Frank
Helzel
Himmlers und Hitlers
Symbolpolitik mit mittelalterlichen Herrschern
König
Heinrich I. (919-936) und Kaiser Otto I. (936-973)
in ihren nationalgeschichtlichen Rollen
im
Schlussteil des Zweiten Dreißigjährigen Kriegs
1914-1945
„Die Tradition aller
toten Geschlechter lastet
wie ein Alp auf dem
Gehirne der Lebenden.
Und wenn sie eben
damit beschäftigt scheinen,
sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht
Dagewesenes zu
schaffen, gerade in solchen
Epochen revolutionärer Krise beschwören sie
ängstlich die
Geister der Vergangenheit zu
ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen,
Schlachtparole, Kostüm, um in dieser
altehrwürdigen
Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache
die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen.“
Karl Marx, 1852
Die
Kraft kommt von der Tigernase.
Janosch[1]
ihre größten
Wirkungen dort erzielt, wo es gar nicht
um die
Rekonstruktion der Vergangenheit geht?
Valentin Groebner
Bad Wildungen, November 2008
(Letzte Änderung Anm. 186 am 7.06.2011)
Hier können Sie eine PDF-Datei herunterladen: www.himmlers-heinrich.de/heinrich_I.pdf
Anschlussthemen:
* Über
die Slawenkriege seit Karl dem Großen in deutsch-nationalgeschichtlicher
Darstellung: www.himmlers-heinrich.de/slawenkriege.pdf
* Notizen zu Vorbildern und
Himmlers Ende: www.himmlers-heinrich.de/himmlers-ende.pdf
* Grenzkolonialismus
und Propaganda: www.himmlers-heinrich.de/grenzkolonialismus-1939.pdf
* Eroberung und
Kulturzerstörung: www.himmlers-heinrich.de/eroberung.pdf
* Ottonische Eiertänze: www.himmlers-heinrich.de/eiertaenze.pdf
* De- und Rekolonisation: www.himmlers-heinrich.de/dekolonisation-und-grenzen.pdf
* Schlussbetrachtung:
www.himmlers-heinrich.de/schluss.pdf
● Eine Erzählung
→ www.himmlers-heinrich.de/kellerwald-und-zauberberg.pdf
Kontakt: helzel@freecity.de
Inhalt
1...... Thesen zur Symbolpolitik Himmlers und Hitlers - Voraussetzungen und
Folgen (Einleitung)
2...... Heinrich I. und Otto I. in der national-preußischen Tradition..
2.1 Historisches
zu Heinrich I. und Otto I.
2.2 Die
national-preußische Rezeption Heinrichs I. seit dem ‚Turnvater‘ Friedrich
Ludwig Jahn (1810)
3...... Heinrich I. und Otto der Große im „Dritten Reich“.
3.1 „Rede
des Reichsführers-SS im Dom zu Quedlinburg. Am 2. Juli 1936“
3.2.1 Himmler entdeckt den „germanischen“ Ostpolitiker Heinrich I.
3.2.2 Die Wewelsburg als Ausgangspunkt völkischer Vernichtungspolitik
3.2.3 Die Bedeutung von Toten bei der Legitimation von Herrschaft
3.3 Heilige Lanze und Speer Wotans als Vorlagen
für den geplanten Wewelsburgausbau
(1941/1944)
3.4 Otto
I. (936-973) als nationalsozialistischer Patron
3.4.1 Die Einschätzung deutscher Geschichte aus österreichischer Sicht
3.4.2
Die Reichseinigungseuphorie ab Mitte der 1930er Jahre
4.3 Anstehende Probleme: Reichseinigung und
„Judenfrage“
4.3 Erfahrungen mit dem „asiatischen Raum“ und
Himmlers Auftrag an die SS-Junker
4.3.1 Der Streit um die expansive Ausrichtung deutscher Außenpolitik seit dem 19. Jahrhundert
4.4.2 Himmlers Ostvisionen - und ihr real- und symbolpolitisches Ende
4.5 Himmler und sein Glaube an Vorbilder
4.7.1 Der Osten muss aber nicht so aussehen!
4.7.2 Was aber muss im Osten geschehen?
4.7.3 Der große Plan des Reichsführers SS
4.7.4
Das heilige Recht auf Erde, die unser Blut getrunken...
5...... Fortsetzung: 1956 wird Heinrich I. Namenspatron eines nordhessischen
Gymnasiums
6...... Versuch über den „Zweiten Dreißigjährigen Krieg 1914-1945“.
6.1 Umrisse der historischen Diskussion
6.2 „Das Land Ober Ost“ und die deutsche
Ostforschung seit dem Ersten Weltkrieg
6.3 Die SS-Sondereinheit Dirlewanger
6.5 Exkurs 1: Eine Studie zum „Zweiten
dreißigjährigen Krieg 1914-1945“ von 1947
6.6 Exkurs 2: Ergebnisse mediävistischer
Selbsterforschung nach 1945
6.7 Exkurs 3: Das Mittelalter – Epoche eines
ersten Kolonialismus?
6.7.1 Europäische Schwierigkeiten mit dem kolonialen Erbe
6.7.2 Eroberung und Kolonisierung im Mittelalter
6.7.3
Symbolpolitische Analogien im „Dritten Reich“
7 Zur Beschäftigung mit den Ottonen, Himmler und Hitler..
8 Heinrich I. in Peter Longerichs
Himmler-Biographie
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1. Politische Totenrituale zur Befestigung von Herrschaftsverhältnissen stellen eine Art Dauerbrenner in vielen Kulturen dar. Diese Rituale können zur Neuordnung von in Unordnung geratenen gesellschaftlichen Verhältnissen dienen und drängen sich wegen ihrer Effizienz geradezu auf (Vgl. Olaf B. Rader, Grab und Herrschaft. Politischer Totenkult von Alexander bis Lenin, München 2003, S. 10).
2.
„Alexander, der immer die Ilias als ein Lehrbuch
militärischen Könnens unter seinem Kopfkissen verwahrt haben soll, schien ein
Erinnerungsband zu seinem verehrten homerischen Helden und dessen Taten
knüpfen, sich in seine Nachfolge stellen zu wollen. So wie einst Achill und
seine Recken Troia schlugen, so wollte der neue Achill Asien fällen. Und die
Welt sollte es wissen. Deshalb brauchte Alexander vor allem auch Publizität für
seinen Erfolg, er bedurfte einer Öffentlichkeit“ (ebd., S. 11).
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3. Himmler und Hitler beriefen sich bei der Rechtfertigung ihrer imperialistisch-kolonialistischen Politik immer wieder auf Figuren, die in der nationalen Geschichtsschreibung als Vorbilder für die Gestaltung des angestrebten Nationalstaats galten. Während Himmler sich seit 1936 kontinuierlich auf Heinrich I. (919-936) stützte, gab es bei Hitler je nach ostpolitischem Anlass einen Wechsel von Otto I. (936-973) zu Friedrich Barbarossa und schließlich zu Karl dem Großen. (Zusätzlich spielte für beider völkermörderische Vorhaben das literarisch vermittelte Bild von Dschingis Chan eine wichtige Rolle.)
Himmler:
4. Himmler suchte seit 1933 nach einer Verankerung der SS in historischen Figurationen. Dazu gehörten auch Baulichkeiten. So die Wewelsburg bei Paderborn im „Lande Widukinds und Hermanns“, die 1934 in die Hände der SS überging. Von den über die „Niedersachsenideologie“ völkisch aufbereiteten Figuren interessierte ihn zunächst Heinrich der Löwe. Aber nach den enttäuschenden Braunschweiger Ausgrabungen von 1935 löste er sich von Heinrich dem Löwen: Heinrich I. trat in sein Blickfeld, der in der preußisch-nationalen Tradition im großen Historikerstreit des 19. Jahrhunderts von H. v. Sybel 1859 zum „Gründer des deutschen Reiches“ und nationalen Ostkolonisator erklärt worden war.
5. 1935 suchten nämlich die Quedlinburger bei höchsten Reichsstellen um Unterstützung für die Ausrichtung der Feierlichkeiten zum 1000. Todestag Heinrichs I. am 2. 7. 1936 nach. SS-Brigadeführer Dr. Hermann Reischle, Chef des Rasseamtes unter Darré, nannte diese Feier „propagandistisch [...] geradezu ein Geschenk des Himmels“ und berichtete am 24. 10. 1935 an Himmler: „Durch ihre zweckmäßige Gestaltung können wir mit einem großen Schlag das erreichen, was sonst auf propagandistischem Weg nur mühsam in Jahren durchgekämpft werden könnte. Schon aus diesem Grund muß die entscheidende Beteiligung der SS und damit unsere Einflußnahme auf die Vorbereitung und Gestaltung der Feier dringend befürwortet werden.“ Das wirkte sich sofort auf die Einschätzung der Wewelsburg aus: Der anfängliche Plan, die Burg zu einer Reichsführer-SS-Schule auszubauen, wurde fallen gelassen. Himmler übernahm die Burg mit Befehl vom 6. November 1935 in seinen Persönlichen Stab und verhängte ein 1939 erneuertes Verbot jeglicher Berichterstattung über die dortigen Vorgänge. Noch im Dezember 1935 legte er fest, „dass die SS mit der Stadt Quedlinburg alleinige Trägerin der Feiern am 2. Juli 1936 sein sollte“. Mit der 1935 erfolgenden Gründung der „Ahnenerbe“-Stiftung wollte Himmler alles in Erfahrung bringen, was sich über die quellenarme Zeit Heinrichs herausfinden und noch dokumentieren ließ. Nach Karl Hüser (1982/1987, S. 8) bestand für die SS-Ideologen nun „kein Zweifel, sie [d.i. die Entstehungszeit der Burg] in die Zeit der Abwehrkämpfe König Heinrichs I. gegen die Ungarn oder ‚Hunnen‘ zu legen“.
6. Himmler verlieh nach seiner deutschlandweit im Radio übertragenen Gedenkrede zu Heinrichs Todestag am 2. 7. 1936 dem Todesgedenken Heinrichs I. in Quedlinburg Ritualcharakter, erklärte 1937 ausgegrabene Knochen bei der Wiederbeisetzung zu den Gebeinen Heinrichs I., gründete eine „König-Heinrich-I.-Gedächtnis-Stiftung“ und rief 1938 eine Reihe von Städten zu „König-Heinrich-Städten“ aus (Braunschweig, Enger, Fritzlar, Wetzlar, Gandersheim, Erfurt, Goslar, Meißen, Nordhausen, Schleswig, Wallhausen und Quedlinburg), während über die Vorhaben auf der Wewelsburg ein Berichtsverbot verhängt wurde. Am 2.7.1939 überreichte ihm der Oberbürgermeister von Quedlinburg den eigens für ihn komponierten „König-Heinrichs-Marsch“. – In seinem engeren Umfeld konnte Himmler nach Auskunft seines Leibarztes durchaus respektvoll „König Heinrich“ genannt werden.
7. Die Duisburger machten am 1. 8. 1936, also kurz nach der Himmler-Rede vom 2. 7. 1936, ihren zentralen Stadtplatz zum „König-Heinrich-Platz“, wie er heute noch heißt. Er liegt am westlichen Ausgangspunkt des Hellweges – heute Bundesstraße 1 –, der in West-Ostrichtung auch an der Wewelsburg vorbeiführt. (Die Bad Soden-Salmünsteraner im hessischen Spessart benannten eine 1928 gebohrte und bis heute die ertragreichste Quelle „am 25. 8. 1936 anläßlich des 1000jährigen Todestages des großen Volkskönigs Heinrich I. der Vogler (919 - 936) in König-Heinrich-Sprudel“ um.)
8. Alles,
was Himmler mit Kriegsbeginn unternahm, stellte er unter die Patronage von
Heinrich I.: Fahrten ab 3. 9. 1939 in den Osten im Sonderzug „Heinrich“
(allein im Dienstkalender Himmlers von 1941/42 23-malige Erwähnung); seine in
der Nähe des östlichen Führerhauptquartiers aufgeschlagene „Feldkdo.-Stelle“
nannte er „Heinrich“; die Einrichtung der „SS-Sondereinheit
Dirlewanger“ folgte dem Vorbild, wie es Heinrichs Chronist Widukind
von Corvey in der „Merseburger Schar“ schildert. Sie kam im Raum Lublin
ab 1940 zum Einsatz. Dort sollte vor allem mit Hilfe von Odilo Globocnik,
„Himmlers Vorposten im Osten“ (Peter
Black), das „Programm Heinrich“ über Siedlungserschließung
einschließlich Völkermord in den Vernichtungslagern verwirklicht werden – mit
Grenzen am Ural. Himmlers Freund und Chronist Hanns Johst, Präsident der
Reichsschrifttumskammer, hätte beim Sieg die „Heinrich-Saga“ zu dichten
gehabt. (Odilo Globocnik war bereits verantwortlich für den „Anschluss
Österreichs“, indem er im März 1938 an der Auslösung des „Unternehmens/Falls
Otto“ beteiligt war. Vgl.
These 13 u. 15.)
9. Seit Kogons erster Untersuchung über den SS-Staat von 1945 gehört die Nennung Heinrichs I. zur Charakterisierung von Himmlers Persönlichkeit. In seiner Habilitationsschrift über ‚Geschichtsdenken und politisches Handeln im Dritten Reich‘ von 1998/21999 stellt dementsprechend Frank-Lothar Kroll fest, dass Heinrich I. die „überragende Symbolfigur“ für Himmlers ostpolitische Visionen war. Es ist, unabhängig von Hüsers Hinweis auf den Glauben der SS-Ideologen, in der Burg eine Heinrichsgründung zu sehen, das Naheliegendste, anzunehmen, dass die Wewelsburg nach der Zeugenaussage des SS-Obersturmbannführers Horst Klein deshalb Himmlers „Lieblings-Projekt“ wurde, weil er in ihr eine „Heinrichsburg“ sah. Willi Frischauer trägt in seinem unübersetzt gebliebenen Buch Himmler. The evil genius of the Third Reich, London 1953 viel über den Zusammenhang Himmlers mit Heinrich I. zusammen (vgl. S. 29, 68, 127) und überschreibt das ganze Kap. 7: „The other Heinrich“. Welch wichtige Rolle die Wewelsburg für Himmler spielte, hat er aus Gesprächen mit Richard Walther Darré, der von Anfang an auf der Wewelsburg dabei war, bis es später zur Entfremdung zwischen den beiden von Jugend auf Befreundeten kam. Darré nimmt nach Frischauer für sich in Anspruch, Himmler überhaupt erst auf den ersten Sachsenkönig aufmerksam gemacht zu haben. Das deckt sich damit, dass Heinrich I. mit seiner Frau Mathilde bereits in einer Veröffentlichung Darrés von 1930 eine Rolle spielt.
10. Nach dem „Anschluss Österreichs“ wurden noch 1938 die in Wien aufbewahrten Reichsinsignien nach Nürnberg gebracht. Zu ihnen gehört an hervorragender Stelle die von Heinrich I. erworbene Heilige Lanze. Die Geschichtswissenschaft im „Dritten Reich“ arbeitete in zahlreichen Publikationen ihren symbolpolitischen Wert heraus, und zwar gegenüber dem slawischen Osten, den sie vor allem seit Otto I. entfaltet habe. Die Bauplanungen auf der Wewelsburg wurden davon geprägt: 1941 zeigte der Ausbauplan noch deutliche Anlehnung an das bei den Reichsinsignien aufbewahrte Original der Heiligen Lanze. 1944 hatte sich die Speerspitzenform durchgesetzt, denn seit einem Vortrag des „Ahnenerbe“-Wissenschaftlers Otto Höfler auf dem Erfurter Historikertag von 1937 galt die Lanze als „heiliger Speer Wotans“. (Höfler war Professor an den Universitäten von Kiel, München und Wien [bis 1971]).
König Heinrich I.

„Er war der Erste unter Gleichen,
und es wurde ihm eine größere und wahre menschliche Ehrfurcht entgegengebracht,
als später Kaisern, Königen und Fürsten, die sie nach volksfremdem
byzantinischen Zeremoniell forderten, zuteil wurde. Er hieß Herzog und König
und war ein Führer vor tausend Jahren.“
Reichsführer
SS Heinrich Himmler
Holzschnitt von Ernst von Dombrowski aus dem Jahre 1938 (Schriftzüge verändert)
11. Himmlers Verehrung Heinrichs I. entspricht der symbolpolitischen Aufwertung des sächsischen Königshauses, in dem die preußischen Hohenzollern bereits ihre nationale Reichseinigungsaufgabe im 19. Jahrhundert vorgeprägt sahen. Als es nach der „Gleichschaltung“ der Länder am 5. 2. 1934 zum ersten Mal in der deutschen Geschichte eine einheitliche deutsche Staatsangehörigkeit gab – man war nicht mehr zuerst Bayer, Sachse, Badenser, Hesse oder Preuße, sondern von Anfang an Deutscher! –, wurde in Hitler der Einiger Deutschlands gesehen. Deshalb war ein Lieblingsthema nationalsozialistischer Aufsatzerziehung „Von Heinrich I. zu Adolf Hitler“.
12. Josef Otto Plassmann, Mitglied in Himmlers ‚Persönlichem Stab‘, dem alle Wewelsburgangelegenheiten unterstellt sind, verantwortlicher Redakteur der „Ahnenerbe“-Zeitschrift „Germanien“, Heinrichs-Fan und Verfasser einer Heinrichsmonographie (1928), habilitiert sich 1943 bei Hermann Schneider in Tübingen mit einer Arbeit über die Ottonen, die „das Geschichtsbild der Sachsenkaiser auf altgermanischer Grundlage aufbauen, dieses Geschichtsbild so der römischen Geschichtsklitterung endgültig entreißen und damit die Absichten des Reichsführers-SS in einer Weise und Stärke mit verwirklichen helfen [soll], wie sie eindrucksvoller nicht gedacht werden kann“.
Hitler:
13. Der Sohn Heinrichs I., Otto I., wurde öffentlich weniger auffällig, aber ganz ähnlich instrumentalisiert, und zwar 1938 von Hitler. Bereits in „Mein Kampf“ hatte er gleich zu Anfang von der Wiederherstellung „der alten Ostmark des Reiches“ geschrieben, die sich unter Otto I., Otto II. und Otto III. nach der Schlacht gegen die Ungarn 955 als Vorläuferin des späteren Österreichs herausgebildet hatte. Die erste Handlung Hitlers als neuer Oberbefehlshaber der Wehrmacht war dementsprechend „Die militärische Weisung für den Einmarsch in Österreich vom 11. März 1938“ mit dem Tarnnamen „Unternehmen Otto“, dem noch im Mai die von Hitler verfügte Umbenennung Österreichs in „Ostmark“ folgte.
14. Albert Brackmann (1871-1952), der damals „höchstrangige deutsche Historiker“ (W. J. Mommsen), die „graue Eminenz der Ostforschung“ (M. Beer) schrieb direkt nach dem Überfall auf Polen 1939 auf Bestellung der SS eine rechtfertigende Propagandaschrift für den angefangenen ostimperialistischen Eroberungsfeldzug: „Krisis und Aufbau in Osteuropa. Ein weltgeschichtliches Bild“ im Berliner „Ahnenerbe“-Verlag. Brackmann entfaltet einleitend ein Bild von Heinrich I. und Otto I. als ersten Vertretern einer deutschen Ostexpansion. Ottos Plan, dem Magdeburger Erzbistum „die ganze Slawenwelt zu unterstellen“, wird als „der umfassendste Plan, den je ein deutscher Staatsmann hinsichtlich des Ostens gefasst hat“, dargestellt.
15. Hitlers neuer Generalstabschef Franz Halder, unbeteiligt am „Unternehmen Otto“, arbeitete den Feldzug gegen Russland als „Plan Otto“ aus. Zur Vermeidung einer Doppelung wurde daraus das „Unternehmen Barbarossa“. „Unternehmen Barbarossa“ und „Programm Heinrich“ müssen parallel gesehen werden: Ersteres folgte den Planungen der Wehrmacht; das „Programm Heinrich“ war Himmlers Bezeichnung für alles, was unter SS-Regie in Osteuropa von der „germanischen“ Besiedlung bis zum Völkermord durchzusetzen war.
16. Seit 1940 trat mit dem erfolgreichen Feldzug gegen Frankreich und nach der bereits zuvor erfolgten Angliederung tschechischer und polnischer Gebiete Karl der Große in Hitlers Spektrum eines über „Großdeutschland“ hinausgehenden „Großgermanischen Reichs Deutscher Nation“. 1944 bekannte sich auch Himmler zu ihm als „Reichsgründer“, in dessen Nachfolge Hitler sich keine deutsche, sondern jetzt europäische oder abendländische Politik gegenüber „Asien“ machen sah (z. B. Gründung der Waffen-SS-Division „Charlemagne“ aus französischen Freiwilligen im Oktober 1944).
17. Die rasseimperialistische Ausrichtung in mittelalterlicher Einkleidung, in der nach Hitlers Vorstellungen von 1941 aus dem eroberten osteuropäischen Raum der „Far West“ oder „Deutschindien“ werden sollte – Hitler in seinen „Tischgesprächen“ im September 1941: „Was für England Indien war, wird für uns der Ostraum sein“ –, hatte zum Ziel „von Europa keinen Germanen mehr nach Amerika gehen“ zu lassen. „Die Norweger, Schweden, Dänen, Niederländer müssen wir alle in die Ostgebiete hereinleiten; das werden Glieder des Reichs.“ Der Verwirklichung sollte der „Generalplan Ost“ dienen, den Himmler als „Reichskommissar zur Festigung deutschen Volkstums“ von einem umfangreichen wissenschaftlichen Stab in etlichen Varianten bis 1942 ausarbeiten ließ. Nach dem Vorbild des Feudalismus sollten die anzuwerbenden „germanischen“ Siedler in den östlichen „Siedlungsmarken“ mit einem „Markhauptmann“ an der Spitze auf „Lehenshöfen“ „Lehens“-Träger von „Zeit- und Erblehen“ werden („Mark“ in etymologischer Berücksichtigung mittelalterlicher Sprache für „Grenze“ oder „Grenzgebiet“). Himmler hätte den „Lehensherrn“ abgegeben.
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18. Hitlers noch 1945 wiederholter Anspruch auf „für die Zukunft unseres Volkes unentbehrlichen Lebensraum im Osten“ und Himmlers Bestreben, im Namen König Heinrichs I. expansive Ostpolitik zu betreiben, waren spätestens für die Alliierten und die Sowjets am 12. September 1944 in London mit der im Londoner Protokoll der „European Advisory Commission“ verabredeten Grenzziehung zwischen den Blöcken absolut auf null gebracht. Während Himmler noch im August 1944 in Posen vor Gauleitern von „unseren politischen, wirtschaftlichen, menschlichen, militärischen Aufgaben in dem herrlichen Osten“ schwärmte, einigten sich die künftigen Besatzungsmächte einen Monat später auf eine Grenze, die unter Ausgrenzung des sachsen-anhaltinischen Gebietes mit den einstigen Zentren der Ottonen Magdeburg und Quedlinburg der Ostgrenze des ostfränkischen Reichs im Jahr 919 entsprach, bevor Heinrich I. slawische Stämme bekämpft, sich tributpflichtig gemacht hatte und bis in die Lausitz und nach Böhmen vorgedrungen war.
19. Die Politiker der auf nationale Unabhängigkeit bedachten osteuropäischen Völker hatten seit dem 19. Jahrhundert verfolgt, wie von deutscher Seite z. B. die „allmähliche Germanisierung Polens“ gefordert worden war, nämlich vom „deutschen Propheten“ Paul de Lagarde 1875, den Hitler mit Randnotizen studierte. Der von den „Alldeutschen“ 1891 in ihr Programm aufgenommene Begriff vom so genannten Deutschen Drang nach Osten, der unter Wiederaufnahme der mittelalterlichen Ostsiedlung wiederbelebt werden müsse, wurde vor allem von slawischer Seite verwendet und bedeutete für sie insofern Wirklichkeit, als sie sich bewusst wurden, dass der östliche Teil Deutschlands auf slawischem Gebiet entstanden war. Nachdem August Graf von Platen-Hallermünde die Behandlung der Polen mit erstmalig belegter Verwendung des Wortes einen „Völkermord“ genannt (1831/34) und westdeutsche Demokraten bereits beim „Hambacher Fest“ 1832 die Wiederherstellung des unter Preußen, Österreich und Russland aufgeteilten polnischen Staates gefordert hatten, hatte ihnen 1848 der ostpreußische Abgeordnete Wilhelm Jordan in der Paulskirche geantwortet: „Wenn wir rücksichtslos gerecht sein wollten, dann müssten wir nicht bloß Posen herausgeben, sondern halb Deutschland. Denn bis an die Saale und darüber hinaus erstreckte sich vormals die Slawenwelt.“ Anstatt von „Völkermord“ zog er es vor, von der „Bestattung einer längst in der Auflösung begriffenen Leiche“ zu sprechen (vgl. Anm. 164). – So wurden die Grenzziehung an der Oder-Neiße-Linie und die bis 1989/90 bestehende „Zonengrenze“ oder „innerdeutsche Grenze“ zur realpolitischen Antwort auf den im 19. Jahrhundert zu preußisch-deutscher Nationalpropaganda gewordenen und vom „Großdeutschen Reich“ ab 1939 mit dem Überfall auf Polen und 1941 auf Russland umgesetzten „Deutschen Drang nach Osten“. In symbolpolitischer Realisierung hätte sie gewissermaßen als slawischer Racheakt an den „Germanisierungs“-Absichten ohne Einspruch der Alliierten auch die Vertreibung der ostdeutschen Bevölkerung nach Westdeutschland bedeuten können, zumal die Eroberung Polens 1939 in der nationalsozialistischen Würdigung als „Beendigung des 1000jährigen Kampfes gegen Polen“ (Franz Lüdtke, 1941) ausgegeben worden war. So wurde sie nur konsequent auf sowjetische Linie und in Abhängigkeit gebracht.
20. „Eine vielhundertjährige geschichtliche Entwicklung, nämlich die deutsche Kolonisation im Osten“, sei „rückgängig gemacht“ worden, schreibt Walther Hofer als Herausgeber der erstmals 1957 erschienenen Dokumentensammlung „Der Nationalsozialismus. Dokumente 1933-1945“ am Schluss. „[...] die Soldaten der Sowjetunion stehen an der Elbe, und Europa sieht sich damit der größten Bedrohung seiner Geschichte ausgesetzt.“ Und der letzte Satz des Buches lautet: „Das Dritte Reich ist kein tausendjähriges Reich geworden, aber die zwölf Jahre seines Bestehens haben genügt, die geschichtliche Arbeit von tausend Jahren zu verschleudern.“ – Noch in dieser Bestandsaufnahme dauert die seit dem 19. Jahrhundert sprichwörtlich gewordene und von Hermann Aubin 1942 propagandistisch aufgegriffene Beschwörung „von der Ostsiedlung als der Großtat unseres Volkes im Mittelalter“ fort. Für den Historiker von 1942, einen Anhänger des „Lebensraum“-Gedankens, diente sie als Aufforderung an die Politik, sie unter nationalsozialistischen Vorzeichen fortzusetzen; der Historiker von 1957 betrachtet immer noch in dieser symbolpolitischen Tradition den Scherbenhaufen reinen imperialistischen Eroberungsdenkens, das sich als tausendjähriges gerechtfertigt sehen wollte.
21. Was die Beschwörungsformel von der mittelalterlichen „Großtat“ für die slawische Welt bedeutete, fasst der tschechoslowakische Historiker Zdeněk Váňa 1983 in seinem Buch „Die Welt der alten Slawen“ unter der Überschrift „Die Tragödie des nordwestlichen Zweiges“ zusammen, indem er die Propagandaformel vom „Deutschen Drang nach Osten“ zur Deutung tausendjähriger Geschichte einsetzt: „Deshalb kam es auch 919 zu einer großen historischen Wende, als der Sachsenherzog Heinrich der Vogler zum deutschen König gewählt wurde. Mit seinem Namen verbindet sich der eigentliche Auftakt jenes ‚Dranges nach Osten‘, der neun Jahre später eingeleitet wurde.“
22. Als das Schlagwort vom „Deutschen Drang nach Osten“ im 19. Jahrhundert geprägt wurde, sah die Wirklichkeit von Menschen, die auf Verbesserung ihrer Lage sannen und deshalb ihre Heimat verlassen wollten, längst ganz anders aus. Der „Deutsche Drang nach Osten“ ist nichts als eine auf diese Wirklichkeit gemünzte deutsche Gegenpropaganda. Denn seit William Penn, der 1683 in Worms um Einwanderer für seine Kolonie Pennsylvanien warb, so dass er „Entvölkerer Deutschlands“ genannt wurde, erstrahlte die transatlantische „Neue Welt“ als Glücksversprechen gegenüber der „Alten Welt“ immer mehr, bis im 19. Jahrhundert die Auswanderung dorthin in ein Millionenheer mündete, und zwar nicht nur aus Deutschland, sondern aus allen Teilen Europas. Für das seinem Höhepunkt zustrebende nationale Denken war das ein Aderlass zugunsten fremder nationaler Volkswirtschaften, so dass Alternativen erwogen wurden. In der jetzt nationalgeschichtlich zum ersten Mal wahrgenommenen mittelalterlichen Ostsiedlung tauchte unter imperialistisch-kolonialistischen Vorzeichen eine Denkmöglichkeit auf, mit der der sich in die transatlantischen Wirtschaften ergießende Auswandererstrom dem Mutterland erhalten bleiben sollte. So konnte osteuropäische „Grenzkolonisation“ bis zum Ural unter Missachtung der dort lebenden Menschen für deutsche Nationalideologen an den tatsächlichen Gegebenheiten vorbei auf einmal als „Natur“-Bedingung für die Kanalisierung deutsch-völkischen Bevölkerungsüberschusses erscheinen und sich den Charakter zivilisatorischer Mission Menschen gegenüber überstülpen sehen, die dem europäischen Kulturkreis genauso angehörten. Die symbolpolitische Aufladung unter Einsatz der für diese Zwecke völkisch zugerichteten Nationalgeschichte trug wesentlich zur Einschätzung von „Grenzkolonisation“ als Möglichkeit in der „Alten Welt“ mit all ihren schlimmen Folgen bei. Denn es ging nie um tausendjährige Geschichte oder die Pflege eines angeblichen Ottonenerbes oder deren Vermächtnis, sondern immer nur um die symbolpolitisch und völkisch rasseideologisch verzerrte Bewältigung von Gegenwart und ihre Gestaltung im Interesse von Macht.
Deshalb wirken ja alle in diesem Umfeld verwendeten symbolpolitischen Formeln heute so unwirklich. Denn sie waren nie mehr als Worthülsen zeitunterworfener nationalkultureller Kodierung und sind mehrheitlich leider erst im Nachhinein und verstärkt durch ihre Verbindung mit einer Katastrophe als verhängnisvolle Tigerpappnasen zu identifizieren. Indessen war Symbolpolitik keine nationalsozialistische Spezialität, sondern sie begleitet jede Gesellschaft in jeweils besonderen kulturellen Kodierungen. Allerdings kam ihr im „Dritten Reich“ deshalb eine bedeutendere Funktion zu, weil es an demokratischer Legitimation mangelte, so dass die Öffentlichkeit immer wieder über das kalkulierte Platzieren symbolpolitisch aufgeladener Zusammenhänge zunächst medial aufgeheizt und dann zur Zustimmung per Akklamation gebracht werden musste.
23. In der Folge zunehmender Distanz ist seit den 1990er Jahren das Bemühen einer Geschichtsschreibung zu beobachten, die jenseits von Nationalgeschichte das europäische Kriegsgeschehen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ohne symbolpolitische Begrifflichkeiten als Gesamtheit zu fassen versucht. Zur Veranschaulichung werden ebenfalls historische Anleihen gemacht, aber nicht zur Identitätsstiftung, sondern unter Zuhilfenahme des Vergleichens als komparativer Methode, um besser verstehen zu können. Der Erste und der Zweite Weltkrieg können in diesem Zusammenhang als „Zweiter dreißigjähriger Krieg“ oder als „Europäischer Bürgerkrieg 1914-1945“ gedeutet werden. Diese übergeordnete Perspektive bietet sich vor allem an, wenn das deutsche imperialistische Kolonisationsbestreben in Europa als eine Idee von langer Dauer entsprechend berücksichtigt werden soll. Diese Kontinuität weist sich allein schon darin aus, dass Hitler in seinem Geheimerlass vom 7. Oktober 1939 zur „Festigung deutschen Volkstums“ den Begriff „Ober Ost“ für die besetzten polnischen Gebiete verwendet. (Im Ersten Weltkrieg hatte das so genannte Land Ober Ost alle vom Deutschen Reich besetzten Gebiete zwischen Kurland, Litauen, Polen bis nach Weißrussland umfasst.)
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24. Himmlers
politisches Handeln als zweitmächtigster Mann im „Dritten Reich“ muss vor dem
Hintergrund verstanden werden, dass er es symbolpolitisch wie kein anderer
einkleiden wollte, und zwar in die historisch seit Friedrich Ludwig Jahn, dem
„Turnvater“, zum „Staatsretter“ gegen die „Asischen Horden“ aufgewertete Gestalt
des ersten Sachsenkönigs als „Reichsgründer“. Diese Einkleidung reichte bis
tief in sein Privatleben. Katrin Himmler berichtet von ihrem Großonkel, dass
seine Geliebte Hedwig Potthast noch nach seinem Selbstmord im Familienkreis der
Himmlers von ihm nur als von „König Heinrich“ gesprochen habe.[2]
Nur so war es ihm offenbar möglich, für sich selbst glaubwürdig zu wirken, wenn
er an die Verwirklichung seiner rasseimperialistischen Vorhaben dachte.
Hitler war flexibler:
Er konnte in fließendem Übergang von Otto I.
zu Barbarossa und schließlich zu Karl dem Großen wechseln, je nach
symbolpolitischem Bedarf für die ins Auge gefassten Vorhaben.
Nichtsdestoweniger bediente er sich der Geschichte im gleichen Sinne und sah
sich in tausendjährigen oder älteren Spuren schreiten, als er zunächst nach
Österreich griff, dann nach Osteuropa und schließlich insgesamt nach Europa und
dabei immer in Abwehr „Asien“ gegenüber zu stehen vorgab.
Die von Rader
behauptete Effizienz von Totenritualen, wie sie Himmler wie kein Zweiter im
„Dritten Reich“ zelebrierte, zeigte sich öffentlich vor allem in der
Etablierung der Quedlinburger Stiftskirche mit den Gräbern von Heinrich I. und
Mathilde als „nationaler Weihestätte“. Trotzdem traute er den Ritualen und
seiner Identifikation nicht ganz über den Weg. Denn nach der Aussage seiner
Frau war seit Kriegsbeginn eine Zyankalikapsel seine ständige Begleiterin. Und
bevor er sie zerbiss, wollte er auf der Wewelsburg als dem Zentrum seiner Totenbeschwörung
alle Spuren mit ihrer nur unvollkommen gelungenen Sprengung vernichten.
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25. Vom Jahr 2008 her scheint es selbst für manche Mediävisten nicht mehr vorstellbar, dass das Mittelalter je wieder einen solchen symbolpolitischen Boom erleben könnte, wenn auch in der heutigen Event-Kultur Mittelaltermärkte, Ritterspiele, mittelalterliche Festessen, der Nachbau von Ritterburgen und Mittelalterromane eine große Rolle spielen. Denn: „Mittelaltergeschichte funktioniert wie jede andere Disziplin dadurch, dass sie ihre Fähigkeit zur Auto-Memoria zum Strukturelement erhebt: Das ist das Gruppenbildende an ihr, die, wie Michel Foucault etwas boshaft geschrieben hat, ‚weiche, warme Freimaurerei der unnützen Gelehrsamkeit‘. In ihr werden erfolgreiche Forscher von ihren Schülern zu zentralen Figuren von immer höherem wissenschaftlichen Rang stilisiert, und Karrieren beruhen auf der Fähigkeit des jeweiligen Aspiranten, sich in diesen künstlichen Abstammungs- und Verwandtschaftssystem selbst zu platzieren. Ein gut eingespieltes und lang erprobtes System. Ob es aber gegen Desinteresse von außen hilft?“ (Groebner, wie Anm. 139, S. 16 f.)
Heinrich I.:
876 Wahrscheinliches
Geburtsjahr;
919
(oder später) Anerkennung Heinrichs I. als König im
Ostfrankenreich zunächst durch Sachsen und Franken, später durch Schwaben und
Baiern;
925 Lothringen fällt ans Ostfrankenreich;
928/29 Kämpfe gegen slawische Stämme östlich der Elbe und
Vordringen bis nach Brennabor (Brandenburg) und in die Lausitz;
933 nach
ersten Erfolgen der Bayern weiteres vorläufiges Zurückschlagen der bis 955 ins
Ostfrankenreich regelmäßig einfallenden Ungarn;
934 siegreicher Feldzug gegen den
Schwedenkönig Chnuba (Schleswig/ Haithabu);
2.7.936 Tod Heinrichs in Memleben.
Viele Angaben zu Heinrichs Wirken sind mit Fragezeichen zu versehen, da
während seiner Herrschertätigkeit selbst keine Aufzeichnungen gemacht wurden
und erst unter seinem Sohn Otto dem Großen (912-973) Widukind von Corvey, ein
schreibkundiger Mönch, vielleicht aus der Familie der Ottonen stammend, eine
Chronik zur Herrschaft Heinrichs und Ottos verfasste. Der Bericht stellt die
Hauptquelle für das schriftarme 10. Jahrhundert dar. Er ist gerade für die Zeit
Heinrichs insofern unzuverlässig, als er sich mündlicher Überlieferung
verdankt, dynastieorientiert ist und erst um 970, also kurz vor seines Sohnes
Otto I. Tod fertig gestellt wurde. Von daher eignet sich der historische
Heinrich später – gerade auch für Himmler – als riesige Projektionswand für
eigene Vorstellungen.
Otto I.:
912 Geburt
Ottos;
936 von seinem Vater als Nachfolger designiert: Salbung und Krönung zum König in Aachen;
939 Niederringen eines verwandtschaftlichen Aufstandes in Lothringen;
936/37 Mark an der Elbe für Hermann Billung, an der Saale für Gero;
951 erster Italienzug: durch Heirat Erwerb der Krone der Lombardei;
953/54 weiterer Aufstand, angezettelt in der königlichen Familie;
955 Sieg über die Ungarn auf dem Lechfeld mit deren sich anschließender Sesshaftwerdung;
962 Erneuerung des karolingischen Kaisertums durch Kaiserkrönung in Rom während des zweiten Italienzugs (weitgehende Abhängigkeit des Papsttums vom Kaiser, Reichskirche zur Unterstützung seiner Herrschaft);
967 auf seine Veranlassung bereits Krönung seines Sohnes zum Mitkaiser Otto II.; Verständigung mit dem oströmischen Reich durch Heirat seines Sohnes Otto mit Theophanu von Byzanz während dritten Italienzuges;
968 Errichtung des Bistums
Magdeburg (Slawenmission);
973 stirbt in Memleben und wird in Magdeburg beigesetzt.
(Wichtig für die negative
nationale Einschätzung Ottos im Gegensatz zu seinem Vater wurde vor allem der
Sachverhalt, dass er von den letzten 12 Jahren seiner Herrschaft 10 in Italien
verbrachte und gewissermaßen aus der Ferne regierte.)
In Friedrich Ludwig Jahns, des ‚Turnvaters‘, folgenreichem Buch vom DEUTSCHEN VOLKSTHUM (1810) werden den Deutschen zu ihrer Identifikation zwei historische Gestalten angeboten: Hermann der Cherusker als Volksheiland und Heinrich I. als Heinrich der Große oder Staatsretter, und zwar wegen der Vertreibung der Ungarn im Jahre 933.[3] Diese Vertreibung wird so hoch veranschlagt, dass Ottos des Großen Schlacht auf dem Lechfeld mit dem endgültigen Sieg über die Magyaren/Ungarn ganz aus dem preußischen Gesichtskreis gerät und gewissermaßen dem süddeutschen und österreichischen katholischen Gedächtnis überlassen bleibt.
Das ganze 19. Jahrhundert über wird die mittelalterliche Kaiserpolitik von preußischen Geschichtsschreibern kritisiert. Bereits Karl dem Großen wird vorgeworfen, er habe sich gegen nationale Interessen in Rom zum Kaiser krönen lassen und damit vom Papst und Italien abhängig gemacht. Am folgenreichsten geschieht das bei dem berühmten preußischen Historiker Heinrich von Sybel, der 1859 eine Rede hält, die Anlass zu einem ersten deutschen Historikerstreit gibt:
„[...] die Deutschen, die in dem langen Getümmel
in fünf beinahe selbständige Staaten zerfallen waren, erhoben sich im Anfang
des 10. Jahrhunderts wieder einen König, den ersten König der deutschen Nation.
Es war Heinrich I., nach meiner Meinung der Stern des reinsten Lichtes an dem
weiten Firmament unserer Vergangenheit. [...] Man kann ihn den Gründer des
deutschen Reiches und damit den Schöpfer des deutschen Volkes nennen.“[4]
In dieser Rede bereitet Sybel
zudem vor, dass er auf die Ostorientierung deutscher Politik gezielt
hinauswill, indem er die Kaiserpolitik Ottos
I. und seiner Nachfolger in ihrer südlichen Ausrichtung nach Rom verurteilt.
Sie habe „nutzlose Opfer“ gekostet, und es sei weder dem deutschen Reich noch
dem deutschen Königtum „Heil aus dem so errungenen Glanze“ erwachsen.
„Die Kräfte der Nation, die sich mit richtigem
Instinkte in die großen Kolonisationen des Ostens ergossen, wurden seitdem für
einen stets lockenden und stets täuschenden Machtschimmer im Süden der Alpen
vergeudet.“[5]
Da die „nationale Sache auf der Seite des Kaisertums“ nicht zu gewinnen
sei, lässt er seine Rede in eine rhetorische Frage münden:
„Oder liegt sie“ [d.i. „die nationale
Sache“] „nicht vielmehr auf gerade der entgegengesetzten Seite, wo Heinrich I.
und Heinrich der Löwe ihre große Laufbahn begannen, wo die Germanisierung
unserer östlichen Lande den vereinten Kräften aller deutschen Stämme gelang, wo
Jahrhunderte hindurch in nationalem Glanze die Banner Bayerns, die Banner
Wittelsbachs voranflogen?“[6]
In Leopold von Rankes WELTGESCHICHTE
(1885) kommt dann ein weiteres zentrales Motiv für die gegen Rom und den
Katholizismus gerichtete Heinrichsrezeption hinzu, und zwar wird Bezug genommen
auf den Bericht Widukinds, der erwähnt, dass Heinrich bei der Königserhebung
die Salbung durch den Bischof abgelehnt habe:
„Die Salbung durch Heriger hätte einen Beitritt zu dem herrschenden
System in sich geschlossen. Heinrich wäre mit sich selbst in Widerspruch geraten.
Man kann sich darüber nicht täuschen, daß in der Zurückweisung der Salbung
unter diesen Umständen ein Einspruch gegen den überwiegenden Anteil der
Geistlichkeit an der Regierung, wie er sich in der letzten Zeit gebildet, und
gegen die klerikalen Tendenzen, die dabei zum Vorschein gekommen waren,
enthalten ist. Man darf vielleicht behaupten, daß in dieser Haltung der erste
Schritt lag, um Germanien von der unbedingten Herrschaft des Klerus und selbst
des Papstes zu emanzipieren.“[7]
Schließlich wird Heinrich I. als Sachse zum reinen
Germanen stilisiert, weil die Sachsen angeblich am längsten vom Westen und Rom
unbeeinträchtigt ihre Stammestraditionen bewahrt haben.[8]
So wird er zum völkischen König, der als Einziger im Mittelalter richtige
deutsche Politik gemacht haben soll. Das zeigt sich ausdrücklich bei der
1000-Jahr-Feier von Quedlinburg im Jahre 1922, wo der Festredner betont:
„[...] wie er mit Festigkeit und zugleich mit
kluger Versöhnlichkeit die noch widerstrebenden Fürsten für sich gewann und die
Einheit des rein völkischen Staates schuf, wie er die Reichsgrenzen nach Westen
und Norden schützte, wie er, nur das wirklich Erreichbare im Auge, der
deutschen Staatskunst den erfolgverheißenden Weg nach Osten wies, ohne sich auf
italienische Abenteuer einzulassen, wie er die Besiegung der Ungarn zäh und umsichtig
vorbereitete und glorreich durchführte.“[9]
In einem Lehrbuch für evangelische Schulen wird der
Übergang der Königsherrschaft von den Franken auf die Sachsen 1935 so
vorgestellt:
„Rassereinheit und Volkstum. Bis um 900 hatte
der fränkische Stamm die Führung im Reiche gehabt und durch seine hohe Kultur
fördernd auf die anderen Stämme gewirkt. Nun schien seine Kraft erschöpft. Er
hatte wohl auch durch die vielen Kriege zu sehr gelitten und erhielt nicht mehr
genügend Zuzug aus dem Mutterlande. Auch hatte er viel fremdes Volkstum in sich
aufgenommen. Jetzt trat das naturkräftige große Sachsenvolk in den Vordergrund.
In den Sachsen hatte sich die nordische Rasse am reinsten erhalten. Sie wohnten
weitab von dem damaligen Weltverkehr und der Berührung mit den romanischen
Völkern, und gegen Vermischung mit ostischen Menschen schützten Sitte und
Gesetz. Von den alten heidnischen Sachsen wird berichtet: „ Für ihre Abkunft
und ihren Geburtsadel trugen sie auf das umsichtigste Sorge, ließen sich nicht
leicht irgend durch Eheverbindungen mit andern Völkern oder geringeren Personen
die Reinheit ihres Geblütes verderben und strebten danach, ein eigentümliches,
unvermischtes, nur sich selbst ähnliches Volk zu bilden.“ Noch im 6. Jahrhundert
stand die Todesstrafe auf einer Vermischung mit Fremdstämmigen. Bis über das
Mittelalter hinaus haben denn auch die Sachsen auf Rasse gehalten. So forderte
man noch im 13. Jahrhundert von einem Schöffen, daß er frei geboren und reinen
Blutes sei. Bei den Zünften bestand die Ahnenprobe: Die Eltern von Vater und
Mutter mußten frei geboren sein. Die Ritter verlangten noch mehr Ahnen. Durch
solche Schutzmaßnahmen ist die Rasse lange rein erhalten, und noch heute findet
man in Niedersachsen verhältnismäßig die meisten nordischen Menschen. [...]
Heinrich war der Neubegründer des deutschen Reiches.
Er hat durch sein kluges Verhalten und seine große Tapferkeit die
auseinanderstrebenden Teile des Reiches zusammengehalten. Es war nur ein loser
Bund, schloß aber das Deutschtum Mitteleuropas zu einem sächsisch-nordischen
Königreich zusammen, in dem Staat, Volkstum und Kirche eine Einheit bildeten.“[10]
Da Heinrich I. nichtsdestoweniger in dieser
Perspektive als Reichsgründer angesehen wurde, blieb er an seine Nachfolger wie
auch immer gebunden. Deren bewunderte „Kaiserherrlichkeit“ vom 10. bis ins 13.
Jahrhundert ließ sich so einfach nicht vernachlässigen, stellte vielmehr für
einen anderen, öffentlichkeitswirksameren Rezeptionsstrang, gegen den Sybel
sich wehrte, eine Traditionslinie dar, der sich schließlich auch der preußische
König bei der Reichsgründung von 1871 beugen musste. In Anlehnung an Barbarossa
wurde er zum Barbablanca, akzeptierte widerwillig den Kaisertitel, mit dem er auf einmal in mittelalterlicher Reichstradition
stehen sollte, obwohl der preußische Nationalstaat mit dem 1806 aufgelösten
„Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“ nichts zu tun hatte. Zur
Bewunderung und Zurschaustellung von Macht trug jedoch der Kaisertitel mit den
zur deutschen „Weltgeltung“ und „Weltstellung“ nationalistisch beschworenen
Ottonen, Saliern und Staufern mehr bei als der vorwiegend in völkischer
Perspektive hoch gehaltene Heinrich I. So kam es zu der widersprüchlichen Situation,
dass die Hohenzollern sich zwar in ihrer Privatmythologie als Verwalter des
Heinrichserbes und Quedlinburg als Ausgangspunkt ihres national gewordenen
Selbstbewusstseins ansahen, öffentlich aber im Sinne des Alten Reiches
kaiserlich auftraten. Mit Selbstbewusstsein tat das bereits der Sohn, der liberale Hunderttagekaiser Friedrich III. „Er
wollte Friedrich IV. genannt werden, weil ihn nach der Zählung der alten
römisch-deutschen Kaiser verlangte, und sein Nachfolger, der in jeder Hinsicht
unglückliche Wilhelm II., nahm sich ein Beispiel an der Weltpolitik des
sächsischen Kaisers Otto der Große (912-973) und glaubte, dass die
mittelalterliche Universalität des Reichs den deutschen Imperialismus des
beginnenden 20. Jahrhunderts rechtfertigte.“[11]
Berücksichtigt man außerdem den reichsorientierten
österreichischen nationalgeschichtlichen Ansatz, kommt von dorther Otto I. eine
Gewichtung zu, die ihm von Preußen her verweigert wurde. Otto der Große gilt
dort nämlich gewissermaßen als „Staatsgründer“, weil nach dem Sieg über die
Ungarn auf dem Lechfeld (955) die Bajuwaren sich wieder nach Osten ausdehnen
konnten. Das führte zur Erneuerung der auf Karl d. Gr. zurückgehenden so
genannten Ostmark, die noch im 10. Jahrhundert urkundlich zum ersten Mal
„Ostarrîchi“ genannt wurde. Im kaiserlich getönten österreichischen
Reichsbewusstsein fiel in der kleindeutsch-großdeutschen Auseinandersetzung um
die preußische Reichsgründung herum ein nur herablassender Blick auf den
preußischen Umgang mit Heinrich I. und seine Verherrlichung im Rahmen der
„kleindeutsch-norddeutsch-protestantischen Geschichtsauffassung“ (Friedrich Schneider, 1940). Ganz
ironisch wurde er „kleindeutscher Musterkönig“ genannt, wogegen sich preußisch
getönte nationalsozialistische Autoren wie Alfred
Thoss noch 1943 wehrten.
Spätestens mit dem „Anschluss Österreichs“ 1938,
wenn nicht bereits 1936 beim Gedenken an den vor tausend Jahren erfolgten
Herrschaftsantritt Ottos, konnten aber mit zunehmend mehrheitsfähigem
Standpunkt Heinrich I. und sein Sohn Otto gleichberechtigt auch in der
preußisch orientierten Nationalgeschichtsauffassung nebeneinander stehen. Denn
auch diese veränderte mit ihren mediävistischen Repräsentanten ihre
Gewichtungen und trug je nach Bedarf den aktuellen Forderungen und
Gegebenheiten Rechnung, zumal die maßgeblichen Historiker ja „Sinndeutung“ für
ihre jeweiligen Nationalgesellschaften seit dem 19. Jahrhundert auf dem Panier
geschrieben stehen haben. (Hier ist von
nicht zu übersehender Bedeutung Albert
Brackmann [1871–1952], der sich mit seiner ganzen Reputation als
Ranghöchster seiner Zunft den Nationalsozialisten seit Kriegsbeginn gegen Polen
und Russland so zur Verfügung stellte, dass ihm zu seinem 70. Geburtstag
höchste Ehren zuteil wurden: die Auszeichnung mit dem „Adlerschild des
Deutschen Reichs“ [höchster Wissenschaftspreis] durch Hitler persönlich,
Gratulationen von Göring, Frick und Ribbentrop. Bezeichnenderweise ist das
Buch, in dem seine Bedeutung 1988 aufgearbeitet wird, in England erschienen und
in Deutschland unübersetzt geblieben und mehr oder weniger übergangen worden,
so dass der Autor Michael Burleigh erst
im Vorwort zur zweiten englischen Auflage 2002 ausdrücklich auf das in
Deutschland zunehmende wissenschaftliche Interesse hinweist. Burleigh stellt z. B. fest: „Provided
one pandered to his sense of self-importance, Brackmann had a utility to the
regime far greater than the mere nuisance value of Walter Frank.“) – Vor
allem ist im Folgenden etwas auch bisher Übergangenes, aber bis in die
Gegenwart mit einem wesentlichen Ergebnis Fortwirkendes, nämlich die „Gleichschaltung“
zu berücksichtigen, mit der am 5. 2. 1934 die Hoheitsrechte und die Befugnis
der Länder zum Verleihen der jeweiligen föderalen Staatsangehörigkeit
abgeschafft wurden und es nur noch eine einheitliche deutsche
Staatsbürgerschaft gab. Sie brachte für das nationalstaatliche wie auch das
nationalgeschichtliche Bewusstsein der Deutschen einen begeisternden Schub,
unter dessen Einfluss sie gern übersahen, wer mit den „Nürnberger Gesetzen“ vom
„Reichsparteitag der Freiheit“ im „Reichsbürgergesetz“ vom 15. 9. 1935 als
gerade neuer deutscher Staatsbürger gleichzeitig von der Reichsbürgerschaft
ausgeschlossen wurde.
und wer dabei allzu
erfolgreich von sich selbst spricht,
der verliert den Kopf und kriegt den von jemand anderem.
Valentin Groebner (2008)
(Die Rede Himmlers zum
1000. Todestag Heinrichs I. wurde deutschlandweit im Rundfunk übertragen. Sie
enthält nichts, was über das hinausginge, was in der preußischen
Heinrichsliteratur nicht bereits längst enthalten gewesen wäre. Dazu gehört
auch seine als Verunglimpfung gemeinte Nennung Karls des Großen als „Karl der
Franke“. Himmler legt sich aber in seinem Text nicht darauf fest, als wen oder
was genau er denn nun Heinrich I. in der Chronologie des ‚deutschen‘ Reiches
ansehen möchte. So spricht er von ihm einfach als einem „der größten Schöpfer
des Deutschen Reiches“, zu denen in ein paar wenigen Jahren – ab 1940 – auch
wieder Karl der Große gezählt werden wird. In Himmlers Heinrichsbild, das er
sich seit 1935 angelesen hat, wird aber akzentuiert, dass es ihm um eine ostimperialistische
„germanisch“-völkische Perspektivierung deutscher Machtpolitik geht. Die im
ersten Redeabsatz enthaltene Aussage, „daß er einer der größten Schöpfer des
Deutschen Reiches war und zugleich einer, der am meisten vergessen wurde“,
verweist auf Himmlers katholisch-bayrische Herkunft, in deren Schulbildung die
preußische Heinrichsverherrlichung fehlte. So steht es ebenfalls gleich im
ersten Satz der von Gunter d’Alquen zur Druckfassung der Rede geschriebenen
Einleitung: „Vor tausend Jahren starb einer der größten Deutschen, vergessen,
verloren scheinbar und doch so lebendig und nah, daß wir ihn fast körperlich
unter uns zu fühlen glaubten, als wir oben auf seiner Burg Dankwarderode und im
Dom zu Quedlinburg seines Werkes und somit seines ewigen Lebens gedachten.“ Für
d’Alquen, der die Burg Heinrichs des Löwen in Braunschweig – Dankwarderode –
einfach nach Quedlinburg versetzt und die beiden historischen Figuren zu einer
macht, ohne dass jemand korrigierend eingreifen konnte, ist Heinrich I. indessen
wieder „der Gründer des ersten Reiches der Deutschen“. Wie viel Himmler an dieser
Rede lag, beschrieb zum ersten Mal Willi Frischauer in: Himmler. The
evil genius of the Third Reich, London 1953, auf S. 86ff.: „For some time
Himmler had been working on a speech to commemorate the death, a thousand years
ago, of King Heinrich. [...] His SS archaelogists had, on his instructions,
been working on a new shrine at a ceremonie which could leave nobody in doubt
that the new Heinrich (Himmler) was determined to lead Germany on the road
prescribed by the old King Heinrich. […] Himmler in private conversation often discribed it [the speech] as
the greatest and most important which he had ever made“ (Hervorhebung vom Verfasser). Wie wichtig für ihn die Rede war, zeigt sich darin,
dass sie 1936 zweimal jeweils mit Fotodokumentation publiziert wurde, einmal in
der „Ahnenerbe“-Zeitschrift „Germanien“ in Heft 8 und weiter im SS-eigenen
Nordland-Verlag in Berlin. Himmler war nach Angaben der ihm
Nahestehenden, mit denen Frischauer nach dem Krieg sprach, an einer Stelle zu
Tränen gerührt: “With tears in his eyes Heinrich Himmler told to his
listeners that the great king died on 2 July, A.D. 936, at the age of sixty, to
be buried at the crypt in front of which they were standing now.“ Als
weiter bemerkenswert hebt Frischauer, dem offenbar der Redetext vorlag und den
er sich von Himmlervertrauten kommentieren ließ, hervor: „Carefully choosing
his words, Himmler described the other Heinrich as a clever, cautious,
tenacious politician – like
himself, he seemed to imply. The Hungarians, in the Heinrich’s times, were like
the Russians of the thirties, threatening an unprotected Germany. Instead of
tanks, the Hungarians had hordes of horsemen to terrify their enemies. The
sober soldier, Heinrich, Himmler continued, recognized that
the forces of the Germanic tribes were incapable of destroying this enemy (Hervorhebungen
im Text). And what did Himmler’s hero do? He concluded an armistice with the
superior opponent and used it to prepare for the inevitable final battle. If
Europe’s statesmen had listened to Himmler they might have been less surprised
at the Nazi-Soviet pact of 1939 which was really an armistice on the pattern of
Heinrich I., who, in the end, was, of course, victorious.“)
[Die Hervorhebungen im folgenden
Text entsprechen Himmlers im Nordland-Verlag veröffentlichtem Redemanuskript.]
„Nur zu oft wird im Leben der Völker davon gesprochen, daß man die
Ahnen und großen Männer ehren und ihr Vermächtnis nie vergessen soll, und nur zu selten wird diese oft ausgesprochene Weisheit
beachtet. Wir stehen heute, am 2. Juli 1936, an der Begräbnisstätte des
deutschen Königs Heinrich I., der vor genau tausend Jahren gestorben ist.
Vorweg dürfen wir behaupten, daß er einer der größten Schöpfer des Deutschen
Reiches war und zugleich einer, der am meisten vergessen wurde.
Als im Jahre 919 der damals 43jährige Heinrich,
Herzog der Sachsen, aus dem Bauernadel der Ludolfinger, deutscher König wurde,
übernahm er ein Erbe furchtbarster Art. Er wurde König eines Deutschen Reiches,
das kaum noch dem Namen nach bestand. Der ganze Osten Deutschlands war im
Verlauf der vorhergegangenen drei Jahrhunderte und insbesondere der Jahrzehnte
unter den schwächlichen Nachfolgern Karls des Franken an die Slawen
verlorengegangen. Die uralten germanischen Siedlungsgebiete, in denen die
besten Germanenstämme Jahrhunderte hindurch waren, waren restlos im Besitz der
slawischen, das Deutsche Reich bekämpfenden und die deutsche Reichsgewalt nicht
anerkennenden Völkerschaften. Der Norden war an die Dänen verlorengegangen. Im
Westen hatte sich Elsaß-Lothringen vom Reich gelöst und dem westfränkischen
Reich angeschlossen. Die Herzogtümer der Schwaben und Bayern hatten ein Menschenalter
hindurch die deutschen Schattenkönige – so besonders Ludwig das Kind und Konrad
I. von Franken – bekämpft und nicht anerkannt.
Überall waren noch die Wunden der radikalen
und blutigen Einführung des Christentums offen. Das Reich war im Innern geschwächt
durch die ewigen Machtansprüche der geistlichen Fürsten und die Einmischung der
Kirche in weltliche Angelegenheiten.
Die geschichtliche Tat der Schöpfung einer
Reichsgewalt über auseinander strebende germanische Stämme durch Karl den
Franken war aus tiefster eigener Schuld dem völligen Zusammenbruch nahe, da das
System dieser rein verwaltungsmäßig, auf einem artfremden Fundament gebauten
Zentralgewalt von den germanischen Bauern der Sachsen, Bayern, Schwaben,
Thüringer und auch Franken innerlich und blutsmäßig abgelehnt wurde.
So war die Lage, als Heinrich I. als König sein schweres Amt antrat.
Heinrich war der echte Sohn seiner sächsischen bäuerlichen Heimat. Zäh und zielbewusst
ging er schon als Herzog und erst recht als König seinen Weg.
Bei seiner Königswahl im Mai 919 in Fritzlar
lehnte er – ohne auch nur mit einem Wort verletzend zu werden – die Salbung
durch die Kirche ab und legte damit vor allen Germanen Zeugnis ab, daß er bei
kluger Anerkennung der nun einmal bestehenden Zustände nicht willens war zu
dulden, daß kirchliche Gewalt in politische Dinge in Deutschland unter seiner
Regierung mitzureden habe.
Noch im Jahre 919 ordnete sich der schwäbische
Stammesherzog Burkhart Heinrich als König unter, und dieser bindet damit den
Schwaben erneut an das Reich.
Im Jahre 921 zieht Heinrich mit einem Heer auch nach
Bayern und gewinnt auch dort nicht mit der Gewalt der Waffen, sondern mit der
überzeugenden Kraft seiner Persönlichkeit in offener deutscher Aussprache den
Herzog Heinrich von Bayern, der ihn freiwillig als König der Deutschen anerkannte.
Bayern und Schwaben, die in den damaligen Zeit dem Reiche verlorenzugehen
drohten, sind damit durch König Heinrich bis in unsere Tage und so, wie wir die
Überzeugung haben, für ewige Zukunft dem gesamten Deutschen Reiche
eingegliedert und erhalten geblieben.
Das Jahr 921 bringt Heinrich, diesem gewiegten,
vorsichtigen und zähen Politiker, die Anerkennung des westfränkischen, noch von
einem Karolinger regierten, heute französischen Reiches. Die Jahre 923 und 925
fügen dem Reich das bereits völlig verlorene Elsaß-Lothringen wieder ein.
Man stelle sich nun aber nicht vor, daß diese
Wiedergestaltung Deutschlands leicht und ohne jede Behinderung von außen
vollzogen wurde. Die bis dahin kraftlose deutsche Nation war seit einem
Menschenalter Jahr für Jahr in allen ihren Teilen das Beuteobjekt ständiger,
fast nie zu fassender und fast niemals besiegbarer Ungarnzüge. Schutzlos
lagen Land und Leute in ganz Deutschland, ich möchte sagen, in ganz Europa, dem
Zugriff dieser politisch und strategisch hervorragend geführten Reiterhorden
und –heere offen. Die Annalen und Chroniken der damaligen Zeit erzählen uns
sowohl von der Berennung Venedigs und Plünderung Oberitaliens, dem Angriff auf
Cambrai, dem Niederbrennen Bremens sowie von der immer wiederkehrenden
Zerstörung der bayerischen, fränkischen, thüringischen und auch sächsischen
Lande. Der nüchterne Soldat Heinrich erkennt, daß das vorhandene Heerwesen der
deutsch-germanischen Stämme und Herzogtümer, sowie die damals übliche Taktik
für die Abwehr oder gar für die Vernichtung dieses Feindes nicht geeignet war.
Das Glück kommt ihm nun zu Hilfe. Im Jahre 924 gelingt es ihm gelegentlich
eines Einfalles der Ungarn in die sächsischen Lande in der Nähe von Werla bei
Goslar einen bedeutenden ungarischen Heerführer gefangenzusetzen. Die Ungarn
bieten unerhörte Summen von Gold und Schätzen, um ihren Heerführer auszulösen.
Trotz der gegenteiligen Stimmen auch damals reichlich vorhandener törichter und
kurzsichtiger Zeitgenossen tauschte der stolze König den ungarischen Heerführer
gegen einen neunjährigen Waffenstillstand der Ungarn zunächst für Sachsen und
dann wohl für das ganze Reich aus und verpflichtete sich, neun Jahre lang
demütige Tribute an die Ungarn zu zahlen.
Er hatte den Mut, unpopuläre Politik zu machen, und
hatte das Ansehen und die Macht, sie durchführen zu können. Nun beginnt seine
große schöpferische Tätigkeit, ein Heer aufzustellen und das Land durch Anlage
von Burgen und Städten in den wehrfähigen Zustand zu setzen, in dem die
endgültige Auseinandersetzung mit dem bisher unbesiegbaren Gegner gewagt werden
konnte.
Zweierlei Art soldatischer Verbände gab es in den
damaligen Zeit, einesteils den germanisch-bäuerlichen Heerbann der
Stammesherzogtümer, der in Notzeiten zu den Waffen gerufen wurde, andernteils
die ersten deutschen Heerverbände aus Berufskriegern, Dienstmannen,
Ministerialen bestehend, die vor allem die Karolinger eingeführt hatten.
Heinrich I. schweißt die beiden Arten von Heerverbänden zu einer deutsche Heerorganisation
zusammen. Aus den Dienstmannen der Königs- und Herzogshöfe bestimmt er ferner,
daß jeder Neunte als Besatzung in die Burgen gehen sollte. Die Verbände seiner
Dienstmannen läßt er zum erstenmal in Germanien richtig exerzieren und gewöhnt
den rauflustigen Kämpfern ab, als einzelne hervorzupreschen. Er ordnet die
Reiterei nach einem taktischen Wollen und von einem Befehl geleiteten
Truppenkörper.
Im Verlaufe ganz weniger Jahre entstehen an der
damaligen deutschen Ostgrenze, so die Elbelinie entlang, und insbesondere im
ganzen Harzgebiet, eine Unzahl kleiner und großer Burgen, die mit Wall und
Graben, zum Teil mit Steinmauern, zum Teil mit Palisaden, umgeben sind. Sie
enthalten Waffenwerkstätten und Provianthäuser, in denen ein Drittel der Ernte
des Landes nach königlichem Befehl aufgespeichert werden muß. Aus einem Teil
dieser Burgen sind schon zu Heinrichs I. Zeiten spätere namhafte deutsche Städte, wie Merseburg, Hersfeld, Braunschweig,
Gandersheim, Halle, Nordhausen usw., entstanden.
Nach diesen Vorbereitungen ging Heinrich I. daran,
weitere Voraussetzungen für den Endkampf mit den Ungarn zu schaffen. In den
Jahren 928 bis 929 unternimmt er die großen Kriegszüge gegen die Slawen. Einesteils will er sein neu
aufgestelltes Heer üben und für die große Auseinandersetzung festigen,
andernteils will er den Ungarn die Bundesgenossen und die Stützpunkte für ihre
Kriege gegen Deutschland wegnehmen und für immer zunichte machen.
In diesen beiden Kriegsjahren, in denen er sein
junges Heer den härtesten Bewährungsproben unterwirft, besiegt er die Heveller,
Rätarier, Obotriten, Dalaminzier, Milzener und Wilzen. Er erobert im tiefsten
Winter die uneinnehmbar erscheinende Burg Brennabor, das heutige Brandenburg,
erobert nach dreiwöchiger Winterbelagerung die Festung Gana und baut im selben
Jahr die Burg von Meißen, die für alle kommenden Jahre eine strategische große
Bedeutung erhält.
Im Jahre 932, als der unentwegt sein Ziel
verfolgende König alle Voraussetzungen als erfüllt betrachtet, ruft er die geistlichen Fürsten zu einer Synode nach Erfurt, das Volk zu einer
Volksversammlung auf, in der er es in hinreißender Rede dazu begeistert, den
Ungarn nunmehr die Tribute zu verweigern und den Volkskrieg zur endgültigen
Befreiung aus der ungarischen Gefahr auf sich zu nehmen.
Im Jahre 933 erfolgt der Einfall der Ungarn, und sie erlitten als Schlußakt eines
strategisch meisterhaft angelegten deutschen Feldzugs eine vernichtende
Niederlage bei Riade an der Unstrut.
Das Jahr 934 findet Heinrich im Kriegszug gegen
Dänemark, um die nordische Grenze endgültig vor dem Zugriff der Dänen und
Slawen zu schützen und die im Norden in unglücklicher Vergangenheit seiner
Vorgänger verlorenen Gebiete dem Reiche wieder einzugliedern. Die damals weltpolitische
wichtige Handelsstadt Haitabu, das alte Schleswig, wird dem Reiche gewonnen.
Die Jahre 935 bis 936 sehen Heinrich I. als den berühmten und
angesehensten Fürsten Europas zumeist in seiner sächsischen Heimat, wo er, getreu seiner bäuerlichen Art, da er das
Ende seines Lebens herannahen fühlt, sein Erbe regelt und auf dem Reichstag zu
Erfurt den Herzögen und Großen des Reiches seinen Sohn Otto als Nachfolger
empfiehlt.
Am 2. Juli starb er im Alter von 60 Jahren in seiner
Königspfalz Memleben im Unstruttal. In Quedlinburg, in dieser Krypta des
heutigen Domes, wurde er beigesetzt.
Soweit in nüchternen
Angaben und Zahlen der Inhalt dieses tatenreichen Lebens. Es hat manch anderer
eine längere Zeit regiert und kann sich nicht rühmen, einen Bruchteil eines
derart tausendjährigen Erfolges für sein Land errungen zu haben wie Heinrich I.
Und nun interessiert uns, die Menschen des 20. Jahrhunderts, die wir nach einer
Epoche furchtbarsten Niederbruchs in einer Zeit des abermaligen deutschen
Aufbaues allergrößten Stiles unter Adolf Hitler leben dürfen, aus welchen
Kräften heraus die Schöpfung Heinrichs I. möglich war. Die Frage beantwortet
sich, wenn wir Heinrich I. als germanische Persönlichkeit kennenlernen. Er war,
wie seine Zeitgenossen berichten, ein Führer, der seine Gefolgsleute an Kraft,
Größe und Weisheit überragte. Er führte durch die Kraft seines starken und
gütigen Herzens, und es wurde ihm gehorcht aus der Liebe der Herzen heraus. Der
alte und ewig neue germanische Grundsatz der Treue des Herzogs und des
Gefolgsmanns zueinander wurde von ihm in schärfstem Gegensatz zu den
karolingischen kirchlich-christlichen Regierungsmethoden wieder eingeführt. So
streng, wie er gegen seine Feinde war, so treu und dankbar war er zu seinen
Kameraden und Freunden.
König Heinrich
I.

„Er war der Erste unter Gleichen,
und es wurde ihm eine größere und wahre menschliche Ehrfurcht entgegengebracht,
als später Kaisern, Königen und Fürsten, die sie nach volksfremdem byzantinischen
Zeremoniell forderten, zuteil wurde. Er hieß Herzog und König und war ein
Führer vor tausend Jahren.“
Reichsführer SS Heinrich Himmler
Holzschnitt von Ernst von Dombrowski (1938)
(Nachempfunden dem
Bamberger Reiter und dem zeitgleichen Bildnis des Magdeburger Reiters / Ottos
I. in Magdeburg. – Mit den in Holz geschnittenen Redesätzen als
Untertitel immer wieder in zeitgenössischen Publikationen
veröffentlicht.)
Er war einer der großen Führerpersönlichkeiten der deutschen
Geschichte, der bei allem Bewusstsein der eigenen Kraft und der Schärfe des
eigenen Schwertes genau wußte, daß es ein großer und haltbarer Sieg sei, einen
anderen im Grunde anständigen Germanen in offener männlicher Aussprache für das
große Ganze zu gewinnen, als kleinlich sich an Vorurteilen zu stoßen und einen
für das gesamte Deutschtum wertvollen Menschen zu vernichten.
Heilig war ihm das gegebene Wort und der Handschlag.
Er hielt getreulich abgeschlossene Verträge und erfuhr dafür in den langen
Jahren seines Lebens die ehrfurchtsvolle Treue seiner dankbaren Gefolgsmänner.
Er hatte Respekt vor all den Dingen, die anderen Menschen irgendwie heilig
sind, und so sehr er die selbst vor einem Meuchelmord nicht zurückschreckenden
Wege politisierender Kirchenfürsten kannte und daher mit unnahbarer Selbstverständlichkeit
jede Einmischung der Kirche in die Dinge des Reiches abwies, so wenig griff er
in religiöse Angelegenheiten ein oder behinderte die fromme Gesinnung seiner
von ihm geliebten und zeitlebens umsorgten Frau, der Königin Mathilde, des alten
Widukinds Urenkelin. Er hat keinen Augenblick seines Lebens vergessen, daß die
Stärke des deutschen Volkes in der Reinheit seines Blutes und der odalsbäuerlichen Verwurzelung im
freien Boden beruht. Er hatte die Erkenntnis, daß das deutsche Volk, wenn es
leben wollte, den Blick über die eigene Sippe und über den eigenen Raum nach
Größerem sich ausrichten mußte. Er kannte jedoch die Gesetze des Lebens und
wußte, daß man auf der einen Seite nicht erwarten konnte, daß der Herzog eines
Stammesherzogtums als Persönlichkeit fähig sein sollte, die Angriffe gegen die
Mark des Reiches abzuwehren, wenn man ihm auf der anderen Seite kleinlich nach
der Art der karolingischen Verwaltung alle Rechte und Hoheiten entzog. Er sah
das Ganze und baute das Reich und vergaß dabei nie, welche Kraft aus der
jahrtausendealten Tradition in den großen germanischen Stämmen schlummerte.
Er führte so weise, daß die urwüchsigen Kräfte der
Stämme und Landschaften willige und getreue Helfer bei der Gestaltung der
Reichseinheit wurden. Er schuf eine starke Reichsgewalt und bewahrte
verständnisvoll das Leben der Provinzen.
Zutiefst danken müssen wir ihm, daß er niemals den
Fehler beging, den deutsche und auf der anderen Seite europäische Staatsmänner
durch Jahrhunderte hindurch begangen haben: außerhalb des Lebensraumes – wir
sagen heute geopolitischen Raumes – seines Volkes sein Ziel zu sehen. Er ist
nie der Versuchung anheimgefallen, die vom Schicksal aufgerichtete Scheide des
Lebens- und Ausdehnungsgebiets der Ostsee und des Ostens, des Mittelmeeres und
des Südens, die Alpen, zu überschreiten. Er verzichtete dabei, wie wir wohl
annehmen können, aus dieser Erkenntnis heraus, bewußt auf den klangvollen Titel
des ‚Römischen Kaisers Deutscher Nation‘.
Er war ein edler Bauer seines Volkes, das immer
freien Zutritt zu ihm hatte und unbeirrt um staatlich notwendige
organisatorische Maßnahmen persönlich mit ihm zusammenhing.
Er war der Erste unter Gleichen, und es wurde ihm
eine größere und wahre menschliche Ehrfurcht entgegengebracht, als später
Kaisern, Königen und Fürsten, die sie nach volksfremdem byzantinischen
Zeremoniell forderten, zuteil wurde. Er hieß Herzog und König und war ein
Führer vor tausend Jahren.
Und nun muß ich zum Schluß ein für unser Volk
tieftrauriges und beschämendes Bekenntnis ablegen: Die Gebeine des großen
deutschen Führers ruhen nicht mehr in ihrer Begräbnisstätte. Wo sie sind,
wissen wir nicht. Wir können uns nur Gedanken darüber machen. Es mag sein, daß
treue Gefolgsmänner den ihnen heiligen Leichnam an sicherer Stelle würdig aber
unbekannt beigesetzt haben, es mag sein, daß finsterer, unversöhnlicher Haß politisierender
Würdenträger seine Asche ebensosehr in alle Winde zerstreute, wie er die
verkümmerten Gebeine gefolterter und zu Tode gequälter Menschen, deren Gebeine
würdig zu bestatten wir als ehrenvolles Vermächtnis erachten, vor dem Ausgang
dieser Krypta im Boden verscharren ließ, was die Ausgrabungen vor dem Dom
beweisen. Wir stehen heute vor der leeren Grabstätte als Vertreter des gesamten
deutschen Volks, der Bewegung und des Staates, im Auftrage unseres Führers
Adolf Hitler und haben Kränze der Ehrfurcht und des Andenkens gebracht. Wir
legen auch einen Kranz auf dem Steinsarg der vor mehr als neuneinhalb
Jahrhunderten neben ihrem Gatten bestatteten Königin Mathilde, des großen
Königs großer Lebensgefährtin, nieder. Wir glauben auch damit den großen König
zu ehren, wenn wir in seinem Sinn der Königin Mathilde, diesem Vorbild höchsten
deutschen Frauentums, gedacht haben.
Dieses einstmalige Grab, auf dem seit Jahrtausenden
von Menschen unseres Bluts bewohnten Burgberg mit der wunderbaren aus sicherem
germanischen Gefühl heraus geschaffenen Gotteshalle soll eine Weihestätte sein,
zu der wir Deutschen wallfahrten, um König Heinrichs zu gedenken, sein Andenken
zu ehren und auf diesem heiligen Platz im stillen Gedenken uns vorzunehmen, die
menschlichen und Führertugenden nachzuleben, mit denen er vor einem Jahrtausend
unser Volk glücklich gemacht hat, und um uns wieder vorzunehmen, daß wir ihn am
besten dadurch ehren, daß wir den Mann, der nach tausend Jahren König Heinrichs
menschliches und politisches Erbe wieder aufnahm, unserem Führer Adolf Hitler
für Deutschland, für Germanien mit Gedanken, Worten und Taten in alter Treue
dienen.“[12]
Die Frage, warum Himmler die
strategisch bedeutungslose und weit von allen Kampfhandlungen entfernte
Wewelsburg Ende März 1945, während er von Stettin aus die Heeresgruppe Weichsel
befehligte, als zerstörenswert ansah und von dort ein Sonderkommando zu ihrer
Vernichtung aussandte, kann bis heute als nicht beantwortet angesehen werden.
Inzwischen wird sie wohl gar nicht mehr gestellt, zumal die Archive infolge des
zweimaligen Verbots Himmlers, über die Wewelsburg zu berichten, schweigen. Dass
es einen Zusammenhang mit der Heinrichsrezeption geben könnte, wird inzwischen
ausgeschlossen. Damit sind obskurantistischer Antwortsuche Tür und Tor
geöffnet.[13] Dabei stand
schon einmal fest, dass die SS-Ideologen auf der Burg in ihr eine Gründung aus
der Zeit Heinrichs I. sahen.[14]
Im neuesten Faltprospekt wird als Rest ohne weitere Erläuterung der Sächsische
Annalist des 12. Jahrhunderts mit seiner Angabe erwähnt, die Wewelsburg sei zur
Zeit der Hunnen errichtet worden. Wer mit ‚Hunnen‘ gemeint ist, nämlich die im
10. Jahrhundert ins ostfränkische Reich einfallenden, von Heinrich bekämpften
Ungarn, bleibt im Dunkeln und damit vernachlässigenswert. So heißt es z. B. zum
historischen Hintergrund der Burg in einem im Frühjahr 2005 aus Anlass des
60-jährigen Kriegsendes für den WDR verfassten Beitrag nur mehr: „Das
Renaissance-Schloss, Anfang des 17. Jahrhunderts von den Paderborner
Fürstbischöfen errichtet, beeindruckt noch heute die Besucher.“[15]
Bemerkenswert
ist das deshalb, weil man gegenwärtig unter der Schirmherrschaft von Paul
Spiegel aufwändig damit beschäftigt ist, mit Mitteln von Bund, Land und Kreis
auf der Burg als einem „national und international bedeutende[m] Geschichtsort“
ab 2008/09 schwerpunktmäßig die Geschichte der SS in einer Dauerausstellung zu
dokumentieren. Aussagen zu Himmlers Heinrichsrezeption werden dabei als zu
„hypothetisch“ angesehen und bleiben ausgespart.[16]
Damit wird
einer Tendenz in der gegenwärtigen Mediävistik gefolgt, die sich bemüht, die
Ottonenforschung aus allen mit dem „Dritten Reich“ gegebenen Zusammenhängen zu
lösen und dabei zu verstehen gibt, dass Himmlers Instrumentalisierung Heinrichs
I. in einem rein nationalsozialistischen Raum erfolgte, was zu Gegenreaktionen
in Gestalt einer intensiven und heute fortgesetzten Erforschung der Ottonenzeit
geführt habe,[17] gehört doch
die Auseinandersetzung mit Heinrich I. als klassisches Thema nach wie vor zum
Rüstzeug deutscher Mediävistik. Nach wie vor ist nämlich in der Mediävistik
nicht geklärt, ab wann das mittelalterliche ostfränkische Reich ein ‚deutsches‘
genannt werden könnte und welche Rolle Heinrich I. in diesem Zusammenhang
zuzuschreiben wäre.[18]
Das hinwiederum erweckt bei neuhistorischen Beobachtern den Eindruck, dass
dieser Mediävistik ein „subtil-nationalistischer Charakter“ anhafte, „den
sie bis heute nicht los geworden ist!“[19]
So ist nicht nachvollziehbar, was denn das Ergebnis der „Gegenreaktionen“ auf
nationalsozialistische Instrumentalisierung sein soll, wenn in ihrem Nebel
weiter „Neo-Nationalisten“ ihr Feld bestellen.
Denn es war
mediävistischer Umgang mit den Ottonen, vor allem mit Heinrich I. und seinem
Sohn Otto dem Großen, der seit dem 19. Jahrhundert der völkischen
Betrachtungsweise deutscher Geschichte Vorschub leistete, so dass ihre Befunde
z.B. nahtlos in die von Preußen dominierten protestantischen Schulbücher
aufgenommen werden konnten. In ihnen wurde Heinrich I. als Vertreter von
„Rassereinheit und Volkstum“ vorgestellt, noch bevor Himmler mit Heinrich I.
vertraut geworden war.[20]
Mit seiner Heinrichsrezeption setzte Himmler dann die im so genannten Sybel-Ficker-Streit ab 1859 initiierte
völkische Betrachtungsweise fort, die auf der „kleindeutsch-norddeutsch-protestantischen
Geschichtsauffassung“[21]
aufbaute. In ihr wurde Heinrich I. als der „Stern des reinsten Lichtes an
dem weiten Firmament unserer Vergangenheit“ gesehen und „Gründer des
deutschen Reiches und damit [...] Schöpfer des deutschen Volkes“ (H. v. Sybel) genannt. Dieser habe im
Unterschied zu seinen kaiserlichen Nachfolgern mit ihrer Fixierung auf Rom und
Italien „die Kräfte der Nation (...) mit richtigem Instinkte in die
großen Kolonisationen des Ostens“ gegossen.[22]
Und der erste Heinrichsmonograph Georg
Waitz stellte entsprechend 1860 fest, „deutsche Cultur, deutsche
Bevölkerung [habe] den Beruf, sich gegen den Osten hin auszubreiten“.[23]
Damit war die seit Beginn des 19. Jahrhunderts so genannte mittelalterliche
Ostkolonisation symbolpolitisch an die zeitgenössisch vorherrschende
imperialistische Ideologie mit ihrer europaweiten Ausrichtung nach Osten und in
den Orient angeschlossen worden und Heinrich I. begann in ihr eine Rolle zu
spielen.
Hier soll
unter Einbeziehung mediävistischer Äußerungen zu den Ottonen untersucht werden,
was es heißt, wenn Heinrich I. die „überragende Symbolfigur“ oder die
„Idealgestalt“ für Himmler als Ostpolitiker genannt werden kann,[24]
und was sich aus seiner Rezeption Heinrichs I. für symbolpolitische Maßnahmen ergaben.
Dabei gilt im Anschluss an Hüsers
Feststellung über den Glauben der SS-Ideologen, dass die Burg eine Gründung aus
der Zeit Heinrichs I. sei, gegen die von Himmler verhängten Berichtsverbote und
das Fehlen von Akten die These, dass die Wewelsburg das hinter aufwändiger,
männerbündlerischer Geheimhaltung verborgene und am 31.3.1945 zerstörte Herz im
symbolpolitischen Netz ist, das Himmler mit seinen vielfältigen
„Heinrichs“-Benennungen ab 1936 über sein Tun warf und das von dort mit
ideologischem Blut versorgt werden sollte.
Seit Anfang 1933 ist Himmler mit R. Walther Darré darauf aus, im „Lande Hermanns und Widukinds“[25] etwas Traditionsschweres für die SS zu finden, mit dem sie sich im westfälischen Boden verankern ließe. Mit dem Agrarexperten der NSDAP und späteren „Reichsbauernführer“ Darré ist Himmler befreundet. Beide kennen sich, wie auch den späteren Kommandanten von Auschwitz Rudolf Höß, als Mitglieder des „Artamanen“-Bundes, einer völkischen Bewegung freiwilliger Landarbeiter und Siedler. So hat Himmler 1931 Darré zum Leiter des Rasse- und Siedlungshauptamtes der SS gemacht. Auf Westfalen ist der „Blut- und Boden“-Ideologe Darré besonders erpicht, spielt es doch in seiner grundlegenden Schrift von 1930 – Neuadel aus Blut und Boden – eine wichtige Rolle. „Hier und da in Westfalen“ meint er nämlich einen „Stamm kleinerer und mittlerer freier Gutsbesitzer und Bauern“ überleben zu sehen, wie er sie für das Germanentum als typisch annimmt, das seiner Meinung nach nämlich mit dem 10. Jahrhundert mehr oder weniger flächendeckend untergegangen ist.[26] Nordwestdeutschland aber ist für ihn ein „germanisches Kernland“, „heute noch vorwiegend germanisch besiedelt“.[27] In einer überlieferten Aussage Mathildes, Frau Heinrichs I. und Enkelin des von Karl dem Großen bekämpften Sachsenherzogs Widukind, sieht er den Kern seiner Vererbungswissenschaft verkörpert, dass nämlich, unklar genug, „nur das edle Geschlecht auch eine edle Denkungsart verbürge“.[28] In diesem Sinne wirkt er schon zeitig auf Himmler ein und meint ihm im Scherz sagen zu können, er sei auch Heinrich.[29]
Erst vor diesem skizzierten Hintergrund ergibt sich, warum Himmler und Darré sich so sehr um eine Burg in Westfalen bemühen. Beider Interesse wird von einflussreichen Vertretern der ländlichen Führungsschicht des Kreises Büren auf die Wewelsburg gelenkt. Ausgrabungsbefunden von 1924 war zu entnehmen, dass die Wewelsburg offenbar anfänglich als sächsische Wallburg angelegt war. Für Himmler und die SS bleibt zunächst unklar, was mit solch einem Hintergrund anzufangen wäre. So fällt fast noch eine andere historische Gestalt aus dem sächsischen Zusammenhang und viel bekannter als der in quellenarmer Zeit lebende Heinrich I. dem auf Ostpolitik versessenen Münchener Heinrich Himmler und seinem Identifikationsverlangen zum Opfer: Heinrich der Löwe. Er gehört mit Widukind und Heinrich I. zu den Kerngestalten der so genannten „Niedersachsen-Ideologie“ oder des „Niedersachsen-Mythus“ des NS-Chefideologen Alfred Rosenberg.[30] Himmlers Erschrecken vor dem 1935 in Braunschweig geöffneten Welfengrab – Knochen eines zu kurz geratenen „Hinkefußes“ waren sichtbar geworden, in denen er fälschlicherweise Heinrich den Löwen glaubt erkennen zu müssen – führt ihn aber endgültig nach Quedlinburg auf die Spuren Heinrichs I. Denn dort bereitet man seit 1935 die Feierlichkeiten zu dessen tausendstem Todestag vor.[31] SS-Brigadeführer Dr. Hermann Reischle, Chef des Rasseamtes unter Darré, nannte diese Feier „propagandistisch [...] geradezu ein Geschenk des Himmels“ und berichtete am 24.10.1935 an Himmler: „Durch ihre zweckmäßige Gestaltung können wir mit einem großen Schlag das erreichen, was sonst auf propagandistischem Weg nur mühsam in Jahren durchgekämpft werden könnte. Schon aus diesem Grund muß die entscheidende Beteiligung der SS und damit unsere Einflußnahme auf die Vorbereitung und Gestaltung der Feier dringend befürwortet werden.“ Das wirkt sich sofort auf die Einschätzung der Wewelsburg aus: Der anfängliche Plan, die Burg zu einer Reichsführer-SS-Schule auszubauen, wird fallen gelassen. Himmler übernimmt die Burg mit Befehl vom 6. November 1935 in seinen Persönlichen Stab und verhängt ein Verbot jeglicher Berichterstattung über die dortigen Vorgänge.[32] Noch im Dezember 1935 legt er fest, „dass die SS mit der Stadt Quedlinburg alleinige Trägerin der Feiern am 2. Juli 1936 sein sollte“.[33]
Die Wewelsburger Grabungsbefunde von 1924 werden jetzt in neuem Licht gesehen, und die SS-Ideologen erkennen offenbar, was sich mit einer chronologisch nicht genau fixierbaren sächsischen Wallburg anfangen lässt: Seit 1935 beschäftigt sich nämlich Himmler mit dem in der preußischen Geschichtsschreibung übermittelten Heinrichsbild. Die von ihm, Darré und Herman Wirth 1935 gegründete Forschungsgemeinschaft der SS „Ahnenerbe“ wendet sich gezielt der Sichtung des 10. Jahrhunderts und des Heinrichserbes zu. Dabei entsteht neben wissenschaftlich tragfähigen Ergebnissen mehr und mehr Arbeit am für Himmler notwendigen Heinrichsmythos.[34] Denn Himmler, unterstützt durch Darré,[35] beschäftigt sich schließlich so sehr mit Heinrich I., dass er glaubt, eine Reinkarnation des Sachsen zu sein, mit dem er, wie sein Leibarzt bekundet, immer wieder geisterhafte Zwiesprache hält, um sich Rat zu holen.[36] In der umfangreichen Arbeit von Hüser über die Wewelsburg wird folgenlos festgehalten, dass die SS-Ideologen „später“ keinen Zweifel daran hegten, die Entstehungszeit der Burg „in die Zeit der Abwehrkämpfe König Heinrichs I. um 930 gegen die Ungarn oder ‚Hunnen‘ zu legen“, womit sie gar nicht so falsch gelegen hätten, „befanden sie sich [doch] sogar in Übereinstimmung mit der ersten schriftlichen Überlieferung über die Wewelsburg aus der Feder des Abtes Arnold zu Berge bei Magdeburg, des so genannten ‚Annalista Saxo‘“.[37] Dass Himmlers „Ahnenerbe“-Forscher den „Annalista Saxo“ kannten, dürfte anzunehmen sein, dass die Wewelsburg für sie aber auf einmal in eine sächsische Ahnenschaft mit der Widukindheimat Enger, ab 1938 von Himmler zur „König-Heinrich-Stadt“ ernannt, und der Heinrichsgrabstelle in Quedlinburg als „nationaler Weihestätte“ geraten war, dürfte das Überraschendste und das geschichtsklitternd Schlüssigste für Himmler und die SS-Ideologen gewesen sein.
Die neue Konzeption der Wewelsburg als
„Heinrichsburg“ mündet Anfang 1936 noch vor der nationalen Heinrichsfeier in
Quedlinburg in die Gründung der „Gesellschaft zur Förderung und Pflege
Deutscher Kulturdenkmäler e.V.“ in München, deren Hauptzweck Erhaltung und
Ausbau der Wewelsburg ist. Auch in Quedlinburg und Enger wird parallel unter
der Leitung des für alle drei Baudenkmäler verantwortlichen Staatskonservators
Hiecke gearbeitet.[38]
Aus der Wewelsburg soll in der Himmler’schen Vision der Mittelpunkt eines
„Großgermanischen Imperiums“ werden, für dessen Ausbau der Chef-Architekt H.
Bartels bis 1964 die Summe von 250 Mio. RM veranschlagt und zu dessen
Verwirklichung die neben dem Burggelände untergebrachten KZ-Häftlinge und die
zu Sonderkonditionen eingeräumten Kredite der Dresdner Bank beitragen sollen. Dort
möchte er nach dem Krieg als „Reichsverweser“ residieren.[39]
Im
katholischen Paderborner Land gibt es für diese Art übersteigerter und ins
Völkische pervertierte preußische Heinrichsrezeption keine Basis, so dass
Himmler für seine Heinrichsverehrung einstweilen eine Zweiteilung findet: Der
öffentliche Teil gilt Quedlinburg. Dort hat die Erinnerung an Heinrich
Tradition, wird der König doch als Stadtgründer angesehen, so dass im Jahre
1922 bei der Tausendjahrfeier des Stadtgeburtstages alles aufgeboten wurde, was
in der nationalistischen Rezeption zusammengetragen worden war. In der
damaligen Festschrift ist er derjenige, der „die Einheit des rein völkischen
Staates schuf“ und der „der deutschen Staatskunst den erfolgverheißenden
Weg nach Osten wies“.[40]
Die Grabstelle Heinrichs I. in der Stiftskirche macht Himmler ab 1936 zu einer
„nationalen Weihestätte“, als er in der großen nationalen Feier am 2. Juli des
1000. Todestages des sächsischen Königs gedenkt. In seiner deutschlandweit
ausgestrahlten Rede auf den Sachsenkönig beschreibt er, wie spät er dessen
Bekanntschaft gemacht habe, als er behauptet, dass Heinrich „einer der
größten Schöpfer des Deutschen Reiches war und zugleich einer, der am meisten
vergessen wurde“.[41] Mit Tränen in den Augen soll er über Heinrich
I. gesprochen und seine Todestagrede für die größte und wichtigste aller von
ihm gehaltenen Reden ausgegeben haben. Der Chef seines Persönlichen Stabs, Karl
Wolff, meinte, Himmler habe sich wohl, während er vor der leeren Gruft des
Sachsenkönigs stand, für den nach der Vorsehung wiedergeborenen Heinrich
gehalten.[42]
In einem
gleichzeitig allen SS-Führern zugehenden Sonderheft der Zeitschrift „Germanien“
betont Himmler: „Sein Andenken wurde uns fast vergessen gemacht. Seine Leistungen,
der Bau eines wirklich deutschen Reiches, wurde unserer Jugend verschwiegen.“[43]
Diese Klage ergibt einen Sinn, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Himmler ja
aus dem katholischen Bayern stammte, wo Heinrich I. aus Protest gegen das
protestantische Preußen und die dortige Instrumentalisierung Heinrichs als „kleindeutscher
Musterkönig“[44] im
Geschichtsunterricht nicht vorkam.
Ab 1938 breitet Himmler von Quedlinburg aus in seiner „König-Heinrich-I.-Gedächtnis-Stiftung“ seinen Heinrichskult auf alle Orte aus, die mit Heinrich in Zusammenhang gebracht werden können. Sie werden zu „König-Heinrich-Städten“: Braunschweig, Enger, Fritzlar, Wetzlar, Gandersheim, Erfurt, Goslar, Meißen, Nordhausen, Schleswig, Wallhausen und Quedlinburg.[45] Bis 1939 sind es 32 Namen, die als „Heinrichs-Stationen“ in der Stiftskirche eingemeißelt werden sollen.[46] So wird Fritzlar, einzige katholische Stadt in diesem Verbund, für 84 RM Mitgliedsbeitrag pro Jahr bis 1945 Stiftungsmitglied, obwohl es sich bis dahin kein Verdienst dafür anrechnet, angeblich 919 angeblicher Ort der angeblichen Königserhebung gewesen zu sein. In Fritzlar hatte sich so wenig wie in anderen vom preußischen Kulturkampf in Mitleidenschaft gezogenen katholischen Gebieten eine an Heinrich I. orientierte völkische Geschichtsbetrachtung entwickeln und durchsetzen können. (Aber – später Sieg der preußischen Heinrichsrezeption im Kalten Krieg mit einem Grenzverlauf zwischen den Blöcken, als handelte es sich bei der Bundesrepublik um das ostfränkische Reich von 919 und als habe seine wie immer zu begründende Ablehnung der Königssalbung etwas mit romfeindlicher Haltung und Protestantismus zu tun – 1956 wird König Heinrich auf Betreiben der protestantischen Nachkriegs-Mehrheit zum Namenspatron des Fritzlarer städtischen Gymnasiums![47])
Kein Wunder also, dass im katholischen Umfeld der Wewelsburg Zurückhaltung in Bezug auf einen öffentlichen Umgang mit der preußisch-völkisch eingefärbten sächsischen Königsgestalt angesagt war, zumal die Wewelsburg bisher für die Heinrichsrezeption nicht in Anspruch genommen worden war und keine lokale Tradition in diese Richtung lief.[48]
Der hinhaltende Widerstand von katholischem Pfarrer und zur Enteignung vorgesehenen Dorfbewohnern hatte im Unterschied zu Quedlinburg, wo ab 1938 die SS-Fahne am Stiftskirchturm wehte, ein sehr schwieriges Umfeld geschaffen, in dem nur schrittweise und über langwieriges Verhandeln weiterzukommen war. In Quedlinburg bekam der Todestag Heinrichs Ritualcharakter: Nachdem beim Todesgedenken 1937 in einer Mitternachtszeremonie in geschlossener Gesellschaft die angeblich wiederaufgefundenen Gebeine Heinrichs beigesetzt worden waren,[49] um der „Weihestätte“ eine authentischere Aura zu geben, und 1938 die Ausrufung der „König-Heinrich-Städte“ an der Reihe war, überreichte im Jahre 1939 der Oberbürgermeister der Stadt Himmler einen ihm gewidmeten „König-Heinrichs-Marsch“.[50]
Auf dem so geschaffenen Fundament der Heinrichsverehrung entfalteten sich die Instrumentalisierungen Heinrichs mit dem Feldzug gegen Polen und ab 1941 im Ostfeldzug, indem sie symbolpolitisch den Rasseimperialismus gegen alles „Fremdvölkische“ im Osten begleiteten.
Zu der einzigen offiziellen Wewelsburger SS-Veranstaltung unter Ausschluss von Öffentlichkeit und Presse kam es unmittelbar vor Beginn des Ostfeldzugs. Himmler lud vom 11. bis 15. Juni 1941 zu einer SS-Gruppenführertagung auf die Wewelsburg ein. Hier hatte er einen Raum mit Blick übers Almetal, der „König Heinrich“ hieß.[51] Bei der Tagung verkündete er den Zweck des „Unternehmens Barbarossa“, das in den Planungen von Hitlers Generalstabschef Franz Halder 1940 noch „Plan Otto“[52] (!) geheißen hatte: „die Dezimierung der Bevölkerung der slawischen Nachbarländer um 30 Millionen.“[53] Sein Freund und Chronist, der Schriftsteller und Präsident der Reichsschrifttumskammer Hanns Johst, beauftragt mit der Abfassung der „Heinrich-Saga“[54], war auch zugegen, wie ein Eintrag vom 12. Juni in Himmlers Dienstkalender ausweist. Diese Ankündigung war nach der Zeugenaussage des für das Bandenbekämpfungswesen im Osten verantwortlichen von dem Bach-Zelewski geknüpft an Himmlers Vorstellung, dass dieser Feldzug nur mit Einheiten wie der „Sondereinheit Dirlewanger“ zu gewinnen sei,[55] die schon seit 1940 im Raum Lublin/Zamosc stationiert war[56] und deren Zustandekommen am ehesten als eine Wiederbelebung der von Widukind von Corvey beschriebenen „Merseburger Schar“ zu verstehen ist. Heinrich I. hatte sie zum Kampf gegen die Slawen gebildet: Sooft Heinrich gesehen habe, „daß ein Dieb oder Räuber ein tapferer Mann und zum Krieg geeignet sei, erließ er ihm die gebührende Strafe, versetzte ihn in die Vorstadt von Merseburg, gab ihm Äcker und Waffen, befahl ihm, die Bürger zu schonen, gegen die Barbaren [= Slawen] aber, so viel sie sich getrauten, Raubzüge zu unternehmen. Die solchermaßen gesammelte Menschenmenge bildete eine vollständige Heerschar zum Kriegszug.“[57]
Zu dem aus der Geschichte entliehenen Rahmen gehörte auch die von den
Nazis ausgeschlachtete alte westfälische Sage von der „Schlacht am Birkenbaum“.
In dieser lokalen Ausprägung der seit dem Mittelalter bekannten Kaisersage ist
von einer endgültigen Schlacht zwischen Ost und West oder zwischen „Hunnensturm“
und westlichem „Weltmissionierungsauftrag“ die Rede,[58]
was für die Siegesphantasien der SS hieß: „Der Osten gehört der Schutzstaffel!“[59]
Der direkte Zugang zum Osten sollte symbolisch gewährleistet werden, indem man
mit einer acht Kilometer langen Allee Anschluss an den „Hellweg“ suchte, die
alte, aus vorrömisch-germanischer Zeit stammende Ost-West-Verbindung der Hanse,
heute Bundesstraße 1. Die Duisburger hatten an dessen Anfang ihren Königsplatz
in Stadtmitte am 1.8.1936 in König-Heinrich-Platz umbenannt. (So heißt er heute
noch.)[60]
Am „Hellweg“ hatten wie um Aachen und am Niederrhein reiche Güterkomplexe des
sächsischen Königsgutes von Heinrichs Liudolfingerfamilie gelegen.[61]
Der Sonderzug, mit dem Himmler dann am 3.9.1939 seine erste Besichtigungsfahrt nach
Polen unternahm, trug den Namen „Heinrich“ und wird immer wieder für Himmlers
Reisen in den Osten eingesetzt werden, auch wenn er z.B. zur Dienstbesprechung
mit Hitler in dessen Hauptquartier „Wolfsschanze“ verabredet ist. Seinen in der
Nähe des östlichen Führerhauptquartiers aufgeschlagenen Aufenthaltsort nennt er
„Feldkdo.-Stelle Heinrich“.[62]
In den „SS-Leitheften“ wird mit einem vielerorts verbreiteten Holzschnitt Ernst
Dombrowskis König Heinrich I. abgebildet und mit folgenden Himmler-Sätzen aus
der Todesgedenkrede von 1936 vorgestellt: „Er war der Erste unter Gleichen,
und es wurde ihm eine größere und wahre menschliche Ehrfurcht entgegengebracht,
als später Kaisern, Königen und Fürsten, die sie nach volksfremdem
byzantinischen Zeremoniell forderten, je zuteil wurde. Er hieß Herzog und König
und war ein Führer vor tausend Jahren. – Reichsführer SS Heinrich Himmler.“[63]
Zu Beginn des Russlandfeldzuges hält Himmler vor Unteroffizieren und
Mannschaften im Juli 1941, also kurz nach der das Unternehmen „Barbarossa“
vorbereitenden Ankündigung auf der Wewelsburg, in Stettin eine Rede zur
Einstimmung der Soldaten auf den Einsatz im Ostfeldzug: „Wenn Ihr, meine
Männer, dort drüben im Osten kämpft, so führt Ihr genau denselben Kampf, den
vor vielen, vielen Jahrhunderten, sich immer wiederholend, unsere Väter und
Ahnen gekämpft haben. Es ist derselbe Kampf gegen dasselbe Untermenschentum,
dieselben Niederrassen, die einmal unter dem Namen der Hunnen, ein andermal,
vor 1.000 Jahren zur Zeit König Heinrichs und Ottos I., unter dem Namen
Magyaren, ein andermal unter dem Namen der Tataren, wieder ein andermal unter
dem Namen Dschingis Khan und Mongolen angetreten sind. Heute treten sie unter
dem Namen Russen mit der politischen Deklaration des Bolschewismus an.“[64]
Dem folgen 1941 erste „Heinrichs“-Taten Himmlers im neuen
„Kolonialland“[65]: Im Rahmen
des „Programms Heinrich“ wird der SS- und Polizeiführer im Distrikt
Lublin Odilo Globocnik zum Beauftragten für die Schaffung von SS- und Polizeistützpunkten
in den neu eroberten Ostgebieten ernannt.[66]
Dort sollen sich „Wehrbauern“ –
Widukind von Corvey spricht von „milites agrarii“, die von Heinrich I. zum
Schutz vor den Ungarn um Fluchtburgen herum angesiedelt wurden – niederlassen,
und zwar im Raum um Lublin und die alte Stadt Zamosc, die mit der Hanse in
Verbindung gestanden hatte und künftig „Himmlerstadt“ heißen sollte. Das
sollten die ersten für die „Aktion Zamosc“ im „Generalplan Ost“
vorgesehenen Stationen der Neubesiedlung des Ostens sein. Ein neues KZ wird
gleich mit errichtet, das spätere Majdanek.
Neben Majdanek stehen die späteren Vernichtungsstätten Treblinka, Sobibór
und Belzec außerhalb der Inspektion über die KZs 1942/43 unter Globocniks
persönlichem Befehl. Dieser lässt dort die „Aktion Reinhardt“ durchführen: Unter dem Vorwand der
„Aussiedlung“ werden die dorthin transportierten Juden massenhaft ermordet.[67]
Von nicht zu überschätzender Bedeutung für den der Wewelsburg zugekommenen ideologischen Wert ist die Wagneroper „Lohengrin“. Sie ist neben dem „Freischütz“ die maßgebliche deutsche Nationaloper. Wagner stützt sich nämlich in seinem Libretto auf einen literarischen Text vom Ausgang des 13. Jahrhunderts, in dem Heinrich I. in Zusammenhang mit dem Parzival-Sohn Lohengrin gebracht wird, der die Gralsburg verlassen hat, um seine Ritterdienste dem gegen die heidnischen Ungarn und Sarazenen kämpfenden Heinrich zur Verfügung zu stellen. Bei Wagner kann indessen der Gralsritter den sächsischen König nicht in den Kampf begleiten, weil er sich zurück auf die Gralsburg Monsalvat begeben muss. Dafür macht er aber dem König eine vielversprechende Prophezeiung: „Dir Reinem ist ein großer Sieg verliehn! / Nach Deutschland sollen noch in fernsten Tagen / des Ostens Horden siegreich nimmer ziehn!“ Diese Oper hatte bei der „loyalen Bevölkerung“ einen solchen Resonanzraum geschaffen, dass Sebastian Haffner sie 1940 sagen lässt: „Wenn wir Krieg führen, tun wir das nur aus den erhabenen Gründen Lohengrins: um unterdrückte unschuldige und verfolgte Menschen zu retten. Wie gern hätten wir Österreich, die Tschechoslowakei und Polen unangetastet gelassen! Es war nur ihre unverbesserliche Niedertracht und Grausamkeit, die uns schließlich dazu zwang, diese Länder zu annektieren.“[68] Es wäre also unangemessen, wollte man Himmler einen besonderen Vorwurf daraus machen, dass er die Geschichte geplündert habe, um sie, wie das angeblich nur Nationalsozialisten getan haben, für seine Zwecke zu „missbrauchen“. Instrumentalisierung von Geschichtsdaten bietet sich nämlich gerade für nationale Belange immer an und kommt offenbar jedermann gelegen, wenn eigene Interessen gegen andere durchgesetzt werden und eine (Schein-)Legitimation erhalten sollen.
Weitere Geschichtsdaten boten sich für die ideologische Durchsetzung imperialistischer Ostpolitik an: Der Sieg über die heidnischen Ungarn ist seit Otto I., dem Sohne Heinrichs, an ein Symbol gebunden, das Hitler wie Himmler in Bann schlug. Es ist die an hervorragender Stelle zu den Reichsinsignien zählende so genannte heilige Lanze, Mauritius-Lanze oder der Longinus-Speer, dem eine bis zum Tode Christi zurückführende Geschichte angedichtet wurde. Für Heinrich bedeutete die Lanze so viel, dass er für ihren Erwerb vom König von Burgund sogar einen Teil seines Reichsgebietes hergegeben haben soll. Wenn man sich in der Ottonenforschung in etwas einig ist, dann darin, dass sie „zur wichtigsten siegbringenden Reliquie der ottonischen Dynastie wurde“.[69] Wann sie bei Heinrich zum Einsatz kam, ist Sache der Spekulation. So kann man sie bereits, wie das der mit „Ahnenerbe“-Wissenschaftlern bekannte Mediävist Helmut Beumann 1994 schreibt, bei der Vertreibung der Ungarn in die Schlacht vorantragen lassen, weil sie am Gedenktag des Longinus, am 15. März 933, stattfand. Festzustehen scheint, dass Otto bei der entscheidenden Schlacht gegen die Ungarn auf dem Lechfeld von 955 die Lanze selbst in den Kampf führte. 1940 wird festgehalten: „Ihr Bedeutungswandel zur Lanze des heiligen Kriegers und Märtyrers Mauritius, durch A. Brackmanns Forschungen seit Otto dem Großen als Schutzpatron des deutschen Ostens erkannt, erfolgte im 10. Jahrhundert.“[70] In der Lanze lebte die Tradition des Kampfes gegen die „asiatischen Horden“ am sinnfälligsten fort. Ihr Symbolgehalt fand bis in die endgültigen Ausbauplanungen des Äußeren der Wewelsburganlage von 1944 Ausdruck. Der dreieckige Burgkern war jetzt der äußerste Punkt einer Speerspitze, die sich gleichschenklig über einige hundert Meter erstreckte und die bis in die als Schaft gedachte schnurgerade Zufahrtsstraße kilometerweit architektonisch ausgestaltet werden sollte. Das passt zu der obsessiven Beschäftigung, mit der man im „Ahnenerbe“ über den Sinn dieser Lanze nachdachte, wobei sie vom christlichen Hintergrund gelöst und in „germanische Kontinuität“ eingepasst wurde.[71] Der im „Ahnenerbe“ mitarbeitende Wissenschaftler und wotangläubige männerbündlerische Prof. Dr. Otto Höfler, nach Amtsenthebung 1945 ab 1954 in München als Germanist wieder im Universitätsdienst und bis 1971 an der Wiener Universität lehrend, sah als einer der Hauptreferenten des Erfurter Historikertages von 1937 im Rahmen einer von ihm entwickelten „germanischen Kontinuitätstheorie“ den Speer Wotans in ihr, der in diesem Sinne ‚heilig‘ und seit 919 in Heinrichs Hand gewesen sei. Höflers Theorie wird maßgeblich für Josef Otto Plassmann, Mitglied des Persönlichen Stabs des Reichsführers-SS, und für die Heinrichsmonographie von Alfred Thoss.[72]
Hatte der Quedlinburger Oberrealschuldirektor Lorenz, mit einer Arbeit über Heinrich I. promoviert und als Wehrkraftdidaktiker in den ethischen Unterrichtsfächern seit der Jahrhundertwende bekannt, beim 1000. Quedlinburger Stadtgeburtstag Heinrich I. als den völkischen Staatsgründer und Ostpolitiker gefeiert, dann vollstreckte Himmler mit der Inbesitznahme der Heinrichsgrabstätte nur das, was an Säkularisierung bereits geleistet worden war. Auf das Orgelspiel verzichtete Himmler indessen nicht, wenn er die Grabstelle besuchte, sondern brachte sogar einen eigenen Organisten mit.[73] Wie Heinrich I. von ihm instrumentalisiert wurde, geht aus einem Tagebucheintrag des Leibarztes F. Kersten hervor: „Er rechnete mir vor, daß bei systematischer Verfolgung dieser Maßnahmen“ (nämlich die Rückzüchtung der „germanisch blond-blauen Urrasse“) „in einhundertzwanzig Jahren nach den Mendelschen Gesetzen das deutsche Volk wieder weitgehend reinblütig germanisch aussehen werde, die Geschichte ihm das danken und in tausend Jahren sein Lebenswerk genau so verstehen würde, wie dies jetzt mit dem Werk König Heinrichs I. der Fall sei.“ Außerdem höre Himmler es gern, wenn er in seinen eigenen Reihen „König Heinrich“ genannt werde,[74] der seinen Leuten Siedlungsland im zu erobernden Osten zuweisen würde. Bei einer „der bemerkenswertesten Zusammenkünfte von Parteifunktionären“ am 6.10. 1943 in Posen greift Himmler in seiner Rede ausdrücklich, aber wie beiläufig auf Heinrich I. zurück, und zwar im Zusammenhang seiner gerade erfolgten Ernennung zum Reichsinnenminister. Den neuen Aufgabenbereich reflektiert er in der Heinrich zugeschriebenen Einigungsleistung den Stämmen und dessen Eroberungen den Slawen gegenüber: „Ich möchte mal zur Frage der Reichsautorität ein paar Worte sagen und auf das berühmte alte Kapitel eingehen, mit dem wir uns in Deutschland schon seit den Zeiten König Heinrichs I., also seit 1000 Jahren, befassen: Reich und Länder, Reich und Gaue, Reich und Provinzen. (...) Es muß eine klare Reichsautorität da sein, denn sonst lassen sich die großen Aufgaben, insbesondere im Krieg, nicht lösen. Sonst würden wir nicht fähig sein, über Großdeutschland hinaus das noch größere Reich, nämlich das Germanische Reich aufzubauen, dessen Grenzen nach meiner Überzeugung – nun halten Sie mich nicht für einen verrückten Optimisten – einmal am Ural liegen werden.“[75]
Die Wewelsburg konnte als geplantes Zentrum des „Großgermanischen
Reichs Deutscher Nation“ nicht mehr nach Asien ausstrahlen. Um noch die Spuren
des Ausbaus zur gigantischen „Heinrichsburg“[76]
mit Talsperre, Flugplatz und Autobahnanschluss zu verwischen, mag Himmler ihre
Zerstörung bei Kriegsende angeordnet haben. Denn erst bei einem Sieg hätte man
Himmler wohl die Kraft zugetraut und abgenommen, die Wewelsburg als einen Ort
zu erklären, der seine Bedeutung vor allem als Gründung aus der Zeit Heinrichs
bezogen hätte.[77] Schließlich
ist von den Spuren, die Himmler als Fundament der Burg annehmen konnte, nämlich
das durch Grabungen von 1924 angenommene Holz-Erde-Befestigungssystem einer
Fliehburg aus dem 10. Jahrhundert, nichts Auffälliges mehr zu sehen gewesen.
Der Schlossberg mit der Stiftskirche in Quedlinburg entging der Zerstörung
durch Himmler offensichtlich deshalb, weil die dortigen Veränderungen am
Heinrichserbe zwar bemerkenswert, aber letztendlich nur oberflächlich waren.
Denn in Quedlinburg ist Heinrich wie nirgends sonst durch Geschichte und
Geschichtsbücher gegenwärtig und im Unterschied zur Wewelsburg vor allem auch
in lokaler Tradition überliefert und verankert.
Als Befehlshaber der von Asien ganz weit entfernt aussichtslos gegen die „asiatischen Horden“ kämpfenden Heeresgruppe Weichsel wurde er, freilich sehr spät, der Realität inne, die alles mit der Wewelsburg Beabsichtigte auf einmal als den Größenwahn erscheinen ließ, der es von Anfang an war und der keinen verwertbaren Stoff aus dem gescheiterten „Programm Heinrich“ für die zu dichtende „Heinrich-Saga“ übrig ließ. Dieser realistische Blick gehört zu Himmler als einem, der „‚normaler‘ als irgendeiner der ursprünglichen Führer der Nazibewegung“ war, wie Hannah Arendt feststellt.[78] Kündigte er 1938 vor der SS-Standarte „Deutschland“ in einer Rede das „großgermanische Reich“ als das größte Reich an, „das von dieser Menschheit errichtet wurde und das die Erde je gesehen hat“, so konnte er 1942 zu folgender Einsicht fähig sein: „Der Mensch ist gar nichts Besonderes. Er ist irgendein Teil auf dieser Erde. Wenn ein stärkeres Gewitter kommt, kann er schon gar nichts dagegen machen.“[79] So ging er auch mit dem, was seinen immer wieder und nicht zuletzt von seiner rechten Hand Karl Wolff und seinem Leibarzt Felix Kersten erwähnten Reinkarnationsglauben betrifft, entsprechend vorsichtig um und bezeichnete sich selbst nie öffentlich als einen Wiedergeborenen oder gar als einen zweiten Heinrich.[80] Das war in die vielfältigen „Heinrichs“-Benennungen und in sein Personenumfeld verlagert, in dem er mit Respekt „König Heinrich“ genannt werden konnte und das ebenfalls an geschichtsmächtiger Herrschaftsaura interessiert war. Der bereits erwähnte J. O. Plassmann, Schriftführer der „Ahnenerbe“-Zeitschrift „Germanien“, Autor einer populären Heinrichsmonographie von 1928 und weiterer Ausführungen zu Heinrich I. 1939, 1941 und 1943, sorgte am zuverlässigsten für die publizistische Vergegenwärtigung der Heinrichsfigur,[81] wobei, dem Berichtsverbot Himmlers folgend, nie und nirgends der Name der Wewelsburg fiel. Mit seiner 1943 von Hermann Schneider in Tübingen angenommenen Habilitationsschrift wollte er nach Professor Walther Wüst († 1993), Präsident/Kurator des „Ahnenerbes“ und ab 1941 Rektor der Münchener Universität, „das Geschichtsbild der Sachsenkaiser auf altgermanischer Grundlage aufbauen, dieses Geschichtsbild so der römischen Geschichtsklitterung endgültig entreißen und damit die Absichten des Reichsführers-SS in einer Weise und Stärke mit verwirklichen helfen, wie sie eindrucksvoller nicht gedacht werden kann“.[82]
Dass indessen das Wiedergeborenwerden zu den völkischen Vorstellungen
vom Germanentum gehörte, hatte der frühere Freund Himmlers Darré 1930 ausgeführt: „Man glaubte,
dass das ‚Blut‘ Träger der Eigenschaften eines Menschen sei, dass mit dem Blute
die körperlichen und seelischen Eigenschaften des Menschen sich von den
Vorfahren auf die Nachkommen vererben, dass edles Blut auch edle Eigenschaften
übertrage; dementsprechend glaubte man auch an das ‚Wiedergeborenwerden‘ eines
Vorfahren im Nachkommen.“[83]
Himmler ging nur so weit, dass er in einer Rede 1937 Folgendes preisgab: „Ich
muss sagen, dieser Glaube hat soviel für sich wie viele andere Glauben. Dieser
Glaube ist ebenso wenig exakt zu beweisen wie das Christentum, wie die Lehre
Zarathustras, des Konfuzius usw. Aber er hat ein großes Plus: Ein Volk, das
diesen Glauben der Wiedergeburt hat und das seine Ahnen und damit sich selbst
verehrt, hat immer Kinder, und dieses Volk hat das ewige Leben.“[84]
Wenn Himmler von „Volk“ und von „ewigem Leben“ redete, dann wird er eher an
sich als atomisiertes Individuum gedacht haben, das Anschluss an
„Volks“-Gemeinschaft suchte und sie als redender Machthaber für realisierbar
oder gar für bereits realisiert hielt. Damit macht Himmler etwas sichtbar, was
offenbar ein Attribut von Herrschaft ausmacht, die sich nicht ausreichend
legitimiert sieht und nun auf Absicherung aus ist. Diese Legitimation von
Herrschaft lässt sich im europäischen kulturellen Gedächtnis nach Olaf B. Rader als Verfahren bei Männern
mit imperialen Ambitionen bis zu Alexander dem Großen zurückverfolgen. So wie
Alexander die Gebeine seines Idealhelden Achill suchte und angeblich fand oder
1874 Historiker in einer vom Reichskanzleramt bezahlten Expedition in den
Orient unterwegs waren, um das Grab Barbarossas zu finden, die Gebeine zu
bergen und nach Deutschland zu bringen, wo sie im Kölner Dom als die eines
imaginären Hohenzollernahnen neu bestattet werden sollten,[85] so war auch Himmler darauf aus, die
verschwundenen Gebeine Heinrichs I. wiederaufzufinden und in der „nationalen
Weihestätte“ Quedlinburgs beizusetzen. Die Quedlinburger Festschrift von 1922
war schon mit einer drohenden Erinnerung an Heinrich I. abgeschlossen worden
und Versailles in Parallele zu Heinrichs neunjährigem Waffenstillstandsvertrag
mit den Ungarn gesetzt: „Er hat ebenso schlimme Zeiten eines Schmachfriedens
erlebt, neun Jahre auf Erlösung harren müssen und schließlich doch obsiegt! Ihm
als dem Leitstern wollen wir folgen (...).“[86]
Ehe Himmler also vorschnell zum spleenigen Hobbyhistoriker erklärt wird, wären diese Traditionslinien des um seine Legitimation besorgten Herrschertums zu bedenken.[87] Historiker haben sich bei ihrem Projekt nationaler Geschichtsschreibung immer darauf verstanden, sie als des Kaisers neue Kleider zur Verfügung zu stellen und zu halten. Hermann Heimpel, in der BRD Leiter des Max-Planck-Instituts für Geschichte und als Bundespräsidentschaftskandidat von Heuß ins Gespräch gebracht, ließ sich z.B. 1933 und in zweiter Auflage 1941 so vernehmen: „Deutschlands Mittelalter ist Deutschlands Anfang in Macht und Größe und Weltruf. Darum haben alle Zeiten nationaler Entscheidungen um ihr Bild von diesem mittel-alterlichen Anfang gerungen und darum ist auch in den Herzen des Dritten Reiches stark und durchaus lebendig das Gefühl, daß in jenem Ersten Reich der Deutschen, dem Reich der heroischen Kraftanstrengung, der Macht und der Einheit Urbilder des deutschen Daseins stehen müßten, nach denen heute wieder die Jünglinge sich bilden und die Männer handeln. Keiner von denen, die das Dritte Reich vorbereitet und begrüßt haben, versäumt es, von jenem Ersten Reich zu sprechen, von dem ‚Reich‘, das wir über die Vorläufigkeit des Zweiten Reiches wieder haben als unser Urbild. Wenn dabei das Wort ‚Reich‘ seine Feierlichkeit eben vom Bild des Ersten Reiches nimmt, so kommt das nicht von gelehrtem Wissen um den ‚wahren Charakter‘ des mittelalterlichen Reichsbegriffs, sondern der politische Wille nimmt vom Klang des mittelalterlichen Reiches eben das auf, was der Gegenwart Reich sein soll: Einheit, Herrschaft des Führers, reine Staatlichkeit nach innen, abendländische Sendung nach außen.“[88] Und zu Heinrich I. führte Heimpel 1937 aus, „dass die naturgemäß vielfältig gespaltene Wissenschaft, wenn überhaupt auf eine Gestalt der deutschen Geschichte, so auf Heinrich I. ihre einmütige Liebe und Verehrung vereinigt hat“[89]. Robert Holtzmann, ein weiterer renommierter Mittelalterhistoriker, bietet 1936 in seiner „Dem Deutschen Volke“ gewidmeten Ottobiografie in Erinnerung an dessen 1000 Jahre zurückliegenden Herrschaftsantritt Ähnliches zur Identifikation an: „Einem kühnen Wollen und einer tiefen Sehnsucht der deutschen Menschen hat Kaiser Otto der Große Richtung und Sieg gegeben. [...] Eben deshalb haben wir es seinem Wirken nach innen und außen zu danken, daß die verschiedenen deutschen Stämme, die bis dahin nebeneinander und leider nur allzu oft auch gegeneinander gestanden hatten, sich zu einer Einheit zusammenfanden, sich ihrer Gemeinsamkeit und Zusammengehörigkeit bewußt wurden. Wie wir ein Volk geworden sind: das ist der köstliche und unvergängliche Inhalt der Geschichte Ottos des Großen.“[90]
Zu betonen ist, dass in repräsentativer deutscher Wissenschaft so
gesprochen wurde, nicht von Pseudogelehrten, wie sie z.B. im Mitbegründer des
„Ahnenerbes“ Herman Wirth Gestalt
annahmen. Er wie eine andere Figur, über die es sich leicht mokieren lässt, nämlich
der einige Zeit auf der Wewelsburg wirkende Wiligut/Weisthor waren entsprechend
bald in der Versenkung verschwunden und seriöser ersetzt. Und unisono war
bereits 1935 von den maßgeblichen Geschichtsforschern Karls des Großen „richtunggebende
Politik zur Eindämmung der Slawenflut und zur Vorbereitung germanisierender
Siedlung im Osten ins rechte Licht gerückt“ worden,[91]
auch von Martin Lintzel, den man
gemeinhin als Gegner des NS ausgibt, weil er sich Karls des Großen wegen mit Rosenberg angelegt habe.[92]
Solche auf nationale Tradition getrimmte Vorgaben,
für deren Bereitstellung Vertreter deutscher Nationalgeschichtsschreibung seit
dem 19. Jahrhundert mit der Verherrlichung des mittelalterlichen Kaiserreichs
und seiner „Weltstellung“ (L. Ranke) gewirkt
hatten, zeigten nicht nur bei Himmler Wirkung, sondern spiegeln das, was Hagen Schulze in seiner Kurzfassung der
deutschen Geschichte 1996 feststellte: „Denn in vielfacher Verwandlung
sollte das Heilige Römische Reich bis an die Schwelle der Moderne überdauern
und zudem in Bismarcks Deutschem Reich von 1871, das 1945 unterging, ein
sonderbares, gebrochenes Echo finden.“[93]
So fand sich in den Trümmern des Anwesens Hitlers auf dem Obersalzberg ein
Gedenkteller, der für verdiente französische Angehörige der SS-Division
„Charlemagne“ in 80 Exemplaren hergestellt worden war. Auf der Rückseite steht
folgende Inschrift: „Imperium Caroli
Magni Divisum Per Nepotes Anno dcccxliii Defendit Adolphus Hitler Una Cum
Omnibus Europae Populis Anno mcmxliii – Das Reich Karls des Großen,
geteilt von seinen Enkeln im Jahre 843, verteidigt Adolf Hitler zusammen mit
allen Völkern Europas im Jahre 1943.“[94]
Wenn Symbolpolitisches als „sonderbares, gebrochenes Echo“ des Mittelalters
zu bezeichnen wäre, dann stellen die SS-Division „Charlemagne“[95],
das „Programm Heinrich“, das „Unternehmen Otto“ (der Anschluss Österreichs),
das zunächst als „Plan Otto“ entworfene „Unternehmen Barbarossa“ und die
Wewelsburg mit „Burghauptmann“ und „Burgmaiden“ als das geheimnisumwitterte,
gigantisch geplante künftige Zentrum des „germanischen Reichs“ die deutlichsten
Momente dieses Echos dar. Im Schatten solcher Traditionsvorgaben als
zusätzlichem sozialen Rahmen geborgen, scheinen in ihrer Lebenszeit begrenzte
Individuen, die auf imperialistische Welteroberung aus sind und ihr eigenes Maß
überschreiten, kaum mehr vorstellbare Verbrechen planen und begehen zu können.
Dass es angesichts der Maßlosigkeit des Angerichteten nichts mehr zu
verantworten gab, muss Himmler von Anfang an bewusst gewesen sein. Denn er
hatte in seiner in einer Zahnlücke seit Kriegsbeginn (!) jederzeit
unterzubringenden Zyankalikapsel[96]
seine treueste und schließlich am 23. Mai 1945 zuverlässig wirkende Begleiterin
in seiner Rolle als flüchtiger Feldgendarm Heinrich Hitzinger, in der englische
Soldaten ihn schnell enttarnten.
Gregor Strasser, dessen Sekretär Himmler in jungen
Jahren war, hatte von ihm gesagt, „er ist kein Welteroberer“[97];
er ist trotz seiner Identifikation mit dem in deutscher Geschichtswissenschaft
und ihren populären Vermittlern zum Ostimperialisten aufbereiteten Heinrich I.
auch keiner geworden.[98]
Für die späte Erkenntnis seines Scheiterns in einem Leben, das ihm in seiner
Politkarriere nur Machtzuwachs gebracht hatte, war die Zerstörung der
Wewelsburg als Zentrum seines „Heinrichs“-Netzes knapp zwei Monate vor seinem
Selbstmord der symbolpolitische Preis. Denn niemand aus der NS-Führungsriege
außer Himmler hatte sich persönlich so eng auf den Umgang mit einem zur
Kerngestalt deutscher Nationalgeschichte stilisierten und überhöhten König
eingelassen, wie auffällig umfangreich der symbolpolitische Verschleiß an
nationalgeschichtlich besetzten Figuren sonst auch war.
(Vortrag, gehalten auf der Wewelsburg am 23.6.2005[99])
(Vgl. hierzu ergänzend vom 26.12.2009 www.himmlers-heinrich.de/himmlers-ende.pdf,
S. 21-30: „Noch einmal:
Zeitgeschichtliche Wewelsburger Selbstdarstellung 2009“)


Die heilige Lanze (oben mit goldener und
unten ohne Tülle)

Vermutlich ältester Plan von Burg und
Siedlung (vom 23. April 1941)
Im letzten Planungsentwurf des Wewelsburgausbaus
handelt es sich nicht mehr wie 1941 um eine Anlehnung an die Heilige Lanze,
sondern, ohne genaueres Vorbild, an den Heiligen Speer Wotans als germanisches
Herrschaftszeichen, dem alle christlichen Erinnerungen, die in der Heiligen
Lanze mit einer angeblich aus dem Kreuz Christi stammenden Nagelreliquie mittransportiert
wurden, ausgetrieben worden waren. Otto
Höfler hatte bereits beim Erfurter Historikertag von 1937 die These
aufgestellt, dass sich in Heinrichs Hand nur dieser Speer befunden haben könne.
Dieser fand allerdings in den nach dem „Anschluss Österreichs“ 1938 nach
Nürnberg verbrachten Reichsinsignien keine Entsprechung mehr. [100]

Planungsentwurf von 1944 ( Speerspitze
ist wie 1941 der dreieckige Burggrundriss)
„Wenn wir [...] die
politischen Erlebnisse unseres Volkes seit über tausend Jahren überprüfen,
[...] und das [...] heute vor uns liegende Endresultat untersuchen, so werden
wir gestehen müssen, dass aus diesem Blutmeer eigentlich nur drei Erscheinungen
hervorgegangen sind, die wir als bleibende Früchte klar bestimmter außenpolitischer
und überhaupt politischer Vorgänge ansprechen dürfen:
1.
die hauptsächlich von Bajuwaren betätigte
Kolonisation der Ostmark,
2.
die Erwerbung und Durchdringung des Gebietes
östlich der Elbe, und
3.
die von den Hohenzollern betätigte
Organisation des brandenburgisch-preußischen Staates als Vorbild und
Kristallisationskern eines neuen Reiches.
[...]
Jene beiden ersten
großen Erfolge unserer Außenpolitik sind die dauerhaftesten geblieben. [...]
Und es muss als wahrhaft verhängnisvoll angesehen werden, dass unsere deutsche
Geschichtsschreibung diese beiden weitaus gewaltigsten und für die Nachwelt
bedeutungsvollsten Leistungen nie richtig zu würdigen verstand. [...] Wir
schwärmen auch heute noch von einem Heroismus, der unserem Volke Millionen
seiner edelsten Blutträger raubte, im Endergebnis jedoch vollkommen unfruchtbar
blieb.
[...] Wir setzen dort an, wo man vor sechs Jahrhunderten
endete. Wir stoppen den ewigen Germanenzug nach dem Süden und Westen Europas
und weisen den Blick nach dem Osten.“[101]
Was Hitler hier gegen Schluss von „Mein Kampf“ schreibt, steht in einer langen Tradition und schließt mit einer aus österreichischer Perspektive bedeutungsvollen Nuance an den großen Historikerstreit des 19. Jahrhunderts an, den so genannten Sybel-Ficker-Streit, der erst in den 1930er Jahren seinem Höhepunkt zustrebte[102] und von dem es in einem historischen Lexikon der 1950er Jahre zum Stichwort „Kaiserpolitik“ heißt, er sei nicht abgeschlossen und daure fort.[103] Auslöser des Streits, eines „wissenschaftlichen Bürgerkriegs“ (Alfred Dove), war ein Buch von langer Wirkung über die mittelalterlichen Kaiser und die unter ihnen angeblich blühende deutsche Nation, in der „der deutsche Mann am meisten in der Welt galt und der deutsche Name den vollsten Klang hatte“.[104] Der preußisch orientierte Historiker Heinrich von Sybel wandte sich 1859 gegen die hohe Einschätzung, die die „Kaiserherrlichkeit“ bei Giesebrecht erfuhr, und setzte dagegen: Die „nutzlosen Opfer“ der mittelalterlichen Kaiserpolitik in der Auseinandersetzung mit Rom und Italien wären zu vermeiden gewesen, wenn man Heinrich I. gefolgt wäre, „dem ersten König der deutschen Nation [...], nach meiner Meinung der Stern des reinsten Lichtes an dem weiten Firmament unserer Vergangenheit“, der „die Kräfte der Nation [...] mit richtigem Instinkte in die großen Kolonisationen“ des Ostens gegossen habe.[105] Indessen war Sybel nicht der Erste, der Kritik an der mittelalterlichen Kaiserpolitik übte.[106] Folgenreicher für das Geschichtsbewusstsein der bürgerlichen Schichten dürfte Gustav Freytag gewesen sein, der mit seiner Kaiserkritik schon bei Karl d. Gr. ansetzt und ebenfalls 1859 die Parole von der mittelalterlichen ‚Ostkolonisation‘ als der „größten That des deutschen Volkes in jenem Zeitraum“ ausgab.[107] Diese jetzt ‚Ostkolonisation‘ genannte mittelalterliche Ostsiedlung, auf die Hitler mit dem Gebiet östlich der Elbe sich bezieht, hatte sich ohne willentliche Reichsvorgaben gewissermaßen selbstläufig ergeben und wurde erst im 19. Jahrhundert wahrgenommen, als man mit einer ‚Germanisierung‘ der östlichen Gebiete Preußens der allmählich drohenden Majorisierung durch nach Preußen drängende Polen zu begegnen versuchte. Der Osten aber hatte über das ganze 19. Jahrhundert hinweg nichts Verheißungsvolles, mit dem die Bewohner der deutschen Kleinstaaten, die auf die Verbesserung ihrer Lage und damit oft auf Auswanderung sannen, zum Ansiedeln hätten verlockt werden können. Die in ein Millionenheer mündende europäische Auswanderung hatte bereits im 19. Jahrhundert eine seit dem 16. Jahrhundert vorbereitete und bis heute fortdauernde und vorherrschende Richtung: „Go West!“, und zwar dem amerikanischen Pioniergeist auf der Spur, der die „Frontier“ im Indianerland immer weiter an den Pazifik vorschob. So warb bereits 1683 der Quäker William Penn in Worms um Einwanderer für seine Kolonie Pennsylvanien. Er wurde zum „Entvölkerer Deutschlands“.[108] Alle Bestrebungen Preußens im 19. Jahrhundert scheiterten wie auch der eigens zum Siedlungszwecke 1894 gegründete „Deutsche Ostmarkenverein“. Auch der konnte nicht verhindern, dass die bereits ansässige deutsche Landbevölkerung, wenn nicht gleich nach Amerika, so in die aufstrebenden Industrieregionen in den damaligen Westen Preußens an die Ruhr zog und die Landarbeit den schnell nachrückenden Polen überließ, die es indessen auch schon nach Westen führen konnte, wo sie zu „Ruhrpolen“ wurden.[109]
1902 spricht der Gelehrte und Publizist Ottomar Schuchardt vom Osten. Er geht auf ausdrückliche Distanz zu den „Ostmärkern“ und folgt einem von Friedrich List und Constantin Frantz vorgegebenen imperialistischen Ansatz, mit dem er alle kleindeutsch-großdeutschen Gegensätze hinter sich lassen will. Auch für ihn ist klar, dass „Deutschlands Entwicklungsgang zum guten Teile vorgezeichnet worden ist durch den Drang nach Osten, – wie die ganze deutsche Geschichte soweit sie ein Wachsen und Vorwärtskommen bedeutet, im Wesentlichen eine Schilderung ist der Verflechtungen Deutschlands mit seinen östlichen Marken“.[110] Der ehemalige Reichskanzler Fürst von Bülow greift 1916 in seiner ‚Deutschen Politik‘ diesen Zusammenhang auf und akzentuiert ihn folgendermaßen: „Das Kolonisationswerk im deutschen Osten, das, vor beinahe einem Jahrtausend begonnen, heute noch nicht beendet ist, ist nicht nur das größte, es ist das einzige, das uns Deutschen bisher gelungen ist. [...] Dies Neuland im Osten, erobernd betreten in der Zeit höchster deutscher Reichsmacht, mußte uns bald staatlich und vor allem national Ersatz werden für verlorenes altes Land im Westen. [...] Die gewaltige östliche Kolonisationsarbeit ist das beste, das dauerndste Ergebnis unserer glanzvollen mittelalterlichen Geschichte.“[111]
Der Alldeutsche Heinrich Class hält in seiner über dreißig Jahre erfolgreichen ‚Deutschen Geschichte‘ (zuerst 1909) fest, dass „dem deutschen Volke die größte Tat seiner mittelalterlichen Geschichte: die Eroberung und Besiedlung des Ostens“ gelungen sei. „Was sagt das heutige Geschlecht dazu, dem es nicht gelungen ist, das bißchen Preußisch-Polen einzudeutschen?“[112] In einem Lehrbuch für Politik aus den 1920er Jahren stellt der Autor bedauernd fest, dass es in dem im Versailler Vertrag festgelegten Polnischen Korridor, der Ostpreußen vom Deutschen Reich trennte, keine konsequent ‚deutsche‘ Politik schon im 12. Jahrhundert gegeben habe: „Aber in eigentümlicher Kurzsichtigkeit ist schon damals zwischen Oder und Weichsel eine Lücke im deutschen Siedlungsblock entstanden, die auch später nie mehr durch Nachschub völlig ausgefüllt worden ist.“[113]
Während also zunächst einmal das Phänomen der Ostsiedlung unter gleichzeitiger ideologischer Aufladung mit dem heute strittigen Begriff „Ostkolonisation“ zur Kenntnis genommen wird, versucht man es schließlich mit nationalem Anspruch und dem Aufruf zum Kampf zu neuer politischer Verwirklichung zu drängen. Die Folgenlosigkeit, mit der das geschah, hat sicher ihren Grund darin, dass das deutsche Kaiserreich im 19. Jahrhundert keine ostimperialistischen Zielsetzungen verfolgt hat. Erst im Sommer 1918 standen deutsche Truppen auf einer Linie, die von Narva im Norden über den Dnjepr bis Rostow am Don reichte.[114] Mit Kriegserinnerungen zog in den 1920er Jahren der Weltkriegsgeneral und anschließende Baltikumskämpfer Rüdiger Graf von der Goltz durch die Republik und referierte als ehemaliger Befehlshaber im Baltikum über den Osten, der in seinen Augen als Siedlungsland für Deutschland erschlossen werden sollte.[115]
Was macht nun die Nuance aus, die Hitlers Beschreibung von 1927 zu diesem Chor beiträgt? Sie ist ein Hinweis auf das Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation von 1806 und die seither in Österreich anders verlaufende Entwicklung im Vielvölkerstaat der Habsburger. Hitler meint indessen, „dass eine Scheidung der Geschichte etwa in eine deutsche und österreichische gar nicht denkbar erscheint. Ja, als endlich Deutschland sich in zwei Machtbereiche zu trennen begann, wurde eben diese Trennung zur deutschen Geschichte. Die zu Wien bewahrten Kaiserinsignien einstiger Reichsherrlichkeit scheinen als wundervoller Zauber weiter zu wirken als Unterpfand einer ewigen Gemeinschaft.“[116]
Sichtbar ist, dass Hitler die von Sybel aufgegriffene und fortgesetzte Verunglimpfung der Kaiserpolitik[117] nur zum Teil aufnimmt. Schlüssel zum Verständnis dieser von der preußischen Sichtweise abweichenden Gewichtung, die nichtsdestoweniger daran festhält, dass falsche Politik „unserem Volke Millionen seiner edelsten Blutträger raubte“, ist die Kolonisation der Ostmark durch die Bajuwaren, die in der kleindeutschen Diskussion mit dem preußischen Nationalstaat als Ziel aus dem Blickfeld geraten war. Sie vollzog sich während des Kaisertums der drei Ottonen nach der siegreichen Schlacht gegen die Ungarn 955 auf dem Lechfeld unter Otto I., Otto II. und Otto III. Urkundlich wird 976, also veranlasst durch Otto II., zum ersten Mal die „marcha orientalis“ erwähnt, während 996 in einer Urkunde Ottos III. erstmalig von „ostarrîchi“ als Name der „marcha“ die Rede ist.[118]
Wenn Preußen von „Ostmark“ sprachen, geschah das im Plural und bezog sich auf die an Polen grenzenden Gebiete und hatte nie etwas zu tun mit der bajuwarischen Ostmark als Ursprungsort Österreichs. Der „Deutsche Ostmarkenverein“ vollzog dann 1933 eine Namensänderung, mit der er sich öffentlichkeitswirksamer in Szene setzen wollte, und nannte sich jetzt „Bund Deutscher Osten“. Denn in den westlichen Reichsteilen war es immer schwer, für die Probleme an der preußischen Ostgrenze ein Echo zu finden. Die „Ostmarken“ interessierten westlich der Elbe kaum jemanden.[119] Im Neuen Brockhaus, Bd. 3, Leipzig 1937 wird im spaltenlangen Artikel „Ostmarkenpolitik“ noch so viel zusammenfassend festgehalten:
„Die Ostmarkenpolitik ist,
vor allem in Hinblick auf die räumliche Trennung Ostpreußens vom Reich, nur ein
Teilgebiet der übergeordneten Aufgabe der Sicherung des deutschen Ostens
geworden. Die Maßnahmen des Dritten Reichs (Siedlungspolitik, Stärkung und
Vermehrung des Bauerntums, Seßhaftmachung der Landarbeiter, planmäßige
Durchdringung, wirtschaftliche Erschließung und kulturelle Förderung des
deutschen Ostraumes) werden unterstützt durch die Bestrebungen des 1933
gegründeten Bundes Deutscher Osten.“
Hitler hingegen hält an seinem „Ostmark“-Begriff fest und zieht ihn dem Namen „Österreich“ vor, weil er mit „Österreich“ immer noch den „Nationalitätenstaat“ assoziiert, in dem die ebenfalls verachteten Habsburger die Interessen der „Ostmark“-Deutschen verraten hätten.[120] Positiv ist höchstens die Bezeichnung „Deutschösterreich“. Und „Deutschösterreich muss wieder zum großen deutschen Mutterlande“ – gewissermaßen als die „alte Ostmark des Reiches“ –, wie er gleich auf Seite 1 seines Buches verkündet, weil „gleiches Blut [...] in ein gemeinsames Reich“ gehöre.[121]
Diese Sichtweise verbreitet auch Richard Suchenwirth, Historiker und frühes Mitglied der Nationalsozialistischen Partei Österreichs, ab 1935 im Leipziger Verlag von Georg Dollheimer. Er strebt ebenfalls aus tausendjähriger Perspektive vom Mittelalter her das „Großdeutsche Reich“ an, denn „Volk will zu Volk, Volk muss zu Volk“.[122] Bei aller Distanzierung von der Italienpolitik der Kaiser nimmt er Otto I. von einer generellen Verurteilung aus, was deutlich zeigt, wie gut Otto der Große gerade von Österreich her mehr noch als sein Vater in die Ahnenreihe völkischen Denkens passte:
„Allerdings sind die deutschen Stämme auf diesen Zügen nach dem Süden erst recht zu einer Einheit zusammengewachsen. Aber das wäre auch gegen die Slawen und Magyaren möglich gewesen und hätte hier dauernden Gewinn gebracht. So aber haben wir im Mittelalter den winkenden Siegespreis verscherzt. Otto selbst hat ja in beider Hinsicht seinen Mann gestanden, und wenn auch die Zukunft nur einen Teil der Verheißungen von 955 erfüllte, so stehen doch die Ostmark Österreich und im Grunde auch die spätere Mark Brandenburg auf den Schultern des von diesem Kaiser Errungenen. So weist sein Werk überall weit über seine Zeit hinaus.“[123]
Als Hitler am 15. März 1938 vom Balkon der Wiener Hofburg „vor der Geschichte nunmehr den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich“ meldete, teilte er den Österreichern auch ihre Aufgabe mit: „Die älteste Ostmark des deutschen Volkes soll von jetzt ab das jüngste Bollwerk der deutschen Nation und damit des Deutschen Reiches sein.“
Erstaunlich, dass trotz dieses offen liegenden Hintergrunds Schwierigkeiten entstehen, wenn die Bedeutung der Bezeichnung „Unternehmen Otto“ zu erschließen ist, wie „Die militärische Weisung für den Einmarsch in Österreich vom 11. März 1938“ im Untertitel heißt.[124] In der „Anschluss“-Literatur bleibt es in der Regel bei der bloßen Erwähnung.[125] In der maßgeblichen Monographie von Norbert Schausberger wird die Bezeichnung ohne große Überzeugung mit Otto von Habsburg in Verbindung gebracht, weil der eine Zeit lang Anfang der 1930er Jahre für eine kurzfristig erwogene Restauration der Monarchie zur Verfügung stand: „Ein weiteres Missverständnis in Bezug auf den Sonderfall ‚Otto‘ liegt insofern vor, als es sich dabei (...) keineswegs um eine Interventionsrichtlinie nur für den Fall einer Restauration handelte, sondern um ein Konzept zur Ausnützung einer ‚günstigen Gelegenheit‘, zu der die Otto-Bezeichnung aus Tarnungsgründen weiter herhalten musste.“[126] Dichter an die Bedeutung reicht eine französische Arbeit von 1966 heran. Da zitiert J. Benoist-Méchin eine in „Le Temps“ vom 13. 3. 1938 wiedergegebene Stimme im Wiener Rundfunkhaus vom 12. 3. 1938: „Nach tausendjähriger Geschichte ist endlich der Tag gekommen, da ein einiges deutsches Volk wiedererstanden ist.“[127] Spätestens die mit Weisung Hitlers am 24. 5. 1938 erfolgende Umbenennung Österreichs in „Ostmark“ hätte dafür hellhörig zu machen, in welchen Traditionen Hitler sich stehen sah.[128]
Nun gibt es für die Namengebung „Otto“
keine weiteren direkten Quellen, aus denen Aufschluss darüber zu gewinnen wäre,
wen Hitler denn nun wirklich gemeint hat. Vor demselben Problem standen
Dirks/Janßen, als sie 1999 über den von General Franz Halder 1940 als „Plan
Otto“ ausgearbeiteten Russlandfeldzug ausführlich berichten. Sie schreiben,
dass unklar sei, wer auf diesen Namen gekommen war. „Zunächst benutzte es
[Stichwort ‚Otto‘] nur die Reichsbahn, doch allmählich wurde es auf alle
militärischen Vorbereitungen des Russlandfeldzuges angewandt.“[129]
Nach einer Besprechung mit Hitler schrieb Halder am 5. Dezember 1940 in sein
Kriegstagebuch: „Otto: Vorbereitungen entsprechend den Grundlagen unserer
Planungen voll in Gang setzen.“[130]
Kurz darauf ergeht dann aber am 18. Dezember 1940 für die Planungen Halders von Hitler die Weisung anstatt zu „Plan
Otto“ zum „Fall Barbarossa“.[131]
Zu dieser nun geltenden und sprichwörtlich gewordenen Tarnbezeichnung bedarf es
keiner weiteren Quellen darüber, wer gemeint ist. Es gibt auch keine, wie es ja
auch keine Quellen für die sonstigen, im Unterschied dazu aber ziemlich
nichtssagenden Tarnbezeichnungen gibt: „Fall Grün“ für den Angriff auf die
Tschechoslowakei, „Fall Weiß“ für den Angriff auf Polen, „Fall Weserübung“ für
die Besetzung Norwegens und Dänemarks, „Operation Seelöwe“ für die
Vorbereitungen zur Landung in England oder „Walküre“ für Gegenmaßnahmen bei
Aufständen im Reich selbst. Dem nach, wie Otto I. in großen Teilen nationalgeschichtlicher
Rezeption als heroischer Slawenbekämpfer oder weitsichtiger Initiator der
Slawenmission und als Held der Lechfeldschlacht gegen Ungarn und „Asien“
dargestellt wurde und ihm als Kaiser mehr Aufmerksamkeit zukommen konnte als
seinem Vater und ‚nur‘ König gebliebenen Heinrich I., kann es gar keinen
Zweifel darüber geben, an wen Halder oder die Beamten der Reichsbahn bei ihrer
Tarnbezeichnung gedacht haben können. Es war ihnen indessen nur nicht bewusst,
dass für Hitler der Name bereits als vergeben gelten musste, brachte Hitler
doch am offensichtlichsten mit Otto I. die „alte Ostmark des Reichs“ in
Zusammenhang. Denn da „Unternehmen Otto“ eben eine Tarnbezeichnung war, die –
anders als beim drei Jahre später beginnenden „Unternehmen Barbarossa“ – wegen
des binnen Stunden erfolgreichen Einmarschs in Österreich auch schon ihre
Schuldigkeit getan hatte, wussten eh nur die am unmittelbarsten Beteiligten von
der so bezeichneten militärischen Weisung.
Unter den Tarnbezeichnungen für kriegerische Operationen fällt also nur das „Unternehmen Otto“ aus dem Rahmen, findet aber eine Entsprechung in der Wahl von „Barbarossa“, indem der Russlandfeldzug als das größte Vorhaben Hitlers und seiner Generäle als ein Kreuzzug gegen den „jüdischen Bolschewismus“ dargestellt wird. Hitler habe es nämlich „als ein günstiges Vorzeichen betrachtet, dass er von seinem Wohnsitz und Hauptquartier in Berchtesgaden aus den Untersberg sehen konnte, einen von Barbarossas legendären, wenn auch gerade nicht aktuellen Schlafplätzen“. Denn im Rahmen der von Hitler persönlich vorgenommenen Einweihung des „Hauses der Deutschen Kunst“ im Juli 1937 „wurde Barbarossa als derjenige deutsche Herrscher gerühmt, der als erster den germanischen Kulturgedanken ausgesprochen und als Bestandteil seiner imperialen Mission nach außen getragen habe“.[132]
Da sich also für die Bedeutung der Tarnbezeichnung „Otto“ nur ein Indizienbeweis führen lässt, seien noch folgende Überlegungen angestellt: Bedenkt man, unter welch „improvisatorischen“ Voraussetzungen – Hitlers vormaliger Generalstabschef Beck hatte den 1937 in Auftrag gegebenen „Sonderfall Otto“ unbearbeitet gelassen –[133] und unter zunächst nicht absehbaren Folgen vor allem hinsichtlich außenpolitischer Reaktionen es zur „Weisung“ kam und dass sie Hitlers ersten Akt in seiner neuen Eigenschaft als Oberbefehlshaber der Wehrmacht darstellt, wobei indessen „das Risiko [...] nicht sehr groß“ war,[134] und dass Hitler am Abend des 11.3. eine zweite Weisung zum „Unternehmen Otto“ erteilte,[135] könnte umso nachvollziehbarer werden, dass er sich in den Spuren eines großen Vorgängers gehen sehen musste, um sich selbst Sicherheit und Überzeugungskraft einzureden. Denn es ging um den „Auftakt der Expansionsphase“ und die „Öffnung des Südostraumes“.[136] Dieses Handlungsmuster, sich an Vorbildern zu orientieren und ihren vermeintlichen Spuren zu folgen, entspricht sowieso einer Metapher in der Denkweise Hitlers und den zahlreichen im „Dritten Reich“ abgehaltenen Totenfeiern, auf die er ebenfalls in „Mein Kampf“ hinweist, und zwar am Anfang des ersten Bandes noch vor dem ersten Kapitel und am Ende des zweiten, nämlich dem Vermächtnis der Toten „im treuen Glauben an die Wiederauferstehung ihres Volkes“ zu folgen. Und nicht nur Hitlers: So hatte sich schon der deutsche Kaiser Wilhelm II., wie in Kap. 2.2 erwähnt, „ein Beispiel an der Weltpolitik des sächsischen Kaisers Otto der Große“ genommen und geglaubt, „dass die mittelalterliche Universalität des Reichs den deutschen Imperialismus des beginnenden 20. Jahrhunderts rechtfertigte“ (Hagen Schulze, wie Anm. 11).
Parallel zur Todesfeier von Quedlinburg war 1936 an
den Herrschaftsantritt Ottos zu erinnern. Das tat, überzeugt von der Bedeutung des
Mittelalters für die Gegenwart, der renommierte Historiker Robert Holtzmann. Seine Ottobiographie
widmete er „Dem Deutschen Volke“.
Otto feierte er als einen, dessen Herrschaft bezeuge, „wie wir ein Volk geworden
sind“, und sprach davon als von „köstlichem und unvergänglichem Inhalt“.
Nach der „Gleichschaltung“ der Länder und der
Abschaffung ihrer föderalen Hoheitsrechte galt nämlich Hitler als Vollender
eines als tausendjährig angenommenen Deutschwerdungs- und
Reichseinigungsprozesses in der Nachfolge der ersten beiden Ottonen und
Bismarcks. Zum ersten Mal gab es seit der „Verordnung über die deutsche
Staatsangehörigkeit“ vom 5. 2. 1934 (RGBl. I, S. 85) für die Deutschen einen
einheitlichen Ausweis, der sie nun unterschiedslos als deutsche Staatsbürger
kenntlich machte – und das bis heute. Im vorausgegangenen „Gesetz über den
Neuaufbau des Reiches“ vom 30. Januar 1934 heißt es dazu einleitend: „Die
Volksabstimmung und die Reichstagswahl vom 12. November 1933 haben bewiesen,
dass das deutsche Volk über alle innenpolitischen Grenzen und Gegensätze hinweg
zu einer unlöslichen, inneren Einheit verschmolzen ist“ (RGBl. I, S. 75). Bis dahin zerfiel das ‚deutsche Volk‘ noch in
Preußen, Sachsen, Badener, Bayern usw., die erst als solche Reichsbürger waren
und zu ihrer nicht weiter ausgewiesenen deutschen Staatsangehörigkeit kamen.
Dem folgte am 15. 9. 1935 am „Reichsparteitag der Freiheit“ das
„Reichsbürgergesetz“, das deutsche Staatsangehörige, die nicht „deutschen oder
artverwandten Blutes“ waren, von der Reichsbürgerschaft ausschloss.
Im Unterschied zu den gleichzeitig rassistisch
verunglimpften jüdischen deutschen Staatsbürgern waren die „echten“ Deutschen
ahnenpassüberprüft also auch Reichsangehörige, was den jüdischen Mitbürgern
vorenthalten wurde. „Wenn Hitler eines geschafft hat, dann ist es die
Einheit der Deutschen“, gestanden auch die kritischeren Zeitgenossen zu.[137]
Für die Schulen hatte das unmittelbare Folgen: Aufsatzthemen konnten „Von
Heinrich I. zu Adolf Hitler“ lauten.
Die neu konstituierte „Deutsche Reichsbahn“ brauchte
noch geraume Zeit, ehe sie dieser Reichseinigung nachkam und für das gesamte
Reichsgebiet ein einheitliches Kursbuch vorlegen konnte. Aber Ende der 1930er
Jahre konnten dann Reisende ohne Umstände und Umsteigen Landesgrenzen
überschreitende Züge benutzen und direkt von Hamburg nach München fahren. Die
Autobahnen taten ein Übriges. Also deutsche Einigungseuphorie in einem
jahrelangen Kontinuum mit dem baldigen „Anschluss“ Österreichs, der
„Einverleibung“ der Sudeten und der daraus folgenden Etablierung des
Protektorats Böhmen und Mähren, damit aus Deutschland „Großdeutschland“ mit
arrondierten Grenzen wurde. – Mit Verordnung vom 3. Juli 1938 wurden dann die
Österreicher sammeleingebürgert und erhielten die deutsche Staatsangehörigkeit,
was entsprechend mit den Sudetendeutschen am 20. November 1938 geschah.
An dieser völkisch gestimmten Einigungseuphorie
wollten viele lauthals teilhaben. So gaben die Duisburger ihrem Stadtzentrum am
Anfang des Hellwegs, der in West-Ostrichtung auch an der Wewelsburg
vorbeiführt, am 1. August 1936 den Namen „König-Heinrich-Platz“, wie er heute
noch heißt. Und die Bad Soden-Salmünsteraner im hessischen Spessart, nicht
faul, zogen mit einer frisch gebohrten Heilquelle am 25. 8. 1936 als
„König-Heinrich-Spru-del“ in der Erinnerung an den „großen Volkskönig Heinrich
der Vogler“ nach.
Wie selbstverständlich schwamm Himmler in dieser
Stimmung mit und wollte sich elitär mit seinem „Orden nordischer Männer“ an
deren Spitze stellen, wobei Hitler keinen geringeren Anteil daran hatte, in
seinen Projekten tausendjährige Vorgaben erfüllt zu sehen, wie sie sich
zunächst vor allem im „Anschluss“ seiner Heimat Österreich darstellten. Dass
Himmler aus seiner Heinrichsverehrung kein Hehl zu machen brauchte, sondern sie
als besonders adeliges persönliches Kennzeichen hervorkehren konnte, lag also
in der allgemeinen Feier tausendjährigen Deutschtums auf der Hand.
Von diesen doch bemerkenswerten symbolpolitischen
Vorgängen neben dem allseits bekannten „Unternehmen Barbarossa“, alle abgesehen
von Details eigentlich spätestens seit dem Nürnberger Militärtribunal und
Frischauers Himmler-Monographie von 1953 öffentlich bekannt und für
Mediävisten, die zuvor im „Dritten Reich“ sich tausend Jahre deutscher
Geschichte erfüllen sahen, mühelos rekonstruierbar, wird bisher noch in keinem
Geschichtswerk gesprochen. Dürfte Scham Aufklärung verhindert haben, nämlich
nicht mehr an das erinnert werden zu wollen, was man doch so vollmundig dem Regime
von allen Seiten symbolisch angeboten hatte? Dafür hielt und hält man sich an
Himmler, dem „Reichsheini“, den im „Dritten Reich“ angeblich alle schon für
eine unmögliche Figur gehalten hatten, wie an einem Sündenbock nachträglich
schadlos. Er allein mochte alles Mögliche mit der Geschichte gemacht, sie wie
kein anderer „missbraucht“ und für seine Bedürfnisse geplündert haben: Es war
seinem „Spleen“ zuzuschreiben oder seiner Dämonie, von der nach wie vor auch in
seriöserer Literatur gesprochen wird. Als wäre der neben Hitler Mächtigste,
unmittelbarer als alle anderen zum direkten Zugriff auf SS-Machtmittel befugt,
als Persönlichkeit von niemandem ernst zu nehmen gewesen oder andererseits so
monströs, dass menschliches Verständnis ihm gegenüber klein beigeben müsse...
Ist er erst genügend dämonisiert, können heutige Historiker immer noch so tun, als habe die damalige Geschichtswissenschaft in Abwehr zur symbolpolitischen Instrumentalisierung Heinrichs und seines Sohnes Otto gestanden. So genannte Altmeister der Ottonenforschung schreiben in der Gegenwart über Otto I. und seine Rezeption, als hätte es das „Unternehmen Otto“ und die von Hitler am 24. 5. 1938 angeordnete Umbenennung Österreichs in „Ostmark“ nie gegeben, und behaupten, in dem folgenden Lobgesang auf die Leistungen Ottos die deutliche „Kritik an der nationalsozialistischen Abwertung Ottos“ herauslesen zu können, wo es sich doch im Gegenteil um die Integration Ottos in die zeitgleiche reichseinigungseuphorische Stimmung handelt und sich hier vor allem ein Historiker über seine Ausweispapiere freut, die ihn zum ersten Mal in der Geschichte ohne Umweg über die jeweilige föderale Landeskinderschaft direkt als Angehörigen der deutschen Nation bezeugen:
„Gegen den nationalsozialistischen Heinrich-Kult fasste Robert Holtzmann das Urteil über Otto d. Gr. programmatisch in einer Biographie zusammen, die er 1936 ‚Dem Deutschen Volke‘ widmete: ‚Einem kühnen Wollen und einer tiefen Sehnsucht der deutschen Menschen hat Kaiser Otto der Große Richtung und Sieg gegeben. Mit klarem Blick und staatsmännischem Geist hat er überall da angefasst, wo es in seinem Land Not tat. Die Ostpolitik, die dem deutschen Volk neue Räume erschloss, die Italienpolitik, die das junge Reich in den Kreis der Mittelmeervölker führte, wo der Westen und der Osten sich berührten, Welthandel und Weltgeschichte pulsierten, die Germanenpolitik, der er ein starker und weitschauender Vorkämpfer war, legen davon Zeugnis ab. Eben deshalb haben wir es seinem Wirken nach innen und außen zu danken, daß die verschiedenen deutschen Stämme, die bis dahin nebeneinander und leider nur allzu oft auch gegeneinander gestanden hatten, sich zu einer Einheit zusammenfanden, sich ihrer Gemeinsamkeit und Zusammengehörigkeit bewußt wurden. Wie wir ein Volk geworden sind: das ist der köstliche und unvergängliche Inhalt der Geschichte Ottos des Großen.‘ Deutlich ist die Kritik an der nationalsozialistischen Abwertung Ottos; deutlich wird im Rückblick auf die jahrzehntelange Kontroverse aber auch, dass die Übergänge zwischen einem nationalen und dem nationalsozialistischen Geschichtsbild fließend waren.“[138]
Dass die
nationalsozialistische Politik mit Hitler auch als militärischem
Oberbefehlshaber und seinem ersten Befehl in gut
nachvollziehbarer und damals ständig präsent gehaltener nationalgeschichtlicher
Tradition auf Otto d. Gr. und seine Söhne Otto II. und Otto III. als
symbolischen Gründern Österreichs – der „ottonischen Grenzmarken“ und
schließlich der „Ostmark“ –
zurückgriff, muss für eine solche zeitgenössische Mediävistik wie eine
böse, willkürliche Erfindung erscheinen, nachdem dieser Sachverhalt über 60
Jahre einfach nicht mehr zur Kenntnis genommen wurde, aber spätestens z.B. in
den vielen Auflagen von Walther Hofers
Dokumentensammlung zum Nationalsozialismus von 1957 für jedermann immer
zugänglich war. Dass also Holtzmann
mitnichten gegen irgendetwas Nationalsozialistisches anschreibt, sein Geschichtsbild
vielmehr darin aufgeht und er in seinem Herrscherlob von 1936 direkt auch
Hitler meint, dürfte als Tatsache anzusehen sein.[139]
Albert Brackmann als der
Ranghöchste in der damaligen Historikerschaft postierte die ersten beiden Ottonen
propagandistisch als Vorläufer in die erste Reihe des mit Kriegsausbruch
offenkundig gewordenen Ostimperialismus. Nach dem Überfall auf Polen bestellte
nämlich die SS für ihren „Ahnenerbe“-Verlag zur Rechtfertigung der in Osteuropa
ins Auge gefassten Projekte eine Propagandaschrift, die Brackmann aus dem Handgelenk lieferte: Krisis und Aufbau
in Osteuropa. Ein weltgeschichtliches Bild, Berlin 1939. Er stellt z. B.
Ottos Absicht, dem Magdeburger Erzbistum „die ganze Slawenwelt zu unterstellen“,
als den „umfassendste[n] Plan“ dar, „den je ein deutscher
Staatsmann hinsichtlich des Ostens gefasst hat“.[140]
Wie sehr Mediävisten in Hitlers Regime ihre Vorstellungen vom
Mittelalter erfüllt sahen und dass Holtzmann
und Brackmann wie auch Suchenwirth keine Ausnahmen waren,
sondern das anschaulichst verkörperten, was heute „Mediävalismus“ (Otto Gerhard Oexle) genannt wird, zeigt
ein sonst eher als nüchtern einzuschätzender Geist wie Friedrich Baethgen 1939 nach dem „Anschluss“ Österreichs und
der „Einverleibung“ des Sudetenlandes in „Großdeutschland“, dessen Grenzen sich
mehr und mehr arrondierten. „Das vergangene Jahr“, so erklärte er, „hat
uns ein Erleben gebracht von einer Größe, wie es nur wenigen Generationen des
deutschen Volkes beschieden gewesen ist. […] Eine Forderung wurde
verwirklicht, die sich mit innerer Notwendigkeit aus dem gesamten Ablauf
unserer Geschichte ergeben hatte.“ Dabei sah er den Schatten des
mittelalterlichen Reiches sich hinter dem „Großdeutschen Reich“ erheben.[141]
Einer der „Stars“ dieses Mediävalismus, Hermann
Heimpel, schrieb im gleichen Zusammenhang: „Wie frei und glücklich ruht aber unser Blick auf dem
Ersten Reiche der Deutschen. Nicht ihm erborgt, sondern neu beschworen ist die
Kraft, aus der Adolf Hitler den Deutschen ihr Reich erhöhte. [...]
Österreich fand heim - die Krone der Könige wird im Großen Deutschen Reich
gehütet. Die ‚neueren‘ Zeiten des geschwächten Deutschlands sind vorüber. Was
aber erstritten wird, war auch die Ordnung des Ersten Reichs: der Friede der
Völker aus der Kraft ihrer Mitte.“[142]
Ein gebranntes Kind erteilt dieser nationalen Konstruktion des Mittelalters auf
seine Art eine Absage. Es ist der aus dem heute in Polen gelegenen Bromberg
gebürtige Joachim Fernau, der sich 1972 zur ‚deutschen Kaiserherrlichkeit‘
äußert: „Ja, es ist wahr, sie war groß. Aber die wenigsten sehen, daß von
dieser ‚großen‘ Zeit außer den Erinnerungen keine staatspolitischen
Auswirkungen, nichts, aber auch nicht das geringste auf unsere heutige Zeit
überkommen ist. Die 300 Jahre, die damals mit Heinrich I. begannen, waren die
schönsten – und vergeblichsten. Die sinnvollsten (damals) und die sinnlosesten
(heute). Sie sind die allertotesten.
Und die allergefährlichsten für unsere Träume.“[143]

Heinrich I. und Otto I. in einer volkstümlichen
Darstellung
(Auffällig die Größe Heinrichs neben seinem Sohn. Das entspricht der preußisch-nationalen
Hochschätzung, in der bereits F. L. Jahn Heinrich als den Großen und seinen
Sohn Otto für die nationalen Belange gar nicht erwähnte. Auch Ernst W. Wies
hätte in seiner Ottobiographie von 1989 am liebsten Heinrich I. den Großen
genannt, wo er doch für ihn „zu den tragenden Vätergestalten der
Weltgeschichte“ gehört. Je nach
Gewichtung der mittelalterlichen Italien- und Rompolitik konnte so Heinrich
oder Otto in der Zuerkennung von Größe vorgezogen werden.)
Eine auffällige, aber sicher nicht die beste
Gelegenheit zur Reflexion und Aufarbeitung der seit dem Nürnberger Prozess bekannten
Fakten dürften 1996 die Feierlichkeiten zum 1000-Jahre-Österreich-Jubiläum
gewesen sein. Aber da wurde selbstverständlich (?) Hitler nicht erwähnt, der
sich indessen auf die gleichen tausendjährigen Genealogielinien berief. Diese
hatten parallel zum „Anschluss“ ein anderes, gegensätzliches Phänomen
generiert, das zusätzlich zeigt, wie flächendeckend die Ottonen zur
Instrumentalisierung anstanden: Während der „Anschluss“-Phase existierte
kurzfristig eine widerständige Studentenverbindung, die sich die „Ottonen“
nannte und als Gegenreaktion auf die nationalsozialistischen Bestrebungen
verstand. Sie löste sich infolge der schnell einsetzenden Verfolgung schnell auf,
und ihre Mitglieder verschwanden in der Illegalität.[144]
Hätte man sich bei den Feierlichkeiten auch auf diese Studentenverbindung, die
lediglich zwei Monate existierte, berufen, wäre insgesamt über den Sinn von
Instrumentalisierungen bei nationalgeschichtlich zu gewichtenden Vorgängen zu
sprechen und eben auch Hitlers damals weit abgesichertes Legitimationsverfahren
zu reflektieren gewesen.
Wenn man bedenkt, welche Rolle Juden als wichtige Verbindungs- und
Kaufleute im mittelalterlichen Reich in den islamischen Orient spielten, dass
Otto d. Gr. wie auch sein Sohn Otto II. bekannterweise ihre Rechte in Magdeburg
oder Mainz bestätigten, Otto II. sogar ausdrücklich die Familie der Kalonymiden
am Rhein angesiedelt haben soll, dass Bischöfe, Fürsten, Könige und Kaiser
lange Zeit eine schützende Hand über die Juden hielten und Barbarossa von den
Juden als Heilsbringer um Schutz angerufen wurde, wird umso deutlicher, dass
die Instrumentalisierung mittelalterlicher Herrscher in späteren Zeiten und vor
allem im deutschen Nationalismus und Nationalsozialismus je eigenen Interessen
folgte und sie jetzt sogar das Patronat für die Vertreibung und Vernichtung
jüdischer deutscher, österreichischer und schließlich europäischer Mitbürger
übernehmen mussten. Der rassisch-völkische Blickwinkel ist eben einer, in dem
wie bei allen Instrumentalisierungen die Bedürfnisse der Gegenwart in die
Vergangenheit so projiziert werden, dass die vergangene Wirklichkeit in
isolierender Rezeption nur mehr zum Schein vergegenwärtigt wird.
Denn worum ging es bei den auffälligen
Instrumentalisierungen Hitlers und Himmlers? Beide agierten in Zusammenhängen,
die das Gewohnte so durchbrachen, dass es in der sie umgebenden Bezugsgruppe
keinen professionalisierten Rückhalt außer dem bloßer Anhängerschaft nach dem
Führer-Gefolgschaftsprinzip geben konnte. Gerade im Zusammenhang des
„Anschlusses“ fällt auf, unter welchem Bewährungsdruck sich Hitler stehen sehen
musste, nachdem er sich am 4. 2. 1938 selbst zum Oberbefehlshaber der Wehrmacht
erklärt hatte und jetzt zum ersten Mal in dieser Eigenschaft aktiv in Erscheinung
treten wollte. Der „Anschluss“ war ein widerrechtliches Unterfangen, mit dem
das in Europa inzwischen etablierte Nationalstaatsprinzip unterlaufen und
ausgehebelt werden sollte. Als im März 1938 für Hitler nach Einschätzung der
internationalen Lage der günstige Moment gekommen zu sein schien, war also zu
improvisieren. Woher aber bei offenem Ausgang die Sicherheit des Gelingens
nehmen, wenn das eigene Umfeld das Gegenteil kompetenten Rückhalts liefert? Es
muss woanders ausgeborgt werden, nämlich bei in der historischen Überlieferung
bereit gehaltenen abrufbaren Vorbildern, die man in mutmaßlich ähnlicher Lage
zum Erfolg schreiten sah. Karl der Große hatte schon im Südosten seines Reiches
den Awaren gegenüber mit der Einrichtung von Marken für Sicherheit gesorgt.
Wenn man so will: In der Wiederaufnahme karolingischen Erbes war es Otto
gelungen, in der siegreichen Auseinandersetzung mit einem östlichen Feind die
Voraussetzung zur Bildung der bajuwarischen Ostmark zu schaffen. Und Hitlers
Erfolg gestaltete sich, schließlich risikofrei, ebenfalls imperial; und was
Bismarck mit der Reichsgründung nur „kleindeutsch“ gelungen war, wurde bei
Hitler jetzt „großdeutsch“, „denn eine Scheidung der Geschichte etwa in eine
deutsche und österreichische“ erschien ihm ja „gar nicht denkbar“.
So fand eine rein nationalsozialistische 12-jährige Politik im damals
flächendeckenden „Mediävalismus“ und seinen auf einen Jahrtausendraum bezogenen
Beschwörungsformeln ihr von allen Seiten anerkanntes und euphorisch
aufgeladenes Legitimationsalibi. Dieser Mediävalismus war indessen nur eine
Sonderform des seit dem 19. Jahrhundert europaweit vorherrschenden Historismus,
in den sich die fortdauernden Herrschaftsformen des „ancien régime“ in
ihren überholten Feudalstrukturen nach Arno
J. Mayer bis weit ins 20. Jahrhundert konterrevolutionär einkleideten,
so dass noch Goebbels für die Nationalsozialisten befand, dass mit der „Revolution
von 1933“ „das Jahr 1789 aus der Geschichte gestrichen“ sei.
Auch
Himmlers volkstumspolitisch willfährige Wissenschaftlerstäbe, denen Michael Fahlbusch (vgl. http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/BEITRAG/essays/fami0500.htm)
bisher am intensivsten nachgeforscht hat und die er in allen universitären
Fachbereichen mit einem von Reichswissenschafts-, Reichsinnenministerium und
Reichssicherheitshauptamt der SS üppig bestückten Forschungsetat für ungefähr 1000
Personen dingfest machen konnte, berücksichtigten in den bei ihnen bestellten Planungen, mit denen das im Polen-
und Russlandfeldzug begonnene „Programm Heinrich“ für die Gewinnung von „Lebensraum
im Osten“ konkretisiert werden sollte, die mediävalistischen Vorgaben. So
finden sich in dem am 28. Mai 1942 vorgelegten „Generalplan Ost“ dem mittelalterlichen
Feudal- und Lehnswesen entliehene Begriffe, als hätte es wirklich um die
Wiederaufnahme und Fortsetzung der mittelalterlichen „Ostsiedlung“ gehen sollen.
Die Siedlungswilligen werden „Lehensfähige“ genannt, aus denen „Lehnsnehmer“
werden können. Weitere in diesem Zusammenhang verwendete Begriffe sind „Belehnung“,
„Lehenshöfe und –stellen“, „Zeitlehen“, „Erblehen“, und
zur Streitschlichtung sollten „Lehensgerichte“ geschaffen werden. Die
Siedlungsgebiete selbst wären dem althochdeutsch-mittelhochdeutschen Sprachgebrauch
folgend „Marken“ im Sinne von „Grenzgebieten“ gewesen. An ihrer Spitze
hätte der „Markhauptmann“ gestanden. Diese etymologische Rückbesinnung
führte mit dem Vorrücken der militärischen Ostgrenze 1942 zur Löschung des
„Mark“-Begriffs im „Großdeutschen Reich“, so dass sowohl Österreich als
„Ostmark“ im Januar 1942 eine weitere Umbenennung in „Donau- und
Alpenreichsgaue“ erfuhr, wie auch die ab 1933 bestehende „Bayerische Ostmark“
entlang der tschechoslowakischen Grenze dann „Gau Bayreuth“ hieß.
Diese mediävalistische Einkleidung diente der
Legitimierung der rein rasseimperialistischen Zielsetzung und folgt dem Muster,
das willkürlich handelnde Herrscher und Anführer in der Regel bemühen, wenn sie
sich in der von Nationalgeschichtsschreibung anerkannter und für die Gegenwart
als musterhaft ausgegebener Traditionslinie stehen sehen wollen.[145]
Nicht anders hatte, wie Talleyrand in seinen Memoiren überliefert, Napoleon vor
der französischen Bischofskonferenz die Legitimation für sein Selbstbewusstsein
aus der gleich dreimal wiederholten und schließlich gebrüllten Behauptung
abgeleitet, er sei Karl der Große.
Dem kommen andere im Volksglauben verhaftete
Traditionen entgegen: In kritischen Zeiten glaubt man an die Wiederkunft
einstmals erfolgreicher Herrscher als Erlöser. Um Karl den Großen, Friedrich
Barbarossa und seinen Enkel Friedrich II. waren solche Sagen entstanden. Im
Nachwort zu einem Heinrichsroman von 1942 heißt es dann in Bezug auf Heinrich
I., dass das Volk ihn zu denen zähle, „die ‚wiederkommen müssen‘, nicht
gestorben sind, sondern irgendwo im Verborgenen warten, bis ihre Zeit erfüllt
ist“.[146]
Wenn Himmler seinen Freund und Chronisten Hanns
Johst als „SS-Barden“ zu einer epischen Gestaltung des Kriegsgeschehens
verdingt hatte, damit nach dem Sieg die „Heinrich-Saga“ in entsprechender
Umgebung, zu der die Wewelsburg ausgestaltet werden sollte, zum Vortrag käme
(vgl. S. 24), dann gehörte das in das Traditionsumfeld von Herrschaft, die sich
der Legitimation ihrer Unrechtstaten über Siege und ihre propagandistische
Verherrlichung versichern will. (Erstes Produkt von Johsts Chronistentätigkeit
war, nachdem er 1940 im Sonderzug
„Heinrich“ Himmler in die polnischen Kriegsgebiete begleitet hatte, die
romanhafte Schilderung „Ruf des Reiches - Echo des Volkes! Eine Ostfahrt“
[München 1942].) Denn dass dem Sieger alle Verbrechen verziehen werden,
entsprach schon Hitlers Argumentationsimpetus, mit dem er am 22. August 1939 in
einer Geheimrede auf dem Berghof bei Berchtesgaden seine Generäle zum Überfall
auf Polen einstimmte. Im Bewusstsein von der Bedeutung des Geplanten und seiner
siegreichen Umsetzung genügte Himmler nicht einmal ein einziger Schriftsteller: In Gestalt des Erfolgsschriftstellers Edwin
Erich Dwinger hoffte er, allerdings vergeblich, auf eine massenhafte
Verbreitung der Schilderung seiner Kriegstaten in Form historischer Romane
(Breitman, wie Anm. 53, S. 237 f.). Denn Dwinger hatte bereits über seine
Kriegserlebnisse im Ersten Weltkrieg und als Kriegsgefangener in Russland
einige Bücher und als weiteren Bestseller 1940 „Der Tod in Polen. Die
volksdeutsche Passion“ veröffentlicht und sich anders als Johst in
osteuropäischen Kriegsangelegenheiten als erfahren ausgewiesen.
Aber auch die sich wissenschaftlich gebende Literatur stimmte noch im
Kampf reichs-euphorisiert in die epische Sichtweise ein, als einer der
Heinrichsmonographen von 1936 die 3. Auflage seines Buches so bevorwortet:
„(...) Europa zu befrieden.
Diese Aufgabe vermag nur Das Reich zu erfüllen, das einmalig ist und
war! Einst war das mittelalterliche Deutsche Kaisertum der Garant einer Ordnung
des Abendlandes. Heute ist diese Aufgabe dem Großdeutschen Reich gestellt. (...)
So hoffe ich, daß auch noch Abseitsstehende Heinrich fernerhin nicht mehr als
‚kleindeutschen Musterkönig‘ bezeichnen, sondern das Originale und
Schöpferische des von ihm in einem halben Menschenalter geschaffenen Reiches
als der Einheit aller Deutschen erkennen werden. (...) Seit Frühjahr 1942 stehe
ich wieder bei der Waffen-SS an der Ostfront und konnte die neuerschienene
Literatur nicht mehr berücksichtigen.
An der Ostfront, im März 1943.“ (Thoss, wie Anm. 72, S. 7 f.)
– Für Manfred
Hülsebruch, kundiger
Standesbeamter in Bad Wildungen –
„Das deutsche Gewissen ist rein, denn all das Böse, Gemeine, Kriminelle, das in Deutschland und den besetzten Ländern zwischen 1933 und 1945 geschah, geht auf Himmlers Schuldkonto.“
Willi Frischauer, 1953
Willi Frischauers
Buch von 1953 über Heinrich Himmler ist unübersetzt geblieben. Vor den
Nationalsozialisten aus Wien nach England geflohen, lag ihm schon zeitig daran,
herauszubekommen, wie Himmlers Macht als Herr über Sicherheitsdienst und
Polizei funktionierte, so dass er sogar bei Gelegenheit, wie er herausbekam, in
England ausfindig und dingfest gemacht werden sollte. Die Aussagen zahlreicher
Herrschaftsträger aus der Funktionselite des „Dritten Reichs“, die er noch hat
interviewen können, ließen ihn zu der Überzeugung kommen, dass sie sich, durch
Himmlers Selbstmord nicht mehr mit ihm konfrontiert, auf seine Kosten schadlos
hielten. Inzwischen weiß man selbstverständlich mehr, aber Guido Knopp muss sich noch 2002 darüber
beklagen, dass es bisher keine umfassende Biografie über Himmler gibt, die
wissenschaftlichem Standard entspräche. So stellt er fest, dass „das
Interesse am ‚Reichsführer SS‘ [...] bemerkenswert gering“ blieb.
Eine seiner Erklärungen dafür ist, „dass die Beschäftigung mit Himmler zu
unbequemen Schlüssen führen kann. Denn wenn erst einmal alle Dämonisierung, zu
der insbesondere die Mittäter im Interesse der eigenen Schuldminderung
beigetragen haben, beiseite geschoben ist, dann bleibt ein wankelmütiger
Mensch, der in erster Linie das Produkt seiner Epoche war. Alle – vornehmlich
angelsächsische – Versuche, Himmlers Handeln als Ausdruck folgenschwerer Geisteskrankheit
mit schizoiden Charakteristika zu erklären, führen in die Irre.“ Das
hindert Knopp nicht daran, das
Himmler-Kapitel seines Buches über die SS mit „Himmlers Wahn“ zu
überschreiben, von seiner „vergifteten Lektüre“, seiner Flucht „in
die bizarre Scheinwelt seiner Bücher“, seiner „blasphemischen
Ersatzreligion“ und „schamloser“ Adaptierung christlicher Elemente, seiner
„düsteren Vision vom Lebensraum im Osten“ oder vom „heimtückischen
Wesen des SS-Chefs“ zu sprechen. Dieses Bild vom schließlich
zweitmächtigsten Mann neben Hitler oder gar „nach 1936 potentiell
mächtigsten Mann Deutschlands“ (Hannah Arendt) hat Tradition seit Joachim C. Fests Porträt von 1963. Der
scheut sich nicht, Himmler durchweg verächtlich zu machen, wenn er z. B.
Aussagen aus dessen Reden zusammenstellt und kommentiert: „wahrlich, die
Visionen eines Hühnerzüchters aus Waltrudering!“ Und ihn zusätzlich „abseitigster
Neigungen“ zu bezichtigen. Hannah
Arendt sagt hingegen von ihm,
dass er „ ‚normaler‘ als
irgendeiner der ursprünglichen Führer der Nazibewegung“ war, kein „verkommener
Intellektueller wie Goebbels, noch ein Scharlatan wie Rosenberg, noch ein
Sexualverbrecher wie Streicher, noch ein hysterischer Fanatiker wie Hitler,
noch ein Abenteurer wie Göring“. Als aber in der „Zeit“ im Oktober 2000 in
einem „Zeitläufte“-Artikel anlässlich des 100. Geburtstags Himmlers gedacht
werden sollte, blieb dieses Datum unerwähnt, und Karl-Heinz Janssen schrieb,
die Perhorreszierung zum Schein aufnehmend, dass von „einem besonders
finsteren Repräsentanten des ‚Dritten Reiches‘“ zu reden sei, „an den
heute nun wahrlich niemand erinnert werden will“. Und dann erinnert er an
ihn... Ich werde darauf verzichten, gefälligst heilige Aura verbreitende
Begriffsbildungen zu benutzen und werde z. B. Wörter wie „Zivilisationsbruch“
usw. vermeiden. Denn solche Prägungen leben in anderer Weise genauso von der
Dämonisierung, in deren Folge die Enkelgeneration der Täter sich dann die
Familiengeschichte ohne Nazi-Opas zurechtlegt. Alle auf ritualisierte
Dauerwiederholung gestellten, auf „Einmaligkeit“ getrimmten Begrifflichkeiten
sind nämlich kontraproduktiv in der Weise, dass im unbewusst auf Ausgleich sinnenden
Familiengedächtnis in der Erinnerung alle Opas zu Widerständlern stilisiert werden,
so dass die von gegenwärtiger political correctness immer als besonders
herausgestellten Einmaligkeiten des Nazi-Regimes ohne das Zutun eigener Opas
nur auf einem anderen Planeten mit einer fremden Menschengattung stattgefunden
haben können, aber nicht mit Beteiligung der eigenen näheren Vorfahren.[147]
Dass gerade Himmler einer wie auch immer beschaffenen Zivilisation
verhaftet blieb und in ihrem Sinne Haltung bewahrte, zeigen z. B. die endlosen
Beteuerungen in seinen Reden, wie „anständig“ doch alle bei allem, was sie
taten, geblieben seien und weiter sind. „Ganz normale Männer“ eben, wie
sie Christopher Browning
beschreibt.
Allerdings sind nur ganz wenige Reden zu Himmlers Lebzeiten
veröffentlicht worden. Unter ihnen die, die er für die wichtigste seiner
Karriere gehalten haben soll, nämlich die Quedlinburger Todestagsrede auf
Heinrich I. am 2. Juli 1936. An ihrer Publikation war ihm gelegen, zumal er
sonst nie mehr wie damals per Rundfunkübertragung vor der ganzen Nation gesprochen
hat und über einen Zeitraum von 1000 Jahren eine Parallele zwischen der
Herrschaft Heinrichs I. als Reichsgründer und Hitler als Vollender der
Reichseinigung ziehen konnte. Die anderen Reden Himmlers sind seit 1945
reichlich überliefert und immer wieder Bezugspunkt, wenn ein Schlaglicht auf
seinen Charakter geworfen werden soll. Es sind keine öffentlichen Reden mehr,
sondern sie gelangten jeweils vor ausgewähltem geladenen Publikum zum Vortrag
und unterlagen z. T. der Geheimhaltung. Im Unterschied zu vielen vernichteten
Dokumenten in seiner Hinterlassenschaft sind sie erhalten geblieben und die für
sein Denken zugänglichsten und aufschlussreichsten Belege. Vor allem die
berüchtigte Posener Rede vom 4. Oktober 1943 wird seit dem Nürnberger Prozess
mit ihren Völkermordpassagen immer wieder als Beleg für Himmlers Verworfenheit
zitiert. Niemand wollte deshalb mehr daran erinnert werden, gerade bei dieser
Rede als Augen- und Ohrenzeuge in Posen anwesend gewesen zu sein, wie das in
besonderer Weise Albert Speer lange genug erfolgreich durchexerziert hat.
Ich habe mich für die Rede vor einem SS-Junkerjahrgang entschieden, die
Himmler am 23. November 1942 in Bad Tölz hielt. Sie zeigt Himmler in einem Augenblick,
als er dem Höhepunkt seiner Macht zustrebt, den er bei seiner Posener Rede mit
der Ernennung zum Reichsinnenminister erreicht hat. 1942 zieht er Bilanz über
das bisher von den Nationalsozialisten Vollbrachte und entwirft das, was in den
nächsten zwanzig Jahren noch zu geschehen hat und wozu er die jungen Männer aus
allen Ländern Europas als künftige Funktionselite in der Waffen-SS motivieren
möchte.
Ehe ich jedoch mit der Analyse beginne, ist an etwas anderes zu erinnern.
Es darf nämlich nicht vergessen werden, dass Himmler seit Kriegsbeginn 1939
eine Zyankalikapsel bei sich trug, für deren Unterbringung eine Zahnlücke im
rechten Unterkiefer präpariert war. Das gibt seinen Äußerungen einen doppelten,
gewissermaßen selbstmörderischen Boden und zeigt, dass er sich in allem Tun und
Reden selbst und natürlich anderen nie völlig über den Weg trauen konnte. Jede
unvermeidliche Berührung der Zungenspitze mit der Zahnlücke musste ihn daran
mahnen.
Himmler trennte offenbar zwischen sich und seiner Rolle, mit der er
sich nie ganz identisch fühlte. Deshalb handelte er sozusagen wie unter
Vorbehalt, wie einer, der nie völlig bei sich selbst war. Während er auf
Veranlassung seines Führers morden ließ, sich dafür auch als verantwortlich
bekannte – „wir – wir insgesamt – haben das für unser Volk getragen, haben
die Verantwortung auf uns genommen (die Verantwortung für eine Tat, nicht für
eine Idee) und nehmen dann das Geheimnis mit in unser Grab“ (Rede in Posen
am 6.10.1943) –, lebte er bei aller ihm zugefallenen Macht wie ein tödlich
durch sich selbst Gefährdeter. Und Geheimnis ist nichts geblieben. Denn sogar
von dieser Rede gibt es eine überlieferte Aufzeichnung, weil Himmler sie
möglicherweise bei einem Sieg als Dokument für den mühsam, aber gegen alle
Widerstände trotzdem errungenen Ruhm hätte noch verwenden wollen! (Nach der
glaubwürdigen Aussage eines meiner Schüler gibt es ein Buch mit dem Titel „Himmlers
Wege“, von einem Gefährten Himmlers verfasst, auf 136 Seiten handgeschrieben,
aber gebunden, in dem die Vernichtungslager mit den von Himmler gewählten Namen
„Heinrichs Wille“ oder „Heinrichs Faust“ benannt werden. Sein
Vater habe es für 26.000 D-Mark erworben und verwahre es unzugänglich in seinem
Safe. – Wohl ein in einem KZ von einem Häftling in angeblich mittelalterlicher
Tradition, an der Himmler so viel lag, spät über die dunklen Wege des
Militaria-Handels in „Liebhaber“-Hände gelangtes, kunstvoll gefertigtes
Produkt!)
Wäre vom heutigen Leser von Himmlers Äußerungen zu erwarten, dass er
sich dieses Gleichzeitige, Doppelte oder beständig gegenwärtige Schizoide, im
wörtlichen Sinn Gespaltene immer zu vergegenwärtigen hätte, wollte er das
verstehen, was doch auch zu verstehen sein muss? Mit welcher
Selbstverständlichkeit kann ich es von mir selbst erwarten und verlangen, der
ich zufällig über den Namenspatron an meinem ehemaligen Arbeitsplatz auf
Himmler stieß? Indessen ist zwar von „Bruder Eichmann“ (Heiner
Kipphardt), aber noch nirgends von „Bruder Himmler“, dieser „reichlich
peinlichen Verwandtschaft“ gesprochen worden, wie das Thomas Mann 1939 in
den USA von „Bruder Hitler“, diesem „unangenehmen und beschämenden
Bruder“, tat. – Da Mimesis eine
Konstante unserer kulturanthropologischen Mitgift ist, Sozialisation ohne
Mimesis gar nicht vonstatten gehen kann, wir alle, wenn wir nicht gerade
schlafen, beständig in der Gesellschaft anderer naturwüchsiger Rollenträger
anpassungsfähig eine oder mehrere Rollen spielen, also immer auch fürs
jeweilige Spiel die jeweils benötigte Maske tragen (können), sollte jeder
eigentlich in der Lage sein, sich ohne Abscheubekundungen und allzu viel Horror
auf den Horror und auf jemanden wie Himmler einzulassen.
„Meine lieben
Junker!
Vor 8 Jahren wurde
hier in Tölz diese Junkerschule eröffnet, nicht hier in diesen schönen Gebäuden
und Kasernen, sondern in einem zwar auch schönen jedoch kleinen Gebäude im
anderen Stadtteil. Es war in der Frühzeit der Machtergreifung. Gerade ein Jahr war vergangen, dass der Führer am 30. Januar
1933 zur Führung des deutschen Volkes berufen wurde, und wir waren damals im
Begriff, mit Vorstellungen und Anschauungen der Vergangenheit fertig zu werden,
die ihr als Angehörige eines deutschen oder germanischen Stammes zum größten
Teil gar nicht mehr kennt.
Noch waren erst 60 Jahre vergangen, seit 1871 in Versailles das
deutsche Reich wieder gegründet wurde. Aus mehr als 200jähriger Zersplitterung
und Uneinigkeit, in die das germanische Herz Europas seit dem 30jährigen Krieg
hineingeraten war, entstand endlich das Reich Bismarcks. Wie stark sich dieses
Reich in der kurzen Spanne von 44 Jahren gefestigt hatte, zeigte der Weltkrieg.
Zwar zogen wir noch nicht als einheitliche deutsche Armee in diesen Krieg, noch
konnte der deutsche Kaiser nur die kaiserliche preußische Armee mobilmachen,
während der König von Bayern als oberster Kriegsherr der bayrischen Regimenter,
in einem derselben auch ich diente, die Mobilisierung verkündete und
freundlicherweise zur gleichen Zeit den Krieg erklärte. Aber trotz dieser
Halbheiten und Kompromisse war das Reich damals so stark, dass 1914/18
Millionen deutscher Menschen bereit waren, für das Reich ihr Leben einzusetzen,
und vier Jahre hindurch heldenhaft gefochten haben. Es war so stark, dass es
auch die schweren Jahre 1919/20, Jahre grauenvollen Elends, größter Not und
moralischer Verkommenheit überstand; aber die Verfallserscheinungen nahmen
immer mehr zu.
Der erbitterste Gegner des Führers war damals nicht der Kommunismus,
sondern der Separatismus. Der 9. November 1923, so sehr er nach außen hin eine
verlorene Schlacht schien, war doch - geschichtlich betrachtet - ein Sieg über
den Separatismus, denn an diesem Tage wurde die so sehr bedrohte Einheit des
Reiches gerettet. Der Marsch des Führers und der Partei zur Feldherrnhalle zerschlug
den Plan der Gegner, das Reich zu zertrümmern. Unsere Partei war es, die von
Anfang an den großdeutschen Gedanken vertrat, den Gedanken an das Reich, das
seit über 1.000 Jahren in deutschen Herzen lebendig ist. Jeder von uns, der
damals von Reich sprach, konnte nur dieses 1000jährige deutsche Reich meinen.
Ehemals hieß es: das heilige römische Reich deutscher Nation. In Zukunft aber
wird es heißen: das heilige germanische Reich deutscher Nation!
Was ihr auch nicht mehr kennt, ist die Stellung der Juden und Pfaffen
im bismarckschen Reich. Die Juden spielten sich ehemals als die treuesten Bayern,
die treuesten Sachsen und die treuesten Württemberger auf. Genau dasselbe taten
die Pfaffen. Sie warfen sich zu den besten Vertretern der Sonderinteressen der
Länder auf. Juden und Pfaffen waren damit die schärfsten Gegner der
Reichseinheit und der Reichsinteressen. Ihr Einfluss auf die Spießbürger war
sehr groß. Denn diese glaubten, wenn der jüdische Herr Kommerzienrat und der
geistliche Herr Rat eine Sache vertraten, dann müsse sie schon ihre Richtigkeit
haben. In allen Vereinen und Verbänden waren sie an führender Stelle zu finden,
stets bemüht, die Aufspaltung des Reiches in Länder, Parteien und
Interessengruppen zu erhalten.
Nach schweren Kämpfen brachte dann das Jahr 1933 den Sieg unserer
Partei und die Machtergreifung. Der eiserne Wille des Führers und seiner
Mitarbeiter, niemals zu kapitulieren, hat sich gegen alle Widerstände durchgesetzt.
Im Jahr 1934 wurde diese Schule gegründet. Die ersten 54 Junker, von denen
bereits eine größere Anzahl gefallen ist, und von denen andere als
Bataillonskommandeure oder in höheren Stäben Dienst tun, besuchten damals als
SS-Männer die Schule. Sie alle hatten noch diese Nachkriegserscheinungen
durchgemacht und mussten sich noch mit all diesen Dingen auseinandersetzen, von
denen ihr heute nurmehr wenig verspürt. Vor 10 Jahren erlebte der deutsche
Mensch die Wandlung zum Deutschen, aus dem Preußen, dem Bayern oder dem
Württemberger wurden Deutsche. Und wiederum nach 5 Jahren musste der Deutsche
dann eine weitere Wandlung in seinem geschichtlichen Erwachen mitmachen:
Österreich kehrte heim, die Grenzen zwischen Deutschen gleicher Sprache und
gleicher Sitten hörten damit auf zu bestehen, das großdeutsche Reich war
Wirklichkeit geworden.
Für dieses Reich ist schon viel des besten Blutes geflossen, in den
drei schlesischen Kriegen, von denen allein der letzte 7 Jahre dauerte, und
1848, wo deutsche Männer für die Einheit Großdeutschlands starben. Die Gründung
Großdeutschlands war allmählich eine zwingende Notwendigkeit geworden, denn
viele der besten Germanen haben sich gläubig dafür eingesetzt, um den Boden für
das Reich zu bereiten.
Im Jahre 1938 konnte dann ein Sohn des deutschen Volkes, der - geboren
in Österreich - als deutscher Soldat in einem Münchener Regiment vier Jahre für
Deutschland gekämpft und geblutet hat, die Sehnsucht nach dem Reich
verwirklichen und unter Ausnutzung der damaligen politischen und militärischen
Verhältnisse Österreich ins Reich heimholen. Der Klein-Deutsche wurde damit zum
Groß-Deutschen. Wir sind immer erst Großdeutsche, dann erst kommt die Liebe zur
engeren Heimat. Es gibt auch heute noch Menschen, die diese großen Gedanken
noch nicht so recht fassen können, jedoch wird man in 10 Jahren davon nicht
mehr sprechen und in 20 Jahren wird man nichts mehr davon wissen.
All diese Probleme sind heute mehr oder weniger in den Hintergrund
getreten. Heute belasten uns die Fragen der Konfessionen, der Kirche und des
Christentums. Über die Judenfrage wird heute nicht mehr diskutiert. Und doch
fragte man sich früher: Kann man einen Juden, der ein Christ geworden ist, so
schlecht behandeln? Aus dieser religiösen Befangenheit heraus glaubte man lange
Zeit die Verschiedenartigkeit der Rassen nicht vertreten zu dürfen. All das ist
für euch heute vorbei, glaubt aber darum nicht, dass ihr darum weniger wichtige
Aufgaben habt. Der Boden ist bereinigt, der Gedanke des germanischen Reiches
mit seinem deutschen Herzen ist klar, weil das deutsche Volk das größte der
germanischen Völker ist.
Gelöst ist auch das Problem der Klassen und Stände. Nicht Stand und
Abstammung sind entscheidend, sondern der Wert und die Leistung! Jede Arbeit,
die der Allgemeinheit, der Nation dient, ist ehrenhaft. Früher konnte ein Offizier
niemals die Tochter eines Maurers heiraten, heute jedoch sind das alles
überlebte Dinge, besonders in den Reihen der Partei und der SS. Maßstab sind
persönlicher Wert und Leistung, alles andere ist gleichgültig.
Völlig gewandelt hat sich auch die Judenfrage in Europa. Der Führer
sagte einmal in einer Reichstagsrede: Wenn das Judentum einen internationalen
Krieg etwa zur Ausrottung der arischen Völker anzetteln sollte, so werden nicht
die arischen Völker ausgerottet, sondern das Judentum. Der Jude ist aus
Deutschland ausgesiedelt, er lebt heute im Osten und arbeitet an unseren
Straßen, Bahnen usw. Dieser Prozess ist konsequent, aber ohne Grausamkeit
durchgeführt worden. Wir quälen niemanden, aber wir wissen, dass wir um unsere
Existenz und die Erhaltung unseres nordischen Blutes kämpfen. Die Erde wäre
nicht das, was sie ist, ohne das nordische Blut, ohne die nordische Kultur und
den nordischen Geist. Wenn wir aber unsere nordische Art erhalten wollen, dann
müssen eben die anderen ausgemerzt werden. Von uns wurde dieser
Ausscheidungsprozess eingeleitet und das Schicksal selbst wird ihn vollenden.
Ihr jedoch als die späteren Führer habt die Verantwortung für diese Geschehen
mitzutragen, ihr habt den seelischen und geistigen Grund in Eure Männer zu
legen, damit sie niemals wieder weich werden und den Juden oder eine ähnliche
Unterrasse in unser Reich aufnehmen.
Ihr kommt in Gebiete, wo es viel fremdes Blut gibt, denn das Reich
wird sich weit nach dem Osten ausdehnen. Viele Völker verschiedenster Art leben
in diesem Raum. Seid darum für euch und eure Männer Hüter und Wächter des
Erbgutes und lehnt fremdes Blut ab. Habt soviel Selbstzucht, daß ihr Euch nicht
mit fremden Blut mischt.
Kolonien kann man schon nehmen, denn man braucht sie für manche
Produkte. Die Hauptkolonie unseres Reiches ist aber der Osten: Heute Kolonie,
morgen Siedlungsgebiet, übermorgen Reich! Zu Hause sind wir nur in unserem
Reich und niemals in einer afrikanischen Kolonie; das würde unsere Art
verderben und 200 Jahre später würde aus dem germanischen Herrn ein Afrikaner
werden. Sehen wir uns doch einmal die Völker Südamerikas an, die einstmals
Spanier waren. Wer waren die Spanier? Die Namen der Provinzen sagen es uns:
Katalonien heißt Gatalonien, Andalusien heißt Vandalusien. Sie waren also Goten
und Vandalen, letzten Endes unsere Vorfahren. 700 Jahre Leben in einem
zermürbenden Klima, unter einer heißen Sonne und in fremdartiger Umgebung,
fremdrassigen Einflüssen ausgesetzt, haben das germanische Bluterbe verloren
gehen lassen. Jede Generation ist dafür verantwortlich, dass das nie mehr
geschieht. In der heutigen Zeit kann man Fehler vermeiden und die Zügel straff
in die Hand nehmen. In dem Augenblick aber, in dem unsere Generation ins Grab
sinkt, da liegt es an euch, meine Junker, daß dann das Gesetz heilig gehalten
wird, nach dem der Orden der SS und alle germanischen Völker angetreten sind
und bei deren Einhaltung wir groß und stark bleiben werden.
Viele Probleme sind für euch gelöst und viele stehen noch vor euch.
Habt ihr, die ihr aus allen Teilen Deutschlands und aus allen germanischen Ländern
stammt, euch einmal das Problem des großen asiatischen Raumes klar gemacht? Die
meisten von euch haben in der Schule Geschichte gelernt, aber sie wurde euch
unter einem falschen Gesichtspunkt nahegebracht. Der asiatische Raum mit seinen
unerschöpflichen Menschenmassen bedrohte seit Jahrhunderten Europa, sobald sich
ein Mann fand, der diese Massen organisieren konnte. Die Völkerwanderung im 4.
Jahrhundert wurde durch den Ansturm der Hunnen, eines Reitervolkes aus
Innerasien, gegen die damaligen germanischen Gebiete ausgelöst. Die Ausdehnung
des damaligen Germanentums nach Osten erkennen wir an Städtenamen wie Nowgorod
und Kiew, die germanische Gründungen sind, und an der gotischen Besiedlung der
Krim. Diese Völker des germanischen Ostens wurden durch Attila, dessen Name in
die Geschichte eingegangen ist, teilweise unterworfen und begannen dann, nach
dem Westen abzuwandern. Auf den Katalaunischen Feldern wurde dieser hunnisch-germanische
Vorstoß Asiens in einer blutigen Schlacht abgewiesen. Den größten Blutzoll
entrichteten wieder die Germanen, die auf beiden Seiten kämpfen mussten. Im 8.
Jahrhundert begann der Vorstoß der Ungarn. Durch drei Jahrhunderte hindurch
lastete dieser asiatische Albdruck auf Europa. Es wurde zwar damals schon eine
Art Ostwall errichtet, - Heinrich I. fand in der Erbauung der Grenzburgen ein
Mittel, der Gegner Herr zu werden - trotzdem aber mussten. Die Ungarn mehrmals
geschlagen werden und erst auf dem Lochfeld wurden sie unter Otto I.
vernichtet. Der Rest wurde dann christianisiert, das hieß damals so viel wie
gezähmt. Im 13. Jahrhundert baute dann Dschingis-Khan sein asiatisches
Groß-Reich auf. Dieser Mann, ein indogermanisch-mongolischer Mischling, von dem
man sagt, er sei von hohem Wuchs gewesen und habe graue Augen und rotes Haar
gehabt, organisierte in wenigen Jahren die unübersehbaren Völkermassen
Innerasiens und führte sie zum Sturm gegen Europa. Es war nicht nur der
Aufopferung der deutschen Ritterschaft zu verdanken, dass damals das deutsche
Reichsgebiet verschont blieb, diese wurde bei Liegnitz vernichtend geschlagen.
Der Tatsache, dass in Innerasien der Cha-Chan starb, war es zuzuschreiben, dass
jenes Heer von der Reichsgrenze zurückberufen wurde.
Im 16. und 17. Jahrhundert erfolgten dann die Vorstöße der
mongolischen Türken mit ihren Janitscharen-Einheiten, die mehrfach bis nach
Wien führten, so dass für Jahrhunderte das Stoßgebet vieler Deutscher lautete:
"Vor Türken und Tataren schütz' uns der Herre Gott!"
Aus dem ganzen Verlauf der Geschichte können wir erkennen, dass uns
nicht die fremden Rassen an sich gefährlich sind; gefährlicher ist für uns der
Gegner unseres eigenen Blutes, auch wenn er uns als einzelner gegenübersteht
und mit der unserer Rasse eigenen Befähigung fremde, chaotische Völkermassen
gegen uns organisiert. Wir müssen darum dafür Sorge tragen, dass kein Blut
verloren geht, dass alles, was an germanischem Blut im Umkreis vorhanden ist,
für uns gewonnen wird. Denn sonst wiederholt sich das Trauerspiel, dass
Germanen gegen Germanen kämpfen, oder dass ein Germane im Dienste einer fremden
Macht zum Vernichter des eigenen Blutes wird. Es ist nicht gleichgültig, wenn
irgendeiner irgendwo im fernen Russland mit einem asiatischen Weib eine Nacht
verbringt und ein Kind zeugt. Denn diese Erbsünde steht wieder auf, und -
ausgestattet mit dem Organisationstalent des Germanen und der Brutalität des
Asiaten - kann ein Nachkomme dann später einmal gegen Europa zu Felde ziehen.
Unsere spätesten Enkel müssen dann mit ihrem Blut sühnen, was einer von uns
einmal aus Leichtfertigkeit begangen hat.
Nun wieder zurück zur Geschichte. Wir sehen also, wie Welle auf Welle
gegen Europa anrennt: Hunnen, Türken und Tataren. In mehreren Jahrhunderten kam
der Ansturm Asiens je einmal bis vor Wien. Nun hat es das Schicksal so gefügt,
dass ein Mann namens Stalin vor etwa 60 Jahren geboren wurde. Wir haben das
Glück, dass dieser Stalin in Russland und nicht in Innerasien geboren wurde,
denn sonst würden heute statt der 200 000 000 400 000 000 im Kampfe gegen
Europa stehen. Gegen diese Welle Asiens kämpfen wir nun heute, ohne Adolf
Hitler wären wir nicht mit ihr fertig geworden. Auf der einen Seite stehen 200
000 000 und auf der anderen Seite stehen 85 000 000 und ihre Verbündeten. Von
den 30 Millionen der germanischen Stämme nehmen erst etwa 15 - 20 000 Mann an
diesem Schicksalskampf teil. Ihnen gebührt Anerkennung und Ruhm, denn sie sind
die ersten, die zu uns gekommen sind, meist gegen den Willen ihrer Familie und
Sippe und gegen den Willen ihres Volkes. Aber ihr Glaube war entscheidend und
bestimmte ihren Weg. Wir kämpfen keinen leichten Kampf, Stalin bedient sich der
modernsten Waffen der heutigen Zeit. Menschenleben spielen keine Rolle. Mit brutaler
Gewalt werden die Menschen zu den notwendigen Arbeiten zusammengetrieben, auf
die Fürsorge für sie wird kaum geachtet. Es ist nicht von Belang, ob Hunderte
und Tausende verhungern, denn wo hundert sterben, erstehen zweihundert neu. Die
Geburtenfreudigkeit bewirkt auch bei stärkstem Verschleiß an Menschenleben
immer noch einen Überschuss. Heute haben wir es noch mit 200 Millionen zu tun,
im Jahre 1960 werden es vielleicht 250 Millionen sein. Nun haben wir aber das
einmalige Glück seit Jahrtausenden, dass das Schicksal uns den Führer gesandt
hat. Nicht in jeder Generation ist das Schicksal so verschwenderisch, nicht
einmal in jedem Jahrhundert schenkt es uns einen Führer, ein Genie wie Adolf
Hitler. Wenn wir daher im nächsten oder übernächsten Jahr Russland in einem
zähen Kampf vielleicht niedergerungen haben, dann steht uns noch immer eine
große Aufgabe bevor.
Nach dem Sieg der germanischen Völker müssen wir den Siedlungsraum des
Ostens noch kultivieren und besiedeln und für die europäische Kultur erschließen.
Innerhalb der nächsten zwanzig Jahre - von der Beendigung des Krieges an
gerechnet - habe ich mir die Aufgabe gestellt und hoffe, dass ich diese mit
euch lösen kann, die germanische Grenze um rund 500 km weiter nach Osten zu
schieben. Das bedeutet, dass wir Bauernfamilien aussiedeln müssen, eine
Völkerwanderung besten germanischen Blutes wird einsetzen und die Einordnung
des russischen Millionenvolkes für unsere Aufgaben. Das heißt, dass - nachdem
die Friedensglocken den größten Sieg verkündet haben - die arbeitsreichste Zeit
unseres Lebens beginnen wird. Zwanzig Jahre Kampf um die Gewinnung des Friedens
liegen dann vor uns. So, wie ich heute von euch verlange, dass Ihr unbeugsam in
eurem Glauben und tapfer im Kampf seid, so werde ich dann von euch verlangen, dass
ihr als treue Diener von Wehr und Blut wahrhafte Bauern und treueste
Gefolgsmänner unseres Reiches seid. Das bedeutet ein Leben voll unerhörter
Schönheit für euch, aber auch unermessliche Arbeit und steten Kampf. Dieses
Ziel müssen wir in zwanzig Jahren erreichen. Dann wird dieser Osten frei von
fremdem Blut sein und unsere Familien werden dort als Herrenbauern siedeln. Ich
möchte aber betonen, dass Herrentum nicht Nichtstun bedeutet. Wer Herr sein
will, zeichnet sich dadurch aus, dass er am meisten leistet. Darum dürft ihr
niemals den Standpunkt vertreten, dass eine Arbeit für euch als Führer zu
gering wäre. Wenn ich euch einmal dort ansiedle - und ich setze natürlich nur
Männer dorthin, die von der Bauernarbeit etwas verstehen - dann müsst ihr
Vorbild sein und helfen, ja, selbst einmal die Harke in die Hand nehmen. Und
wenn einer seinen Acker nicht richtig pflügen kann, dann nehmen wir ihm den
Pflug aus der Hand und zeigen es ihm. Denkt immer daran, dass wir es für unser
Blut und für unser Deutschland tun. Denn voran steht immer das große Ziel: das,
was wir im Osten erwerben, bringt uns die Nahrungsfreiheit für das ganze
germanische Volk. Diese Erde, die wir dort in Besitz nehmen und die wir in
zwanzig Jahren besiedeln, wird auch der Pflanz- und Zuchtgarten des
germanischen Blutes sein. Dort müssen dann Familien leben, für die die
Kinderfrage kein Problem mehr ist. Ich möchte hier nur an Johann Sebastian Bach
erinnern; er ist das 13. Kind! Wenn nun Mutter Bach auch nach dem 5. oder 6.
oder auch erst nach dem 12. Kind gesagt hätte: "Nun ist es genug",
und sie hatte wirklich Grund dazu, dann wären uns die Werke Bachs nie
geschaffen worden. Ähnlich liegt der Fall bei Richard Wagner, er war das 6.
Kind. Ich sage euch, unsere Kultur wäre um unendlich viele Schöpfungen ärmer,
wenn man früher die Geburten im allgemeinen auf 4 - 5 Kinder beschränkt hätte.
Es ist widernatürlich, die Zahl der Geburten um eines persönlichen Vorteiles
willen zu beschränken. Solange die Natur uns einen Kindersegen schenkt, solange
sollen auch Kinder geboren werden. Der Führer selbst sagte einmal, jeder
deutsche Mann müsse mindestens vier Söhne haben. Es ist so, dass wir erst dann
Verluste, wie sie ein Krieg wie der heutige mit sich bringt, ertragen können,
auch wenn zwei oder drei Söhne in einer Familie fallen sollten.
Wenn es uns in den zwanzig Jahren nach dem Krieg gelingt, aus den
germanischen Völkern ein großes germanisches Reich zu schaffen, wobei wir aber
nie verlangen werden, dass der einzelne seine Heimat vergisst, dann wird sich die
Sendung unserer Zeit erfüllen. Obenan hat immer der Gedanke zu stehen, dass wir
eines Blutes, dass wir Germanen sind, und dass nur eines heilig ist: das Reich!
Dann wird der Gedanke des Reiches, der jetzt Wurzeln fasst, Gestalt annehmen
und muss von den Stärksten getragen werden. Überall im germanischen Reich
werden die Eigenarten der einzelnen Stämme erhalten bleiben. Hier aber, im
neuen Siedlungsraum, werden wir am Ende nicht mehr Dänen, Holländer, Schweden
und Deutsche haben, sondern hier wird etwas entstehen, das man
"germanisches Volk" nennen kann. Die Menschen im Osten werden auch
immer wissen, wenn das Reich stark und mächtig ist, dann wird das fremde Blut
aus dem Osten nie mehr über unsere Grenzen hereinbrechen.
Und nun zu einer anderen Frage: Ebenso, wie ich den Pfaffen als
größten Heuchler aller Zeiten, als größten Missachter menschlicher Gefühle, als
unwürdigsten Ausbeuter einer im kleinen Menschen wohnenden Angst - nämlich
davor, was nach dem Tode kommt - verachte, ebenso erwarte ich, dass jeder
SS-Mann daran glaubt, dass etwas - mächtiger als alles - über uns ist. Wir
wollen nicht streiten, wie wir es nennen, ob Schicksal, Gott, Natur und Vorsehung,
ob das Göttliche, das alles ist wesenlos. Der Name ist hier nicht entscheidend,
wesentlich ist nur der Glaube und die Überzeugung, dass über uns ein Gott ist,
der diese Riesenwelt im Gesetz der Auslese und des Kampfes geschaffen hat, und
der mit diesem Gesetz der Selbsterhaltung die ganze Natur in Bewegung setzt und
hält.
Wir müssen uns noch mehr als bisher um unsere Männer kümmern und ihnen
einmal die notwendige Freiheit des einzelnen Mannes geben, und andererseits in
ihnen ihre Gottgläubigkeit verankern. Es muss ihnen ein vermehrtes Verständnis
für Makro- und Mikrokosmos beigebracht werden. Ein Mensch, der einmal in einer
Sternwarte den Gang der Gestirne im All beobachtet hat, oder durch ein
Mikroskop den wunderbaren Aufbau der Zellen bewundern konnte, wird den
Organismus der Natur und die Zweckmäßigkeit der ganzen Schöpfung erkennen und
stets den richtigen Maßstab haben. Er wird erkennen, dass wir nur ein unendlich
kleiner Teil des Göttlichen sind, er wird sich nicht mehr wichtig nehmen und
Sprüche von der Beherrschung der Natur daherleiern. Andererseits wird er aber
auch wissen, dass es trotzdem auf jeden von uns ankommt, dass wir umsonst
gelebt haben, wenn wir unser Erbgut nicht bewahren und weitergeben.
In diesen zwanzig Jahren muss der Gedanke der Ahnenverehrung bei uns
heimisch werden, damit wir von hier aus die Gesetze unseres Lebens gestalten können.
Unsere ganze Arbeit wäre umsonst, wenn unserem Sieg nicht genügend Kinder guten
Blutes folgen würden. Wenn wir hier versagen, dann wissen wir, dass unser
ganzer heldenhafter Kampf vergeblich war, wenn in einigen Jahrhunderten ein
neuer Wellenschlag gegen unser Reich brandet, und wir haben keinen Adolf
Hitler. Der Pflanzgarten ist da, wir müssen 400 bis 500 Millionen Germanen
werden, wenn wir das Reich gegen die Asiaten erhalten wollen. Wir müssen
erreichen, dass der Gedanke an viele Kinder im Sinne der Verehrung unserer
Ahnen eine Selbstverständlichkeit wird; denn wer die Ahnen verehrt, hat auch
Enkel. Enkel heißt ja nur junger Ahn.
Wir sehen, wie tapfer ein Volk sein kann, das nur an seine Ahnen
glaubt: Japan! Ein solches Volk ist schwer zu besiegen. Diese Gedanken und
diese Kraft wollen wir in den Jahrzehnten, die noch vor uns liegen, unserem
Volk einflößen. Darum muss dieser Gedanke Lebenselement der SS werden.
Meine Junker! Ihr habt hier viel gelernt, seid soldatisch und
militärisch als Zugführer ausgebildet worden. Viele Dinge wurden euch
beigebracht und nun geht es wieder hinaus. Nicht mehr als deutsche, flämische
oder niederländische Offiziere, sondern als germanische SS-Führer. Es können
Zeiten kommen, wo Krisen da sind, wo diese oder jene Rückschläge auf dem
Kriegsschauplatz eintreten werden. Ich erwarte von euch, dass ihr niemals einen
Schritt von der Linie eures Lebens abweicht, sondern dass ihr euren Männern
immer Vorbild seid. Der Offizier hat nicht mehr Rechte als der Mann, sondern im
Gegenteil nur mehr Pflichten.
Ich erwarte von euch, dass ihr weiter so tapfer kämpft, wie die
Waffen-SS bisher gekämpft hat. Wir haben in diesen drei Kriegsjahren viel Ruhm
an unsere Fahnen geheftet. Von euch erwarte ich, dass ihr weiterhin so unentwegt
zum Sturme antreten werdet. Die Meldung, dass ein Zug wegen Verlusten, Schwäche
oder Hunger nicht mehr antreten kann, gibt es bei der SS nicht. Es wird
angetreten und wenn einer allein zum Sturme geht.
Ich will euch das Beispiel der Totenkopf-Division erzählen. Sie war
noch etwas über 300 Mann stark und sollte zum Angriff angesetzt werden. Ich habe
damals selbst das OKH angerufen, weil ich mich um diesen Fall kümmern wollte,
wie ich mich um alle Divisionen kümmere. Ich gab dann dem Obergruppenführer
Eicke durch, er müsse nochmal antreten. Und der alte Eicke hat dann ein
Bataillon daraus gemacht, hat selbst die Führung übernommen. Mit Schneid und
Erfolg hat die Truppe ihren Auftrag erfüllt und kam mit etwa 250 Mann wieder
heraus. Eine Truppe mit solchen Leistungen ist unsterblich. Überall, wo
heldenhaft gefochten wird, wo man das erfüllt, was man verspricht, wo man nicht
angibt, sondern stirbt, wird eine Truppe der Jugend immer Ansporn und Vorbild
sein. Es spricht sowohl für die deutsche Jugend als auch für die Waffen-SS,
dass sich von jedem Jahrgang 25% freiwillig zu uns melden, obwohl wir nicht
alle nehmen können, da sie unseren Ansprüchen nicht genügen. Solange Ehre und
Ruhm, Treue und Gehorsam unbefleckt sind, solange sie lebendig gehalten werden
von Lebendigen und Toten, solange ist jede Truppe ein Vorbild: Seid daher immer
die Unentwegten! Rein soldatisch, militärisch und wirtschaftlich gesehen kann
der Krieg niemals von uns verloren werden. Unsere Verluste sind verhältnismäßig
gering, zu essen haben wir in jedem Jahr ausreichend, an Material fehlt es uns
ebenfalls nicht und nicht an Arbeitskräften. Sentimentalitäten im Bandenkrieg
und in der Sabotage kennen wir nicht. Die Hoffnung, dass im Innern Deutschlands
gewühlt werden könne, kann auch begraben werden. Wir haben heute kein Volk von
1914/19 mehr, sondern ein Volk, das den Krieg als Ganzes kennt. Vor allem aber
haben wir einen Adolf Hitler. Der Rücken ist in diesem entscheidenden Kampf
frei. Der Burghof der Festung Europa ist sauber, dafür sorgt der SD. Sollte der
Krieg noch monate- oder jahrelang dauern, am Ende steht der deutsche Sieg! Ihr,
meine künftigen Führer, wo ihr auch hingestellt seid, seid in erster Linie
SS-Männer und Nationalsozialisten, seid Männer und Ritter des germanischen
Reiches.
Unverbrüchliche Treue aber dem einmaligen großen germanischen Führer Adolf Hitler!“
(Quelle: http://homepages.uni-tuebingen.de/gerd.simon/HimmlerUmsiedlg3.pdf [148] oder im Bundesarchiv: BA NS 19 / 409 Bl. 180-199. )
Zunächst ein wenig Statistik: Das häufigste im Text vorkommende Wort ist das Pronomen „wir“ in seinen verschiedenen Flexionsformen und Abwandlungen in Possessiv- und Reflexivpronomen (113 Mal); von sich spricht Himmler 25 Mal in der ersten Person; die SS-Junker werden, unabhängig von den Imperativformen, 42 Mal persönlich angeredet. 12 Mal wird an den „Führer“ oder Adolf Hitler erinnert. Weitere Auffälligkeiten sind der 40-malige Gebrauch von „deutsch“ und entsprechenden Abwandlungen wie das 36-malige „germanisch“, das „Reich“ (35 Mal), das 14-malige „Asien“ (mit 3-maligem „Russland“), 12 Mal „Osten“ gegenüber einmal „Westen“, das 10-malige „Europa“, „Blut“ (20 Mal), „Juden“ (10 Mal), „Pfaffen“ (4 Mal). Ebenfalls Erwähnung finden Spanien, Südamerika, Afrika und Japan. Neben Adolf Hitler werden als Personen Bismarck, Heinrich I., Otto I., Attila, Dschingis Khan, Cha-Khan, Stalin, Johann Sebastian Bach und Richard Wagner genannt.
Es versteht sich von selbst, dass die häufigsten Begriffe über den gesamten Text verteilt sind und ihn strukturieren, während die weniger häufigen oder einmalig gebrauchten zu den jeweiligen Schwerpunktbildungen gehören.
Himmler beginnt mit einer Skizze des unter Hitler vollzogenen Reichseinigungsprozesses, zu dem als wichtigster Vorläufer hier nicht etwa das von Himmler immer wieder beschworene mittelalterliche Reich mit Heinrich I. an der Spitze gehört, sondern das „endlich“ entstandene Reich Bismarcks, wobei das „1000jährige deutsche Reich“ als Hintergrund und Basis „in deutschen Herzen lebendig ist“, selbstverständlich. Mangel des Reichs Bismarcks war der nach wie vor gegebene „Separatismus“, das heißt die föderale Struktur des ersten deutschen Nationalstaates, in dem es noch keine ausschließlich deutsche Staatsangehörigkeit gab. So erinnert Himmler daran, dass er selbst noch unter dem König von Bayern in einem bayrischen Regiment diente. „Freundlicherweise“ habe dieser gleichzeitig mit dem deutschen Kaiser, der nur über die preußischen Truppen Verfügungsrecht hatte, den Eintritt in den Ersten Weltkrieg erklärt. Es gab also bis ins „Dritte Reich“ nur Bayern, Badener, Hessen, Preußen, Sachsen usw. in ihrer jeweiligen Staatsangehörigkeit, über die vermittelt sie erst unausgewiesenerweise Deutsche waren. Für diesen „Separatismus“ macht Himmler nicht die seit dem Mittelalter gegebene föderale Struktur des „Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation“ mit seinen jeweiligen Landesherren verantwortlich, sondern er personalisiert auf mittlerer Ebene und macht Sündenböcke dingfest, und zwar im Sinne der von Nietzsche kreierten antibourgeoisen und gleichzeitig antisemitischen Dämonologie: die von „Juden“ und „Pfaffen“, dem „jüdischen Herrn Kommerzienrat“ und dem „geistlichen Herrn Rat“, gepflegten und an die „Spießbürger“ vermittelten „Sonderinteressen“. Inzwischen sind gegen den „Separatismus“ seit 1938 mit dem „Anschluss“ oder dem „Heimholen“ Österreichs ins Reich aus den bis dahin „Kleindeutschen“ einschließlich der Österreicher „Großdeutsche“ geworden. Aus Himmlers nur ungenauer Datierung lässt sich nur ahnungsweise rückschließen, wann „der deutsche Mensch die Wandlung zum Deutschen“ erlebt haben muss. Vielleicht trifft auf ihn selbst noch zu, was er erst bei seinen jungen Zuhörern als gegeben ansieht: dass es nämlich „auch heute noch Menschen“ gibt, „die diese großen Gedanken noch nicht so recht fassen können“. Denn „die Wandlung zum Deutschen“ entsprang einem nüchternen Verwaltungsakt mit einem genauen Datum, nämlich dem 5. Februar 1934, als nach dem vorbereitenden Gesetz vom 30. Januar 1934 zum „Neuaufbau des Reiches“ die Verordnung über die deutsche Staatsangehörigkeit erlassen wurde und nach der „Gleichschaltung“ der Länder und der Aufhebung ihrer Hoheitsrechte es als Eintrag in den Melderegistern nur mehr die deutsche Staatsangehörigkeit gab, wie sie seither bis heute fortdauert. (In den Personenstandsbüchern hätte der „richtige“ Eintrag für die Ehegatten nach den „Nürnberger Gesetzen“ vom 15.9.1935 ab 1.7.1938 „deutschblütig“ lauten sollen.) Die deutsche Staatsangehörigkeit galt uneingeschränkt auch für die jüdischen Mitbürger, selbst als sie mit den „Nürnberger Gesetzen“ 1935 wegen ihres „artfremden“ Blutes von der zusätzlichen Reichsbürgerschaft ausgeschlossen wurden, womit sie zu deutschen Staatsangehörigen minderen Rechts wurden.
Himmlers Ausführungen zur erstmaligen deutschen Staatsbürgerschaft im ersten deutschen Nationalstaat des „Deutschen Reichs“ geben jedoch besser als jeder Verwaltungsakt etwas von dem wieder, was die unio mystica der Reichseinigungseuphorie der Jahre nach 1933 und vor allem beim „Anschluss“ Österreichs ausmachte. 1942 war das selbst in den Augen Himmlers bereits fernere Vergangenheit.
Gehört für Himmler diese „Wandlung zum Deutschen“ zu den gelösten Problemen und sind die Deutschen von Stand und Abstammung entbunden, um nur noch nach „persönlichem Wert und Leistung“ gemessen zu werden, so sind seine Aussagen zur „Judenfrage“ nicht eindeutig, ja sogar höchst widersprüchlich. Einerseits spricht er davon, dass über die „Judenfrage“ „heute“ nicht mehr diskutiert werde, sie damit gewissermaßen als gelöst anzusehen ist, sie sich jedoch andererseits in Europa „völlig gewandelt“ habe. Parallel fallen Wörter wie „Ausrottung“, „ausmerzen“, „Ausscheidungsprozess“, aber auch dass „der Jude [...] aus Deutschland ausgesiedelt“ ist und „heute im Osten“ lebe und an „unseren Straßen, Bahnen usw.“ arbeite, und zwar „ohne Grausamkeit“ und Qualen. Hier entfalten das an dieser Stelle von Himmler besonders häufig gebrauchte Pronomen „wir“ und das Anredepronomen „ihr“ ihre ausschließende Bedeutung:
„Wenn wir aber unsere nordische Art
erhalten wollen, dann müssen eben die anderen ausgemerzt werden. Von uns wurde
dieser Ausscheidungsprozess eingeleitet und das Schicksal selbst wird ihn
vollenden. Ihr jedoch als die späteren Führer habt die Verantwortung für diese
Geschehen mitzutragen, ihr habt den seelischen und geistigen Grund in eure
Männer zu legen, damit sie niemals wieder weich werden und den Juden oder eine
ähnliche Unterrasse in unser Reich aufnehmen.“
Himmler manövriert sich vor den jungen Männern in die Zwickmühle schonungsloser Aufrichtigkeit und schönfärberischer Ablenkung, als er für den „Ausscheidungsprozess“ die eigene Beteiligung zwar zugibt, dann aber das „Schicksal“ zu dessen Vollendung beschwört, bevor er die SS-Junker deutlicher als dessen mitverantwortliche Vollstrecker anspricht.
In seinen Ausführungen handelt es sich vor allem auch in der hier verwendeten Sprache um ein Echo auf die „Wannsee-Konferenz“ am 20. Januar 1942, die stattfand, nachdem es am 23. Oktober 1941 zu einem Auswanderungsverbot für jüdische Staatsbürger gekommen war. Anstatt auswandern zu können oder – wegen des zunehmenden Druckes – zu müssen, wurden die als „Juden“ markierten Mitbürger nach Osteuropa in die dortigen Konzentrationslager und Ghettos evakuiert, wo die „kommende Endlösung der Judenfrage“ (Heydrich) anstand. Die entsprechenden Protokollpassagen lauten folgendermaßen:
„Unter entsprechender Leitung sollen im
Zuge der Endlösung die Juden in geeigneter Weise im Osten zum Arbeitseinsatz
kommen. In großen Arbeitskolonnen, unter Trennung der Geschlechter, werden die
arbeitsfähigen Juden straßenbauend in diese Gebiete geführt, wobei zweifellos
ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird. Der allfällig
verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten
Teil handelt, entsprechend behandelt werden müssen, da dieser, eine natürliche
Auslese darstellend, bei Freilassung als Keimzelle eines neuen jüdischen
Aufbaus anzusprechen ist. (Siehe die Erfahrung der Geschichte.) Im Zuge der
praktischen Durchführung der Endlösung wird Europa von Westen nach Osten
durchkämmt[149].“
Damit hat Himmler zum ersten Mal das Gebiet der zukünftigen Aufgaben der jungen Männer und der von ihnen noch zu lösenden Probleme betreten. Dazu entwirft er eine Skizze des von ihm vertretenen Rasseimperialismus als Grundlage seiner Politik: „Heute Kolonie, morgen Siedlungsgebiet, übermorgen Reich!“ Ausgangspunkt ist die Überzeugung, dass „germanisches Bluterbe“ verloren gehen könne, wie die Geschichte zeige. Das geschehe am leichtesten dann, wenn man sich zu weit außer Landes begebe, z. B. nach Afrika oder, wie in der Völkerwanderung, als aus dem osteuropäischen Siedlungsraum die Goten und Vandalen bis nach Spanien zogen. Bei derartiger Expansion „würde unsere Art verderben“, und zwar unter den Einflüssen von Klima, neuer Umgebung und „fremdrassiger“ Vermischung, was sich bei den Spaniern mit ihrer Kolonisierung Südamerikas vollendet habe, und in Afrika würde binnen 200 Jahren „aus dem germanischen Herrn ein Afrikaner werden“. Deshalb sollen die jungen Männer immer „Hüter und Wächter des Erbgutes“ sein, denn das ist das erste der Probleme, das Himmler aus der Erörterung der „Judenfrage“ den jungen Männern als von ihnen zu lösendes präsentiert. Während im „Großdeutschen Reich“ als totalitärem Unrechtsstaat alle in ihren Folgen absehbaren Maßnahmen rechtsstaatliche Kodifizierung erfuhren, wie die Sammeleinbürgerung von Österreichern und Sudetendeutschen 1938 oder die Handhabe von Ein- und Ausbürgerungsangelegenheiten zeigen, würden sich die jungen Männer bei ihren Einsätzen auf einem „fremdvölkischen“ Terrain bewegen, das für eine rechtliche Kodifizierung erst spruchreif gemacht werden muss. Umso eindringlicher sind sie von Himmler an ihre Aufgabe zu erinnern, sich nur ja nicht auf „Vermischung mit Fremdvölkischen“ einzulassen.
Himmler zeigt bei dem jetzt von ihm skizzierten Gang durch die Geschichte der Erfahrungen mit dem „asiatischen Raum“, dass er ein Anhänger der so genannten Grenzkolonisation ist. Dazu ist hier ein längerer Exkurs einzuschieben, damit deutlich werde, in welchen Spuren sich die nationalsozialistische Expansionspolitik und Himmler in seinem Gedankengang bewegen.
Grenzkolonisation wurde seit dem 19. Jahrhundert in der mittelalterlichen Ostsiedlung als einem für Deutschland maßgeblichen Musterbeispiel als verwirklicht angesehen. Seit dem 12. Jahrhundert hatte sich nämlich aus den mittel- und westeuropäischen Ländern bis aus Flandern eine Siedlungsbewegung ergeben, die in die bis zu Elbe und Saale slawisch besiedelten östlichen Gebiete allmählich so weit vordrang, dass mit Zurückdrängen der slawischen Bevölkerung für das mittelalterliche Reich weite neue Regionen erschlossen wurden: Brandenburg, Preußen, Sachsen, Schlesien, Randgebiete Böhmens usw. Diese ohne politische Reichsvorgaben aus Einzelinitiative heraus vonstatten gehende Bewegung wurde in dem Augenblick, als sie zum ersten Mal im 19. Jahrhundert von preußischen Intellektuellen als Großereignis wahrgenommen wurde, als „Ostkolonisation“ bezeichnet. Das heißt, dass sie im Augenblick ihrer Wahrnehmung in die um sich greifende europäische imperialistische Diskussion eingepasst wurde. Sie wurde als vorbildlich dafür angesehen, wie Deutschland sich zu einem nach Osten und Südosten ausweitenden mitteleuropäischen Großreich entwickeln könnte und damit in anderer Richtung Anschluss an die imperialistischen Unternehmungen Westeuropas in Übersee gewönne. Das geschah zu einem Zeitpunkt, als es den Deutschen noch nicht einmal gelungen war, einen eigenen Nationalstaat zu bilden, so dass nationalstaatliche und imperialistische Diskussion über Jahrzehnte parallel liefen.
Einen wichtigen Auslöser des imperialistischen Ehrgeizes, wenn nicht sogar seinen Kern bildete die beständige Auswanderung aus den deutschen Ländern nach Übersee, die im 19. Jahrhundert in ein Millionenheer mündete, zu 90 % Amerikaeinwanderung war und bis zum Ersten Weltkrieg 5,5 Millionen Menschen ausmachte.[150] So bereicherte sie fremde Volkswirtschaften wie vor allem die nordamerikanische, der sie zu enormem wirtschaftlichen Wachstum verhalf und die eine Weile unentschieden ließ, ob nicht auch das Deutsche amerikanische Landessprache würde. Neidvoll sah man auf Amerika und auf die von dort ausstrahlende Faszination der Freiheit auf freier eigener Scholle. So erklärt sich die Verachtung der bodenständig Dableibenden, in die sich dieser Neid verkehrte und mit der man im politisch interessierten Bildungsbürgertum von „Amerikafieber“ oder „Auswanderungssucht“ sprach, indem man die sozialen und politischen Bedürfnisse der eigenen bedrängten und ärmeren Bevölkerungsschichten nicht zur Kenntnis nahm, weil sie von Intellektuellen und ihrem politischen Geltungsanspruch in den deutschen Kleinstaaten auch nicht zu lösen waren. Franz Schnabel schreibt in seiner 1936 abgeschlossenen „Deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert“ über die auswanderungswillige deutsche Bevölkerung, die an der von Preußen propagierten kontinentalen Grenzkolonisation, d.h. an der Neuansiedlung in slawisch geprägten oder rein slawischen Gebieten im 19. Jahrhundert im Unterschied zur mittelalterlichen Ostsiedlung kein Interesse hatte, auch die preußische nicht. Denn seitdem William Penn 1683 in Worms um Auswanderer für seine Kolonie Pennsylvanien geworben hatte und er „Entvölkerer Deutschlands“ genannt wurde, begann „der große, ununterbrochene Exodus von Deutschland nach dem angelsächsischen Nordamerika“. Das „Go West“ gegenwärtiger Zigarettenreklame hat also eine seit Jahrhunderten andauernde Tradition, nicht nur in Deutschland. Denn im 19. Jahrhundert entsprach sie einem gesamteuropäischen Trend, vor allem auch aus den osteuropäischen Gebieten einschließlich des Balkans und aus Italien. Der Erste, der sich an einer Umkehrung des Auswandererstroms bewähren wollte, aber mit seiner Vision eines mitteleuropäischen germanischen Großreichs mit Ausdehnung bis ans Schwarze Meer scheiterte, war der von den Nationalsozialisten verehrte Nationalökonom Friedrich List. Nach einträglichen Erfahrungen aus eigener Auswanderertätigkeit in den Vereinigten Staaten, die ihn über den Eisenbahnbau zum Millionär gemacht hatte, war er nach Deutschland zurückgekehrt, um reformerisch tätig zu werden und Deutschland zur zweiten imperialen Großmacht neben England zu entwickeln. Trotz seiner zahlreichen Verbindungen in Politik, Wirtschaft und Publizistik wurde nicht einmal etwas aus einer Generalinspektorenstellung, von der aus er die Bildung von deutschen Kolonistengemeinden in Posen hätte leiten und organisieren sollen. Frustriert ging er 1846 in Kufstein in den Freitod. Es gab eben noch keinen Nationalstaat, der im eigenen Interesse alle andiskutierten Bestrebungen gebündelt und in Politik hätte verwandeln können. [151]
Die Namen derer, die sich um die Umkehrung des Auswandererstroms nach Osten bemühten, weil diese Richtung versprach, dass die nach Osteuropa Ziehenden mit ihrem Herkunftsland verbunden blieben, um es zu vergrößern, blieben dennoch zahlreich und fanden spätestens alle in der großen historischen Auseinandersetzung des 19. Jahrhunderts, dem so genannten Sybel-Ficker-Streit, der Ausläufer bis in die 1950er Jahre hatte, eine Plattform. 1859 begonnen, wird ausführlichst darüber diskutiert, in welche Richtung das mittelalterliche Reich hätte expandieren sollen. Im Streit über die Kaiserpolitik des Mittelalters wird dabei ausgetragen, wie ein künftiger deutscher Nationalstaat sich außenpolitisch orientieren sollte. Der von Preußen aus majorisierte Streit favorisierte eine angeblich im Mittelalter wegen der ultramontanen Italien- und Rom-Orientierung vernachlässigte kolonisierende Expansion in den Osten. Die preußisch geführte Machtpolitik gegenüber Österreich mündete schließlich in die kleindeutsche Nationalstaatsgründung und nahm nach dem österreichisch-preußischen Dauerkonflikt eine endgültige Trennung von Österreich in Kauf (, die dann 1938 mit der „Heimholung“ Österreichs ins Reich [Himmler] eine kurzfristige großdeutsche Lösung fand).
Der Streit hatte richtunggebende Folgen für die osteuropäische
Diskussion bei Tschechen, Polen und Russen bis in die Gegenwart, weil in seinem
Verlauf das Schlagwort vom angeblich naturgegebenen „deutschen Drang nach
Osten“ geprägt wurde. Während die Deutschen aus den Kleinstaaten unaufhörlich
gen Westen strebten und ihrem Vaterland den Rücken kehrten, hatte die
Diskussion vor allem in Gestalt der „Alldeutschen“ das Schlagwort
programmatisch bei der Verbandsgründung 1891 übernommen: „Der alte Drang
nach dem Osten soll wiederbelebt werden.“ Und 1902 ließ ein politisch
tätiger Publizist und Gelehrter – Ottomar
Schuchardt – verlautbaren, dass „Deutschlands Entwicklungsgang zum
guten Teile vorgezeichnet worden ist durch den Drang nach Osten, – wie die
ganze deutsche Geschichte soweit sie ein Wachsen und Vorwärtskommen bedeutet,
im Wesentlichen eine Schilderung ist der Verflechtungen Deutschlands mit seinen
östlichen Marken“.
Mit dem Ersten Weltkrieg vergegenständlichte sich die Diskussion zum ersten Mal in militärischen Taten: Zwischen 1915 und 1918 brachten deutsche Truppen riesige Gebiete Russlands in ihre Gewalt, von Narva im Norden über den Djnepr bis Rostow am Don. Ein General aus der Adelsfamilie der von der Goltz, Graf Rüdiger, war fasziniert vom Osten. Im „Neuen Brockhaus“ von 1937 heißt es über ihn: „Er befreite im Weltkrieg als Führer der ‚Ostseedivision‘ zusammen mit dem finnischen General Mannerheim Anfang 1918 Finnland und 1919 als Oberbefehlshaber im Baltikum Kurland von den Bolschewisten. Auf Drängen der Entente berief ihn die deutsche Regierung im Herbst 1919 ab und erzwang die Rückkehr seiner Truppen durch Sperrung des Nachschubs. Später war G. Führer der ‚Vereinigten Vaterländischen Verbände‘. Seit 1934 ist er Führer des ‚Reichsverbandes deutscher Offiziere‘.“
Nach seinem Einsatz war von der Goltz Vorträge haltend durch die Republik gezogen und hatte über „Finnland, Baltikumfeldzug und Ostfragen“ gesprochen. Der junge Himmler saß im Münchener Publikum und notierte in sein Tagebuch am 21.11.1921: „Das weiß ich bestimmter jetzt als je, wenn im Osten wieder ein Feldzug ist, so gehe ich mit. Der Osten ist das Wichtigste für uns. Der Westen stirbt leicht. Im Osten müssen wir kämpfen und siedeln.“ Auch für den ehemaligen Generalstabschef Hans von Seeckt stand als weiterwirkender Militärschriftsteller 1927 fest, dass im Osten kolonisiert werden müsse, um „dem Bevölkerungsüberschuss Besitz und Arbeit zu verschaffen“. So stand in der Wehrmacht lange, bevor Hitler ans „Unternehmen Barbarossa“ dachte, ein erhebliches Potential zur Verfügung, mit dem auf eine kriegerische Ausdehnung in den Osten gezählt werden konnte. Dabei hatte der Begriff „Volk ohne Raum“ (Hans Grimm) den vom „deutschen Drang nach Osten“ schnell verdrängt. Er spiegelte, was sich um die Jahrhundertwende abgespielt hatte, dass sich nämlich die Bevölkerung in den beiden letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wegen des Rückgangs der Kindersterblichkeit und der längeren Lebenserwartung um fast 25% erhöhte und anstatt 45 Millionen rund 56 Millionen die Reichsbevölkerung ausmachten.
Für Himmler gibt es dazu keine Alternative mehr. Aus dem Propagandaschlagwort vom „deutschen Drang nach Osten“, das Jahrzehnte lang an den Interessen siedlungswilliger Menschen vorbeigegangen war, ist seit 1939 Politik geworden. Aber aus einer Wahrnehmung heraus, die diesen „Drang“ wie eine Verteidigung aussehen lässt, so dass der „Drang“ nur mehr als Reaktionsbildung erscheint. Denn eigentlich haben Germanen schon einmal weit im Osten gelebt, wie Himmler etymologisch aus Namen wie Nowgorod oder Kiew glaubt ableiten zu können oder wie er es mit dem rechtfertigenden Hinweis auf die Goten macht, die vor der Völkerwanderung auf der Krim lebten. Wenn es also 1942 für die Junker gen Osten zum Einsatz geht, dann liegt das vor allem daran, dass es aus dem „asiatischen Raum“ immer wieder Einbrüche nach Europa gegeben hatte und nicht nur nach nationalsozialistischer Einschätzung offenbar weiter geben würde. Denen ist nach Himmlers Einschätzung zuvorzukommen.
Himmler führt einen aus heutiger Sicht kaum nachvollziehbaren Grund dafür an, warum er die Junker bei ihrem Gang nach Osten so nachdrücklich vor „artfremdem Blut“ warnt: Die seit der Völkerwanderung in Abständen immer wieder aus dem „asiatischen Raum“ in Europa einbrechenden „unerschöpflichen Menschenmassen“ oder „unübersehbaren Völkermassen“ hätten das z. B. nur unter der Führung Dschingis-Khans machen können, weil der ein „indogermanisch-mongolischer Mischling“ war, also Träger „artverwandten“ Blutes. Im Banne seiner Vorstellung von der „nordischen Rasse“, die beim englischen Imperialisten Cecil Rhodes zur „nordischen Herrschaft über die gesamte Erde“ berufen war und damit gleichzeitig zu des Literaturnobelpreisträgers von 1907 Rudyard Kipling The White Man's burden (1899) stilisiert werden konnte, sieht er eine erstrangige Gefährdung darin, dass ein Junker „irgendwo im fernen Russland mit einem asiatischen Weib eine Nacht verbringt und ein Kind zeugt“, von dessen Nachkommen einer wie ein zweiter Dschingis-Khan „dann später einmal gegen Europa zu Felde ziehen“ könnte. Das wäre deshalb ein „Trauerspiel“, weil dann „Germanen gegen Germanen kämpfen oder [...] ein Germane im Dienste einer fremden Macht zum Vernichter des eigenen Blutes wird“. Denn ob bei einem solchen Sturm jedes Mal Führer wie Heinrich I., Otto I. oder Adolf Hitler bereit stehen, um ihn abzuwehren, ist unwahrscheinlich, weshalb die Vorsorge besonders weitsichtig zu erfolgen habe.
Was immer Wahnhaftes dieses weitverbreitete Welterklärungsmodell hat, so hat es Kipling zu einer Erzählung mit positiver Perspektive motiviert: The Man who Wanted to be King. Der Held der Erzählung findet in einem Himalayatal Buddhas mit klassisch-griechischem Profil und wird vom Volk als der wiederauferstandene Alexander begrüßt. Negativ codiert war es jedoch in Deutschland vor allem gegenüber Afrika, und zwar im ab 1920 erscheinenden dreibändigen „Deutschen Koloniallexikon“, herausgegeben vom letzten deutschen Gouverneur in Afrika, Heinrich Schnee. Er riet von jeder sexuellen Beziehung mit den Eingeborenen ab. Sie führe nur zu einem Verlust an Intelligenz und einem Rückgang der Produktivität. Deshalb sei in Afrika ein Regime der Rassentrennung einzuführen.[152] Für Himmler, der solche Erwägungen offenbar kannte – „Zu Hause sind wir nur in unserem Reich und niemals in einer afrikanischen Kolonie; das würde unsere Art verderben und 200 Jahre später würde aus dem germanischen Herrn ein Afrikaner werden“ –, ist diese Gefahr auch in Osteuropa nicht ganz gebannt, wenngleich die Deutschen dort nicht zu „Afrikanern“ werden können.
Dieses Mal haben es die Junker in Osteuropa „Asien“ gegenüber, so Himmler beruhigend, freilich nur mit Stalin zu tun, weil „dieser Stalin in Russland und nicht in Innerasien geboren wurde“, von wo aus er nur eine kleinere „Welle Asiens“ erfolglos gegen „ein Genie wie Adolf Hitler“ in Bewegung gesetzt habe. Denn, so Himmler, „im nächsten oder übernächsten Jahr“ werde Russland „in einem zähen Kampf “ – kleine Einschränkung: – „vielleicht niedergerungen“ sein.
Nach diesem „größten Sieg“ fange aber „die arbeitsreichste Zeit unseres Lebens“ erst an, und zwar mediävalistisch-symbolisch aufgezäumt für die Siedler als „Belehnte“ oder „Lehensnehmer“ auf ihren „Lehenshöfen und-stellen“ in den „Siedlungsmarken“ „an der vordersten Front des deutschen Volkstums gegenüber dem Russen- und Asiatentum“ („Generalplan Ost“ vom 28.5.1942). Himmler als „Reichskommissar zur Festigung deutschen Volkstums“ wäre in der Hierarchie so die – unausgesprochen gebliebene – Rolle des „Lehensherrn“ vorbehalten gewesen. Für die Entwicklung von der Kolonie übers Siedlungsgebiet bis zur Einordnung ins „heilige germanische Reich deutscher Nation“ setzte Himmler einen Zeitraum von 20 Jahren an. Das war eine Zahl, die er mit den Ausarbeitern des „Generalplans Ost“ aushandelte, die für diesen Prozess 30 Jahre angesetzt hatten. Seine Ziele sollten ab 1942 verwirklicht werden. Himmler erschien dieser Zeitraum als zu lang, und er verkürzte die geplante „Eindeutschung“ erst auf 25 und dann auf 20 Jahre. Himmler nennt das Vorhaben vor den Junkern „die Gewinnung des Friedens“.
In diesem Zusammenhang verwendet Himmler zum ersten Mal im Redeverlauf das Pronomen „ich“, und er spricht bis zum Ende im Wechsel mit dem Pronomen „wir“ immer wieder von sich in der ersten Person: „Innerhalb der nächsten zwanzig Jahre – von der Beendigung des Krieges an gerechnet – habe ich mir die Aufgabe gestellt und hoffe, dass ich diese mit euch lösen kann, die germanische Grenze um rund 500 km weiter nach Osten zu schieben.“
Als Himmler nämlich seine Rede hält, ist er 42 Jahre alt. Die Fixierung auf die nächsten 20 Jahre nach dem auf bald angesetzten Sieg erklärt sich aus einer einfachen Kalkulation mit der eigenen Lebenszeit, wie das Hitler immer wieder vorgemacht hat, wenn er angesichts der ihm noch verbleibenden Lebensjahre und seiner Einmaligkeit als Führer auf die Dringlichkeit schnellen kriegerischen Handelns pochte. Für Himmler hätte ein Gelingen des Projekts unter seiner im „Generalplan Ost“ festgeschriebenen Hoheitsgewalt in den östlichen „Siedlungsmarken“ bedeutet, dass er mit Eintritt ins Rentenalter seine Lebensaufgabe als abgeschlossen ansehen konnte. Die ihm dann noch verbleibende Zeit hätte er als „Reichsverweser“ für einen künftigen „Großgermanischen Wahlkönig und Weltherrscher“ auf der Wewelsburg verbringen wollen, für die die Ausbaupläne bis in die 1960er Jahre reichten.
Das Persönlichwerden erklärt sich also vor diesem biografischen Hintergrund und soll darüber hinaus seinen Ausführungen eine größere Verbindlichkeit verleihen, wenn er die SS-Junker „als treue Diener von Wehr und Blut wahrhafte Bauern und treueste Gefolgsmänner unseres Reiches“ apostrophiert und zu Führern der neuen „Völkerwanderung besten germanischen Blutes“ in den Osten ernennt, begleitet von Männern aus Dänemark, Schweden und Holland, wie es Hitler im September 1941 in seinen Tischgesprächen ähnlich skizziert hatte, wenn ihm vorschwebte, dass das, „was für England Indien war, [...] für uns der Ostraum sein“ wird und „wir [...] von Europa keinen Germanen mehr nach Amerika gehen lassen“. [153] Himmlers SS-Männer haben vorbildlich zu sein, wie Johann Sebastian Bachs Eltern vorbildlich waren, als Mutter Bach 13 Kinder in die Welt setzte oder Richard Wagners Mutter deren sechs. Denn für die anvisierte „Völkerwanderung“ und Besiedlung des Raums bis zum Ural braucht es Menschen. Da die eingeforderte Zeugungsfreudigkeit der SS-Junker nicht ausreichen würde – zumal sie ja „asiatische Weiber“ zu meiden hatten – und von 5 Millionen Deutschen zur „Germanisierung“ ausgegangen wurde, sollten zusätzlich zu den Siedlern aus dem Altreich Umsiedler aus Übersee, „germanische“ Siedler aus Europa und „Eindeutschungsfähige“ aus den besetzten Ostgebieten selbst angeworben werden.[154] Um für sie Platz zu schaffen, sollte der „Kampf um die Gewinnung des Friedens“ so aussehen: Innerhalb der ersten zehn Jahre sollte die „rassisch unerwünschte“ Bevölkerung getötet werden, in den folgenden zehn Jahren vermutlich die „politisch Unerwünschten“. Bis zu 20 Millionen Menschen wurden dabei als „überflüssig“, d.h. als zur Ermordung bestimmt angesehen. Das war den Junkern in dieser Form natürlich nicht zu vermitteln. Aber die Redeweise Himmlers um die „Lösung der Judenfrage“ war deutlich genug, so dass die jungen Männer, wenn sie denn darüber hätten nachdenken wollen, was „Kampf um die Gewinnung des Friedens“ bedeutet, nicht weit zurückzudenken gehabt hätten.
Es ist ja auch bemerkenswert, dass Himmler seinen wichtigsten Vertreter im Osten, Odilo Globocnik, 1943 einen nennt, der „wie kein Zweiter für die Kolonisation im Osten geschaffen“ sei, während er 1942 gerade die auf Hochtouren laufende „Aktion Reinhardt“ als den massivsten Teil des Völkermords vor allem an den osteuropäischen Juden mit seiner „ungeheuren Arbeitskraft und Dynamik“ (Himmler über Globocnik) vorantreibt. Da zeigt sich, dass für die nationalsozialistischen Expansionspläne Kolonisation wie selbstverständlich an vorausgehenden und begleitenden Völkermord gebunden war. Denn unabhängig davon, in welchem Fremdgebiet Kolonisation von einer erobernden Macht vollzogen wurde/wird, war und ist das in der Regel eine nicht nur potentielle Erscheinungsweise dieser Maßnahme.
Wenn dann die angestrebte Kolonisation auch noch Grenzkolonisation sein soll, wie sie seit dem 19. Jahrhundert für Deutschland als empfehlenswerteste im imperialistischen Konzert angesehen wird, muss auf die ihr im Wege stehenden Nachbarn ein entsprechendes „Untermenschen“-Bild[155] projiziert werden, wie das mit den Slawen seit dem Mittelalter geschehen war und wie das den europäischen Juden widerfuhr, die seit dem 19. Jahrhundert in „asiatische Orientalen“ verwandelt wurden. So notierte Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865): „Man muss diese Rasse nach Asien zurückjagen oder sie vernichten.“[156] 1881 stellt Paul de Lagarde fest, dass Juden ihre Synagogen „in maurischem Stil [...] bauen, um nur ja nicht vergessen zu lassen, dass man Semit, Asiat, Fremdling ist“, und sähe sie am liebsten nach Palästina umgesiedelt.[157] Und Walther Rathenau sprach zum Beispiel von Ostjuden als „asiatischer Horde auf märkischem Sand“ (1897). Was Wunder, wenn Albert Einstein am 1.4.1933 in der „Deutschen Tageszeitung“ als vor der Deutschen Gesandtschaft in Brüssel „herumlungernder Asiat“ karikiert wurde. Die eilfertige NS-Anthropologie stellte nach Beginn des Ostfeldzuges am Krakauer ‚Institut für Deutsche Ostarbeit‘ anhand „wertvollen Materials“ fest, „daß sich die Tarnówer Juden in das vorderasiatisch-orientalische Rassen- gemisch einordnen lassen (...).“[158] Auch für Helmut J. Graf von Moltke ist das Bild abrufbar, als er am 25.3.1943 schreibt, er glaube, „mindestens neun Zehntel der Bevölkerung weiß nicht, daß wir Hunderttausende von Juden umgebracht haben. Man glaubt weiterhin, sie seien lediglich abgesondert worden und führten etwa dasselbe Leben wie zuvor, nur weiter im Osten, woher sie stammten“.[159] Himmler erklärte dann 1944 vor Generälen in Sonthofen:
„Die Judenfrage ist in Deutschland und im allgemeinen in den von Deutschland besetzten Ländern gelöst. (...) In dieser Auseinandersetzung mit Asien müssen wir uns daran gewöhnen, die Spielregeln, die uns lieb geworden und uns viel näher liegenden Sitten vergangener europäischer Kriege zur Vergessenheit zu verdammen. Wir sind m. E. auch als Deutsche bei allen so tief aus unserer aller Herzen kommenden Gemütsregungen nicht berechtigt, die haßerfüllten Rächer groß werden zu lassen, damit dann unsere Kinder und Enkel sich mit denen auseinandersetzen müssen, weil wir, die Väter oder Großväter, zu schwach und zu feige waren und ihnen das überließen.“[160]
Das ändert nichts an der Tatsache, dass es die Europäer und besonders die Nationalsozialisten bis zum Ural immer mit Europäern zu tun hatten, die alle in der einen oder anderen Weise in den jüdisch-christlichen Kulturkreis integriert waren und in der einen oder anderen Form an ihm teilnahmen. Das macht den entscheidenden Unterschied zwischen Grenz- und Überseekolonisation aus. Denn die Überlebenden des im Namen von „Großdeutschland“ verübten Völkermords konnten dann in anderer Weise die ihnen gegenüber von ihresgleichen mitten in Europa angewandten „kolonialen“ Praktiken in europäischen Sprachen in der Regel bezeugen und dabei sogar ernst genommen werden. Mit der rasseimperialistischen Grenzkolonisation war der Kolonialismus auf einmal zu einem innereuropäischen Phänomen geworden und konnte sich nun im Spiegel selbst betrachten. Er war zu sich selbst heimgekehrt. So zeugt auch diese Analyse von der geschichtlich einmaligen Beschäftigung mit einem Phänomen, von dem erst eine heutige europäische Mehrheit überzeugt zu sein scheint, dass es nie hätte geschehen dürfen. Das hieß und heißt wiederum, dass die Reflexion für eine lange Zeit deutschland- und europazentriert erfolgte und die seither zerbrochenen überseeischen Kolonialreiche mit ihren Opferdiskursen gewissermaßen vor der europäischen Tür blieben. Denn Aimé Césaire sprach 1955 in seinem „Discours sur le colonialisme“ nur für ein kleines Publikum davon, dass der europäische Aufstand gegen Hitler zeigt, dass der Europäer die eigenen Kolonialpraktiken nicht auf sich selbst angewandt erleben wollte: „ ... dass im Grunde das, was er Hitler nicht verzeiht, nicht das Verbrechen an sich, das Verbrechen am Menschen, dass es nicht die Erniedrigung des Menschen an sich, sondern dass es das Verbrechen gegen den weißen Menschen ist, dass es die Demütigung des Weißen ist und die Anwendung kolonisatorischer Praktiken auf Europa, denen bisher nur die Araber Algeriens, die Kulis in Indien und die Neger Afrikas ausgesetzt waren.“[161]
Nur
um die schon im Kriegsverlauf bis 1945 umgekommenen 27 Millionen Sowjetbürger,
an die Peter Jahn am 14.6.2007 in
„Die Zeit“ erinnert, ist es merkwürdig still geblieben. Die englische
Historikerin Catherine Merridale
hat in „Iwans Krieg“ (2006) dargelegt, wie in der offiziellen
sowjetischen Geschichtsschreibung der Mythos vom „Großen vaterländischen Krieg“
keinen Platz für das ließ, was sich nach dem deutschen Überfall am 22. Juni
1941 tatsächlich in Russland sowohl in der Armee wie in der Zivilbevölkerung
abspielte. So konnten die endlosen Leiden weder im nationalen russischen
Gedächtnis zu ihrem Recht kommen, indem der 1945 errungene Sieg alles zuvor
erfahrene Unglück propagandistisch zu überstrahlen hatte, noch konnte die
russische Erfahrung mit dem von deutscher Seite seit dem 19. Jahrhundert
imperialistisch aufgeputschten „Deutschen Drang nach Osten“ wesentlicher Teil
des westeuropäischen und besonders des deutschen Gedächtnisses werden, indem
mit immer wieder neu ins Spiel gebrachten mythischen und theologisch
aufgeladenen Begriffen das völkermörderische Geschehen der europäischen
jüdischen Bevölkerung gegenüber in den Konzentrations- und Vernichtungslagern
zu fassen versucht wurde. Diese Lager bieten allein durch ihre Existenz,
gebunden an einen genau lokalisierbaren geographischen Ort und die mit ihm
verbundenen Lebens- und Todesdaten der in ihnen Eingeschlossenen für das
Gedächtnis reichlich Stoff. So vollzieht sich unter dem Titel der über die ab
Januar 1979 in den Dritten Programmen der ARD ausgestrahlten Hollywood-Serie
„Holocaust“ gegenwärtige westeuropäische und amerikanische Wahrnehmung
deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert, notfalls strafrechtlich flankiert. Das
englisch und zunächst entsprechend ehrfürchtig auszusprechende Mythenwort ist
inzwischen ein Allerweltswort. Durch seinen Gebrauch zur Kennzeichnung jüngerer
deutscher Geschichte konnten die von Hitler bis zum Ende festgehaltenen
Vorstellungen vom „für die
Zukunft unseres Volkes unentbehrlichen Lebensraum im Osten“ als „Deutschindien“
(Hitler) zu einer vernachlässigenswerten Größe werden, zumal sie zuvor bereits
im „Kalten Krieg“ keinen besonderen Anlass für Nachdenklichkeit boten. Diese
Vorstellungen konnte Hitler aber nur deshalb so lange beschwören, weil sie in
der deutschen Nationalgeschichtsschreibung und den deutschen Führungsschichten,
zumal denen der Wehrmacht, lange genug vorbereitet und gepflegt und deshalb
mitverantwortlich und über die ersten Kriegsjahre hin bereitwillig mitgetragen
wurden. Es ist aber im Unterschied zu den überwältigenden Daten aus den Lagern
von diesen Vorstellungen nichts Konkretes geblieben. So hat es z. B. ein
„Himmlerstadt“, wie Zamosc im „Generalgouvernement“
einmal heißen sollte, nie gegeben. Es blieb vom geplanten „Lebensraum im Osten“
nur eine ungeheuerliche, aber nur mühselig zu verfolgende Spur der Vernichtung,
wobei aus Stalingrad der legendärste Ort wurde. Aber von „Stalingrad“ führt für
das Gedächtnis keine Spur zu „Lebensraum im Osten“. Dieser Lebensraum,
nichtsdestoweniger Anlass für den Überfall auf Russland, ist ort- und namenlos
geblieben und entbehrt damit stützender Anhaltspunkte für Erinnerung, obwohl
der Krieg, wie aus Himmlers Rede deutlich wie sonst nirgends hervorgeht, eben
nicht vor allem Völkermord zum Ziel hatte.[162]
Der blieb dann allerdings das nachweisbarste Verbrechen gegenüber dem noch
größeren, auf das der von Himmler auf 20 Jahre angesetzte „Kampf um
die Gewinnung des Friedens“ hinausgelaufen wäre. Mit ihm wäre nur ein weiterer Beleg für das erbracht gewesen, was
Hannah Arendt als das nihilistische
Prinzip „alles ist erlaubt“ in den
totalen Herrschaftsmethoden benennt. „Wo immer aber diese neuen Herrschaftsmethoden ihre wirklich totale
Struktur erhalten, gehen sie über dieses an den Nutzen und das Interesse der
Machthaber gebundene Prinzip hinaus und versuchen sich in dem uns bisher
gänzlich unbekannten Spielraum des ‚alles ist möglich‘.“
In diesen „Spielraum“ totalitärer
Erfassung waren nämlich in der letzten Fassung des „Generalplans Ost“ vom
Dezember 1942 auf Verlangen Himmlers auch Böhmen und Mähren, südöstliche
Gebiete in Österreich (Untersteiermark, Oberkrain) und Elsass und Lothringen
einbezogen worden. Offensichtlich ist, dass das „Menschenmaterial“ ein
wichtiges Element im „Spielraum“ von „Krisis und Aufbau“ (Albert
Brackmann) oder Destruktion und Konstruktion bildete. Polen, Russen und
Ukrainer, deren „Ausmerzung [...]
in absehbarer Zukunft zu erwarten stand“ (Hannah Arendt, wie
Anm. 78, S. 911 f., 915), wären – wie sehr sie sowieso schon zu leiden hatten –
ausdrücklicher seine nächsten Opfer in der „Generalplanung“ gewesen. Aber auch
der „arische Volkskörper“ wäre nach den Vorstellungen nationalsozialistischer Bevölkerungshygiene
gesamteuropäisch von allen „asozialen
und gemeinschaftsschädlichen Elementen“ zu reinigen und totalitär zuzurichten gewesen.[163]
So weit ist es nicht gekommen. Mit
jahrelangem Bombenkrieg gegen die deutschen Städte, der Flucht und Vertreibung
der Deutschen aus den Ostgebieten und der totalen Niederlage war nach der ab
1941 ins Kriegsgeschehen eingebetteten „Endlösung der Judenfrage“ ein bis heute
ausreichendes Maß für die Beschäftigung deutschen Gedächtnisses bereit
gestellt.
Dass dann die Grenze zwischen den alliierten Besatzungszonen und der sowjetischen gemäß dem Londoner Protokoll vom 12.9.1944 („European Advisory Commission“) keinen „germanischen Staat deutscher Nation“ (Hitler in „Mein Kampf“, S. 362) oder ein von mittelalterlicher Aura umgebenes „Heiliges germanisches Reich deutscher Nation“ (Himmler 1942, vgl. Tölzer Rede) umschloss, sondern bemerkenswerterweise ungefähr der Ostgrenze des von Heinrich I. angeführten ostfränkischen Reichs von 919 entsprach, ist nur in der unmittelbaren Nachkriegsgeschichtsschreibung zur Kenntnis genommen worden, und zwar von dem aus amerikanischer Emigration zurückgekehrten Hubertus Prinz zu Löwenstein (vgl. Kap. 5). Obwohl die Alliierten bis 1945 weit an die mittlere Elbe und nach Sachsen vorgestoßen waren, zogen sie sich im Juli 1945 auf die im Londoner Protokoll vereinbarte Grenze wieder zurück. Sie folgte nämlich von Norden nach Süden einer Elbe-Saale-Linie, die dann südlich von Lenzen – 929 Niedermetzelungsort von 200 000 Slawen; vgl. Anm. 98 – „darüber hinaus“ nach Westen durch den Harz unter Einschluss von Magdeburg und Quedlinburg und bis zur Werra verschoben wurde, so dass die früheren Ottonengebiete gewissermaßen als Pfand sowjetischer Besatzung anheimfielen, und erst im fränkischen Quellgebiet die Saale erreichte. Von dieser Linie war schon in der Frankfurter Paulskirche 1848 beim ostpreußischen Abgeordneten Carl Friedrich Wilhelm Jordan die Rede. Jordan nach hätten die Deutschen sich bis zu dieser Linie und „darüber hinaus“ zurückzuziehen, wollten sie denn den Polen in ihrem Bedürfnis auf Wiederherstellung eines polnischen Staates, den sich die Preußen mit Österreich und Russland untereinander aufgeteilt hatten, Gerechtigkeit widerfahren lassen. Für Hans Rothfels war diese Passage bei Jordan so wichtig, dass er sie sowohl 1935 als auch in Neuauflage 1960 zitierte.[164]
Löwenstein rührte indessen unverdrossen die „Heinrichs“-Trommel in neuer Instrumentalisierung jetzt für die Kalten Krieger weiter. Er vermochte nicht wahrzunehmen, dass es genau der mit der Verherrlichung Heinrichs und seiner Ostpolitik um die Mitte des 19. Jahrhunderts laut einsetzende preußisch orientierte Nationaldiskurs war, für den 1945 von den Russen in Abstimmung mit den Alliierten den Deutschen Rechenschaft auferlegt und abverlangt wurde, für die freilich vor allem die Ostdeutschen geradezustehen hatten. Im Sinne des angeblich von Heinrich I. initiierten „Deutschen Dranges nach Osten“ hätte in panslawistischer Perspektive auch deren Vertreibung nach Westdeutschland in den Raumbereich des ostfränkischen Reichs unter Heinrich I. im Jahr 919 ein Racheziel gewesen sein können. Denn Franz Lüdtke (vgl. Anm. 100) hatte als einer der eifrigsten Vertreter „volksdeutscher“ Interessen in Osteuropa und Anhänger Heinrichs I. den Überfall auf Polen 1939 als „die Beendigung des 1000-jährigen Kampfes gegen Polen“ gedeutet. Zusammen mit den Alliierten zahlten die Russen stellvertretend für alle Slawen den Deutschen mit der Grenzziehung und der Teilung ihres Landes auf den Ostlinien des Ostfrankenreiches von 919 real- und symbolpolitisch sozusagen jetzt ihren Heinrich und Otto heim, wenn die Deutschen denn überhaupt ein Bewusstsein davon hatten. Denn ihre Historiker, die es ihnen hätten erklären können, schwiegen sich darüber jetzt aus, wie unter anderem an dem bis in die Gegenwart unaufgeschlüsselten „Unternehmen Otto“ zu erkennen ist.
Himmlers Anspruch, im Namen König Heinrichs I. – noch 1983 in der Tschechoslowakei als Initiator des „Deutschen Dranges nach Osten“ ausführlich erwähnt[165] – expansive Ostpolitik zu betreiben, war spätestens im September 1944 in London mit dieser geplanten Grenzziehung zwischen den Blöcken absolut auf null gebracht, während er selbst noch im August 1944 in Posen vor Gauleitern von „unseren politischen, wirtschaftlichen, menschlichen, militärischen Aufgaben in dem herrlichen Osten“ schwärmte.
Im November 1942 vor den SS-Junkern in Bad Tölz ist für Himmler das millionenfache Leid nur ein – wie in heutiger Sprache zu sagen wäre – „Kollateralschaden“ bei der Verfolgung der imperialistischen Ziele, die er in der Fortsetzung von Heinrichs Fußspuren im Ural zu verwirklichen zu müssen meint. In diesem Zusammenhang in der Ich-Form sprechend, fordert Himmler die SS-Junker zum Glauben auf, und zwar ans Schicksal, an Gott, die Natur, die Vorsehung oder am einfachsten ans Göttliche, wenn es nur nicht der von den „Pfaffen als größten Heuchlern aller Zeiten“ vertretene christliche Gott ist. Sicher ist indessen für Himmler, dass „etwas – mächtiger als alles – über uns ist“. Wie er verlangt, dass das Christentum verachtet werde, „ebenso erwarte ich, dass jeder SS-Mann daran glaubt [...].“ Gleichzeitig müssen sie den Gedanken der Ahnenverehrung unter sich heimisch werden lassen, damit sie sich selbst in eine in die Zukunft weisende Erbfolge eingebettet finden. Ein Volk, das seine Ahnen verehrt, ist nämlich nach Himmlers Überzeugung wie das vorbildliche Japan „schwer zu besiegen“. So werden aus den Europäern „400 bis 500 Millionen Germanen werden“, die „das Reich gegen die Asiaten“ erhalten sollen. Während sie selbst für ihre Männer als Truppenführer immer Vorbild sein sollen, so bietet Himmler den Junkern zum Schluss den Befehlshaber der „Totenkopf-Division“, den „alten Eicke“ als kampferprobtes, tapferes Vorbild an. „Ansporn und Vorbild“ sollen die jungen Männer in der Erfüllung des Versprochenen sein, wie sie auch anspornend und vorbildlich zu sterben anstatt anzugeben haben. So wie Himmler es von Eicke überliefert, als er am 4. Oktober 1943 zu Beginn seiner Posener Rede die Versammelten zu dessen inzwischen erfolgtem Tod eine Gedenkminute einlegen lässt.
Größtes
Vorbild aber ist der „einmalige große germanische Führer Adolf Hitler, der
„unverbrüchliche Treue“ verdiene.
Himmler war selbst darauf aus, sich als Vorbild für die SS darzustellen, und richtete seine Lebensführung ganz darauf ein. So ist es keine Übertreibung, wenn er vor den Junkern sagt, dass er sich nicht nur um die „Totenkopf-Division“, sondern „ich mich um alle Divisionen kümmere“. Er dürfte ein Arbeitspensum wie kein anderer Nationalsozialist bewältigt haben. Dabei musste er an all das glauben, was er den jungen Männern vortrug, denn verwirklichte es sich nicht so, wie er es entwarf, „dann wissen wir, dass unser ganzer heldenhafter Kampf vergeblich war“. Das endgültige Versagen träte ein, wenn „nicht genügend Kinder guten Blutes folgen würden“, denn dann blieben die zur „germanischen“ Besiedlung zu erschließenden Gebiete leer.
Wie berechtigt diese Befürchtungen waren, hätte sich aus demographischen Untersuchungen, die den für den „Generalplan Ost“ tätigen Experten nicht unbekannt gewesen sein dürften, längst ablesen lassen. So hatte der ungarische Wirtschaftswissenschaftler und Bevölkerungsexperte Imre Ferenczi 1930 für das dem Völkerbund zugeordnete Internationale Arbeitsamt in Genf nachgewiesen, dass das Deutsche Kaiserreich vor dem Ersten Weltkrieg nach den USA zum „zweitgrößten Arbeitseinfuhrland der Erde“ geworden und der Massenexodus nach Übersee bereits in den 1890er Jahren zum Stillstand gekommen war, weil die industriellen Arbeitsangebote in Deutschland inzwischen vielversprechender waren als Auswanderung. Vielmehr bedeutete die Binnenmigration aus der Landwirtschaft in die Industrie, dass in der Landwirtschaft ein erheblicher Arbeitskräftemangel herrschte, der nur durch nach Preußen zuwandernde Polen ausgeglichen werden konnte (vgl. Anm. 154). Für den Krieg bedeuteten dann neben den zur Arbeit eingesetzten Kriegsgefangenen diese vorwiegend polnischen Arbeitskräfte, die gleichzeitig von völkischen und „alldeutschen“ Kreisen, aber auch von Max Weber wegen einer von ihnen angeblich ausgehenden „Polonisierung“ der Deutschen vor allem im Osten gefürchtet wurden, dass die „Heimatfront“ ohne sie viel zeitiger zusammengebrochen wäre.[166] Himmler stabilisierte seinen Glauben an die Verwirklichung der Siedlungspläne angesichts der „unerschöpflichen Menschenmassen“ oder „unübersehbaren Völkermassen“ im „asiatischen Raum“ wie bereits der „alldeutsche“ Reichstagsabgeordnete Ernst Hasse 1895, der der „slawischen Gefahr“ und ihrem „Drang nach Westen“ (Andreas Hillgruber, 1988) seine Überzeugung von dem „Überschuss an Volkskraft“ der Deutschen entgegengesetzt hatte, ohne dass ihr eine demographische Basis entsprochen hätte. Dafür dachte er wie Himmler an die Rückkehr der „germanischen“ Auswanderer, die sich über ihre „Blutsbande“ an die alte Heimat gebunden fühlen würden und zu ihrer Größe, bereitwillig den „Blutsbanden“ folgend, beitragen würden. Glaube und Überzeugung sind es dann auch, die Himmler den SS-Junkern verordnen möchte, damit sie sich dem von ihm gegen allen Realitätssinn entworfenen Projekt der wiederaufgenommenen mittelalterlichen „Ostkolonisation“ verpflichtet fühlen.
Brackmanns Propagandaschrift vom Ende des Jahres 1939, die er „ein weltge-schichtliches Bild“ über „Krisis und Aufbau in Osteuropa“ nennt und von der die Wehrmacht 1940 zur Instruktion ihres Führungspersonals 7.000 Exemplare bestellte, zeigt auf den 61 Textseiten 34 Mal den Begriff „kolonisieren“ mit Abwandlungen wie „Kolonie“, „Kolonialgebiet“, „Kolonialland“, „Kolonisator“; nicht mitgezählt die Verwendung von „siedeln“ mit ähnlichen Abwandlungen. Sie vermittelte Himmler über die eigene Überzeugung, Heinrichs I. Werk fortzusetzen, den Eindruck, führend an einer „weltgeschichtlichen“ Aufgabe beteiligt zu sein, vom renommiertesten Historiker der Zunft bestätigt. Hanns Johst als repräsentativster SS-Barde und Himmlers Freund und Chronist hätte in seiner „Heinrich-Saga“ die Taten Himmlers als eines zweiten Heinrich für die Nachwelt festhalten sollen, weil sich Himmler in einer „weltgeschichtlichen“ Rolle sah, ja offenbar der eigenen Überzeugung halber so sehen musste. Er hätte gern noch Edwin Erich Dwinger, einen der damals erfolgreichsten historischen Romanciers, für die Darstellung seiner Taten verdingt, um als Vorbild im Gedächtnis der Nachwelt festgehalten zu werden.
Von den Junkern fordert und verlangt er ja bereits, dass sie ihm in seinem Glauben folgen, damit sie eine Überzeugung haben, und zwar die richtige. Sie selbst sollen dann „Vorbild“ sein, wie er es im letzten Teil seiner Rede viermal den jungen Leuten auferlegt, damit sie ihrer Führer-Rolle künftigen Untergebenen gegenüber gerecht werden können. Das ist ein übliches erzieherisches Verfahren Kindern und Jugendlichen gegenüber, entweder wenn sie ungehörig aus dem Ruder laufen oder wenn man sie motivieren und ihnen Mut zusprechen will.
Bleibt die Frage, ob es des ausdrücklichen Hinweises auf Vorbildliches überhaupt bedarf, wenn Tatsache ist, dass menschliches Verhalten von klein auf sich immer am anderen orientiert, um ihn, wenn man sich eingehender auf ihn einlässt, entweder zu akzeptieren, wie er auch von anderen akzeptiert wird, ihn möglicherweise seines Erfolges oder seiner Anerkennung wegen zu imitieren oder als verwerflich zu verurteilen, wie man andere als verwerflich zu verurteilen gelernt hat. Entscheidend bleibt das unhintergehbare soziale Umfeld, dessen kulturelle Kodierungen durch Erfahrung und Imitation immer in eigenes Verhalten umgeformt und integriert werden, ohne dass es ein Bewusstsein davon zu geben braucht. Denn eigenes Leben vollzieht sich unumgehbar in der Gesellschaft anderer. Die gleicherweise unumgehbaren Pronomina „ich“, „du“, „er“, „sie“, „es“, „wir“, „ihr“, „sie“ zeugen davon. Indessen unterscheidet sich mein einleitender „Wir“-Gebrauch – dass „wir alle, wenn wir nicht gerade schlafen, beständig in der Gesellschaft anderer naturwüchsiger Rollenträger anpassungsfähig eine oder mehrere Rollen spielen“ – von dem Himmlers. Himmler nämlich kennt das „Wir“ nur in Bezug auf „artverwandtes Blut“ und an „das nordische Blut“, „die nordische Kultur und den nordischen Geist“ gebundenes. Der Andersartige muss mit „Ausscheidung“ oder „Ausmerzung“ rechnen, wie es „über uns ein Gott“ verfügt, der „diese Riesenwelt im Gesetz der Auslese und des Kampfes geschaffen hat und der mit diesem Gesetz der Selbsterhaltung die ganze Natur in Bewegung setzt und hält“. Dieser Gott ist also eine mimetische Projektion der erbarmungslosen rassistischen Denkweise, die das darin eingebundene „Wir“ zu einem ebenso erbarmungslosen Exekutor des rassistisch und so auch juristisch, also rechtsstaatlich oder besser: unrechtsstaatlich abgesicherten und so kodierten und kodifizierten Kollektivs macht, das allgemeine Menschenrechte nicht anerkennt. (Hitler soll Juristen verachtet haben. Für das, was sie für ihn taten, haben sie jede Verachtung verdient. – Das gilt für alle Funktionseliten, z. B. auch für Ärzte, die Folterer beraten, indem sie die Befindlichkeit der Gefolterten beurteilen oder sogar selbst foltern usw.)
Wie schnell nicht nur Funktionseliten obsolet gewordene Kollektivzwänge abstreifen können, zeigen die Folgejahre nach der von der Sowjetarmee und den Alliierten herbeigeführten Befreiung von der Rassediktatur, wobei davon auszugehen ist, dass die in die Individuen eingelassenen Kodierungen noch lange fortdauerten, ohne dass sie sich mehr gesellschaftlich mehrheitsfähig artikulieren konnten.
Zum Abstreifen bereit wäre schließlich seit Kriegsbeginn jederzeit auch Himmler gewesen. Auch in Bad Tölz wird er vor den jungen Männern redend und sich aufspielend seine Zyankalikapsel dabeigehabt haben oder zumindest an ihre Verfügbarkeit erinnert worden sein, wenn er beim Sprechen oder Atemholen mit der Zunge die für ihre Unterbringung vorgesehene Zahnlücke berührte. Denn seine Frau, von der es im Nürnberger Prozess einzig überliefert wurde, wird es sich nicht aus den Fingern gesogen haben, wiewohl es von niemandem zu überprüfen ist, außer dass die Zyankalikapsel trotz intensiver Untersuchung bei seiner Gefangensetzung für ihn schließlich schnell verfügbar und zu zerbeißen war. Insofern waren seine Beschwörung von Vorbildern, sein Glaube und sein exklusives Rasse-„Wir“-Gehäuse, von dem gedeckt er manchmal „ich“ sagte, und seine Maskerade als angeblicher Feldgendarm Heinrich Hitzinger jeweilige Anpassungen eines ich-schwachen Menschen, der die Karrierejahre seines Erwachsenseins über ans Rasse-„Wir“ und historisch aufgewertete, als stark kodierte und ans Rasse-„Wir“ leicht anzuschließende Vorbilder gefesselt blieb. Diese Vorbilder, die aus der einstigen angeblichen „Weltgeltung“ des mittelalterlichen Reichs gesellschaftlich akzeptiertes Sein und Sinnerfüllung für eine als leer empfundene Gegenwart verheißen sollten, und die Anlehnung an einen charismatischen Führer vermittelten Himmler letztendlich nicht genügend Überzeugung, als dass er sich auf sie verlassen hätte. Es blieb ein nicht gesellschaftsfähiger Rest in ihm, der wohl nur schwer als sein Ich zu bezeichnen wäre. Denn dieser Rest blieb sprachlos, bis er sich als Biss auf die Zyankalikapsel äußerte und fürchterliche Ausrufe- oder Fragezeichen hinter die vom Heinrich-Himmler-Ich angerichteten, aber von ihm so wenig wie von anderen mehr zu verantwortenden, aber von vielen gedeckten und mit ausgeführten Verbrechen setzte. Das in seiner „Wir“-Einbettung auf einen Sieg angelegte Heinrich-Himmler-Ich verlor mit dem in alle Richtungen zerstiebenden und sich auflösenden nationalsozialistischen „Wir“ seinen Halt und taugte gerade noch für die letzte, kurze Flucht-Maskerade, aber nicht für eine unmöglich gewordene Verantwortung, so dass von dem „weltgeschichtlich“ angestrebten Sieg nur ein weltgeschichtliches Verbrechen blieb.
Gegenüber allem Gesellschaftlichen dürfte es in jedem Individuum einen nicht gesellschaftsfähigen Rest geben, denn ein Individuum ist nach der Wortbedeutung das nicht mehr teilbare, letztlich isolierte Einzelwesen. Dieser Rest liefert die Basisausrüstung für jedes Gewissen, für jeden Widerstandskämpfer, jeden Guerillero, jeden Attentäter, jeden Selbstmordattentäter, jeden Terroristen, der in seiner Umgebung gut getarnt, aber nur zum Schein mitschwimmt und gleichzeitig im Guten wie im Bösen ein Fragezeichen hinter die ihn verpflichtenden sozialen Zwänge setzt. Es gibt so viel Anlass zur Hoffnung wie zur Verzweiflung. Denn wer im Sozialen und seinen Rollen ohne Rest aufgeht, ist menschlich verloren, und niemand wird auf ihn zählen können, wenn er seine Hilfe gegen die ihn bedrängenden Vergesellschafteten brauchte, die seine Menschenrechte nicht achten. Was soll der so verlassene Einzelne dann tun?
Es sei zum Schluss an eine freundliche Version des außergesellschaftlichen Rests erinnert, einen anonymen Vers aus dem Mittelalter, in dem sich ein Ich-Bewusstsein ohne ausgesprochene „Wir“-Anbindung zeigt, das staunend ein Fragezeichen hinter sich selbst setzt:
Ich komm, weiß nit, woher.
Ich bin und weiß nit, wer.
Ich leb, weiß nit, wie
lang.
Ich sterb und weiß nit,
wann.
Ich fahr, weiß nit, wohin.
Mich wundert, dass ich
fröhlich bin.
„Die Entstehung neuen
Siedlungsraumes im Osten, der seiner Eigenart und Lage nach in erster Linie ein
Bauernland ist, gehört zu den wichtigsten Folgen unseres Schicksalskampfes
unseres Volkes. In neuen Dörfern und auf neuen Höfen wird ein Bauerntum
heranwachsen, das in seiner Geschlechterfolge ein nie versiegender Blutsquell
des deutschen Volkes und damit Erhalter des Reichs sein wird.
An der Verwirklichung dieser großen völkischen Aufgabe mitzuarbeiten gehört zu einer der schönsten Aufgaben, die der Reichsführer-SS vom Führer übertragen erhielt. Sie wird ihre Bindung an die Begriffe Blut und Boden gerade hier in der Schaffung