
dieser Mediävistik ein „subtil-nationalistischer Charakter“ anhafte, „den
sie bis heute nicht los geworden ist!“[19]
So ist nicht nachvollziehbar, was denn das Ergebnis der „Gegenreaktionen“ auf
nationalsozialistische Instrumentalisierung sein soll, wenn in ihrem Nebel
weiter „Neo-Nationalisten“ ihr Feld bestellen.
Denn es war
mediävistischer Umgang mit den Ottonen, vor allem mit Heinrich I. und seinem
Sohn Otto dem Großen, der seit dem 19. Jahrhundert der völkischen Betrachtungsweise
deutscher Geschichte Vorschub leistete, so dass ihre Befunde z.B. nahtlos in
die von Preußen dominierten protestantischen Schulbücher aufgenommen werden konnten.
In ihnen wurde Heinrich I. als Vertreter von „Rassereinheit und Volkstum“ vorgestellt,
noch bevor Himmler mit Heinrich I. vertraut geworden war.[20]
Mit seiner Heinrichsrezeption setzte Himmler dann die im so genannten Sybel-Ficker-Streit ab 1859 initiierte
völkische Betrachtungsweise fort, die auf der „kleindeutsch-norddeutsch-protestantischen
Geschichtsauffassung“[21]
aufbaute. In ihr wurde Heinrich I. als der „Stern des reinsten Lichtes an
dem weiten Firmament unserer Vergangenheit“ gesehen und „Gründer des
deutschen Reiches und damit [...] Schöpfer des deutschen Volkes“ (H. v. Sybel) genannt. Dieser habe im
Unterschied zu seinen kaiserlichen Nachfolgern mit ihrer Fixierung auf Rom und
Italien „die Kräfte der Nation (...) mit richtigem Instinkte in die
großen Kolonisationen des Ostens“ gegossen.[22]
Und der erste Heinrichsmonograph Georg
Waitz stellte entsprechend 1860 fest, „deutsche Cultur, deutsche
Bevölkerung [habe] den Beruf, sich gegen den Osten hin auszubreiten“.[23]
Damit war die seit Beginn des 19. Jahrhunderts so genannte mittelalterliche
Ostkolonisation symbolpolitisch an die zeitgenössisch vorherrschende
imperialistische Ideologie mit ihrer europaweiten Ausrichtung nach Osten und in
den Orient angeschlossen worden und Heinrich I. begann in ihr eine Rolle zu
spielen.
Hier soll
unter Einbeziehung mediävistischer Äußerungen zu den Ottonen untersucht werden,
was es heißt, wenn Heinrich I. die „überragende Symbolfigur“ oder die „Idealgestalt“
für Himmler als Ostpolitiker genannt werden kann,[24]
und was sich aus seiner Rezeption Heinrichs I. für symbolpolitische Maßnahmen
ergaben. Dabei gilt im Anschluss an Hüsers
Feststellung über den Glauben der SS-Ideologen, dass die Burg eine Gründung aus
der Zeit Heinrichs I. sei, gegen die von Himmler verhängten Berichtsverbote und
das Fehlen von Akten die These, dass die Wewelsburg das hinter aufwändiger,
männerbündlerischer Geheimhaltung verborgene und am 31.3.1945 zerstörte Herz im
symbolpolitischen Netz ist, das Himmler mit seinen vielfältigen „Heinrichs“-Benennungen
ab 1936 über sein Tun warf und das von dort mit ideologischem Blut versorgt werden
sollte.
Seit Anfang 1933 ist Himmler mit R. Walther Darré darauf aus, im „Lande Hermanns und Widukinds“[25] etwas Traditionsschweres für die SS zu finden, mit dem sie sich im westfälischen Boden verankern ließe. Mit dem Agrarexperten der NSDAP und späteren „Reichsbauernführer“ Darré ist Himmler befreundet. Beide kennen sich, wie auch den späteren Kommandanten von Auschwitz Rudolf Höß, als Mitglieder des „Artamanen“-Bundes, einer völkischen Bewegung freiwilliger Landarbeiter und Siedler. So hat Himmler 1931 Darré zum Leiter des Rasse- und Siedlungshauptamtes der SS gemacht. Auf Westfalen ist der „Blut- und Boden“-Ideologe Darré besonders erpicht, spielt es doch in seiner grundlegenden Schrift von 1930 – Neuadel aus Blut und Boden – eine wichtige Rolle. „Hier und da in Westfalen“ meint er nämlich einen „Stamm kleinerer und mittlerer freier Gutsbesitzer und Bauern“ überleben zu sehen, wie er sie für das Germanentum als typisch annimmt, das seiner Meinung nach nämlich mit dem 10. Jahrhundert mehr oder weniger flächendeckend untergegangen ist.[26] Nordwestdeutschland aber ist für ihn ein „germanisches Kernland“, „heute noch vorwiegend germanisch besiedelt“.[27] In einer überlieferten Aussage Mathildes, Frau Heinrichs I. und Enkelin des von Karl dem Großen bekämpften Sachsenherzogs Widukind, sieht er den Kern seiner Vererbungswissenschaft verkörpert, dass nämlich, unklar genug, „nur das edle Geschlecht auch eine edle Denkungsart verbürge“.[28] In diesem Sinne wirkt er schon zeitig auf Himmler ein und meint ihm im Scherz sagen zu können, er sei auch Heinrich.[29]
Erst vor diesem skizzierten Hintergrund ergibt sich, warum Himmler und Darré sich so sehr um eine Burg in Westfalen bemühen. Beider Interesse wird von einflussreichen Vertretern der ländlichen Führungsschicht des Kreises Büren auf die Wewelsburg gelenkt. Ausgrabungsbefunden von 1924 war zu entnehmen, dass die Wewelsburg offenbar anfänglich als sächsische Wallburg angelegt war. Für Himmler und die SS bleibt zunächst unklar, was mit solch einem Hintergrund anzufangen wäre. So fällt fast noch eine andere historische Gestalt aus dem sächsischen Zusammenhang und viel bekannter als der in quellenarmer Zeit lebende Heinrich I. dem auf Ostpolitik versessenen Münchener Heinrich Himmler und seinem Identifikationsverlangen zum Opfer: Heinrich der Löwe. Er gehört mit Widukind und Heinrich I. zu den Kerngestalten der so genannten „Niedersachsen-Ideologie“ oder des „Niedersachsen-Mythus“ des NS-Chefideologen Alfred Rosenberg.[30] Himmlers Erschrecken vor dem 1935 in Braunschweig geöffneten Welfengrab – Knochen eines zu kurz geratenen „Hinkefußes“ waren sichtbar geworden, in denen er fälschlicherweise Heinrich den Löwen glaubt erkennen zu müssen – führt ihn aber endgültig nach Quedlinburg auf die Spuren Heinrichs I. Denn dort bereitet man seit 1935 die Feierlichkeiten zu dessen tausendstem Todestag vor.[31] SS-Brigadeführer Dr. Hermann Reischle, Chef des Rasseamtes unter Darré, nannte diese Feier „propagandistisch [...] geradezu ein Geschenk des Himmels“ und berichtete am 24.10.1935 an Himmler: „Durch ihre zweckmäßige Gestaltung können wir mit einem großen Schlag das erreichen, was sonst auf propagandistischem Weg nur mühsam in Jahren durchgekämpft werden könnte. Schon aus diesem Grund muß die entscheidende Beteiligung der SS und damit unsere Einflußnahme auf die Vorbereitung und Gestaltung der Feier dringend befürwortet werden.“ Das wirkt sich sofort auf die Einschätzung der Wewelsburg aus: Der anfängliche Plan, die Burg zu einer Reichsführer-SS-Schule auszubauen, wird fallen gelassen. Himmler übernimmt die Burg mit Befehl vom 6. November 1935 in seinen Persönlichen Stab und verhängt ein Verbot jeglicher Berichterstattung über die dortigen Vorgänge.[32] Noch im Dezember 1935 legt er fest, „dass die SS mit der Stadt Quedlinburg alleinige Trägerin der Feiern am 2. Juli 1936 sein sollte“.[33]
Die Wewelsburger Grabungsbefunde von 1924 werden jetzt in neuem Licht gesehen, und die SS-Ideologen erkennen offenbar, was sich mit einer chronologisch nicht genau fixierbaren sächsischen Wallburg anfangen lässt: Seit 1935 beschäftigt sich nämlich Himmler mit dem in der preußischen Geschichtsschreibung übermittelten Heinrichsbild. Die von ihm, Darré und Herman Wirth 1935 gegründete Forschungsgemeinschaft der SS „Ahnenerbe“ wendet sich gezielt der Sichtung des 10. Jahrhunderts und des Heinrichserbes zu. Dabei entsteht neben wissenschaftlich tragfähigen Ergebnissen mehr und mehr Arbeit am für Himmler notwendigen Heinrichsmythos.[34] Denn Himmler, unterstützt durch Darré,[35] beschäftigt sich schließlich so sehr mit Heinrich I., dass er glaubt, eine Reinkarnation des Sachsen zu sein, mit dem er, wie sein Leibarzt bekundet, immer wieder geisterhafte Zwiesprache hält, um sich Rat zu holen.[36] In der umfangreichen Arbeit von Hüser über die Wewelsburg wird folgenlos festgehalten, dass die SS-Ideologen „später“ keinen Zweifel daran hegten, die Entstehungszeit der Burg „in die Zeit der Abwehrkämpfe König Heinrichs I. um 930 gegen die Ungarn oder ‚Hunnen‘ zu legen“, womit sie gar nicht so falsch gelegen hätten, „befanden sie sich [doch] sogar in Übereinstimmung mit der ersten schriftlichen Überlieferung über die Wewelsburg aus der Feder des Abtes Arnold zu Berge bei Magdeburg, des so genannten ‚Annalista Saxo‘“.[37] Dass Himmlers „Ahnenerbe“-Forscher den „Annalista Saxo“ kannten, dürfte anzunehmen sein, dass die Wewelsburg für sie aber auf einmal in eine sächsische Ahnenschaft mit der Widukindheimat Enger, ab 1938 von Himmler zur „König-Heinrich-Stadt“ ernannt, und der Heinrichsgrabstelle in Quedlinburg als „nationaler Weihestätte“ geraten war, dürfte das Überraschendste und das geschichtsklitternd Schlüssigste für Himmler und die SS-Ideologen gewesen sein.
Die neue Konzeption der Wewelsburg als
„Heinrichsburg“ mündet Anfang 1936 noch vor der nationalen Heinrichsfeier in
Quedlinburg in die Gründung der „Gesellschaft zur Förderung und Pflege
Deutscher Kulturdenkmäler e.V.“ in München, deren Hauptzweck Erhaltung und
Ausbau der Wewelsburg ist. Auch in Quedlinburg und Enger wird parallel unter
der Leitung des für alle drei Baudenkmäler verantwortlichen Staatskonservators
Hiecke gearbeitet.[38]
Aus der Wewelsburg soll in der Himmler’schen Vision der Mittelpunkt eines „Großgermanischen
Imperiums“ werden, für dessen Ausbau der Chef-Architekt H. Bartels bis 1964 die
Summe von 250 Mio. RM veranschlagt und zu dessen Verwirklichung die neben dem
Burggelände untergebrachten KZ-Häftlinge und die zu Sonderkonditionen
eingeräumten Kredite der Dresdner Bank beitragen sollen. Dort möchte er nach
dem Krieg als „Reichsverweser“ residieren.[39]
Im
katholischen Paderborner Land gibt es für diese Art übersteigerter und ins Völkische
pervertierte preußische Heinrichsrezeption keine Basis, so dass Himmler für
seine Heinrichsverehrung einstweilen eine Zweiteilung findet: Der öffentliche
Teil gilt Quedlinburg. Dort hat die Erinnerung an Heinrich Tradition, wird der
König doch als Stadtgründer angesehen, so dass im Jahre 1922 bei der
Tausendjahrfeier des Stadtgeburtstages alles aufgeboten wurde, was in der
nationalistischen Rezeption zusammengetragen worden war. In der damaligen
Festschrift ist er derjenige, der „die Einheit des rein völkischen Staates
schuf“ und der „der deutschen Staatskunst den erfolgverheißenden Weg
nach Osten wies“.[40]
Die Grabstelle Heinrichs I. in der Stiftskirche macht Himmler ab 1936 zu einer
„nationalen Weihestätte“, als er in der großen nationalen Feier am 2. Juli des
1000. Todestages des sächsischen Königs gedenkt. In seiner deutschlandweit
ausgestrahlten Rede auf den Sachsenkönig beschreibt er, wie spät er dessen
Bekanntschaft gemacht habe, als er behauptet, dass Heinrich „einer der
größten Schöpfer des Deutschen Reiches war und zugleich einer, der am meisten
vergessen wurde“.[41] Mit Tränen in den Augen soll er über Heinrich
I. gesprochen und seine Todestagrede für die größte und wichtigste aller von
ihm gehaltenen Reden ausgegeben haben. Der Chef seines Persönlichen Stabs, Karl
Wolff, meinte, Himmler habe sich wohl, während er vor der leeren Gruft des
Sachsenkönigs stand, für den nach der Vorsehung wiedergeborenen Heinrich gehalten.[42]
In einem
gleichzeitig allen SS-Führern zugehenden Sonderheft der Zeitschrift „Germanien“
betont Himmler: „Sein Andenken wurde uns fast vergessen gemacht. Seine
Leistungen, der Bau eines wirklich deutschen Reiches, wurde unserer Jugend
verschwiegen.“[43]
Diese Klage ergibt einen Sinn, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Himmler ja
aus dem katholischen Bayern stammte, wo Heinrich I. aus Protest gegen das protestantische
Preußen und die dortige Instrumentalisierung Heinrichs als „kleindeutscher
Musterkönig“[44] im
Geschichtsunterricht nicht vorkam.
Ab 1938 breitet Himmler von Quedlinburg aus in seiner „König-Heinrich-I.-Gedächtnis-Stiftung“ seinen Heinrichskult auf alle Orte aus, die mit Heinrich in Zusammenhang gebracht werden können. Sie werden zu „König-Heinrich-Städten“: Braunschweig, Enger, Fritzlar, Wetzlar, Gandersheim, Erfurt, Goslar, Meißen, Nordhausen, Schleswig, Wallhausen und Quedlinburg.[45] Bis 1939 sind es 32 Namen, die als „Heinrichs-Stationen“ in der Stiftskirche eingemeißelt werden sollen.[46] So wird Fritzlar, einzige katholische Stadt in diesem Verbund, für 84 RM Mitgliedsbeitrag pro Jahr bis 1945 Stiftungsmitglied, obwohl es sich bis dahin kein Verdienst dafür anrechnet, angeblich 919 angeblicher Ort der angeblichen Königserhebung gewesen zu sein. In Fritzlar hatte sich so wenig wie in anderen vom preußischen Kulturkampf in Mitleidenschaft gezogenen katholischen Gebieten eine an Heinrich I. orientierte völkische Geschichtsbetrachtung entwickeln und durchsetzen können. (Aber – später Sieg der preußischen Heinrichsrezeption im Kalten Krieg mit einem Grenzverlauf zwischen den Blöcken, als handelte es sich bei der Bundesrepublik um das ostfränkische Reich von 919 und als habe seine wie immer zu begründende Ablehnung der Königssalbung etwas mit romfeindlicher Haltung und Protestantismus zu tun – 1956 wird König Heinrich auf Betreiben der protestantischen Nachkriegs-Mehrheit zum Namenspatron des Fritzlarer städtischen Gymnasiums![47])
Kein Wunder also, dass im katholischen Umfeld der Wewelsburg Zurückhaltung in Bezug auf einen öffentlichen Umgang mit der preußisch-völkisch eingefärbten sächsischen Königsgestalt angesagt war, zumal die Wewelsburg bisher für die Heinrichsrezeption nicht in Anspruch genommen worden war und keine lokale Tradition in diese Richtung lief.[48]
Der hinhaltende Widerstand von katholischem Pfarrer und zur Enteignung vorgesehenen Dorfbewohnern hatte im Unterschied zu Quedlinburg, wo ab 1938 die SS-Fahne am Stiftskirchturm wehte, ein sehr schwieriges Umfeld geschaffen, in dem nur schrittweise und über langwieriges Verhandeln weiterzukommen war. In Quedlinburg bekam der Todestag Heinrichs Ritualcharakter: Nachdem beim Todesgedenken 1937 in einer Mitternachtszeremonie in geschlossener Gesellschaft die angeblich wiederaufgefundenen Gebeine Heinrichs beigesetzt worden waren,[49] um der „Weihestätte“ eine authentischere Aura zu geben, und 1938 die Ausrufung der „König-Heinrich-Städte“ an der Reihe war, überreichte im Jahre 1939 der Oberbürgermeister der Stadt Himmler einen ihm gewidmeten „König-Heinrichs-Marsch“.[50]
Auf dem so geschaffenen Fundament der Heinrichsverehrung entfalteten sich die Instrumentalisierungen Heinrichs mit dem Feldzug gegen Polen und ab 1941 im Ostfeldzug, indem sie symbolpolitisch den Rasseimperialismus gegen alles „Fremdvölkische“ im Osten begleiteten.
Zu der einzigen offiziellen Wewelsburger SS-Veranstaltung unter Ausschluss von Öffentlichkeit und Presse kam es unmittelbar vor Beginn des Ostfeldzugs. Himmler lud vom 11. bis 15. Juni 1941 zu einer SS-Gruppenführertagung auf die Wewelsburg ein. Hier hatte er einen Raum mit Blick übers Almetal, der „König Heinrich“ hieß.[51] Bei der Tagung verkündete er den Zweck des „Unternehmens Barbarossa“, das in den Planungen von Hitlers Generalstabschef Franz Halder 1940 noch „Plan Otto“[52] (!) geheißen hatte: „die Dezimierung der Bevölkerung der slawischen Nachbarländer um 30 Millionen.“[53] Sein Freund und Chronist, der Schriftsteller und Präsident der Reichsschrifttumskammer Hanns Johst, beauftragt mit der Abfassung der „Heinrich-Saga“[54], war auch zugegen, wie ein Eintrag vom 12. Juni in Himmlers Dienstkalender ausweist. Diese Ankündigung war nach der Zeugenaussage des für das Bandenbekämpfungswesen im Osten verantwortlichen von dem Bach-Zelewski geknüpft an Himmlers Vorstellung, dass dieser Feldzug nur mit Einheiten wie der „Sondereinheit Dirlewanger“ zu gewinnen sei,[55] die schon seit 1940 im Raum Lublin/Zamosc stationiert war[56] und deren Zustandekommen am ehesten als eine Wiederbelebung der von Widukind von Corvey beschriebenen „Merseburger Schar“ zu verstehen ist. Heinrich I. hatte sie zum Kampf gegen die Slawen gebildet: Sooft Heinrich gesehen habe, „daß ein Dieb oder Räuber ein tapferer Mann und zum Krieg geeignet sei, erließ er ihm die gebührende Strafe, versetzte ihn in die Vorstadt von Merseburg, gab ihm Äcker und Waffen, befahl ihm, die Bürger zu schonen, gegen die Barbaren [= Slawen] aber, so viel sie sich getrauten, Raubzüge zu unternehmen. Die solchermaßen gesammelte Menschenmenge bildete eine vollständige Heerschar zum Kriegszug.“[57]
Zu dem aus der Geschichte
entliehenen Rahmen gehörte auch die von den Nazis ausgeschlachtete alte
westfälische Sage von der „Schlacht am Birkenbaum“. In dieser lokalen Ausprägung
der seit dem Mittelalter bekannten Kaisersage ist von einer endgültigen
Schlacht zwischen Ost und West oder zwischen „Hunnensturm“ und westlichem
„Weltmissionierungsauftrag“ die Rede,[58]
was für die Siegesphantasien der SS hieß: „Der Osten gehört der Schutzstaffel!“[59]
Der direkte Zugang zum Osten sollte symbolisch gewährleistet werden, indem man
mit einer acht Kilometer langen Allee Anschluss an den „Hellweg“ suchte, die
alte, aus vorrömisch-germanischer Zeit stammende Ost-West-Verbindung der Hanse,
heute Bundesstraße 1. Die Duisburger hatten an dessen Anfang ihren Königsplatz
in Stadtmitte am 1.8.1936 in König-Heinrich-Platz umbenannt. (So heißt er heute
noch.)[60]
Am „Hellweg“ hatten wie um Aachen und am Niederrhein reiche Güterkomplexe des
sächsischen Königsgutes von Heinrichs Liudolfingerfamilie gelegen.[61]
Der Sonderzug, mit dem Himmler dann am 3.9.1939 seine erste Besichtigungsfahrt
nach Polen unternahm, trug den Namen „Heinrich“ und wird immer wieder für
Himmlers Reisen in den Osten eingesetzt werden, auch wenn er z.B. zur
Dienstbesprechung mit Hitler in dessen Hauptquartier „Wolfsschanze“ verabredet
ist. Seinen in der Nähe des östlichen Führerhauptquartiers aufgeschlagenen Aufenthaltsort
nennt er „Feldkdo.-Stelle Heinrich“.[62]
In den „SS-Leitheften“ wird mit einem vielerorts verbreiteten Holzschnitt Ernst
Dombrowskis König Heinrich I. abgebildet und mit folgenden Himmler-Sätzen aus
der Todesgedenkrede von 1936 vorgestellt: „Er war der Erste unter Gleichen,
und es wurde ihm eine größere und wahre menschliche Ehrfurcht entgegengebracht,
als später Kaisern, Königen und Fürsten, die sie nach volksfremdem
byzantinischen Zeremoniell forderten, je zuteil wurde. Er hieß Herzog und König
und war ein Führer vor tausend Jahren. – Reichsführer SS Heinrich Himmler.“[63]
Zu Beginn des Russlandfeldzuges hält Himmler vor Unteroffizieren und
Mannschaften im Juli 1941, also kurz nach der das Unternehmen „Barbarossa“
vorbereitenden Ankündigung auf der Wewelsburg, in Stettin eine Rede zur Einstimmung
der Soldaten auf den Einsatz im Ostfeldzug: „Wenn Ihr, meine Männer, dort
drüben im Osten kämpft, so führt Ihr genau denselben Kampf, den vor vielen,
vielen Jahrhunderten, sich immer wiederholend, unsere Väter und Ahnen gekämpft
haben. Es ist derselbe Kampf gegen dasselbe Untermenschentum, dieselben
Niederrassen, die einmal unter dem Namen der Hunnen, ein andermal, vor 1.000
Jahren zur Zeit König Heinrichs und Ottos I., unter dem Namen Magyaren, ein
andermal unter dem Namen der Tataren, wieder ein andermal unter dem Namen Dschingis
Khan und Mongolen angetreten sind. Heute treten sie unter dem Namen Russen mit
der politischen Deklaration des Bolschewismus an.“[64]
Dem folgen 1941 erste
„Heinrichs“-Taten Himmlers im neuen „Kolonialland“[65]:
Im Rahmen des „Programms Heinrich“ wird der SS- und Polizeiführer im
Distrikt Lublin Odilo Globocnik zum Beauftragten für die Schaffung von SS- und
Polizeistützpunkten in den neu eroberten Ostgebieten ernannt.[66]
Dort sollen sich „Wehrbauern“ –
Widukind von Corvey spricht von „milites agrarii“, die von Heinrich I. zum
Schutz vor den Ungarn um Fluchtburgen herum angesiedelt wurden – niederlassen,
und zwar im Raum um Lublin und die alte Stadt Zamosc, die mit der Hanse in Verbindung
gestanden hatte und künftig „Himmlerstadt“ heißen sollte. Das sollten die
ersten für die „Aktion Zamosc“ im „Generalplan Ost“ vorgesehenen
Stationen der Neubesiedlung des Ostens sein. Ein neues KZ wird gleich mit
errichtet, das spätere Majdanek. Neben
Majdanek stehen die späteren Vernichtungsstätten Treblinka, Sobibór und Belzec
außerhalb der Inspektion über die KZs 1942/43 unter Globocniks persönlichem
Befehl. Dieser lässt dort die „Aktion Reinhardt“ durchführen: Unter dem Vorwand der „Aussiedlung“ werden die dorthin
transportierten Juden massenhaft ermordet.[67]
Von nicht zu überschätzender Bedeutung für den der Wewelsburg zugekommenen ideologischen Wert ist die Wagneroper „Lohengrin“. Sie ist neben dem „Freischütz“ die maßgebliche deutsche Nationaloper. Wagner stützt sich nämlich in seinem Libretto auf einen literarischen Text vom Ausgang des 13. Jahrhunderts, in dem Heinrich I. in Zusammenhang mit dem Parzival-Sohn Lohengrin gebracht wird, der die Gralsburg verlassen hat, um seine Ritterdienste dem gegen die heidnischen Ungarn und Sarazenen kämpfenden Heinrich zur Verfügung zu stellen. Bei Wagner kann indessen der Gralsritter den sächsischen König nicht in den Kampf begleiten, weil er sich zurück auf die Gralsburg Monsalvat begeben muss. Dafür macht er aber dem König eine vielversprechende Prophezeiung: „Dir Reinem ist ein großer Sieg verliehn! / Nach Deutschland sollen noch in fernsten Tagen / des Ostens Horden siegreich nimmer ziehn!“ Diese Oper hatte bei der „loyalen Bevölkerung“ einen solchen Resonanzraum geschaffen, dass Sebastian Haffner sie 1940 sagen lässt: „Wenn wir Krieg führen, tun wir das nur aus den erhabenen Gründen Lohengrins: um unterdrückte unschuldige und verfolgte Menschen zu retten. Wie gern hätten wir Österreich, die Tschechoslowakei und Polen unangetastet gelassen! Es war nur ihre unverbesserliche Niedertracht und Grausamkeit, die uns schließlich dazu zwang, diese Länder zu annektieren.“[68] Es wäre also unangemessen, wollte man Himmler einen besonderen Vorwurf daraus machen, dass er die Geschichte geplündert habe, um sie, wie das angeblich nur Nationalsozialisten getan haben, für seine Zwecke zu „missbrauchen“. Instrumentalisierung von Geschichtsdaten bietet sich nämlich gerade für nationale Belange immer an und kommt offenbar jedermann gelegen, wenn eigene Interessen gegen andere durchgesetzt werden und eine (Schein-)Legitimation erhalten sollen.
Weitere Geschichtsdaten boten sich für die ideologische Durchsetzung imperialistischer Ostpolitik an: Der Sieg über die heidnischen Ungarn ist seit Otto I., dem Sohne Heinrichs, an ein Symbol gebunden, das Hitler wie Himmler in Bann schlug. Es ist die an hervorragender Stelle zu den Reichsinsignien zählende so genannte heilige Lanze, Mauritius-Lanze oder der Longinus-Speer, dem eine bis zum Tode Christi zurückführende Geschichte angedichtet wurde. Für Heinrich bedeutete die Lanze so viel, dass er für ihren Erwerb vom König von Burgund sogar einen Teil seines Reichsgebietes hergegeben haben soll. Wenn man sich in der Ottonenforschung in etwas einig ist, dann darin, dass sie „zur wichtigsten siegbringenden Reliquie der ottonischen Dynastie wurde“.[69] Wann sie bei Heinrich zum Einsatz kam, ist Sache der Spekulation. So kann man sie bereits, wie das der mit „Ahnenerbe“-Wissenschaftlern bekannte Mediävist Helmut Beumann 1994 schreibt, bei der Vertreibung der Ungarn in die Schlacht vorantragen lassen, weil sie am Gedenktag des Longinus, am 15. März 933, stattfand. Festzustehen scheint, dass Otto bei der entscheidenden Schlacht gegen die Ungarn auf dem Lechfeld von 955 die Lanze selbst in den Kampf führte. 1940 wird festgehalten: „Ihr Bedeutungswandel zur Lanze des heiligen Kriegers und Märtyrers Mauritius, durch A. Brackmanns Forschungen seit Otto dem Großen als Schutzpatron des deutschen Ostens erkannt, erfolgte im 10. Jahrhundert.“[70] In der Lanze lebte die Tradition des Kampfes gegen die „asiatischen Horden“ am sinnfälligsten fort. Ihr Symbolgehalt fand bis in die endgültigen Ausbauplanungen des Äußeren der Wewelsburganlage von 1944 Ausdruck. Der dreieckige Burgkern war jetzt der äußerste Punkt einer Speerspitze, die sich gleichschenklig über einige hundert Meter erstreckte und die bis in die als Schaft gedachte schnurgerade Zufahrtsstraße kilometerweit architektonisch ausgestaltet werden sollte. Das passt zu der obsessiven Beschäftigung, mit der man im „Ahnenerbe“ über den Sinn dieser Lanze nachdachte, wobei sie vom christlichen Hintergrund gelöst und in „germanische Kontinuität“ eingepasst wurde.[71] Der im „Ahnenerbe“ mitarbeitende Wissenschaftler und wotangläubige männerbündlerische Prof. Dr. Otto Höfler, nach Amtsenthebung 1945 ab 1954 in München als Germanist wieder im Universitätsdienst und bis 1971 an der Wiener Universität lehrend, sah als einer der Hauptreferenten des Erfurter Historikertages von 1937 im Rahmen einer von ihm entwickelten „germanischen Kontinuitätstheorie“ den Speer Wotans in ihr, der in diesem Sinne ‚heilig‘ und seit 919 in Heinrichs Hand gewesen sei. Höflers Theorie wird maßgeblich für Josef Otto Plassmann, Mitglied des Persönlichen Stabs des Reichsführers-SS, und für die Heinrichsmonographie von Alfred Thoss.[72]
Hatte der Quedlinburger Oberrealschuldirektor Lorenz, mit einer Arbeit über Heinrich I. promoviert und als Wehrkraftdidaktiker in den ethischen Unterrichtsfächern seit der Jahrhundertwende bekannt, beim 1000. Quedlinburger Stadtgeburtstag Heinrich I. als den völkischen Staatsgründer und Ostpolitiker gefeiert, dann vollstreckte Himmler mit der Inbesitznahme der Heinrichsgrabstätte nur das, was an Säkularisierung bereits geleistet worden war. Auf das Orgelspiel verzichtete Himmler indessen nicht, wenn er die Grabstelle besuchte, sondern brachte sogar einen eigenen Organisten mit.[73] Wie Heinrich I. von ihm instrumentalisiert wurde, geht aus einem Tagebucheintrag des Leibarztes F. Kersten hervor: „Er rechnete mir vor, daß bei systematischer Verfolgung dieser Maßnahmen“ (nämlich die Rückzüchtung der „germanisch blond-blauen Urrasse“) „in einhundertzwanzig Jahren nach den Mendelschen Gesetzen das deutsche Volk wieder weitgehend reinblütig germanisch aussehen werde, die Geschichte ihm das danken und in tausend Jahren sein Lebenswerk genau so verstehen würde, wie dies jetzt mit dem Werk König Heinrichs I. der Fall sei.“ Außerdem höre Himmler es gern, wenn er in seinen eigenen Reihen „König Heinrich“ genannt werde,[74] der seinen Leuten Siedlungsland im zu erobernden Osten zuweisen würde. Bei einer „der bemerkenswertesten Zusammenkünfte von Parteifunktionären“ am 6.10. 1943 in Posen greift Himmler in seiner Rede ausdrücklich, aber wie beiläufig auf Heinrich I. zurück, und zwar im Zusammenhang seiner gerade erfolgten Ernennung zum Reichsinnenminister. Den neuen Aufgabenbereich reflektiert er in der Heinrich zugeschriebenen Einigungsleistung den Stämmen und dessen Eroberungen den Slawen gegenüber: „Ich möchte mal zur Frage der Reichsautorität ein paar Worte sagen und auf das berühmte alte Kapitel eingehen, mit dem wir uns in Deutschland schon seit den Zeiten König Heinrichs I., also seit 1000 Jahren, befassen: Reich und Länder, Reich und Gaue, Reich und Provinzen. (...) Es muß eine klare Reichsautorität da sein, denn sonst lassen sich die großen Aufgaben, insbesondere im Krieg, nicht lösen. Sonst würden wir nicht fähig sein, über Großdeutschland hinaus das noch größere Reich, nämlich das Germanische Reich aufzubauen, dessen Grenzen nach meiner Überzeugung – nun halten Sie mich nicht für einen verrückten Optimisten – einmal am Ural liegen werden.“[75]
Die Wewelsburg konnte als
geplantes Zentrum des „Großgermanischen Reichs Deutscher Nation“ nicht mehr
nach Asien ausstrahlen. Um noch die Spuren des Ausbaus zur gigantischen
„Heinrichsburg“[76] mit
Talsperre, Flugplatz und Autobahnanschluss zu verwischen, mag Himmler ihre
Zerstörung bei Kriegsende angeordnet haben. Denn erst bei einem Sieg hätte man
Himmler wohl die Kraft zugetraut und abgenommen, die Wewelsburg als einen Ort
zu erklären, der seine Bedeutung vor allem als Gründung aus der Zeit Heinrichs
bezogen hätte.[77] Schließlich
ist von den Spuren, die Himmler als Fundament der Burg annehmen konnte, nämlich
das durch Grabungen von 1924 angenommene Holz-Erde-Befestigungssystem einer
Fliehburg aus dem 10. Jahrhundert, nichts Auffälliges mehr zu sehen gewesen.
Der Schlossberg mit der Stiftskirche in Quedlinburg entging der Zerstörung
durch Himmler offensichtlich deshalb, weil die dortigen Veränderungen am
Heinrichserbe zwar bemerkenswert, aber letztendlich nur oberflächlich waren.
Denn in Quedlinburg ist Heinrich wie nirgends sonst durch Geschichte und
Geschichtsbücher gegenwärtig und im Unterschied zur Wewelsburg vor allem auch
in lokaler Tradition überliefert und verankert.
Als Befehlshaber der von Asien ganz weit entfernt aussichtslos gegen die „asiatischen Horden“ kämpfenden Heeresgruppe Weichsel wurde er, freilich sehr spät, der Realität inne, die alles mit der Wewelsburg Beabsichtigte auf einmal als den Größenwahn erscheinen ließ, der es von Anfang an war und der keinen verwertbaren Stoff aus dem gescheiterten „Programm Heinrich“ für die zu dichtende „Heinrich-Saga“ übrig ließ. Dieser realistische Blick gehört zu Himmler als einem, der „‚normaler‘ als irgendeiner der ursprünglichen Führer der Nazibewegung“ war, wie Hannah Arendt feststellt.[78] Kündigte er 1938 vor der SS-Standarte „Deutschland“ in einer Rede das „großgermanische Reich“ als das größte Reich an, „das von dieser Menschheit errichtet wurde und das die Erde je gesehen hat“, so konnte er 1942 zu folgender Einsicht fähig sein: „Der Mensch ist gar nichts Besonderes. Er ist irgendein Teil auf dieser Erde. Wenn ein stärkeres Gewitter kommt, kann er schon gar nichts dagegen machen.“[79] So ging er auch mit dem, was seinen immer wieder und nicht zuletzt von seiner rechten Hand Karl Wolff und seinem Leibarzt Felix Kersten erwähnten Reinkarnationsglauben betrifft, entsprechend vorsichtig um und bezeichnete sich selbst nie öffentlich als einen Wiedergeborenen oder gar als einen zweiten Heinrich.[80] Das war in die vielfältigen „Heinrichs“-Benennungen und in sein Personenumfeld verlagert, in dem er mit Respekt „König Heinrich“ genannt werden konnte und das ebenfalls an geschichtsmächtiger Herrschaftsaura interessiert war. Der bereits erwähnte J. O. Plassmann, Schriftführer der „Ahnenerbe“-Zeitschrift „Germanien“, Autor einer populären Heinrichsmonographie von 1928 und weiterer Ausführungen zu Heinrich I. 1939, 1941 und 1943, sorgte am zuverlässigsten für die publizistische Vergegenwärtigung der Heinrichsfigur,[81] wobei, dem Berichtsverbot Himmlers folgend, nie und nirgends der Name der Wewelsburg fiel. Mit seiner 1943 von Hermann Schneider in Tübingen angenommenen Habilitationsschrift wollte er nach Professor Walther Wüst († 1993), Präsident/Kurator des „Ahnenerbes“ und ab 1941 Rektor der Münchener Universität, „das Geschichtsbild der Sachsenkaiser auf altgermanischer Grundlage aufbauen, dieses Geschichtsbild so der römischen Geschichtsklitterung endgültig entreißen und damit die Absichten des Reichsführers-SS in einer Weise und Stärke mit verwirklichen helfen, wie sie eindrucksvoller nicht gedacht werden kann“.[82]
Dass indessen das
Wiedergeborenwerden zu den völkischen Vorstellungen vom Germanentum gehörte,
hatte der frühere Freund Himmlers Darré
1930 ausgeführt: „Man glaubte, dass das ‚Blut‘ Träger der
Eigenschaften eines Menschen sei, dass mit dem Blute die körperlichen und seelischen
Eigenschaften des Menschen sich von den Vorfahren auf die Nachkommen vererben,
dass edles Blut auch edle Eigenschaften übertrage; dementsprechend glaubte man
auch an das ‚Wiedergeborenwerden‘ eines Vorfahren im Nachkommen.“[83]
Himmler ging nur so weit, dass er in einer Rede 1937 Folgendes preisgab: „Ich
muss sagen, dieser Glaube hat soviel für sich wie viele andere Glauben. Dieser
Glaube ist ebenso wenig exakt zu beweisen wie das Christentum, wie die Lehre
Zarathustras, des Konfuzius usw. Aber er hat ein großes Plus: Ein Volk, das
diesen Glauben der Wiedergeburt hat und das seine Ahnen und damit sich selbst
verehrt, hat immer Kinder, und dieses Volk hat das ewige Leben.“[84]
Wenn Himmler von „Volk“ und von „ewigem Leben“ redete, dann wird er eher an
sich als atomisiertes Individuum gedacht haben, das Anschluss an
„Volks“-Gemeinschaft suchte und sie als redender Machthaber für realisierbar
oder gar für bereits realisiert hielt. Damit macht Himmler etwas sichtbar, was
offenbar ein Attribut von Herrschaft ausmacht, die sich nicht ausreichend
legitimiert sieht und nun auf Absicherung aus ist. Diese Legitimation von Herrschaft
lässt sich im europäischen kulturellen Gedächtnis nach Olaf B. Rader als Verfahren bei Männern mit imperialen
Ambitionen bis zu Alexander dem Großen zurückverfolgen. So wie Alexander die
Gebeine seines Idealhelden Achill suchte und angeblich fand oder 1874
Historiker in einer vom Reichskanzleramt bezahlten Expedition in den Orient
unterwegs waren, um das Grab Barbarossas zu finden, die Gebeine zu bergen und
nach Deutschland zu bringen, wo sie im Kölner Dom als die eines imaginären
Hohenzollernahnen neu bestattet werden sollten,[85] so war auch Himmler darauf aus, die
verschwundenen Gebeine Heinrichs I. wiederaufzufinden und in der „nationalen Weihestätte“
Quedlinburgs beizusetzen. Die Quedlinburger Festschrift von 1922 war schon mit
einer drohenden Erinnerung an Heinrich I. abgeschlossen worden und Versailles
in Parallele zu Heinrichs neunjährigem Waffenstillstandsvertrag mit den Ungarn
gesetzt: „Er hat ebenso schlimme Zeiten eines Schmachfriedens erlebt, neun
Jahre auf Erlösung harren müssen und schließlich doch obsiegt! Ihm als dem Leitstern
wollen wir folgen (...).“[86]
Ehe Himmler also vorschnell zum spleenigen Hobbyhistoriker erklärt wird, wären diese Traditionslinien des um seine Legitimation besorgten Herrschertums zu bedenken.[87] Historiker haben sich bei ihrem Projekt nationaler Geschichtsschreibung immer darauf verstanden, sie als des Kaisers neue Kleider zur Verfügung zu stellen und zu halten. Hermann Heimpel, in der BRD Leiter des Max-Planck-Instituts für Geschichte und als Bundespräsidentschaftskandidat von Heuß ins Gespräch gebracht, ließ sich z.B. 1933 und in zweiter Auflage 1941 so vernehmen: „Deutschlands Mittelalter ist Deutschlands Anfang in Macht und Größe und Weltruf. Darum haben alle Zeiten nationaler Entscheidungen um ihr Bild von diesem mittel-alterlichen Anfang gerungen und darum ist auch in den Herzen des Dritten Reiches stark und durchaus lebendig das Gefühl, daß in jenem Ersten Reich der Deutschen, dem Reich der heroischen Kraftanstrengung, der Macht und der Einheit Urbilder des deutschen Daseins stehen müßten, nach denen heute wieder die Jünglinge sich bilden und die Männer handeln. Keiner von denen, die das Dritte Reich vorbereitet und begrüßt haben, versäumt es, von jenem Ersten Reich zu sprechen, von dem ‚Reich‘, das wir über die Vorläufigkeit des Zweiten Reiches wieder haben als unser Urbild. Wenn dabei das Wort ‚Reich‘ seine Feierlichkeit eben vom Bild des Ersten Reiches nimmt, so kommt das nicht von gelehrtem Wissen um den ‚wahren Charakter‘ des mittelalterlichen Reichsbegriffs, sondern der politische Wille nimmt vom Klang des mittelalterlichen Reiches eben das auf, was der Gegenwart Reich sein soll: Einheit, Herrschaft des Führers, reine Staatlichkeit nach innen, abendländische Sendung nach außen.“[88] Und zu Heinrich I. führte Heimpel 1937 aus, „dass die naturgemäß vielfältig gespaltene Wissenschaft, wenn überhaupt auf eine Gestalt der deutschen Geschichte, so auf Heinrich I. ihre einmütige Liebe und Verehrung vereinigt hat“[89]. Robert Holtzmann, ein weiterer renommierter Mittelalterhistoriker, bietet 1936 in seiner „Dem Deutschen Volke“ gewidmeten Ottobiografie in Erinnerung an dessen 1000 Jahre zurückliegenden Herrschaftsantritt Ähnliches zur Identifikation an: „Einem kühnen Wollen und einer tiefen Sehnsucht der deutschen Menschen hat Kaiser Otto der Große Richtung und Sieg gegeben. [...] Eben deshalb haben wir es seinem Wirken nach innen und außen zu danken, daß die verschiedenen deutschen Stämme, die bis dahin nebeneinander und leider nur allzu oft auch gegeneinander gestanden hatten, sich zu einer Einheit zusammenfanden, sich ihrer Gemeinsamkeit und Zusammengehörigkeit bewußt wurden. Wie wir ein Volk geworden sind: das ist der köstliche und unvergängliche Inhalt der Geschichte Ottos des Großen.“[90]
Zu betonen ist, dass in repräsentativer deutscher Wissenschaft so
gesprochen wurde, nicht von Pseudogelehrten, wie sie z.B. im Mitbegründer des
„Ahnenerbes“ Herman Wirth Gestalt
annahmen. Er wie eine andere Figur, über die es sich leicht mokieren lässt,
nämlich der einige Zeit auf der Wewelsburg wirkende Wiligut/Weisthor waren
entsprechend bald in der Versenkung verschwunden und seriöser ersetzt. Und
unisono war bereits 1935 von den maßgeblichen Geschichtsforschern Karls des
Großen „richtunggebende Politik zur Eindämmung der Slawenflut und zur
Vorbereitung germanisierender Siedlung im Osten ins rechte Licht gerückt“
worden,[91]
auch von Martin Lintzel, den man
gemeinhin als Gegner des NS ausgibt, weil er sich Karls des Großen wegen mit Rosenberg angelegt habe.[92]
Solche auf nationale Tradition getrimmte Vorgaben,
für deren Bereitstellung Vertreter deutscher Nationalgeschichtsschreibung seit
dem 19. Jahrhundert mit der Verherrlichung des mittelalterlichen Kaiserreichs
und seiner „Weltstellung“ (L. Ranke) gewirkt
hatten, zeigten nicht nur bei Himmler Wirkung, sondern spiegeln das, was Hagen Schulze in seiner Kurzfassung der
deutschen Geschichte 1996 feststellte: „Denn in vielfacher Verwandlung
sollte das Heilige Römische Reich bis an die Schwelle der Moderne überdauern
und zudem in Bismarcks Deutschem Reich von 1871, das 1945 unterging, ein
sonderbares, gebrochenes Echo finden.“[93]
So fand sich in den Trümmern des Anwesens Hitlers auf dem Obersalzberg ein Gedenkteller,
der für verdiente französische Angehörige der SS-Division „Charlemagne“ in 80
Exemplaren hergestellt worden war. Auf der Rückseite steht folgende Inschrift:
„Imperium Caroli Magni Divisum Per Nepotes
Anno dcccxliii Defendit Adolphus Hitler Una Cum Omnibus Europae Populis Anno
mcmxliii – Das Reich Karls des Großen, geteilt von seinen Enkeln im
Jahre 843, verteidigt Adolf Hitler zusammen mit allen Völkern Europas im Jahre
1943.“[94] Wenn Symbolpolitisches
als „sonderbares, gebrochenes Echo“ des Mittelalters zu bezeichnen wäre,
dann stellen die SS-Division „Charlemagne“[95],
das „Programm Heinrich“, das „Unternehmen Otto“ (der Anschluss Österreichs),
das zunächst als „Plan Otto“ entworfene „Unternehmen Barbarossa“ und die
Wewelsburg mit „Burghauptmann“ und „Burgmaiden“ als das geheimnisumwitterte,
gigantisch geplante künftige Zentrum des „germanischen Reichs“ die deutlichsten
Momente dieses Echos dar. Im Schatten solcher Traditionsvorgaben als
zusätzlichem sozialen Rahmen geborgen, scheinen in ihrer Lebenszeit begrenzte
Individuen, die auf imperialistische Welteroberung aus sind und ihr eigenes Maß
überschreiten, kaum mehr vorstellbare Verbrechen planen und begehen zu können.
Dass es angesichts der Maßlosigkeit des Angerichteten nichts mehr zu
verantworten gab, muss Himmler von Anfang an bewusst gewesen sein. Denn er
hatte in seiner in einer Zahnlücke seit Kriegsbeginn (!) jederzeit
unterzubringenden Zyankalikapsel[96]
seine treueste und schließlich am 23. Mai 1945 zuverlässig wirkende Begleiterin
in seiner Rolle als flüchtiger Feldgendarm Heinrich Hitzinger, in der englische
Soldaten ihn schnell enttarnten.
Gregor Strasser, dessen Sekretär Himmler in jungen
Jahren war, hatte von ihm gesagt, „er ist kein Welteroberer“[97];
er ist trotz seiner Identifikation mit dem in deutscher Geschichtswissenschaft
und ihren populären Vermittlern zum Ostimperialisten aufbereiteten Heinrich I.
auch keiner geworden.[98]
Für die späte Erkenntnis seines Scheiterns in einem Leben, das ihm in seiner
Politkarriere nur Machtzuwachs gebracht hatte, war die Zerstörung der
Wewelsburg als Zentrum seines „Heinrichs“-Netzes knapp zwei Monate vor seinem
Selbstmord der symbolpolitische Preis. Denn niemand aus der NS-Führungsriege
außer Himmler hatte sich persönlich so eng auf den Umgang mit einem zur
Kerngestalt deutscher Nationalgeschichte stilisierten und überhöhten König
eingelassen, wie auffällig umfangreich der symbolpolitische Verschleiß an
nationalgeschichtlich besetzten Figuren sonst auch war.
(Vortrag, gehalten auf der Wewelsburg am 23.6.2005[99])
(Vgl. hierzu ergänzend vom 26.12.2009 www.himmlers-heinrich.de/himmlers-ende.pdf,
S. 19-27: „Noch einmal:
Zeitgeschichtliche Wewelsburger Selbstdarstellung 2009“)


Die heilige Lanze (oben mit goldener und
unten ohne Tülle)

Vermutlich ältester Plan von Burg und Siedlung
(vom 23. April 1941)
Im letzten Planungsentwurf des
Wewelsburgausbaus handelt es sich nicht mehr wie 1941 um eine Anlehnung an die
Heilige Lanze, sondern, ohne genaueres Vorbild, an den Heiligen Speer Wotans
als germanisches Herrschaftszeichen, dem alle christlichen Erinnerungen, die in
der Heiligen Lanze mit einer angeblich aus dem Kreuz Christi stammenden
Nagelreliquie mittransportiert wurden, ausgetrieben worden waren. Otto Höfler hatte bereits beim Erfurter
Historikertag von 1937 die These aufgestellt, dass sich in Heinrichs Hand nur
dieser Speer befunden haben könne. Dieser fand allerdings in den nach dem
„Anschluss Österreichs“ 1938 nach Nürnberg verbrachten Reichsinsignien keine
Entsprechung mehr. [100]

Planungsentwurf von 1944 ( Speerspitze ist
wie 1941 der dreieckige Burggrundriss)
„Wenn wir [...] die
politischen Erlebnisse unseres Volkes seit über tausend Jahren überprüfen,
[...] und das [...] heute vor uns liegende Endresultat untersuchen, so werden
wir gestehen müssen, dass aus diesem Blutmeer eigentlich nur drei Erscheinungen
hervorgegangen sind, die wir als bleibende Früchte klar bestimmter außenpolitischer
und überhaupt politischer Vorgänge ansprechen dürfen:
1.
die hauptsächlich von Bajuwaren betätigte
Kolonisation der Ostmark,
2.
die Erwerbung und Durchdringung des Gebietes
östlich der Elbe, und
3.
die von den Hohenzollern betätigte
Organisation des brandenburgisch-preußischen Staates als Vorbild und
Kristallisationskern eines neuen Reiches.
[...]
Jene beiden ersten
großen Erfolge unserer Außenpolitik sind die dauerhaftesten geblieben. [...]
Und es muss als wahrhaft verhängnisvoll angesehen werden, dass unsere deutsche Geschichtsschreibung
diese beiden weitaus gewaltigsten und für die Nachwelt bedeutungsvollsten
Leistungen nie richtig zu würdigen verstand. [...] Wir schwärmen auch heute
noch von einem Heroismus, der unserem Volke Millionen seiner edelsten
Blutträger raubte, im Endergebnis jedoch vollkommen unfruchtbar blieb.
[...] Wir setzen dort an, wo man vor sechs Jahrhunderten
endete. Wir stoppen den ewigen Germanenzug nach dem Süden und Westen Europas
und weisen den Blick nach dem Osten.“[101]
Was Hitler hier gegen Schluss von „Mein Kampf“ schreibt, steht in einer langen Tradition und schließt mit einer aus österreichischer Perspektive bedeutungsvollen Nuance an den großen Historikerstreit des 19. Jahrhunderts an, den so genannten Sybel-Ficker-Streit, der erst in den 1930er Jahren seinem Höhepunkt zustrebte[102] und von dem es in einem historischen Lexikon der 1950er Jahre zum Stichwort „Kaiserpolitik“ heißt, er sei nicht abgeschlossen und daure fort.[103] Auslöser des Streits, eines „wissenschaftlichen Bürgerkriegs“ (Alfred Dove), war ein Buch von langer Wirkung über die mittelalterlichen Kaiser und die unter ihnen angeblich blühende deutsche Nation, in der „der deutsche Mann am meisten in der Welt galt und der deutsche Name den vollsten Klang hatte“.[104] Der preußisch orientierte Historiker Heinrich von Sybel wandte sich 1859 gegen die hohe Einschätzung, die die „Kaiserherrlichkeit“ bei Giesebrecht erfuhr, und setzte dagegen: Die „nutzlosen Opfer“ der mittelalterlichen Kaiserpolitik in der Auseinandersetzung mit Rom und Italien wären zu vermeiden gewesen, wenn man Heinrich I. gefolgt wäre, „dem ersten König der deutschen Nation [...], nach meiner Meinung der Stern des reinsten Lichtes an dem weiten Firmament unserer Vergangenheit“, der „die Kräfte der Nation [...] mit richtigem Instinkte in die großen Kolonisationen“ des Ostens gegossen habe.[105] Indessen war Sybel nicht der Erste, der Kritik an der mittelalterlichen Kaiserpolitik übte.[106] Folgenreicher für das Geschichtsbewusstsein der bürgerlichen Schichten dürfte Gustav Freytag gewesen sein, der mit seiner Kaiserkritik schon bei Karl d. Gr. ansetzt und ebenfalls 1859 die Parole von der mittelalterlichen ‚Ostkolonisation‘ als der „größten That des deutschen Volkes in jenem Zeitraum“ ausgab.[107] Diese jetzt ‚Ostkolonisation‘ genannte mittelalterliche Ostsiedlung, auf die Hitler mit dem Gebiet östlich der Elbe sich bezieht, hatte sich ohne willentliche Reichsvorgaben gewissermaßen selbstläufig ergeben und wurde erst im 19. Jahrhundert wahrgenommen, als man mit einer ‚Germanisierung‘ der östlichen Gebiete Preußens der allmählich drohenden Majorisierung durch nach Preußen drängende Polen zu begegnen versuchte. Der Osten aber hatte über das ganze 19. Jahrhundert hinweg nichts Verheißungsvolles, mit dem die Bewohner der deutschen Kleinstaaten, die auf die Verbesserung ihrer Lage und damit oft auf Auswanderung sannen, zum Ansiedeln hätten verlockt werden können. Die in ein Millionenheer mündende europäische Auswanderung hatte bereits im 19. Jahrhundert eine seit dem 16. Jahrhundert vorbereitete und bis heute fortdauernde und vorherrschende Richtung: „Go West!“, und zwar dem amerikanischen Pioniergeist auf der Spur, der die „Frontier“ im Indianerland immer weiter an den Pazifik vorschob. So warb bereits 1683 der Quäker William Penn in Worms um Einwanderer für seine Kolonie Pennsylvanien. Er wurde zum „Entvölkerer Deutschlands“.[108] Alle Bestrebungen Preußens im 19. Jahrhundert scheiterten wie auch der eigens zum Siedlungszwecke 1894 gegründete „Deutsche Ostmarkenverein“. Auch der konnte nicht verhindern, dass die bereits ansässige deutsche Landbevölkerung, wenn nicht gleich nach Amerika, so in die aufstrebenden Industrieregionen in den damaligen Westen Preußens an die Ruhr zog und die Landarbeit den schnell nachrückenden Polen überließ, die es indessen auch schon nach Westen führen konnte, wo sie zu „Ruhrpolen“ wurden.[109]
1902 spricht der Gelehrte und Publizist Ottomar Schuchardt vom Osten. Er geht auf ausdrückliche Distanz zu den „Ostmärkern“ und folgt einem von Friedrich List und Constantin Frantz vorgegebenen imperialistischen Ansatz, mit dem er alle kleindeutsch-großdeutschen Gegensätze hinter sich lassen will. Auch für ihn ist klar, dass „Deutschlands Entwicklungsgang zum guten Teile vorgezeichnet worden ist durch den Drang nach Osten, – wie die ganze deutsche Geschichte soweit sie ein Wachsen und Vorwärtskommen bedeutet, im Wesentlichen eine Schilderung ist der Verflechtungen Deutschlands mit seinen östlichen Marken“.[110] Der ehemalige Reichskanzler Fürst von Bülow greift 1916 in seiner ‚Deutschen Politik‘ diesen Zusammenhang auf und akzentuiert ihn folgendermaßen: „Das Kolonisationswerk im deutschen Osten, das, vor beinahe einem Jahrtausend begonnen, heute noch nicht beendet ist, ist nicht nur das größte, es ist das einzige, das uns Deutschen bisher gelungen ist. [...] Dies Neuland im Osten, erobernd betreten in der Zeit höchster deutscher Reichsmacht, mußte uns bald staatlich und vor allem national Ersatz werden für verlorenes altes Land im Westen. [...] Die gewaltige östliche Kolonisationsarbeit ist das beste, das dauerndste Ergebnis unserer glanzvollen mittelalterlichen Geschichte.“[111]
Der Alldeutsche Heinrich Class hält in seiner über dreißig Jahre erfolgreichen ‚Deutschen Geschichte‘ (zuerst 1909) fest, dass „dem deutschen Volke die größte Tat seiner mittelalterlichen Geschichte: die Eroberung und Besiedlung des Ostens“ gelungen sei. „Was sagt das heutige Geschlecht dazu, dem es nicht gelungen ist, das bißchen Preußisch-Polen einzudeutschen?“[112] In einem Lehrbuch für Politik aus den 1920er Jahren stellt der Autor bedauernd fest, dass es in dem im Versailler Vertrag festgelegten Polnischen Korridor, der Ostpreußen vom Deutschen Reich trennte, keine konsequent ‚deutsche‘ Politik schon im 12. Jahrhundert gegeben habe: „Aber in eigentümlicher Kurzsichtigkeit ist schon damals zwischen Oder und Weichsel eine Lücke im deutschen Siedlungsblock entstanden, die auch später nie mehr durch Nachschub völlig ausgefüllt worden ist.“[113]
Während also zunächst einmal das Phänomen der Ostsiedlung unter gleichzeitiger ideologischer Aufladung mit dem heute strittigen Begriff „Ostkolonisation“ zur Kenntnis genommen wird, versucht man es schließlich mit nationalem Anspruch und dem Aufruf zum Kampf zu neuer politischer Verwirklichung zu drängen. Die Folgenlosigkeit, mit der das geschah, hat sicher ihren Grund darin, dass das deutsche Kaiserreich im 19. Jahrhundert keine ostimperialistischen Zielsetzungen verfolgt hat. Erst im Sommer 1918 standen deutsche Truppen auf einer Linie, die von Narva im Norden über den Dnjepr bis Rostow am Don reichte.[114] Mit Kriegserinnerungen zog in den 1920er Jahren der Weltkriegsgeneral und anschließende Baltikumskämpfer Rüdiger Graf von der Goltz durch die Republik und referierte als ehemaliger Befehlshaber im Baltikum über den Osten, der in seinen Augen als Siedlungsland für Deutschland erschlossen werden sollte.[115]
Was macht nun die Nuance aus, die Hitlers Beschreibung von 1927 zu diesem Chor beiträgt? Sie ist ein Hinweis auf das Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation von 1806 und die seither in Österreich anders verlaufende Entwicklung im Vielvölkerstaat der Habsburger. Hitler meint indessen, „dass eine Scheidung der Geschichte etwa in eine deutsche und österreichische gar nicht denkbar erscheint. Ja, als endlich Deutschland sich in zwei Machtbereiche zu trennen begann, wurde eben diese Trennung zur deutschen Geschichte. Die zu Wien bewahrten Kaiserinsignien einstiger Reichsherrlichkeit scheinen als wundervoller Zauber weiter zu wirken als Unterpfand einer ewigen Gemeinschaft.“[116]
Sichtbar ist, dass Hitler die von Sybel aufgegriffene und fortgesetzte Verunglimpfung der Kaiserpolitik[117] nur zum Teil aufnimmt. Schlüssel zum Verständnis dieser von der preußischen Sichtweise abweichenden Gewichtung, die nichtsdestoweniger daran festhält, dass falsche Politik „unserem Volke Millionen seiner edelsten Blutträger raubte“, ist die Kolonisation der Ostmark durch die Bajuwaren, die in der kleindeutschen Diskussion mit dem preußischen Nationalstaat als Ziel aus dem Blickfeld geraten war. Sie vollzog sich während des Kaisertums der drei Ottonen nach der siegreichen Schlacht gegen die Ungarn 955 auf dem Lechfeld unter Otto I., Otto II. und Otto III. Urkundlich wird 976, also veranlasst durch Otto II., zum ersten Mal die „marcha orientalis“ erwähnt, während 996 in einer Urkunde Ottos III. erstmalig von „ostarrîchi“ als Name der „marcha“ die Rede ist.[118]
Wenn Preußen von „Ostmark“ sprachen, geschah das im Plural und bezog sich auf die an Polen grenzenden Gebiete und hatte nie etwas zu tun mit der bajuwarischen Ostmark als Ursprungsort Österreichs. Der „Deutsche Ostmarkenverein“ vollzog dann 1933 eine Namensänderung, mit der er sich öffentlichkeitswirksamer in Szene setzen wollte, und nannte sich jetzt „Bund Deutscher Osten“. Denn in den westlichen Reichsteilen war es immer schwer, für die Probleme an der preußischen Ostgrenze ein Echo zu finden. Die „Ostmarken“ interessierten westlich der Elbe kaum jemanden.[119] Im Neuen Brockhaus, Bd. 3, Leipzig 1937 wird im spaltenlangen Artikel „Ostmarkenpolitik“ noch so viel zusammenfassend festgehalten:
„Die Ostmarkenpolitik ist,
vor allem in Hinblick auf die räumliche Trennung Ostpreußens vom Reich, nur ein
Teilgebiet der übergeordneten Aufgabe der Sicherung des deutschen Ostens
geworden. Die Maßnahmen des Dritten Reichs (Siedlungspolitik, Stärkung und
Vermehrung des Bauerntums, Seßhaftmachung der Landarbeiter, planmäßige Durchdringung,
wirtschaftliche Erschließung und kulturelle Förderung des deutschen Ostraumes)
werden unterstützt durch die Bestrebungen des 1933 gegründeten Bundes Deutscher
Osten.“
Hitler hingegen hält an seinem „Ostmark“-Begriff fest und zieht ihn dem Namen „Österreich“ vor, weil er mit „Österreich“ immer noch den „Nationalitätenstaat“ assoziiert, in dem die ebenfalls verachteten Habsburger die Interessen der „Ostmark“-Deutschen verraten hätten.[120] Positiv ist höchstens die Bezeichnung „Deutschösterreich“. Und „Deutschösterreich muss wieder zum großen deutschen Mutterlande“ – gewissermaßen als die „alte Ostmark des Reiches“ –, wie er gleich auf Seite 1 seines Buches verkündet, weil „gleiches Blut [...] in ein gemeinsames Reich“ gehöre.[121]
Diese Sichtweise verbreitet auch Richard Suchenwirth, Historiker und frühes Mitglied der Nationalsozialistischen Partei Österreichs, ab 1935 im Leipziger Verlag von Georg Dollheimer. Er strebt ebenfalls aus tausendjähriger Perspektive vom Mittelalter her das „Großdeutsche Reich“ an, denn „Volk will zu Volk, Volk muss zu Volk“.[122] Bei aller Distanzierung von der Italienpolitik der Kaiser nimmt er Otto I. von einer generellen Verurteilung aus, was deutlich zeigt, wie gut Otto der Große gerade von Österreich her mehr noch als sein Vater in die Ahnenreihe völkischen Denkens passte:
„Allerdings sind die deutschen Stämme auf diesen Zügen nach dem Süden erst recht zu einer Einheit zusammengewachsen. Aber das wäre auch gegen die Slawen und Magyaren möglich gewesen und hätte hier dauernden Gewinn gebracht. So aber haben wir im Mittelalter den winkenden Siegespreis verscherzt. Otto selbst hat ja in beider Hinsicht seinen Mann gestanden, und wenn auch die Zukunft nur einen Teil der Verheißungen von 955 erfüllte, so stehen doch die Ostmark Österreich und im Grunde auch die spätere Mark Brandenburg auf den Schultern des von diesem Kaiser Errungenen. So weist sein Werk überall weit über seine Zeit hinaus.“[123]
Als Hitler am 15. März 1938 vom Balkon der Wiener Hofburg „vor der Geschichte nunmehr den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich“ meldete, teilte er den Österreichern auch ihre Aufgabe mit: „Die älteste Ostmark des deutschen Volkes soll von jetzt ab das jüngste Bollwerk der deutschen Nation und damit des Deutschen Reiches sein.“
Erstaunlich, dass trotz dieses offen liegenden Hintergrunds Schwierigkeiten entstehen, wenn die Bedeutung der Bezeichnung „Unternehmen Otto“ zu erschließen ist, wie „Die militärische Weisung für den Einmarsch in Österreich vom 11. März 1938“ im Untertitel heißt.[124] In der „Anschluss“-Literatur bleibt es in der Regel bei der bloßen Erwähnung.[125] In der maßgeblichen Monographie von Norbert Schausberger wird die Bezeichnung ohne große Überzeugung mit Otto von Habsburg in Verbindung gebracht, weil der eine Zeit lang Anfang der 1930er Jahre für eine kurzfristig erwogene Restauration der Monarchie zur Verfügung stand: „Ein weiteres Missverständnis in Bezug auf den Sonderfall ‚Otto‘ liegt insofern vor, als es sich dabei (...) keineswegs um eine Interventionsrichtlinie nur für den Fall einer Restauration handelte, sondern um ein Konzept zur Ausnützung einer ‚günstigen Gelegenheit‘, zu der die Otto-Bezeichnung aus Tarnungsgründen weiter herhalten musste.“[126] Dichter an die Bedeutung reicht eine französische Arbeit von 1966 heran. Da zitiert J. Benoist-Méchin eine in „Le Temps“ vom 13. 3. 1938 wiedergegebene Stimme im Wiener Rundfunkhaus vom 12. 3. 1938: „Nach tausendjähriger Geschichte ist endlich der Tag gekommen, da ein einiges deutsches Volk wiedererstanden ist.“[127] Spätestens die mit Weisung Hitlers am 24. 5. 1938 erfolgende Umbenennung Österreichs in „Ostmark“ hätte dafür hellhörig zu machen, in welchen Traditionen Hitler sich stehen sah.[128]
Nun gibt es für die Namengebung „Otto“
keine weiteren direkten Quellen, aus denen Aufschluss darüber zu gewinnen wäre,
wen Hitler denn nun wirklich gemeint hat. Vor demselben Problem standen
Dirks/Janßen, als sie 1999 über den von General Franz Halder 1940 als „Plan
Otto“ ausgearbeiteten Russlandfeldzug ausführlich berichten. Sie schreiben,
dass unklar sei, wer auf diesen Namen gekommen war. „Zunächst benutzte es
[Stichwort ‚Otto‘] nur die Reichsbahn, doch allmählich wurde es auf alle
militärischen Vorbereitungen des Russlandfeldzuges angewandt.“[129]
Nach einer Besprechung mit Hitler schrieb Halder am 5. Dezember 1940 in sein
Kriegstagebuch: „Otto: Vorbereitungen entsprechend den Grundlagen unserer
Planungen voll in Gang setzen.“[130]
Kurz darauf ergeht dann aber am 18. Dezember 1940 für die Planungen Halders von Hitler die Weisung anstatt zu „Plan
Otto“ zum „Fall Barbarossa“.[131]
Zu dieser nun geltenden und sprichwörtlich gewordenen Tarnbezeichnung bedarf es
keiner weiteren Quellen darüber, wer gemeint ist. Es gibt auch keine, wie es ja
auch keine Quellen für die sonstigen, im Unterschied dazu aber ziemlich
nichtssagenden Tarnbezeichnungen gibt: „Fall Grün“ für den Angriff auf die
Tschechoslowakei, „Fall Weiß“ für den Angriff auf Polen, „Fall Weserübung“ für
die Besetzung Norwegens und Dänemarks, „Operation Seelöwe“ für die
Vorbereitungen zur Landung in England oder „Walküre“ für Gegenmaßnahmen bei
Aufständen im Reich selbst. Dem nach, wie Otto I. in großen Teilen nationalgeschichtlicher
Rezeption als heroischer Slawenbekämpfer oder weitsichtiger Initiator der
Slawenmission und als Held der Lechfeldschlacht gegen Ungarn und „Asien“
dargestellt wurde und ihm als Kaiser mehr Aufmerksamkeit zukommen konnte als
seinem Vater und ‚nur‘ König gebliebenen Heinrich I., kann es gar keinen
Zweifel darüber geben, an wen Halder oder die Beamten der Reichsbahn bei ihrer
Tarnbezeichnung gedacht haben können. Es war ihnen indessen nur nicht bewusst,
dass für Hitler der Name bereits als vergeben gelten musste, brachte Hitler
doch am offensichtlichsten mit Otto I. die „alte Ostmark des Reichs“ in Zusammenhang.
Denn da „Unternehmen Otto“ eben eine Tarnbezeichnung war, die – anders als beim
drei Jahre später beginnenden „Unternehmen Barbarossa“ – wegen des binnen Stunden
erfolgreichen Einmarschs in Österreich auch schon ihre Schuldigkeit getan
hatte, wussten eh nur die am unmittelbarsten Beteiligten von der so
bezeichneten militärischen Weisung.
Unter den Tarnbezeichnungen für kriegerische Operationen fällt also nur das „Unternehmen Otto“ aus dem Rahmen, findet aber eine Entsprechung in der Wahl von „Barbarossa“, indem der Russlandfeldzug als das größte Vorhaben Hitlers und seiner Generäle als ein Kreuzzug gegen den „jüdischen Bolschewismus“ dargestellt wird. Hitler habe es nämlich „als ein günstiges Vorzeichen betrachtet, dass er von seinem Wohnsitz und Hauptquartier in Berchtesgaden aus den Untersberg sehen konnte, einen von Barbarossas legendären, wenn auch gerade nicht aktuellen Schlafplätzen“. Denn im Rahmen der von Hitler persönlich vorgenommenen Einweihung des „Hauses der Deutschen Kunst“ im Juli 1937 „wurde Barbarossa als derjenige deutsche Herrscher gerühmt, der als erster den germanischen Kulturgedanken ausgesprochen und als Bestandteil seiner imperialen Mission nach außen getragen habe“.[132]
Da sich also für die Bedeutung der Tarnbezeichnung „Otto“ nur ein Indizienbeweis führen lässt, seien noch folgende Überlegungen angestellt: Bedenkt man, unter welch „improvisatorischen“ Voraussetzungen – Hitlers vormaliger Generalstabschef Beck hatte den 1937 in Auftrag gegebenen „Sonderfall Otto“ unbearbeitet gelassen –[133] und unter zunächst nicht absehbaren Folgen vor allem hinsichtlich außenpolitischer Reaktionen es zur „Weisung“ kam und dass sie Hitlers ersten Akt in seiner neuen Eigenschaft als Oberbefehlshaber der Wehrmacht darstellt, wobei indessen „das Risiko [...] nicht sehr groß“ war,[134] und dass Hitler am Abend des 11.3. eine zweite Weisung zum „Unternehmen Otto“ erteilte,[135] könnte umso nachvollziehbarer werden, dass er sich in den Spuren eines großen Vorgängers gehen sehen musste, um sich selbst Sicherheit und Überzeugungskraft einzureden. Denn es ging um den „Auftakt der Expansionsphase“ und die „Öffnung des Südostraumes“.[136] Dieses Handlungsmuster, sich an Vorbildern zu orientieren und ihren vermeintlichen Spuren zu folgen, entspricht sowieso einer Metapher in der Denkweise Hitlers und den zahlreichen im „Dritten Reich“ abgehaltenen Totenfeiern, auf die er ebenfalls in „Mein Kampf“ hinweist, und zwar am Anfang des ersten Bandes noch vor dem ersten Kapitel und am Ende des zweiten, nämlich dem Vermächtnis der Toten „im treuen Glauben an die Wiederauferstehung ihres Volkes“ zu folgen. Und nicht nur Hitlers: So hatte sich schon der deutsche Kaiser Wilhelm II., wie in Kap. 2.2 erwähnt, „ein Beispiel an der Weltpolitik des sächsischen Kaisers Otto der Große“ genommen und geglaubt, „dass die mittelalterliche Universalität des Reichs den deutschen Imperialismus des beginnenden 20. Jahrhunderts rechtfertigte“ (Hagen Schulze, wie Anm. 11).
Parallel zur Todesfeier von Quedlinburg war 1936 an
den Herrschaftsantritt Ottos zu erinnern. Das tat, überzeugt von der Bedeutung
des Mittelalters für die Gegenwart, der renommierte Historiker Robert Holtzmann. Seine Ottobiographie
widmete er „Dem Deutschen Volke“.
Otto feierte er als einen, dessen Herrschaft bezeuge, „wie wir ein Volk
geworden sind“, und sprach davon als von „köstlichem und unvergänglichem Inhalt“.
Nach der „Gleichschaltung“ der Länder und der Abschaffung
ihrer föderalen Hoheitsrechte galt nämlich Hitler als Vollender eines als
tausendjährig angenommenen Deutschwerdungs- und Reichseinigungsprozesses in der
Nachfolge der ersten beiden Ottonen und Bismarcks. Zum ersten Mal gab es seit
der „Verordnung über die deutsche Staatsangehörigkeit“ vom 5. 2. 1934 (RGBl. I,
S. 85) für die Deutschen einen einheitlichen Ausweis, der sie nun
unterschiedslos als deutsche Staatsbürger kenntlich machte – und das bis heute.
Im vorausgegangenen „Gesetz über den Neuaufbau des Reiches“ vom 30. Januar 1934
heißt es dazu einleitend: „Die Volksabstimmung und die Reichstagswahl vom
12. November 1933 haben bewiesen, dass das deutsche Volk über alle
innenpolitischen Grenzen und Gegensätze hinweg zu einer unlöslichen, inneren
Einheit verschmolzen ist“ (RGBl. I, S. 75). Bis dahin zerfiel das ‚deutsche Volk‘ noch in
Preußen, Sachsen, Badener, Bayern usw., die erst als solche Reichsbürger waren
und zu ihrer nicht weiter ausgewiesenen deutschen Staatsangehörigkeit kamen.
Dem folgte am 15. 9. 1935 am „Reichsparteitag der Freiheit“ das
„Reichsbürgergesetz“, das deutsche Staatsangehörige, die nicht „deutschen oder
artverwandten Blutes“ waren, von der Reichsbürgerschaft ausschloss.
Im Unterschied zu den gleichzeitig rassistisch
verunglimpften jüdischen deutschen Staatsbürgern waren die „echten“ Deutschen
ahnenpassüberprüft also auch Reichsangehörige, was den jüdischen Mitbürgern
vorenthalten wurde. „Wenn Hitler eines geschafft hat, dann ist es die
Einheit der Deutschen“, gestanden auch die kritischeren Zeitgenossen zu.[137]
Für die Schulen hatte das unmittelbare Folgen: Aufsatzthemen konnten „Von
Heinrich I. zu Adolf Hitler“ lauten.
Die neu konstituierte „Deutsche Reichsbahn“ brauchte
noch geraume Zeit, ehe sie dieser Reichseinigung nachkam und für das gesamte
Reichsgebiet ein einheitliches Kursbuch vorlegen konnte. Aber Ende der 1930er
Jahre konnten dann Reisende ohne Umstände und Umsteigen Landesgrenzen
überschreitende Züge benutzen und direkt von Hamburg nach München fahren. Die
Autobahnen taten ein Übriges. Also deutsche Einigungseuphorie in einem
jahrelangen Kontinuum mit dem baldigen „Anschluss“ Österreichs, der
„Einverleibung“ der Sudeten und der daraus folgenden Etablierung des
Protektorats Böhmen und Mähren, damit aus Deutschland „Großdeutschland“ mit arrondierten
Grenzen wurde. – Mit Verordnung vom 3. Juli 1938 wurden dann die Österreicher
sammeleingebürgert und erhielten die deutsche Staatsangehörigkeit, was entsprechend
mit den Sudetendeutschen am 20. November 1938 geschah.
An dieser völkisch gestimmten Einigungseuphorie
wollten viele lauthals teilhaben. So gaben die Duisburger ihrem Stadtzentrum am
Anfang des Hellwegs, der in West-Ostrichtung auch an der Wewelsburg
vorbeiführt, am 1. August 1936 den Namen „König-Heinrich-Platz“, wie er heute
noch heißt. Und die Bad Soden-Salmünsteraner im hessischen Spessart, nicht
faul, zogen mit einer frisch gebohrten Heilquelle am 25. 8. 1936 als
„König-Heinrich-Spru-del“ in der Erinnerung an den „großen Volkskönig Heinrich
der Vogler“ nach.
Wie selbstverständlich schwamm Himmler in dieser
Stimmung mit und wollte sich elitär mit seinem „Orden nordischer Männer“ an
deren Spitze stellen, wobei Hitler keinen geringeren Anteil daran hatte, in
seinen Projekten tausendjährige Vorgaben erfüllt zu sehen, wie sie sich
zunächst vor allem im „Anschluss“ seiner Heimat Österreich darstellten. Dass
Himmler aus seiner Heinrichsverehrung kein Hehl zu machen brauchte, sondern sie
als besonders adeliges persönliches Kennzeichen hervorkehren konnte, lag also
in der allgemeinen Feier tausendjährigen Deutschtums auf der Hand.
Von diesen doch bemerkenswerten symbolpolitischen
Vorgängen neben dem allseits bekannten „Unternehmen Barbarossa“, alle abgesehen
von Details eigentlich spätestens seit dem Nürnberger Militärtribunal und
Frischauers Himmler-Monographie von 1953 öffentlich bekannt und für
Mediävisten, die zuvor im „Dritten Reich“ sich tausend Jahre deutscher Geschichte
erfüllen sahen, mühelos rekonstruierbar, wird bisher noch in keinem
Geschichtswerk gesprochen. Dürfte Scham Aufklärung verhindert haben, nämlich
nicht mehr an das erinnert werden zu wollen, was man doch so vollmundig dem Regime
von allen Seiten symbolisch angeboten hatte? Dafür hielt und hält man sich an
Himmler, dem „Reichsheini“, den im „Dritten Reich“ angeblich alle schon für
eine unmögliche Figur gehalten hatten, wie an einem Sündenbock nachträglich
schadlos. Er allein mochte alles Mögliche mit der Geschichte gemacht, sie wie
kein anderer „missbraucht“ und für seine Bedürfnisse geplündert haben: Es war seinem
„Spleen“ zuzuschreiben oder seiner Dämonie, von der nach wie vor auch in seriöserer
Literatur gesprochen wird. Als wäre der neben Hitler Mächtigste, unmittelbarer
als alle anderen zum direkten Zugriff auf SS-Machtmittel befugt, als
Persönlichkeit von niemandem ernst zu nehmen gewesen oder andererseits so
monströs, dass menschliches Verständnis ihm gegenüber klein beigeben müsse...
Ist er erst genügend dämonisiert, können heutige Historiker immer noch so tun, als habe die damalige Geschichtswissenschaft in Abwehr zur symbolpolitischen Instrumentalisierung Heinrichs und seines Sohnes Otto gestanden. So genannte Altmeister der Ottonenforschung schreiben in der Gegenwart über Otto I. und seine Rezeption, als hätte es das „Unternehmen Otto“ und die von Hitler am 24. 5. 1938 angeordnete Umbenennung Österreichs in „Ostmark“ nie gegeben, und behaupten, in dem folgenden Lobgesang auf die Leistungen Ottos die deutliche „Kritik an der nationalsozialistischen Abwertung Ottos“ herauslesen zu können, wo es sich doch im Gegenteil um die Integration Ottos in die zeitgleiche reichseinigungseuphorische Stimmung handelt und sich hier vor allem ein Historiker über seine Ausweispapiere freut, die ihn zum ersten Mal in der Geschichte ohne Umweg über die jeweilige föderale Landeskinderschaft direkt als Angehörigen der deutschen Nation bezeugen:
„Gegen den nationalsozialistischen Heinrich-Kult fasste Robert Holtzmann das Urteil über Otto d. Gr. programmatisch in einer Biographie zusammen, die er 1936 ‚Dem Deutschen Volke‘ widmete: ‚Einem kühnen Wollen und einer tiefen Sehnsucht der deutschen Menschen hat Kaiser Otto der Große Richtung und Sieg gegeben. Mit klarem Blick und staatsmännischem Geist hat er überall da angefasst, wo es in seinem Land Not tat. Die Ostpolitik, die dem deutschen Volk neue Räume erschloss, die Italienpolitik, die das junge Reich in den Kreis der Mittelmeervölker führte, wo der Westen und der Osten sich berührten, Welthandel und Weltgeschichte pulsierten, die Germanenpolitik, der er ein starker und weitschauender Vorkämpfer war, legen davon Zeugnis ab. Eben deshalb haben wir es seinem Wirken nach innen und außen zu danken, daß die verschiedenen deutschen Stämme, die bis dahin nebeneinander und leider nur allzu oft auch gegeneinander gestanden hatten, sich zu einer Einheit zusammenfanden, sich ihrer Gemeinsamkeit und Zusammengehörigkeit bewußt wurden. Wie wir ein Volk geworden sind: das ist der köstliche und unvergängliche Inhalt der Geschichte Ottos des Großen.‘ Deutlich ist die Kritik an der nationalsozialistischen Abwertung Ottos; deutlich wird im Rückblick auf die jahrzehntelange Kontroverse aber auch, dass die Übergänge zwischen einem nationalen und dem nationalsozialistischen Geschichtsbild fließend waren.“[138]
Dass die
nationalsozialistische Politik mit Hitler auch als militärischem
Oberbefehlshaber und seinem ersten Befehl in gut
nachvollziehbarer und damals ständig präsent gehaltener nationalgeschichtlicher
Tradition auf Otto d. Gr. und seine Söhne Otto II. und Otto III. als symbolischen
Gründern Österreichs – der „ottonischen Grenzmarken“ und schließlich der „Ostmark“
– zurückgriff, muss für eine solche
zeitgenössische Mediävistik wie eine böse, willkürliche Erfindung erscheinen,
nachdem dieser Sachverhalt über 60 Jahre einfach nicht mehr zur Kenntnis
genommen wurde, aber spätestens z.B. in den vielen Auflagen von Walther Hofers Dokumentensammlung zum
Nationalsozialismus von 1957 für jedermann immer zugänglich war. Dass also Holtzmann mitnichten gegen irgendetwas
Nationalsozialistisches anschreibt, sein Geschichtsbild vielmehr darin aufgeht
und er in seinem Herrscherlob von 1936 direkt auch Hitler meint, dürfte als
Tatsache anzusehen sein.[139]
Albert Brackmann als der
Ranghöchste in der damaligen Historikerschaft postierte die ersten beiden Ottonen
propagandistisch als Vorläufer in die erste Reihe des mit Kriegsausbruch
offenkundig gewordenen Ostimperialismus. Nach dem Überfall auf Polen bestellte
nämlich die SS für ihren „Ahnenerbe“-Verlag zur Rechtfertigung der in Osteuropa
ins Auge gefassten Projekte eine Propagandaschrift, die Brackmann aus dem Handgelenk lieferte: Krisis und Aufbau
in Osteuropa. Ein weltgeschichtliches Bild, Berlin 1939. Er stellt z. B.
Ottos Absicht, dem Magdeburger Erzbistum „die ganze Slawenwelt zu unterstellen“,
als den „umfassendste[n] Plan“ dar, „den je ein deutscher
Staatsmann hinsichtlich des Ostens gefasst hat“.[140]
Wie sehr Mediävisten in
Hitlers Regime ihre Vorstellungen vom Mittelalter erfüllt sahen und dass Holtzmann und Brackmann wie auch Suchenwirth
keine Ausnahmen waren, sondern das anschaulichst verkörperten, was heute
„Mediävalismus“ (Otto Gerhard Oexle)
genannt wird, zeigt ein sonst eher als nüchtern einzuschätzender Geist wie Friedrich Baethgen 1939 nach dem
„Anschluss“ Österreichs und der „Einverleibung“ des Sudetenlandes in „Großdeutschland“,
dessen Grenzen sich mehr und mehr arrondierten. „Das vergangene Jahr“,
so erklärte er, „hat uns ein Erleben gebracht von einer Größe, wie es nur wenigen
Generationen des deutschen Volkes beschieden gewesen ist. […] Eine
Forderung wurde verwirklicht, die sich mit innerer Notwendigkeit aus dem gesamten
Ablauf unserer Geschichte ergeben hatte.“ Dabei sah er den Schatten des
mittelalterlichen Reiches sich hinter dem „Großdeutschen Reich“ erheben.[141]
Einer der „Stars“ dieses Mediävalismus, Hermann
Heimpel, schrieb im gleichen Zusammenhang: „Wie frei und glücklich ruht aber unser Blick auf dem Ersten
Reiche der Deutschen. Nicht ihm erborgt, sondern neu beschworen ist die Kraft,
aus der Adolf Hitler den Deutschen ihr Reich erhöhte. [...] Österreich
fand heim - die Krone der Könige wird im Großen Deutschen Reich gehütet. Die
‚neueren‘ Zeiten des geschwächten Deutschlands sind vorüber. Was aber
erstritten wird, war auch die Ordnung des Ersten Reichs: der Friede der Völker
aus der Kraft ihrer Mitte.“[142]
Ein gebranntes Kind erteilt dieser nationalen Konstruktion des Mittelalters auf
seine Art eine Absage. Es ist der aus dem heute in Polen gelegenen Bromberg
gebürtige Joachim Fernau, der sich 1972 zur ‚deutschen Kaiserherrlichkeit‘
äußert: „Ja, es ist wahr, sie war groß. Aber die wenigsten sehen, daß von
dieser ‚großen‘ Zeit außer den Erinnerungen keine staatspolitischen
Auswirkungen, nichts, aber auch nicht das geringste auf unsere heutige Zeit
überkommen ist. Die 300 Jahre, die damals mit Heinrich I. begannen, waren die
schönsten – und vergeblichsten. Die sinnvollsten (damals) und die sinnlosesten
(heute). Sie sind die allertotesten.
Und die allergefährlichsten für unsere Träume.“[143]

Heinrich I. und Otto I. in einer volkstümlichen
Darstellung
(Auffällig die Größe Heinrichs neben seinem Sohn. Das entspricht der
preußisch-nationalen Hochschätzung, in der bereits F. L. Jahn Heinrich als den
Großen und seinen Sohn Otto für die nationalen Belange gar nicht erwähnte. Auch
Ernst W. Wies hätte in seiner Ottobiographie von 1989 am liebsten Heinrich I.
den Großen genannt, wo er doch für ihn „zu den tragenden Vätergestalten der
Weltgeschichte“ gehört. Je nach
Gewichtung der mittelalterlichen Italien- und Rompolitik konnte so Heinrich
oder Otto in der Zuerkennung von Größe vorgezogen werden.)
Eine auffällige, aber sicher nicht die beste
Gelegenheit zur Reflexion und Aufarbeitung der seit dem Nürnberger Prozess bekannten
Fakten dürften 1996 die Feierlichkeiten zum 1000-Jahre-Österreich-Jubiläum
gewesen sein. Aber da wurde selbstverständlich (?) Hitler nicht erwähnt, der
sich indessen auf die gleichen tausendjährigen Genealogielinien berief. Diese
hatten parallel zum „Anschluss“ ein anderes, gegensätzliches Phänomen
generiert, das zusätzlich zeigt, wie flächendeckend die Ottonen zur
Instrumentalisierung anstanden: Während der „Anschluss“-Phase existierte
kurzfristig eine widerständige Studentenverbindung, die sich die „Ottonen“
nannte und als Gegenreaktion auf die nationalsozialistischen Bestrebungen
verstand. Sie löste sich infolge der schnell einsetzenden Verfolgung schnell
auf, und ihre Mitglieder verschwanden in der Illegalität.[144]
Hätte man sich bei den Feierlichkeiten auch auf diese Studentenverbindung, die
lediglich zwei Monate existierte, berufen, wäre insgesamt über den Sinn von
Instrumentalisierungen bei nationalgeschichtlich zu gewichtenden Vorgängen zu
sprechen und eben auch Hitlers damals weit abgesichertes Legitimationsverfahren
zu reflektieren gewesen.
Wenn man bedenkt, welche Rolle Juden als wichtige Verbindungs- und
Kaufleute im mittelalterlichen Reich in den islamischen Orient spielten, dass
Otto d. Gr. wie auch sein Sohn Otto II. bekannterweise ihre Rechte in Magdeburg
oder Mainz bestätigten, Otto II. sogar ausdrücklich die Familie der Kalonymiden
am Rhein angesiedelt haben soll, dass Bischöfe, Fürsten, Könige und Kaiser
lange Zeit eine schützende Hand über die Juden hielten und Barbarossa von den
Juden als Heilsbringer um Schutz angerufen wurde, wird umso deutlicher, dass
die Instrumentalisierung mittelalterlicher Herrscher in späteren Zeiten und vor
allem im deutschen Nationalismus und Nationalsozialismus je eigenen Interessen
folgte und sie jetzt sogar das Patronat für die Vertreibung und Vernichtung
jüdischer deutscher, österreichischer und schließlich europäischer Mitbürger
übernehmen mussten. Der rassisch-völkische Blickwinkel ist eben einer, in dem
wie bei allen Instrumentalisierungen die Bedürfnisse der Gegenwart in die
Vergangenheit so projiziert werden, dass die vergangene Wirklichkeit in isolierender
Rezeption nur mehr zum Schein vergegenwärtigt wird.
Denn worum ging es bei den auffälligen
Instrumentalisierungen Hitlers und Himmlers? Beide agierten in Zusammenhängen,
die das Gewohnte so durchbrachen, dass es in der sie umgebenden Bezugsgruppe
keinen professionalisierten Rückhalt außer dem bloßer Anhängerschaft nach dem
Führer-Gefolgschaftsprinzip geben konnte. Gerade im Zusammenhang des
„Anschlusses“ fällt auf, unter welchem Bewährungsdruck sich Hitler stehen sehen
musste, nachdem er sich am 4. 2. 1938 selbst zum Oberbefehlshaber der Wehrmacht
erklärt hatte und jetzt zum ersten Mal in dieser Eigenschaft aktiv in Erscheinung
treten wollte. Der „Anschluss“ war ein widerrechtliches Unterfangen, mit dem
das in Europa inzwischen etablierte Nationalstaatsprinzip unterlaufen und
ausgehebelt werden sollte. Als im März 1938 für Hitler nach Einschätzung der
internationalen Lage der günstige Moment gekommen zu sein schien, war also zu
improvisieren. Woher aber bei offenem Ausgang die Sicherheit des Gelingens
nehmen, wenn das eigene Umfeld das Gegenteil kompetenten Rückhalts liefert? Es
muss woanders ausgeborgt werden, nämlich bei in der historischen Überlieferung
bereit gehaltenen abrufbaren Vorbildern, die man in mutmaßlich ähnlicher Lage
zum Erfolg schreiten sah. Karl der Große hatte schon im Südosten seines Reiches
den Awaren gegenüber mit der Einrichtung von Marken für Sicherheit gesorgt.
Wenn man so will: In der Wiederaufnahme karolingischen Erbes war es Otto
gelungen, in der siegreichen Auseinandersetzung mit einem östlichen Feind die
Voraussetzung zur Bildung der bajuwarischen Ostmark zu schaffen. Und Hitlers
Erfolg gestaltete sich, schließlich risikofrei, ebenfalls imperial; und was
Bismarck mit der Reichsgründung nur „kleindeutsch“ gelungen war, wurde bei
Hitler jetzt „großdeutsch“, „denn eine Scheidung der Geschichte etwa in eine
deutsche und österreichische“ erschien ihm ja „gar nicht denkbar“.
So fand eine rein nationalsozialistische 12-jährige Politik im damals flächendeckenden
„Mediävalismus“ und seinen auf einen Jahrtausendraum bezogenen Beschwörungsformeln
ihr von allen Seiten anerkanntes und euphorisch aufgeladenes Legitimationsalibi.
Dieser Mediävalismus war indessen nur eine Sonderform des seit dem 19. Jahrhundert
europaweit vorherrschenden Historismus, in den sich die fortdauernden
Herrschaftsformen des „ancien régime“ in ihren überholten
Feudalstrukturen nach Arno J. Mayer
bis weit ins 20. Jahrhundert konterrevolutionär einkleideten, so dass noch
Goebbels für die Nationalsozialisten befand, dass mit der „Revolution von 1933“
„das Jahr 1789 aus der Geschichte gestrichen“ sei.
Auch Himmlers volkstumspolitisch willfährige Wissenschaftlerstäbe, denen Michael Fahlbusch (vgl. http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/BEITRAG/essays/fami0500.htm) bisher am intensivsten nachgeforscht hat und die er in allen universitären Fachbereichen mit einem von Reichswissenschafts-, Reichsinnenministerium und Reichssicherheitshauptamt der SS üppig bestückten Forschungsetat für ungefähr 1000 Personen dingfest machen konnte, berücksichtigten in den bei ihnen bestellten Planungen, mit denen das im Polen- und Russlandfeldzug begonnene „Programm Heinrich“ für die Gewinnung von „Lebensraum im Osten“ konkretisiert werden sollte, die mediävalistischen Vorgaben. So finden sich in dem am 28. Mai 1942 vorgelegten „Generalplan Ost“ dem mittelalterlichen Feudal- und Lehnswesen entliehene Begriffe, als hätte es wirklich um die Wiederaufnahme und Fortsetzung der mittelalterlichen „Ostsiedlung“ gehen sollen. Die Siedlungswilligen werden „Lehensfähige“ genannt, aus denen „Lehnsnehmer“ werden können. Weitere in diesem Zusammenhang verwendete Begriffe sind „Belehnung“, „Lehenshöfe und –stellen“, „Zeitlehen“, „Erblehen“, und zur Streitschlichtung sollten „Lehensgerichte“ geschaffen werden. Die Siedlungsgebiete selbst wären dem althochdeutsch-mittelhochdeutschen Sprachgebrauch folgend „Marken“ im Sinne von „Grenzgebieten“ gewesen. An ihrer Spitze hätte der „Markhauptmann“ gestanden. Diese etymologische Rückbesinnung führte mit dem Vorrücken der militärischen Ostgrenze 1942 zur