Frank
Helzel
Himmlers und Hitlers
Symbolpolitik mit mittelalterlichen Herrschern
König
Heinrich I. (919-936) und Kaiser Otto I. (936-973)
in ihren nationalgeschichtlichen Rollen
im
Schlussteil des Zweiten Dreißigjährigen Kriegs
1914-1945
„Die Tradition aller
toten Geschlechter lastet
wie ein Alp auf dem
Gehirne der Lebenden.
Und wenn sie eben
damit beschäftigt scheinen,
sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht
Dagewesenes zu
schaffen, gerade in solchen
Epochen revolutionärer Krise beschwören sie
ängstlich die
Geister der Vergangenheit zu
ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen,
Schlachtparole, Kostüm, um in dieser
altehrwürdigen
Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache
die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen.“
Karl Marx, 1852
Die
Kraft kommt von der Tigernase.
Janosch[1]
ihre größten Wirkungen
dort erzielt, wo es gar nicht
um die
Rekonstruktion der Vergangenheit geht?
Valentin Groebner
Bad Wildungen, November 2008
(Letzte Änderung Anm. 186 am 7.06.2011)
Hier können Sie eine PDF-Datei herunterladen: www.himmlers-heinrich.de/heinrich_I.pdf
Anschlussthemen:
* Über
die Slawenkriege seit Karl dem Großen in deutsch-nationalgeschichtlicher
Darstellung: www.himmlers-heinrich.de/slawenkriege.pdf
* Notizen zu Vorbildern und
Himmlers Ende: www.himmlers-heinrich.de/himmlers-ende.pdf
* Grenzkolonialismus und Propaganda: www.himmlers-heinrich.de/grenzkolonialismus-1939.pdf
* Eroberung und
Kulturzerstörung: www.himmlers-heinrich.de/eroberung.pdf
* Ottonische Eiertänze: www.himmlers-heinrich.de/eiertaenze.pdf
* De- und Rekolonisation: www.himmlers-heinrich.de/dekolonisation-und-grenzen.pdf
* Neu (ergänzt
Mai 2012:) Bevölkerungsfantasien und Lebensraumansprüche: www.himmlers-heinrich.de/bevoelkerungsfantasien-und-lebensraum.pdf
* Neu (April
2012:) Scheitern der
„Lebensraum“-Planungen: www.himmlers-heinrich.de/scheitern-der-lebensraumplanungen.pdf
* Schlussbetrachtung:
www.himmlers-heinrich.de/schluss.pdf
● Eine Erzählung
→ www.himmlers-heinrich.de/kellerwald-und-zauberberg.pdf
Kontakt: helzel@freecity.de
Inhalt
1...... Thesen zur Symbolpolitik Himmlers und Hitlers - Voraussetzungen und
Folgen (Einleitung)
2...... Heinrich I. und Otto I. in der national-preußischen Tradition..
2.1 Historisches
zu Heinrich I. und Otto I.
2.2 Die
national-preußische Rezeption Heinrichs I. seit dem ‚Turnvater‘ Friedrich
Ludwig Jahn (1810)
3...... Heinrich I. und Otto der Große im „Dritten Reich“.
3.1 „Rede
des Reichsführers-SS im Dom zu Quedlinburg. Am 2. Juli 1936“
3.2.1 Himmler entdeckt den „germanischen“ Ostpolitiker Heinrich I.
3.2.2 Die Wewelsburg als Ausgangspunkt völkischer Vernichtungspolitik
3.2.3 Die Bedeutung von Toten bei der Legitimation von Herrschaft
3.3 Heilige Lanze und Speer Wotans als Vorlagen
für den geplanten Wewelsburgausbau
(1941/1944)
3.4 Otto
I. (936-973) als nationalsozialistischer Patron
3.4.1 Die Einschätzung deutscher Geschichte aus österreichischer Sicht
3.4.2
Die Reichseinigungseuphorie ab Mitte der 1930er Jahre
4.3 Anstehende Probleme: Reichseinigung und
„Judenfrage“
4.3 Erfahrungen mit dem „asiatischen Raum“ und
Himmlers Auftrag an die SS-Junker
4.3.1 Der Streit um die expansive Ausrichtung deutscher Außenpolitik seit dem 19. Jahrhundert
4.4.2 Himmlers Ostvisionen - und ihr real- und symbolpolitisches Ende
4.5 Himmler und sein Glaube an Vorbilder
4.7.1 Der Osten muss aber nicht so aussehen!
4.7.2 Was aber muss im Osten geschehen?
4.7.3 Der große Plan des Reichsführers SS
4.7.4
Das heilige Recht auf Erde, die unser Blut getrunken...
5...... Fortsetzung: 1956 wird Heinrich I. Namenspatron eines nordhessischen Gymnasiums
6...... Versuch über den „Zweiten Dreißigjährigen Krieg 1914-1945“.
6.1 Umrisse der historischen Diskussion
6.2 „Das Land Ober Ost“ und die deutsche
Ostforschung seit dem Ersten Weltkrieg
6.3 Die SS-Sondereinheit Dirlewanger
6.5 Exkurs 1: Eine Studie zum „Zweiten
dreißigjährigen Krieg 1914-1945“ von 1947
6.6 Exkurs 2: Ergebnisse mediävistischer
Selbsterforschung nach 1945
6.7 Exkurs 3: Das Mittelalter – Epoche eines
ersten Kolonialismus?
6.7.1 Europäische Schwierigkeiten mit dem kolonialen Erbe
6.7.2 Eroberung und Kolonisierung im Mittelalter
6.7.3
Symbolpolitische Analogien im „Dritten Reich“
7 Zur Beschäftigung mit den Ottonen, Himmler und Hitler..
8 Heinrich I. in Peter Longerichs Himmler-Biographie..
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1. Politische Totenrituale zur Befestigung von Herrschaftsverhältnissen stellen eine Art Dauerbrenner in vielen Kulturen dar. Diese Rituale können zur Neuordnung von in Unordnung geratenen gesellschaftlichen Verhältnissen dienen und drängen sich wegen ihrer Effizienz geradezu auf (Vgl. Olaf B. Rader, Grab und Herrschaft. Politischer Totenkult von Alexander bis Lenin, München 2003, S. 10).
2.
„Alexander, der immer die Ilias als ein Lehrbuch
militärischen Könnens unter seinem Kopfkissen verwahrt haben soll, schien ein
Erinnerungsband zu seinem verehrten homerischen Helden und dessen Taten
knüpfen, sich in seine Nachfolge stellen zu wollen. So wie einst Achill und
seine Recken Troia schlugen, so wollte der neue Achill Asien fällen. Und die
Welt sollte es wissen. Deshalb brauchte Alexander vor allem auch Publizität für
seinen Erfolg, er bedurfte einer Öffentlichkeit“ (ebd., S. 11).
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3. Himmler und Hitler beriefen sich bei der Rechtfertigung ihrer imperialistisch-kolonialistischen Politik immer wieder auf Figuren, die in der nationalen Geschichtsschreibung als Vorbilder für die Gestaltung des angestrebten Nationalstaats galten. Während Himmler sich seit 1936 kontinuierlich auf Heinrich I. (919-936) stützte, gab es bei Hitler je nach ostpolitischem Anlass einen Wechsel von Otto I. (936-973) zu Friedrich Barbarossa und schließlich zu Karl dem Großen. (Zusätzlich spielte für beider völkermörderische Vorhaben das literarisch vermittelte Bild von Dschingis Chan eine wichtige Rolle.)
Himmler:
4. Himmler suchte seit 1933 nach einer Verankerung der SS in historischen Figurationen. Dazu gehörten auch Baulichkeiten. So die Wewelsburg bei Paderborn im „Lande Widukinds und Hermanns“, die 1934 in die Hände der SS überging. Von den über die „Niedersachsenideologie“ völkisch aufbereiteten Figuren interessierte ihn zunächst Heinrich der Löwe. Aber nach den enttäuschenden Braunschweiger Ausgrabungen von 1935 löste er sich von Heinrich dem Löwen: Heinrich I. trat in sein Blickfeld, der in der preußisch-nationalen Tradition im großen Historikerstreit des 19. Jahrhunderts von H. v. Sybel 1859 zum „Gründer des deutschen Reiches“ und nationalen Ostkolonisator erklärt worden war.
5. 1935 suchten nämlich die Quedlinburger bei höchsten Reichsstellen um Unterstützung für die Ausrichtung der Feierlichkeiten zum 1000. Todestag Heinrichs I. am 2. 7. 1936 nach. SS-Brigadeführer Dr. Hermann Reischle, Chef des Rasseamtes unter Darré, nannte diese Feier „propagandistisch [...] geradezu ein Geschenk des Himmels“ und berichtete am 24. 10. 1935 an Himmler: „Durch ihre zweckmäßige Gestaltung können wir mit einem großen Schlag das erreichen, was sonst auf propagandistischem Weg nur mühsam in Jahren durchgekämpft werden könnte. Schon aus diesem Grund muß die entscheidende Beteiligung der SS und damit unsere Einflußnahme auf die Vorbereitung und Gestaltung der Feier dringend befürwortet werden.“ Das wirkte sich sofort auf die Einschätzung der Wewelsburg aus: Der anfängliche Plan, die Burg zu einer Reichsführer-SS-Schule auszubauen, wurde fallen gelassen. Himmler übernahm die Burg mit Befehl vom 6. November 1935 in seinen Persönlichen Stab und verhängte ein 1939 erneuertes Verbot jeglicher Berichterstattung über die dortigen Vorgänge. Noch im Dezember 1935 legte er fest, „dass die SS mit der Stadt Quedlinburg alleinige Trägerin der Feiern am 2. Juli 1936 sein sollte“. Mit der 1935 erfolgenden Gründung der „Ahnenerbe“-Stiftung wollte Himmler alles in Erfahrung bringen, was sich über die quellenarme Zeit Heinrichs herausfinden und noch dokumentieren ließ. Nach Karl Hüser (1982/1987, S. 8) bestand für die SS-Ideologen nun „kein Zweifel, sie [d.i. die Entstehungszeit der Burg] in die Zeit der Abwehrkämpfe König Heinrichs I. gegen die Ungarn oder ‚Hunnen‘ zu legen“.
6. Himmler verlieh nach seiner deutschlandweit im Radio übertragenen Gedenkrede zu Heinrichs Todestag am 2. 7. 1936 dem Todesgedenken Heinrichs I. in Quedlinburg Ritualcharakter, erklärte 1937 ausgegrabene Knochen bei der Wiederbeisetzung zu den Gebeinen Heinrichs I., gründete eine „König-Heinrich-I.-Gedächtnis-Stiftung“ und rief 1938 eine Reihe von Städten zu „König-Heinrich-Städten“ aus (Braunschweig, Enger, Fritzlar, Wetzlar, Gandersheim, Erfurt, Goslar, Meißen, Nordhausen, Schleswig, Wallhausen und Quedlinburg), während über die Vorhaben auf der Wewelsburg ein Berichtsverbot verhängt wurde. Am 2.7.1939 überreichte ihm der Oberbürgermeister von Quedlinburg den eigens für ihn komponierten „König-Heinrichs-Marsch“. – In seinem engeren Umfeld konnte Himmler nach Auskunft seines Leibarztes durchaus respektvoll „König Heinrich“ genannt werden.
7. Die Duisburger machten am 1. 8. 1936, also kurz nach der Himmler-Rede vom 2. 7. 1936, ihren zentralen Stadtplatz zum „König-Heinrich-Platz“, wie er heute noch heißt. Er liegt am westlichen Ausgangspunkt des Hellweges – heute Bundesstraße 1 –, der in West-Ostrichtung auch an der Wewelsburg vorbeiführt. (Die Bad Soden-Salmünsteraner im hessischen Spessart benannten eine 1928 gebohrte und bis heute die ertragreichste Quelle „am 25. 8. 1936 anläßlich des 1000jährigen Todestages des großen Volkskönigs Heinrich I. der Vogler (919 - 936) in König-Heinrich-Sprudel“ um.)
8. Alles,
was Himmler mit Kriegsbeginn unternahm, stellte er unter die Patronage von
Heinrich I.: Fahrten ab 3. 9. 1939 in den Osten im Sonderzug „Heinrich“
(allein im Dienstkalender Himmlers von 1941/42 23-malige Erwähnung); seine in
der Nähe des östlichen Führerhauptquartiers aufgeschlagene „Feldkdo.-Stelle“
nannte er „Heinrich“; die Einrichtung der „SS-Sondereinheit
Dirlewanger“ folgte dem Vorbild, wie es Heinrichs Chronist Widukind
von Corvey in der „Merseburger Schar“ schildert. Sie kam im Raum Lublin
ab 1940 zum Einsatz. Dort sollte vor allem mit Hilfe von Odilo Globocnik,
„Himmlers Vorposten im Osten“ (Peter
Black), das „Programm Heinrich“ über Siedlungserschließung
einschließlich Völkermord in den Vernichtungslagern verwirklicht werden – mit
Grenzen am Ural. Himmlers Freund und Chronist Hanns Johst, Präsident der
Reichsschrifttumskammer, hätte beim Sieg die „Heinrich-Saga“ zu dichten
gehabt. (Odilo Globocnik war bereits verantwortlich für den „Anschluss Österreichs“,
indem er im März 1938 an der Auslösung des „Unternehmens/Falls Otto“
beteiligt war. Vgl. These 13
u. 15.)
9. Seit Kogons erster Untersuchung über den SS-Staat von 1945 gehört die Nennung Heinrichs I. zur Charakterisierung von Himmlers Persönlichkeit. In seiner Habilitationsschrift über ‚Geschichtsdenken und politisches Handeln im Dritten Reich‘ von 1998/21999 stellt dementsprechend Frank-Lothar Kroll fest, dass Heinrich I. die „überragende Symbolfigur“ für Himmlers ostpolitische Visionen war. Es ist, unabhängig von Hüsers Hinweis auf den Glauben der SS-Ideologen, in der Burg eine Heinrichsgründung zu sehen, das Naheliegendste, anzunehmen, dass die Wewelsburg nach der Zeugenaussage des SS-Obersturmbannführers Horst Klein deshalb Himmlers „Lieblings-Projekt“ wurde, weil er in ihr eine „Heinrichsburg“ sah. Willi Frischauer trägt in seinem unübersetzt gebliebenen Buch Himmler. The evil genius of the Third Reich, London 1953 viel über den Zusammenhang Himmlers mit Heinrich I. zusammen (vgl. S. 29, 68, 127) und überschreibt das ganze Kap. 7: „The other Heinrich“. Welch wichtige Rolle die Wewelsburg für Himmler spielte, hat er aus Gesprächen mit Richard Walther Darré, der von Anfang an auf der Wewelsburg dabei war, bis es später zur Entfremdung zwischen den beiden von Jugend auf Befreundeten kam. Darré nimmt nach Frischauer für sich in Anspruch, Himmler überhaupt erst auf den ersten Sachsenkönig aufmerksam gemacht zu haben. Das deckt sich damit, dass Heinrich I. mit seiner Frau Mathilde bereits in einer Veröffentlichung Darrés von 1930 eine Rolle spielt.
10. Nach dem „Anschluss Österreichs“ wurden noch 1938 die in Wien aufbewahrten Reichsinsignien nach Nürnberg gebracht. Zu ihnen gehört an hervorragender Stelle die von Heinrich I. erworbene Heilige Lanze. Die Geschichtswissenschaft im „Dritten Reich“ arbeitete in zahlreichen Publikationen ihren symbolpolitischen Wert heraus, und zwar gegenüber dem slawischen Osten, den sie vor allem seit Otto I. entfaltet habe. Die Bauplanungen auf der Wewelsburg wurden davon geprägt: 1941 zeigte der Ausbauplan noch deutliche Anlehnung an das bei den Reichsinsignien aufbewahrte Original der Heiligen Lanze. 1944 hatte sich die Speerspitzenform durchgesetzt, denn seit einem Vortrag des „Ahnenerbe“-Wissenschaftlers Otto Höfler auf dem Erfurter Historikertag von 1937 galt die Lanze als „heiliger Speer Wotans“. (Höfler war Professor an den Universitäten von Kiel, München und Wien [bis 1971]).
König Heinrich I.

„Er war der Erste unter Gleichen,
und es wurde ihm eine größere und wahre menschliche Ehrfurcht entgegengebracht,
als später Kaisern, Königen und Fürsten, die sie nach volksfremdem
byzantinischen Zeremoniell forderten, zuteil wurde. Er hieß Herzog und König
und war ein Führer vor tausend Jahren.“
Reichsführer
SS Heinrich Himmler
Holzschnitt von Ernst von Dombrowski aus dem Jahre 1938 (Schriftzüge verändert)
11. Himmlers Verehrung Heinrichs I. entspricht der symbolpolitischen Aufwertung des sächsischen Königshauses, in dem die preußischen Hohenzollern bereits ihre nationale Reichseinigungsaufgabe im 19. Jahrhundert vorgeprägt sahen. Als es nach der „Gleichschaltung“ der Länder am 5. 2. 1934 zum ersten Mal in der deutschen Geschichte eine einheitliche deutsche Staatsangehörigkeit gab – man war nicht mehr zuerst Bayer, Sachse, Badenser, Hesse oder Preuße, sondern von Anfang an Deutscher! –, wurde in Hitler der Einiger Deutschlands gesehen. Deshalb war ein Lieblingsthema nationalsozialistischer Aufsatzerziehung „Von Heinrich I. zu Adolf Hitler“.
12. Josef Otto Plassmann, Mitglied in Himmlers ‚Persönlichem Stab‘, dem alle Wewelsburgangelegenheiten unterstellt sind, verantwortlicher Redakteur der „Ahnenerbe“-Zeitschrift „Germanien“, Heinrichs-Fan und Verfasser einer Heinrichsmonographie (1928), habilitiert sich 1943 bei Hermann Schneider in Tübingen mit einer Arbeit über die Ottonen, die „das Geschichtsbild der Sachsenkaiser auf altgermanischer Grundlage aufbauen, dieses Geschichtsbild so der römischen Geschichtsklitterung endgültig entreißen und damit die Absichten des Reichsführers-SS in einer Weise und Stärke mit verwirklichen helfen [soll], wie sie eindrucksvoller nicht gedacht werden kann“.
Hitler:
13. Der Sohn Heinrichs I., Otto I., wurde öffentlich weniger auffällig, aber ganz ähnlich instrumentalisiert, und zwar 1938 von Hitler. Bereits in „Mein Kampf“ hatte er gleich zu Anfang von der Wiederherstellung „der alten Ostmark des Reiches“ geschrieben, die sich unter Otto I., Otto II. und Otto III. nach der Schlacht gegen die Ungarn 955 als Vorläuferin des späteren Österreichs herausgebildet hatte. Die erste Handlung Hitlers als neuer Oberbefehlshaber der Wehrmacht war dementsprechend „Die militärische Weisung für den Einmarsch in Österreich vom 11. März 1938“ mit dem Tarnnamen „Unternehmen Otto“, dem noch im Mai die von Hitler verfügte Umbenennung Österreichs in „Ostmark“ folgte.
14. Albert Brackmann (1871-1952), der damals „höchstrangige deutsche Historiker“ (W. J. Mommsen), die „graue Eminenz der Ostforschung“ (M. Beer) schrieb direkt nach dem Überfall auf Polen 1939 auf Bestellung der SS eine rechtfertigende Propagandaschrift für den angefangenen ostimperialistischen Eroberungsfeldzug: „Krisis und Aufbau in Osteuropa. Ein weltgeschichtliches Bild“ im Berliner „Ahnenerbe“-Verlag. Brackmann entfaltet einleitend ein Bild von Heinrich I. und Otto I. als ersten Vertretern einer deutschen Ostexpansion. Ottos Plan, dem Magdeburger Erzbistum „die ganze Slawenwelt zu unterstellen“, wird als „der umfassendste Plan, den je ein deutscher Staatsmann hinsichtlich des Ostens gefasst hat“, dargestellt.
15. Hitlers neuer Generalstabschef Franz Halder, unbeteiligt am „Unternehmen Otto“, arbeitete den Feldzug gegen Russland als „Plan Otto“ aus. Zur Vermeidung einer Doppelung wurde daraus das „Unternehmen Barbarossa“. „Unternehmen Barbarossa“ und „Programm Heinrich“ müssen parallel gesehen werden: Ersteres folgte den Planungen der Wehrmacht; das „Programm Heinrich“ war Himmlers Bezeichnung für alles, was unter SS-Regie in Osteuropa von der „germanischen“ Besiedlung bis zum Völkermord durchzusetzen war.
16. Seit 1940 trat mit dem erfolgreichen Feldzug gegen Frankreich und nach der bereits zuvor erfolgten Angliederung tschechischer und polnischer Gebiete Karl der Große in Hitlers Spektrum eines über „Großdeutschland“ hinausgehenden „Großgermanischen Reichs Deutscher Nation“. 1944 bekannte sich auch Himmler zu ihm als „Reichsgründer“, in dessen Nachfolge Hitler sich keine deutsche, sondern jetzt europäische oder abendländische Politik gegenüber „Asien“ machen sah (z. B. Gründung der Waffen-SS-Division „Charlemagne“ aus französischen Freiwilligen im Oktober 1944).
17. Die rasseimperialistische Ausrichtung in mittelalterlicher Einkleidung, in der nach Hitlers Vorstellungen von 1941 aus dem eroberten osteuropäischen Raum der „Far West“ oder „Deutschindien“ werden sollte – Hitler in seinen „Tischgesprächen“ im September 1941: „Was für England Indien war, wird für uns der Ostraum sein“ –, hatte zum Ziel „von Europa keinen Germanen mehr nach Amerika gehen“ zu lassen. „Die Norweger, Schweden, Dänen, Niederländer müssen wir alle in die Ostgebiete hereinleiten; das werden Glieder des Reichs.“ Der Verwirklichung sollte der „Generalplan Ost“ dienen, den Himmler als „Reichskommissar zur Festigung deutschen Volkstums“ von einem umfangreichen wissenschaftlichen Stab in etlichen Varianten bis 1942 ausarbeiten ließ. Nach dem Vorbild des Feudalismus sollten die anzuwerbenden „germanischen“ Siedler in den östlichen „Siedlungsmarken“ mit einem „Markhauptmann“ an der Spitze auf „Lehenshöfen“ „Lehens“-Träger von „Zeit- und Erblehen“ werden („Mark“ in etymologischer Berücksichtigung mittelalterlicher Sprache für „Grenze“ oder „Grenzgebiet“). Himmler hätte den „Lehensherrn“ abgegeben.
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18. Hitlers noch 1945 wiederholter Anspruch auf „für die Zukunft unseres Volkes unentbehrlichen Lebensraum im Osten“ und Himmlers Bestreben, im Namen König Heinrichs I. expansive Ostpolitik zu betreiben, waren spätestens für die Alliierten und die Sowjets am 12. September 1944 in London mit der im Londoner Protokoll der „European Advisory Commission“ verabredeten Grenzziehung zwischen den Blöcken absolut auf null gebracht. Während Himmler noch im August 1944 in Posen vor Gauleitern von „unseren politischen, wirtschaftlichen, menschlichen, militärischen Aufgaben in dem herrlichen Osten“ schwärmte, einigten sich die künftigen Besatzungsmächte einen Monat später auf eine Grenze, die unter Ausgrenzung des sachsen-anhaltinischen Gebietes mit den einstigen Zentren der Ottonen Magdeburg und Quedlinburg der Ostgrenze des ostfränkischen Reichs im Jahr 919 entsprach, bevor Heinrich I. slawische Stämme bekämpft, sich tributpflichtig gemacht hatte und bis in die Lausitz und nach Böhmen vorgedrungen war.
19. Die Politiker der auf nationale Unabhängigkeit bedachten osteuropäischen Völker hatten seit dem 19. Jahrhundert verfolgt, wie von deutscher Seite z. B. die „allmähliche Germanisierung Polens“ gefordert worden war, nämlich vom „deutschen Propheten“ Paul de Lagarde 1875, den Hitler mit Randnotizen studierte. Der von den „Alldeutschen“ 1891 in ihr Programm aufgenommene Begriff vom so genannten Deutschen Drang nach Osten, der unter Wiederaufnahme der mittelalterlichen Ostsiedlung wiederbelebt werden müsse, wurde vor allem von slawischer Seite verwendet und bedeutete für sie insofern Wirklichkeit, als sie sich bewusst wurden, dass der östliche Teil Deutschlands auf slawischem Gebiet entstanden war. Nachdem August Graf von Platen-Hallermünde die Behandlung der Polen mit erstmalig belegter Verwendung des Wortes einen „Völkermord“ genannt (1831/34) und westdeutsche Demokraten bereits beim „Hambacher Fest“ 1832 die Wiederherstellung des unter Preußen, Österreich und Russland aufgeteilten polnischen Staates gefordert hatten, hatte ihnen 1848 der ostpreußische Abgeordnete Wilhelm Jordan in der Paulskirche geantwortet: „Wenn wir rücksichtslos gerecht sein wollten, dann müssten wir nicht bloß Posen herausgeben, sondern halb Deutschland. Denn bis an die Saale und darüber hinaus erstreckte sich vormals die Slawenwelt.“ Anstatt von „Völkermord“ zog er es vor, von der „Bestattung einer längst in der Auflösung begriffenen Leiche“ zu sprechen (vgl. Anm. 164). – So wurden die Grenzziehung an der Oder-Neiße-Linie und die bis 1989/90 bestehende „Zonengrenze“ oder „innerdeutsche Grenze“ zur realpolitischen Antwort auf den im 19. Jahrhundert zu preußisch-deutscher Nationalpropaganda gewordenen und vom „Großdeutschen Reich“ ab 1939 mit dem Überfall auf Polen und 1941 auf Russland umgesetzten „Deutschen Drang nach Osten“. In symbolpolitischer Realisierung hätte sie gewissermaßen als slawischer Racheakt an den „Germanisierungs“-Absichten ohne Einspruch der Alliierten auch die Vertreibung der ostdeutschen Bevölkerung nach Westdeutschland bedeuten können, zumal die Eroberung Polens 1939 in der nationalsozialistischen Würdigung als „Beendigung des 1000jährigen Kampfes gegen Polen“ (Franz Lüdtke, 1941) ausgegeben worden war. So wurde sie nur konsequent auf sowjetische Linie und in Abhängigkeit gebracht.
20. „Eine vielhundertjährige geschichtliche Entwicklung, nämlich die deutsche Kolonisation im Osten“, sei „rückgängig gemacht“ worden, schreibt Walther Hofer als Herausgeber der erstmals 1957 erschienenen Dokumentensammlung „Der Nationalsozialismus. Dokumente 1933-1945“ am Schluss. „[...] die Soldaten der Sowjetunion stehen an der Elbe, und Europa sieht sich damit der größten Bedrohung seiner Geschichte ausgesetzt.“ Und der letzte Satz des Buches lautet: „Das Dritte Reich ist kein tausendjähriges Reich geworden, aber die zwölf Jahre seines Bestehens haben genügt, die geschichtliche Arbeit von tausend Jahren zu verschleudern.“ – Noch in dieser Bestandsaufnahme dauert die seit dem 19. Jahrhundert sprichwörtlich gewordene und von Hermann Aubin 1942 propagandistisch aufgegriffene Beschwörung „von der Ostsiedlung als der Großtat unseres Volkes im Mittelalter“ fort. Für den Historiker von 1942, einen Anhänger des „Lebensraum“-Gedankens, diente sie als Aufforderung an die Politik, sie unter nationalsozialistischen Vorzeichen fortzusetzen; der Historiker von 1957 betrachtet immer noch in dieser symbolpolitischen Tradition den Scherbenhaufen reinen imperialistischen Eroberungsdenkens, das sich als tausendjähriges gerechtfertigt sehen wollte.
21. Was die Beschwörungsformel von der mittelalterlichen „Großtat“ für die slawische Welt bedeutete, fasst der tschechoslowakische Historiker Zdeněk Váňa 1983 in seinem Buch „Die Welt der alten Slawen“ unter der Überschrift „Die Tragödie des nordwestlichen Zweiges“ zusammen, indem er die Propagandaformel vom „Deutschen Drang nach Osten“ zur Deutung tausendjähriger Geschichte einsetzt: „Deshalb kam es auch 919 zu einer großen historischen Wende, als der Sachsenherzog Heinrich der Vogler zum deutschen König gewählt wurde. Mit seinem Namen verbindet sich der eigentliche Auftakt jenes ‚Dranges nach Osten‘, der neun Jahre später eingeleitet wurde.“
22. Als das Schlagwort vom „Deutschen Drang nach Osten“ im 19. Jahrhundert geprägt wurde, sah die Wirklichkeit von Menschen, die auf Verbesserung ihrer Lage sannen und deshalb ihre Heimat verlassen wollten, längst ganz anders aus. Der „Deutsche Drang nach Osten“ ist nichts als eine auf diese Wirklichkeit gemünzte deutsche Gegenpropaganda. Denn seit William Penn, der 1683 in Worms um Einwanderer für seine Kolonie Pennsylvanien warb, so dass er „Entvölkerer Deutschlands“ genannt wurde, erstrahlte die transatlantische „Neue Welt“ als Glücksversprechen gegenüber der „Alten Welt“ immer mehr, bis im 19. Jahrhundert die Auswanderung dorthin in ein Millionenheer mündete, und zwar nicht nur aus Deutschland, sondern aus allen Teilen Europas. Für das seinem Höhepunkt zustrebende nationale Denken war das ein Aderlass zugunsten fremder nationaler Volkswirtschaften, so dass Alternativen erwogen wurden. In der jetzt nationalgeschichtlich zum ersten Mal wahrgenommenen mittelalterlichen Ostsiedlung tauchte unter imperialistisch-kolonialistischen Vorzeichen eine Denkmöglichkeit auf, mit der der sich in die transatlantischen Wirtschaften ergießende Auswandererstrom dem Mutterland erhalten bleiben sollte. So konnte osteuropäische „Grenzkolonisation“ bis zum Ural unter Missachtung der dort lebenden Menschen für deutsche Nationalideologen an den tatsächlichen Gegebenheiten vorbei auf einmal als „Natur“-Bedingung für die Kanalisierung deutsch-völkischen Bevölkerungsüberschusses erscheinen und sich den Charakter zivilisatorischer Mission Menschen gegenüber überstülpen sehen, die dem europäischen Kulturkreis genauso angehörten. Die symbolpolitische Aufladung unter Einsatz der für diese Zwecke völkisch zugerichteten Nationalgeschichte trug wesentlich zur Einschätzung von „Grenzkolonisation“ als Möglichkeit in der „Alten Welt“ mit all ihren schlimmen Folgen bei. Denn es ging nie um tausendjährige Geschichte oder die Pflege eines angeblichen Ottonenerbes oder deren Vermächtnis, sondern immer nur um die symbolpolitisch und völkisch rasseideologisch verzerrte Bewältigung von Gegenwart und ihre Gestaltung im Interesse von Macht.
Deshalb wirken ja alle in diesem Umfeld verwendeten symbolpolitischen Formeln heute so unwirklich. Denn sie waren nie mehr als Worthülsen zeitunterworfener nationalkultureller Kodierung und sind mehrheitlich leider erst im Nachhinein und verstärkt durch ihre Verbindung mit einer Katastrophe als verhängnisvolle Tigerpappnasen zu identifizieren. Indessen war Symbolpolitik keine nationalsozialistische Spezialität, sondern sie begleitet jede Gesellschaft in jeweils besonderen kulturellen Kodierungen. Allerdings kam ihr im „Dritten Reich“ deshalb eine bedeutendere Funktion zu, weil es an demokratischer Legitimation mangelte, so dass die Öffentlichkeit immer wieder über das kalkulierte Platzieren symbolpolitisch aufgeladener Zusammenhänge zunächst medial aufgeheizt und dann zur Zustimmung per Akklamation gebracht werden musste.
23. In der Folge zunehmender Distanz ist seit den 1990er Jahren das Bemühen einer Geschichtsschreibung zu beobachten, die jenseits von Nationalgeschichte das europäische Kriegsgeschehen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ohne symbolpolitische Begrifflichkeiten als Gesamtheit zu fassen versucht. Zur Veranschaulichung werden ebenfalls historische Anleihen gemacht, aber nicht zur Identitätsstiftung, sondern unter Zuhilfenahme des Vergleichens als komparativer Methode, um besser verstehen zu können. Der Erste und der Zweite Weltkrieg können in diesem Zusammenhang als „Zweiter dreißigjähriger Krieg“ oder als „Europäischer Bürgerkrieg 1914-1945“ gedeutet werden. Diese übergeordnete Perspektive bietet sich vor allem an, wenn das deutsche imperialistische Kolonisationsbestreben in Europa als eine Idee von langer Dauer entsprechend berücksichtigt werden soll. Diese Kontinuität weist sich allein schon darin aus, dass Hitler in seinem Geheimerlass vom 7. Oktober 1939 zur „Festigung deutschen Volkstums“ den Begriff „Ober Ost“ für die besetzten polnischen Gebiete verwendet. (Im Ersten Weltkrieg hatte das so genannte Land Ober Ost alle vom Deutschen Reich besetzten Gebiete zwischen Kurland, Litauen, Polen bis nach Weißrussland umfasst.)
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24. Himmlers
politisches Handeln als zweitmächtigster Mann im „Dritten Reich“ muss vor dem
Hintergrund verstanden werden, dass er es symbolpolitisch wie kein anderer
einkleiden wollte, und zwar in die historisch seit Friedrich Ludwig Jahn, dem
„Turnvater“, zum „Staatsretter“ gegen die „Asischen Horden“ aufgewertete Gestalt
des ersten Sachsenkönigs als „Reichsgründer“. Diese Einkleidung reichte bis
tief in sein Privatleben. Katrin Himmler berichtet von ihrem Großonkel, dass
seine Geliebte Hedwig Potthast noch nach seinem Selbstmord im Familienkreis der
Himmlers von ihm nur als von „König Heinrich“ gesprochen habe.[2]
Nur so war es ihm offenbar möglich, für sich selbst glaubwürdig zu wirken, wenn
er an die Verwirklichung seiner rasseimperialistischen Vorhaben dachte.
Hitler war flexibler:
Er konnte in fließendem Übergang von Otto I.
zu Barbarossa und schließlich zu Karl dem Großen wechseln, je nach
symbolpolitischem Bedarf für die ins Auge gefassten Vorhaben.
Nichtsdestoweniger bediente er sich der Geschichte im gleichen Sinne und sah
sich in tausendjährigen oder älteren Spuren schreiten, als er zunächst nach
Österreich griff, dann nach Osteuropa und schließlich insgesamt nach Europa und
dabei immer in Abwehr „Asien“ gegenüber zu stehen vorgab.
Die von Rader
behauptete Effizienz von Totenritualen, wie sie Himmler wie kein Zweiter im
„Dritten Reich“ zelebrierte, zeigte sich öffentlich vor allem in der
Etablierung der Quedlinburger Stiftskirche mit den Gräbern von Heinrich I. und
Mathilde als „nationaler Weihestätte“. Trotzdem traute er den Ritualen und
seiner Identifikation nicht ganz über den Weg. Denn nach der Aussage seiner
Frau war seit Kriegsbeginn eine Zyankalikapsel seine ständige Begleiterin. Und
bevor er sie zerbiss, wollte er auf der Wewelsburg als dem Zentrum seiner Totenbeschwörung
alle Spuren mit ihrer nur unvollkommen gelungenen Sprengung vernichten.
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25. Vom Jahr 2008 her scheint es selbst für manche Mediävisten nicht mehr vorstellbar, dass das Mittelalter je wieder einen solchen symbolpolitischen Boom erleben könnte, wenn auch in der heutigen Event-Kultur Mittelaltermärkte, Ritterspiele, mittelalterliche Festessen, der Nachbau von Ritterburgen und Mittelalterromane eine große Rolle spielen. Denn: „Mittelaltergeschichte funktioniert wie jede andere Disziplin dadurch, dass sie ihre Fähigkeit zur Auto-Memoria zum Strukturelement erhebt: Das ist das Gruppenbildende an ihr, die, wie Michel Foucault etwas boshaft geschrieben hat, ‚weiche, warme Freimaurerei der unnützen Gelehrsamkeit‘. In ihr werden erfolgreiche Forscher von ihren Schülern zu zentralen Figuren von immer höherem wissenschaftlichen Rang stilisiert, und Karrieren beruhen auf der Fähigkeit des jeweiligen Aspiranten, sich in diesen künstlichen Abstammungs- und Verwandtschaftssystem selbst zu platzieren. Ein gut eingespieltes und lang erprobtes System. Ob es aber gegen Desinteresse von außen hilft?“ (Groebner, wie Anm. 139, S. 16 f.)
Heinrich I.:
876 Wahrscheinliches
Geburtsjahr;
919
(oder später) Anerkennung Heinrichs I. als König im
Ostfrankenreich zunächst durch Sachsen und Franken, später durch Schwaben und
Baiern;
925 Lothringen fällt ans Ostfrankenreich;
928/29 Kämpfe gegen slawische Stämme östlich der Elbe und
Vordringen bis nach Brennabor (Brandenburg) und in die Lausitz;
933 nach
ersten Erfolgen der Bayern weiteres vorläufiges Zurückschlagen der bis 955 ins
Ostfrankenreich regelmäßig einfallenden Ungarn;
934 siegreicher Feldzug gegen den
Schwedenkönig Chnuba (Schleswig/ Haithabu);
2.7.936 Tod Heinrichs in Memleben.
Viele Angaben zu Heinrichs Wirken sind mit Fragezeichen zu versehen, da
während seiner Herrschertätigkeit selbst keine Aufzeichnungen gemacht wurden
und erst unter seinem Sohn Otto dem Großen (912-973) Widukind von Corvey, ein
schreibkundiger Mönch, vielleicht aus der Familie der Ottonen stammend, eine
Chronik zur Herrschaft Heinrichs und Ottos verfasste. Der Bericht stellt die
Hauptquelle für das schriftarme 10. Jahrhundert dar. Er ist gerade für die Zeit
Heinrichs insofern unzuverlässig, als er sich mündlicher Überlieferung
verdankt, dynastieorientiert ist und erst um 970, also kurz vor seines Sohnes
Otto I. Tod fertig gestellt wurde. Von daher eignet sich der historische
Heinrich später – gerade auch für Himmler – als riesige Projektionswand für
eigene Vorstellungen.
Otto I.:
912 Geburt
Ottos;
936 von seinem Vater als Nachfolger designiert: Salbung und Krönung zum König in Aachen;
939 Niederringen eines verwandtschaftlichen Aufstandes in Lothringen;
936/37 Mark an der Elbe für Hermann Billung, an der Saale für Gero;
951 erster Italienzug: durch Heirat Erwerb der Krone der Lombardei;
953/54 weiterer Aufstand, angezettelt in der königlichen Familie;
955 Sieg über die Ungarn auf dem Lechfeld mit deren sich anschließender Sesshaftwerdung;
962 Erneuerung des karolingischen Kaisertums durch Kaiserkrönung in Rom während des zweiten Italienzugs (weitgehende Abhängigkeit des Papsttums vom Kaiser, Reichskirche zur Unterstützung seiner Herrschaft);
967 auf seine Veranlassung bereits Krönung seines Sohnes zum Mitkaiser Otto II.; Verständigung mit dem oströmischen Reich durch Heirat seines Sohnes Otto mit Theophanu von Byzanz während dritten Italienzuges;
968 Errichtung des Bistums
Magdeburg (Slawenmission);
973 stirbt in Memleben und wird in Magdeburg beigesetzt.
(Wichtig für die negative
nationale Einschätzung Ottos im Gegensatz zu seinem Vater wurde vor allem der
Sachverhalt, dass er von den letzten 12 Jahren seiner Herrschaft 10 in Italien
verbrachte und gewissermaßen aus der Ferne regierte.)
In Friedrich Ludwig Jahns, des ‚Turnvaters‘, folgenreichem Buch vom DEUTSCHEN VOLKSTHUM (1810) werden den Deutschen zu ihrer Identifikation zwei historische Gestalten angeboten: Hermann der Cherusker als Volksheiland und Heinrich I. als Heinrich der Große oder Staatsretter, und zwar wegen der Vertreibung der Ungarn im Jahre 933.[3] Diese Vertreibung wird so hoch veranschlagt, dass Ottos des Großen Schlacht auf dem Lechfeld mit dem endgültigen Sieg über die Magyaren/Ungarn ganz aus dem preußischen Gesichtskreis gerät und gewissermaßen dem süddeutschen und österreichischen katholischen Gedächtnis überlassen bleibt.
Das ganze 19. Jahrhundert über wird die mittelalterliche Kaiserpolitik von preußischen Geschichtsschreibern kritisiert. Bereits Karl dem Großen wird vorgeworfen, er habe sich gegen nationale Interessen in Rom zum Kaiser krönen lassen und damit vom Papst und Italien abhängig gemacht. Am folgenreichsten geschieht das bei dem berühmten preußischen Historiker Heinrich von Sybel, der 1859 eine Rede hält, die Anlass zu einem ersten deutschen Historikerstreit gibt:
„[...] die Deutschen, die in dem langen Getümmel in
fünf beinahe selbständige Staaten zerfallen waren, erhoben sich im Anfang des
10. Jahrhunderts wieder einen König, den ersten König der deutschen Nation. Es
war Heinrich I., nach meiner Meinung der Stern des reinsten Lichtes an dem
weiten Firmament unserer Vergangenheit. [...] Man kann ihn den Gründer des
deutschen Reiches und damit den Schöpfer des deutschen Volkes nennen.“[4]
In dieser Rede bereitet Sybel
zudem vor, dass er auf die Ostorientierung deutscher Politik gezielt hinauswill,
indem er die Kaiserpolitik Ottos I.
und seiner Nachfolger in ihrer südlichen Ausrichtung nach Rom verurteilt. Sie
habe „nutzlose Opfer“ gekostet, und es sei weder dem deutschen Reich noch dem
deutschen Königtum „Heil aus dem so errungenen Glanze“ erwachsen.
„Die Kräfte der Nation, die sich mit
richtigem Instinkte in die großen Kolonisationen des Ostens ergossen, wurden
seitdem für einen stets lockenden und stets täuschenden Machtschimmer im Süden
der Alpen vergeudet.“[5]
Da die „nationale Sache auf der Seite des Kaisertums“ nicht zu gewinnen
sei, lässt er seine Rede in eine rhetorische Frage münden:
„Oder liegt sie“ [d.i. „die nationale
Sache“] „nicht vielmehr auf gerade der entgegengesetzten Seite, wo Heinrich I.
und Heinrich der Löwe ihre große Laufbahn begannen, wo die Germanisierung
unserer östlichen Lande den vereinten Kräften aller deutschen Stämme gelang, wo
Jahrhunderte hindurch in nationalem Glanze die Banner Bayerns, die Banner
Wittelsbachs voranflogen?“[6]
In Leopold von Rankes WELTGESCHICHTE
(1885) kommt dann ein weiteres zentrales Motiv für die gegen Rom und den
Katholizismus gerichtete Heinrichsrezeption hinzu, und zwar wird Bezug genommen
auf den Bericht Widukinds, der erwähnt, dass Heinrich bei der Königserhebung
die Salbung durch den Bischof abgelehnt habe:
„Die Salbung durch Heriger hätte einen Beitritt zu dem herrschenden
System in sich geschlossen. Heinrich wäre mit sich selbst in Widerspruch geraten.
Man kann sich darüber nicht täuschen, daß in der Zurückweisung der Salbung unter
diesen Umständen ein Einspruch gegen den überwiegenden Anteil der Geistlichkeit
an der Regierung, wie er sich in der letzten Zeit gebildet, und gegen die
klerikalen Tendenzen, die dabei zum Vorschein gekommen waren, enthalten ist.
Man darf vielleicht behaupten, daß in dieser Haltung der erste Schritt lag, um
Germanien von der unbedingten Herrschaft des Klerus und selbst des Papstes zu
emanzipieren.“[7]
Schließlich wird Heinrich I. als Sachse zum reinen
Germanen stilisiert, weil die Sachsen angeblich am längsten vom Westen und Rom
unbeeinträchtigt ihre Stammestraditionen bewahrt haben.[8]
So wird er zum völkischen König, der als Einziger im Mittelalter richtige
deutsche Politik gemacht haben soll. Das zeigt sich ausdrücklich bei der
1000-Jahr-Feier von Quedlinburg im Jahre 1922, wo der Festredner betont:
„[...] wie er mit Festigkeit und zugleich mit
kluger Versöhnlichkeit die noch widerstrebenden Fürsten für sich gewann und die
Einheit des rein völkischen Staates schuf, wie er die Reichsgrenzen nach Westen
und Norden schützte, wie er, nur das wirklich Erreichbare im Auge, der
deutschen Staatskunst den erfolgverheißenden Weg nach Osten wies, ohne sich auf
italienische Abenteuer einzulassen, wie er die Besiegung der Ungarn zäh und umsichtig
vorbereitete und glorreich durchführte.“[9]
In einem Lehrbuch für evangelische Schulen wird der
Übergang der Königsherrschaft von den Franken auf die Sachsen 1935 so
vorgestellt:
„Rassereinheit und Volkstum. Bis um 900 hatte
der fränkische Stamm die Führung im Reiche gehabt und durch seine hohe Kultur
fördernd auf die anderen Stämme gewirkt. Nun schien seine Kraft erschöpft. Er
hatte wohl auch durch die vielen Kriege zu sehr gelitten und erhielt nicht mehr
genügend Zuzug aus dem Mutterlande. Auch hatte er viel fremdes Volkstum in sich
aufgenommen. Jetzt trat das naturkräftige große Sachsenvolk in den Vordergrund.
In den Sachsen hatte sich die nordische Rasse am reinsten erhalten. Sie wohnten
weitab von dem damaligen Weltverkehr und der Berührung mit den romanischen
Völkern, und gegen Vermischung mit ostischen Menschen schützten Sitte und
Gesetz. Von den alten heidnischen Sachsen wird berichtet: „ Für ihre Abkunft
und ihren Geburtsadel trugen sie auf das umsichtigste Sorge, ließen sich nicht
leicht irgend durch Eheverbindungen mit andern Völkern oder geringeren Personen
die Reinheit ihres Geblütes verderben und strebten danach, ein eigentümliches,
unvermischtes, nur sich selbst ähnliches Volk zu bilden.“ Noch im 6. Jahrhundert
stand die Todesstrafe auf einer Vermischung mit Fremdstämmigen. Bis über das
Mittelalter hinaus haben denn auch die Sachsen auf Rasse gehalten. So forderte
man noch im 13. Jahrhundert von einem Schöffen, daß er frei geboren und reinen
Blutes sei. Bei den Zünften bestand die Ahnenprobe: Die Eltern von Vater und
Mutter mußten frei geboren sein. Die Ritter verlangten noch mehr Ahnen. Durch
solche Schutzmaßnahmen ist die Rasse lange rein erhalten, und noch heute findet
man in Niedersachsen verhältnismäßig die meisten nordischen Menschen. [...]
Heinrich war der Neubegründer des deutschen Reiches.
Er hat durch sein kluges Verhalten und seine große Tapferkeit die
auseinanderstrebenden Teile des Reiches zusammengehalten. Es war nur ein loser
Bund, schloß aber das Deutschtum Mitteleuropas zu einem sächsisch-nordischen
Königreich zusammen, in dem Staat, Volkstum und Kirche eine Einheit bildeten.“[10]
Da Heinrich I. nichtsdestoweniger in dieser
Perspektive als Reichsgründer angesehen wurde, blieb er an seine Nachfolger wie
auch immer gebunden. Deren bewunderte „Kaiserherrlichkeit“ vom 10. bis ins 13.
Jahrhundert ließ sich so einfach nicht vernachlässigen, stellte vielmehr für
einen anderen, öffentlichkeitswirksameren Rezeptionsstrang, gegen den Sybel
sich wehrte, eine Traditionslinie dar, der sich schließlich auch der preußische
König bei der Reichsgründung von 1871 beugen musste. In Anlehnung an Barbarossa
wurde er zum Barbablanca, akzeptierte widerwillig den Kaisertitel, mit dem er auf einmal in mittelalterlicher Reichstradition
stehen sollte, obwohl der preußische Nationalstaat mit dem 1806 aufgelösten
„Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“ nichts zu tun hatte. Zur
Bewunderung und Zurschaustellung von Macht trug jedoch der Kaisertitel mit den
zur deutschen „Weltgeltung“ und „Weltstellung“ nationalistisch beschworenen
Ottonen, Saliern und Staufern mehr bei als der vorwiegend in völkischer
Perspektive hoch gehaltene Heinrich I. So kam es zu der widersprüchlichen Situation,
dass die Hohenzollern sich zwar in ihrer Privatmythologie als Verwalter des
Heinrichserbes und Quedlinburg als Ausgangspunkt ihres national gewordenen
Selbstbewusstseins ansahen, öffentlich aber im Sinne des Alten Reiches
kaiserlich auftraten. Mit Selbstbewusstsein tat das bereits der Sohn, der liberale Hunderttagekaiser Friedrich III. „Er
wollte Friedrich IV. genannt werden, weil ihn nach der Zählung der alten
römisch-deutschen Kaiser verlangte, und sein Nachfolger, der in jeder Hinsicht
unglückliche Wilhelm II., nahm sich ein Beispiel an der Weltpolitik des
sächsischen Kaisers Otto der Große (912-973) und glaubte, dass die
mittelalterliche Universalität des Reichs den deutschen Imperialismus des
beginnenden 20. Jahrhunderts rechtfertigte.“[11]
Berücksichtigt man außerdem den reichsorientierten
österreichischen nationalgeschichtlichen Ansatz, kommt von dorther Otto I. eine
Gewichtung zu, die ihm von Preußen her verweigert wurde. Otto der Große gilt
dort nämlich gewissermaßen als „Staatsgründer“, weil nach dem Sieg über die
Ungarn auf dem Lechfeld (955) die Bajuwaren sich wieder nach Osten ausdehnen
konnten. Das führte zur Erneuerung der auf Karl d. Gr. zurückgehenden so
genannten Ostmark, die noch im 10. Jahrhundert urkundlich zum ersten Mal
„Ostarrîchi“ genannt wurde. Im kaiserlich getönten österreichischen
Reichsbewusstsein fiel in der kleindeutsch-großdeutschen Auseinandersetzung um
die preußische Reichsgründung herum ein nur herablassender Blick auf den
preußischen Umgang mit Heinrich I. und seine Verherrlichung im Rahmen der
„kleindeutsch-norddeutsch-protestantischen Geschichtsauffassung“ (Friedrich Schneider, 1940). Ganz
ironisch wurde er „kleindeutscher Musterkönig“ genannt, wogegen sich preußisch
getönte nationalsozialistische Autoren wie Alfred
Thoss noch 1943 wehrten.
Spätestens mit dem „Anschluss Österreichs“ 1938,
wenn nicht bereits 1936 beim Gedenken an den vor tausend Jahren erfolgten
Herrschaftsantritt Ottos, konnten aber mit zunehmend mehrheitsfähigem
Standpunkt Heinrich I. und sein Sohn Otto gleichberechtigt auch in der
preußisch orientierten Nationalgeschichtsauffassung nebeneinander stehen. Denn
auch diese veränderte mit ihren mediävistischen Repräsentanten ihre
Gewichtungen und trug je nach Bedarf den aktuellen Forderungen und
Gegebenheiten Rechnung, zumal die maßgeblichen Historiker ja „Sinndeutung“ für
ihre jeweiligen Nationalgesellschaften seit dem 19. Jahrhundert auf dem Panier
geschrieben stehen haben. (Hier ist von
nicht zu übersehender Bedeutung Albert
Brackmann [1871–1952], der sich mit seiner ganzen Reputation als
Ranghöchster seiner Zunft den Nationalsozialisten seit Kriegsbeginn gegen Polen
und Russland so zur Verfügung stellte, dass ihm zu seinem 70. Geburtstag
höchste Ehren zuteil wurden: die Auszeichnung mit dem „Adlerschild des
Deutschen Reichs“ [höchster Wissenschaftspreis] durch Hitler persönlich,
Gratulationen von Göring, Frick und Ribbentrop. Bezeichnenderweise ist das
Buch, in dem seine Bedeutung 1988 aufgearbeitet wird, in England erschienen und
in Deutschland unübersetzt geblieben und mehr oder weniger übergangen worden,
so dass der Autor Michael Burleigh erst
im Vorwort zur zweiten englischen Auflage 2002 ausdrücklich auf das in
Deutschland zunehmende wissenschaftliche Interesse hinweist. Burleigh stellt z. B. fest: „Provided
one pandered to his sense of self-importance, Brackmann had a utility to the
regime far greater than the mere nuisance value of Walter Frank.“) – Vor
allem ist im Folgenden etwas auch bisher Übergangenes, aber bis in die
Gegenwart mit einem wesentlichen Ergebnis Fortwirkendes, nämlich die „Gleichschaltung“
zu berücksichtigen, mit der am 5. 2. 1934 die Hoheitsrechte und die Befugnis
der Länder zum Verleihen der jeweiligen föderalen Staatsangehörigkeit
abgeschafft wurden und es nur noch eine einheitliche deutsche
Staatsbürgerschaft gab. Sie brachte für das nationalstaatliche wie auch das
nationalgeschichtliche Bewusstsein der Deutschen einen begeisternden Schub,
unter dessen Einfluss sie gern übersahen, wer mit den „Nürnberger Gesetzen“ vom
„Reichsparteitag der Freiheit“ im „Reichsbürgergesetz“ vom 15. 9. 1935 als
gerade neuer deutscher Staatsbürger gleichzeitig von der Reichsbürgerschaft
ausgeschlossen wurde.
und wer dabei allzu
erfolgreich von sich selbst spricht,
der verliert den Kopf und kriegt den von jemand anderem.
Valentin Groebner (2008)
(Die Rede Himmlers zum
1000. Todestag Heinrichs I. wurde deutschlandweit im Rundfunk übertragen. Sie
enthält nichts, was über das hinausginge, was in der preußischen
Heinrichsliteratur nicht bereits längst enthalten gewesen wäre. Dazu gehört
auch seine als Verunglimpfung gemeinte Nennung Karls des Großen als „Karl der
Franke“. Himmler legt sich aber in seinem Text nicht darauf fest, als wen oder
was genau er denn nun Heinrich I. in der Chronologie des ‚deutschen‘ Reiches
ansehen möchte. So spricht er von ihm einfach als einem „der größten Schöpfer
des Deutschen Reiches“, zu denen in ein paar wenigen Jahren – ab 1940 – auch
wieder Karl der Große gezählt werden wird. In Himmlers Heinrichsbild, das er
sich seit 1935 angelesen hat, wird aber akzentuiert, dass es ihm um eine ostimperialistische
„germanisch“-völkische Perspektivierung deutscher Machtpolitik geht. Die im
ersten Redeabsatz enthaltene Aussage, „daß er einer der größten Schöpfer des
Deutschen Reiches war und zugleich einer, der am meisten vergessen wurde“,
verweist auf Himmlers katholisch-bayrische Herkunft, in deren Schulbildung die
preußische Heinrichsverherrlichung fehlte. So steht es ebenfalls gleich im
ersten Satz der von Gunter d’Alquen zur Druckfassung der Rede geschriebenen
Einleitung: „Vor tausend Jahren starb einer der größten Deutschen, vergessen,
verloren scheinbar und doch so lebendig und nah, daß wir ihn fast körperlich
unter uns zu fühlen glaubten, als wir oben auf seiner Burg Dankwarderode und im
Dom zu Quedlinburg seines Werkes und somit seines ewigen Lebens gedachten.“ Für
d’Alquen, der die Burg Heinrichs des Löwen in Braunschweig – Dankwarderode –
einfach nach Quedlinburg versetzt und die beiden historischen Figuren zu einer
macht, ohne dass jemand korrigierend eingreifen konnte, ist Heinrich I. indessen
wieder „der Gründer des ersten Reiches der Deutschen“. Wie viel Himmler an dieser
Rede lag, beschrieb zum ersten Mal Willi Frischauer in: Himmler. The
evil genius of the Third Reich, London 1953, auf S. 86ff.: „For some time
Himmler had been working on a speech to commemorate the death, a thousand years
ago, of King Heinrich. [...] His SS archaelogists had, on his instructions,
been working on a new shrine at a ceremonie which could leave nobody in doubt
that the new Heinrich (Himmler) was determined to lead Germany on the road
prescribed by the old King Heinrich. […] Himmler in private conversation often discribed it [the speech] as
the greatest and most important which he had ever made“ (Hervorhebung vom Verfasser). Wie wichtig für ihn die Rede war, zeigt sich darin,
dass sie 1936 zweimal jeweils mit Fotodokumentation publiziert wurde, einmal in
der „Ahnenerbe“-Zeitschrift „Germanien“ in Heft 8 und weiter im SS-eigenen
Nordland-Verlag in Berlin. Himmler war nach Angaben der ihm
Nahestehenden, mit denen Frischauer nach dem Krieg sprach, an einer Stelle zu
Tränen gerührt: “With tears in his eyes Heinrich Himmler told to his
listeners that the great king died on 2 July, A.D. 936, at the age of sixty, to
be buried at the crypt in front of which they were standing now.“ Als
weiter bemerkenswert hebt Frischauer, dem offenbar der Redetext vorlag und den
er sich von Himmlervertrauten kommentieren ließ, hervor: „Carefully choosing
his words, Himmler described the other Heinrich as a clever, cautious,
tenacious politician – like
himself, he seemed to imply. The Hungarians, in the Heinrich’s times, were like
the Russians of the thirties, threatening an unprotected Germany. Instead of
tanks, the Hungarians had hordes of horsemen to terrify their enemies. The
sober soldier, Heinrich, Himmler continued, recognized that
the forces of the Germanic tribes were incapable of destroying this enemy (Hervorhebungen
im Text). And what did Himmler’s hero do? He concluded an armistice with the
superior opponent and used it to prepare for the inevitable final battle. If
Europe’s statesmen had listened to Himmler they might have been less surprised
at the Nazi-Soviet pact of 1939 which was really an armistice on the pattern of
Heinrich I., who, in the end, was, of course, victorious.“)
[Die Hervorhebungen im folgenden
Text entsprechen Himmlers im Nordland-Verlag veröffentlichtem Redemanuskript.]
„Nur zu oft wird im Leben der Völker davon gesprochen, daß man die
Ahnen und großen Männer ehren und ihr Vermächtnis nie vergessen soll, und nur zu selten wird diese oft ausgesprochene Weisheit
beachtet. Wir stehen heute, am 2. Juli 1936, an der Begräbnisstätte des
deutschen Königs Heinrich I., der vor genau tausend Jahren gestorben ist.
Vorweg dürfen wir behaupten, daß er einer der größten Schöpfer des Deutschen
Reiches war und zugleich einer, der am meisten vergessen wurde.
Als im Jahre 919 der damals 43jährige Heinrich,
Herzog der Sachsen, aus dem Bauernadel der Ludolfinger, deutscher König wurde,
übernahm er ein Erbe furchtbarster Art. Er wurde König eines Deutschen Reiches,
das kaum noch dem Namen nach bestand. Der ganze Osten Deutschlands war im
Verlauf der vorhergegangenen drei Jahrhunderte und insbesondere der Jahrzehnte
unter den schwächlichen Nachfolgern Karls des Franken an die Slawen
verlorengegangen. Die uralten germanischen Siedlungsgebiete, in denen die
besten Germanenstämme Jahrhunderte hindurch waren, waren restlos im Besitz der
slawischen, das Deutsche Reich bekämpfenden und die deutsche Reichsgewalt nicht
anerkennenden Völkerschaften. Der Norden war an die Dänen verlorengegangen. Im
Westen hatte sich Elsaß-Lothringen vom Reich gelöst und dem westfränkischen
Reich angeschlossen. Die Herzogtümer der Schwaben und Bayern hatten ein Menschenalter
hindurch die deutschen Schattenkönige – so besonders Ludwig das Kind und Konrad
I. von Franken – bekämpft und nicht anerkannt.
Überall waren noch die Wunden der radikalen
und blutigen Einführung des Christentums offen. Das Reich war im Innern geschwächt
durch die ewigen Machtansprüche der geistlichen Fürsten und die Einmischung der
Kirche in weltliche Angelegenheiten.
Die geschichtliche Tat der Schöpfung einer
Reichsgewalt über auseinander strebende germanische Stämme durch Karl den
Franken war aus tiefster eigener Schuld dem völligen Zusammenbruch nahe, da das
System dieser rein verwaltungsmäßig, auf einem artfremden Fundament gebauten
Zentralgewalt von den germanischen Bauern der Sachsen, Bayern, Schwaben,
Thüringer und auch Franken innerlich und blutsmäßig abgelehnt wurde.
So war die Lage, als Heinrich I. als König sein schweres Amt antrat.
Heinrich war der echte Sohn seiner sächsischen bäuerlichen Heimat. Zäh und zielbewusst
ging er schon als Herzog und erst recht als König seinen Weg.
Bei seiner Königswahl im Mai 919 in Fritzlar
lehnte er – ohne auch nur mit einem Wort verletzend zu werden – die Salbung
durch die Kirche ab und legte damit vor allen Germanen Zeugnis ab, daß er bei
kluger Anerkennung der nun einmal bestehenden Zustände nicht willens war zu
dulden, daß kirchliche Gewalt in politische Dinge in Deutschland unter seiner
Regierung mitzureden habe.
Noch im Jahre 919 ordnete sich der schwäbische
Stammesherzog Burkhart Heinrich als König unter, und dieser bindet damit den
Schwaben erneut an das Reich.
Im Jahre 921 zieht Heinrich mit einem Heer auch nach
Bayern und gewinnt auch dort nicht mit der Gewalt der Waffen, sondern mit der
überzeugenden Kraft seiner Persönlichkeit in offener deutscher Aussprache den
Herzog Heinrich von Bayern, der ihn freiwillig als König der Deutschen anerkannte.
Bayern und Schwaben, die in den damaligen Zeit dem Reiche verlorenzugehen
drohten, sind damit durch König Heinrich bis in unsere Tage und so, wie wir die
Überzeugung haben, für ewige Zukunft dem gesamten Deutschen Reiche
eingegliedert und erhalten geblieben.
Das Jahr 921 bringt Heinrich, diesem gewiegten,
vorsichtigen und zähen Politiker, die Anerkennung des westfränkischen, noch von
einem Karolinger regierten, heute französischen Reiches. Die Jahre 923 und 925
fügen dem Reich das bereits völlig verlorene Elsaß-Lothringen wieder ein.
Man stelle sich nun aber nicht vor, daß diese
Wiedergestaltung Deutschlands leicht und ohne jede Behinderung von außen
vollzogen wurde. Die bis dahin kraftlose deutsche Nation war seit einem
Menschenalter Jahr für Jahr in allen ihren Teilen das Beuteobjekt ständiger,
fast nie zu fassender und fast niemals besiegbarer Ungarnzüge. Schutzlos
lagen Land und Leute in ganz Deutschland, ich möchte sagen, in ganz Europa, dem
Zugriff dieser politisch und strategisch hervorragend geführten Reiterhorden
und –heere offen. Die Annalen und Chroniken der damaligen Zeit erzählen uns
sowohl von der Berennung Venedigs und Plünderung Oberitaliens, dem Angriff auf
Cambrai, dem Niederbrennen Bremens sowie von der immer wiederkehrenden
Zerstörung der bayerischen, fränkischen, thüringischen und auch sächsischen
Lande. Der nüchterne Soldat Heinrich erkennt, daß das vorhandene Heerwesen der
deutsch-germanischen Stämme und Herzogtümer, sowie die damals übliche Taktik
für die Abwehr oder gar für die Vernichtung dieses Feindes nicht geeignet war.
Das Glück kommt ihm nun zu Hilfe. Im Jahre 924 gelingt es ihm gelegentlich
eines Einfalles der Ungarn in die sächsischen Lande in der Nähe von Werla bei
Goslar einen bedeutenden ungarischen Heerführer gefangenzusetzen. Die Ungarn
bieten unerhörte Summen von Gold und Schätzen, um ihren Heerführer auszulösen.
Trotz der gegenteiligen Stimmen auch damals reichlich vorhandener törichter und
kurzsichtiger Zeitgenossen tauschte der stolze König den ungarischen Heerführer
gegen einen neunjährigen Waffenstillstand der Ungarn zunächst für Sachsen und
dann wohl für das ganze Reich aus und verpflichtete sich, neun Jahre lang
demütige Tribute an die Ungarn zu zahlen.
Er hatte den Mut, unpopuläre Politik zu machen, und
hatte das Ansehen und die Macht, sie durchführen zu können. Nun beginnt seine
große schöpferische Tätigkeit, ein Heer aufzustellen und das Land durch Anlage
von Burgen und Städten in den wehrfähigen Zustand zu setzen, in dem die
endgültige Auseinandersetzung mit dem bisher unbesiegbaren Gegner gewagt werden
konnte.
Zweierlei Art soldatischer Verbände gab es in den
damaligen Zeit, einesteils den germanisch-bäuerlichen Heerbann der
Stammesherzogtümer, der in Notzeiten zu den Waffen gerufen wurde, andernteils
die ersten deutschen Heerverbände aus Berufskriegern, Dienstmannen,
Ministerialen bestehend, die vor allem die Karolinger eingeführt hatten.
Heinrich I. schweißt die beiden Arten von Heerverbänden zu einer deutsche
Heerorganisation zusammen. Aus den Dienstmannen der Königs- und Herzogshöfe
bestimmt er ferner, daß jeder Neunte als Besatzung in die Burgen gehen sollte.
Die Verbände seiner Dienstmannen läßt er zum erstenmal in Germanien richtig
exerzieren und gewöhnt den rauflustigen Kämpfern ab, als einzelne
hervorzupreschen. Er ordnet die Reiterei nach einem taktischen Wollen und von
einem Befehl geleiteten Truppenkörper.
Im Verlaufe ganz weniger Jahre entstehen an der
damaligen deutschen Ostgrenze, so die Elbelinie entlang, und insbesondere im
ganzen Harzgebiet, eine Unzahl kleiner und großer Burgen, die mit Wall und
Graben, zum Teil mit Steinmauern, zum Teil mit Palisaden, umgeben sind. Sie
enthalten Waffenwerkstätten und Provianthäuser, in denen ein Drittel der Ernte
des Landes nach königlichem Befehl aufgespeichert werden muß. Aus einem Teil
dieser Burgen sind schon zu Heinrichs I. Zeiten spätere namhafte deutsche Städte, wie Merseburg, Hersfeld, Braunschweig,
Gandersheim, Halle, Nordhausen usw., entstanden.
Nach diesen Vorbereitungen ging Heinrich I. daran,
weitere Voraussetzungen für den Endkampf mit den Ungarn zu schaffen. In den
Jahren 928 bis 929 unternimmt er die großen Kriegszüge gegen die Slawen. Einesteils will er sein neu
aufgestelltes Heer üben und für die große Auseinandersetzung festigen,
andernteils will er den Ungarn die Bundesgenossen und die Stützpunkte für ihre
Kriege gegen Deutschland wegnehmen und für immer zunichte machen.
In diesen beiden Kriegsjahren, in denen er sein
junges Heer den härtesten Bewährungsproben unterwirft, besiegt er die Heveller,
Rätarier, Obotriten, Dalaminzier, Milzener und Wilzen. Er erobert im tiefsten
Winter die uneinnehmbar erscheinende Burg Brennabor, das heutige Brandenburg,
erobert nach dreiwöchiger Winterbelagerung die Festung Gana und baut im selben
Jahr die Burg von Meißen, die für alle kommenden Jahre eine strategische große
Bedeutung erhält.
Im Jahre 932, als der unentwegt sein Ziel
verfolgende König alle Voraussetzungen als erfüllt betrachtet, ruft er die geistlichen Fürsten zu einer Synode nach Erfurt, das Volk zu einer
Volksversammlung auf, in der er es in hinreißender Rede dazu begeistert, den
Ungarn nunmehr die Tribute zu verweigern und den Volkskrieg zur endgültigen
Befreiung aus der ungarischen Gefahr auf sich zu nehmen.
Im Jahre 933 erfolgt der Einfall der Ungarn, und sie erlitten als Schlußakt eines
strategisch meisterhaft angelegten deutschen Feldzugs eine vernichtende
Niederlage bei Riade an der Unstrut.
Das Jahr 934 findet Heinrich im Kriegszug gegen
Dänemark, um die nordische Grenze endgültig vor dem Zugriff der Dänen und
Slawen zu schützen und die im Norden in unglücklicher Vergangenheit seiner
Vorgänger verlorenen Gebiete dem Reiche wieder einzugliedern. Die damals
weltpolitische wichtige Handelsstadt Haitabu, das alte Schleswig, wird dem
Reiche gewonnen.
Die Jahre 935 bis 936 sehen Heinrich I. als den berühmten und
angesehensten Fürsten Europas zumeist in seiner sächsischen Heimat, wo er, getreu seiner bäuerlichen Art, da er das
Ende seines Lebens herannahen fühlt, sein Erbe regelt und auf dem Reichstag zu
Erfurt den Herzögen und Großen des Reiches seinen Sohn Otto als Nachfolger
empfiehlt.
Am 2. Juli starb er im Alter von 60 Jahren in seiner
Königspfalz Memleben im Unstruttal. In Quedlinburg, in dieser Krypta des
heutigen Domes, wurde er beigesetzt.
Soweit in nüchternen
Angaben und Zahlen der Inhalt dieses tatenreichen Lebens. Es hat manch anderer
eine längere Zeit regiert und kann sich nicht rühmen, einen Bruchteil eines
derart tausendjährigen Erfolges für sein Land errungen zu haben wie Heinrich I.
Und nun interessiert uns, die Menschen des 20. Jahrhunderts, die wir nach einer
Epoche furchtbarsten Niederbruchs in einer Zeit des abermaligen deutschen
Aufbaues allergrößten Stiles unter Adolf Hitler leben dürfen, aus welchen
Kräften heraus die Schöpfung Heinrichs I. möglich war. Die Frage beantwortet
sich, wenn wir Heinrich I. als germanische Persönlichkeit kennenlernen. Er war,
wie seine Zeitgenossen berichten, ein Führer, der seine Gefolgsleute an Kraft,
Größe und Weisheit überragte. Er führte durch die Kraft seines starken und
gütigen Herzens, und es wurde ihm gehorcht aus der Liebe der Herzen heraus. Der
alte und ewig neue germanische Grundsatz der Treue des Herzogs und des
Gefolgsmanns zueinander wurde von ihm in schärfstem Gegensatz zu den
karolingischen kirchlich-christlichen Regierungsmethoden wieder eingeführt. So
streng, wie er gegen seine Feinde war, so treu und dankbar war er zu seinen
Kameraden und Freunden.
König Heinrich
I.

„Er war der Erste unter Gleichen,
und es wurde ihm eine größere und wahre menschliche Ehrfurcht entgegengebracht,
als später Kaisern, Königen und Fürsten, die sie nach volksfremdem byzantinischen
Zeremoniell forderten, zuteil wurde. Er hieß Herzog und König und war ein
Führer vor tausend Jahren.“
Reichsführer SS Heinrich Himmler
Holzschnitt von Ernst von Dombrowski (1938)
(Nachempfunden dem
Bamberger Reiter und dem zeitgleichen Bildnis des Magdeburger Reiters / Ottos
I. in Magdeburg. – Mit den in Holz geschnittenen Redesätzen als
Untertitel immer wieder in zeitgenössischen Publikationen
veröffentlicht.)
Er war einer der großen Führerpersönlichkeiten der deutschen Geschichte,
der bei allem Bewusstsein der eigenen Kraft und der Schärfe des eigenen
Schwertes genau wußte, daß es ein großer und haltbarer Sieg sei, einen anderen
im Grunde anständigen Germanen in offener männlicher Aussprache für das große
Ganze zu gewinnen, als kleinlich sich an Vorurteilen zu stoßen und einen für
das gesamte Deutschtum wertvollen Menschen zu vernichten.
Heilig war ihm das gegebene Wort und der Handschlag.
Er hielt getreulich abgeschlossene Verträge und erfuhr dafür in den langen
Jahren seines Lebens die ehrfurchtsvolle Treue seiner dankbaren Gefolgsmänner.
Er hatte Respekt vor all den Dingen, die anderen Menschen irgendwie heilig
sind, und so sehr er die selbst vor einem Meuchelmord nicht zurückschreckenden
Wege politisierender Kirchenfürsten kannte und daher mit unnahbarer Selbstverständlichkeit
jede Einmischung der Kirche in die Dinge des Reiches abwies, so wenig griff er
in religiöse Angelegenheiten ein oder behinderte die fromme Gesinnung seiner
von ihm geliebten und zeitlebens umsorgten Frau, der Königin Mathilde, des
alten Widukinds Urenkelin. Er hat keinen Augenblick seines Lebens vergessen,
daß die Stärke des deutschen Volkes in der Reinheit seines Blutes und der odalsbäuerlichen Verwurzelung im
freien Boden beruht. Er hatte die Erkenntnis, daß das deutsche Volk, wenn es
leben wollte, den Blick über die eigene Sippe und über den eigenen Raum nach
Größerem sich ausrichten mußte. Er kannte jedoch die Gesetze des Lebens und
wußte, daß man auf der einen Seite nicht erwarten konnte, daß der Herzog eines
Stammesherzogtums als Persönlichkeit fähig sein sollte, die Angriffe gegen die
Mark des Reiches abzuwehren, wenn man ihm auf der anderen Seite kleinlich nach
der Art der karolingischen Verwaltung alle Rechte und Hoheiten entzog. Er sah
das Ganze und baute das Reich und vergaß dabei nie, welche Kraft aus der
jahrtausendealten Tradition in den großen germanischen Stämmen schlummerte.
Er führte so weise, daß die urwüchsigen Kräfte der
Stämme und Landschaften willige und getreue Helfer bei der Gestaltung der
Reichseinheit wurden. Er schuf eine starke Reichsgewalt und bewahrte
verständnisvoll das Leben der Provinzen.
Zutiefst danken müssen wir ihm, daß er niemals den
Fehler beging, den deutsche und auf der anderen Seite europäische Staatsmänner
durch Jahrhunderte hindurch begangen haben: außerhalb des Lebensraumes – wir
sagen heute geopolitischen Raumes – seines Volkes sein Ziel zu sehen. Er ist
nie der Versuchung anheimgefallen, die vom Schicksal aufgerichtete Scheide des
Lebens- und Ausdehnungsgebiets der Ostsee und des Ostens, des Mittelmeeres und
des Südens, die Alpen, zu überschreiten. Er verzichtete dabei, wie wir wohl
annehmen können, aus dieser Erkenntnis heraus, bewußt auf den klangvollen Titel
des ‚Römischen Kaisers Deutscher Nation‘.
Er war ein edler Bauer seines Volkes, das immer
freien Zutritt zu ihm hatte und unbeirrt um staatlich notwendige
organisatorische Maßnahmen persönlich mit ihm zusammenhing.
Er war der Erste unter Gleichen, und es wurde ihm
eine größere und wahre menschliche Ehrfurcht entgegengebracht, als später
Kaisern, Königen und Fürsten, die sie nach volksfremdem byzantinischen
Zeremoniell forderten, zuteil wurde. Er hieß Herzog und König und war ein
Führer vor tausend Jahren.
Und nun muß ich zum Schluß ein für unser Volk tieftrauriges
und beschämendes Bekenntnis ablegen: Die Gebeine des großen deutschen Führers
ruhen nicht mehr in ihrer Begräbnisstätte. Wo sie sind, wissen wir nicht. Wir
können uns nur Gedanken darüber machen. Es mag sein, daß treue Gefolgsmänner
den ihnen heiligen Leichnam an sicherer Stelle würdig aber unbekannt beigesetzt
haben, es mag sein, daß finsterer, unversöhnlicher Haß politisierender
Würdenträger seine Asche ebensosehr in alle Winde zerstreute, wie er die
verkümmerten Gebeine gefolterter und zu Tode gequälter Menschen, deren Gebeine
würdig zu bestatten wir als ehrenvolles Vermächtnis erachten, vor dem Ausgang
dieser Krypta im Boden verscharren ließ, was die Ausgrabungen vor dem Dom
beweisen. Wir stehen heute vor der leeren Grabstätte als Vertreter des gesamten
deutschen Volks, der Bewegung und des Staates, im Auftrage unseres Führers
Adolf Hitler und haben Kränze der Ehrfurcht und des Andenkens gebracht. Wir
legen auch einen Kranz auf dem Steinsarg der vor mehr als neuneinhalb
Jahrhunderten neben ihrem Gatten bestatteten Königin Mathilde, des großen
Königs großer Lebensgefährtin, nieder. Wir glauben auch damit den großen König
zu ehren, wenn wir in seinem Sinn der Königin Mathilde, diesem Vorbild höchsten
deutschen Frauentums, gedacht haben.
Dieses einstmalige Grab, auf dem seit Jahrtausenden
von Menschen unseres Bluts bewohnten Burgberg mit der wunderbaren aus sicherem
germanischen Gefühl heraus geschaffenen Gotteshalle soll eine Weihestätte sein,
zu der wir Deutschen wallfahrten, um König Heinrichs zu gedenken, sein Andenken
zu ehren und auf diesem heiligen Platz im stillen Gedenken uns vorzunehmen, die
menschlichen und Führertugenden nachzuleben, mit denen er vor einem Jahrtausend
unser Volk glücklich gemacht hat, und um uns wieder vorzunehmen, daß wir ihn am
besten dadurch ehren, daß wir den Mann, der nach tausend Jahren König Heinrichs
menschliches und politisches Erbe wieder aufnahm, unserem Führer Adolf Hitler
für Deutschland, für Germanien mit Gedanken, Worten und Taten in alter Treue
dienen.“[12]
Die Frage, warum Himmler die
strategisch bedeutungslose und weit von allen Kampfhandlungen entfernte Wewelsburg
Ende März 1945, während er von Stettin aus die Heeresgruppe Weichsel
befehligte, als zerstörenswert ansah und von dort ein Sonderkommando zu ihrer
Vernichtung aussandte, kann bis heute als nicht beantwortet angesehen werden.
Inzwischen wird sie wohl gar nicht mehr gestellt, zumal die Archive infolge des
zweimaligen Verbots Himmlers, über die Wewelsburg zu berichten, schweigen. Dass
es einen Zusammenhang mit der Heinrichsrezeption geben könnte, wird inzwischen
ausgeschlossen. Damit sind obskurantistischer Antwortsuche Tür und Tor
geöffnet.[13] Dabei stand
schon einmal fest, dass die SS-Ideologen auf der Burg in ihr eine Gründung aus
der Zeit Heinrichs I. sahen.[14]
Im neuesten Faltprospekt wird als Rest ohne weitere Erläuterung der Sächsische
Annalist des 12. Jahrhunderts mit seiner Angabe erwähnt, die Wewelsburg sei zur
Zeit der Hunnen errichtet worden. Wer mit ‚Hunnen‘ gemeint ist, nämlich die im
10. Jahrhundert ins ostfränkische Reich einfallenden, von Heinrich bekämpften
Ungarn, bleibt im Dunkeln und damit vernachlässigenswert. So heißt es z. B. zum
historischen Hintergrund der Burg in einem im Frühjahr 2005 aus Anlass des
60-jährigen Kriegsendes für den WDR verfassten Beitrag nur mehr: „Das
Renaissance-Schloss, Anfang des 17. Jahrhunderts von den Paderborner
Fürstbischöfen errichtet, beeindruckt noch heute die Besucher.“[15]
Bemerkenswert
ist das deshalb, weil man gegenwärtig unter der Schirmherrschaft von Paul
Spiegel aufwändig damit beschäftigt ist, mit Mitteln von Bund, Land und Kreis
auf der Burg als einem „national und international bedeutende[m] Geschichtsort“
ab 2008/09 schwerpunktmäßig die Geschichte der SS in einer Dauerausstellung zu
dokumentieren. Aussagen zu Himmlers Heinrichsrezeption werden dabei als zu
„hypothetisch“ angesehen und bleiben ausgespart.[16]
Damit wird
einer Tendenz in der gegenwärtigen Mediävistik gefolgt, die sich bemüht, die
Ottonenforschung aus allen mit dem „Dritten Reich“ gegebenen Zusammenhängen zu
lösen und dabei zu verstehen gibt, dass Himmlers Instrumentalisierung Heinrichs
I. in einem rein nationalsozialistischen Raum erfolgte, was zu Gegenreaktionen
in Gestalt einer intensiven und heute fortgesetzten Erforschung der Ottonenzeit
geführt habe,[17] gehört doch
die Auseinandersetzung mit Heinrich I. als klassisches Thema nach wie vor zum
Rüstzeug deutscher Mediävistik. Nach wie vor ist nämlich in der Mediävistik
nicht geklärt, ab wann das mittelalterliche ostfränkische Reich ein ‚deutsches‘
genannt werden könnte und welche Rolle Heinrich I. in diesem Zusammenhang
zuzuschreiben wäre.[18]
Das hinwiederum erweckt bei neuhistorischen Beobachtern den Eindruck, dass
dieser Mediävistik ein „subtil-nationalistischer Charakter“ anhafte, „den
sie bis heute nicht los geworden ist!“[19]
So ist nicht nachvollziehbar, was denn das Ergebnis der „Gegenreaktionen“ auf
nationalsozialistische Instrumentalisierung sein soll, wenn in ihrem Nebel
weiter „Neo-Nationalisten“ ihr Feld bestellen.
Denn es war
mediävistischer Umgang mit den Ottonen, vor allem mit Heinrich I. und seinem
Sohn Otto dem Großen, der seit dem 19. Jahrhundert der völkischen
Betrachtungsweise deutscher Geschichte Vorschub leistete, so dass ihre Befunde
z.B. nahtlos in die von Preußen dominierten protestantischen Schulbücher
aufgenommen werden konnten. In ihnen wurde Heinrich I. als Vertreter von
„Rassereinheit und Volkstum“ vorgestellt, noch bevor Himmler mit Heinrich I.
vertraut geworden war.[20]
Mit seiner Heinrichsrezeption setzte Himmler dann die im so genannten Sybel-Ficker-Streit ab 1859 initiierte
völkische Betrachtungsweise fort, die auf der „kleindeutsch-norddeutsch-protestantischen
Geschichtsauffassung“[21]
aufbaute. In ihr wurde Heinrich I. als der „Stern des reinsten Lichtes an
dem weiten Firmament unserer Vergangenheit“ gesehen und „Gründer des
deutschen Reiches und damit [...] Schöpfer des deutschen Volkes“ (H. v. Sybel) genannt. Dieser habe im
Unterschied zu seinen kaiserlichen Nachfolgern mit ihrer Fixierung auf Rom und
Italien „die Kräfte der Nation (...) mit richtigem Instinkte in die
großen Kolonisationen des Ostens“ gegossen.[22]
Und der erste Heinrichsmonograph Georg
Waitz stellte entsprechend 1860 fest, „deutsche Cultur, deutsche
Bevölkerung [habe] den Beruf, sich gegen den Osten hin auszubreiten“.[23]
Damit war die seit Beginn des 19. Jahrhunderts so genannte mittelalterliche
Ostkolonisation symbolpolitisch an die zeitgenössisch vorherrschende
imperialistische Ideologie mit ihrer europaweiten Ausrichtung nach Osten und in
den Orient angeschlossen worden und Heinrich I. begann in ihr eine Rolle zu
spielen.
Hier soll
unter Einbeziehung mediävistischer Äußerungen zu den Ottonen untersucht werden,
was es heißt, wenn Heinrich I. die „überragende Symbolfigur“ oder die
„Idealgestalt“ für Himmler als Ostpolitiker genannt werden kann,[24]
und was sich aus seiner Rezeption Heinrichs I. für symbolpolitische Maßnahmen
ergaben. Dabei gilt im Anschluss an Hüsers
Feststellung über den Glauben der SS-Ideologen, dass die Burg eine Gründung aus
der Zeit Heinrichs I. sei, gegen die von Himmler verhängten Berichtsverbote und
das Fehlen von Akten die These, dass die Wewelsburg das hinter aufwändiger,
männerbündlerischer Geheimhaltung verborgene und am 31.3.1945 zerstörte Herz im
symbolpolitischen Netz ist, das Himmler mit seinen vielfältigen
„Heinrichs“-Benennungen ab 1936 über sein Tun warf und das von dort mit
ideologischem Blut versorgt werden sollte.
Seit Anfang 1933 ist Himmler mit R. Walther Darré darauf aus, im „Lande Hermanns und Widukinds“[25] etwas Traditionsschweres für die SS zu finden, mit dem sie sich im westfälischen Boden verankern ließe. Mit dem Agrarexperten der NSDAP und späteren „Reichsbauernführer“ Darré ist Himmler befreundet. Beide kennen sich, wie auch den späteren Kommandanten von Auschwitz Rudolf Höß, als Mitglieder des „Artamanen“-Bundes, einer völkischen Bewegung freiwilliger Landarbeiter und Siedler. So hat Himmler 1931 Darré zum Leiter des Rasse- und Siedlungshauptamtes der SS gemacht. Auf Westfalen ist der „Blut- und Boden“-Ideologe Darré besonders erpicht, spielt es doch in seiner grundlegenden Schrift von 1930 – Neuadel aus Blut und Boden – eine wichtige Rolle. „Hier und da in Westfalen“ meint er nämlich einen „Stamm kleinerer und mittlerer freier Gutsbesitzer und Bauern“ überleben zu sehen, wie er sie für das Germanentum als typisch annimmt, das seiner Meinung nach nämlich mit dem 10. Jahrhundert mehr oder weniger flächendeckend untergegangen ist.[26] Nordwestdeutschland aber ist für ihn ein „germanisches Kernland“, „heute noch vorwiegend germanisch besiedelt“.[27] In einer überlieferten Aussage Mathildes, Frau Heinrichs I. und Enkelin des von Karl dem Großen bekämpften Sachsenherzogs Widukind, sieht er den Kern seiner Vererbungswissenschaft verkörpert, dass nämlich, unklar genug, „nur das edle Geschlecht auch eine edle Denkungsart verbürge“.[28] In diesem Sinne wirkt er schon zeitig auf Himmler ein und meint ihm im Scherz sagen zu können, er sei auch Heinrich.[29]
Erst vor diesem skizzierten Hintergrund ergibt sich, warum Himmler und Darré sich so sehr um eine Burg in Westfalen bemühen. Beider Interesse wird von einflussreichen Vertretern der ländlichen Führungsschicht des Kreises Büren auf die Wewelsburg gelenkt. Ausgrabungsbefunden von 1924 war zu entnehmen, dass die Wewelsburg offenbar anfänglich als sächsische Wallburg angelegt war. Für Himmler und die SS bleibt zunächst unklar, was mit solch einem Hintergrund anzufangen wäre. So fällt fast noch eine andere historische Gestalt aus dem sächsischen Zusammenhang und viel bekannter als der in quellenarmer Zeit lebende Heinrich I. dem auf Ostpolitik versessenen Münchener Heinrich Himmler und seinem Identifikationsverlangen zum Opfer: Heinrich der Löwe. Er gehört mit Widukind und Heinrich I. zu den Kerngestalten der so genannten „Niedersachsen-Ideologie“ oder des „Niedersachsen-Mythus“ des NS-Chefideologen Alfred Rosenberg.[30] Himmlers Erschrecken vor dem 1935 in Braunschweig geöffneten Welfengrab – Knochen eines zu kurz geratenen „Hinkefußes“ waren sichtbar geworden, in denen er fälschlicherweise Heinrich den Löwen glaubt erkennen zu müssen – führt ihn aber endgültig nach Quedlinburg auf die Spuren Heinrichs I. Denn dort bereitet man seit 1935 die Feierlichkeiten zu dessen tausendstem Todestag vor.[31] SS-Brigadeführer Dr. Hermann Reischle, Chef des Rasseamtes unter Darré, nannte diese Feier „propagandistisch [...] geradezu ein Geschenk des Himmels“ und berichtete am 24.10.1935 an Himmler: „Durch ihre zweckmäßige Gestaltung können wir mit einem großen Schlag das erreichen, was sonst auf propagandistischem Weg nur mühsam in Jahren durchgekämpft werden könnte. Schon aus diesem Grund muß die entscheidende Beteiligung der SS und damit unsere Einflußnahme auf die Vorbereitung und Gestaltung der Feier dringend befürwortet werden.“ Das wirkt sich sofort auf die Einschätzung der Wewelsburg aus: Der anfängliche Plan, die Burg zu einer Reichsführer-SS-Schule auszubauen, wird fallen gelassen. Himmler übernimmt die Burg mit Befehl vom 6. November 1935 in seinen Persönlichen Stab und verhängt ein Verbot jeglicher Berichterstattung über die dortigen Vorgänge.[32] Noch im Dezember 1935 legt er fest, „dass die SS mit der Stadt Quedlinburg alleinige Trägerin der Feiern am 2. Juli 1936 sein sollte“.[33]
Die Wewelsburger Grabungsbefunde von 1924 werden jetzt in neuem Licht gesehen, und die SS-Ideologen erkennen offenbar, was sich mit einer chronologisch nicht genau fixierbaren sächsischen Wallburg anfangen lässt: Seit 1935 beschäftigt sich nämlich Himmler mit dem in der preußischen Geschichtsschreibung übermittelten Heinrichsbild. Die von ihm, Darré und Herman Wirth 1935 gegründete Forschungsgemeinschaft der SS „Ahnenerbe“ wendet sich gezielt der Sichtung des 10. Jahrhunderts und des Heinrichserbes zu. Dabei entsteht neben wissenschaftlich tragfähigen Ergebnissen mehr und mehr Arbeit am für Himmler notwendigen Heinrichsmythos.[34] Denn Himmler, unterstützt durch Darré,[35] beschäftigt sich schließlich so sehr mit Heinrich I., dass er glaubt, eine Reinkarnation des Sachsen zu sein, mit dem er, wie sein Leibarzt bekundet, immer wieder geisterhafte Zwiesprache hält, um sich Rat zu holen.[36] In der umfangreichen Arbeit von Hüser über die Wewelsburg wird folgenlos festgehalten, dass die SS-Ideologen „später“ keinen Zweifel daran hegten, die Entstehungszeit der Burg „in die Zeit der Abwehrkämpfe König Heinrichs I. um 930 gegen die Ungarn oder ‚Hunnen‘ zu legen“, womit sie gar nicht so falsch gelegen hätten, „befanden sie sich [doch] sogar in Übereinstimmung mit der ersten schriftlichen Überlieferung über die Wewelsburg aus der Feder des Abtes Arnold zu Berge bei Magdeburg, des so genannten ‚Annalista Saxo‘“.[37] Dass Himmlers „Ahnenerbe“-Forscher den „Annalista Saxo“ kannten, dürfte anzunehmen sein, dass die Wewelsburg für sie aber auf einmal in eine sächsische Ahnenschaft mit der Widukindheimat Enger, ab 1938 von Himmler zur „König-Heinrich-Stadt“ ernannt, und der Heinrichsgrabstelle in Quedlinburg als „nationaler Weihestätte“ geraten war, dürfte das Überraschendste und das geschichtsklitternd Schlüssigste für Himmler und die SS-Ideologen gewesen sein.
Die neue Konzeption der Wewelsburg als
„Heinrichsburg“ mündet Anfang 1936 noch vor der nationalen Heinrichsfeier in
Quedlinburg in die Gründung der „Gesellschaft zur Förderung und Pflege
Deutscher Kulturdenkmäler e.V.“ in München, deren Hauptzweck Erhaltung und
Ausbau der Wewelsburg ist. Auch in Quedlinburg und Enger wird parallel unter
der Leitung des für alle drei Baudenkmäler verantwortlichen Staatskonservators
Hiecke gearbeitet.[38]
Aus der Wewelsburg soll in der Himmler’schen Vision der Mittelpunkt eines
„Großgermanischen Imperiums“ werden, für dessen Ausbau der Chef-Architekt H.
Bartels bis 1964 die Summe von 250 Mio. RM veranschlagt und zu dessen
Verwirklichung die neben dem Burggelände untergebrachten KZ-Häftlinge und die
zu Sonderkonditionen eingeräumten Kredite der Dresdner Bank beitragen sollen.
Dort möchte er nach dem Krieg als „Reichsverweser“ residieren.[39]
Im
katholischen Paderborner Land gibt es für diese Art übersteigerter und ins
Völkische pervertierte preußische Heinrichsrezeption keine Basis, so dass
Himmler für seine Heinrichsverehrung einstweilen eine Zweiteilung findet: Der
öffentliche Teil gilt Quedlinburg. Dort hat die Erinnerung an Heinrich
Tradition, wird der König doch als Stadtgründer angesehen, so dass im Jahre
1922 bei der Tausendjahrfeier des Stadtgeburtstages alles aufgeboten wurde, was
in der nationalistischen Rezeption zusammengetragen worden war. In der
damaligen Festschrift ist er derjenige, der „die Einheit des rein völkischen
Staates schuf“ und der „der deutschen Staatskunst den erfolgverheißenden
Weg nach Osten wies“.[40]
Die Grabstelle Heinrichs I. in der Stiftskirche macht Himmler ab 1936 zu einer
„nationalen Weihestätte“, als er in der großen nationalen Feier am 2. Juli des
1000. Todestages des sächsischen Königs gedenkt. In seiner deutschlandweit
ausgestrahlten Rede auf den Sachsenkönig beschreibt er, wie spät er dessen
Bekanntschaft gemacht habe, als er behauptet, dass Heinrich „einer der
größten Schöpfer des Deutschen Reiches war und zugleich einer, der am meisten
vergessen wurde“.[41] Mit Tränen in den Augen soll er über Heinrich
I. gesprochen und seine Todestagrede für die größte und wichtigste aller von
ihm gehaltenen Reden ausgegeben haben. Der Chef seines Persönlichen Stabs, Karl
Wolff, meinte, Himmler habe sich wohl, während er vor der leeren Gruft des
Sachsenkönigs stand, für den nach der Vorsehung wiedergeborenen Heinrich
gehalten.[42]
In einem
gleichzeitig allen SS-Führern zugehenden Sonderheft der Zeitschrift „Germanien“
betont Himmler: „Sein Andenken wurde uns fast vergessen gemacht. Seine
Leistungen, der Bau eines wirklich deutschen Reiches, wurde unserer Jugend
verschwiegen.“[43]
Diese Klage ergibt einen Sinn, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Himmler ja
aus dem katholischen Bayern stammte, wo Heinrich I. aus Protest gegen das
protestantische Preußen und die dortige Instrumentalisierung Heinrichs als „kleindeutscher
Musterkönig“[44] im
Geschichtsunterricht nicht vorkam.
Ab 1938 breitet Himmler von Quedlinburg aus in seiner „König-Heinrich-I.-Gedächtnis-Stiftung“ seinen Heinrichskult auf alle Orte aus, die mit Heinrich in Zusammenhang gebracht werden können. Sie werden zu „König-Heinrich-Städten“: Braunschweig, Enger, Fritzlar, Wetzlar, Gandersheim, Erfurt, Goslar, Meißen, Nordhausen, Schleswig, Wallhausen und Quedlinburg.[45] Bis 1939 sind es 32 Namen, die als „Heinrichs-Stationen“ in der Stiftskirche eingemeißelt werden sollen.[46] So wird Fritzlar, einzige katholische Stadt in diesem Verbund, für 84 RM Mitgliedsbeitrag pro Jahr bis 1945 Stiftungsmitglied, obwohl es sich bis dahin kein Verdienst dafür anrechnet, angeblich 919 angeblicher Ort der angeblichen Königserhebung gewesen zu sein. In Fritzlar hatte sich so wenig wie in anderen vom preußischen Kulturkampf in Mitleidenschaft gezogenen katholischen Gebieten eine an Heinrich I. orientierte völkische Geschichtsbetrachtung entwickeln und durchsetzen können. (Aber – später Sieg der preußischen Heinrichsrezeption im Kalten Krieg mit einem Grenzverlauf zwischen den Blöcken, als handelte es sich bei der Bundesrepublik um das ostfränkische Reich von 919 und als habe seine wie immer zu begründende Ablehnung der Königssalbung etwas mit romfeindlicher Haltung und Protestantismus zu tun – 1956 wird König Heinrich auf Betreiben der protestantischen Nachkriegs-Mehrheit zum Namenspatron des Fritzlarer städtischen Gymnasiums![47])
Kein Wunder also, dass im katholischen Umfeld der Wewelsburg Zurückhaltung in Bezug auf einen öffentlichen Umgang mit der preußisch-völkisch eingefärbten sächsischen Königsgestalt angesagt war, zumal die Wewelsburg bisher für die Heinrichsrezeption nicht in Anspruch genommen worden war und keine lokale Tradition in diese Richtung lief.[48]
Der hinhaltende Widerstand von katholischem Pfarrer und zur Enteignung vorgesehenen Dorfbewohnern hatte im Unterschied zu Quedlinburg, wo ab 1938 die SS-Fahne am Stiftskirchturm wehte, ein sehr schwieriges Umfeld geschaffen, in dem nur schrittweise und über langwieriges Verhandeln weiterzukommen war. In Quedlinburg bekam der Todestag Heinrichs Ritualcharakter: Nachdem beim Todesgedenken 1937 in einer Mitternachtszeremonie in geschlossener Gesellschaft die angeblich wiederaufgefundenen Gebeine Heinrichs beigesetzt worden waren,[49] um der „Weihestätte“ eine authentischere Aura zu geben, und 1938 die Ausrufung der „König-Heinrich-Städte“ an der Reihe war, überreichte im Jahre 1939 der Oberbürgermeister der Stadt Himmler einen ihm gewidmeten „König-Heinrichs-Marsch“.[50]
Auf dem so geschaffenen Fundament der Heinrichsverehrung entfalteten sich die Instrumentalisierungen Heinrichs mit dem Feldzug gegen Polen und ab 1941 im Ostfeldzug, indem sie symbolpolitisch den Rasseimperialismus gegen alles „Fremdvölkische“ im Osten begleiteten.
Zu der einzigen offiziellen Wewelsburger SS-Veranstaltung unter Ausschluss von Öffentlichkeit und Presse kam es unmittelbar vor Beginn des Ostfeldzugs. Himmler lud vom 11. bis 15. Juni 1941 zu einer SS-Gruppenführertagung auf die Wewelsburg ein. Hier hatte er einen Raum mit Blick übers Almetal, der „König Heinrich“ hieß.[51] Bei der Tagung verkündete er den Zweck des „Unternehmens Barbarossa“, das in den Planungen von Hitlers Generalstabschef Franz Halder 1940 noch „Plan Otto“[52] (!) geheißen hatte: „die Dezimierung der Bevölkerung der slawischen Nachbarländer um 30 Millionen.“[53] Sein Freund und Chronist, der Schriftsteller und Präsident der Reichsschrifttumskammer Hanns Johst, beauftragt mit der Abfassung der „Heinrich-Saga“[54], war auch zugegen, wie ein Eintrag vom 12. Juni in Himmlers Dienstkalender ausweist. Diese Ankündigung war nach der Zeugenaussage des für das Bandenbekämpfungswesen im Osten verantwortlichen von dem Bach-Zelewski geknüpft an Himmlers Vorstellung, dass dieser Feldzug nur mit Einheiten wie der „Sondereinheit Dirlewanger“ zu gewinnen sei,[55] die schon seit 1940 im Raum Lublin/Zamosc stationiert war[56] und deren Zustandekommen am ehesten als eine Wiederbelebung der von Widukind von Corvey beschriebenen „Merseburger Schar“ zu verstehen ist. Heinrich I. hatte sie zum Kampf gegen die Slawen gebildet: Sooft Heinrich gesehen habe, „daß ein Dieb oder Räuber ein tapferer Mann und zum Krieg geeignet sei, erließ er ihm die gebührende Strafe, versetzte ihn in die Vorstadt von Merseburg, gab ihm Äcker und Waffen, befahl ihm, die Bürger zu schonen, gegen die Barbaren [= Slawen] aber, so viel sie sich getrauten, Raubzüge zu unternehmen. Die solchermaßen gesammelte Menschenmenge bildete eine vollständige Heerschar zum Kriegszug.“[57]
Zu dem aus der Geschichte entliehenen Rahmen gehörte auch die von den
Nazis ausgeschlachtete alte westfälische Sage von der „Schlacht am Birkenbaum“.
In dieser lokalen Ausprägung der seit dem Mittelalter bekannten Kaisersage ist
von einer endgültigen Schlacht zwischen Ost und West oder zwischen „Hunnensturm“
und westlichem „Weltmissionierungsauftrag“ die Rede,[58]
was für die Siegesphantasien der SS hieß: „Der Osten gehört der Schutzstaffel!“[59]
Der direkte Zugang zum Osten sollte symbolisch gewährleistet werden, indem man
mit einer acht Kilometer langen Allee Anschluss an den „Hellweg“ suchte, die
alte, aus vorrömisch-germanischer Zeit stammende Ost-West-Verbindung der Hanse,
heute Bundesstraße 1. Die Duisburger hatten an dessen Anfang ihren Königsplatz
in Stadtmitte am 1.8.1936 in König-Heinrich-Platz umbenannt. (So heißt er heute
noch.)[60]
Am „Hellweg“ hatten wie um Aachen und am Niederrhein reiche Güterkomplexe des
sächsischen Königsgutes von Heinrichs Liudolfingerfamilie gelegen.[61]
Der Sonderzug, mit dem Himmler dann am 3.9.1939 seine erste Besichtigungsfahrt
nach Polen unternahm, trug den Namen „Heinrich“ und wird immer wieder für
Himmlers Reisen in den Osten eingesetzt werden, auch wenn er z.B. zur
Dienstbesprechung mit Hitler in dessen Hauptquartier „Wolfsschanze“ verabredet
ist. Seinen in der Nähe des östlichen Führerhauptquartiers aufgeschlagenen
Aufenthaltsort nennt er „Feldkdo.-Stelle Heinrich“.[62]
In den „SS-Leitheften“ wird mit einem vielerorts verbreiteten Holzschnitt Ernst
Dombrowskis König Heinrich I. abgebildet und mit folgenden Himmler-Sätzen aus
der Todesgedenkrede von 1936 vorgestellt: „Er war der Erste unter Gleichen,
und es wurde ihm eine größere und wahre menschliche Ehrfurcht entgegengebracht,
als später Kaisern, Königen und Fürsten, die sie nach volksfremdem
byzantinischen Zeremoniell forderten, je zuteil wurde. Er hieß Herzog und König
und war ein Führer vor tausend Jahren. – Reichsführer SS Heinrich Himmler.“[63]
Zu Beginn des Russlandfeldzuges hält Himmler vor Unteroffizieren und
Mannschaften im Juli 1941, also kurz nach der das Unternehmen „Barbarossa“
vorbereitenden Ankündigung auf der Wewelsburg, in Stettin eine Rede zur
Einstimmung der Soldaten auf den Einsatz im Ostfeldzug: „Wenn Ihr, meine
Männer, dort drüben im Osten kämpft, so führt Ihr genau denselben Kampf, den
vor vielen, vielen Jahrhunderten, sich immer wiederholend, unsere Väter und
Ahnen gekämpft haben. Es ist derselbe Kampf gegen dasselbe Untermenschentum,
dieselben Niederrassen, die einmal unter dem Namen der Hunnen, ein andermal,
vor 1.000 Jahren zur Zeit König Heinrichs und Ottos I., unter dem Namen
Magyaren, ein andermal unter dem Namen der Tataren, wieder ein andermal unter
dem Namen Dschingis Khan und Mongolen angetreten sind. Heute treten sie unter
dem Namen Russen mit der politischen Deklaration des Bolschewismus an.“[64]
Dem folgen 1941 erste „Heinrichs“-Taten Himmlers im neuen
„Kolonialland“[65]: Im Rahmen
des „Programms Heinrich“ wird der SS- und Polizeiführer im Distrikt
Lublin Odilo Globocnik zum Beauftragten für die Schaffung von SS- und Polizeistützpunkten
in den neu eroberten Ostgebieten ernannt.[66]
Dort sollen sich „Wehrbauern“ –
Widukind von Corvey spricht von „milites agrarii“, die von Heinrich I. zum
Schutz vor den Ungarn um Fluchtburgen herum angesiedelt wurden – niederlassen,
und zwar im Raum um Lublin und die alte Stadt Zamosc, die mit der Hanse in Verbindung
gestanden hatte und künftig „Himmlerstadt“ heißen sollte. Das sollten die
ersten für die „Aktion Zamosc“ im „Generalplan Ost“ vorgesehenen
Stationen der Neubesiedlung des Ostens sein. Ein neues KZ wird gleich mit
errichtet, das spätere Majdanek. Neben
Majdanek stehen die späteren Vernichtungsstätten Treblinka, Sobibór und Belzec
außerhalb der Inspektion über die KZs 1942/43 unter Globocniks persönlichem
Befehl. Dieser lässt dort die „Aktion Reinhardt“ durchführen: Unter dem Vorwand der „Aussiedlung“ werden die
dorthin transportierten Juden massenhaft ermordet.[67]
Von nicht zu überschätzender Bedeutung für den der Wewelsburg zugekommenen ideologischen Wert ist die Wagneroper „Lohengrin“. Sie ist neben dem „Freischütz“ die maßgebliche deutsche Nationaloper. Wagner stützt sich nämlich in seinem Libretto auf einen literarischen Text vom Ausgang des 13. Jahrhunderts, in dem Heinrich I. in Zusammenhang mit dem Parzival-Sohn Lohengrin gebracht wird, der die Gralsburg verlassen hat, um seine Ritterdienste dem gegen die heidnischen Ungarn und Sarazenen kämpfenden Heinrich zur Verfügung zu stellen. Bei Wagner kann indessen der Gralsritter den sächsischen König nicht in den Kampf begleiten, weil er sich zurück auf die Gralsburg Monsalvat begeben muss. Dafür macht er aber dem König eine vielversprechende Prophezeiung: „Dir Reinem ist ein großer Sieg verliehn! / Nach Deutschland sollen noch in fernsten Tagen / des Ostens Horden siegreich nimmer ziehn!“ Diese Oper hatte bei der „loyalen Bevölkerung“ einen solchen Resonanzraum geschaffen, dass Sebastian Haffner sie 1940 sagen lässt: „Wenn wir Krieg führen, tun wir das nur aus den erhabenen Gründen Lohengrins: um unterdrückte unschuldige und verfolgte Menschen zu retten. Wie gern hätten wir Österreich, die Tschechoslowakei und Polen unangetastet gelassen! Es war nur ihre unverbesserliche Niedertracht und Grausamkeit, die uns schließlich dazu zwang, diese Länder zu annektieren.“[68] Es wäre also unangemessen, wollte man Himmler einen besonderen Vorwurf daraus machen, dass er die Geschichte geplündert habe, um sie, wie das angeblich nur Nationalsozialisten getan haben, für seine Zwecke zu „missbrauchen“. Instrumentalisierung von Geschichtsdaten bietet sich nämlich gerade für nationale Belange immer an und kommt offenbar jedermann gelegen, wenn eigene Interessen gegen andere durchgesetzt werden und eine (Schein-)Legitimation erhalten sollen.
Weitere Geschichtsdaten boten sich für die ideologische Durchsetzung imperialistischer Ostpolitik an: Der Sieg über die heidnischen Ungarn ist seit Otto I., dem Sohne Heinrichs, an ein Symbol gebunden, das Hitler wie Himmler in Bann schlug. Es ist die an hervorragender Stelle zu den Reichsinsignien zählende so genannte heilige Lanze, Mauritius-Lanze oder der Longinus-Speer, dem eine bis zum Tode Christi zurückführende Geschichte angedichtet wurde. Für Heinrich bedeutete die Lanze so viel, dass er für ihren Erwerb vom König von Burgund sogar einen Teil seines Reichsgebietes hergegeben haben soll. Wenn man sich in der Ottonenforschung in etwas einig ist, dann darin, dass sie „zur wichtigsten siegbringenden Reliquie der ottonischen Dynastie wurde“.[69] Wann sie bei Heinrich zum Einsatz kam, ist Sache der Spekulation. So kann man sie bereits, wie das der mit „Ahnenerbe“-Wissenschaftlern bekannte Mediävist Helmut Beumann 1994 schreibt, bei der Vertreibung der Ungarn in die Schlacht vorantragen lassen, weil sie am Gedenktag des Longinus, am 15. März 933, stattfand. Festzustehen scheint, dass Otto bei der entscheidenden Schlacht gegen die Ungarn auf dem Lechfeld von 955 die Lanze selbst in den Kampf führte. 1940 wird festgehalten: „Ihr Bedeutungswandel zur Lanze des heiligen Kriegers und Märtyrers Mauritius, durch A. Brackmanns Forschungen seit Otto dem Großen als Schutzpatron des deutschen Ostens erkannt, erfolgte im 10. Jahrhundert.“[70] In der Lanze lebte die Tradition des Kampfes gegen die „asiatischen Horden“ am sinnfälligsten fort. Ihr Symbolgehalt fand bis in die endgültigen Ausbauplanungen des Äußeren der Wewelsburganlage von 1944 Ausdruck. Der dreieckige Burgkern war jetzt der äußerste Punkt einer Speerspitze, die sich gleichschenklig über einige hundert Meter erstreckte und die bis in die als Schaft gedachte schnurgerade Zufahrtsstraße kilometerweit architektonisch ausgestaltet werden sollte. Das passt zu der obsessiven Beschäftigung, mit der man im „Ahnenerbe“ über den Sinn dieser Lanze nachdachte, wobei sie vom christlichen Hintergrund gelöst und in „germanische Kontinuität“ eingepasst wurde.[71] Der im „Ahnenerbe“ mitarbeitende Wissenschaftler und wotangläubige männerbündlerische Prof. Dr. Otto Höfler, nach Amtsenthebung 1945 ab 1954 in München als Germanist wieder im Universitätsdienst und bis 1971 an der Wiener Universität lehrend, sah als einer der Hauptreferenten des Erfurter Historikertages von 1937 im Rahmen einer von ihm entwickelten „germanischen Kontinuitätstheorie“ den Speer Wotans in ihr, der in diesem Sinne ‚heilig‘ und seit 919 in Heinrichs Hand gewesen sei. Höflers Theorie wird maßgeblich für Josef Otto Plassmann, Mitglied des Persönlichen Stabs des Reichsführers-SS, und für die Heinrichsmonographie von Alfred Thoss.[72]
Hatte der Quedlinburger Oberrealschuldirektor Lorenz, mit einer Arbeit über Heinrich I. promoviert und als Wehrkraftdidaktiker in den ethischen Unterrichtsfächern seit der Jahrhundertwende bekannt, beim 1000. Quedlinburger Stadtgeburtstag Heinrich I. als den völkischen Staatsgründer und Ostpolitiker gefeiert, dann vollstreckte Himmler mit der Inbesitznahme der Heinrichsgrabstätte nur das, was an Säkularisierung bereits geleistet worden war. Auf das Orgelspiel verzichtete Himmler indessen nicht, wenn er die Grabstelle besuchte, sondern brachte sogar einen eigenen Organisten mit.[73] Wie Heinrich I. von ihm instrumentalisiert wurde, geht aus einem Tagebucheintrag des Leibarztes F. Kersten hervor: „Er rechnete mir vor, daß bei systematischer Verfolgung dieser Maßnahmen“ (nämlich die Rückzüchtung der „germanisch blond-blauen Urrasse“) „in einhundertzwanzig Jahren nach den Mendelschen Gesetzen das deutsche Volk wieder weitgehend reinblütig germanisch aussehen werde, die Geschichte ihm das danken und in tausend Jahren sein Lebenswerk genau so verstehen würde, wie dies jetzt mit dem Werk König Heinrichs I. der Fall sei.“ Außerdem höre Himmler es gern, wenn er in seinen eigenen Reihen „König Heinrich“ genannt werde,[74] der seinen Leuten Siedlungsland im zu erobernden Osten zuweisen würde. Bei einer „der bemerkenswertesten Zusammenkünfte von Parteifunktionären“ am 6.10. 1943 in Posen greift Himmler in seiner Rede ausdrücklich, aber wie beiläufig auf Heinrich I. zurück, und zwar im Zusammenhang seiner gerade erfolgten Ernennung zum Reichsinnenminister. Den neuen Aufgabenbereich reflektiert er in der Heinrich zugeschriebenen Einigungsleistung den Stämmen und dessen Eroberungen den Slawen gegenüber: „Ich möchte mal zur Frage der Reichsautorität ein paar Worte sagen und auf das berühmte alte Kapitel eingehen, mit dem wir uns in Deutschland schon seit den Zeiten König Heinrichs I., also seit 1000 Jahren, befassen: Reich und Länder, Reich und Gaue, Reich und Provinzen. (...) Es muß eine klare Reichsautorität da sein, denn sonst lassen sich die großen Aufgaben, insbesondere im Krieg, nicht lösen. Sonst würden wir nicht fähig sein, über Großdeutschland hinaus das noch größere Reich, nämlich das Germanische Reich aufzubauen, dessen Grenzen nach meiner Überzeugung – nun halten Sie mich nicht für einen verrückten Optimisten – einmal am Ural liegen werden.“[75]
Die Wewelsburg konnte als geplantes Zentrum des „Großgermanischen
Reichs Deutscher Nation“ nicht mehr nach Asien ausstrahlen. Um noch die Spuren
des Ausbaus zur gigantischen „Heinrichsburg“[76]
mit Talsperre, Flugplatz und Autobahnanschluss zu verwischen, mag Himmler ihre
Zerstörung bei Kriegsende angeordnet haben. Denn erst bei einem Sieg hätte man
Himmler wohl die Kraft zugetraut und abgenommen, die Wewelsburg als einen Ort
zu erklären, der seine Bedeutung vor allem als Gründung aus der Zeit Heinrichs
bezogen hätte.[77] Schließlich
ist von den Spuren, die Himmler als Fundament der Burg annehmen konnte, nämlich
das durch Grabungen von 1924 angenommene Holz-Erde-Befestigungssystem einer
Fliehburg aus dem 10. Jahrhundert, nichts Auffälliges mehr zu sehen gewesen.
Der Schlossberg mit der Stiftskirche in Quedlinburg entging der Zerstörung
durch Himmler offensichtlich deshalb, weil die dortigen Veränderungen am
Heinrichserbe zwar bemerkenswert, aber letztendlich nur oberflächlich waren.
Denn in Quedlinburg ist Heinrich wie nirgends sonst durch Geschichte und
Geschichtsbücher gegenwärtig und im Unterschied zur Wewelsburg vor allem auch
in lokaler Tradition überliefert und verankert.
Als Befehlshaber der von Asien ganz weit entfernt aussichtslos gegen die „asiatischen Horden“ kämpfenden Heeresgruppe Weichsel wurde er, freilich sehr spät, der Realität inne, die alles mit der Wewelsburg Beabsichtigte auf einmal als den Größenwahn erscheinen ließ, der es von Anfang an war und der keinen verwertbaren Stoff aus dem gescheiterten „Programm Heinrich“ für die zu dichtende „Heinrich-Saga“ übrig ließ. Dieser realistische Blick gehört zu Himmler als einem, der „‚normaler‘ als irgendeiner der ursprünglichen Führer der Nazibewegung“ war, wie Hannah Arendt feststellt.[78] Kündigte er 1938 vor der SS-Standarte „Deutschland“ in einer Rede das „großgermanische Reich“ als das größte Reich an, „das von dieser Menschheit errichtet wurde und das die Erde je gesehen hat“, so konnte er 1942 zu folgender Einsicht fähig sein: „Der Mensch ist gar nichts Besonderes. Er ist irgendein Teil auf dieser Erde. Wenn ein stärkeres Gewitter kommt, kann er schon gar nichts dagegen machen.“[79] So ging er auch mit dem, was seinen immer wieder und nicht zuletzt von seiner rechten Hand Karl Wolff und seinem Leibarzt Felix Kersten erwähnten Reinkarnationsglauben betrifft, entsprechend vorsichtig um und bezeichnete sich selbst nie öffentlich als einen Wiedergeborenen oder gar als einen zweiten Heinrich.[80] Das war in die vielfältigen „Heinrichs“-Benennungen und in sein Personenumfeld verlagert, in dem er mit Respekt „König Heinrich“ genannt werden konnte und das ebenfalls an geschichtsmächtiger Herrschaftsaura interessiert war. Der bereits erwähnte J. O. Plassmann, Schriftführer der „Ahnenerbe“-Zeitschrift „Germanien“, Autor einer populären Heinrichsmonographie von 1928 und weiterer Ausführungen zu Heinrich I. 1939, 1941 und 1943, sorgte am zuverlässigsten für die publizistische Vergegenwärtigung der Heinrichsfigur,[81] wobei, dem Berichtsverbot Himmlers folgend, nie und nirgends der Name der Wewelsburg fiel. Mit seiner 1943 von Hermann Schneider in Tübingen angenommenen Habilitationsschrift wollte er nach Professor Walther Wüst († 1993), Präsident/Kurator des „Ahnenerbes“ und ab 1941 Rektor der Münchener Universität, „das Geschichtsbild der Sachsenkaiser auf altgermanischer Grundlage aufbauen, dieses Geschichtsbild so der römischen Geschichtsklitterung endgültig entreißen und damit die Absichten des Reichsführers-SS in einer Weise und Stärke mit verwirklichen helfen, wie sie eindrucksvoller nicht gedacht werden kann“.[82]
Dass indessen das Wiedergeborenwerden zu den völkischen Vorstellungen
vom Germanentum gehörte, hatte der frühere Freund Himmlers Darré 1930 ausgeführt: „Man glaubte,
dass das ‚Blut‘ Träger der Eigenschaften eines Menschen sei, dass mit dem Blute
die körperlichen und seelischen Eigenschaften des Menschen sich von den
Vorfahren auf die Nachkommen vererben, dass edles Blut auch edle Eigenschaften
übertrage; dementsprechend glaubte man auch an das ‚Wiedergeborenwerden‘ eines
Vorfahren im Nachkommen.“[83]
Himmler ging nur so weit, dass er in einer Rede 1937 Folgendes preisgab: „Ich
muss sagen, dieser Glaube hat soviel für sich wie viele andere Glauben. Dieser
Glaube ist ebenso wenig exakt zu beweisen wie das Christentum, wie die Lehre
Zarathustras, des Konfuzius usw. Aber er hat ein großes Plus: Ein Volk, das
diesen Glauben der Wiedergeburt hat und das seine Ahnen und damit sich selbst
verehrt, hat immer Kinder, und dieses Volk hat das ewige Leben.“[84]
Wenn Himmler von „Volk“ und von „ewigem Leben“ redete, dann wird er eher an
sich als atomisiertes Individuum gedacht haben, das Anschluss an
„Volks“-Gemeinschaft suchte und sie als redender Machthaber für realisierbar
oder gar für bereits realisiert hielt. Damit macht Himmler etwas sichtbar, was
offenbar ein Attribut von Herrschaft ausmacht, die sich nicht ausreichend
legitimiert sieht und nun auf Absicherung aus ist. Diese Legitimation von
Herrschaft lässt sich im europäischen kulturellen Gedächtnis nach Olaf B. Rader als Verfahren bei Männern
mit imperialen Ambitionen bis zu Alexander dem Großen zurückverfolgen. So wie
Alexander die Gebeine seines Idealhelden Achill suchte und angeblich fand oder
1874 Historiker in einer vom Reichskanzleramt bezahlten Expedition in den
Orient unterwegs waren, um das Grab Barbarossas zu finden, die Gebeine zu
bergen und nach Deutschland zu bringen, wo sie im Kölner Dom als die eines
imaginären Hohenzollernahnen neu bestattet werden sollten,[85] so war auch Himmler darauf aus, die verschwundenen
Gebeine Heinrichs I. wiederaufzufinden und in der „nationalen Weihestätte“
Quedlinburgs beizusetzen. Die Quedlinburger Festschrift von 1922 war schon mit
einer drohenden Erinnerung an Heinrich I. abgeschlossen worden und Versailles
in Parallele zu Heinrichs neunjährigem Waffenstillstandsvertrag mit den Ungarn
gesetzt: „Er hat ebenso schlimme Zeiten eines Schmachfriedens erlebt, neun
Jahre auf Erlösung harren müssen und schließlich doch obsiegt! Ihm als dem
Leitstern wollen wir folgen (...).“[86]
Ehe Himmler also vorschnell zum spleenigen Hobbyhistoriker erklärt wird, wären diese Traditionslinien des um seine Legitimation besorgten Herrschertums zu bedenken.[87] Historiker haben sich bei ihrem Projekt nationaler Geschichtsschreibung immer darauf verstanden, sie als des Kaisers neue Kleider zur Verfügung zu stellen und zu halten. Hermann Heimpel, in der BRD Leiter des Max-Planck-Instituts für Geschichte und als Bundespräsidentschaftskandidat von Heuß ins Gespräch gebracht, ließ sich z.B. 1933 und in zweiter Auflage 1941 so vernehmen: „Deutschlands Mittelalter ist Deutschlands Anfang in Macht und Größe und Weltruf. Darum haben alle Zeiten nationaler Entscheidungen um ihr Bild von diesem mittel-alterlichen Anfang gerungen und darum ist auch in den Herzen des Dritten Reiches stark und durchaus lebendig das Gefühl, daß in jenem Ersten Reich der Deutschen, dem Reich der heroischen Kraftanstrengung, der Macht und der Einheit Urbilder des deutschen Daseins stehen müßten, nach denen heute wieder die Jünglinge sich bilden und die Männer handeln. Keiner von denen, die das Dritte Reich vorbereitet und begrüßt haben, versäumt es, von jenem Ersten Reich zu sprechen, von dem ‚Reich‘, das wir über die Vorläufigkeit des Zweiten Reiches wieder haben als unser Urbild. Wenn dabei das Wort ‚Reich‘ seine Feierlichkeit eben vom Bild des Ersten Reiches nimmt, so kommt das nicht von gelehrtem Wissen um den ‚wahren Charakter‘ des mittelalterlichen Reichsbegriffs, sondern der politische Wille nimmt vom Klang des mittelalterlichen Reiches eben das auf, was der Gegenwart Reich sein soll: Einheit, Herrschaft des Führers, reine Staatlichkeit nach innen, abendländische Sendung nach außen.“[88] Und zu Heinrich I. führte Heimpel 1937 aus, „dass die naturgemäß vielfältig gespaltene Wissenschaft, wenn überhaupt auf eine Gestalt der deutschen Geschichte, so auf Heinrich I. ihre einmütige Liebe und Verehrung vereinigt hat“[89]. Robert Holtzmann, ein weiterer renommierter Mittelalterhistoriker, bietet 1936 in seiner „Dem Deutschen Volke“ gewidmeten Ottobiografie in Erinnerung an dessen 1000 Jahre zurückliegenden Herrschaftsantritt Ähnliches zur Identifikation an: „Einem kühnen Wollen und einer tiefen Sehnsucht der deutschen Menschen hat Kaiser Otto der Große Richtung und Sieg gegeben. [...] Eben deshalb haben wir es seinem Wirken nach innen und außen zu danken, daß die verschiedenen deutschen Stämme, die bis dahin nebeneinander und leider nur allzu oft auch gegeneinander gestanden hatten, sich zu einer Einheit zusammenfanden, sich ihrer Gemeinsamkeit und Zusammengehörigkeit bewußt wurden. Wie wir ein Volk geworden sind: das ist der köstliche und unvergängliche Inhalt der Geschichte Ottos des Großen.“[90]
Zu betonen ist, dass in repräsentativer deutscher Wissenschaft so gesprochen
wurde, nicht von Pseudogelehrten, wie sie z.B. im Mitbegründer des „Ahnenerbes“
Herman Wirth Gestalt annahmen. Er
wie eine andere Figur, über die es sich leicht mokieren lässt, nämlich der
einige Zeit auf der Wewelsburg wirkende Wiligut/Weisthor waren entsprechend
bald in der Versenkung verschwunden und seriöser ersetzt. Und unisono war
bereits 1935 von den maßgeblichen Geschichtsforschern Karls des Großen „richtunggebende
Politik zur Eindämmung der Slawenflut und zur Vorbereitung germanisierender
Siedlung im Osten ins rechte Licht gerückt“ worden,[91]
auch von Martin Lintzel, den man
gemeinhin als Gegner des NS ausgibt, weil er sich Karls des Großen wegen mit Rosenberg angelegt habe.[92]
Solche auf nationale Tradition getrimmte Vorgaben,
für deren Bereitstellung Vertreter deutscher Nationalgeschichtsschreibung seit
dem 19. Jahrhundert mit der Verherrlichung des mittelalterlichen Kaiserreichs
und seiner „Weltstellung“ (L. Ranke) gewirkt
hatten, zeigten nicht nur bei Himmler Wirkung, sondern spiegeln das, was Hagen Schulze in seiner Kurzfassung der
deutschen Geschichte 1996 feststellte: „Denn in vielfacher Verwandlung
sollte das Heilige Römische Reich bis an die Schwelle der Moderne überdauern
und zudem in Bismarcks Deutschem Reich von 1871, das 1945 unterging, ein
sonderbares, gebrochenes Echo finden.“[93]
So fand sich in den Trümmern des Anwesens Hitlers auf dem Obersalzberg ein
Gedenkteller, der für verdiente französische Angehörige der SS-Division
„Charlemagne“ in 80 Exemplaren hergestellt worden war. Auf der Rückseite steht
folgende Inschrift: „Imperium Caroli
Magni Divisum Per Nepotes Anno dcccxliii Defendit Adolphus Hitler Una Cum
Omnibus Europae Populis Anno mcmxliii – Das Reich Karls des Großen,
geteilt von seinen Enkeln im Jahre 843, verteidigt Adolf Hitler zusammen mit
allen Völkern Europas im Jahre 1943.“[94]
Wenn Symbolpolitisches als „sonderbares, gebrochenes Echo“ des Mittelalters
zu bezeichnen wäre, dann stellen die SS-Division „Charlemagne“[95],
das „Programm Heinrich“, das „Unternehmen Otto“ (der Anschluss Österreichs),
das zunächst als „Plan Otto“ entworfene „Unternehmen Barbarossa“ und die
Wewelsburg mit „Burghauptmann“ und „Burgmaiden“ als das geheimnisumwitterte,
gigantisch geplante künftige Zentrum des „germanischen Reichs“ die deutlichsten
Momente dieses Echos dar. Im Schatten solcher Traditionsvorgaben als
zusätzlichem sozialen Rahmen geborgen, scheinen in ihrer Lebenszeit begrenzte
Individuen, die auf imperialistische Welteroberung aus sind und ihr eigenes Maß
überschreiten, kaum mehr vorstellbare Verbrechen planen und begehen zu können.
Dass es angesichts der Maßlosigkeit des Angerichteten nichts mehr zu
verantworten gab, muss Himmler von Anfang an bewusst gewesen sein. Denn er
hatte in seiner in einer Zahnlücke seit Kriegsbeginn (!) jederzeit
unterzubringenden Zyankalikapsel[96]
seine treueste und schließlich am 23. Mai 1945 zuverlässig wirkende Begleiterin
in seiner Rolle als flüchtiger Feldgendarm Heinrich Hitzinger, in der englische
Soldaten ihn schnell enttarnten.
Gregor Strasser, dessen Sekretär Himmler in jungen
Jahren war, hatte von ihm gesagt, „er ist kein Welteroberer“[97];
er ist trotz seiner Identifikation mit dem in deutscher Geschichtswissenschaft
und ihren populären Vermittlern zum Ostimperialisten aufbereiteten Heinrich I.
auch keiner geworden.[98]
Für die späte Erkenntnis seines Scheiterns in einem Leben, das ihm in seiner
Politkarriere nur Machtzuwachs gebracht hatte, war die Zerstörung der
Wewelsburg als Zentrum seines „Heinrichs“-Netzes knapp zwei Monate vor seinem
Selbstmord der symbolpolitische Preis. Denn niemand aus der NS-Führungsriege
außer Himmler hatte sich persönlich so eng auf den Umgang mit einem zur
Kerngestalt deutscher Nationalgeschichte stilisierten und überhöhten König
eingelassen, wie auffällig umfangreich der symbolpolitische Verschleiß an
nationalgeschichtlich besetzten Figuren sonst auch war.
(Vortrag, gehalten auf der Wewelsburg am 23.6.2005[99])
(Vgl. hierzu ergänzend vom 26.12.2009 www.himmlers-heinrich.de/himmlers-ende.pdf,
S. 21-30: „Noch einmal:
Zeitgeschichtliche Wewelsburger Selbstdarstellung 2009“)


Die heilige Lanze (oben mit goldener und
unten ohne Tülle)

Vermutlich ältester Plan von Burg und
Siedlung (vom 23. April 1941)
Im letzten Planungsentwurf des
Wewelsburgausbaus handelt es sich nicht mehr wie 1941 um eine Anlehnung an die
Heilige Lanze, sondern, ohne genaueres Vorbild, an den Heiligen Speer Wotans
als germanisches Herrschaftszeichen, dem alle christlichen Erinnerungen, die in
der Heiligen Lanze mit einer angeblich aus dem Kreuz Christi stammenden
Nagelreliquie mittransportiert wurden, ausgetrieben worden waren. Otto Höfler hatte bereits beim Erfurter
Historikertag von 1937 die These aufgestellt, dass sich in Heinrichs Hand nur
dieser Speer befunden haben könne. Dieser fand allerdings in den nach dem
„Anschluss Österreichs“ 1938 nach Nürnberg verbrachten Reichsinsignien keine
Entsprechung mehr. [100]

Planungsentwurf von 1944 ( Speerspitze
ist wie 1941 der dreieckige Burggrundriss)
„Wenn wir [...] die
politischen Erlebnisse unseres Volkes seit über tausend Jahren überprüfen,
[...] und das [...] heute vor uns liegende Endresultat untersuchen, so werden
wir gestehen müssen, dass aus diesem Blutmeer eigentlich nur drei Erscheinungen
hervorgegangen sind, die wir als bleibende Früchte klar bestimmter außenpolitischer
und überhaupt politischer Vorgänge ansprechen dürfen:
1.
die hauptsächlich von Bajuwaren betätigte
Kolonisation der Ostmark,
2.
die Erwerbung und Durchdringung des Gebietes
östlich der Elbe, und
3.
die von den Hohenzollern betätigte
Organisation des brandenburgisch-preußischen Staates als Vorbild und
Kristallisationskern eines neuen Reiches.
[...]
Jene beiden ersten
großen Erfolge unserer Außenpolitik sind die dauerhaftesten geblieben. [...]
Und es muss als wahrhaft verhängnisvoll angesehen werden, dass unsere deutsche
Geschichtsschreibung diese beiden weitaus gewaltigsten und für die Nachwelt
bedeutungsvollsten Leistungen nie richtig zu würdigen verstand. [...] Wir
schwärmen auch heute noch von einem Heroismus, der unserem Volke Millionen
seiner edelsten Blutträger raubte, im Endergebnis jedoch vollkommen unfruchtbar
blieb.
[...] Wir setzen dort an, wo man vor sechs Jahrhunderten
endete. Wir stoppen den ewigen Germanenzug nach dem Süden und Westen Europas
und weisen den Blick nach dem Osten.“[101]
Was Hitler hier gegen Schluss von „Mein Kampf“ schreibt, steht in einer langen Tradition und schließt mit einer aus österreichischer Perspektive bedeutungsvollen Nuance an den großen Historikerstreit des 19. Jahrhunderts an, den so genannten Sybel-Ficker-Streit, der erst in den 1930er Jahren seinem Höhepunkt zustrebte[102] und von dem es in einem historischen Lexikon der 1950er Jahre zum Stichwort „Kaiserpolitik“ heißt, er sei nicht abgeschlossen und daure fort.[103] Auslöser des Streits, eines „wissenschaftlichen Bürgerkriegs“ (Alfred Dove), war ein Buch von langer Wirkung über die mittelalterlichen Kaiser und die unter ihnen angeblich blühende deutsche Nation, in der „der deutsche Mann am meisten in der Welt galt und der deutsche Name den vollsten Klang hatte“.[104] Der preußisch orientierte Historiker Heinrich von Sybel wandte sich 1859 gegen die hohe Einschätzung, die die „Kaiserherrlichkeit“ bei Giesebrecht erfuhr, und setzte dagegen: Die „nutzlosen Opfer“ der mittelalterlichen Kaiserpolitik in der Auseinandersetzung mit Rom und Italien wären zu vermeiden gewesen, wenn man Heinrich I. gefolgt wäre, „dem ersten König der deutschen Nation [...], nach meiner Meinung der Stern des reinsten Lichtes an dem weiten Firmament unserer Vergangenheit“, der „die Kräfte der Nation [...] mit richtigem Instinkte in die großen Kolonisationen“ des Ostens gegossen habe.[105] Indessen war Sybel nicht der Erste, der Kritik an der mittelalterlichen Kaiserpolitik übte.[106] Folgenreicher für das Geschichtsbewusstsein der bürgerlichen Schichten dürfte Gustav Freytag gewesen sein, der mit seiner Kaiserkritik schon bei Karl d. Gr. ansetzt und ebenfalls 1859 die Parole von der mittelalterlichen ‚Ostkolonisation‘ als der „größten That des deutschen Volkes in jenem Zeitraum“ ausgab.[107] Diese jetzt ‚Ostkolonisation‘ genannte mittelalterliche Ostsiedlung, auf die Hitler mit dem Gebiet östlich der Elbe sich bezieht, hatte sich ohne willentliche Reichsvorgaben gewissermaßen selbstläufig ergeben und wurde erst im 19. Jahrhundert wahrgenommen, als man mit einer ‚Germanisierung‘ der östlichen Gebiete Preußens der allmählich drohenden Majorisierung durch nach Preußen drängende Polen zu begegnen versuchte. Der Osten aber hatte über das ganze 19. Jahrhundert hinweg nichts Verheißungsvolles, mit dem die Bewohner der deutschen Kleinstaaten, die auf die Verbesserung ihrer Lage und damit oft auf Auswanderung sannen, zum Ansiedeln hätten verlockt werden können. Die in ein Millionenheer mündende europäische Auswanderung hatte bereits im 19. Jahrhundert eine seit dem 16. Jahrhundert vorbereitete und bis heute fortdauernde und vorherrschende Richtung: „Go West!“, und zwar dem amerikanischen Pioniergeist auf der Spur, der die „Frontier“ im Indianerland immer weiter an den Pazifik vorschob. So warb bereits 1683 der Quäker William Penn in Worms um Einwanderer für seine Kolonie Pennsylvanien. Er wurde zum „Entvölkerer Deutschlands“.[108] Alle Bestrebungen Preußens im 19. Jahrhundert scheiterten wie auch der eigens zum Siedlungszwecke 1894 gegründete „Deutsche Ostmarkenverein“. Auch der konnte nicht verhindern, dass die bereits ansässige deutsche Landbevölkerung, wenn nicht gleich nach Amerika, so in die aufstrebenden Industrieregionen in den damaligen Westen Preußens an die Ruhr zog und die Landarbeit den schnell nachrückenden Polen überließ, die es indessen auch schon nach Westen führen konnte, wo sie zu „Ruhrpolen“ wurden.[109]
1902 spricht der Gelehrte und Publizist Ottomar Schuchardt vom Osten. Er geht auf ausdrückliche Distanz zu den „Ostmärkern“ und folgt einem von Friedrich List und Constantin Frantz vorgegebenen imperialistischen Ansatz, mit dem er alle kleindeutsch-großdeutschen Gegensätze hinter sich lassen will. Auch für ihn ist klar, dass „Deutschlands Entwicklungsgang zum guten Teile vorgezeichnet worden ist durch den Drang nach Osten, – wie die ganze deutsche Geschichte soweit sie ein Wachsen und Vorwärtskommen bedeutet, im Wesentlichen eine Schilderung ist der Verflechtungen Deutschlands mit seinen östlichen Marken“.[110] Der ehemalige Reichskanzler Fürst von Bülow greift 1916 in seiner ‚Deutschen Politik‘ diesen Zusammenhang auf und akzentuiert ihn folgendermaßen: „Das Kolonisationswerk im deutschen Osten, das, vor beinahe einem Jahrtausend begonnen, heute noch nicht beendet ist, ist nicht nur das größte, es ist das einzige, das uns Deutschen bisher gelungen ist. [...] Dies Neuland im Osten, erobernd betreten in der Zeit höchster deutscher Reichsmacht, mußte uns bald staatlich und vor allem national Ersatz werden für verlorenes altes Land im Westen. [...] Die gewaltige östliche Kolonisationsarbeit ist das beste, das dauerndste Ergebnis unserer glanzvollen mittelalterlichen Geschichte.“[111]
Der Alldeutsche Heinrich Class hält in seiner über dreißig Jahre erfolgreichen ‚Deutschen Geschichte‘ (zuerst 1909) fest, dass „dem deutschen Volke die größte Tat seiner mittelalterlichen Geschichte: die Eroberung und Besiedlung des Ostens“ gelungen sei. „Was sagt das heutige Geschlecht dazu, dem es nicht gelungen ist, das bißchen Preußisch-Polen einzudeutschen?“[112] In einem Lehrbuch für Politik aus den 1920er Jahren stellt der Autor bedauernd fest, dass es in dem im Versailler Vertrag festgelegten Polnischen Korridor, der Ostpreußen vom Deutschen Reich trennte, keine konsequent ‚deutsche‘ Politik schon im 12. Jahrhundert gegeben habe: „Aber in eigentümlicher Kurzsichtigkeit ist schon damals zwischen Oder und Weichsel eine Lücke im deutschen Siedlungsblock entstanden, die auch später nie mehr durch Nachschub völlig ausgefüllt worden ist.“[113]
Während also zunächst einmal das Phänomen der Ostsiedlung unter gleichzeitiger ideologischer Aufladung mit dem heute strittigen Begriff „Ostkolonisation“ zur Kenntnis genommen wird, versucht man es schließlich mit nationalem Anspruch und dem Aufruf zum Kampf zu neuer politischer Verwirklichung zu drängen. Die Folgenlosigkeit, mit der das geschah, hat sicher ihren Grund darin, dass das deutsche Kaiserreich im 19. Jahrhundert keine ostimperialistischen Zielsetzungen verfolgt hat. Erst im Sommer 1918 standen deutsche Truppen auf einer Linie, die von Narva im Norden über den Dnjepr bis Rostow am Don reichte.[114] Mit Kriegserinnerungen zog in den 1920er Jahren der Weltkriegsgeneral und anschließende Baltikumskämpfer Rüdiger Graf von der Goltz durch die Republik und referierte als ehemaliger Befehlshaber im Baltikum über den Osten, der in seinen Augen als Siedlungsland für Deutschland erschlossen werden sollte.[115]
Was macht nun die Nuance aus, die Hitlers Beschreibung von 1927 zu diesem Chor beiträgt? Sie ist ein Hinweis auf das Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation von 1806 und die seither in Österreich anders verlaufende Entwicklung im Vielvölkerstaat der Habsburger. Hitler meint indessen, „dass eine Scheidung der Geschichte etwa in eine deutsche und österreichische gar nicht denkbar erscheint. Ja, als endlich Deutschland sich in zwei Machtbereiche zu trennen begann, wurde eben diese Trennung zur deutschen Geschichte. Die zu Wien bewahrten Kaiserinsignien einstiger Reichsherrlichkeit scheinen als wundervoller Zauber weiter zu wirken als Unterpfand einer ewigen Gemeinschaft.“[116]
Sichtbar ist, dass Hitler die von Sybel aufgegriffene und fortgesetzte Verunglimpfung der Kaiserpolitik[117] nur zum Teil aufnimmt. Schlüssel zum Verständnis dieser von der preußischen Sichtweise abweichenden Gewichtung, die nichtsdestoweniger daran festhält, dass falsche Politik „unserem Volke Millionen seiner edelsten Blutträger raubte“, ist die Kolonisation der Ostmark durch die Bajuwaren, die in der kleindeutschen Diskussion mit dem preußischen Nationalstaat als Ziel aus dem Blickfeld geraten war. Sie vollzog sich während des Kaisertums der drei Ottonen nach der siegreichen Schlacht gegen die Ungarn 955 auf dem Lechfeld unter Otto I., Otto II. und Otto III. Urkundlich wird 976, also veranlasst durch Otto II., zum ersten Mal die „marcha orientalis“ erwähnt, während 996 in einer Urkunde Ottos III. erstmalig von „ostarrîchi“ als Name der „marcha“ die Rede ist.[118]
Wenn Preußen von „Ostmark“ sprachen, geschah das im Plural und bezog sich auf die an Polen grenzenden Gebiete und hatte nie etwas zu tun mit der bajuwarischen Ostmark als Ursprungsort Österreichs. Der „Deutsche Ostmarkenverein“ vollzog dann 1933 eine Namensänderung, mit der er sich öffentlichkeitswirksamer in Szene setzen wollte, und nannte sich jetzt „Bund Deutscher Osten“. Denn in den westlichen Reichsteilen war es immer schwer, für die Probleme an der preußischen Ostgrenze ein Echo zu finden. Die „Ostmarken“ interessierten westlich der Elbe kaum jemanden.[119] Im Neuen Brockhaus, Bd. 3, Leipzig 1937 wird im spaltenlangen Artikel „Ostmarkenpolitik“ noch so viel zusammenfassend festgehalten:
„Die Ostmarkenpolitik ist,
vor allem in Hinblick auf die räumliche Trennung Ostpreußens vom Reich, nur ein
Teilgebiet der übergeordneten Aufgabe der Sicherung des deutschen Ostens
geworden. Die Maßnahmen des Dritten Reichs (Siedlungspolitik, Stärkung und
Vermehrung des Bauerntums, Seßhaftmachung der Landarbeiter, planmäßige
Durchdringung, wirtschaftliche Erschließung und kulturelle Förderung des
deutschen Ostraumes) werden unterstützt durch die Bestrebungen des 1933
gegründeten Bundes Deutscher Osten.“
Hitler hingegen hält an seinem „Ostmark“-Begriff fest und zieht ihn dem Namen „Österreich“ vor, weil er mit „Österreich“ immer noch den „Nationalitätenstaat“ assoziiert, in dem die ebenfalls verachteten Habsburger die Interessen der „Ostmark“-Deutschen verraten hätten.[120] Positiv ist höchstens die Bezeichnung „Deutschösterreich“. Und „Deutschösterreich muss wieder zum großen deutschen Mutterlande“ – gewissermaßen als die „alte Ostmark des Reiches“ –, wie er gleich auf Seite 1 seines Buches verkündet, weil „gleiches Blut [...] in ein gemeinsames Reich“ gehöre.[121]
Diese Sichtweise verbreitet auch Richard Suchenwirth, Historiker und frühes Mitglied der Nationalsozialistischen Partei Österreichs, ab 1935 im Leipziger Verlag von Georg Dollheimer. Er strebt ebenfalls aus tausendjähriger Perspektive vom Mittelalter her das „Großdeutsche Reich“ an, denn „Volk will zu Volk, Volk muss zu Volk“.[122] Bei aller Distanzierung von der Italienpolitik der Kaiser nimmt er Otto I. von einer generellen Verurteilung aus, was deutlich zeigt, wie gut Otto der Große gerade von Österreich her mehr noch als sein Vater in die Ahnenreihe völkischen Denkens passte:
„Allerdings sind die deutschen Stämme auf diesen Zügen nach dem Süden erst recht zu einer Einheit zusammengewachsen. Aber das wäre auch gegen die Slawen und Magyaren möglich gewesen und hätte hier dauernden Gewinn gebracht. So aber haben wir im Mittelalter den winkenden Siegespreis verscherzt. Otto selbst hat ja in beider Hinsicht seinen Mann gestanden, und wenn auch die Zukunft nur einen Teil der Verheißungen von 955 erfüllte, so stehen doch die Ostmark Österreich und im Grunde auch die spätere Mark Brandenburg auf den Schultern des von diesem Kaiser Errungenen. So weist sein Werk überall weit über seine Zeit hinaus.“[123]
Als Hitler am 15. März 1938 vom Balkon der Wiener Hofburg „vor der Geschichte nunmehr den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich“ meldete, teilte er den Österreichern auch ihre Aufgabe mit: „Die älteste Ostmark des deutschen Volkes soll von jetzt ab das jüngste Bollwerk der deutschen Nation und damit des Deutschen Reiches sein.“
Erstaunlich, dass trotz dieses offen liegenden Hintergrunds Schwierigkeiten entstehen, wenn die Bedeutung der Bezeichnung „Unternehmen Otto“ zu erschließen ist, wie „Die militärische Weisung für den Einmarsch in Österreich vom 11. März 1938“ im Untertitel heißt.[124] In der „Anschluss“-Literatur bleibt es in der Regel bei der bloßen Erwähnung.[125] In der maßgeblichen Monographie von Norbert Schausberger wird die Bezeichnung ohne große Überzeugung mit Otto von Habsburg in Verbindung gebracht, weil der eine Zeit lang Anfang der 1930er Jahre für eine kurzfristig erwogene Restauration der Monarchie zur Verfügung stand: „Ein weiteres Missverständnis in Bezug auf den Sonderfall ‚Otto‘ liegt insofern vor, als es sich dabei (...) keineswegs um eine Interventionsrichtlinie nur für den Fall einer Restauration handelte, sondern um ein Konzept zur Ausnützung einer ‚günstigen Gelegenheit‘, zu der die Otto-Bezeichnung aus Tarnungsgründen weiter herhalten musste.“[126] Dichter an die Bedeutung reicht eine französische Arbeit von 1966 heran. Da zitiert J. Benoist-Méchin eine in „Le Temps“ vom 13. 3. 1938 wiedergegebene Stimme im Wiener Rundfunkhaus vom 12. 3. 1938: „Nach tausendjähriger Geschichte ist endlich der Tag gekommen, da ein einiges deutsches Volk wiedererstanden ist.“[127] Spätestens die mit Weisung Hitlers am 24. 5. 1938 erfolgende Umbenennung Österreichs in „Ostmark“ hätte dafür hellhörig zu machen, in welchen Traditionen Hitler sich stehen sah.[128]
Nun gibt es für die Namengebung „Otto“
keine weiteren direkten Quellen, aus denen Aufschluss darüber zu gewinnen wäre,
wen Hitler denn nun wirklich gemeint hat. Vor demselben Problem standen
Dirks/Janßen, als sie 1999 über den von General Franz Halder 1940 als „Plan
Otto“ ausgearbeiteten Russlandfeldzug ausführlich berichten. Sie schreiben,
dass unklar sei, wer auf diesen Namen gekommen war. „Zunächst benutzte es
[Stichwort ‚Otto‘] nur die Reichsbahn, doch allmählich wurde es auf alle
militärischen Vorbereitungen des Russlandfeldzuges angewandt.“[129]
Nach einer Besprechung mit Hitler schrieb Halder am 5. Dezember 1940 in sein
Kriegstagebuch: „Otto: Vorbereitungen entsprechend den Grundlagen unserer
Planungen voll in Gang setzen.“[130]
Kurz darauf ergeht dann aber am 18. Dezember 1940 für die Planungen Halders von Hitler die Weisung anstatt zu „Plan
Otto“ zum „Fall Barbarossa“.[131]
Zu dieser nun geltenden und sprichwörtlich gewordenen Tarnbezeichnung bedarf es
keiner weiteren Quellen darüber, wer gemeint ist. Es gibt auch keine, wie es ja
auch keine Quellen für die sonstigen, im Unterschied dazu aber ziemlich
nichtssagenden Tarnbezeichnungen gibt: „Fall Grün“ für den Angriff auf die
Tschechoslowakei, „Fall Weiß“ für den Angriff auf Polen, „Fall Weserübung“ für
die Besetzung Norwegens und Dänemarks, „Operation Seelöwe“ für die
Vorbereitungen zur Landung in England oder „Walküre“ für Gegenmaßnahmen bei
Aufständen im Reich selbst. Dem nach, wie Otto I. in großen Teilen
nationalgeschichtlicher Rezeption als heroischer Slawenbekämpfer oder
weitsichtiger Initiator der Slawenmission und als Held der Lechfeldschlacht
gegen Ungarn und „Asien“ dargestellt wurde und ihm als Kaiser mehr
Aufmerksamkeit zukommen konnte als seinem Vater und ‚nur‘ König gebliebenen
Heinrich I., kann es gar keinen Zweifel darüber geben, an wen Halder oder die
Beamten der Reichsbahn bei ihrer Tarnbezeichnung gedacht haben können. Es war
ihnen indessen nur nicht bewusst, dass für Hitler der Name bereits als vergeben
gelten musste, brachte Hitler doch am offensichtlichsten mit Otto I. die „alte
Ostmark des Reichs“ in Zusammenhang. Denn da „Unternehmen Otto“ eben eine Tarnbezeichnung
war, die – anders als beim drei Jahre später beginnenden „Unternehmen
Barbarossa“ – wegen des binnen Stunden erfolgreichen Einmarschs in Österreich
auch schon ihre Schuldigkeit getan hatte, wussten eh nur die am unmittelbarsten
Beteiligten von der so bezeichneten militärischen Weisung.
Unter den Tarnbezeichnungen für kriegerische Operationen fällt also nur das „Unternehmen Otto“ aus dem Rahmen, findet aber eine Entsprechung in der Wahl von „Barbarossa“, indem der Russlandfeldzug als das größte Vorhaben Hitlers und seiner Generäle als ein Kreuzzug gegen den „jüdischen Bolschewismus“ dargestellt wird. Hitler habe es nämlich „als ein günstiges Vorzeichen betrachtet, dass er von seinem Wohnsitz und Hauptquartier in Berchtesgaden aus den Untersberg sehen konnte, einen von Barbarossas legendären, wenn auch gerade nicht aktuellen Schlafplätzen“. Denn im Rahmen der von Hitler persönlich vorgenommenen Einweihung des „Hauses der Deutschen Kunst“ im Juli 1937 „wurde Barbarossa als derjenige deutsche Herrscher gerühmt, der als erster den germanischen Kulturgedanken ausgesprochen und als Bestandteil seiner imperialen Mission nach außen getragen habe“.[132]
Da sich also für die Bedeutung der Tarnbezeichnung „Otto“ nur ein Indizienbeweis führen lässt, seien noch folgende Überlegungen angestellt: Bedenkt man, unter welch „improvisatorischen“ Voraussetzungen – Hitlers vormaliger Generalstabschef Beck hatte den 1937 in Auftrag gegebenen „Sonderfall Otto“ unbearbeitet gelassen –[133] und unter zunächst nicht absehbaren Folgen vor allem hinsichtlich außenpolitischer Reaktionen es zur „Weisung“ kam und dass sie Hitlers ersten Akt in seiner neuen Eigenschaft als Oberbefehlshaber der Wehrmacht darstellt, wobei indessen „das Risiko [...] nicht sehr groß“ war,[134] und dass Hitler am Abend des 11.3. eine zweite Weisung zum „Unternehmen Otto“ erteilte,[135] könnte umso nachvollziehbarer werden, dass er sich in den Spuren eines großen Vorgängers gehen sehen musste, um sich selbst Sicherheit und Überzeugungskraft einzureden. Denn es ging um den „Auftakt der Expansionsphase“ und die „Öffnung des Südostraumes“.[136] Dieses Handlungsmuster, sich an Vorbildern zu orientieren und ihren vermeintlichen Spuren zu folgen, entspricht sowieso einer Metapher in der Denkweise Hitlers und den zahlreichen im „Dritten Reich“ abgehaltenen Totenfeiern, auf die er ebenfalls in „Mein Kampf“ hinweist, und zwar am Anfang des ersten Bandes noch vor dem ersten Kapitel und am Ende des zweiten, nämlich dem Vermächtnis der Toten „im treuen Glauben an die Wiederauferstehung ihres Volkes“ zu folgen. Und nicht nur Hitlers: So hatte sich schon der deutsche Kaiser Wilhelm II., wie in Kap. 2.2 erwähnt, „ein Beispiel an der Weltpolitik des sächsischen Kaisers Otto der Große“ genommen und geglaubt, „dass die mittelalterliche Universalität des Reichs den deutschen Imperialismus des beginnenden 20. Jahrhunderts rechtfertigte“ (Hagen Schulze, wie Anm. 11).
Parallel zur Todesfeier von Quedlinburg war 1936 an
den Herrschaftsantritt Ottos zu erinnern. Das tat, überzeugt von der Bedeutung
des Mittelalters für die Gegenwart, der renommierte Historiker Robert Holtzmann. Seine Ottobiographie
widmete er „Dem Deutschen Volke“.
Otto feierte er als einen, dessen Herrschaft bezeuge, „wie wir ein Volk
geworden sind“, und sprach davon als von „köstlichem und unvergänglichem Inhalt“.
Nach der „Gleichschaltung“ der Länder und der
Abschaffung ihrer föderalen Hoheitsrechte galt nämlich Hitler als Vollender
eines als tausendjährig angenommenen Deutschwerdungs- und
Reichseinigungsprozesses in der Nachfolge der ersten beiden Ottonen und
Bismarcks. Zum ersten Mal gab es seit der „Verordnung über die deutsche
Staatsangehörigkeit“ vom 5. 2. 1934 (RGBl. I, S. 85) für die Deutschen einen
einheitlichen Ausweis, der sie nun unterschiedslos als deutsche Staatsbürger
kenntlich machte – und das bis heute. Im vorausgegangenen „Gesetz über den
Neuaufbau des Reiches“ vom 30. Januar 1934 heißt es dazu einleitend: „Die
Volksabstimmung und die Reichstagswahl vom 12. November 1933 haben bewiesen,
dass das deutsche Volk über alle innenpolitischen Grenzen und Gegensätze hinweg
zu einer unlöslichen, inneren Einheit verschmolzen ist“ (RGBl. I, S. 75). Bis dahin zerfiel das ‚deutsche Volk‘ noch in
Preußen, Sachsen, Badener, Bayern usw., die erst als solche Reichsbürger waren
und zu ihrer nicht weiter ausgewiesenen deutschen Staatsangehörigkeit kamen.
Dem folgte am 15. 9. 1935 am „Reichsparteitag der Freiheit“ das
„Reichsbürgergesetz“, das deutsche Staatsangehörige, die nicht „deutschen oder
artverwandten Blutes“ waren, von der Reichsbürgerschaft ausschloss.
Im Unterschied zu den gleichzeitig rassistisch
verunglimpften jüdischen deutschen Staatsbürgern waren die „echten“ Deutschen
ahnenpassüberprüft also auch Reichsangehörige, was den jüdischen Mitbürgern
vorenthalten wurde. „Wenn Hitler eines geschafft hat, dann ist es die
Einheit der Deutschen“, gestanden auch die kritischeren Zeitgenossen zu.[137]
Für die Schulen hatte das unmittelbare Folgen: Aufsatzthemen konnten „Von
Heinrich I. zu Adolf Hitler“ lauten.
Die neu konstituierte „Deutsche Reichsbahn“ brauchte
noch geraume Zeit, ehe sie dieser Reichseinigung nachkam und für das gesamte
Reichsgebiet ein einheitliches Kursbuch vorlegen konnte. Aber Ende der 1930er
Jahre konnten dann Reisende ohne Umstände und Umsteigen Landesgrenzen
überschreitende Züge benutzen und direkt von Hamburg nach München fahren. Die
Autobahnen taten ein Übriges. Also deutsche Einigungseuphorie in einem
jahrelangen Kontinuum mit dem baldigen „Anschluss“ Österreichs, der
„Einverleibung“ der Sudeten und der daraus folgenden Etablierung des
Protektorats Böhmen und Mähren, damit aus Deutschland „Großdeutschland“ mit
arrondierten Grenzen wurde. – Mit Verordnung vom 3. Juli 1938 wurden dann die
Österreicher sammeleingebürgert und erhielten die deutsche Staatsangehörigkeit,
was entsprechend mit den Sudetendeutschen am 20. November 1938 geschah.
An dieser völkisch gestimmten Einigungseuphorie
wollten viele lauthals teilhaben. So gaben die Duisburger ihrem Stadtzentrum am
Anfang des Hellwegs, der in West-Ostrichtung auch an der Wewelsburg
vorbeiführt, am 1. August 1936 den Namen „König-Heinrich-Platz“, wie er heute
noch heißt. Und die Bad Soden-Salmünsteraner im hessischen Spessart, nicht
faul, zogen mit einer frisch gebohrten Heilquelle am 25. 8. 1936 als
„König-Heinrich-Spru-del“ in der Erinnerung an den „großen Volkskönig Heinrich
der Vogler“ nach.
Wie selbstverständlich schwamm Himmler in dieser
Stimmung mit und wollte sich elitär mit seinem „Orden nordischer Männer“ an
deren Spitze stellen, wobei Hitler keinen geringeren Anteil daran hatte, in
seinen Projekten tausendjährige Vorgaben erfüllt zu sehen, wie sie sich
zunächst vor allem im „Anschluss“ seiner Heimat Österreich darstellten. Dass
Himmler aus seiner Heinrichsverehrung kein Hehl zu machen brauchte, sondern sie
als besonders adeliges persönliches Kennzeichen hervorkehren konnte, lag also
in der allgemeinen Feier tausendjährigen Deutschtums auf der Hand.
Von diesen doch bemerkenswerten symbolpolitischen
Vorgängen neben dem allseits bekannten „Unternehmen Barbarossa“, alle abgesehen
von Details eigentlich spätestens seit dem Nürnberger Militärtribunal und
Frischauers Himmler-Monographie von 1953 öffentlich bekannt und für
Mediävisten, die zuvor im „Dritten Reich“ sich tausend Jahre deutscher
Geschichte erfüllen sahen, mühelos rekonstruierbar, wird bisher noch in keinem
Geschichtswerk gesprochen. Dürfte Scham Aufklärung verhindert haben, nämlich
nicht mehr an das erinnert werden zu wollen, was man doch so vollmundig dem Regime
von allen Seiten symbolisch angeboten hatte? Dafür hielt und hält man sich an
Himmler, dem „Reichsheini“, den im „Dritten Reich“ angeblich alle schon für
eine unmögliche Figur gehalten hatten, wie an einem Sündenbock nachträglich
schadlos. Er allein mochte alles Mögliche mit der Geschichte gemacht, sie wie
kein anderer „missbraucht“ und für seine Bedürfnisse geplündert haben: Es war
seinem „Spleen“ zuzuschreiben oder seiner Dämonie, von der nach wie vor auch in
seriöserer Literatur gesprochen wird. Als wäre der neben Hitler Mächtigste,
unmittelbarer als alle anderen zum direkten Zugriff auf SS-Machtmittel befugt,
als Persönlichkeit von niemandem ernst zu nehmen gewesen oder andererseits so
monströs, dass menschliches Verständnis ihm gegenüber klein beigeben müsse...
Ist er erst genügend dämonisiert, können heutige Historiker immer noch so tun, als habe die damalige Geschichtswissenschaft in Abwehr zur symbolpolitischen Instrumentalisierung Heinrichs und seines Sohnes Otto gestanden. So genannte Altmeister der Ottonenforschung schreiben in der Gegenwart über Otto I. und seine Rezeption, als hätte es das „Unternehmen Otto“ und die von Hitler am 24. 5. 1938 angeordnete Umbenennung Österreichs in „Ostmark“ nie gegeben, und behaupten, in dem folgenden Lobgesang auf die Leistungen Ottos die deutliche „Kritik an der nationalsozialistischen Abwertung Ottos“ herauslesen zu können, wo es sich doch im Gegenteil um die Integration Ottos in die zeitgleiche reichseinigungseuphorische Stimmung handelt und sich hier vor allem ein Historiker über seine Ausweispapiere freut, die ihn zum ersten Mal in der Geschichte ohne Umweg über die jeweilige föderale Landeskinderschaft direkt als Angehörigen der deutschen Nation bezeugen:
„Gegen den nationalsozialistischen Heinrich-Kult fasste Robert Holtzmann das Urteil über Otto d. Gr. programmatisch in einer Biographie zusammen, die er 1936 ‚Dem Deutschen Volke‘ widmete: ‚Einem kühnen Wollen und einer tiefen Sehnsucht der deutschen Menschen hat Kaiser Otto der Große Richtung und Sieg gegeben. Mit klarem Blick und staatsmännischem Geist hat er überall da angefasst, wo es in seinem Land Not tat. Die Ostpolitik, die dem deutschen Volk neue Räume erschloss, die Italienpolitik, die das junge Reich in den Kreis der Mittelmeervölker führte, wo der Westen und der Osten sich berührten, Welthandel und Weltgeschichte pulsierten, die Germanenpolitik, der er ein starker und weitschauender Vorkämpfer war, legen davon Zeugnis ab. Eben deshalb haben wir es seinem Wirken nach innen und außen zu danken, daß die verschiedenen deutschen Stämme, die bis dahin nebeneinander und leider nur allzu oft auch gegeneinander gestanden hatten, sich zu einer Einheit zusammenfanden, sich ihrer Gemeinsamkeit und Zusammengehörigkeit bewußt wurden. Wie wir ein Volk geworden sind: das ist der köstliche und unvergängliche Inhalt der Geschichte Ottos des Großen.‘ Deutlich ist die Kritik an der nationalsozialistischen Abwertung Ottos; deutlich wird im Rückblick auf die jahrzehntelange Kontroverse aber auch, dass die Übergänge zwischen einem nationalen und dem nationalsozialistischen Geschichtsbild fließend waren.“[138]
Dass die
nationalsozialistische Politik mit Hitler auch als militärischem
Oberbefehlshaber und seinem ersten Befehl in gut
nachvollziehbarer und damals ständig präsent gehaltener nationalgeschichtlicher
Tradition auf Otto d. Gr. und seine Söhne Otto II. und Otto III. als
symbolischen Gründern Österreichs – der „ottonischen Grenzmarken“ und
schließlich der „Ostmark“ –
zurückgriff, muss für eine solche zeitgenössische Mediävistik wie eine
böse, willkürliche Erfindung erscheinen, nachdem dieser Sachverhalt über 60
Jahre einfach nicht mehr zur Kenntnis genommen wurde, aber spätestens z.B. in
den vielen Auflagen von Walther Hofers
Dokumentensammlung zum Nationalsozialismus von 1957 für jedermann immer
zugänglich war. Dass also Holtzmann
mitnichten gegen irgendetwas Nationalsozialistisches anschreibt, sein Geschichtsbild
vielmehr darin aufgeht und er in seinem Herrscherlob von 1936 direkt auch
Hitler meint, dürfte als Tatsache anzusehen sein.[139]
Albert Brackmann als der
Ranghöchste in der damaligen Historikerschaft postierte die ersten beiden Ottonen
propagandistisch als Vorläufer in die erste Reihe des mit Kriegsausbruch
offenkundig gewordenen Ostimperialismus. Nach dem Überfall auf Polen bestellte
nämlich die SS für ihren „Ahnenerbe“-Verlag zur Rechtfertigung der in Osteuropa
ins Auge gefassten Projekte eine Propagandaschrift, die Brackmann aus dem Handgelenk lieferte: Krisis und Aufbau
in Osteuropa. Ein weltgeschichtliches Bild, Berlin 1939. Er stellt z. B.
Ottos Absicht, dem Magdeburger Erzbistum „die ganze Slawenwelt zu unterstellen“,
als den „umfassendste[n] Plan“ dar, „den je ein deutscher
Staatsmann hinsichtlich des Ostens gefasst hat“.[140]
Wie sehr Mediävisten in Hitlers Regime ihre Vorstellungen vom
Mittelalter erfüllt sahen und dass Holtzmann
und Brackmann wie auch Suchenwirth keine Ausnahmen waren, sondern
das anschaulichst verkörperten, was heute „Mediävalismus“ (Otto Gerhard Oexle) genannt wird, zeigt
ein sonst eher als nüchtern einzuschätzender Geist wie Friedrich Baethgen 1939 nach dem „Anschluss“ Österreichs und
der „Einverleibung“ des Sudetenlandes in „Großdeutschland“, dessen Grenzen sich
mehr und mehr arrondierten. „Das vergangene Jahr“, so erklärte er, „hat
uns ein Erleben gebracht von einer Größe, wie es nur wenigen Generationen des
deutschen Volkes beschieden gewesen ist. […] Eine Forderung wurde
verwirklicht, die sich mit innerer Notwendigkeit aus dem gesamten Ablauf
unserer Geschichte ergeben hatte.“ Dabei sah er den Schatten des
mittelalterlichen Reiches sich hinter dem „Großdeutschen Reich“ erheben.[141]
Einer der „Stars“ dieses Mediävalismus, Hermann
Heimpel, schrieb im gleichen Zusammenhang: „Wie frei und glücklich ruht aber unser Blick auf dem
Ersten Reiche der Deutschen. Nicht ihm erborgt, sondern neu beschworen ist die
Kraft, aus der Adolf Hitler den Deutschen ihr Reich erhöhte. [...] Österreich
fand heim - die Krone der Könige wird im Großen Deutschen Reich gehütet. Die
‚neueren‘ Zeiten des geschwächten Deutschlands sind vorüber. Was aber
erstritten wird, war auch die Ordnung des Ersten Reichs: der Friede der Völker
aus der Kraft ihrer Mitte.“[142]
Ein gebranntes Kind erteilt dieser nationalen Konstruktion des Mittelalters auf
seine Art eine Absage. Es ist der aus dem heute in Polen gelegenen Bromberg
gebürtige Joachim Fernau, der sich 1972 zur ‚deutschen Kaiserherrlichkeit‘
äußert: „Ja, es ist wahr, sie war groß. Aber die wenigsten sehen, daß von
dieser ‚großen‘ Zeit außer den Erinnerungen keine staatspolitischen
Auswirkungen, nichts, aber auch nicht das geringste auf unsere heutige Zeit
überkommen ist. Die 300 Jahre, die damals mit Heinrich I. begannen, waren die
schönsten – und vergeblichsten. Die sinnvollsten (damals) und die sinnlosesten
(heute). Sie sind die allertotesten.
Und die allergefährlichsten für unsere Träume.“[143]

Heinrich I. und Otto I. in einer volkstümlichen
Darstellung
(Auffällig die Größe Heinrichs neben seinem Sohn. Das entspricht der
preußisch-nationalen Hochschätzung, in der bereits F. L. Jahn Heinrich als den
Großen und seinen Sohn Otto für die nationalen Belange gar nicht erwähnte. Auch
Ernst W. Wies hätte in seiner Ottobiographie von 1989 am liebsten Heinrich I.
den Großen genannt, wo er doch für ihn „zu den tragenden Vätergestalten der
Weltgeschichte“ gehört. Je nach
Gewichtung der mittelalterlichen Italien- und Rompolitik konnte so Heinrich oder
Otto in der Zuerkennung von Größe vorgezogen werden.)
Eine auffällige, aber sicher nicht die beste
Gelegenheit zur Reflexion und Aufarbeitung der seit dem Nürnberger Prozess bekannten
Fakten dürften 1996 die Feierlichkeiten zum 1000-Jahre-Österreich-Jubiläum
gewesen sein. Aber da wurde selbstverständlich (?) Hitler nicht erwähnt, der
sich indessen auf die gleichen tausendjährigen Genealogielinien berief. Diese
hatten parallel zum „Anschluss“ ein anderes, gegensätzliches Phänomen
generiert, das zusätzlich zeigt, wie flächendeckend die Ottonen zur
Instrumentalisierung anstanden: Während der „Anschluss“-Phase existierte
kurzfristig eine widerständige Studentenverbindung, die sich die „Ottonen“
nannte und als Gegenreaktion auf die nationalsozialistischen Bestrebungen
verstand. Sie löste sich infolge der schnell einsetzenden Verfolgung schnell
auf, und ihre Mitglieder verschwanden in der Illegalität.[144]
Hätte man sich bei den Feierlichkeiten auch auf diese Studentenverbindung, die
lediglich zwei Monate existierte, berufen, wäre insgesamt über den Sinn von
Instrumentalisierungen bei nationalgeschichtlich zu gewichtenden Vorgängen zu
sprechen und eben auch Hitlers damals weit abgesichertes Legitimationsverfahren
zu reflektieren gewesen.
Wenn man bedenkt, welche Rolle Juden als wichtige Verbindungs- und
Kaufleute im mittelalterlichen Reich in den islamischen Orient spielten, dass
Otto d. Gr. wie auch sein Sohn Otto II. bekannterweise ihre Rechte in Magdeburg
oder Mainz bestätigten, Otto II. sogar ausdrücklich die Familie der Kalonymiden
am Rhein angesiedelt haben soll, dass Bischöfe, Fürsten, Könige und Kaiser
lange Zeit eine schützende Hand über die Juden hielten und Barbarossa von den
Juden als Heilsbringer um Schutz angerufen wurde, wird umso deutlicher, dass
die Instrumentalisierung mittelalterlicher Herrscher in späteren Zeiten und vor
allem im deutschen Nationalismus und Nationalsozialismus je eigenen Interessen
folgte und sie jetzt sogar das Patronat für die Vertreibung und Vernichtung
jüdischer deutscher, österreichischer und schließlich europäischer Mitbürger
übernehmen mussten. Der rassisch-völkische Blickwinkel ist eben einer, in dem
wie bei allen Instrumentalisierungen die Bedürfnisse der Gegenwart in die
Vergangenheit so projiziert werden, dass die vergangene Wirklichkeit in
isolierender Rezeption nur mehr zum Schein vergegenwärtigt wird.
Denn worum ging es bei den auffälligen
Instrumentalisierungen Hitlers und Himmlers? Beide agierten in Zusammenhängen,
die das Gewohnte so durchbrachen, dass es in der sie umgebenden Bezugsgruppe
keinen professionalisierten Rückhalt außer dem bloßer Anhängerschaft nach dem
Führer-Gefolgschaftsprinzip geben konnte. Gerade im Zusammenhang des
„Anschlusses“ fällt auf, unter welchem Bewährungsdruck sich Hitler stehen sehen
musste, nachdem er sich am 4. 2. 1938 selbst zum Oberbefehlshaber der Wehrmacht
erklärt hatte und jetzt zum ersten Mal in dieser Eigenschaft aktiv in Erscheinung
treten wollte. Der „Anschluss“ war ein widerrechtliches Unterfangen, mit dem
das in Europa inzwischen etablierte Nationalstaatsprinzip unterlaufen und
ausgehebelt werden sollte. Als im März 1938 für Hitler nach Einschätzung der
internationalen Lage der günstige Moment gekommen zu sein schien, war also zu
improvisieren. Woher aber bei offenem Ausgang die Sicherheit des Gelingens
nehmen, wenn das eigene Umfeld das Gegenteil kompetenten Rückhalts liefert? Es
muss woanders ausgeborgt werden, nämlich bei in der historischen Überlieferung
bereit gehaltenen abrufbaren Vorbildern, die man in mutmaßlich ähnlicher Lage
zum Erfolg schreiten sah. Karl der Große hatte schon im Südosten seines Reiches
den Awaren gegenüber mit der Einrichtung von Marken für Sicherheit gesorgt.
Wenn man so will: In der Wiederaufnahme karolingischen Erbes war es Otto
gelungen, in der siegreichen Auseinandersetzung mit einem östlichen Feind die
Voraussetzung zur Bildung der bajuwarischen Ostmark zu schaffen. Und Hitlers
Erfolg gestaltete sich, schließlich risikofrei, ebenfalls imperial; und was
Bismarck mit der Reichsgründung nur „kleindeutsch“ gelungen war, wurde bei
Hitler jetzt „großdeutsch“, „denn eine Scheidung der Geschichte etwa in eine
deutsche und österreichische“ erschien ihm ja „gar nicht denkbar“.
So fand eine rein nationalsozialistische 12-jährige Politik im damals
flächendeckenden „Mediävalismus“ und seinen auf einen Jahrtausendraum bezogenen
Beschwörungsformeln ihr von allen Seiten anerkanntes und euphorisch
aufgeladenes Legitimationsalibi. Dieser Mediävalismus war indessen nur eine
Sonderform des seit dem 19. Jahrhundert europaweit vorherrschenden Historismus,
in den sich die fortdauernden Herrschaftsformen des „ancien régime“ in
ihren überholten Feudalstrukturen nach Arno
J. Mayer bis weit ins 20. Jahrhundert konterrevolutionär einkleideten,
so dass noch Goebbels für die Nationalsozialisten befand, dass mit der „Revolution
von 1933“ „das Jahr 1789 aus der Geschichte gestrichen“ sei.
Auch
Himmlers volkstumspolitisch willfährige Wissenschaftlerstäbe, denen Michael Fahlbusch (vgl. http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/BEITRAG/essays/fami0500.htm)
bisher am intensivsten nachgeforscht hat und die er in allen universitären
Fachbereichen mit einem von Reichswissenschafts-, Reichsinnenministerium und Reichssicherheitshauptamt
der SS üppig bestückten Forschungsetat für ungefähr 1000 Personen dingfest
machen konnte, berücksichtigten in den
bei ihnen bestellten Planungen, mit denen das im Polen- und Russlandfeldzug
begonnene „Programm Heinrich“ für die Gewinnung von „Lebensraum im Osten“
konkretisiert werden sollte, die mediävalistischen Vorgaben. So finden sich in
dem am 28. Mai 1942 vorgelegten „Generalplan Ost“ dem mittelalterlichen Feudal-
und Lehnswesen entliehene Begriffe, als hätte es wirklich um die Wiederaufnahme
und Fortsetzung der mittelalterlichen „Ostsiedlung“ gehen sollen. Die
Siedlungswilligen werden „Lehensfähige“ genannt, aus denen „Lehnsnehmer“
werden können. Weitere in diesem Zusammenhang verwendete Begriffe sind „Belehnung“,
„Lehenshöfe und –stellen“, „Zeitlehen“, „Erblehen“, und
zur Streitschlichtung sollten „Lehensgerichte“ geschaffen werden. Die
Siedlungsgebiete selbst wären dem althochdeutsch-mittelhochdeutschen Sprachgebrauch
folgend „Marken“ im Sinne von „Grenzgebieten“ gewesen. An ihrer Spitze
hätte der „Markhauptmann“ gestanden. Diese etymologische Rückbesinnung
führte mit dem Vorrücken der militärischen Ostgrenze 1942 zur Löschung des
„Mark“-Begriffs im „Großdeutschen Reich“, so dass sowohl Österreich als
„Ostmark“ im Januar 1942 eine weitere Umbenennung in „Donau- und
Alpenreichsgaue“ erfuhr, wie auch die ab 1933 bestehende „Bayerische Ostmark“
entlang der tschechoslowakischen Grenze dann „Gau Bayreuth“ hieß.
Diese mediävalistische Einkleidung diente der
Legitimierung der rein rasseimperialistischen Zielsetzung und folgt dem Muster,
das willkürlich handelnde Herrscher und Anführer in der Regel bemühen, wenn sie
sich in der von Nationalgeschichtsschreibung anerkannter und für die Gegenwart
als musterhaft ausgegebener Traditionslinie stehen sehen wollen.[145]
Nicht anders hatte, wie Talleyrand in seinen Memoiren überliefert, Napoleon vor
der französischen Bischofskonferenz die Legitimation für sein Selbstbewusstsein
aus der gleich dreimal wiederholten und schließlich gebrüllten Behauptung
abgeleitet, er sei Karl der Große.
Dem kommen andere im Volksglauben verhaftete
Traditionen entgegen: In kritischen Zeiten glaubt man an die Wiederkunft
einstmals erfolgreicher Herrscher als Erlöser. Um Karl den Großen, Friedrich
Barbarossa und seinen Enkel Friedrich II. waren solche Sagen entstanden. Im
Nachwort zu einem Heinrichsroman von 1942 heißt es dann in Bezug auf Heinrich
I., dass das Volk ihn zu denen zähle, „die ‚wiederkommen müssen‘, nicht
gestorben sind, sondern irgendwo im Verborgenen warten, bis ihre Zeit erfüllt
ist“.[146]
Wenn Himmler seinen Freund und Chronisten Hanns
Johst als „SS-Barden“ zu einer epischen Gestaltung des Kriegsgeschehens
verdingt hatte, damit nach dem Sieg die „Heinrich-Saga“ in entsprechender Umgebung,
zu der die Wewelsburg ausgestaltet werden sollte, zum Vortrag käme (vgl. S.
24), dann gehörte das in das Traditionsumfeld von Herrschaft, die sich der
Legitimation ihrer Unrechtstaten über Siege und ihre propagandistische
Verherrlichung versichern will. (Erstes Produkt von Johsts Chronistentätigkeit
war, nachdem er 1940 im Sonderzug
„Heinrich“ Himmler in die polnischen Kriegsgebiete begleitet hatte, die
romanhafte Schilderung „Ruf des Reiches - Echo des Volkes! Eine Ostfahrt“
[München 1942].) Denn dass dem Sieger alle Verbrechen verziehen werden,
entsprach schon Hitlers Argumentationsimpetus, mit dem er am 22. August 1939 in
einer Geheimrede auf dem Berghof bei Berchtesgaden seine Generäle zum Überfall
auf Polen einstimmte. Im Bewusstsein von der Bedeutung des Geplanten und seiner
siegreichen Umsetzung genügte Himmler nicht einmal ein einziger
Schriftsteller: In Gestalt des Erfolgsschriftstellers
Edwin Erich Dwinger hoffte er, allerdings vergeblich, auf eine massenhafte
Verbreitung der Schilderung seiner Kriegstaten in Form historischer Romane
(Breitman, wie Anm. 53, S. 237 f.). Denn Dwinger hatte bereits über seine
Kriegserlebnisse im Ersten Weltkrieg und als Kriegsgefangener in Russland
einige Bücher und als weiteren Bestseller 1940 „Der Tod in Polen. Die
volksdeutsche Passion“ veröffentlicht und sich anders als Johst in
osteuropäischen Kriegsangelegenheiten als erfahren ausgewiesen.
Aber auch die sich wissenschaftlich gebende Literatur stimmte noch im
Kampf reichs-euphorisiert in die epische Sichtweise ein, als einer der
Heinrichsmonographen von 1936 die 3. Auflage seines Buches so bevorwortet:
„(...) Europa zu befrieden.
Diese Aufgabe vermag nur Das Reich zu erfüllen, das einmalig ist und
war! Einst war das mittelalterliche Deutsche Kaisertum der Garant einer Ordnung
des Abendlandes. Heute ist diese Aufgabe dem Großdeutschen Reich gestellt.
(...) So hoffe ich, daß auch noch Abseitsstehende Heinrich fernerhin nicht mehr
als ‚kleindeutschen Musterkönig‘ bezeichnen, sondern das Originale und Schöpferische
des von ihm in einem halben Menschenalter geschaffenen Reiches als der Einheit
aller Deutschen erkennen werden. (...) Seit Frühjahr 1942 stehe ich wieder bei
der Waffen-SS an der Ostfront und konnte die neuerschienene Literatur nicht
mehr berücksichtigen.
An der Ostfront, im März 1943.“ (Thoss, wie Anm. 72, S. 7 f.)
– Für Manfred
Hülsebruch, kundiger
Standesbeamter in Bad Wildungen –
„Das deutsche Gewissen ist rein, denn all das Böse, Gemeine, Kriminelle, das in Deutschland und den besetzten Ländern zwischen 1933 und 1945 geschah, geht auf Himmlers Schuldkonto.“
Willi Frischauer, 1953
Willi Frischauers
Buch von 1953 über Heinrich Himmler ist unübersetzt geblieben. Vor den
Nationalsozialisten aus Wien nach England geflohen, lag ihm schon zeitig daran,
herauszubekommen, wie Himmlers Macht als Herr über Sicherheitsdienst und
Polizei funktionierte, so dass er sogar bei Gelegenheit, wie er herausbekam, in
England ausfindig und dingfest gemacht werden sollte. Die Aussagen zahlreicher
Herrschaftsträger aus der Funktionselite des „Dritten Reichs“, die er noch hat
interviewen können, ließen ihn zu der Überzeugung kommen, dass sie sich, durch
Himmlers Selbstmord nicht mehr mit ihm konfrontiert, auf seine Kosten schadlos
hielten. Inzwischen weiß man selbstverständlich mehr, aber Guido Knopp muss sich noch 2002 darüber
beklagen, dass es bisher keine umfassende Biografie über Himmler gibt, die
wissenschaftlichem Standard entspräche. So stellt er fest, dass „das
Interesse am ‚Reichsführer SS‘ [...] bemerkenswert gering“ blieb.
Eine seiner Erklärungen dafür ist, „dass die Beschäftigung mit Himmler zu
unbequemen Schlüssen führen kann. Denn wenn erst einmal alle Dämonisierung, zu
der insbesondere die Mittäter im Interesse der eigenen Schuldminderung
beigetragen haben, beiseite geschoben ist, dann bleibt ein wankelmütiger
Mensch, der in erster Linie das Produkt seiner Epoche war. Alle – vornehmlich
angelsächsische – Versuche, Himmlers Handeln als Ausdruck folgenschwerer Geisteskrankheit
mit schizoiden Charakteristika zu erklären, führen in die Irre.“ Das
hindert Knopp nicht daran, das
Himmler-Kapitel seines Buches über die SS mit „Himmlers Wahn“ zu
überschreiben, von seiner „vergifteten Lektüre“, seiner Flucht „in die
bizarre Scheinwelt seiner Bücher“, seiner „blasphemischen Ersatzreligion“
und „schamloser“ Adaptierung christlicher Elemente, seiner „düsteren
Vision vom Lebensraum im Osten“ oder vom „heimtückischen Wesen des
SS-Chefs“ zu sprechen. Dieses Bild vom schließlich zweitmächtigsten Mann
neben Hitler oder gar „nach 1936 potentiell mächtigsten Mann Deutschlands“ (Hannah
Arendt) hat Tradition seit Joachim
C. Fests Porträt von 1963. Der scheut sich nicht, Himmler durchweg
verächtlich zu machen, wenn er z. B. Aussagen aus dessen Reden zusammenstellt
und kommentiert: „wahrlich, die Visionen eines Hühnerzüchters aus
Waltrudering!“ Und ihn zusätzlich „abseitigster Neigungen“ zu
bezichtigen. Hannah Arendt sagt
hingegen von ihm, dass er „ ‚normaler‘ als irgendeiner der ursprünglichen
Führer der Nazibewegung“ war, kein „verkommener Intellektueller
wie Goebbels, noch ein Scharlatan wie Rosenberg, noch ein Sexualverbrecher wie
Streicher, noch ein hysterischer Fanatiker wie Hitler, noch ein Abenteurer wie
Göring“. Als aber in der „Zeit“ im Oktober 2000 in einem
„Zeitläufte“-Artikel anlässlich des 100. Geburtstags Himmlers gedacht werden
sollte, blieb dieses Datum unerwähnt, und Karl-Heinz Janssen schrieb, die
Perhorreszierung zum Schein aufnehmend, dass von „einem besonders finsteren
Repräsentanten des ‚Dritten Reiches‘“ zu reden sei, „an den heute nun
wahrlich niemand erinnert werden will“. Und dann erinnert er an ihn... Ich
werde darauf verzichten, gefälligst heilige Aura verbreitende Begriffsbildungen
zu benutzen und werde z. B. Wörter wie „Zivilisationsbruch“ usw. vermeiden.
Denn solche Prägungen leben in anderer Weise genauso von der Dämonisierung, in
deren Folge die Enkelgeneration der Täter sich dann die Familiengeschichte ohne
Nazi-Opas zurechtlegt. Alle auf ritualisierte Dauerwiederholung gestellten, auf
„Einmaligkeit“ getrimmten Begrifflichkeiten sind nämlich kontraproduktiv in der
Weise, dass im unbewusst auf Ausgleich sinnenden Familiengedächtnis in der
Erinnerung alle Opas zu Widerständlern stilisiert werden, so dass die von
gegenwärtiger political correctness immer als besonders herausgestellten
Einmaligkeiten des Nazi-Regimes ohne das Zutun eigener Opas nur auf einem
anderen Planeten mit einer fremden Menschengattung stattgefunden haben können,
aber nicht mit Beteiligung der eigenen näheren Vorfahren.[147]
Dass gerade Himmler einer wie auch immer beschaffenen Zivilisation
verhaftet blieb und in ihrem Sinne Haltung bewahrte, zeigen z. B. die endlosen
Beteuerungen in seinen Reden, wie „anständig“ doch alle bei allem, was sie
taten, geblieben seien und weiter sind. „Ganz normale Männer“ eben, wie
sie Christopher Browning
beschreibt.
Allerdings sind nur ganz wenige Reden zu Himmlers Lebzeiten
veröffentlicht worden. Unter ihnen die, die er für die wichtigste seiner Karriere
gehalten haben soll, nämlich die Quedlinburger Todestagsrede auf Heinrich I. am
2. Juli 1936. An ihrer Publikation war ihm gelegen, zumal er sonst nie mehr wie
damals per Rundfunkübertragung vor der ganzen Nation gesprochen hat und über
einen Zeitraum von 1000 Jahren eine Parallele zwischen der Herrschaft Heinrichs
I. als Reichsgründer und Hitler als Vollender der Reichseinigung ziehen konnte.
Die anderen Reden Himmlers sind seit 1945 reichlich überliefert und immer
wieder Bezugspunkt, wenn ein Schlaglicht auf seinen Charakter geworfen werden
soll. Es sind keine öffentlichen Reden mehr, sondern sie gelangten jeweils vor
ausgewähltem geladenen Publikum zum Vortrag und unterlagen z. T. der Geheimhaltung.
Im Unterschied zu vielen vernichteten Dokumenten in seiner Hinterlassenschaft
sind sie erhalten geblieben und die für sein Denken zugänglichsten und
aufschlussreichsten Belege. Vor allem die berüchtigte Posener Rede vom 4.
Oktober 1943 wird seit dem Nürnberger Prozess mit ihren Völkermordpassagen
immer wieder als Beleg für Himmlers Verworfenheit zitiert. Niemand wollte
deshalb mehr daran erinnert werden, gerade bei dieser Rede als Augen- und
Ohrenzeuge in Posen anwesend gewesen zu sein, wie das in besonderer Weise
Albert Speer lange genug erfolgreich durchexerziert hat.
Ich habe mich für die Rede vor einem SS-Junkerjahrgang entschieden, die
Himmler am 23. November 1942 in Bad Tölz hielt. Sie zeigt Himmler in einem Augenblick,
als er dem Höhepunkt seiner Macht zustrebt, den er bei seiner Posener Rede mit
der Ernennung zum Reichsinnenminister erreicht hat. 1942 zieht er Bilanz über
das bisher von den Nationalsozialisten Vollbrachte und entwirft das, was in den
nächsten zwanzig Jahren noch zu geschehen hat und wozu er die jungen Männer aus
allen Ländern Europas als künftige Funktionselite in der Waffen-SS motivieren
möchte.
Ehe ich jedoch mit der Analyse beginne, ist an etwas anderes zu
erinnern. Es darf nämlich nicht vergessen werden, dass Himmler seit
Kriegsbeginn 1939 eine Zyankalikapsel bei sich trug, für deren Unterbringung
eine Zahnlücke im rechten Unterkiefer präpariert war. Das gibt seinen
Äußerungen einen doppelten, gewissermaßen selbstmörderischen Boden und zeigt,
dass er sich in allem Tun und Reden selbst und natürlich anderen nie völlig
über den Weg trauen konnte. Jede unvermeidliche Berührung der Zungenspitze mit
der Zahnlücke musste ihn daran mahnen.
Himmler trennte offenbar zwischen sich und seiner Rolle, mit der er
sich nie ganz identisch fühlte. Deshalb handelte er sozusagen wie unter
Vorbehalt, wie einer, der nie völlig bei sich selbst war. Während er auf
Veranlassung seines Führers morden ließ, sich dafür auch als verantwortlich
bekannte – „wir – wir insgesamt – haben das für unser Volk getragen, haben
die Verantwortung auf uns genommen (die Verantwortung für eine Tat, nicht für
eine Idee) und nehmen dann das Geheimnis mit in unser Grab“ (Rede in Posen
am 6.10.1943) –, lebte er bei aller ihm zugefallenen Macht wie ein tödlich
durch sich selbst Gefährdeter. Und Geheimnis ist nichts geblieben. Denn sogar
von dieser Rede gibt es eine überlieferte Aufzeichnung, weil Himmler sie
möglicherweise bei einem Sieg als Dokument für den mühsam, aber gegen alle
Widerstände trotzdem errungenen Ruhm hätte noch verwenden wollen! (Nach der
glaubwürdigen Aussage eines meiner Schüler gibt es ein Buch mit dem Titel „Himmlers
Wege“, von einem Gefährten Himmlers verfasst, auf 136 Seiten
handgeschrieben, aber gebunden, in dem die Vernichtungslager mit den von
Himmler gewählten Namen „Heinrichs Wille“ oder „Heinrichs Faust“
benannt werden. Sein Vater habe es für 26.000 D-Mark erworben und verwahre es
unzugänglich in seinem Safe. – Wohl ein in einem KZ von einem Häftling in
angeblich mittelalterlicher Tradition, an der Himmler so viel lag, spät über
die dunklen Wege des Militaria-Handels in „Liebhaber“-Hände gelangtes,
kunstvoll gefertigtes Produkt!)
Wäre vom heutigen Leser von Himmlers Äußerungen zu erwarten, dass er
sich dieses Gleichzeitige, Doppelte oder beständig gegenwärtige Schizoide, im
wörtlichen Sinn Gespaltene immer zu vergegenwärtigen hätte, wollte er das
verstehen, was doch auch zu verstehen sein muss? Mit welcher
Selbstverständlichkeit kann ich es von mir selbst erwarten und verlangen, der
ich zufällig über den Namenspatron an meinem ehemaligen Arbeitsplatz auf Himmler
stieß? Indessen ist zwar von „Bruder Eichmann“ (Heiner Kipphardt), aber
noch nirgends von „Bruder Himmler“, dieser „reichlich peinlichen Verwandtschaft“
gesprochen worden, wie das Thomas Mann 1939 in den USA von „Bruder Hitler“,
diesem „unangenehmen und beschämenden Bruder“, tat. – Da Mimesis eine Konstante unserer kulturanthropologischen
Mitgift ist, Sozialisation ohne Mimesis gar nicht vonstatten gehen kann, wir
alle, wenn wir nicht gerade schlafen, beständig in der Gesellschaft anderer
naturwüchsiger Rollenträger anpassungsfähig eine oder mehrere Rollen spielen,
also immer auch fürs jeweilige Spiel die jeweils benötigte Maske tragen (können),
sollte jeder eigentlich in der Lage sein, sich ohne Abscheubekundungen und
allzu viel Horror auf den Horror und auf jemanden wie Himmler einzulassen.
„Meine lieben
Junker!
Vor 8 Jahren wurde
hier in Tölz diese Junkerschule eröffnet, nicht hier in diesen schönen Gebäuden
und Kasernen, sondern in einem zwar auch schönen jedoch kleinen Gebäude im
anderen Stadtteil. Es war in der Frühzeit der Machtergreifung. Gerade ein Jahr war vergangen, dass der Führer am 30. Januar
1933 zur Führung des deutschen Volkes berufen wurde, und wir waren damals im
Begriff, mit Vorstellungen und Anschauungen der Vergangenheit fertig zu werden,
die ihr als Angehörige eines deutschen oder germanischen Stammes zum größten
Teil gar nicht mehr kennt.
Noch waren erst 60 Jahre vergangen, seit 1871 in Versailles das
deutsche Reich wieder gegründet wurde. Aus mehr als 200jähriger Zersplitterung
und Uneinigkeit, in die das germanische Herz Europas seit dem 30jährigen Krieg
hineingeraten war, entstand endlich das Reich Bismarcks. Wie stark sich dieses
Reich in der kurzen Spanne von 44 Jahren gefestigt hatte, zeigte der Weltkrieg.
Zwar zogen wir noch nicht als einheitliche deutsche Armee in diesen Krieg, noch
konnte der deutsche Kaiser nur die kaiserliche preußische Armee mobilmachen,
während der König von Bayern als oberster Kriegsherr der bayrischen Regimenter,
in einem derselben auch ich diente, die Mobilisierung verkündete und
freundlicherweise zur gleichen Zeit den Krieg erklärte. Aber trotz dieser
Halbheiten und Kompromisse war das Reich damals so stark, dass 1914/18
Millionen deutscher Menschen bereit waren, für das Reich ihr Leben einzusetzen,
und vier Jahre hindurch heldenhaft gefochten haben. Es war so stark, dass es
auch die schweren Jahre 1919/20, Jahre grauenvollen Elends, größter Not und
moralischer Verkommenheit überstand; aber die Verfallserscheinungen nahmen
immer mehr zu.
Der erbitterste Gegner des Führers war damals nicht der Kommunismus,
sondern der Separatismus. Der 9. November 1923, so sehr er nach außen hin eine
verlorene Schlacht schien, war doch - geschichtlich betrachtet - ein Sieg über
den Separatismus, denn an diesem Tage wurde die so sehr bedrohte Einheit des
Reiches gerettet. Der Marsch des Führers und der Partei zur Feldherrnhalle
zerschlug den Plan der Gegner, das Reich zu zertrümmern. Unsere Partei war es,
die von Anfang an den großdeutschen Gedanken vertrat, den Gedanken an das
Reich, das seit über 1.000 Jahren in deutschen Herzen lebendig ist. Jeder von
uns, der damals von Reich sprach, konnte nur dieses 1000jährige deutsche Reich
meinen. Ehemals hieß es: das heilige römische Reich deutscher Nation. In Zukunft
aber wird es heißen: das heilige germanische Reich deutscher Nation!
Was ihr auch nicht mehr kennt, ist die Stellung der Juden und Pfaffen
im bismarckschen Reich. Die Juden spielten sich ehemals als die treuesten Bayern,
die treuesten Sachsen und die treuesten Württemberger auf. Genau dasselbe taten
die Pfaffen. Sie warfen sich zu den besten Vertretern der Sonderinteressen der
Länder auf. Juden und Pfaffen waren damit die schärfsten Gegner der
Reichseinheit und der Reichsinteressen. Ihr Einfluss auf die Spießbürger war
sehr groß. Denn diese glaubten, wenn der jüdische Herr Kommerzienrat und der
geistliche Herr Rat eine Sache vertraten, dann müsse sie schon ihre Richtigkeit
haben. In allen Vereinen und Verbänden waren sie an führender Stelle zu finden,
stets bemüht, die Aufspaltung des Reiches in Länder, Parteien und
Interessengruppen zu erhalten.
Nach schweren Kämpfen brachte dann das Jahr 1933 den Sieg unserer
Partei und die Machtergreifung. Der eiserne Wille des Führers und seiner
Mitarbeiter, niemals zu kapitulieren, hat sich gegen alle Widerstände durchgesetzt.
Im Jahr 1934 wurde diese Schule gegründet. Die ersten 54 Junker, von denen
bereits eine größere Anzahl gefallen ist, und von denen andere als
Bataillonskommandeure oder in höheren Stäben Dienst tun, besuchten damals als
SS-Männer die Schule. Sie alle hatten noch diese Nachkriegserscheinungen
durchgemacht und mussten sich noch mit all diesen Dingen auseinandersetzen, von
denen ihr heute nurmehr wenig verspürt. Vor 10 Jahren erlebte der deutsche
Mensch die Wandlung zum Deutschen, aus dem Preußen, dem Bayern oder dem
Württemberger wurden Deutsche. Und wiederum nach 5 Jahren musste der Deutsche
dann eine weitere Wandlung in seinem geschichtlichen Erwachen mitmachen:
Österreich kehrte heim, die Grenzen zwischen Deutschen gleicher Sprache und
gleicher Sitten hörten damit auf zu bestehen, das großdeutsche Reich war
Wirklichkeit geworden.
Für dieses Reich ist schon viel des besten Blutes geflossen, in den drei
schlesischen Kriegen, von denen allein der letzte 7 Jahre dauerte, und 1848, wo
deutsche Männer für die Einheit Großdeutschlands starben. Die Gründung
Großdeutschlands war allmählich eine zwingende Notwendigkeit geworden, denn
viele der besten Germanen haben sich gläubig dafür eingesetzt, um den Boden für
das Reich zu bereiten.
Im Jahre 1938 konnte dann ein Sohn des deutschen Volkes, der - geboren
in Österreich - als deutscher Soldat in einem Münchener Regiment vier Jahre für
Deutschland gekämpft und geblutet hat, die Sehnsucht nach dem Reich
verwirklichen und unter Ausnutzung der damaligen politischen und militärischen
Verhältnisse Österreich ins Reich heimholen. Der Klein-Deutsche wurde damit zum
Groß-Deutschen. Wir sind immer erst Großdeutsche, dann erst kommt die Liebe zur
engeren Heimat. Es gibt auch heute noch Menschen, die diese großen Gedanken
noch nicht so recht fassen können, jedoch wird man in 10 Jahren davon nicht
mehr sprechen und in 20 Jahren wird man nichts mehr davon wissen.
All diese Probleme sind heute mehr oder weniger in den Hintergrund
getreten. Heute belasten uns die Fragen der Konfessionen, der Kirche und des
Christentums. Über die Judenfrage wird heute nicht mehr diskutiert. Und doch
fragte man sich früher: Kann man einen Juden, der ein Christ geworden ist, so
schlecht behandeln? Aus dieser religiösen Befangenheit heraus glaubte man lange
Zeit die Verschiedenartigkeit der Rassen nicht vertreten zu dürfen. All das ist
für euch heute vorbei, glaubt aber darum nicht, dass ihr darum weniger wichtige
Aufgaben habt. Der Boden ist bereinigt, der Gedanke des germanischen Reiches
mit seinem deutschen Herzen ist klar, weil das deutsche Volk das größte der
germanischen Völker ist.
Gelöst ist auch das Problem der Klassen und Stände. Nicht Stand und
Abstammung sind entscheidend, sondern der Wert und die Leistung! Jede Arbeit,
die der Allgemeinheit, der Nation dient, ist ehrenhaft. Früher konnte ein Offizier
niemals die Tochter eines Maurers heiraten, heute jedoch sind das alles
überlebte Dinge, besonders in den Reihen der Partei und der SS. Maßstab sind
persönlicher Wert und Leistung, alles andere ist gleichgültig.
Völlig gewandelt hat sich auch die Judenfrage in Europa. Der Führer
sagte einmal in einer Reichstagsrede: Wenn das Judentum einen internationalen
Krieg etwa zur Ausrottung der arischen Völker anzetteln sollte, so werden nicht
die arischen Völker ausgerottet, sondern das Judentum. Der Jude ist aus
Deutschland ausgesiedelt, er lebt heute im Osten und arbeitet an unseren
Straßen, Bahnen usw. Dieser Prozess ist konsequent, aber ohne Grausamkeit
durchgeführt worden. Wir quälen niemanden, aber wir wissen, dass wir um unsere
Existenz und die Erhaltung unseres nordischen Blutes kämpfen. Die Erde wäre
nicht das, was sie ist, ohne das nordische Blut, ohne die nordische Kultur und
den nordischen Geist. Wenn wir aber unsere nordische Art erhalten wollen, dann
müssen eben die anderen ausgemerzt werden. Von uns wurde dieser
Ausscheidungsprozess eingeleitet und das Schicksal selbst wird ihn vollenden.
Ihr jedoch als die späteren Führer habt die Verantwortung für diese Geschehen
mitzutragen, ihr habt den seelischen und geistigen Grund in Eure Männer zu
legen, damit sie niemals wieder weich werden und den Juden oder eine ähnliche
Unterrasse in unser Reich aufnehmen.
Ihr kommt in Gebiete, wo es viel fremdes Blut gibt, denn das Reich
wird sich weit nach dem Osten ausdehnen. Viele Völker verschiedenster Art leben
in diesem Raum. Seid darum für euch und eure Männer Hüter und Wächter des
Erbgutes und lehnt fremdes Blut ab. Habt soviel Selbstzucht, daß ihr Euch nicht
mit fremden Blut mischt.
Kolonien kann man schon nehmen, denn man braucht sie für manche
Produkte. Die Hauptkolonie unseres Reiches ist aber der Osten: Heute Kolonie,
morgen Siedlungsgebiet, übermorgen Reich! Zu Hause sind wir nur in unserem
Reich und niemals in einer afrikanischen Kolonie; das würde unsere Art
verderben und 200 Jahre später würde aus dem germanischen Herrn ein Afrikaner
werden. Sehen wir uns doch einmal die Völker Südamerikas an, die einstmals
Spanier waren. Wer waren die Spanier? Die Namen der Provinzen sagen es uns:
Katalonien heißt Gatalonien, Andalusien heißt Vandalusien. Sie waren also Goten
und Vandalen, letzten Endes unsere Vorfahren. 700 Jahre Leben in einem
zermürbenden Klima, unter einer heißen Sonne und in fremdartiger Umgebung,
fremdrassigen Einflüssen ausgesetzt, haben das germanische Bluterbe verloren
gehen lassen. Jede Generation ist dafür verantwortlich, dass das nie mehr
geschieht. In der heutigen Zeit kann man Fehler vermeiden und die Zügel straff
in die Hand nehmen. In dem Augenblick aber, in dem unsere Generation ins Grab
sinkt, da liegt es an euch, meine Junker, daß dann das Gesetz heilig gehalten
wird, nach dem der Orden der SS und alle germanischen Völker angetreten sind
und bei deren Einhaltung wir groß und stark bleiben werden.
Viele Probleme sind für euch gelöst und viele stehen noch vor euch.
Habt ihr, die ihr aus allen Teilen Deutschlands und aus allen germanischen Ländern
stammt, euch einmal das Problem des großen asiatischen Raumes klar gemacht? Die
meisten von euch haben in der Schule Geschichte gelernt, aber sie wurde euch
unter einem falschen Gesichtspunkt nahegebracht. Der asiatische Raum mit seinen
unerschöpflichen Menschenmassen bedrohte seit Jahrhunderten Europa, sobald sich
ein Mann fand, der diese Massen organisieren konnte. Die Völkerwanderung im 4.
Jahrhundert wurde durch den Ansturm der Hunnen, eines Reitervolkes aus
Innerasien, gegen die damaligen germanischen Gebiete ausgelöst. Die Ausdehnung
des damaligen Germanentums nach Osten erkennen wir an Städtenamen wie Nowgorod
und Kiew, die germanische Gründungen sind, und an der gotischen Besiedlung der
Krim. Diese Völker des germanischen Ostens wurden durch Attila, dessen Name in
die Geschichte eingegangen ist, teilweise unterworfen und begannen dann, nach
dem Westen abzuwandern. Auf den Katalaunischen Feldern wurde dieser
hunnisch-germanische Vorstoß Asiens in einer blutigen Schlacht abgewiesen. Den
größten Blutzoll entrichteten wieder die Germanen, die auf beiden Seiten
kämpfen mussten. Im 8. Jahrhundert begann der Vorstoß der Ungarn. Durch drei
Jahrhunderte hindurch lastete dieser asiatische Albdruck auf Europa. Es wurde
zwar damals schon eine Art Ostwall errichtet, - Heinrich I. fand in der
Erbauung der Grenzburgen ein Mittel, der Gegner Herr zu werden - trotzdem aber
mussten. Die Ungarn mehrmals geschlagen werden und erst auf dem Lochfeld wurden
sie unter Otto I. vernichtet. Der Rest wurde dann christianisiert, das hieß
damals so viel wie gezähmt. Im 13. Jahrhundert baute dann Dschingis-Khan sein
asiatisches Groß-Reich auf. Dieser Mann, ein indogermanisch-mongolischer
Mischling, von dem man sagt, er sei von hohem Wuchs gewesen und habe graue
Augen und rotes Haar gehabt, organisierte in wenigen Jahren die unübersehbaren
Völkermassen Innerasiens und führte sie zum Sturm gegen Europa. Es war nicht
nur der Aufopferung der deutschen Ritterschaft zu verdanken, dass damals das
deutsche Reichsgebiet verschont blieb, diese wurde bei Liegnitz vernichtend
geschlagen. Der Tatsache, dass in Innerasien der Cha-Chan starb, war es
zuzuschreiben, dass jenes Heer von der Reichsgrenze zurückberufen wurde.
Im 16. und 17. Jahrhundert erfolgten dann die Vorstöße der
mongolischen Türken mit ihren Janitscharen-Einheiten, die mehrfach bis nach
Wien führten, so dass für Jahrhunderte das Stoßgebet vieler Deutscher lautete:
"Vor Türken und Tataren schütz' uns der Herre Gott!"
Aus dem ganzen Verlauf der Geschichte können wir erkennen, dass uns
nicht die fremden Rassen an sich gefährlich sind; gefährlicher ist für uns der
Gegner unseres eigenen Blutes, auch wenn er uns als einzelner gegenübersteht
und mit der unserer Rasse eigenen Befähigung fremde, chaotische Völkermassen
gegen uns organisiert. Wir müssen darum dafür Sorge tragen, dass kein Blut
verloren geht, dass alles, was an germanischem Blut im Umkreis vorhanden ist,
für uns gewonnen wird. Denn sonst wiederholt sich das Trauerspiel, dass
Germanen gegen Germanen kämpfen, oder dass ein Germane im Dienste einer fremden
Macht zum Vernichter des eigenen Blutes wird. Es ist nicht gleichgültig, wenn
irgendeiner irgendwo im fernen Russland mit einem asiatischen Weib eine Nacht
verbringt und ein Kind zeugt. Denn diese Erbsünde steht wieder auf, und -
ausgestattet mit dem Organisationstalent des Germanen und der Brutalität des
Asiaten - kann ein Nachkomme dann später einmal gegen Europa zu Felde ziehen.
Unsere spätesten Enkel müssen dann mit ihrem Blut sühnen, was einer von uns
einmal aus Leichtfertigkeit begangen hat.
Nun wieder zurück zur Geschichte. Wir sehen also, wie Welle auf Welle
gegen Europa anrennt: Hunnen, Türken und Tataren. In mehreren Jahrhunderten kam
der Ansturm Asiens je einmal bis vor Wien. Nun hat es das Schicksal so gefügt,
dass ein Mann namens Stalin vor etwa 60 Jahren geboren wurde. Wir haben das
Glück, dass dieser Stalin in Russland und nicht in Innerasien geboren wurde,
denn sonst würden heute statt der 200 000 000 400 000 000 im Kampfe gegen
Europa stehen. Gegen diese Welle Asiens kämpfen wir nun heute, ohne Adolf Hitler
wären wir nicht mit ihr fertig geworden. Auf der einen Seite stehen 200 000 000
und auf der anderen Seite stehen 85 000 000 und ihre Verbündeten. Von den 30
Millionen der germanischen Stämme nehmen erst etwa 15 - 20 000 Mann an diesem
Schicksalskampf teil. Ihnen gebührt Anerkennung und Ruhm, denn sie sind die
ersten, die zu uns gekommen sind, meist gegen den Willen ihrer Familie und
Sippe und gegen den Willen ihres Volkes. Aber ihr Glaube war entscheidend und
bestimmte ihren Weg. Wir kämpfen keinen leichten Kampf, Stalin bedient sich der
modernsten Waffen der heutigen Zeit. Menschenleben spielen keine Rolle. Mit brutaler
Gewalt werden die Menschen zu den notwendigen Arbeiten zusammengetrieben, auf
die Fürsorge für sie wird kaum geachtet. Es ist nicht von Belang, ob Hunderte
und Tausende verhungern, denn wo hundert sterben, erstehen zweihundert neu. Die
Geburtenfreudigkeit bewirkt auch bei stärkstem Verschleiß an Menschenleben
immer noch einen Überschuss. Heute haben wir es noch mit 200 Millionen zu tun,
im Jahre 1960 werden es vielleicht 250 Millionen sein. Nun haben wir aber das
einmalige Glück seit Jahrtausenden, dass das Schicksal uns den Führer gesandt
hat. Nicht in jeder Generation ist das Schicksal so verschwenderisch, nicht
einmal in jedem Jahrhundert schenkt es uns einen Führer, ein Genie wie Adolf
Hitler. Wenn wir daher im nächsten oder übernächsten Jahr Russland in einem
zähen Kampf vielleicht niedergerungen haben, dann steht uns noch immer eine
große Aufgabe bevor.
Nach dem Sieg der germanischen Völker müssen wir den Siedlungsraum des
Ostens noch kultivieren und besiedeln und für die europäische Kultur erschließen.
Innerhalb der nächsten zwanzig Jahre - von der Beendigung des Krieges an
gerechnet - habe ich mir die Aufgabe gestellt und hoffe, dass ich diese mit
euch lösen kann, die germanische Grenze um rund 500 km weiter nach Osten zu
schieben. Das bedeutet, dass wir Bauernfamilien aussiedeln müssen, eine
Völkerwanderung besten germanischen Blutes wird einsetzen und die Einordnung
des russischen Millionenvolkes für unsere Aufgaben. Das heißt, dass - nachdem
die Friedensglocken den größten Sieg verkündet haben - die arbeitsreichste Zeit
unseres Lebens beginnen wird. Zwanzig Jahre Kampf um die Gewinnung des Friedens
liegen dann vor uns. So, wie ich heute von euch verlange, dass Ihr unbeugsam in
eurem Glauben und tapfer im Kampf seid, so werde ich dann von euch verlangen,
dass ihr als treue Diener von Wehr und Blut wahrhafte Bauern und treueste
Gefolgsmänner unseres Reiches seid. Das bedeutet ein Leben voll unerhörter
Schönheit für euch, aber auch unermessliche Arbeit und steten Kampf. Dieses
Ziel müssen wir in zwanzig Jahren erreichen. Dann wird dieser Osten frei von
fremdem Blut sein und unsere Familien werden dort als Herrenbauern siedeln. Ich
möchte aber betonen, dass Herrentum nicht Nichtstun bedeutet. Wer Herr sein
will, zeichnet sich dadurch aus, dass er am meisten leistet. Darum dürft ihr
niemals den Standpunkt vertreten, dass eine Arbeit für euch als Führer zu
gering wäre. Wenn ich euch einmal dort ansiedle - und ich setze natürlich nur
Männer dorthin, die von der Bauernarbeit etwas verstehen - dann müsst ihr
Vorbild sein und helfen, ja, selbst einmal die Harke in die Hand nehmen. Und
wenn einer seinen Acker nicht richtig pflügen kann, dann nehmen wir ihm den
Pflug aus der Hand und zeigen es ihm. Denkt immer daran, dass wir es für unser
Blut und für unser Deutschland tun. Denn voran steht immer das große Ziel: das,
was wir im Osten erwerben, bringt uns die Nahrungsfreiheit für das ganze
germanische Volk. Diese Erde, die wir dort in Besitz nehmen und die wir in
zwanzig Jahren besiedeln, wird auch der Pflanz- und Zuchtgarten des
germanischen Blutes sein. Dort müssen dann Familien leben, für die die
Kinderfrage kein Problem mehr ist. Ich möchte hier nur an Johann Sebastian Bach
erinnern; er ist das 13. Kind! Wenn nun Mutter Bach auch nach dem 5. oder 6.
oder auch erst nach dem 12. Kind gesagt hätte: "Nun ist es genug",
und sie hatte wirklich Grund dazu, dann wären uns die Werke Bachs nie geschaffen
worden. Ähnlich liegt der Fall bei Richard Wagner, er war das 6. Kind. Ich sage
euch, unsere Kultur wäre um unendlich viele Schöpfungen ärmer, wenn man früher
die Geburten im allgemeinen auf 4 - 5 Kinder beschränkt hätte. Es ist
widernatürlich, die Zahl der Geburten um eines persönlichen Vorteiles willen zu
beschränken. Solange die Natur uns einen Kindersegen schenkt, solange sollen
auch Kinder geboren werden. Der Führer selbst sagte einmal, jeder deutsche Mann
müsse mindestens vier Söhne haben. Es ist so, dass wir erst dann Verluste, wie
sie ein Krieg wie der heutige mit sich bringt, ertragen können, auch wenn zwei
oder drei Söhne in einer Familie fallen sollten.
Wenn es uns in den zwanzig Jahren nach dem Krieg gelingt, aus den
germanischen Völkern ein großes germanisches Reich zu schaffen, wobei wir aber
nie verlangen werden, dass der einzelne seine Heimat vergisst, dann wird sich
die Sendung unserer Zeit erfüllen. Obenan hat immer der Gedanke zu stehen, dass
wir eines Blutes, dass wir Germanen sind, und dass nur eines heilig ist: das
Reich! Dann wird der Gedanke des Reiches, der jetzt Wurzeln fasst, Gestalt
annehmen und muss von den Stärksten getragen werden. Überall im germanischen
Reich werden die Eigenarten der einzelnen Stämme erhalten bleiben. Hier aber,
im neuen Siedlungsraum, werden wir am Ende nicht mehr Dänen, Holländer,
Schweden und Deutsche haben, sondern hier wird etwas entstehen, das man
"germanisches Volk" nennen kann. Die Menschen im Osten werden auch
immer wissen, wenn das Reich stark und mächtig ist, dann wird das fremde Blut
aus dem Osten nie mehr über unsere Grenzen hereinbrechen.
Und nun zu einer anderen Frage: Ebenso, wie ich den Pfaffen als
größten Heuchler aller Zeiten, als größten Missachter menschlicher Gefühle, als
unwürdigsten Ausbeuter einer im kleinen Menschen wohnenden Angst - nämlich
davor, was nach dem Tode kommt - verachte, ebenso erwarte ich, dass jeder
SS-Mann daran glaubt, dass etwas - mächtiger als alles - über uns ist. Wir
wollen nicht streiten, wie wir es nennen, ob Schicksal, Gott, Natur und Vorsehung,
ob das Göttliche, das alles ist wesenlos. Der Name ist hier nicht entscheidend,
wesentlich ist nur der Glaube und die Überzeugung, dass über uns ein Gott ist,
der diese Riesenwelt im Gesetz der Auslese und des Kampfes geschaffen hat, und
der mit diesem Gesetz der Selbsterhaltung die ganze Natur in Bewegung setzt und
hält.
Wir müssen uns noch mehr als bisher um unsere Männer kümmern und ihnen
einmal die notwendige Freiheit des einzelnen Mannes geben, und andererseits in
ihnen ihre Gottgläubigkeit verankern. Es muss ihnen ein vermehrtes Verständnis
für Makro- und Mikrokosmos beigebracht werden. Ein Mensch, der einmal in einer
Sternwarte den Gang der Gestirne im All beobachtet hat, oder durch ein
Mikroskop den wunderbaren Aufbau der Zellen bewundern konnte, wird den
Organismus der Natur und die Zweckmäßigkeit der ganzen Schöpfung erkennen und
stets den richtigen Maßstab haben. Er wird erkennen, dass wir nur ein unendlich
kleiner Teil des Göttlichen sind, er wird sich nicht mehr wichtig nehmen und
Sprüche von der Beherrschung der Natur daherleiern. Andererseits wird er aber
auch wissen, dass es trotzdem auf jeden von uns ankommt, dass wir umsonst
gelebt haben, wenn wir unser Erbgut nicht bewahren und weitergeben.
In diesen zwanzig Jahren muss der Gedanke der Ahnenverehrung bei uns
heimisch werden, damit wir von hier aus die Gesetze unseres Lebens gestalten
können. Unsere ganze Arbeit wäre umsonst, wenn unserem Sieg nicht genügend
Kinder guten Blutes folgen würden. Wenn wir hier versagen, dann wissen wir,
dass unser ganzer heldenhafter Kampf vergeblich war, wenn in einigen
Jahrhunderten ein neuer Wellenschlag gegen unser Reich brandet, und wir haben
keinen Adolf Hitler. Der Pflanzgarten ist da, wir müssen 400 bis 500 Millionen
Germanen werden, wenn wir das Reich gegen die Asiaten erhalten wollen. Wir
müssen erreichen, dass der Gedanke an viele Kinder im Sinne der Verehrung
unserer Ahnen eine Selbstverständlichkeit wird; denn wer die Ahnen verehrt, hat
auch Enkel. Enkel heißt ja nur junger Ahn.
Wir sehen, wie tapfer ein Volk sein kann, das nur an seine Ahnen
glaubt: Japan! Ein solches Volk ist schwer zu besiegen. Diese Gedanken und
diese Kraft wollen wir in den Jahrzehnten, die noch vor uns liegen, unserem
Volk einflößen. Darum muss dieser Gedanke Lebenselement der SS werden.
Meine Junker! Ihr habt hier viel gelernt, seid soldatisch und
militärisch als Zugführer ausgebildet worden. Viele Dinge wurden euch
beigebracht und nun geht es wieder hinaus. Nicht mehr als deutsche, flämische
oder niederländische Offiziere, sondern als germanische SS-Führer. Es können
Zeiten kommen, wo Krisen da sind, wo diese oder jene Rückschläge auf dem
Kriegsschauplatz eintreten werden. Ich erwarte von euch, dass ihr niemals einen
Schritt von der Linie eures Lebens abweicht, sondern dass ihr euren Männern
immer Vorbild seid. Der Offizier hat nicht mehr Rechte als der Mann, sondern im
Gegenteil nur mehr Pflichten.
Ich erwarte von euch, dass ihr weiter so tapfer kämpft, wie die
Waffen-SS bisher gekämpft hat. Wir haben in diesen drei Kriegsjahren viel Ruhm
an unsere Fahnen geheftet. Von euch erwarte ich, dass ihr weiterhin so unentwegt
zum Sturme antreten werdet. Die Meldung, dass ein Zug wegen Verlusten, Schwäche
oder Hunger nicht mehr antreten kann, gibt es bei der SS nicht. Es wird
angetreten und wenn einer allein zum Sturme geht.
Ich will euch das Beispiel der Totenkopf-Division erzählen. Sie war
noch etwas über 300 Mann stark und sollte zum Angriff angesetzt werden. Ich habe
damals selbst das OKH angerufen, weil ich mich um diesen Fall kümmern wollte,
wie ich mich um alle Divisionen kümmere. Ich gab dann dem Obergruppenführer
Eicke durch, er müsse nochmal antreten. Und der alte Eicke hat dann ein
Bataillon daraus gemacht, hat selbst die Führung übernommen. Mit Schneid und
Erfolg hat die Truppe ihren Auftrag erfüllt und kam mit etwa 250 Mann wieder
heraus. Eine Truppe mit solchen Leistungen ist unsterblich. Überall, wo
heldenhaft gefochten wird, wo man das erfüllt, was man verspricht, wo man nicht
angibt, sondern stirbt, wird eine Truppe der Jugend immer Ansporn und Vorbild
sein. Es spricht sowohl für die deutsche Jugend als auch für die Waffen-SS,
dass sich von jedem Jahrgang 25% freiwillig zu uns melden, obwohl wir nicht
alle nehmen können, da sie unseren Ansprüchen nicht genügen. Solange Ehre und
Ruhm, Treue und Gehorsam unbefleckt sind, solange sie lebendig gehalten werden
von Lebendigen und Toten, solange ist jede Truppe ein Vorbild: Seid daher immer
die Unentwegten! Rein soldatisch, militärisch und wirtschaftlich gesehen kann
der Krieg niemals von uns verloren werden. Unsere Verluste sind verhältnismäßig
gering, zu essen haben wir in jedem Jahr ausreichend, an Material fehlt es uns
ebenfalls nicht und nicht an Arbeitskräften. Sentimentalitäten im Bandenkrieg
und in der Sabotage kennen wir nicht. Die Hoffnung, dass im Innern Deutschlands
gewühlt werden könne, kann auch begraben werden. Wir haben heute kein Volk von
1914/19 mehr, sondern ein Volk, das den Krieg als Ganzes kennt. Vor allem aber
haben wir einen Adolf Hitler. Der Rücken ist in diesem entscheidenden Kampf
frei. Der Burghof der Festung Europa ist sauber, dafür sorgt der SD. Sollte der
Krieg noch monate- oder jahrelang dauern, am Ende steht der deutsche Sieg! Ihr,
meine künftigen Führer, wo ihr auch hingestellt seid, seid in erster Linie
SS-Männer und Nationalsozialisten, seid Männer und Ritter des germanischen
Reiches.
Unverbrüchliche Treue aber dem einmaligen großen germanischen Führer Adolf Hitler!“
(Quelle: http://homepages.uni-tuebingen.de/gerd.simon/HimmlerUmsiedlg3.pdf [148] oder im Bundesarchiv: BA NS 19 / 409 Bl. 180-199. )
Zunächst ein wenig Statistik: Das häufigste im Text vorkommende Wort ist das Pronomen „wir“ in seinen verschiedenen Flexionsformen und Abwandlungen in Possessiv- und Reflexivpronomen (113 Mal); von sich spricht Himmler 25 Mal in der ersten Person; die SS-Junker werden, unabhängig von den Imperativformen, 42 Mal persönlich angeredet. 12 Mal wird an den „Führer“ oder Adolf Hitler erinnert. Weitere Auffälligkeiten sind der 40-malige Gebrauch von „deutsch“ und entsprechenden Abwandlungen wie das 36-malige „germanisch“, das „Reich“ (35 Mal), das 14-malige „Asien“ (mit 3-maligem „Russland“), 12 Mal „Osten“ gegenüber einmal „Westen“, das 10-malige „Europa“, „Blut“ (20 Mal), „Juden“ (10 Mal), „Pfaffen“ (4 Mal). Ebenfalls Erwähnung finden Spanien, Südamerika, Afrika und Japan. Neben Adolf Hitler werden als Personen Bismarck, Heinrich I., Otto I., Attila, Dschingis Khan, Cha-Khan, Stalin, Johann Sebastian Bach und Richard Wagner genannt.
Es versteht sich von selbst, dass die häufigsten Begriffe über den gesamten Text verteilt sind und ihn strukturieren, während die weniger häufigen oder einmalig gebrauchten zu den jeweiligen Schwerpunktbildungen gehören.
Himmler beginnt mit einer Skizze des unter Hitler vollzogenen Reichseinigungsprozesses, zu dem als wichtigster Vorläufer hier nicht etwa das von Himmler immer wieder beschworene mittelalterliche Reich mit Heinrich I. an der Spitze gehört, sondern das „endlich“ entstandene Reich Bismarcks, wobei das „1000jährige deutsche Reich“ als Hintergrund und Basis „in deutschen Herzen lebendig ist“, selbstverständlich. Mangel des Reichs Bismarcks war der nach wie vor gegebene „Separatismus“, das heißt die föderale Struktur des ersten deutschen Nationalstaates, in dem es noch keine ausschließlich deutsche Staatsangehörigkeit gab. So erinnert Himmler daran, dass er selbst noch unter dem König von Bayern in einem bayrischen Regiment diente. „Freundlicherweise“ habe dieser gleichzeitig mit dem deutschen Kaiser, der nur über die preußischen Truppen Verfügungsrecht hatte, den Eintritt in den Ersten Weltkrieg erklärt. Es gab also bis ins „Dritte Reich“ nur Bayern, Badener, Hessen, Preußen, Sachsen usw. in ihrer jeweiligen Staatsangehörigkeit, über die vermittelt sie erst unausgewiesenerweise Deutsche waren. Für diesen „Separatismus“ macht Himmler nicht die seit dem Mittelalter gegebene föderale Struktur des „Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation“ mit seinen jeweiligen Landesherren verantwortlich, sondern er personalisiert auf mittlerer Ebene und macht Sündenböcke dingfest, und zwar im Sinne der von Nietzsche kreierten antibourgeoisen und gleichzeitig antisemitischen Dämonologie: die von „Juden“ und „Pfaffen“, dem „jüdischen Herrn Kommerzienrat“ und dem „geistlichen Herrn Rat“, gepflegten und an die „Spießbürger“ vermittelten „Sonderinteressen“. Inzwischen sind gegen den „Separatismus“ seit 1938 mit dem „Anschluss“ oder dem „Heimholen“ Österreichs ins Reich aus den bis dahin „Kleindeutschen“ einschließlich der Österreicher „Großdeutsche“ geworden. Aus Himmlers nur ungenauer Datierung lässt sich nur ahnungsweise rückschließen, wann „der deutsche Mensch die Wandlung zum Deutschen“ erlebt haben muss. Vielleicht trifft auf ihn selbst noch zu, was er erst bei seinen jungen Zuhörern als gegeben ansieht: dass es nämlich „auch heute noch Menschen“ gibt, „die diese großen Gedanken noch nicht so recht fassen können“. Denn „die Wandlung zum Deutschen“ entsprang einem nüchternen Verwaltungsakt mit einem genauen Datum, nämlich dem 5. Februar 1934, als nach dem vorbereitenden Gesetz vom 30. Januar 1934 zum „Neuaufbau des Reiches“ die Verordnung über die deutsche Staatsangehörigkeit erlassen wurde und nach der „Gleichschaltung“ der Länder und der Aufhebung ihrer Hoheitsrechte es als Eintrag in den Melderegistern nur mehr die deutsche Staatsangehörigkeit gab, wie sie seither bis heute fortdauert. (In den Personenstandsbüchern hätte der „richtige“ Eintrag für die Ehegatten nach den „Nürnberger Gesetzen“ vom 15.9.1935 ab 1.7.1938 „deutschblütig“ lauten sollen.) Die deutsche Staatsangehörigkeit galt uneingeschränkt auch für die jüdischen Mitbürger, selbst als sie mit den „Nürnberger Gesetzen“ 1935 wegen ihres „artfremden“ Blutes von der zusätzlichen Reichsbürgerschaft ausgeschlossen wurden, womit sie zu deutschen Staatsangehörigen minderen Rechts wurden.
Himmlers Ausführungen zur erstmaligen deutschen Staatsbürgerschaft im ersten deutschen Nationalstaat des „Deutschen Reichs“ geben jedoch besser als jeder Verwaltungsakt etwas von dem wieder, was die unio mystica der Reichseinigungseuphorie der Jahre nach 1933 und vor allem beim „Anschluss“ Österreichs ausmachte. 1942 war das selbst in den Augen Himmlers bereits fernere Vergangenheit.
Gehört für Himmler diese „Wandlung zum Deutschen“ zu den gelösten Problemen und sind die Deutschen von Stand und Abstammung entbunden, um nur noch nach „persönlichem Wert und Leistung“ gemessen zu werden, so sind seine Aussagen zur „Judenfrage“ nicht eindeutig, ja sogar höchst widersprüchlich. Einerseits spricht er davon, dass über die „Judenfrage“ „heute“ nicht mehr diskutiert werde, sie damit gewissermaßen als gelöst anzusehen ist, sie sich jedoch andererseits in Europa „völlig gewandelt“ habe. Parallel fallen Wörter wie „Ausrottung“, „ausmerzen“, „Ausscheidungsprozess“, aber auch dass „der Jude [...] aus Deutschland ausgesiedelt“ ist und „heute im Osten“ lebe und an „unseren Straßen, Bahnen usw.“ arbeite, und zwar „ohne Grausamkeit“ und Qualen. Hier entfalten das an dieser Stelle von Himmler besonders häufig gebrauchte Pronomen „wir“ und das Anredepronomen „ihr“ ihre ausschließende Bedeutung:
„Wenn wir aber unsere nordische Art
erhalten wollen, dann müssen eben die anderen ausgemerzt werden. Von uns wurde
dieser Ausscheidungsprozess eingeleitet und das Schicksal selbst wird ihn
vollenden. Ihr jedoch als die späteren Führer habt die Verantwortung für diese
Geschehen mitzutragen, ihr habt den seelischen und geistigen Grund in eure
Männer zu legen, damit sie niemals wieder weich werden und den Juden oder eine
ähnliche Unterrasse in unser Reich aufnehmen.“
Himmler manövriert sich vor den jungen Männern in die Zwickmühle schonungsloser Aufrichtigkeit und schönfärberischer Ablenkung, als er für den „Ausscheidungsprozess“ die eigene Beteiligung zwar zugibt, dann aber das „Schicksal“ zu dessen Vollendung beschwört, bevor er die SS-Junker deutlicher als dessen mitverantwortliche Vollstrecker anspricht.
In seinen Ausführungen handelt es sich vor allem auch in der hier verwendeten Sprache um ein Echo auf die „Wannsee-Konferenz“ am 20. Januar 1942, die stattfand, nachdem es am 23. Oktober 1941 zu einem Auswanderungsverbot für jüdische Staatsbürger gekommen war. Anstatt auswandern zu können oder – wegen des zunehmenden Druckes – zu müssen, wurden die als „Juden“ markierten Mitbürger nach Osteuropa in die dortigen Konzentrationslager und Ghettos evakuiert, wo die „kommende Endlösung der Judenfrage“ (Heydrich) anstand. Die entsprechenden Protokollpassagen lauten folgendermaßen:
„Unter entsprechender Leitung sollen im
Zuge der Endlösung die Juden in geeigneter Weise im Osten zum Arbeitseinsatz
kommen. In großen Arbeitskolonnen, unter Trennung der Geschlechter, werden die
arbeitsfähigen Juden straßenbauend in diese Gebiete geführt, wobei zweifellos
ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird. Der allfällig
verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten
Teil handelt, entsprechend behandelt werden müssen, da dieser, eine natürliche
Auslese darstellend, bei Freilassung als Keimzelle eines neuen jüdischen
Aufbaus anzusprechen ist. (Siehe die Erfahrung der Geschichte.) Im Zuge der
praktischen Durchführung der Endlösung wird Europa von Westen nach Osten
durchkämmt[149].“
Damit hat Himmler zum ersten Mal das Gebiet der zukünftigen Aufgaben der jungen Männer und der von ihnen noch zu lösenden Probleme betreten. Dazu entwirft er eine Skizze des von ihm vertretenen Rasseimperialismus als Grundlage seiner Politik: „Heute Kolonie, morgen Siedlungsgebiet, übermorgen Reich!“ Ausgangspunkt ist die Überzeugung, dass „germanisches Bluterbe“ verloren gehen könne, wie die Geschichte zeige. Das geschehe am leichtesten dann, wenn man sich zu weit außer Landes begebe, z. B. nach Afrika oder, wie in der Völkerwanderung, als aus dem osteuropäischen Siedlungsraum die Goten und Vandalen bis nach Spanien zogen. Bei derartiger Expansion „würde unsere Art verderben“, und zwar unter den Einflüssen von Klima, neuer Umgebung und „fremdrassiger“ Vermischung, was sich bei den Spaniern mit ihrer Kolonisierung Südamerikas vollendet habe, und in Afrika würde binnen 200 Jahren „aus dem germanischen Herrn ein Afrikaner werden“. Deshalb sollen die jungen Männer immer „Hüter und Wächter des Erbgutes“ sein, denn das ist das erste der Probleme, das Himmler aus der Erörterung der „Judenfrage“ den jungen Männern als von ihnen zu lösendes präsentiert. Während im „Großdeutschen Reich“ als totalitärem Unrechtsstaat alle in ihren Folgen absehbaren Maßnahmen rechtsstaatliche Kodifizierung erfuhren, wie die Sammeleinbürgerung von Österreichern und Sudetendeutschen 1938 oder die Handhabe von Ein- und Ausbürgerungsangelegenheiten zeigen, würden sich die jungen Männer bei ihren Einsätzen auf einem „fremdvölkischen“ Terrain bewegen, das für eine rechtliche Kodifizierung erst spruchreif gemacht werden muss. Umso eindringlicher sind sie von Himmler an ihre Aufgabe zu erinnern, sich nur ja nicht auf „Vermischung mit Fremdvölkischen“ einzulassen.
Himmler zeigt bei dem jetzt von ihm skizzierten Gang durch die Geschichte der Erfahrungen mit dem „asiatischen Raum“, dass er ein Anhänger der so genannten Grenzkolonisation ist. Dazu ist hier ein längerer Exkurs einzuschieben, damit deutlich werde, in welchen Spuren sich die nationalsozialistische Expansionspolitik und Himmler in seinem Gedankengang bewegen.
Grenzkolonisation wurde seit dem 19. Jahrhundert in der mittelalterlichen Ostsiedlung als einem für Deutschland maßgeblichen Musterbeispiel als verwirklicht angesehen. Seit dem 12. Jahrhundert hatte sich nämlich aus den mittel- und westeuropäischen Ländern bis aus Flandern eine Siedlungsbewegung ergeben, die in die bis zu Elbe und Saale slawisch besiedelten östlichen Gebiete allmählich so weit vordrang, dass mit Zurückdrängen der slawischen Bevölkerung für das mittelalterliche Reich weite neue Regionen erschlossen wurden: Brandenburg, Preußen, Sachsen, Schlesien, Randgebiete Böhmens usw. Diese ohne politische Reichsvorgaben aus Einzelinitiative heraus vonstatten gehende Bewegung wurde in dem Augenblick, als sie zum ersten Mal im 19. Jahrhundert von preußischen Intellektuellen als Großereignis wahrgenommen wurde, als „Ostkolonisation“ bezeichnet. Das heißt, dass sie im Augenblick ihrer Wahrnehmung in die um sich greifende europäische imperialistische Diskussion eingepasst wurde. Sie wurde als vorbildlich dafür angesehen, wie Deutschland sich zu einem nach Osten und Südosten ausweitenden mitteleuropäischen Großreich entwickeln könnte und damit in anderer Richtung Anschluss an die imperialistischen Unternehmungen Westeuropas in Übersee gewönne. Das geschah zu einem Zeitpunkt, als es den Deutschen noch nicht einmal gelungen war, einen eigenen Nationalstaat zu bilden, so dass nationalstaatliche und imperialistische Diskussion über Jahrzehnte parallel liefen.
Einen wichtigen Auslöser des imperialistischen Ehrgeizes, wenn nicht sogar seinen Kern bildete die beständige Auswanderung aus den deutschen Ländern nach Übersee, die im 19. Jahrhundert in ein Millionenheer mündete, zu 90 % Amerikaeinwanderung war und bis zum Ersten Weltkrieg 5,5 Millionen Menschen ausmachte.[150] So bereicherte sie fremde Volkswirtschaften wie vor allem die nordamerikanische, der sie zu enormem wirtschaftlichen Wachstum verhalf und die eine Weile unentschieden ließ, ob nicht auch das Deutsche amerikanische Landessprache würde. Neidvoll sah man auf Amerika und auf die von dort ausstrahlende Faszination der Freiheit auf freier eigener Scholle. So erklärt sich die Verachtung seitens der bodenständig Dableibenden, in die sich dieser Neid verkehrte und mit der man im politisch interessierten Bildungsbürgertum von „Amerikafieber“ oder „Auswanderungssucht“ sprach, indem man die sozialen und politischen Bedürfnisse der eigenen bedrängten und ärmeren Bevölkerungsschichten nicht zur Kenntnis nahm, weil sie von Intellektuellen und ihrem politischen Geltungsanspruch in den deutschen Kleinstaaten auch nicht zu lösen waren. Franz Schnabel schreibt in seiner 1936 abgeschlossenen „Deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert“ über die auswanderungswillige deutsche Bevölkerung, die an der von Preußen propagierten kontinentalen Grenzkolonisation, d.h. an der Neuansiedlung in slawisch geprägten oder rein slawischen Gebieten im 19. Jahrhundert im Unterschied zur mittelalterlichen Ostsiedlung kein Interesse hatte, auch die preußische nicht. Denn seitdem William Penn 1683 in Worms um Auswanderer für seine Kolonie Pennsylvanien geworben hatte und er „Entvölkerer Deutschlands“ genannt wurde, begann „der große, ununterbrochene Exodus von Deutschland nach dem angelsächsischen Nordamerika“. Das „Go West“ gegenwärtiger Zigarettenreklame hat also eine seit Jahrhunderten andauernde Tradition, nicht nur in Deutschland. Denn im 19. Jahrhundert entsprach sie einem gesamteuropäischen Trend, vor allem auch aus den osteuropäischen Gebieten einschließlich des Balkans und aus Italien. Der Erste, der sich an einer Umkehrung des Auswandererstroms bewähren wollte, aber mit seiner Vision eines mitteleuropäischen germanischen Großreichs mit Ausdehnung bis ans Schwarze Meer scheiterte, war der von den Nationalsozialisten verehrte Nationalökonom Friedrich List. Nach einträglichen Erfahrungen aus eigener Auswanderertätigkeit in den Vereinigten Staaten, die ihn über den Eisenbahnbau zum Millionär gemacht hatte, war er nach Deutschland zurückgekehrt, um reformerisch tätig zu werden und Deutschland zur zweiten imperialen Großmacht neben England zu entwickeln. Trotz seiner zahlreichen Verbindungen in Politik, Wirtschaft und Publizistik wurde nicht einmal etwas aus einer Generalinspektorenstellung, von der aus er die Bildung von deutschen Kolonistengemeinden in Posen hätte leiten und organisieren sollen. Frustriert ging er 1846 in Kufstein in den Freitod. Es gab eben noch keinen Nationalstaat, der im eigenen Interesse alle andiskutierten Bestrebungen gebündelt und in Politik hätte verwandeln können. [151]
Die Namen derer, die sich um die Umkehrung des Auswandererstroms nach Osten bemühten, weil diese Richtung versprach, dass die nach Osteuropa Ziehenden mit ihrem Herkunftsland verbunden blieben, um es zu vergrößern, dennoch zahlreich und fanden spätestens alle in der großen historischen Auseinandersetzung des 19. Jahrhunderts, dem so genannten Sybel-Ficker-Streit, der Ausläufer bis in die 1950er Jahre hatte, eine Plattform. 1859 begonnen, wird ausführlichst darüber diskutiert, in welche Richtung das mittelalterliche Reich hätte expandieren sollen. Im Streit über die Kaiserpolitik des Mittelalters wird dabei ausgetragen, wie ein künftiger deutscher Nationalstaat sich außenpolitisch orientieren sollte. Der von Preußen aus majorisierte Streit favorisierte eine angeblich im Mittelalter wegen der ultramontanen Italien- und Rom-Orientierung vernachlässigte kolonisierende Expansion in den Osten. Die preußisch geführte Machtpolitik gegenüber Österreich mündete schließlich in die kleindeutsche Nationalstaatsgründung und nahm nach dem österreichisch-preußischen Dauerkonflikt eine endgültige Trennung von Österreich in Kauf (, die dann 1938 mit der „Heimholung“ Österreichs ins Reich [Himmler] eine kurzfristige großdeutsche Lösung fand).
Der Streit hatte richtunggebende Folgen für die osteuropäische
Diskussion bei Tschechen, Polen und Russen bis in die Gegenwart, weil in seinem
Verlauf das Schlagwort vom angeblich naturgegebenen „deutschen Drang nach
Osten“ geprägt wurde. Während die Deutschen aus den Kleinstaaten unaufhörlich
gen Westen strebten und ihrem Vaterland den Rücken kehrten, hatte die
Diskussion vor allem in Gestalt der „Alldeutschen“ das Schlagwort
programmatisch bei der Verbandsgründung 1891 übernommen: „Der alte Drang
nach dem Osten soll wiederbelebt werden.“ Und 1902 ließ ein politisch
tätiger Publizist und Gelehrter – Ottomar
Schuchardt – verlautbaren, dass „Deutschlands Entwicklungsgang zum
guten Teile vorgezeichnet worden ist durch den Drang nach Osten, – wie die
ganze deutsche Geschichte soweit sie ein Wachsen und Vorwärtskommen bedeutet,
im Wesentlichen eine Schilderung ist der Verflechtungen Deutschlands mit seinen
östlichen Marken“.
Mit dem Ersten Weltkrieg vergegenständlichte sich die Diskussion zum ersten Mal in militärischen Taten: Zwischen 1915 und 1918 brachten deutsche Truppen riesige Gebiete Russlands in ihre Gewalt, von Narva im Norden über den Djnepr bis Rostow am Don. Ein General aus der Adelsfamilie der von der Goltz, Graf Rüdiger, war fasziniert vom Osten. Im „Neuen Brockhaus“ von 1937 heißt es über ihn: „Er befreite im Weltkrieg als Führer der ‚Ostseedivision‘ zusammen mit dem finnischen General Mannerheim Anfang 1918 Finnland und 1919 als Oberbefehlshaber im Baltikum Kurland von den Bolschewisten. Auf Drängen der Entente berief ihn die deutsche Regierung im Herbst 1919 ab und erzwang die Rückkehr seiner Truppen durch Sperrung des Nachschubs. Später war G. Führer der ‚Vereinigten Vaterländischen Verbände‘. Seit 1934 ist er Führer des ‚Reichsverbandes deutscher Offiziere‘.“
Nach seinem Einsatz war von der Goltz Vorträge haltend durch die Republik gezogen und hatte über „Finnland, Baltikumfeldzug und Ostfragen“ gesprochen. Der junge Himmler saß im Münchener Publikum und notierte in sein Tagebuch am 21.11.1921: „Das weiß ich bestimmter jetzt als je, wenn im Osten wieder ein Feldzug ist, so gehe ich mit. Der Osten ist das Wichtigste für uns. Der Westen stirbt leicht. Im Osten müssen wir kämpfen und siedeln.“ Auch für den ehemaligen Generalstabschef Hans von Seeckt stand als weiterwirkender Militärschriftsteller 1927 fest, dass im Osten kolonisiert werden müsse, um „dem Bevölkerungsüberschuss Besitz und Arbeit zu verschaffen“. So stand in der Wehrmacht lange, bevor Hitler ans „Unternehmen Barbarossa“ dachte, ein erhebliches Potential zur Verfügung, mit dem auf eine kriegerische Ausdehnung in den Osten gezählt werden konnte. Dabei hatte der Begriff „Volk ohne Raum“ (Hans Grimm) den vom „deutschen Drang nach Osten“ schnell verdrängt. Er spiegelte, was sich um die Jahrhundertwende abgespielt hatte, dass sich nämlich die Bevölkerung in den beiden letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wegen des Rückgangs der Kindersterblichkeit und der längeren Lebenserwartung um fast 25% erhöhte und anstatt 45 Millionen rund 56 Millionen die Reichsbevölkerung ausmachten.
Für Himmler gibt es dazu keine Alternative mehr. Aus dem Propagandaschlagwort vom „deutschen Drang nach Osten“, das Jahrzehnte lang an den Interessen siedlungswilliger Menschen vorbeigegangen war, ist seit 1939 Politik geworden. Aber aus einer Wahrnehmung heraus, die diesen „Drang“ wie eine Verteidigung aussehen lässt, so dass der „Drang“ nur mehr als Reaktionsbildung erscheint. Denn eigentlich haben Germanen schon einmal weit im Osten gelebt, wie Himmler etymologisch aus Namen wie Nowgorod oder Kiew glaubt ableiten zu können oder wie er es mit dem rechtfertigenden Hinweis auf die Goten macht, die vor der Völkerwanderung auf der Krim lebten. Wenn es also 1942 für die Junker gen Osten zum Einsatz geht, dann liegt das vor allem daran, dass es aus dem „asiatischen Raum“ immer wieder Einbrüche nach Europa gegeben hatte und nicht nur nach nationalsozialistischer Einschätzung offenbar weiter geben würde. Denen ist nach Himmlers Einschätzung zuvorzukommen.
Himmler führt einen aus heutiger Sicht kaum nachvollziehbaren Grund dafür an, warum er die Junker bei ihrem Gang nach Osten so nachdrücklich vor „artfremdem Blut“ warnt: Die seit der Völkerwanderung in Abständen immer wieder aus dem „asiatischen Raum“ in Europa einbrechenden „unerschöpflichen Menschenmassen“ oder „unübersehbaren Völkermassen“ hätten das z. B. nur unter der Führung Dschingis-Khans machen können, weil der ein „indogermanisch-mongolischer Mischling“ war, also Träger „artverwandten“ Blutes. Im Banne seiner Vorstellung von der „nordischen Rasse“, die beim englischen Imperialisten Cecil Rhodes zur „nordischen Herrschaft über die gesamte Erde“ berufen war und damit gleichzeitig zu des Literaturnobelpreisträgers von 1907 Rudyard Kipling The White Man's burden (1899) stilisiert werden konnte, sieht er eine erstrangige Gefährdung darin, dass ein Junker „irgendwo im fernen Russland mit einem asiatischen Weib eine Nacht verbringt und ein Kind zeugt“, von dessen Nachkommen einer wie ein zweiter Dschingis-Khan „dann später einmal gegen Europa zu Felde ziehen“ könnte. Das wäre deshalb ein „Trauerspiel“, weil dann „Germanen gegen Germanen kämpfen oder [...] ein Germane im Dienste einer fremden Macht zum Vernichter des eigenen Blutes wird“. Denn ob bei einem solchen Sturm jedes Mal Führer wie Heinrich I., Otto I. oder Adolf Hitler bereit stehen, um ihn abzuwehren, ist unwahrscheinlich, weshalb die Vorsorge besonders weitsichtig zu erfolgen habe.
Was immer Wahnhaftes dieses weitverbreitete Welterklärungsmodell hat, so hat es Kipling zu einer Erzählung mit positiver Perspektive motiviert: The Man who Wanted to be King. Der Held der Erzählung findet in einem Himalayatal Buddhas mit klassisch-griechischem Profil und wird vom Volk als der wiederauferstandene Alexander begrüßt. Negativ codiert war es jedoch in Deutschland vor allem gegenüber Afrika, und zwar im ab 1920 erscheinenden dreibändigen „Deutschen Koloniallexikon“, herausgegeben vom letzten deutschen Gouverneur in Afrika, Heinrich Schnee. Er riet von jeder sexuellen Beziehung mit den Eingeborenen ab. Sie führe nur zu einem Verlust an Intelligenz und einem Rückgang der Produktivität. Deshalb sei in Afrika ein Regime der Rassentrennung einzuführen.[152] Für Himmler, der solche Erwägungen offenbar kannte – „Zu Hause sind wir nur in unserem Reich und niemals in einer afrikanischen Kolonie; das würde unsere Art verderben und 200 Jahre später würde aus dem germanischen Herrn ein Afrikaner werden“ –, ist diese Gefahr auch in Osteuropa nicht ganz gebannt, wenngleich die Deutschen dort nicht zu „Afrikanern“ werden können.
Dieses Mal haben es die Junker in Osteuropa „Asien“ gegenüber, so Himmler beruhigend, freilich nur mit Stalin zu tun, weil „dieser Stalin in Russland und nicht in Innerasien geboren wurde“, von wo aus er nur eine kleinere „Welle Asiens“ erfolglos gegen „ein Genie wie Adolf Hitler“ in Bewegung gesetzt habe. Denn, so Himmler, „im nächsten oder übernächsten Jahr“ werde Russland „in einem zähen Kampf “ – kleine Einschränkung: – „vielleicht niedergerungen“ sein.
Nach diesem „größten Sieg“ fange aber „die arbeitsreichste Zeit unseres Lebens“ erst an, und zwar mediävalistisch-symbolisch aufgezäumt für die Siedler als „Belehnte“ oder „Lehensnehmer“ auf ihren „Lehenshöfen und-stellen“ in den „Siedlungsmarken“ „an der vordersten Front des deutschen Volkstums gegenüber dem Russen- und Asiatentum“ („Generalplan Ost“ vom 28.5.1942). Himmler als „Reichskommissar zur Festigung deutschen Volkstums“ wäre in der Hierarchie so die – unausgesprochen gebliebene – Rolle des „Lehensherrn“ vorbehalten gewesen. Für die Entwicklung von der Kolonie übers Siedlungsgebiet bis zur Einordnung ins „heilige germanische Reich deutscher Nation“ setzte Himmler einen Zeitraum von 20 Jahren an. Das war eine Zahl, die er mit den Ausarbeitern des „Generalplans Ost“ aushandelte, die für diesen Prozess 30 Jahre angesetzt hatten. Seine Ziele sollten ab 1942 verwirklicht werden. Himmler erschien dieser Zeitraum als zu lang, und er verkürzte die geplante „Eindeutschung“ erst auf 25 und dann auf 20 Jahre. Himmler nennt das Vorhaben vor den Junkern „die Gewinnung des Friedens“.
In diesem Zusammenhang verwendet Himmler zum ersten Mal im Redeverlauf das Pronomen „ich“, und er spricht bis zum Ende im Wechsel mit dem Pronomen „wir“ immer wieder von sich in der ersten Person: „Innerhalb der nächsten zwanzig Jahre – von der Beendigung des Krieges an gerechnet – habe ich mir die Aufgabe gestellt und hoffe, dass ich diese mit euch lösen kann, die germanische Grenze um rund 500 km weiter nach Osten zu schieben.“
Als Himmler nämlich seine Rede hält, ist er 42 Jahre alt. Die Fixierung auf die nächsten 20 Jahre nach dem auf bald angesetzten Sieg erklärt sich aus einer einfachen Kalkulation mit der eigenen Lebenszeit, wie das Hitler immer wieder vorgemacht hat, wenn er angesichts der ihm noch verbleibenden Lebensjahre und seiner Einmaligkeit als Führer auf die Dringlichkeit schnellen kriegerischen Handelns pochte. Für Himmler hätte ein Gelingen des Projekts unter seiner im „Generalplan Ost“ festgeschriebenen Hoheitsgewalt in den östlichen „Siedlungsmarken“ bedeutet, dass er mit Eintritt ins Rentenalter seine Lebensaufgabe als abgeschlossen ansehen konnte. Die ihm dann noch verbleibende Zeit hätte er als „Reichsverweser“ für einen künftigen „Großgermanischen Wahlkönig und Weltherrscher“ auf der Wewelsburg verbringen wollen, für die die Ausbaupläne bis in die 1960er Jahre reichten.
Das Persönlichwerden erklärt sich also vor diesem biografischen Hintergrund und soll darüber hinaus seinen Ausführungen eine größere Verbindlichkeit verleihen, wenn er die SS-Junker „als treue Diener von Wehr und Blut wahrhafte Bauern und treueste Gefolgsmänner unseres Reiches“ apostrophiert und zu Führern der neuen „Völkerwanderung besten germanischen Blutes“ in den Osten ernennt, begleitet von Männern aus Dänemark, Schweden und Holland, wie es Hitler im September 1941 in seinen Tischgesprächen ähnlich skizziert hatte, wenn ihm vorschwebte, dass das, „was für England Indien war, [...] für uns der Ostraum sein“ wird und „wir [...] von Europa keinen Germanen mehr nach Amerika gehen lassen“. [153] Himmlers SS-Männer haben vorbildlich zu sein, wie Johann Sebastian Bachs Eltern vorbildlich waren, als Mutter Bach 13 Kinder in die Welt setzte oder Richard Wagners Mutter deren sechs. Denn für die anvisierte „Völkerwanderung“ und Besiedlung des Raums bis zum Ural braucht es Menschen. Da die eingeforderte Zeugungsfreudigkeit der SS-Junker nicht ausreichen würde – zumal sie ja „asiatische Weiber“ zu meiden hatten – und von 5 Millionen Deutschen zur „Germanisierung“ ausgegangen wurde, sollten zusätzlich zu den Siedlern aus dem Altreich Umsiedler aus Übersee, „germanische“ Siedler aus Europa und „Eindeutschungsfähige“ aus den besetzten Ostgebieten selbst angeworben werden.[154] Um für sie Platz zu schaffen, sollte der „Kampf um die Gewinnung des Friedens“ so aussehen: Innerhalb der ersten zehn Jahre sollte die „rassisch unerwünschte“ Bevölkerung getötet werden, in den folgenden zehn Jahren vermutlich die „politisch Unerwünschten“. Bis zu 20 Millionen Menschen wurden dabei als „überflüssig“, d.h. als zur Ermordung bestimmt angesehen. Das war den Junkern in dieser Form natürlich nicht zu vermitteln. Aber die Redeweise Himmlers um die „Lösung der Judenfrage“ war deutlich genug, so dass die jungen Männer, wenn sie denn darüber hätten nachdenken wollen, was „Kampf um die Gewinnung des Friedens“ bedeutet, nicht weit zurückzudenken gehabt hätten.
Es ist ja auch bemerkenswert, dass Himmler seinen wichtigsten Vertreter im Osten, Odilo Globocnik, 1943 einen nennt, der „wie kein Zweiter für die Kolonisation im Osten geschaffen“ sei, während er 1942 gerade die auf Hochtouren laufende „Aktion Reinhardt“ als den massivsten Teil des Völkermords vor allem an den osteuropäischen Juden mit seiner „ungeheuren Arbeitskraft und Dynamik“ (Himmler über Globocnik) vorantreibt. Da zeigt sich, dass für die nationalsozialistischen Expansionspläne Kolonisation wie selbstverständlich an vorausgehenden und begleitenden Völkermord gebunden war. Denn unabhängig davon, in welchem Fremdgebiet Kolonisation von einer erobernden Macht vollzogen wurde/wird, war und ist das in der Regel eine nicht nur potentielle Erscheinungsweise dieser Maßnahme.
Wenn dann die angestrebte Kolonisation auch noch Grenzkolonisation sein soll, wie sie seit dem 19. Jahrhundert für Deutschland als empfehlenswerteste im imperialistischen Konzert angesehen wird, muss auf die ihr im Wege stehenden Nachbarn ein entsprechendes „Untermenschen“-Bild[155] projiziert werden, wie das mit den Slawen seit dem Mittelalter geschehen war und wie das den europäischen Juden widerfuhr, die seit dem 19. Jahrhundert in „asiatische Orientalen“ verwandelt wurden. So notierte Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865): „Man muss diese Rasse nach Asien zurückjagen oder sie vernichten.“[156] 1881 stellt Paul de Lagarde fest, dass Juden ihre Synagogen „in maurischem Stil [...] bauen, um nur ja nicht vergessen zu lassen, dass man Semit, Asiat, Fremdling ist“, und sähe sie am liebsten nach Palästina umgesiedelt.[157] Und Walther Rathenau sprach zum Beispiel von Ostjuden als „asiatischer Horde auf märkischem Sand“ (1897). Was Wunder, wenn Albert Einstein am 1.4.1933 in der „Deutschen Tageszeitung“ als vor der Deutschen Gesandtschaft in Brüssel „herumlungernder Asiat“ karikiert wurde. Die eilfertige NS-Anthropologie stellte nach Beginn des Ostfeldzuges am Krakauer ‚Institut für Deutsche Ostarbeit‘ anhand „wertvollen Materials“ fest, „daß sich die Tarnówer Juden in das vorderasiatisch-orientalische Rassen- gemisch einordnen lassen (...).“[158] Auch für Helmut J. Graf von Moltke ist das Bild abrufbar, als er am 25.3.1943 schreibt, er glaube, „mindestens neun Zehntel der Bevölkerung weiß nicht, daß wir Hunderttausende von Juden umgebracht haben. Man glaubt weiterhin, sie seien lediglich abgesondert worden und führten etwa dasselbe Leben wie zuvor, nur weiter im Osten, woher sie stammten“.[159] Himmler erklärte dann 1944 vor Generälen in Sonthofen:
„Die Judenfrage ist in Deutschland und im allgemeinen in den von Deutschland besetzten Ländern gelöst. (...) In dieser Auseinandersetzung mit Asien müssen wir uns daran gewöhnen, die Spielregeln, die uns lieb geworden und uns viel näher liegenden Sitten vergangener europäischer Kriege zur Vergessenheit zu verdammen. Wir sind m. E. auch als Deutsche bei allen so tief aus unserer aller Herzen kommenden Gemütsregungen nicht berechtigt, die haßerfüllten Rächer groß werden zu lassen, damit dann unsere Kinder und Enkel sich mit denen auseinandersetzen müssen, weil wir, die Väter oder Großväter, zu schwach und zu feige waren und ihnen das überließen.“[160]
Das ändert nichts an der Tatsache, dass es die Europäer und besonders die Nationalsozialisten bis zum Ural immer mit Europäern zu tun hatten, die alle in der einen oder anderen Weise in den jüdisch-christlichen Kulturkreis integriert waren und in der einen oder anderen Form an ihm teilnahmen. Das macht den entscheidenden Unterschied zwischen Grenz- und Überseekolonisation aus. Denn die Überlebenden des im Namen von „Großdeutschland“ verübten Völkermords konnten dann in anderer Weise die ihnen gegenüber von ihresgleichen mitten in Europa angewandten „kolonialen“ Praktiken in europäischen Sprachen in der Regel bezeugen und dabei sogar ernst genommen werden. Mit der rasseimperialistischen Grenzkolonisation war der Kolonialismus auf einmal zu einem innereuropäischen Phänomen geworden und konnte sich nun im Spiegel selbst betrachten. Er war zu sich selbst heimgekehrt. So zeugt auch diese Analyse von der geschichtlich einmaligen Beschäftigung mit einem Phänomen, von dem erst eine heutige europäische Mehrheit überzeugt zu sein scheint, dass es nie hätte geschehen dürfen. Das hieß und heißt wiederum, dass die Reflexion für eine lange Zeit deutschland- und europazentriert erfolgte und die seither zerbrochenen überseeischen Kolonialreiche mit ihren Opferdiskursen gewissermaßen vor der europäischen Tür blieben. Denn Aimé Césaire sprach 1955 in seinem „Discours sur le colonialisme“ nur für ein kleines Publikum davon, dass der europäische Aufstand gegen Hitler zeigt, dass der Europäer die eigenen Kolonialpraktiken nicht auf sich selbst angewandt erleben wollte: „ ... dass im Grunde das, was er Hitler nicht verzeiht, nicht das Verbrechen an sich, das Verbrechen am Menschen, dass es nicht die Erniedrigung des Menschen an sich, sondern dass es das Verbrechen gegen den weißen Menschen ist, dass es die Demütigung des Weißen ist und die Anwendung kolonisatorischer Praktiken auf Europa, denen bisher nur die Araber Algeriens, die Kulis in Indien und die Neger Afrikas ausgesetzt waren.“[161]
Nur
um die schon im Kriegsverlauf bis 1945 umgekommenen 27 Millionen Sowjetbürger,
an die Peter Jahn am 14.6.2007 in
„Die Zeit“ erinnert, ist es merkwürdig still geblieben. Die englische
Historikerin Catherine Merridale
hat in „Iwans Krieg“ (2006) dargelegt, wie in der offiziellen
sowjetischen Geschichtsschreibung der Mythos vom „Großen vaterländischen Krieg“
keinen Platz für das ließ, was sich nach dem deutschen Überfall am 22. Juni
1941 tatsächlich in Russland sowohl in der Armee wie in der Zivilbevölkerung
abspielte. So konnten die endlosen Leiden weder im nationalen russischen Gedächtnis
zu ihrem Recht kommen, indem der 1945 errungene Sieg alles zuvor erfahrene
Unglück propagandistisch zu überstrahlen hatte, noch konnte die russische
Erfahrung mit dem von deutscher Seite seit dem 19. Jahrhundert imperialistisch
aufgeputschten „Deutschen Drang nach Osten“ wesentlicher Teil des
westeuropäischen und besonders des deutschen Gedächtnisses werden, indem mit
immer wieder neu ins Spiel gebrachten mythischen und theologisch aufgeladenen
Begriffen das völkermörderische Geschehen der europäischen jüdischen
Bevölkerung gegenüber in den Konzentrations- und Vernichtungslagern zu fassen
versucht wurde. Diese Lager bieten allein durch ihre Existenz, gebunden an
einen genau lokalisierbaren geographischen Ort und die mit ihm verbundenen
Lebens- und Todesdaten der in ihnen Eingeschlossenen für das Gedächtnis
reichlich Stoff. So vollzieht sich unter dem Titel der über die ab Januar 1979
in den Dritten Programmen der ARD ausgestrahlten Hollywood-Serie „Holocaust“
gegenwärtige westeuropäische und amerikanische Wahrnehmung deutscher Geschichte
im 20. Jahrhundert, notfalls strafrechtlich flankiert. Das englisch und
zunächst entsprechend ehrfürchtig auszusprechende Mythenwort ist inzwischen ein
Allerweltswort. Durch seinen Gebrauch zur Kennzeichnung jüngerer deutscher Geschichte
konnten die von Hitler bis zum Ende festgehaltenen Vorstellungen vom „für die Zukunft unseres Volkes unentbehrlichen
Lebensraum im Osten“ als „Deutschindien“ (Hitler) zu einer vernachlässigenswerten Größe werden, zumal sie
zuvor bereits im „Kalten Krieg“ keinen besonderen Anlass für Nachdenklichkeit
boten. Diese Vorstellungen konnte Hitler aber nur deshalb so lange beschwören,
weil sie in der deutschen Nationalgeschichtsschreibung und den deutschen
Führungsschichten, zumal denen der Wehrmacht, lange genug vorbereitet und
gepflegt und deshalb mitverantwortlich und über die ersten Kriegsjahre hin
bereitwillig mitgetragen wurden. Es ist aber im Unterschied zu den
überwältigenden Daten aus den Lagern von diesen Vorstellungen nichts Konkretes
geblieben. So hat es z. B. ein „Himmlerstadt“, wie Zamosc im „Generalgouvernement“ einmal heißen sollte, nie
gegeben. Es blieb vom geplanten „Lebensraum im Osten“ nur eine ungeheuerliche,
aber nur mühselig zu verfolgende Spur der Vernichtung, wobei aus Stalingrad der
legendärste Ort wurde. Aber von „Stalingrad“ führt für das Gedächtnis keine
Spur zu „Lebensraum im Osten“. Dieser Lebensraum, nichtsdestoweniger Anlass für
den Überfall auf Russland, ist ort- und namenlos geblieben und entbehrt damit
stützender Anhaltspunkte für Erinnerung, obwohl der Krieg, wie aus Himmlers
Rede deutlich wie sonst nirgends hervorgeht, eben nicht vor allem Völkermord
zum Ziel hatte.[162]
Der blieb dann allerdings das nachweisbarste Verbrechen gegenüber dem noch
größeren, auf das der von Himmler auf 20 Jahre angesetzte „Kampf um
die Gewinnung des Friedens“ hinausgelaufen wäre. Mit ihm wäre nur ein weiterer Beleg für das erbracht gewesen, was
Hannah Arendt als das nihilistische
Prinzip „alles ist erlaubt“ in den
totalen Herrschaftsmethoden benennt. „Wo immer aber diese neuen Herrschaftsmethoden ihre wirklich totale
Struktur erhalten, gehen sie über dieses an den Nutzen und das Interesse der
Machthaber gebundene Prinzip hinaus und versuchen sich in dem uns bisher
gänzlich unbekannten Spielraum des ‚alles ist möglich‘.“
In diesen „Spielraum“ totalitärer
Erfassung waren nämlich in der letzten Fassung des „Generalplans Ost“ vom
Dezember 1942 auf Verlangen Himmlers auch Böhmen und Mähren, südöstliche
Gebiete in Österreich (Untersteiermark, Oberkrain) und Elsass und Lothringen
einbezogen worden. Offensichtlich ist, dass das „Menschenmaterial“ ein
wichtiges Element im „Spielraum“ von „Krisis und Aufbau“ (Albert
Brackmann) oder Destruktion und Konstruktion bildete. Polen, Russen und
Ukrainer, deren „Ausmerzung [...]
in absehbarer Zukunft zu erwarten stand“ (Hannah Arendt, wie
Anm. 78, S. 911 f., 915), wären – wie sehr sie sowieso schon zu leiden hatten –
ausdrücklicher seine nächsten Opfer in der „Generalplanung“ gewesen. Aber auch
der „arische Volkskörper“ wäre nach den Vorstellungen nationalsozialistischer Bevölkerungshygiene
gesamteuropäisch von allen „asozialen
und gemeinschaftsschädlichen Elementen“ zu reinigen und totalitär zuzurichten gewesen.[163]
So weit ist es nicht gekommen. Mit
jahrelangem Bombenkrieg gegen die deutschen Städte, der Flucht und Vertreibung
der Deutschen aus den Ostgebieten und der totalen Niederlage war nach der ab
1941 ins Kriegsgeschehen eingebetteten „Endlösung der Judenfrage“ ein bis heute
ausreichendes Maß für die Beschäftigung deutschen Gedächtnisses bereit
gestellt.
Dass dann die Grenze zwischen den alliierten Besatzungszonen und der sowjetischen gemäß dem Londoner Protokoll vom 12.9.1944 („European Advisory Commission“) keinen „germanischen Staat deutscher Nation“ (Hitler in „Mein Kampf“, S. 362) oder ein von mittelalterlicher Aura umgebenes „Heiliges germanisches Reich deutscher Nation“ (Himmler 1942, vgl. Tölzer Rede) umschloss, sondern bemerkenswerterweise ungefähr der Ostgrenze des von Heinrich I. angeführten ostfränkischen Reichs von 919 entsprach, ist nur in der unmittelbaren Nachkriegsgeschichtsschreibung zur Kenntnis genommen worden, und zwar von dem aus amerikanischer Emigration zurückgekehrten Hubertus Prinz zu Löwenstein (vgl. Kap. 5). Obwohl die Alliierten bis 1945 weit an die mittlere Elbe und nach Sachsen vorgestoßen waren, zogen sie sich im Juli 1945 auf die im Londoner Protokoll vereinbarte Grenze wieder zurück. Sie folgte nämlich von Norden nach Süden einer Elbe-Saale-Linie, die dann südlich von Lenzen – 929 Niedermetzelungsort von 200 000 Slawen; vgl. Anm. 98 – „darüber hinaus“ nach Westen durch den Harz unter Einschluss von Magdeburg und Quedlinburg und bis zur Werra verschoben wurde, so dass die früheren Ottonengebiete gewissermaßen als Pfand sowjetischer Besatzung anheimfielen, und erst im fränkischen Quellgebiet die Saale erreichte. Von dieser Linie war schon in der Frankfurter Paulskirche 1848 beim ostpreußischen Abgeordneten Carl Friedrich Wilhelm Jordan die Rede. Jordan nach hätten die Deutschen sich bis zu dieser Linie und „darüber hinaus“ zurückzuziehen, wollten sie denn den Polen in ihrem Bedürfnis auf Wiederherstellung eines polnischen Staates, den sich die Preußen mit Österreich und Russland untereinander aufgeteilt hatten, Gerechtigkeit widerfahren lassen. Für Hans Rothfels war diese Passage bei Jordan so wichtig, dass er sie sowohl 1935 als auch in Neuauflage 1960 zitierte.[164]
Löwenstein rührte indessen unverdrossen die „Heinrichs“-Trommel in neuer Instrumentalisierung jetzt für die Kalten Krieger weiter. Er vermochte nicht wahrzunehmen, dass es genau der mit der Verherrlichung Heinrichs und seiner Ostpolitik um die Mitte des 19. Jahrhunderts laut einsetzende preußisch orientierte Nationaldiskurs war, für den 1945 von den Russen in Abstimmung mit den Alliierten den Deutschen Rechenschaft auferlegt und abverlangt wurde, für die freilich vor allem die Ostdeutschen geradezustehen hatten. Im Sinne des angeblich von Heinrich I. initiierten „Deutschen Dranges nach Osten“ hätte in panslawistischer Perspektive auch deren Vertreibung nach Westdeutschland in den Raumbereich des ostfränkischen Reichs unter Heinrich I. im Jahr 919 ein Racheziel gewesen sein können. Denn Franz Lüdtke (vgl. Anm. 100) hatte als einer der eifrigsten Vertreter „volksdeutscher“ Interessen in Osteuropa und Anhänger Heinrichs I. den Überfall auf Polen 1939 als „die Beendigung des 1000-jährigen Kampfes gegen Polen“ gedeutet. Zusammen mit den Alliierten zahlten die Russen stellvertretend für alle Slawen den Deutschen mit der Grenzziehung und der Teilung ihres Landes auf den Ostlinien des Ostfrankenreiches von 919 real- und symbolpolitisch sozusagen jetzt ihren Heinrich und Otto heim, wenn die Deutschen denn überhaupt ein Bewusstsein davon hatten. Denn ihre Historiker, die es ihnen hätten erklären können, schwiegen sich darüber jetzt aus, wie unter anderem an dem bis in die Gegenwart unaufgeschlüsselten „Unternehmen Otto“ zu erkennen ist.
Himmlers Anspruch, im Namen König Heinrichs I. – noch 1983 in der Tschechoslowakei als Initiator des „Deutschen Dranges nach Osten“ ausführlich erwähnt[165] – expansive Ostpolitik zu betreiben, war spätestens im September 1944 in London mit dieser geplanten Grenzziehung zwischen den Blöcken absolut auf null gebracht, während er selbst noch im August 1944 in Posen vor Gauleitern von „unseren politischen, wirtschaftlichen, menschlichen, militärischen Aufgaben in dem herrlichen Osten“ schwärmte.
Im November 1942 vor den SS-Junkern in Bad Tölz ist für Himmler das millionenfache Leid nur ein – wie in heutiger Sprache zu sagen wäre – „Kollateralschaden“ bei der Verfolgung der imperialistischen Ziele, die er in der Fortsetzung von Heinrichs Fußspuren im Ural zu verwirklichen zu müssen meint. In diesem Zusammenhang in der Ich-Form sprechend, fordert Himmler die SS-Junker zum Glauben auf, und zwar ans Schicksal, an Gott, die Natur, die Vorsehung oder am einfachsten ans Göttliche, wenn es nur nicht der von den „Pfaffen als größten Heuchlern aller Zeiten“ vertretene christliche Gott ist. Sicher ist indessen für Himmler, dass „etwas – mächtiger als alles – über uns ist“. Wie er verlangt, dass das Christentum verachtet werde, „ebenso erwarte ich, dass jeder SS-Mann daran glaubt [...].“ Gleichzeitig müssen sie den Gedanken der Ahnenverehrung unter sich heimisch werden lassen, damit sie sich selbst in eine in die Zukunft weisende Erbfolge eingebettet finden. Ein Volk, das seine Ahnen verehrt, ist nämlich nach Himmlers Überzeugung wie das vorbildliche Japan „schwer zu besiegen“. So werden aus den Europäern „400 bis 500 Millionen Germanen werden“, die „das Reich gegen die Asiaten“ erhalten sollen. Während sie selbst für ihre Männer als Truppenführer immer Vorbild sein sollen, so bietet Himmler den Junkern zum Schluss den Befehlshaber der „Totenkopf-Division“, den „alten Eicke“ als kampferprobtes, tapferes Vorbild an. „Ansporn und Vorbild“ sollen die jungen Männer in der Erfüllung des Versprochenen sein, wie sie auch anspornend und vorbildlich zu sterben anstatt anzugeben haben. So wie Himmler es von Eicke überliefert, als er am 4. Oktober 1943 zu Beginn seiner Posener Rede die Versammelten zu dessen inzwischen erfolgtem Tod eine Gedenkminute einlegen lässt.
Größtes
Vorbild aber ist der „einmalige große germanische Führer Adolf Hitler, der
„unverbrüchliche Treue“ verdiene.
Himmler war selbst darauf aus, sich als Vorbild für die SS darzustellen, und richtete seine Lebensführung ganz darauf ein. So ist es keine Übertreibung, wenn er vor den Junkern sagt, dass er sich nicht nur um die „Totenkopf-Division“, sondern „ich mich um alle Divisionen kümmere“. Er dürfte ein Arbeitspensum wie kein anderer Nationalsozialist bewältigt haben. Dabei musste er an all das glauben, was er den jungen Männern vortrug, denn verwirklichte es sich nicht so, wie er es entwarf, „dann wissen wir, dass unser ganzer heldenhafter Kampf vergeblich war“. Das endgültige Versagen träte ein, wenn „nicht genügend Kinder guten Blutes folgen würden“, denn dann blieben die zur „germanischen“ Besiedlung zu erschließenden Gebiete leer.
Wie berechtigt diese Befürchtungen waren, hätte sich aus demographischen Untersuchungen, die den für den „Generalplan Ost“ tätigen Experten nicht unbekannt gewesen sein dürften, längst ablesen lassen. So hatte der ungarische Wirtschaftswissenschaftler und Bevölkerungsexperte Imre Ferenczi 1930 für das dem Völkerbund zugeordnete Internationale Arbeitsamt in Genf nachgewiesen, dass das Deutsche Kaiserreich vor dem Ersten Weltkrieg nach den USA zum „zweitgrößten Arbeitseinfuhrland der Erde“ geworden und der Massenexodus nach Übersee bereits in den 1890er Jahren zum Stillstand gekommen war, weil die industriellen Arbeitsangebote in Deutschland inzwischen vielversprechender waren als Auswanderung. Vielmehr bedeutete die Binnenmigration aus der Landwirtschaft in die Industrie, dass in der Landwirtschaft ein erheblicher Arbeitskräftemangel herrschte, der nur durch nach Preußen zuwandernde Polen ausgeglichen werden konnte (vgl. Anm. 154). Für den Krieg bedeuteten dann neben den zur Arbeit eingesetzten Kriegsgefangenen diese vorwiegend polnischen Arbeitskräfte, die gleichzeitig von völkischen und „alldeutschen“ Kreisen, aber auch von Max Weber wegen einer von ihnen angeblich ausgehenden „Polonisierung“ der Deutschen vor allem im Osten gefürchtet wurden, dass die „Heimatfront“ ohne sie viel zeitiger zusammengebrochen wäre.[166] Himmler stabilisierte seinen Glauben an die Verwirklichung der Siedlungspläne angesichts der „unerschöpflichen Menschenmassen“ oder „unübersehbaren Völkermassen“ im „asiatischen Raum“ wie bereits der „alldeutsche“ Reichstagsabgeordnete Ernst Hasse 1895, der der „slawischen Gefahr“ und ihrem „Drang nach Westen“ (Andreas Hillgruber, 1988) seine Überzeugung von dem „Überschuss an Volkskraft“ der Deutschen entgegengesetzt hatte, ohne dass ihr eine demographische Basis entsprochen hätte. Dafür dachte er wie Himmler an die Rückkehr der „germanischen“ Auswanderer, die sich über ihre „Blutsbande“ an die alte Heimat gebunden fühlen würden und zu ihrer Größe, bereitwillig den „Blutsbanden“ folgend, beitragen würden. Glaube und Überzeugung sind es dann auch, die Himmler den SS-Junkern verordnen möchte, damit sie sich dem von ihm gegen allen Realitätssinn entworfenen Projekt der wiederaufgenommenen mittelalterlichen „Ostkolonisation“ verpflichtet fühlen.
Brackmanns Propagandaschrift vom Ende des Jahres 1939, die er „ein weltge-schichtliches Bild“ über „Krisis und Aufbau in Osteuropa“ nennt und von der die Wehrmacht 1940 zur Instruktion ihres Führungspersonals 7.000 Exemplare bestellte, zeigt auf den 61 Textseiten 34 Mal den Begriff „kolonisieren“ mit Abwandlungen wie „Kolonie“, „Kolonialgebiet“, „Kolonialland“, „Kolonisator“; nicht mitgezählt die Verwendung von „siedeln“ mit ähnlichen Abwandlungen. Sie vermittelte Himmler über die eigene Überzeugung, Heinrichs I. Werk fortzusetzen, den Eindruck, führend an einer „weltgeschichtlichen“ Aufgabe beteiligt zu sein, vom renommiertesten Historiker der Zunft bestätigt. Hanns Johst als repräsentativster SS-Barde und Himmlers Freund und Chronist hätte in seiner „Heinrich-Saga“ die Taten Himmlers als eines zweiten Heinrich für die Nachwelt festhalten sollen, weil sich Himmler in einer „weltgeschichtlichen“ Rolle sah, ja offenbar der eigenen Überzeugung halber so sehen musste. Er hätte gern noch Edwin Erich Dwinger, einen der damals erfolgreichsten historischen Romanciers, für die Darstellung seiner Taten verdingt, um als Vorbild im Gedächtnis der Nachwelt festgehalten zu werden.
Von den Junkern fordert und verlangt er ja bereits, dass sie ihm in seinem Glauben folgen, damit sie eine Überzeugung haben, und zwar die richtige. Sie selbst sollen dann „Vorbild“ sein, wie er es im letzten Teil seiner Rede viermal den jungen Leuten auferlegt, damit sie ihrer Führer-Rolle künftigen Untergebenen gegenüber gerecht werden können. Das ist ein übliches erzieherisches Verfahren Kindern und Jugendlichen gegenüber, entweder wenn sie ungehörig aus dem Ruder laufen oder wenn man sie motivieren und ihnen Mut zusprechen will.
Bleibt die Frage, ob es des ausdrücklichen Hinweises auf Vorbildliches überhaupt bedarf, wenn Tatsache ist, dass menschliches Verhalten von klein auf sich immer am anderen orientiert, um ihn, wenn man sich eingehender auf ihn einlässt, entweder zu akzeptieren, wie er auch von anderen akzeptiert wird, ihn möglicherweise seines Erfolges oder seiner Anerkennung wegen zu imitieren oder als verwerflich zu verurteilen, wie man andere als verwerflich zu verurteilen gelernt hat. Entscheidend bleibt das unhintergehbare soziale Umfeld, dessen kulturelle Kodierungen durch Erfahrung und Imitation immer in eigenes Verhalten umgeformt und integriert werden, ohne dass es ein Bewusstsein davon zu geben braucht. Denn eigenes Leben vollzieht sich unumgehbar in der Gesellschaft anderer. Die gleicherweise unumgehbaren Pronomina „ich“, „du“, „er“, „sie“, „es“, „wir“, „ihr“, „sie“ zeugen davon. Indessen unterscheidet sich mein einleitender „Wir“-Gebrauch – dass „wir alle, wenn wir nicht gerade schlafen, beständig in der Gesellschaft anderer naturwüchsiger Rollenträger anpassungsfähig eine oder mehrere Rollen spielen“ – von dem Himmlers. Himmler nämlich kennt das „Wir“ nur in Bezug auf „artverwandtes Blut“ und an „das nordische Blut“, „die nordische Kultur und den nordischen Geist“ gebundenes. Der Andersartige muss mit „Ausscheidung“ oder „Ausmerzung“ rechnen, wie es „über uns ein Gott“ verfügt, der „diese Riesenwelt im Gesetz der Auslese und des Kampfes geschaffen hat und der mit diesem Gesetz der Selbsterhaltung die ganze Natur in Bewegung setzt und hält“. Dieser Gott ist also eine mimetische Projektion der erbarmungslosen rassistischen Denkweise, die das darin eingebundene „Wir“ zu einem ebenso erbarmungslosen Exekutor des rassistisch und so auch juristisch, also rechtsstaatlich oder besser: unrechtsstaatlich abgesicherten und so kodierten und kodifizierten Kollektivs macht, das allgemeine Menschenrechte nicht anerkennt. (Hitler soll Juristen verachtet haben. Für das, was sie für ihn taten, haben sie jede Verachtung verdient. – Das gilt für alle Funktionseliten, z. B. auch für Ärzte, die Folterer beraten, indem sie die Befindlichkeit der Gefolterten beurteilen oder sogar selbst foltern usw.)
Wie schnell nicht nur Funktionseliten obsolet gewordene Kollektivzwänge abstreifen können, zeigen die Folgejahre nach der von der Sowjetarmee und den Alliierten herbeigeführten Befreiung von der Rassediktatur, wobei davon auszugehen ist, dass die in die Individuen eingelassenen Kodierungen noch lange fortdauerten, ohne dass sie sich mehr gesellschaftlich mehrheitsfähig artikulieren konnten.
Zum Abstreifen bereit wäre schließlich seit Kriegsbeginn jederzeit auch Himmler gewesen. Auch in Bad Tölz wird er vor den jungen Männern redend und sich aufspielend seine Zyankalikapsel dabeigehabt haben oder zumindest an ihre Verfügbarkeit erinnert worden sein, wenn er beim Sprechen oder Atemholen mit der Zunge die für ihre Unterbringung vorgesehene Zahnlücke berührte. Denn seine Frau, von der es im Nürnberger Prozess einzig überliefert wurde, wird es sich nicht aus den Fingern gesogen haben, wiewohl es von niemandem zu überprüfen ist, außer dass die Zyankalikapsel trotz intensiver Untersuchung bei seiner Gefangensetzung für ihn schließlich schnell verfügbar und zu zerbeißen war. Insofern waren seine Beschwörung von Vorbildern, sein Glaube und sein exklusives Rasse-„Wir“-Gehäuse, von dem gedeckt er manchmal „ich“ sagte, und seine Maskerade als angeblicher Feldgendarm Heinrich Hitzinger jeweilige Anpassungen eines ich-schwachen Menschen, der die Karrierejahre seines Erwachsenseins über ans Rasse-„Wir“ und historisch aufgewertete, als stark kodierte und ans Rasse-„Wir“ leicht anzuschließende Vorbilder gefesselt blieb. Diese Vorbilder, die aus der einstigen angeblichen „Weltgeltung“ des mittelalterlichen Reichs gesellschaftlich akzeptiertes Sein und Sinnerfüllung für eine als leer empfundene Gegenwart verheißen sollten, und die Anlehnung an einen charismatischen Führer vermittelten Himmler letztendlich nicht genügend Überzeugung, als dass er sich auf sie verlassen hätte. Es blieb ein nicht gesellschaftsfähiger Rest in ihm, der wohl nur schwer als sein Ich zu bezeichnen wäre. Denn dieser Rest blieb sprachlos, bis er sich als Biss auf die Zyankalikapsel äußerte und fürchterliche Ausrufe- oder Fragezeichen hinter die vom Heinrich-Himmler-Ich angerichteten, aber von ihm so wenig wie von anderen mehr zu verantwortenden, aber von vielen gedeckten und mit ausgeführten Verbrechen setzte. Das in seiner „Wir“-Einbettung auf einen Sieg angelegte Heinrich-Himmler-Ich verlor mit dem in alle Richtungen zerstiebenden und sich auflösenden nationalsozialistischen „Wir“ seinen Halt und taugte gerade noch für die letzte, kurze Flucht-Maskerade, aber nicht für eine unmöglich gewordene Verantwortung, so dass von dem „weltgeschichtlich“ angestrebten Sieg nur ein weltgeschichtliches Verbrechen blieb.
Gegenüber allem Gesellschaftlichen dürfte es in jedem Individuum einen nicht gesellschaftsfähigen Rest geben, denn ein Individuum ist nach der Wortbedeutung das nicht mehr teilbare, letztlich isolierte Einzelwesen. Dieser Rest liefert die Basisausrüstung für jedes Gewissen, für jeden Widerstandskämpfer, jeden Guerillero, jeden Attentäter, jeden Selbstmordattentäter, jeden Terroristen, der in seiner Umgebung gut getarnt, aber nur zum Schein mitschwimmt und gleichzeitig im Guten wie im Bösen ein Fragezeichen hinter die ihn verpflichtenden sozialen Zwänge setzt. Es gibt so viel Anlass zur Hoffnung wie zur Verzweiflung. Denn wer im Sozialen und seinen Rollen ohne Rest aufgeht, ist menschlich verloren, und niemand wird auf ihn zählen können, wenn er seine Hilfe gegen die ihn bedrängenden Vergesellschafteten brauchte, die seine Menschenrechte nicht achten. Was soll der so verlassene Einzelne dann tun?
Es sei zum Schluss an eine freundliche Version des außergesellschaftlichen Rests erinnert, einen anonymen Vers aus dem Mittelalter, in dem sich ein Ich-Bewusstsein ohne ausgesprochene „Wir“-Anbindung zeigt, das staunend ein Fragezeichen hinter sich selbst setzt:
Ich komm, weiß nit, woher.
Ich bin und weiß nit, wer.
Ich leb, weiß nit, wie
lang.
Ich sterb und weiß nit,
wann.
Ich fahr, weiß nit, wohin.
Mich wundert, dass ich
fröhlich bin.
„Die Entstehung neuen
Siedlungsraumes im Osten, der seiner Eigenart und Lage nach in erster Linie ein
Bauernland ist, gehört zu den wichtigsten Folgen unseres Schicksalskampfes unseres
Volkes. In neuen Dörfern und auf neuen Höfen wird ein Bauerntum heranwachsen,
das in seiner Geschlechterfolge ein nie versiegender Blutsquell des deutschen
Volkes und damit Erhalter des Reichs sein wird.
An
der Verwirklichung dieser großen völkischen Aufgabe mitzuarbeiten gehört zu
einer der schönsten Aufgaben, die der Reichsführer-SS vom Führer übertragen
erhielt. Sie wird ihre Bindung an die Begriffe Blut und Boden gerade hier in
der Schaffung eines gesunden, leistungsfähigen Wehrbauerntums zum Ausdruck
bringen. Welcher junge Deutsche, der sich dazu berufen fühlt, möchte nicht
selbst als Bauer auf eigenem Grund und Boden sitzen, dort säen und ernten!
Männer der Schutzstaffel, jeder von euch kann, wenn er die Voraussetzungen
erfüllt, einer dieser Bauern im deutschen Osten werden! Freilich, dazu gehört
Wille, Ausdauer, Liebe und zäher Fleiß!
(Bild in der PDF-Datei)
Auf Befehl des
Reichsführers-SS hat das Siedlungsamt im Rasse- und Siedlungshauptamt-SS die
Planung für die Ausbildung nach den folgenden Gesichtspunkten vorbereitet.
Zunächst sei mit Nachdruck
darauf hingewiesen, dass es keinen Zweck hat, in romantischer Schwärmerei nur
die schönen Seiten des Landlebens zu sehen. Wer Bauer werden will, muss sich
von Anfang an darüber im klaren sein, dass ihn harte Arbeit erwartet, dass er
mit offenem Blick für alle Vorgänge in der Landwirtschaft freudig diese Arbeit
verrichten und ebenso für alle Dinge des Lebens innerhalb der Dorfgemeinschaft
Sinn und Einfühlungsvermögen aufbringen muss. Ein wirklicher Bauer wird nur
einer, der den heißen Willen hat, einer zu werden.
In
jedem Falle – und dies ist besonders wichtig – muss er außerdem eine Frau
finden, die aus der Landwirtschaft stammt oder zumindest eine ausreichende
bäuerliche Ausbildung durch Landjahr, Arbeitsdienst und Hauswirtschaftsschule
hat.
Der Schwerpunkt aller
Ausbildung unserer künftigen Bauern liegt in einer gründlichen praktischen
Tätigkeit. Die Ausbildung vollzieht sich verschieden, je nach den
Vorkenntnissen der einzelnen SS-Neubauern. Es wird dabei unterschieden zwischen
Was zunächst die
Nichtlandwirte anlangt, so sind darunter Angehörige der SS zu verstehen, die
noch nie in der Landwirtschaft tätig waren, zweitens solche, die wohl als
Bauernsöhne geboren sind, aber noch nie oder nur kurze Zeit in der
Landwirtschaft gearbeitet haben. Voraussetzung für die Aufnahmen als
SS-Neubauernanwärter ist die Ableistung von Arbeitsdienst und Wehrpflicht
(Waffen-SS).
Beim
Beginn der Ausbildung kommt der Bewerber zunächst zu einem vierwöchigen Kursus
in ein Ostlager der SS, anschließend für die Dauer eines Jahres als Knecht auf
einen gut geleiteten Bauernhof eines SS-Angehörigen. Weitere fünf Jahre als Landarbeiter
auf ausgesuchten Betrieben wechseln ab mit Kursen in den Ostlagern. Diese
Ostlager dienen der fachlichen, kulturellen und weltanschaulichen Ausrichtung
sowie der Vorbereitung für die Ingangsetzung und Übernahme eines
Neu-Bauernhofes. Während der Landarbeitertätigkeit soll sich der Bewerber
verheiraten.
Noch
einmal sei hier auf die Bedeutung einer richtigen Gattenwahl hingewiesen. In
einen Bauernhof gehört eine gesunde, tüchtige, arbeitsame Frau, die mit Liebe
und Pflichtbewusstsein ihrer Tätigkeit nachgeht.
Weiter
soll der Bewerber während der Landarbeitertätigkeit die Landwirtschaftsschule
besuchen und den Neubauernschein erwerben. Danach ist der Weg zum Bauernhof
frei.
Unter
den Landwirten sind Berufslandwirte und nachgeborene Bauernsöhne zu verstehen,
die schon längere Zeit in der Landwirtschaft tätig waren. Ihre Ausbildung
entspricht sinngemäß der Ausbildung der Nichtlandwirte, nur ist ihre
Ausbildungszeit kürzer entsprechend ihrer vorausgegangenen Tätigkeit und ihrer
Erfahrungen. Bis zur Ansetzung auf einem Bauernhof ist im allgemeinen eine
Tätigkeit in der Landwirtschaft von insgesamt sieben Jahren notwendig,
(vorwiegend) auf bäuerlichen Betrieben.
Die
landwirtschaftliche Ausbildung der langjährig Dienenden der Waffen-SS
geschieht, ihrer längeren Dienstzeit bei der Truppe entsprechend, in zwar
kürzerer, aber genau so erfolgversprechender Form. Ein Vorteil ist es allerdings,
wenn der Bewerber aus landwirtschaftlichen Kreisen stammt und schon vor seiner
Wehrdienstzeit in der Landwirtschaft gearbeitet hat. Des weiteren muss die
Frau des Bewerbers vom Lande kommen oder mindestens eine landwirtschaftliche
Ausbildung genossen haben. Hat ein langjährig Dienender sich entschlossen,
nach Ablauf seiner Dienstzeit Bauer zu werden, so wird ihm schon während seiner
Tätigkeit bei der Truppe Gelegenheit gegeben werden, sich durch Vorträge, Saat-
und Erntehilfeeinsatz oder Kurzlehrgänge vorzubereiten. Gegen Ende der
Dienstzeit erfolgt zunächst für die Dauer eines Jahres die Abstellung auf einem
vom Rasse- und Siedlungshauptamt-SS zugewiesenen Bauernhof. Anschließend
erfolgt eine zweijährige Tätigkeit auf einem Lehrhof der SS. Eine weitere
dreimonatige Ausbildung in einem Ostlager dient der Vermittlung von
Kenntnissen, die zur Inbetriebnahme eines Neubauernhofs notwendig sind. Nach
Erwerb des Neubauernscheins erfolgt die Übernahme eines Hofes.
Die
Ausbildung der Frau zur Bäuerin wird in ähnlicher Weise geschehen wie die der
männlichen Bewerber. Für sie sind zunächst die Bestimmungen der
Berufsausbildung des Reichsnährstandes zur Erlangung des Neubauernscheines
maßgebend. Ist auf Grund dieser Ausbildung eine Eignung erwiesen und die Heiratsgenehmigung durch den
Reichsführer-SS erteilt, kann sich das Mädel mit einem Bewerber jederzeit
verheiraten. Sie begleitet ihren Mann während der Landarbeiterzeit, ist mit ihm
auf dem gleichen Hof beschäftigt und genießt dort eine ihrem kommenden
Pflichtenkreis entsprechende Ausbildung. Erwünscht ist es natürlich, dass die
zukünftige Bauersfrau vom Lande selbst stammt. Aber warum soll das Stadtmädel,
das seine Berufung darin sieht, Bäuerin zu werden, nicht genau so geeignet
sein? Dafür sind heute im Landjahr, Arbeitsdienst, Hauswirtschaftslehre und
Landfrauenschule Einrichtungen geschaffen, die auch ein tüchtiges Stadtmädel
das Ziel erreichen lassen.
Das Ziel für alle Bewerber: der eigene Hof! Erfüllt der Anwärter die geforderten Bedingungen, so erhält er auf Grund seine Leistungen einen Bauernhof zugewiesen. Für die Größe des Hofes wird das Können des einzelnen und die Güteklasse des Bodens ausschlaggebend sein. Eins steht jedoch fest: jede Hofstelle wird so groß ausgelegt werden, dass sie für eine Bauernfamilie eine gute, auskömmliche Lebensgrundlage bietet. In welchen Gebietsteilen die Ansetzung erfolgt, wird der Reichsführer-SS zur gegebenen Zeit festlegen.
Nochmals
wird darauf hingewiesen, dass es bei der Ansetzung in erster Linie auf den
Menschen und nicht auf sein Vermögen ankommt.
Ausschlaggebend
für die Ansetzung ist daher nicht die Vermögenslage des Bewerbers, sondern
seine Leistungen, seine Fähigkeiten und sein Wille. Ebensosehr wird
er Familienstand, also die Zahl der Kinder, bei den Abgaben an den Staat
ausschlaggebend sein. Damit kann jeder Schutzstaffelmann, wenn er ein tüchtiger
Bauer ist oder es werden will, auch wenn er kein Vermögen hat, zum eigenen Hof
kommen. Während der Ausbildung erfolgt Bezahlung nach den Tariflöhnen. Die
Ansetzung kann zwischen dem 27. und 30. Lebensjahr bei rechtzeitiger Meldung
erfolgen.
Wo
melde ich mich? Träger der bäuerlichen Ausbildung für die gesamte
Schutzstaffel ist das Rasse- und Siedlungshauptamt SS, Berlin SW 68, Hedemannstraße
24. Bewerbungen richtet der SS-Mann an seine zuständige Einheit. Von dort aus
werden sie an das Rasse- und Siedlungshauptamt SS weitergeleitet. Die Betreuung
der Bewerber während der gesamten Ausbildungszeit liegt ebenfalls in den Händen
des Rasse- und Siedlungshauptamts SS.
In
absehbarer Zeit wird durch das Rasse- und Siedlungshauptamt SS ein Wegweiser
über den gesamten Werdegang „Der Weg zum Bauernhof“ innerhalb der Schutzstaffel
veröffentlicht, der dem einzelnen Bewerber noch nähere Aufschlüsse geben wird.
Die Marschrichtung also ist gegeben und der Weg zum Ziel, zum Bauernhof im deutschen Osten, ist klar!“
(Quelle: SS=Leitheft – Kriegsausgabe, Jahrgang 6, Folge 2 b (ca. März 1941), hrsg. von Der Reichsführer SS, SS=Hauptamt=Schulungsamt, Berlin SW 68, Hedemannstraße 24, S. 15-18.)
„Wir Männer im Osten haben
die Landschaft dort kennengelernt. Wir sehnen uns, wenn der Bolschewik niedergerungen
ist, mit allen Fasern unseres Herzens ‚nach Hause‘. Nichts ist verständlicher.
Die Heimatlandschaft ist der Spiegel unserer Seele, die Landschaft des Ostens
ist so recht das Spiegelbild östlicher Rassen. Das ist immer so. Menschen und
Landschaften sind organische Einheiten. Ein aufbauendes Volk gestaltet seine
Landschaft, ein passives Volk schändet sie durch Raubbau an Wald, Bäumen,
Acker, Wiese, Wasser, Moor, Tier und allem Lebendigen. Es kann nur in
eigensüchtiger Weise nutzen, ohne Rücksicht Auf Nachbarn und Klima, selbst ohne
Rücksicht auf die eigenen Kinder. In fetten Jahren wird geprasst, in Hungerjahren
werden bisweilen die eigenen Kinder gefressen. Das deutsche Volk hat in
Jahrtausenden die Güter seiner Landschaft entwickelt, hat die Böden verbessert,
hat Wasser und Klima in den Dienst am Ganzen gestellt, vollendet im besten
Sinne des Wortes das Werk Gottes. Raubmenschen jeder Art haben in der
Kulturlandschaft keinen Platz, gelten mit Recht als asoziale Feinde. In der
Räuberlandschaft ist es umgekehrt. Dort ist der schlimmste Räuber der
Lebenstüchtigste. Viele Landschaften des Ostens sind eindeutige Beweise solcher
Art. Das fühlt und weiß jeder Deutsche, der in einer Kulturlandschaft aufwuchs.
Er darf sich daher mit gutem Recht ‚in die Heimat‘ sehnen.
Und dennoch – wie leicht
können weite Räume des Ostens in eine wahrhaft ‚deutsche‘ Landschaft
umgewandelt werden! Habt ihr einmal prüfend den Boden dort in die Hand
genommen? Er ist auf Riesenflächen unendlich viel besser als die leichten und
mageren Sande unserer Heimat, der Lüneburger Heide, Oldenburgs, des Münsterlandes,
der Neumark, Ostpommerns und vieler anderen deutschen Gebiete. Wenn wir trotz
dieses schlechten Bodens eine echte Bauernkultur aufbauen konnten, seit
Jahrtausenden jeden Krümel Sand pflegen und düngen und ihn höchster Leistung
entgegenführen, so beweist das nur die Behauptung, dass ein aufbauendes Volk
jeder Leistung fähig ist und selbst lebensungünstigen Umwelten in begnadete
Landschaften verwandeln kann.
Landschaft ist eine
Gemeinschaftsleistung. Der einzelne Mensch, selbst der tüchtigste, die im
russischen Raum zur Ansiedlung kommende
deutsche Bauernfamilie, ein einzelnes Dorf, selbst eine locker verteilte
Kette deutscher Bauerndörfer können den riesigen Raum nicht ein- deutschen, der
Landschaft kein deutsches Gesicht geben. Die Größe des östlichen Raumes, die
‚Härte‘ des Klimas würden sie verschlucken. So ist es leider in vielen
Jahrhunderten gewesen. Die Steppe verschlang unendliche Mengen besten deutschen
Blutes, weil das Volk der Deutschen nicht geschlossen zur Ansiedlung kam, seine
staatliche Lenkung und feste Förderung fand. Es ging den Deutschen im Osten wie
den ungezählten Millionen der Unsrigen in den Staaten von Nordamerika. In
Gruppen und Grüppchen kamen sie ins ferne Land, in fremde Umwelten, Häuser und
Landschaften.
So wie
bisher darf niemals mehr gesiedelt werden! Wie die Landnahme mit der Waffe
erfolgte, als Gemeinschaftstat deutscher Männer, so kann die Landessicherung
nur gemeinsam erfolgen, indem das Form- und Gestaltlose der ostischen Landschaft
gänzlich gebrochen wird durch den Neuaufbau einer wahrhaft deutschen
Landschaft, die Gestalt und Form, Inhalt, Seele und Antlitz hat. Das können nur
ein starkes Reich, nur starke deutsche Männer und Frauen erreichen, die in
unverbrüchlicher Volks- und Landestreue miteinander verbunden sind.
Die Wurzeln edlen Menschentums erwachsen und stehen nur in einer
Heimat. Alle große Kultur war und ist Heimatkultur. Fast pflanzenhaft ist die
Seele in der Heimat verwurzelt, die hier zum Gleichgewicht in eigener Kraft
kommt. Nur in der Heimat und in der Stammesverankerung kann sich die Seele
gegen den schlimmsten Kulturgegner aller Zeiten, gegen die eigene
Begehrlichkeit, wenden; nur in den Lauten der Heimat kann sich die Seele aussprechen.
(...)
Wie leicht könnte hier
eine deutsche Fruchtlandschaft, ein großer Garten des Volkes geschaffen werden!
Wird hier mit ganzer Kraft die Landschaft und das Klima geordnet, so sind die
Lebensbedingungen oft um ein Vielfaches günstiger als in der Heimat, die häufig
eine beängstigende Enge aufweist. Über das Klima sind die Ansichten am wenigsten
im Urteil der Allgemeinheit geklärt.
(Bild in der PDF-Datei)
Einige Zahlen mögen
beweisen, wie sehr selbst noch in der Steppe, am südlichen Don, die jährlichen
Regenmengen dem Reichsquerschnitt nahe kommen. 1919 fielen um Charkow 577
Millimeter Regen, also mehr als in der Magdeburger Börde, an Waldrändern waren
es sogar 659 Millimeter. 1922 waren es 458 Millimeter bzw. 526 Millimeter.
Gerade der jähe Wechsel des Klimas, den wir in diesem Feldzug so bitter
erlebten, ist weitgehend abzustellen, wenn das ganze weite Land gegen den Wind
aus den riesigen Räumen des Ostens abgeschottet wird. Der Wind ist der stärkste
Gegner. Er ist gleichzeitig der Verschärfer des Frostes und der Dürre! Wird dem
Winde nicht Einhalt geboten, so schreitet die Verwahrlosung des Landes fort,
die schon, in der Windrichtung, Eingang in das Altreich gefunden hat.
Waldstreifen an den großen und kleinen Flüssen, die von Nord nach Süd laufen,
werden die großen Abschottungen des Landes gegen Wind, schädigendes Wetter und
gegen den Feind sein. Dazwischen liegen, wie im gezeigten Beispiel um die Stadt
Posen, die Unterstreichungen der natürlichen Geländeformen durch gleichlaufende
Waldstreifen. Dann folgen die grünen Waldrahmen um die dörflichen Feldfluren
und die Baumkränze um die neuen Dörfer. Das letzte Schott ist der große Garten
um den Hof, der Ort der Seele deutscher Menschen. Die Planungsarbeiten sind
weit vorangetrieben, die ersten großen neuen Waldstreifen sind gepflanzt.
Gärtner, Landschafter, Vermessungsingenieure, Forstmänner, Dorf- und
Städtebauer folgen dem Krieger auf dem Fuße, geführt vom Agrarpolitiker,
sorgsam gelenkt und betreut vom Reichsführer SS. Wir harren tatfreudiger
deutscher Menschen, die mit Fäusten und frohen Herzen aus der seelenlosen Öde
und unbegrenzten Weite des Ostens deutsche grüne und fruchtreiche Fluren
gestalten wollen.
(...)
‚Haltet das Reich nie für
gesichert, wenn es nicht auf Jahrhunderte hinaus jedem Sprossen unseres Volkes
sein eigenes Stück Grund und Boden zu geben vermag! Vergesst nie, dass das
heiligste Recht auf dieser Welt das Recht der Erde ist, die man selbst bebauen
will, und das heiligste Opfer das Blut, das man für diese Erde vergießt.‘
Diese
Worte des Führers sind unser Vermächtnis. Sie sind mehr als Vermächtnis, sind
Befehl für die Schutzstaffel des Führers und das Reich, für die SS. Einsatz im
Osten heißt dieser Befehl für uns.“
(Quelle:
SS=Leitheft – Kriegsausgabe, Jahrgang 7, Folge 12 a (1942), hrsg. von Der
Reichsführer SS, SS=Hauptamt=Schulungsamt, Berlin SW 68, Hedemannstraße 24, S.
12-15.)
[Zur Karriere von Professor Dr. Heinrich Wiepking-Jürgensmann (1891-1973) vergleiche http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Wiepking-J%C3%BCrgensmann.]
Wenn es darum geht, für eine öffentliche Einrichtung einen Namenspatron
zu finden, wird das weite Feld von Erinnerungskultur und Geschichtspolitik
betreten. Von ihnen grundiert, aber auch gesteuert finden die
Meinungsbildungsprozesse statt, an deren Ende schließlich Namenspatrone benannt
werden. Einmal gefunden, beeinträchtigen sie in der Regel das Tagewerk derer
nicht, die ihm unter ihren Dächern nachgehen. Als Erwartung an Namenspatrone
gilt ja, dass sie das gegenwärtig zu Verrichtende unter ein gutes Zeichen
stellen, was immer im Augenblick der Namensvergabe damit gemeint gewesen sein
mochte. Deshalb lebt man schließlich mit ihnen, ohne sich Gedanken über sie zu
machen, so als gäbe es sie nicht. Das kann sich ändern, wenn die Aufmerksamkeit
auf etwas gelenkt wird, was diese Gedankenlosigkeit beeinträchtigt, und im
Nachhinein über die Vorgänge nachzudenken ist, die die einstige Wahl und
Entscheidung gesteuert haben mögen. So ist das katholische Fritzlar nach 1935
auch von Himmler besucht worden, als er nach sichtbaren Spuren der
Heinrichstradition forschte in der Meinung, dass der überlieferte Erhebungsakt
von 919 ja etwas Wichtiges für die Stadtgeschichte sei. Es fand sich aber
nirgends etwas.
Diesem Fehlen
wurde jetzt abgeholfen: Für einen Jahresbeitrag von 84.– RM bis Kriegsende
wurde die Stadt ab 1938 Mitglied in Himmlers
„König-Heinrich-I.-Gedächtnis-Stiftung“. Fritzlar war außerdem von Himmler
ausersehen, mit einer Reihe anderer Städte als „König-Heinrich-Stadt“ zu
gelten.
Nach dem
Krieg hätte diese Heinrichsepisode für abgeschlossen gehalten werden können,
hätte nicht 1955 die Namengebung des Städtischen Realgymnasiums angestanden.
Dieses Gymnasium hatte sich im 20. Jahrhundert aus einer Städtischen
Lateinschule entwickelt, aus der eine Städtische Rektoratschule und später eine
Städtischen Oberschule für Jungen geworden war. Das Schulsiegel der Städtischen
Rektoratschule der ersten Jahrhundertjahrzehnte und später bis in die 1950er
Jahre hatte noch eine Abbildung des Heiligen Martin zu Pferd enthalten, wie er
seinen Mantel mit dem Schwert teilt und eine Hälfte einem Bettler
hinunterreicht.
Aus den in der Schule vorhandenen Akten lässt sich der Vorgang der Namengebung folgendermaßen rekonstruieren:
Das Kollegium des damaligen Realgymnasiums machte
sich zum ersten Mal in einer Konferenz im September 1955 Gedanken über einen
Namenspatron. St. Wigbert, Herbort von Fritzlar und St. Martin standen zur
Diskussion. In der abschließenden Abstimmung sprach sich das Kollegium in
allgemeiner Annahme für „St. Martin-Gymnasium“ aus. Dem stimmte im Anschluss an
die Konferenz auch die Schulelternschaft zu. Die Stadtverordnetenversammlung
überging am selben Abend diese Entscheidung, und in ihrem Sinne meldete die
Stadt St. Wigbert als Namenspatron an den Regierungspräsidenten in Kassel
weiter. Begründet wurde die Entscheidung damit, dass St. Martin für Fritzlar
höchstens nur bis 1806 von Bedeutung gewesen sei und seit der damaligen
Trennung von Mainz keinerlei Einfluss mehr auf die Stadt und noch weniger auf
die Schule habe.
Der Regierungspräsident konnte diesen Namenspatron jedoch nicht akzeptieren, weil das Hünfelder Gymnasium in seinem Aufsichtsbereich bereits „St.Wigbert-Schule“ hieß. So wurde die Stadt als Schulträger zu neuer Entscheidungsfindung in Zusammenarbeit mit Schule und Elternschaft aufgefordert.
Von Elternseite wurde dann im Oktober 1955 der Name König Heinrichs I. ins Spiel gebracht, und zwar von Seiten des evangelischen Stadtpfarrers Scheffer, der in Fritzlar von 1927 bis 1956 tätig war und nach der Standortpfarrei von dort auch die Propstei des Sprengels Kassel leitete. Er wollte, dass die Stadtverordnetenversammlung „von allen Seiten“ – d.h. von der Stadt- und Schulelternschaft über das Kollegium des Gymnasiums – „dazu gebracht wird, unseren Vorschlag (...) der Regierung zu unterbreiten“. Die Fritzlarer Zeitung titelte am 27. Okt. 1955: „Elternbeirat für ‚König-Heinrich-Schule‘. Auch Lehrerkollegium stimmt zu – Erinnerung an Königswahl in Fritzlar.“ Im Artikel heißt es dann: „Man will damit an das bedeutungsvollste geschichtliche Ereignis der großen Vergangenheit der Stadt Fritzlar anknüpfen, das in der in Fritzlar erfolgten Königswahl erblickt wird.“
Die Stadtverordnetenversammlung vom 3. November kann sich auf diesen
Namen nur schwer einlassen. Ein Stadtverordneter sagt, dass Herbort von
Fritzlar der „bekannteste Schüler der Schule gewesen (sei), während Heinrich I.
mit der Schule überhaupt nichts zu tun gehabt habe“. Schließlich möchte man dem
Regierungspräsidenten zwei Namen vorschlagen, nämlich „Herbort-von-Fritzlar-Gymnasium“
und „Heinrich-Gymnasium“. Im Dezember wird das Kollegium noch einmal von der
Stadt aufgefordert, über die beiden Namen abzustimmen. Die Lehrer bleiben bei
ihrem im Oktober gefassten Beschluss, Heinrich als Patron haben zu wollen, und
am 31. Januar 1956 teilt der Bürgermeister dem Regierungspräsidenten und dem
Schulleiter mit, dass die Stadtverordnetenversammlung am 30. Januar den Namen
„König-Heinrich-Schule“ beschlossen habe, und zwar mit der kurzen Begründung: „Diese
Namengebung erfolgte im Hinblick auf die Wahl Heinrich I. in Fritzlar zum König.“
Wenn die Elternschaft 1955 in Übereinstimmung mit
der nationalistischen Tradition die angebliche Königserhebung in Fritzlar als
„das bedeutungsvollste geschichtliche Ereignis der großen Vergangenheit der
Stadt Fritzlar“ ausgibt, dann verweist die Bevorzugung eines lokal zu
veranstaltenden Kriegerfestes gegenüber der Teilnahme an einer nationalen
„Heinrichsfeier“ darauf, dass es in Übereinstimmung mit der katholischen
Tradition 1939 noch keinen Fritzlarer Stolz auf das angeblich
„bedeutungsvollste geschichtliche Ereignis“ gab (vgl. Korrespondenz im
Stadtarchiv; Näheres weiter unten). Fritzlar ist ja auch die einzige
katholische Stadt unter den „König-Heinrich-Städten“. Erst mit dem 1250.
Stadtgeburtstag 1974 knüpft Fritzlar ans national-protestantisch-völkische
Heinrichsbewusstsein an, als der Marburger Historiker Walter Schlesinger in seinem Beitrag für die Festschrift der
Stadt schreibt, dass Heinrich dem „deutschen Volksbewusstsein“ „zum Durchbruch
und zum Siege“ verholfen habe. Lange galt nämlich für Fritzlar Folgendes: „Es
wurde gefragt, ob ein Katholik Deutscher sein könne. Wer einer Autorität
jenseits der Alpen (daher das Schimpfwort ‚ultramontan‘) gehorcht, kann
zumindest nicht loyal sein. In der Bevölkerung [...] blieben Katholiken
und Evangelische auch nach der Integration der katholischen Partei (Zentrum)
getrennt ‚wie zwei Stämme‘“ (Georg
Elwert, Deutsche Nation, S. 128, in: Bernhard
Schäfer / Wolfgang Zapf [Hg.], Handwörterbuch zur Gesellschaft
Deutschlands, Leske und Budrich: Opladen 1998, S. 123-134).
Bemerkenswert bleibt, dass von keiner Seite mehr mit einem Wort daran erinnert wird, dass die Stadt Fritzlar als so genannte „König-Heinrich-Stadt“ bis 1945 der von Himmler 1938 in Quedlinburg gegründeten „König-Heinrich-I.-Gedächtnisstiftung“ angehört hatte. Bei der nationalen „Heinrichsfeier“ von 1938 war z.B. der Bürgermeister von Fritzlar in Quedlinburg: „Und dann wurden die Namen der König-Heinrich-Städte aufgerufen, und jeder Bürgermeister trat schweigend vor, um dem großen Toten mit dem Eichengrün der heimatlichen Wälder Gruß und Ehrung darzubringen. Es waren die Städte Braunschweig, Engern, Fritzlar, Wetzlar, Gandersheim, Erfurt, Goslar, Meißen, Nordhausen, Schleswig, Wallhausen und Quedlinburg“ (Quedlinburger Kreisblatt vom 2. Juli 1938). Auf die Einladung zur nächsten „Heinrichsfeier“ im Jahre 1939 erhält der Reichsführer-SS allerdings eine Absage: Das Fritzlarer Kriegerfest wird mit Bescheid vom 29.6.1939 der ‚nationalen Weihestunde‘ in Quedlinburg vorgezogen.
Dieses hier sichtbar werdende auf die katholische Tradition verweisende lokale Widerständige findet in der Namensfindungsdiskussion der Stadtverordnetenversammlung von 1955 noch eine Weile ein Echo, bis sich auch dieses auflöst und in eine Naivität hineinrettet, für die die „Festschrift zur Einweihung des Schulerweiterungsbaus“ von 1957 im abschließenden Porträt des neuen Patrons ein gewissermaßen geschichtsloses Beispiel gibt:
„Sein Bild ist uns nicht überliefert. Aber es gibt im Erhardihaus zu
Regensburg ein Relief, das uns zeigt, wie man sich den König vor 700 Jahren vorgestellt
hat. Da reitet er, in Jugendschönheit prangend, auf seinem Pferd zur
Reiherbeize. Den Falken trägt er nach adeliger Sitte auf der rechten Hand.
Ewige Jugend hat ihm so der Künstler verliehen. – Dauernde Jugend ist auch
jeder Schule, und mag sie noch so alt sein, beschieden, während eine Generation
nach der anderen sie durchläuft. Ist da nicht dies Bild König Heinrichs I. für
unsere Schule ein schönes Symbol?“
Ein
weiteres nicht gering zu veranschlagendes Moment im Zusammenhang der Stimmung,
die für Heinrich I. sprach – freilich nirgends erwähnt, aber als gefeiertes
Nationalereignis der deutschen Fußballweltmeisterschaft von 1954 in den Köpfen
der Menschen gegenwärtig –, dürfte das „Stoppen der Ungarn“ durch die
deutsche Mannschaft im Finale von Bern gewesen sein. So wie Heinrich die Ungarn
933 „gestoppt“ hatte, war es in den 1950er Jahren im Kalten Krieg wieder
an den Deutschen, den gesamten Ostblock zumindest im Spiel gegen die
wiedererstandenen Ungarn und ihren asiatischen Sturm zu „stoppen“.[167]
Deutlich an den Kalten Krieg angelehnt erfolgt auch die symbolpolitische
Erinnerung an Heinrich I. in der 1957 in zweiter Auflage erscheinenden „Kleinen
Deutschen Geschichte“ des aus amerikanischer Emigration zurückgekehrten Hubertus Prinz zu Löwenstein:
„So endete der zweite Weltkrieg, ohne die
Grundlagen für eine neue Ordnung geschaffen zu haben. Er hinterließ nichts als
ein Erbe von Trümmern. Nicht nur die Grenzen Deutschlands wurden vom
Bolschewismus eingedrückt, sondern die des ganzen Abendlandes. Sie verlaufen
heute ungefähr da, wo sie vor 1000 Jahren lagen, ehe König Heinrich I. den
heidnischen Magyarensturm aus Asien an der Unstrut zum Stehen brachte – eine
furchtbare Mahnung für alle Völker Europas, sich in letzter Stunde auf ihren
gemeinsamen Auftrag zu besinnen.“[168]
Im Jahrbuch der „König-Heinrich-Schule“ (KHS) von 2005 schreibt ein
jüngerer Geschichtslehrer zur Rechtfertigung des Namengebungsaktes vollmundig
und in der Überzeugung, seine Sichtweise habe nichts mit nationalistischer
Tradition zu tun, sondern nur mit seinem, aber
als einzigem authentisch geglaubten Heinrichsbild, dass „die Wahl
Heinrichs zum König der Franken und Sachsen [...] das historisch gesehen
bedeutendste Ereignis in der langen Geschichte der Stadt Fritzlar“ sei.
Heinrich wird wegen seiner „enormen Leistung zum Wohle der Menschen“
gelobt, „die gerade in der Art und Weise seiner Bewerkstelligung rechtfertigt,
eine höhere Bildungsanstalt nach diesem großen König zu benennen“. Da wird
von der Einigungsleistung Heinrichs I. über annähernd 1100 Jahre „eine
direkte ‚staatliche‘ Linie bis in das Deutschland unserer Zeit“ gezogen, „das
mit der Wiedervereinigung von 1990 ein weithin sicht- und fühlbares Zeichen
seines nationalen Zusammengehörigkeitsgefühls gegeben hat“. Das ist schon
pathetisch starker Überzeugtseinstobak mit munter weitergeglaubten und an Kollegen,
Schüler und Elternschaft weitergegebenen Genealogielinien, die von einem König
ausgehen, der weder lesen noch schreiben konnte, aber für eine „höhere
Bildungsanstalt“ in der Demokratie als Vorbild dienen soll, nachdem in den
alten Mittelalterinszenierungsschuhen des 19. Jahrhunderts nicht nur die Historiker
im Nationalsozialismus, „wenn überhaupt auf eine Gestalt der deutschen
Geschichte, so auf Heinrich I. ihre einmütige Liebe und Verehrung vereinigt“
hatten (Hermann Heimpel, 1937)! Dabei sollte auch
für solche Historiker, die ihre offenbar an der Evolutionstheorie orientierten
Entwicklungslinien aus einer Abstammungsgeschichte (vgl. V. Groebner, wie Anm. 139, S. 124) ziehen
zu müssen glauben, nicht zu übersehen sein, dass zur Zeit Heinrichs die „wirtschaftliche
Triebkraft [...] der Handel mit Sklaven aus dem Gebiet der Slawen in das
Kalifat der Abassiden“ (Heiko Steuer,
2001) war. Da wird deutlich, dass die vom Geschichtslehrer so hoch gelobte „Leistung
zum Wohle der Menschen“ des Königs vor allem eine zum Eigenwohl der damals
herrschenden Schichten war, an dem die an Scholle und Broterwerb gebundene
Landbevölkerung über Jahrhunderte hinweg nicht teilhatte. Die musste vielmehr
immer gewärtig sein, dass die eigenen Herren sie überfielen, ausplünderten und
schröpften. Denn der Sklavenhandel der Führungsschicht warf zwar zum Erwerb von
Luxusgütern etwas ab, die den heutigen Ruhm des Alten Reichs in Ausstellungen
immer noch ausmachen können, aber damit war der Hunger der Menschen noch nicht
gestillt. – Es sollte eigentlich offensichtlich sein, dass ein so mangelhaftes,
weil selektives und damit ideologisches Verfahren, das aus tausendjähriger
Geschichtskonstruktion weiter nationalen Sinn für die Gegenwart „stiften“ will,
nicht nur wegen der hier ausführlich beschriebenen einschlägigen Erfahrungen
ausgedient hat! Aber es ist auch in einem Kollegium von Gymnasiallehrern nach
dem Jahre 2000 noch oder immer noch oder wieder mehrheitsfähig.[169] Dabei brauchte man sich nur kundig zu
machen, um wahrzunehmen, dass dieser König völkermörderische Kriege gegen die
Slawen führte (E. W. Wies, 1989,
wie Anm. 98), z. B. bei der Eroberung der slawischen Burg Gana
sklavenjägerische Gräueltaten beging und insgesamt mit dem Sklavenhandel mit
Slawen die für seine Herrschaft nötigen Reichtümer erwarb und seine Königskasse
füllte.
Jener Ernst W. Wies spricht zwar von den „Zügen eines fanatisierten Völkermordes“ an den Slawen, zählt Heinrich I. aber trotzdem „zu den tragenden Vätergestalten der Weltgeschichte“, dem „die Nachwelt den Beinamen ‚der Große‘ nicht gegeben“ habe. Gleichzeitig führt dieser Historiker in einer „exemplarischen Vorbemerkung“ Klage darüber, dass 1962 nur in Österreich des tausendjährigen Jahrestages der Kaiserkrönung Ottos des Großen gedacht wurde, und zwar in einem großen „Akademischen Festakt“ im Festsaal der Wiener Universität am 31. Juli 1962, an dem alle Repräsentanten der österreichischen Republik teilnahmen – WIES zählt sie alle auf –, die Bundesrepublik Deutschland aber nur durch ihren Botschafter und einen Botschaftsrat vertreten gewesen sei. „In der Festrede des Vorstandes des Instituts für österreichische Geschichtsforschung feierte der Universitätsprofessor Dr. Dr. h. c. Leo Santifaller Otto I. unter anderem mit folgenden Worten. ‚Hat doch Otto I. im Jahre 955 die Ostmark, das Kernland des späteren Österreich, neu errichtet und kann daher in gewissem Sinne als der Begründer Österreichs angesehen werden‘“ (S. 7 f.). Wies hat sich nämlich vorgenommen, „den Deutschen ihre Vergangenheit zurückzugeben“ (S. 317), indem er an Otto I. und Heinrich I. erinnert, die beide als Erste „das Gemeinschaftsgefühl der Deutschen geprägt“ (S. 295) hätten.
Steckte bis in die 1950er Jahre
noch eine lokale geschichtliche Erfahrung in der Distanzierung von einer vorwiegend
vom preußischen Protestantismus vereinnahmten Königsfigur, in die in der so
geprägten Sichtweise wegen der nicht erfolgten kirchlichen Königssalbung die
Abwendung Luthers von Rom hineingedeutet wurde, so ist diese Erfahrung
inzwischen nichtssagend geworden und überkonfessionell ersetzt durch
geschichtlich verbrämte Nationalideologie, die immer wieder in die Öffentlichkeit
drängt, weil es Leute gibt, die fröhlich nationale Urständ feiern wollen.
In ihrem Sinne wird inzwischen für die
Lokalhistorie Folgendes abgeleitet und in „Wikipedia“ unter dem
„Fritzlar“-Eintrag festgehalten:
„Fritzlar
ist eine Kleinstadt und ein wirtschaftliches Mittelzentrum im
Schwalm-Eder-Kreis in Nordhessen (Deutschland). Als Dom- und Kaiserstadt gilt
sie als der Ort, an dem sowohl die Christianisierung Mittel- und
Norddeutschlands (mit dem Fällen der Donareiche im Jahr 723 durch Bonifatius),
als auch das mittelalterliche Deutsche Reich (mit der Wahl von Heinrich I. zum
König der Deutschen auf dem Reichstag von 919) ihren Anfang nahmen.“
Was Wunder, dass die Fritzlarer die an das nationalistische
Selbstverständnis gekoppelte lokale Selbstwahrnehmung mit anderen teilen
müssen: So mussten sie sich an einem Sommersonntag 2000, dem Todestag des
Führerstellvertreters Rudolf Hess, weiträumig von Hundertschaften von
Bereitschaftspolizei und Bundesgrenzschutz abschirmen lassen, nachdem bekannt
geworden war, dass der einschlägig bekannte Rechtsradikale Dr. Manfred Roeder
in der Erwartung ‚nationaler Wiedergeburt‘ zu einer ‚nationalen Pilgerfahrt‘
nach Fritzlar aufgerufen hatte. Roeder sieht sich nämlich in der Nachfolge
Himmlers als Verweser des von ihm erwarteten ‚Vierten Deutschen Volksreiches‘,
dessen erste Version von Heinrich I. mit seiner Erhebung zum König in Fritzlar
im Jahre 919 gegründet worden sein soll. Und Rudolf Hess gilt als einer der
neuen nationalen Märtyrer auf dem Kreuzwege zur Verwirklichung der zu
schaffenden ‚volkhaften‘ Staatsnation. Was immer das symbol- oder realpolitisch
zu heißen hätte, so passt es in das Muster der von Franz Kafka am Ende seiner
Erzählung In der Strafkolonie (1919) wiedergegebenen Inschrift
auf dem Grabstein des ehemaligen Kommandanten, Herr über Folter- und Todesmaschinerien:
„Hier ruht der alte Kommandant. Seine Anhänger, die jetzt keinen Namen tragen dürfen, haben ihm das Grab gegraben und den Stein gesetzt. Es besteht eine Prophezeiung, daß der Kommandant nach einer bestimmten Anzahl von Jahren auferstehen und aus diesem Hause seine Anhänger zur Wiedereroberung der Kolonie führen wird. Glaubet und wartet!“[170]
In Erinnerung an Franz Helzel
(*1895, †1972),
zweimaliger Teilnehmer im Zweiten
dreißigjährigen Krieg.
6.
Januar 2008
¨ „Wir müssen für die Verbreitung der Idee sorgen, dass der gegenwärtige Krieg nichts als eine Episode im 1914 begonnenen Weltkrieg ist. Die Mitarbeit Frankreichs an der gemeinsamen Sache der Freiheit bemisst sich seit 1914.“ (Telegramm am 25.8.1941 aus dem französischen Brazzaville (Kongo) nach London in Zusammenhang mit der Zustimmung von „la France libre“ zur am 14.8.1941 verabschiedeten Atlantik-Charta)
¨ „... als ein Reiter, geschmückt mit Girlanden,/ weilt im ukrainischen Grün der getreue, der flandrische Tod ... (...) ... der Baum aus den finstern Ardennen/ wandert, ein aufrechtes Kreuz, und wird hier sein heut nacht ... (...) Bleib nicht, mein Lieb, wenn Katjuscha nun anfängt zu singen!“ (Paul Celan, Russischer Frühling, 1944)
¨ „Nunmehr war der Blitzkrieg beendet, jetzt begann der ‚Dreißigjährige
Blitzkrieg‘; der gewonnene Krieg war zu
Ende, jetzt begann der verlorene Krieg.
... Nunmehr war der gewonnene Krieg beendet, es begann der verlorene
Krieg, der dreißigjährige Blitzkrieg
...“ (Curzio Malaparte, Kaputt, 1944[172])
¨ „Die Verdrängung der Kolonialfrage macht ein Verständnis des zweiten Dreißigjährigen Krieges unmöglich.“ (Domenico Losurdo, Kampf um die Geschichte, 1996)
Es gibt zwei Möglichkeiten, sich auf die Periode von 1914-1945 einzulassen:
sie entweder als „europäischen Bürgerkrieg“ oder anspielungsreicher als
„Zweiten dreißigjährigen Krieg“ zu beschreiben. Beide Begriffe können auf eine
lange Geschichte zurückblicken, wobei beide schon im „Ersten Weltkrieg“ die
Wahrnehmung der Soldaten prägen konnten: in den westlichen Schützengräben die
Wahrnehmung eines Bürgerkriegs, auf dem östlichen Kriegsschauplatz das Bild vom
Dreißigjährigen Krieg mit Hindenburg als einem zweiten Wallenstein.
Enzo Traverso benutzt ihn im Titel seines neuesten Buches von 2007: „A feu et à sang. De la guerre civile européenne 1914-1945“ (Paris) und erklärt einleitend, dass viele Kommentatoren der Zwischenkriegszeit von „Bürgerkrieg“ gesprochen hätten, z. B. 1920 John Maynard Keynes, er aber erst von Ernst Nolte in systematischer Weise ausgearbeitet worden sei. Traverso sieht im Unterschied zu Nolte, der die Russische Revolution von 1917 zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen macht, den Beginn des Ersten Weltkriegs als entscheidenden Einschnitt an, was er bereits in seiner vorausgegangenen Arbeit von 2002 (dt. 2003) über die Genese des Nazi-Terrors in langen Passagen veranschaulicht. Ausgehend von einer Bemerkung Reinhart Kosellecks, dass auf lange Sicht die Besiegten zum historischen Erkenntnisgewinn beitragen, setzt er sich 2007 vor allem mit Rosa Luxemburg, Antonio Gramsci, Manuel Azaña, Leo Trotzki, Walter Benjamin, aber auch mit Ernst Jünger oder Carl Schmitt auseinander, und zwar jenseits von Sympathie oder Antipathie, die ihn den einen sich nähern und zu den anderen auf Distanz gehen lassen. Als entscheidend für den Ansatzpunkt seiner Analyse sieht er den heute zunächst archaisch anmutenden Gedanken von Arno J. Mayer an, dass die Gewalt die maßgebliche Geburtshelferin der Geschichte sei.[173]
Hier wird dem anderen Begriff der Vorzug gegeben, der auch für Losurdo der vergleichskräftigere ist, gerade was die Kriegführung auf Seiten aller Beteiligten ausmacht (wie Anm. 155). Dabei bleiben die Unterschiede dennoch unwesentlich. Denn wie im „Europäischen Bürgerkrieg 1914-1945“ die Kriegsschauplätze viele Nationen gegeneinander stellten und im Inneren vieler Gesellschaften in bürgerkriegsähnlichen Konflikten auf Umsturz der bestehenden Verhältnisse gedrängt wurde, so ging es auch im Dreißigjährigen Krieg um ein Ringen zwischen den Mächten Europas um Vorherrschaft oder Gleichgewicht, gepaart mit einem heftigen Religionskrieg zwischen Katholischer Liga und Protestantischer Union.
Arno J. Mayer entscheidet sich 1983 (dt. 1984) für eine Parallele zum 30-jährigen Krieg, als er sich mit den konterrevolutionären Kräften des europaweit zwischen 1848 und 1914 immer noch bestimmenden „Ancien Régimes“ beschäftigt, die dann den Weltkrieg ausgelöst hätten. Und zwar beruft er sich auf zeitgenössische Stimmen, die sich vor Kriegsausbruch erhoben und die zeigen, welche Spuren der 30-jährige Krieg im europäischen Gedächtnis hinterlassen hat. Jean Jaurès habe bereits 1905 vor der Gefahr eines allgemeinen europäischen Krieges gewarnt, der „in eine lange Periode der Krise, der Konterrevolution, der wütenden Reaktion, des erbitterten Nationalismus, der knebelnden Diktatur, des monströsen Militarismus ... der reaktionären Gewalt und der barbarischen Herrschaft von Hass, Rache und Unterdrückung münden“ würde. 1912 habe er seine Warnung verstärkt, dass nämlich jeder lokale Konflikt zum „schrecklichsten Völkermorden seit dem Dreißigjährigen Krieg“ eskalieren könnte. In Deutschland habe 1914 Theobald von Bethmann-Hollweg in gleichem Sinne in einem Brief an einen Kavalleriegeneral darauf hingewiesen, „dass das Unterfangen, die im Innern des Reichs schwelenden Konflikte durch die Entfesselung eines Krieges zuzudecken, eine Situation ‚ähnlich der‘ heraufbeschwören würde, ‚die in Deutschland während des Dreißigjährigen Krieges und in Russland zum Ende des russisch-japanischen Krieges bestand‘ “. Mayer beendet seine Analyse der Vorkriegssituation mit dem Satz: „Es bedurfte zweier Weltkriege und des Holocaust, oder gleichsam eines neuen Dreißigjährigen Krieges, um die europäischen Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme vom parasitären Joch der feudalen und aristokratischen Anmaßung zu befreien.“[174]
1988 (dt.1989) greift Mayer bei seiner Auseinandersetzung mit dem „Dritten Reich“ und dem „Judeozid“, wie er jetzt durchgängig den Völkermord an den Juden bezeichnet, weil ihm der Begriff „Holocaust“ als zu „salbungsvoll“ und folglich analysefeindlich erscheint, die Parallele wieder auf und begründet in einer langen Einleitung, warum er sich von der Periode zwischen 1914 und 1945 als vom „Zweiten dreißigjährigen Krieg“ zu sprechen entschlossen hat. Beide 30-jährigen Kriege seien nämlich „totale Kriege“ gewesen, ausgelöst von einer allgemeinen Krise, in der „die kriegerische Eskalationsspirale nicht so sehr von diplomatischen oder militärischen Notwendigkeiten angetrieben wird als von Impulsen, die sich aus den dynamischen Instabilitäten der gesellschaftlichen und politischen Ordnung speisen. Aus solchen inneren Triebkräften pflegen sich totale Kriege zu entwickeln, die, da sie mit ideologischer Passion befrachtet sind, desto kompromissloser geführt werden, je unbestimmter und unbegrenzter ihre Ziele sind [1941-1945 die „Eroberung neuer, grenzenloser Lebensräume im Osten“]. Es folgt daraus, dass jeder Krieg dieser Art nicht nur Initialzündungen für den gesellschaftlichen und technischen Fortschritt liefert, sondern auch und vor allem ein Treibhausklima für unauslöschliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit und für Rückfälle in die Barbarei erzeugt.“[175] Wie Nolte für sich in Anspruch nehmen kann, den Begriff vom „Europäischen Bürgerkrieg“ systematisiert zu haben, tut Mayer das ausdrücklich in Bezug auf den „Zweiten dreißigjährigen Krieg“ für sich.[176] Er ist, wie erwähnt, bereits vor dem Ersten Weltkrieg zur Warnung verwendet worden, und zwar noch zeitiger als bei den von Mayer angegebenen Gewährsleuten, nämlich 1888 von Friedrich Engels und 1890 von Helmut von Moltke vor dem Deutschen Reichstag, worauf Traverso hinweist. Dann spielte er bei Charles de Gaulle ab 1941 eine Rolle; Churchill und Raymond Aron benutzten ihn.
Traverso teilt die Einschätzung Mayers, wenn er in beiden Konflikten totale Kriege sieht. „Der zweite 30-jährige Krieg entstand 1914 aus einem klassischen Konflikt zwischen Großmächten um die Vorherrschaft auf dem Kontinent; er ging nach 1917 in einer Gegenüberstellung von Revolution und Gegenrevolution weiter und erreichte 1941 seinen Höhepunkt in einem unerbittlichen Krieg zwischen zwei gegensätzlichen Weltanschauungen. Er nahm eine komplexe Gestalt an, indem er sich in mehrere einander überlagernde Konflikte aufspaltete: Kapitalismus gegen Kollektivismus, Freiheit gegen Gleichheit, Demokratie gegen Diktatur, Universalismus gegen Rassismus. (...) Diese beiden Dreißigjährigen Kriege kombinierten zwischenstaatliche Kriege und Bürgerkriege, Grenzverschiebungen und politische Wandlungen in der Struktur der Staaten, religiöse Konflikte und ideologisches Aufeinanderprallen. Beide wurden in einem Kreuzzugsgeist geführt und waren begleitet von Massakern, ja sogar Völkermorden. Beide hatten Deutschland als Epizentrum und endeten 1648 wie 1945 mit der Teilung Deutschlands.“[177] Der entscheidende Unterschied liegt für Traverso in dem Umstand, dass der erste 30-jährige Krieg als eine entscheidende Etappe im Zivilisationsprozess begriffen werden kann, der zweite hingegen als Höhepunkt seiner Krise, die zu keinem neuen Gleichgewicht der Kräfte geführt habe. Der eine Beteiligte habe nach 1941 unweigerlich vernichtet werden müssen, während die anderen beiden Kinder der Aufklärung, nämlich Liberalismus und Kommunismus, ihren Konflikt, zur Bekämpfung des Nazismus kurzfristig beigelegt, wiederaufgenommen hätten. Die seither stattfindende Verstärkung der Staaten habe das Risiko ihrer Bürger, eines gewaltsamen Todes zu sterben, nicht verringert, sondern unter die Bedrohung neuer moderner Massaker und Völkermorde gestellt.[178]
Als der Begriff auf französischer Seite am Anfang des Zweiten Weltkrieges eingeführt und verwendet wurde, um dem sich gerade vollziehenden Geschehen einen deutenden Namen zu geben, war das alles in dieser Form kaum absehbar und auch 1947 in der ersten folgen- und spurlos bleibenden und deshalb nirgends erwähnten wissenschaftlichen Analyse nicht wirklich aufzuarbeiten, und zwar bei Albert Muller in einer in Brüssel und Paris gleichzeitig veröffentlichten umfangreichen Studie mit dem Titel „La seconde guerre de Trente Ans 1914-1945“.
Im Einzelnen lassen sich die mit Einführung des Begriffs verbundenen Absichten folgendermaßen umreißen: Am 25. August 1941 trifft bei der Delegation von „France libre“ aus der Hauptstadt von Französisch Äquatorialafrika Brazzaville ein Telegramm ein, in dem es in Zusammenhang mit der französischen Zustimmung zur am 14. August 1941 von Roosevelt und Churchill unterzeichneten Atlantik-Charta am Schluss heißt : „D'une manière générale, nous devons répandre l'idée que la guerre actuelle n'est qu'un épisode de la guerre mondiale commencée en 1914. Le concours de la France à la cause commune de la liberté dans la guerre mondiale se mesure à partir de 1914. (Wir müssen in allgemeiner Weise die Idee verbreiten, dass der gegenwärtige Krieg nur eine Episode des 1914 begonnenen Weltkrieges ist. Die Mitwirkung Frankreichs an der gemeinsamen Sache der Freiheit bemisst sich von 1914 an.)“ Es ist der Friedensnobelpreisträger von 1968, René Cassin, 1948 für die UN Verfasser „Der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“, der in einer Konferenz der Alliierten am 24. September 1941 für „France libre“ in London spricht. Er betont den Willen zur Mitarbeit an einer Friedensordnung, die von Hitler in Frage gestellt werde. Im Einzelnen erklärt er bemerkenswerterweise, wobei in Erinnerung zu rufen ist, dass sich Wilhelm II. bei seinen imperialistischen Ambitionen wie später Hitler und Himmler in den Spuren der ersten Ottonen gehen sah (vgl. Zitat in Kap. 2.2 aus Hagen Schulze, Staat und Nation in der europäischen Geschichte, München: Beck, 1999, S. 186 f.): „Si une tentative de ce genre a échoué après la guerre engagée depuis près de trente ans, n'est-ce pas surtout parce que la période qui a suivi n'a été qu'une trêve pendant laquelle l'Allemagne excitant chez d'autres des appétits insensés, n'a pensé qu'à la revanche ? Hitler n'a fait que reprendre, sous une forme plus monstrueuse et plus brutale, le rêve de domination mondiale de Guillaume II. (Wenn ein Versuch dieser Art nach dem vor fast dreißig Jahren begonnenen Krieg gescheitert ist, liegt das nicht besonders daran, dass die nachfolgende Periode nur ein Waffenstillstand war, während dessen Dauer Deutschland bei anderen unsinnige Gelüste wachrief und deshalb nur an Revanche dachte? Hitler nahm nur in einer monströseren und brutaleren Form die Weltmachtträume Wilhelms II. wieder auf.)“[179]
Heute ist es leicht, darauf hinzuweisen, dass bereits der Umstand, dass das weiterkämpfende Frankreich in Brazzaville auf kolonialem, wenn auch weit vom Kriegsschauplatz entferntem Boden eine sichere Heimstatt gefunden hatte, auf die Widersprüchlichkeit des in London bemühten Freiheitsbegriffs verweist. Denn der Kongo war als Kolonie ein von Franzosen besetztes Land, so wie das Vichy-Frankreich den Deutschen ausgeliefert war. 1943 war es wiederum auf kolonialem Boden, dass der in Konkurrenz zu de Gaulle wirkende General Henri Grimaud am 1. Mai 1943 in Algier in einer Rede konstatierte: „Dieser Krieg ist die Beendigung eines dreißigjährigen Krieges, der 1914 begann und 1944 zu Ende sein wird.“[180]
1942 erscheint in der seit der Weimarer Republik bestehenden Reihe „Deutschland und der Osten“ als Band 20 und 21 „Deutsche Ostforschung. Ergebnisse und Aufgaben seit dem ersten Weltkrieg“. Die Bände sind herausgegeben von H. Aubin, O. Brunner, W. Kohte, J. Papritz und A. Brackmann zum 70. Geburtstag gewidmet. Der erste Satz der Vorbemerkungen umreißt die politische Einbettung in das „Unternehmen Barbarossa“:
„Der gewaltige Umbruch im Osten Mitteleuropas, welchen seit den Sommermonaten des Jahres 1939 der Krieg herbeigeführt hat, indem die in den Pariser Vorortdiktaten geschaffene Scheinordnung endgültig unter den Schlägen unserer Wehrmacht zusammenstürzte, hat zahlreiche alte und neue Probleme aufgerissen. Die deutsche Wissenschaft sah sich ihnen gegenüber dank der seit 1919 geleisteten Vorarbeiten besser gerüstet, als sie im Weltkrieg dagestanden hatte.“
Jetzt, 1942, wird der „schon lange dringend nötige Querschnitt durch die Arbeitsergebnisse der ostdeutschen Volkstums- und Landesforschung“ gezogen. Und A. Brackmann wird gewürdigt, weil die von ihm betreute Forschung „für den Kampf um deutsches Recht und Ansehen im Osten einen erheblichen Beitrag zu liefern vermochte“ und „ein erprobter Arbeitskreis deutscher Wissenschaftler zur Verfügung stand“.[181]
An der Persönlichkeit und am Wirken Albert Brackmanns ist am auffälligsten ablesbar, in welcher Kontinuität Erster und Zweiter Weltkrieg für diesen Wissenschaftler miteinander stehen (vgl. Kap. 3.4). Gleichzeitig wird an ihm deutlich, wie gegenwärtig er im Bewusstsein deutscher Geschichtswissenschaft nach 1945 war und blieb, denn er wurde hartnäckig beschwiegen, so dass auch Michael Burleigh lange mit seinen Aufklärungsversuchen über das sich nach Osten wendende Deutschland der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts chancenlos blieb. Allein Brackmanns Publikationsliste seit den 1920er Jahren zeigt, mit welcher Obsession er ostorientiert war:
· 1926: Die Ostpolitik Ottos des Großen in: Historische Zeitschrift.
· 1931: Die Anfänge der Slawenmission und die Renovatio imperii des Jahres 800 in: Sitzungsberichte der Berliner Akademie der Wissenschaften.
· 1932: Der ‚römische Erneuerungsgedanke‘ und seine Bedeutung für die Reichspolitik der Kaiserzeit.
· 1933: Die politische Entwicklung Osteuropas vom 10.–15. Jahrhundert in: Albert Brackmann (Hg.), Deutschland und Polen. Beiträge zu ihren geschichtlichen Beziehungen.
· 1934: Die Anfänge des polnischen Staates in: Sitzungsberichte der Berliner Akademie der Wissenschaften.
· 1935: Reichspolitik und Ostpolitik im frühen Mittelalter in: Sitzungsberichte der Berliner Akademie der Wissenschaften
· 1936: Zantoch: Eine Burg im deutschen Osten (Buchpublikation).
· 1937: Die politische Bedeutung der Mauritius-Verehrung im frühen Mittelalter in: Sitzungsberichte der Berliner Akademie der Wissenschaften.
· 1937: Magdeburg als Hauptstadt des deutschen Ostens im frühen Mittelalter (Buchpublikation).
· 1938: Die Anfänge der abendländischen Kulturbewegung in Osteuropa und deren Träger in: Jahrbuch für die Geschichte Osteuropas.
· 1939: Kaiser Otto III. und die staatliche Umgestaltung Polens und Ungarns in: Abhandlungen der Berliner Akademie.
· 1939: Krisis und Aufbau in Osteuropa. Ein weltgeschichtliches Bild (Buchpublikation).
· 1940: Die Anfänge des polnischen Staates in polnischer Darstellung in: Festschrift für Ernst Heymann.
· 1943: Zur Geschichte der heiligen Lanze Heinrichs I. in: Deutsches Archiv für Geschichte des Mittelalters.
Werner Conze, der jüngeren Historikergeneration angehörend und herausragender Gelehrter nach 1945, schreibt 1951 in der Festschrift für seinen aus der Emigration zurückgekehrten Lehrer Hans Rothfels[182] nicht über die von ihm aktiv mitgetragene Ostpolitik des „Dritten Reiches“, sondern er blendet in den Ersten Weltkrieg zurück: „Nationalstaat oder Mitteleuropa? Die Deutschen des Reichs und die Nationalitätenfragen Ostmitteleuropas im ersten Weltkrieg“. Da wird zwar einleitend unüberhörbar, aber in äußerst verschleierter Form mit ein paar Erregungstupfern auf das gerade vergangene gewalttätige Geschehen angespielt, aber dann, nachdem noch schnell einiger toter Kollegen – „uns durch den Krieg entrissen“ – gedacht wird, sofort zu verstehen gegeben, dass über eine ganz andere Zeit geredet werden soll. Und schon ist der aktive Kriegsteilnehmer Conze zwar immer noch „der politischen Hitze“ ausgesetzt, aber in unvermintem Gelände angekommen:
„Wenn zu diesem umstrittenen und der politischen Hitze noch nicht entrückten Thema erneut Stellung genommen werden soll, so geschieht das (...) in unmittelbarer Anknüpfung an die fruchtbare Zeit des Königsberger Historischen Seminars zu Beginn der dreißiger Jahre. Wir jungen Historiker, die wir uns unter der geistigen Führung unseres Meisters eng verbunden fühlten – unter uns Heinrich Schaudium, Heinrich Thimme und Joachim Schoenborn, die uns durch den Krieg entrissen worden sind –, wurden in jenen Jahren in neuer Weise an die Fragen des Ostens herangeführt. (...) Als ein kleiner Beitrag zur damals begonnenen und seitdem nicht abgebrochenen, sondern nur zeitweise unterbrochenen Arbeit möge unsere Untersuchung aufgenommen werden.“[183]
Das hier angeschnittene Thema ist seit Ende der 1990er Jahre, zumal dem Frankfurter Historikertag von 1998, ausgiebiger Forschungsgegenstand, harrt aber noch eines einordnenden Gesamtüberblicks, zumal die Mediävistik, zu der doch Albert Brackmann an entscheidender Stelle gehörte, noch eine gehörige Wegstrecke zur Bewusstwerdung ihrer Rolle zurückzulegen hat, wie den beiden großen, als „glanzvoll“ bezeichneten Ausstellungen zum „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“ 2006 in Magdeburg und Berlin und ihrem Umfeld neuerlich zu entnehmen war.
Wiederum aus dem angelsächsischen Bereich, nämlich aus den USA, kam im Jahre 2000 (dt. 2002) das Buch von Vejas Gabriel Liulevicius „Kriegsland im Osten. Eroberung, Kolonisierung und Militärherrschaft im Ersten Weltkrieg“. Ausgangspunkt für Liulevicius ist die Feststellung, dass das Geschehen an der Ostfront in der bisherigen Forschung vernachlässigt wurde. Liulevicius schildert ausführlich die Eindrücke der Deutschen bei ihrem Vormarsch im Osten, skizziert die „militärische Utopie“ des Oberkommandos Ost, die Verkehrs- und Kulturpolitik, sowie das „deutsche Bild vom Osten“ und schließlich die Krise des Besatzungsregimes. Am Schluss umreißt er die mentalitätsgeschichtlichen Folgen des deutschen Ostfronterlebnisses. Es sei mit dem an Liulevicius angelehnten, hier gekürzten Wikipedia-Artikel „Ober Ost“ erläutert, wie das militärische Geschehen in Osteuropa und das Ende von „Ober Ost“ in dem Satz von 1942 gegenwärtig sind, wenn dort steht: „Die deutsche Wissenschaft sah sich ihnen (das sind die im neu eroberten Osteuropa gegebenen alten und neuen Probleme) gegenüber dank der seit 1919 geleisteten Vorarbeiten besser gerüstet, als sie im Weltkrieg dagestanden hatte.“ Unübersehbar sollte sein, dass von „Ober Ost“ direkte Linien in die von Brackmann dominierte „Ostforschung“ und zu Himmlers „Generalplan Ost“ laufen, wie es ja auch Hitlers Geheimerlass vom 7. Oktober 1939 zeigt.[184]
Ober
Ost ist die Kurzbezeichnung für das Gebiet des Oberbefehlshabers der gesamten
deutschen Streitkräfte im Osten während des Ersten Weltkrieges. Das Gebiet des
Oberbefehlshabers erstreckte sich mit einer Fläche von rund 108.808 km2 über Kurland, das ethnographische
Litauen, einige, damals noch überwiegend litauische, jetzt polnische Distrikte
und die westlichen Distrikte Weißrusslands.
Im
November 1914 erhielt Paul von Hindenburg gemeinsam mit Erich Ludendorff das
Oberkommando über alle deutschen Truppen der Ostfront. Als Hindenburg und sein
Stabschef Ludendorff im Jahre 1916 die Oberste Heeresleitung übernahmen, wurde
schließlich Prinz Leopold von Bayern zum Oberbefehlshaber Ost ernannt.
Bis
zum Sommer 1915 gelang es den deutschen Truppen, die russischen Armeen aus
Polen, fast ganz Kurland und Litauen zurückzudrängen. In Polen entstand ein
österreichisches Gouvernement in Lublin (wo später „Himmlers Mann im Osten“
Odilo Globocnik sein Regime einrichten wird)
und ein deutsches mit Sitz in Warschau. Die Verwaltung der neu eroberten
Gebiete mit ihrer großen ethnischen und religiösen Vielfalt und einer Bevölkerungszahl
von etwa drei Millionen Menschen gestaltete sich schwierig. Auf deutscher Seite
lagen zudem kaum konkrete Pläne zur Besatzung vor. Erst die im Jahre 1916
erlassene Verwaltungsordnung teilte Ober Ost in sechs Verwaltungsbezirke ein.
Dabei fanden die ethnographischen Grenzen der dort lebenden Völker keine
Berücksichtigung. Auch hierin wurde der rein militärische Charakter der
Besatzung sichtbar. Oftmals fällt daher auch die Bezeichnung Militärstaat Ober
Ost. Nahezu sämtliche Mitarbeiter der Verwaltung gehörten dem Militär an.
Die
Militärverwaltung verfolgte eine dreifache Strategie: Zuerst sollten dem Gebiet
eigene, deutsche Regeln und eine ebensolche Ordnung aufgezwungen werden.
Anschließend plante Ludendorff das Land voll auszunutzen. Die dritte und letzte
Stufe sollte die Inbesitznahme des Landes sein. Die Verwaltung der
Besatzungsmacht beherrschte umfassend Handel und Gewerbe, größere Landgüter und
die Finanzen. Sie wurde daher schnell zu einem gewichtigen wirtschaftlichen
Faktor mit beträchtlichem industriellem Kapital und entsprechender
Selbständigkeit. Eines ihrer Hauptziele war die intensive wirtschaftliche
Ausbeutung des Landes, aber auch der menschlichen Ressourcen. Gewaltsame
Requisitionen von Ernterträgen und Vieh, aber auch die Zwangsrekrutierung von Arbeitern
waren üblich. Eine in Kowno (Kaunas) eingerichtete Zentralverwaltung sorgte
dafür, dass im Militärstaat Ober Ost die Interessen des Heeres denen der
Politik vorangingen.
Mit
einer sogenannten Verkehrspolitik versuchte die Militärverwaltung die Kontrolle
über sämtliche Waren- und Personenströme zu erreichen und diese zu erfassen. Am
Ende waren die Ambitionen der Verkehrspolitik so illusionär, dass ein Scheitern
vorprogrammiert war. Dies lag auch daran, weil die Verwaltung gegensätzliche
Ziele verfolgte. Es standen sich totale militärische Sicherheit und der Versuch
der wirtschaftlichen Belebung gegenüber.
Trotz der knappen Ressourcen während des Krieges verfolgte Ober Ost eine umfassende Kulturarbeit. Diese zielte, organisiert vom Militär, auf eine Disziplinierung und Manipulation der Bevölkerungsgruppen ab. Die Einheimischen sollten lediglich die Ausführenden der so genannten Deutschen Arbeit sein. Die Publikation von Zeitungen unter strenger Zensur, Schulpolitik, Theater und Ausstellungen zur Archäologie, Geschichte und Religion bildeten hierbei die Schwerpunkte der deutschen Anstrengungen.
Zur „Kulturarbeit“ führt Volker Ullrich in seiner Rezension zu Liulevicius Folgendes aus:
„Die unterworfene
Bevölkerung sollte freilich nicht nur kontrolliert und zur Reinlichkeit
erzogen, ihr sollte auch eine neue Gesinnung eingepflanzt werden. Zu diesem
Zwecke entwarf die Besatzungsmacht ein umfassendes ‚Kulturprogramm‘. Dabei
versicherte sie sich der Mitarbeit von Schriftstellern wie Richard Dehmel oder
Arnold Zweig und auch junger Wissenschaftler wie Victor Klemperer. Die
Zeitungen wurden ganz auf die Bedürfnisse der Militäradministration
zugeschnitten; ein ‚Buchprüfungsamt‘ wachte über den Literaturkanon. In den Theatern
avancierte Friedrich Schillers Wallensteins
Lager zum meistgespielten Stück. ‚Jetzt bietet sich eine
einzigartig dastehende Gelegenheit, Fremdvölkern zu zeigen, was das Wesen
deutscher Kunst ist‘, hieß es in der offiziellen Darstellung Das Land Ober Ost aus dem Jahr 1917.
Auch das Schulsystem wurde
von Grund auf neu organisiert. Deutsch war Pflichtfach von der ersten Klasse
an. Der Betrieb höherer Bildungseinrichtungen wurde stark eingeschränkt. Denn
eine einheimische Intelligenz wurde nach Ansicht der Besatzer nicht gebraucht.
Militärs und Beamte führten sich im Lande Ober Ost wie Kolonialherren auf, die glaub-ten, ‚primitive‘ Völker mit den Segnungen deutscher Arbeit und Kultur beglücken zu können – und ihnen doch durch Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit, durch willkürliche Requisitionen und demütigende Rituale wie die Grußpflicht gegenüber deutschen Offizieren das Leben immer beschwerlicher machten. ‚Die russische Knute tat manchmal weh, die preußische Fuchtel immerfort‘ lautete eine wiederkehrende Klage.“ (Die Zeit 51/2002)
Während Victor Klemperer, als Leiter des Buchprüfungsamtes „Ober Ost“ mit Papiermengen in der Dienststelle in Kowno wie zur Bewältigung eines „Dreißigjährigen Krieges“ konfrontiert, auf sein „Deutschtum“ stolz ist – „Nie war ich so froh, ein Deutscher zu sein“ – und das, wie in seinen Tagebüchern nachzulesen, auch noch eine Weile bleiben wird, schlagen sich in Arnold Zweig, zuvor wie Klemperer an der Westfront und dann ebenfalls bei „Ober Ost“ als Schreiber und Zensor in der Presseabteilung tätig, aber schneller desillusioniert, seine Erfahrungen rasch in der romanhaften Verarbeitung des „großen Krieges der weißen Männer“ (A. Zweig) nieder, was ihn für das „Deutsche Adelsblatt“ zum „asiatischen Schmutzfinken“ werden lässt. Dass „die weißen Männer“ nach den Vorgaben der von Brackmann und ganzer wissenschaftlicher Stäbe im Anschluss an den Krieg getragenen „Ostforschung“ beim Entmengen des für die „Westler“ verwirrenden Gemischs aus verschiedenen ethnischen Gruppen – zunächst Litauern, Letten, Esten, Weißrussen, Ostjuden – einen wirklich dreißigjährigen Krieg machen würden, ergab sich dann aus dieser ersten deutschen „Kolonial“- Erfahrung in Europa selbst. Bald werden auch Menschen wie Klemperer und Zweig so ins Fadenkreuz des kolonialistischen Blicks ihrer deutschen Zeitgenossen geraten, dass sie aus den Reihen der „weißen Männer“ ausgesondert und zu den Ostjuden sortiert werden. Denn die in „Ober Ost“ gescheiterte „Kulturmission“ „ebnete der radikalen Ostpolitik und -expansion der Nationalsozialisten den Weg“ (V. Liulevicius).
Das zeigte sich bei dem Publizisten und
Volkstumspolitiker Max Hildebert Boehm, der nach dem Krieg die seit dem
Versailler Vertrag gezogenen Grenzen kontinuierlich in Frage stellte und
führend an der inflationär werdenden „Grenzlanddiskussion“ teilnahm, so dass er
in der zweiten Auflage seines Buches „Die deutschen Grenzlande“ 1930 schrieb:
„Wenn wir im Weltkrieg gleichsam den
Siebenjährigen Krieg auf geschichtlich höherer Ebene verloren haben, so sind
wir dadurch in den Dreißigjährigen Krieg zurückgeworfen worden, der im
Vordergrund deutsch-französische, deutsch-polnische, deutsch-tschechische
Grenzplänkeleien zeigen mag: in Wahrheit hat er die Bedeutung einer
euramerikanisch-eurasiatisch-eurafrikanischen Auseinandersetzung im Herzen des
alten Festlandes, auf dem blutgetränkten deutschen Boden. Revolutionen,
Teilkriege, Legionärmeutereien, Wirtschaftskatastrophen, Hungersnöte,
Völkerwanderung und vieles andere werden die einzelnen Erscheinungsformen
dieses Krieges sein, wenn es nicht in letzter Stunde gelingt, aus großdeutschem
Wollen heraus eine Erneuerung mitteleuropäischen Eigenstolzes gegen Ost und
West durchzusetzen und zu politisch-geschichtlicher Erscheinung zu bringen.“[185]
Der Begriff
„Völkermord“ wurde im 19. Jahrhundert geprägt, und zwar vom Dichter August Graf
von Platen (1796-1835), als er 1831 im Rahmen seiner „Polenlieder“ mit der Ode
„Der künftige Held“ Partei für einen unabhängigen polnischen Staat
ergriff. Im Besonderen geißelt er die Unterdrückungspolitik Russlands, indem er
nach der Bestrafung der „Dschingiskhane“ ruft, „Die nur des Mords
noch pflegen, und nicht der Schlacht,/ Des Völkermords!“ Für den liberalen
ostpreußischen Abgeordneten Wilhelm Jordan ist der Begriff in Bezug auf die
Polen so geläufig, dass er ihn in der Frankfurter Paulskirche am 24. Juli
1848 bei der Diskussion der Polenfrage verwendet, und zwar steigert er ihn
noch:
„Der
letzte Act dieser Eroberung, die viel verschrieene Theilung Polens, war nicht,
wie man sie genannt hat, ein Völkermord, sondern weiter nichts als die Proclamation
eines bereits erfolgten Todes, nichts als die Bestattung einer längst in der
Auflösung begriffenen Leiche, die nicht mehr geduldet werden durfte unter den
Lebendigen.“
Als der Historiker Heinrich von Treitschke sich zum Untergang der Pruzzen als Urbevölkerung Preußens äußert, vergleicht er diesen mit dem Völkermord an den amerikanischen Indianern und sagt: „Was hätten die Preußen in der Geschichte leisten können? Die Überlegenheit über die Preußen war so groß, daß es ein Glück für diese wie für die Wenden war, wenn sie germanisiert wurden.“
Schon zu Beginn des Jahrhunderts verglich der preußische Historiker Johann Friedrich Reitemeier die mittelalterliche
Ostsiedlung mit der „Colonisation und Einwanderung der Europäer nach
Nordamerika“. M. W. Heffter setzt
1847 den Slaven mit dem nordamerikanischen Indianer gleich und sagt von ihm, er
habe kaum verstanden, „die einfachsten, offen daliegenden Hilfsquellen
seines Landes auszubeuten“. Dieses Vergleichen setzt sich bis in die 1950er
Jahre fort, so dass 1956 mit Blick auf die erlittenen deutschen Gebietsverluste
wiederholt wird: „der Osten wurde das
Amerika des Mittelalters!“ (Heinrich Wolfrum, wie Anm. 165, S. 25). Noch
Charles Higounet schreibt 1986 in seiner großen Arbeit über die
deutsche Ostsiedlung:
„Man kann also die Gebiete zwischen Elbe,
Saale und Oder zum einen, zwischen Böhmerwald, Enns und Leitha zum anderen,
ferner auch die jenseits der Oder als eine FRONTIER betrachten, das heißt als
ein Grenzland, in dem Kolonisten sich niederließen, wie die Amerikaner im 19.
Jahrhundert ihre unbesiedelte ‚Grenz‘-Region im Westen bezeichnet haben“ (Die deutsche Ostsiedlung im Mittelalter, München [dtv]
1990, S. 88 [Hervorhebung im Text]).
Sehr ausführlich geht Hubertus Prinz zu Löwenstein in seiner ‚Deutschen Geschichte. Der Weg des Reiches in zwei Jahrtausenden‘ von 1950 auf den Vergleich mit Amerika ein, als er über das Werden des brandenburgisch-preußischen Staates spricht, den er beginnen lässt, „als die Truppen König Heinrichs I. im Jahre 928 die zugefrorene Havel überschritten“:
„Die Ähnlichkeit zwischen seinem Emporkommen und dem der Vereinigten Staaten von Amerika, die gleichfalls altes Kulturgut und alte Siedlungen umschließen, aber dennoch als politische Schöpfungen neu sind, ist oft bemerkt worden. (...) Ricarda Huch nennt die östlichen Teile des preußischen Königreichs geradezu ‚Amerika des Reichs – Abenteuerland‘, wo das geheimnisvolle Wurzelgeflecht der Geschichte fehlt. Die Einverleibung der Länder, die die verschiedenen Provinzen des norddeutschen Staates voneinander trennten, entspricht in großen Zügen der Erschließung immer neuer Grenzen in Amerika, dem Kauf Louisianas und der Annexion jener weiten Gebiete, die ursprünglich zu Mexiko gehörten“ (S. 251 f.)
Hier wirkt das Sehnsuchtsbild ‚Amerika‘ als das Maß für die
nostalgische Einschätzung der im Osten 1945 verloren gegangenen Gebiete. Ganz
ähnlich ergeht es dem wie Löwenstein
aus den USA nach Deutschland zurückgekehrten Hans
Rothfels, der 1953 den Charakter
des ostdeutschen Menschenschlages beschreibt, den er „in einem persönlichen
Unabhängigkeitssinn, einem ‚rugged individualism‘, wie ihn die amerikanische
Tradition von der ‚frontier‘ herleitet“, begründet sieht. Denn: „Es
waren, besonders in den früheren Jahrhunderten, ‚Pioniere‘, die nach Osten
gingen.“
Diesem in Amerika sichtbar werdenden Pioniergeist und der Zugkraft der
Amerikasehnsucht hatte bereits Gustav Freytag in seinem Roman „Soll und Haben“
und in seinen „Bildern aus der deutschen Vergangenheit“ wieder den Osten als
Betätigungsfeld schmackhaft machen
wollen, als er vom „goldnen Osten“ als „halbwildem Land“ sprach. Freytag wollte
es aber nicht nur bei Literatur bewenden lassen. Er wollte wirklich gewalttätig
werden, als er 1861 an die Adresse des Abgeordneten Max Duncker schrieb:
„Die
Wirtschaft in Posen und ein Kolonisationsprojekt beschäftigen mich jetzt, und
ich will in Berlin dafür werben. Denn mit den Polen muß ein schnelles Ende
gemacht werden. Die Schande dieser langen Schwäche wird zu groß. Da die
Regierung jetzt dazu keine Kraft hat,
wollen wir es privatim zu besorgen suchen.“
Sichtbar ist, dass seit
dem 19. Jahrhundert im Zusammenhang mit Kolonisation die Vorstellung von
Völkermord geläufig ist. Er wird als Begleiterscheinung der europäischen
„Zivilisationsmission“, ja als ihr Preis wie selbstverständlich in Kauf genommen.
So sagt auch Alexis de Tocqueville, dass
die Indianer, weil sie ihre barbarischen Gebräuche „unseren“ nicht
unterordnen wollten, „nicht nur zurückgedrängt worden“ seien, „sie
sind vernichtet worden“.
Heinrich I., „unter dem das römische Kaisertum der Deutschen entstand, das bis zum Jahre 1806 währte“ (Löwenstein), hatte für seine permanenten Auseinandersetzungen mit den Slawen über seine Kriegszüge hinaus eine eigene Einheit gebildet, die sein späterer Chronist Widukind von Corvey so beschreibt:
„Jene Schar war nämlich aus Räubern zusammengestellt. König Heinrich war zwar gegenüber Fremden sehr streng, gegenüber seinen Landsleuten aber in allen Fällen mild; sooft er daher sah, dass ein Dieb oder Räuber ein tapferer Mann und zum Krieg geeignet sei, erließ er ihm die gebührende Strafe, versetzte ihn in die Vorstadt von Merseburg, gab ihm Acker und Waffen, befahl ihm, die Bürger zu schonen, gegen die Barbaren aber, so viel sie sich getrauten, Raubzüge zu unternehmen. Die solchermaßen gesammelte Menschenschar bildete eine vollständige Heerschar zum Kriegszug“ (wie Anm. 57, S. 110 f.)
„Barbaren“ sind für Widukind die Slawen.
Ihnen gegenüber ist mehr oder weniger alles erlaubt. Mit Wohlgefallen berichtet
Widukind von einem von Markgraf Gero für „etwa dreißig Barbarenfürsten“
gegebenen Gastmahl, das diese mit dem Weingenuss so erschöpfte und ermüdete,
dass Gero sie „in einer Nacht aus dem Weg räumte“ (S. 133).
Für
Himmler, den der „Bolschewikenschreck“ und Baltikumskämpfer von 1919, Rüdiger
Graf von der Goltz, 1921 vom Siedeln im Osten überzeugt hatte (vgl. Anm. 115),
war zeitig klar, dass mit der „Merseburger Schar“ etwas geschildert war, was am
„Zivilisationsrand“ zu Osteuropa eine Rolle spielen könnte. Zusammen mit dem
Leiter des SS-Hauptamtes Gottlob Berger macht er den wegen
Sittlichkeitsdelikten und Unterschlagung rechtskräftig 1934 und 1936
verurteilten Dr. Oskar Dirlewanger (1895-1945) zum Ausbilder von 80 wegen
Wilddieberei und anderer Delikte Verurteilten, die aus dem ganzen Reich im KZ
Sachsenhausen zusammengezogenen werden.
Dirlewanger
verkörpert den moralisch haltlosen und machtbesessenen Landsknechtstyp, der, „von
Grausamkeit getrieben, Verbrechen zum Prinzip des Kampfes macht“ (Wolfgang Benz). 1940 wird nach
zweimonatiger Ausbildung, zu der auch das Absingen von Dirlewangers
Lieblingslied „Ich bin ein freier Wildbretschütz...“ gehört, das „Wilddiebkommando
Oranienburg“ in „Sonderkommando Dirlewanger“ umbenannt und am 1. September 1940
in den Raum Lublin verlegt. Das ist der Befehlsbereich von Odilo Globocnik, „Himmlers
Mann im Osten“, in dessen Personalakte der Begriff „Programm Heinrich“ für
alles steht, was der „für die Kolonisation im Osten geschaffene“ Globocnik dort tut. Berger, seit dem Ersten
Weltkrieg mit Dirlewanger befreundet und wie Himmler mit der
Heinrichsüberlieferung wohlvertraut, wird zu seinem Tutor und schützt ihn bis
1945 vor allen, sogar von SS-Seite gegen ihn vorgetragenen Vorwürfen. Dirlewanger
lässt sich nämlich bei seinem ersten Einsatz in Osteuropa nicht nur auf das
Töten von jüdischen Häftlingen mit Strychnininjektionen ein, sondern parallel
auch auf ein Verhältnis mit der jüdischen Übersetzerin Sarah Bergmann, weswegen
Berger z.B. für ihn intervenieren muss, indem er die SS-Sondereinheit weiter in
den Osten nach Weißrussland verlegt.
Die
Blutspur der Einheit durch Osteuropa mit mindestens 60.000 Opfern, zumeist
Zivilisten, ist gut belegt. Sie war schließlich auf Brigade- und 1945 sogar auf
(nominelle) Divisionsstärke gebracht worden, bis sie von der Roten Armee aufgerieben
wurde, und Dirlewanger, wegen der letzten der 12 ihm im Laufe seiner langen
Kampfzeit zugefügten Wunden auf medizinische Versorgung angewiesen, wechselte
in einer Allgäuer Jagdhütte Gottlob Bergers am 22. April 1945 seine Uniform
gegen Zivilkleidung aus. Offenbar von einem überlebenden jüdischen KZ-Häftling
identifiziert, geriet er am 7.Mai 1945 in französische Kriegsgefangenschaft und
wurde von zwei ehemaligen polnischen Zwangsarbeitern in französischen Diensten
so misshandelt, dass er um den 5. Juni herum starb.
Wie
viele andere gehörte Dirlewanger zu der Generation, die nie aus dem Ersten
Weltkrieg, wo er zuletzt an der Ostfront kämpfte, wirklich zurückgekehrt war.
17 Jahre seines 50-jährigen Lebens war er im Einsatz, in Fortsetzung des
Krieges bis 1921 parallel zu seinem Studium der Wirtschaftswissenschaften immer
wieder Freicorpseinsätze gegen die „Linke“, ab 1936 zunächst als
Fremdenlegionär, dann als Mitglied der „Legion Condor“ im Spanischen Bürgerkrieg
beteiligt und dekoriert und, seit April 1940 zurück aus Spanien, mit Protektion
von Berger wieder für „wehrwürdig“ erklärt und ab Mai als SS-Obersturmführer
bei der Waffen-SS.
Christian Ingrao, junger französischer Historiker, fragt sich
2006, was denn eine Wilddieb-Einheit im Zweiten Weltkrieg zu suchen hat. Sie
genoss durchweg die Zuwendung wichtiger SS-Führer, und zwar vorwiegend
derjenigen, die Himmler oder auch Globocnik zu Jagden in ihre weiten Domänen
einluden.[186] Auch Hermann Göring hatte 1942 die Einrichtung
einer Einheit von „passionierten“ Schmugglern erwogen, die außerhalb der
„Zivilisations“-Grenzen „töten, plündern, brandschatzen, schänden und
vergewaltigen“ können sollten unter der Bedingung, dass sie in ihrer Heimat
unter strikter Überwachung zur Befolgung der Gesetze angehalten wären. Das
hielt der „fürchterliche“ Jurist Günther Joel als Notiz zu Ausführungen des
jagderfahrenen „Reichsmarschalls“ am 24. September 1942 fest.[187] Ingrao
sieht darin sich Folgendes ausdrücken:
Die „Pirsch“ auf Partisanen, das Durchkämmen von Gebieten wie bei Treibjagden „folgt kulturell bedingten Entscheidungen, die in einem besonderen Vorstellungsmuster wurzeln, das gemäß den verantwortlichen Nazis auf diesen in ihren Augen völlig neuen Krieg angewandt wurde und das dem Bild entsprach, das sie sich von ihrem Feind gemacht hatten. In ihren Augen war nämlich der Feind auf die Ebene wilder Tiere herabgesetzt, der in menschlichen Reusen gefangen gesetzt oder mit kleinen Gruppen im Herzen ihrer Schlupfhöhlen aufgespürt werden musste. Weil die polnischen und russischen Partisanen a priori als wild und grausam wahrgenommen wurden, kamen die SS-Führer auf die Idee, eine Wilddieb-Einheit, eine Einheit schwarzer Jäger zu gründen“ (Ingrao, wie Anm. 160, S. 232).
Das entspricht der Überzeugung, mit der Himmler auf der geheimen SS-Tagung vor dem Russlandfeldzug auf der Wewelsburg im Juni 1941 vom Zweck der Verwendung der Dirlewanger-Leute sprach, nämlich „dass der Zweck des Russlandfeldzuges die Dezimierung der slawischen Bevölkerung um 30 Millionen sein sollte“ und „solche minderwertige Truppen auch wirklich in diesem Sinne tätig“ zu sein hätten, wie Erich von dem Bach-Zelewski beim Nürnberger Prozess aussagte. Dieser war indessen als zeitweiliger Vorgesetzter von Dirlewanger hochzufrieden mit dessen Leistungen im Kriege. Besonders der von Dirlewanger „erfundene Entminungsapparat“ hatte die volle Zustimmung eines anderen Vorgesetzten, nämlich des Höheren SS- und Polizeiführers von Russland-Mitte Curt von Gottstein gefunden: Dirlewanger trieb zur Entminung von Verkehrswegen in Weißrussland ganze Dorfbevölkerungen in einigem Abstand vor seinen Leuten her und wartete, bis alle Minen unter Männern, Frauen und Kindern detoniert waren.
Himmler sprach am 3. August 1944 vor den Gauleitern in Posen ausführlicher über die Sondereinheit und entwarf in der Gesellschaft dieser „zivilisierten“, meist akademisch ausgebildeten Europäer ein Bild der SS-Einheit auf ganz „zivilisiertem“ Niveau. Dabei fiel eines seiner Lieblingswörter, wenn er etwas Positives zum Ausdruck bringen wollte, nämlich „anständig“. Ganz in der Rolle der von Widukind geschilderten Großherzigkeit Heinrichs I. – „zwar gegenüber Fremden sehr streng, gegenüber seinen Landsleuten aber in allen Fällen mild“ – äußerte er sich zu der von ihm ins Leben gerufenen Truppe: „Dirlewanger ist ein braver Schwabe, wurde zehnmal verwundet, ist ein Original. Ich habe mir vom Führer die Genehmigung geben lassen, aus den Gefängnissen Deutschlands alle Wilderer, die Büchsenjäger sind, also die Kugelwilderer, keine Schlingenjäger, herauszuziehen. Das waren ungefähr 2000. Von diesen anständigen und braven Männern leben leider Gottes nur noch 400.“ Die vielfach übertriebene Anzahl von Wilderern – anstatt der 55, mit denen das „Wilddiebkommando Oranienburg“ seine Ausbildung beendete und die 1943 auf maximal 250 angewachsen waren, spricht er von 2000 (!) – zeigt, wie sehr ihm an der von Ingrao diagnostizierten Hochschätzung der Wilddiebe als eigener Kampfeinheit in Osteuropa wirklich lag. Hier war die Idee stärker als die erbärmlichere Wirklichkeit. Denn Wilddiebe gab es nicht genug – wie und woher auch? –, so dass zum Kern der Truppe schnell neben den im KZ einsitzenden als „asozial“ Kriminalisierten herkömmlich Kriminelle rekrutiert wurden, bis 1944 sogar politische Häftlinge mit kommunistischem Hintergrund ausgehoben wurden.
Dirlewanger, einschlägig vorbestraft, weil eben auch in den 1930er Jahren wegen Sittlichkeitsvergehen verurteilt – „Doch weiß ich ein fein’s Mächtelein/Auf das ich lieber pirsch“ –, fand es nicht ehrenrührig, von seinen eigenen Männern als Landsknecht angesprochen zu werden, die in ihrem Chef, der auf Sondergenehmigung Himmlers über ihr Leben oder ihren Tod ohne Gerichtsurteil verfügen konnte, eine fast mythische charismatische Kriegerfigur sahen (vgl. Ingrao, S. 95). Himmler charakterisiert das vor den Gauleitern so: „Der Ton in dem Regiment ist selbstverständlich in vielen Fällen, möchte ich sagen, ein mittelalterlicher, mit Prügel usw.“
In
einer Rede am 21.9.1944 während des Warschauer Aufstandes, wo die „Sturmbrigade
Dirlewanger“ ihren spektakulärsten barbarischen Einsatz hat, wendet dann
Himmler den Begriff „Barbar“ auf sich selbst an, wobei der Slawenfeind in wieder
beschworener Tradition voll in ihm durchschlägt und am Horizont immer noch der
Ural als Ziel zu locken scheint:
„Meine Herren!... Wir führen seit fünf
Wochen den Kampf um Warschau. Ich habe als meinen Kommandeur dort den
SS-Obergruppenführer von dem Bach eingesetzt. Der Kampf ist der härteste, den
wir seit Kriegsbeginn durchgeführt haben. Er ist vergleichbar mit dem
Häuserkampf in Stalingrad. Ebenso schwer ist er… Wie ich die Nachricht
von dem Aufstand in Warschau hörte, ging ich sofort zum Führer. Ich darf Ihnen
das als Beispiel sagen, wie man eine solche Nachricht in aller Ruhe auffassen
muss. Ich sagte: ‚Mein Führer, der Zeitpunkt ist unsympathisch. Geschichtlich
gesehen ist es ein Segen, dass die Polen das machen. Über die fünf, sechs
Wochen kommen wir hier weg. Dann aber ist Warschau, die Hauptstadt, der Kopf,
die Intelligenz dieses ehemaligen 16-, 17-Millionenvolkes ausgelöscht, dieses
Volkes, das uns seit 700 Jahren den Osten blockiert und uns seit der ersten
Schlacht bei Tannenberg im Wege liegt. Dann wird das polnische Problem für
unsere Kinder und für alle, die nach uns kommen, ja schon für uns kein großes
Problem mehr sein.‘ Außerdem habe ich gleichzeitig den Befehl gegeben, dass
Warschau restlos zerstört wird. Meine Herren! Sie können nun denken, ich sei
ein furchtbarer Barbar. Wenn Sie so wollen: ja, das bin ich, wenn es sein muss.
Der Befehl lautete: jeder Häuserblock ist niederzubrennen und zu sprengen, so
dass sich in Warschau keine Etappe mehr festnisten kann.“
Gottlob Berger (1896-1975), häufig an der Front, um seinem Freund Dirlewanger Gesellschaft zu leisten, überlebte ihn lange. Zunächst Turnlehrerausbildung, vier Jahre Erster Weltkrieg, bald Schulrektor und schließlich 1936 als Oberregierungsrat im württembergischen Kultusministerium tätig, bis er 1938 ganz zur SS überwechselt, wurde am 11. April 1949 im so genannten Minister-Prozess zu 25 Jahren Haft verurteilt und am 15. Dezember 1951 entlassen. Noch 1962 betonte er Helmut Heiber gegenüber in einem Gespräch, dass sein Freund wohl als geheimer Ratgeber der Mächtigen in Ägypten oder Syrien lebe, resistent gegenüber der Tatsache, dass die Exhumierung von Dirlewangers Leiche am 24. Oktober 1960 eindeutig dessen Identität ergeben hatte. Seine Wirkung überdauerte ihn also, und zwar innerhalb der Zivilisation, außerhalb derer er in der als asiatische Wildnis fantasierten osteuropäischen Welt, im „Ungehegten“, die Voraussetzungen für die „Germanisierung“ schaffen sollte.
Was „das Land Ober Ost“ versprochen hatte oder versprechen sollte, überdauerte als kolonialer Wunsch und sollte mit Hilfe der Ostforschung künftig nicht mehr nur das Provisorium darstellen, als das es eingerichtet und militärisch verwaltet worden war. Sich in den Fußstapfen Heinrichs I. als reinkarnierter Ostkolonisator im 20. Jahrhundert mutmaßend, sollte nach den von Himmler verkörperten nationalsozialistischen Vorstellungen zunächst einmal die seit 1918 wiedererstandene nationalstaatlich formierte polnische Identität vernichtet werden. Die ungehegten blutrünstigen Jagdgeister, nach Ingrao aus der prähistorischen Nacht der Zeiten überkommen, von Heinrich I. in der „Merseburger Schar“ in die slawischen Außenbezirke verbannt und vom Jäger Heinrich Himmler als „mittelalterliches“ Vorbild mediävalistisch instrumentalisiert, wurden dann zum letzten Mal – und ganz dicht an Deutschland herangerückt – beim Niederringen des Warschauer Aufstandes im August 1944 losgelassen und machten nach Ingrao aus Warschau „eines der größten Beinhäuser des Zweiten Weltkrieges“. Die „SS-Sondereinheit Dirlewanger“ hätte ein juristisches Echo verdient, wie es die Prozesse um Eichmann oder das SS-Reichssicherheitshauptamt für die öffentliche Aufmerksamkeit geleistet haben, damit wenigstens eine Vergegenwärtigung des nur mühselig zu zivilisierenden und einzuhegenden Blutrünstigen geleistet worden wäre. Dirlewangers gab es schließlich viele im „Zweiten dreißigjährigen Krieg“ entlang der Deutschland immer näher rückenden osteuropäischen frontier zum „Wilden Osten“, wo sie sich, mehr und mehr angesteckt durch den totalen Vernichtungskrieg, mit ihren Gegnern ein barbarisches Stelldichein gaben. Seinem Bann und der durch ihn ausgelösten Panik dürften sich am Ende nur wenige entzogen haben.
Paul Celan wurde als Paul Antschel 1920 in Czernowitz (damals Rumänien, heute Ukraine) geboren. In einem Lager in Transnistrien kamen seine Eltern 1942 ums Leben, der Vater starb an Typhus, die Mutter wurde erschossen. Der in rumänischem Arbeitsdienst im Straßenbau überlebende Sohn erfährt schnell von ihrem Tod. Das Erlebte und seine Verarbeitung sind in vielfältigen Formen Thema seines Lebens geworden. Noch vergleichsweise unverrätselt setzt er sich 1944 mit dem ihm Widerfahrenen auseinander.
Russischer Frühling
Gestürzt ist der Helm voller Blut: welche
Blume soll blühen?
Die rote, die ich dir gab? Die blaue, die
ich bekam?
Die Nacht, so stolz noch von Himmeln, so
leise von irdischen Mühen,
rettet das Gold für den Kelch, der die
Hämmer der Schläfen vernahm.
Weht auch ein Duft und erreicht die Maid aus
den Niederlanden,
der mein entsetzliches Aug die reglosen
Stunden gebot?
Weiß sie mit mir: als ein Reiter, geschmückt
mit Girlanden,
weilt im ukrainischen Grün der getreue, der
flandrische Tod?
wandert, ein aufrechtes Kreuz, und wird hier
sein heut nacht...
Wünscht sie mit mir: daß die Gräser mich
flüsternd erkennen,
wenn sie ans Fenster tritt, schmal, und in
abendländischer Tracht?
Bleib nicht, mein Lieb, wenn Katjuscha nun
anfängt zu singen!
Knie, es wird Zeit nun zu knien, in den
Orgelstimmen von einst
dröhnt es nun laut, und ich muß mit Jaakobs
Engeln noch ringen?
Allein mit den jüdischen Gräbern, weiß ich,
Geliebte, du weinst...
Hielt ich dem friesischen Sand, den
rheinischen Fluren die Treue?
Schimmernd häng ich mein Herz ins Wappen,
das ich euch weih.
Träumerisch hält meine Hand und singt in die
wallende Bläue
für alle, die hier liegen, Herr Volker von
Alzey.[188]
Das Gedicht ist an anderer Stelle ausführlich gedeutet.[189] Hier kann es nur darum gehen, zu veranschaulichen, wie Celan sich des Kulturgutes annimmt, dem er sich als deutschsprachiger Dichter verpflichtet fühlt und in dem er nach nationalsozialistischem Anspruch nichts zu suchen hat, sich vielmehr zum jüdisch-asiatischen Untermenschen gemacht sehen muss, und zwar im Namen der mit kolonialistischem Missionsauftrag in Osteuropa wütenden angeblich höheren deutschen Kultur.
Es sei strophenweise eine Inhaltsangabe vorgeschlagen:
• 1. Es ist Nacht, und das lyrische Ich nutzt sie, um den blutigen Tag mit seinen erschreckenden Ereignissen, die das Blut in den Schläfen pochen lassen, zu vergessen und zu retten, was noch zu retten sein könnte. Ein geliebtes Du wird angesprochen, das die rote Blume bekam und als Zeichen der Treue und der Sehnsucht die blaue zurückgab. Aber welche soll blühen?
• 2. Das Du ist die Maid aus den Niederlanden, eine literarische Gestalt. Als holde Maid aus Flandern, als mein flandrisch Mädchen gehört sie in Albert Lortzings Oper „Zar und Zimmermann“ von 1837. Dort geht es um die Verehelichung eines in den Niederlanden lebenden Mädchens, in das sich eigentlich der Zar verliebt hat, der aber nach Russland zurückkehren muss. An seiner Stelle wird Marie Iwanow, einen desertierten russischen Soldaten, der vom Zaren zum Kaiserlichen Oberaufseher ernannt wird, heiraten. Bei Celan ist es das in der Ukraine befindliche lyrische Ich, das dem flandrischen Mädchen zugetan ist. Von dorther aber kommt der getreue, der flandrische Tod. Man google einmal und sehe sich an, auf wie viele Treffer es das Lied „Der Tod in Flandern“ bringt, 1917 in Flandern entstanden, ergänzt von Elsa Laura von Wolzogen nach einem rheinischen Tanzliede. Paul Celan hat es gekannt und angeblich als eines seiner Lieblingslieder mit anderen gesungen:
Der Tod
reit't auf einem kohlschwarzen Rappen,
Er hat
eine undurchsichtige Kappen.
Wenn
Landsknecht' in das Feld marschieren,
Läßt er
sein Roß daneben galoppieren.
Flandern
in Not!
|: In
Flandern reitet der Tod! :|
Was da in romantisierender Einkleidung als Landsknechtslied daherkommt, ist die hilflose Reaktion auf das, was sich an mechanisiertem und bereits mit Einsatz von Gas betriebenem Massentöten in Flanderns Feldern und anderen Orten in Nord- und Ostfrankreich vollzogen hat. Ein Rest reicht hier verfremdet und verfremdend in den russischen Frühling hinein.
•
3. Der Krieg als von Westen nach Osten getragener Kreuzzug ist ein altes Motiv,
das bis in die Gegenwart immer wieder an vielen Fronten konfliktbeladene
ideologische Auseinandersetzungen begleitet und das die Alliierten auch immer
wieder gegen das nationalsozialistische Deutschland bemühten, ein Motiv als
symbolpolitische Dirne. Hier steht es ganz konkret für den bevorstehenden Kampf
zwischen Russen und Deutschen, die aus den kriegsdurchfurchten finstern Ardennen heut nacht heranrücken.
Dem US-amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson hatte es bereits bei der
Erklärung der Vereinigten Staaten zum Eintritt in den Ersten Weltkrieg dienen
müssen: Zur „Befreiung“ aller Völker der Welt, „die germanischen Völker
inbegriffen“, sei ein „heiliger Krieg, der heiligste aller Kriege“ zu führen.[190] Hier bezieht es sich auf das als Kreuzzug
in der Nachfolge Barbarossas geplante Unternehmen des deutschen Ostfeldzugs.
Nach der eingetretenen Kriegswende sollen die eingedrungenen Kreuzzügler wieder
vertrieben werden: „Russischer Frühling“.
Zum bevorstehenden Kampf zwischen Russen und Deutschen liegt das Ich in
Erwartung der Schlacht im Gras und wünschte sich, dass die Maid aus den
Niederlanden ihn am Duft des Grases erkennte, wenn sie ans Fenster tritt, schmal, und in abendländischer Tracht.
•
4. Lyrisches Ich und mein Lieb sind zusammen,
aber sie darf nicht bleiben, denn Katjuscha,
wie die Russen landsknechtisch ihre von den Landsern „Stalinorgeln“ getauften
Geschütze nannten, fängt nun an zu singen,
wie Celan landsknechtisch fortfährt. In
den Orgelstimmen von einst dröhnt es nun laut: Keine Zeit für die Hochzeit im Geiste und ein befriedetes zweisames
Ausruhen. Das lyrische Ich – in die ihm vom christlich sich gerierenden
Abendland aufgedrängte neue Rolle des jüdisch zu seienden Gläubigen gedrängt –
fragt sich, ob es angesichts der anstehenden Schlacht zwischen Ost und West nun
auch noch um seine Identität zu ringen habe. Denn in Jakobs Kampf mit Gott, der
im Genesistext als Mann in Erscheinung tritt (Gen. 32, 23-33) und der in der
israelitischen Tradition auch als Engel wiedergegeben wurde, geht es ja darum,
wie Jakob zu heißen habe: „Nicht mehr Jakob wird man dich nennen, sondern
Israel.“ Das wird in Gen. 35, 10 noch einmal ausdrücklich bestätigt. Und
„Israel“ war ja der Zwangsvorname, den die jüdischen Männer im „Dritten Reich“ zu
führen hatten. Als jüdisches sieht sich das lyrische Ich in eine ihm
unvertraute Identität versetzt, in der es nun in Gegensatz zum ihm doch so wohl
vertrauten Abendland steht. Es muss fürchten, die Geliebte in der Ferne durch
die Intensität des von ihm erlebten Schrecklichen und den Wunsch nach ihrer
Nähe zum Erstarren gebracht zu haben: der
mein entsetzliches Aug die reglosen Stunden gebot. Aber das Ich, allein mit den jüdischen Gräbern, redet sich im Alleinsein Gewissheit
ein: weiß ich, Geliebte, du weinst.
• 5. Zweifel nagt, wie denn dem Westen, dem Abendland, dem friesischen Sand, den rheinischen Fluren die Treue zu halten wäre. Beim preußischen Staatsdichter Emanuel Geibel (1815-1884) gibt es ein Gedicht mit dem Titel „Gudruns Klage“. Die friesische Königstochter Gudrun ist ins Land der Normannen entführt worden. Ihr Heldentum besteht darin, ihrem friesischen Verlobten Herwig die Treue zu halten. In ihrer Klage dröhnt es auch:
Es dröhnt mit dumpfem Schlage
Die Brandung in mein Wort;
Der Sturm zerreißt die Klage
Und trägt beschwingt sie fort.
O möcht’ er brausend schweben
Und geben euch Bericht:
‚Wohl laß ich hier das Leben,
Die Treue laß ich nicht!‘
Hier wird gegen den getreuen, den flandrischen Tod eine andere, dem Leben verpflichtete Treue aufgeboten: Schimmernd häng ich mein Herz ins Wappen, das ich euch weih.
Der am Schluss genannte Volker hat zunächst wenig mit dem des Nibelungenliedes gemeinsam. Celan geht es offensichtlich nur um den Spielmann Volker, der für alle, die hier liegen, singt. Im Nibelungenlied zeigt sich Volker gerade an Etzels Hof als einer der grimmigsten Kämpfer, der von den Hunnen überhaupt nichts hält und sie aufs verächtlichste behandelt. Einmal nur singt und fiedelt er für die Nachtruhe der Burgunder. Ansonsten wird sein Schwert zur blutrünstigen Fiedel, so dass Kriemhild ihn für noch stärker und gefährlicher hält als Hagen. Wie häufig Volker auch der spileman und der videlaere genannt werden mag, seine Hauptcharakteristika liegen in den Attributen küene, stark, snell. Es ist wiederum Emanuel Geibel, der mit seinem Gedicht „Volkers Nachtgesang“ höchste Anerkennung und in den Verfassern von einflussreichen und auflagenstarken Handreichungen für den Deutschunterricht seine Multiplikatoren bis weit ins 20. Jahrhundert fand. Gleich in einer der ersten Gedichtsammlungen nach dem Zweiten Weltkrieg, „veröffentlicht unter der Zulassungs-Nummer US-Nr. 2000 der Nachrichtenkontrolle der Militärregierung“, steht es wieder oder immer noch und gehört nach E. Frenzel zu einem der Rollengedichte, die „für die dichterische Wiederbelebung und allgemeine Kenntnis des Stoffes“ des Nibelungenliedes am folgenreichsten gewirkt haben. Wie bei Celan ist es bei Geibel Nacht, und zwar ebenfalls in Erwartung der Schlacht. Die letzte Strophe lautet:
Ihr Kön’ge, sonder Zagen
Schlaft sanft, ich halte Wacht;
Ein Glanz aus alten Tagen
Erleuchtet mir die Nacht.
Und kommt die Früh‘ im blut’gen Kleid:
Gott grüß dich, grimmer Schwerterstreit!
Dann magst du, Tod, zum Reigen
Uns geigen.
Nie mehr wird Celan seine Nähe zu der als klassisch nationaldeutsch
einzustufenden Dichtung so ausdrücklich bekunden. In der unmittelbar
anschließenden Dichtung „Todesfuge“ scheinen alle Fäden gekappt, und es bleibt
ein Dichter, für den die Welt, bei
der ich zu Gast gewesen sein werde,
nur mehr eine nachzustotternde ist. Seine Geburtsstadt Czernowitz war mit
dem Vordringen der Deutschen und den zurückschlagenden Russen spätestens 1944
endgültig um ihre kulturelle Identität gebracht worden und spiegelt wie kaum
eine andere Stadt die Wirrnisse der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wider:
1775 mit der Bukowina an Österreich gefallen, kam es 1918/19 an Rumänien, 1940
mit der nördlichen Bukowina an die UdSSR (Ukraine), dann zwischen 1941 und 1944
erneut rumänisch, bis es wieder russisch und 1996 ukrainisch wurde.
Paul Celan dürfte es ziemlich gleichgültig
gewesen sein, wie sich unbeteiligte, aber immer noch heimgesuchte „Postmemorialisten“
wie Albert J. Mayer oder Fritz Stern[191]
bemühen, dafür einen Namen zu finden, worüber es ihm zunehmend die Sprache
verschlug. Selbst die Wiedervereinigung Deutschlands hätte für ihn, der trotz
seiner deutschen Muttersprache nie deutscher Staatsbürger war, auch nicht
annähernd einen „Zweiten westfälischen Frieden“ bedeutet haben können. Die
beiden US-amerikanischen Historiker indessen, beide 1926 geboren, der eine in
Luxemburg, der andere in Breslau, und beide der nationalsozialistischen
Verfolgung durch Emigration entgangen, haben sich ihr Bild von der europäischen
und deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert mit Hilfe des komparatistischen Analyseinstruments
vom „Zweiten dreißigjährigen Krieg 1914-1945“ gemacht.
Wie sehr dieser Vergleich nahe liegt,
erschließt sich für Klaus Harpprecht bei der Lektüre Pat Barkers, als er am 31.
August 2000 in „Die Zeit“ ihre Romantrilogie über den Ersten Weltkrieg unter
der Überschrift „Hier begann
Auschwitz“ bespricht und eine
augenfällige Kontinuität zwischen den beiden Weltkriegen gegeben sieht. Diese
Kontinuität ist allerdings nicht die des Ostimperialismus, sondern die des
Vernichtungskrieges, wie er sich im Westen in Flandern, in der Hölle von
Verdun, an der Somme und an anderen Schlachtorten entwickelt und ausgeprägt
hatte, die Harpprecht aber auf die Vernichtungslager verengt: „die Hölle von Auschwitz und Treblinka hat
sich in den Schützengräben des ‚Großen Krieges‘ (von dem die Franzosen und
Engländer sprechen) gleichsam hinter dem Rücken der europäischen
Kulturgeschichte vorbereitet. Man mag sich sogar fragen, ob es völlig abwegig
ist, eine verborgene Verbindung von Hitlers Gasverwundung und dem Einsatz von
Zyklon B zu vermuten.“
Albert Muller, S. J., belgischer Doktor der Politik und Sozialwissenschaften, Professor für Geschichte der Diplomatie und Völkerrecht in Antwerpen, legt, versehen mit dem „Imprimatur“, 1947 parallel in Brüssel und Paris eine mit Reflexionen durchwirkte Faktensammlung zur Konstellation der politischen Kräfte in Europa von 1900 bis 1945 vor, die er „einfache Notizen zur Zeitgeschichte“ nennt und unter dem Titel „La seconde guerre de Trente Ans 1914-1945“ zusammenfasst.
Das Buch
sei hier vorgestellt, weil es seit Erscheinen in keiner wissenschaftlichen
Diskussion irgendwelche Spuren hinterlassen zu haben scheint. Es sollte wegen
seiner Sichtweise aber auch heute noch verdienen, wahrgenommen zu werden. Denn
die entschiedene Ablehnung Nazi-Deutschlands kann nicht darüber hinwegtäuschen,
dass die Wertungskriterien Mullers
wenig überzeugend sind und nicht weit tragen. Vielmehr erscheint Mullers Standpunkt von heute aus eher
noch Teil der europäischen Krise zu sein, die er doch beschreiben will. Denn es
reicht am Ende nicht aus, die Krise mit ihren Konfliktherden in ihren
europaweiten und bis in den Burenkrieg und nach Hiroshima reichenden
Erscheinungsweisen chronologisch vorzustellen, um daraus zu folgern: „In
Wirklichkeit sind die beiden Kriege jedoch nur zwei Phasen eines einzigen
identischen Konflikts, der aus dem Herrschaftswillen eines Volkes geboren
wurde, das macht- und eroberungsgierig ist, und dieser Konflikt erstreckte sich
über dreißig Jahre“ (S. 5).
Dieser Mangel hat seine Wurzeln in dem von ihm entworfenen Hintergrund. Die europäische Krise habe nämlich ihren Ausgangspunkt in der Französischen Revolution, und zwar in dem seither heimisch werdenden anarchistischen Individualismus. Trotzdem hätten im Ersten Weltkrieg nicht die autoritären Regierungen, sondern die Demokratien gesiegt. Nach dem Krieg habe sich aber Europa mit mehr als der Hälfte seiner Staaten unter dem Autoritarismus versammelt. Denn das gesellschaftliche Leben mache eine Autorität erforderlich; eine Nation könne nicht ohne eine starke Regierung gedeihen, deren Gesetze befolgt werden. Diese lange verkannte Wahrheit habe sogar von denen anerkannt werden müssen, die sie z. B. wie die russischen Revolutionäre am heißesten bekämpft hätten. Diese über weite Strecken von gesellschaftlichen Erfolgen gekrönte Politik habe indessen die Gräben zwischen den einzelnen Nationen vertieft, woraus sich die internationale Krisenanfälligkeit erneut ergeben habe (S. 281 f.).
Unschwer zu erkennen ist, dass Muller alles, was mit der Russischen Revolution zusammenhängt, verabscheut. In ihr habe sich der „inhumane rote Terror“ gezeigt und im Spanischen Bürgerkrieg von Seiten der Volksfrontregierung seine Fortsetzung gefunden: Streiks, Attentate auf das Eigentum, Morde ohne Unterbrechung. Eine Regierung, die den Pöbel bewaffnet habe, was zu Mord, Plünderung, Brandschatzung von Kirchen und öffentlichen Gebäuden, Massakern an Geiseln, Priestern und Mönchen geführt habe. Demgegenüber hätten die Franco-Truppen die Ordnung wiederhergestellt.
Die europäische Katastrophe stellt sich für Muller als eine Tragödie mit einem Prolog und drei Akten dar. Die ausführlichste Darstellung kommt dabei dem zweiten Akt zu, der Zwischenkriegszeit. Mit Jacques Bainville ist Muller davon überzeugt, dass die Ergebnisse der Versailler Friedensverhandlungen von 1919 die Ursache für den „zweiten Weltenbrand“ darstellen. Denn es sei versäumt worden, Deutschland seine Zentralregierung zu nehmen und wieder in seine föderalen Staaten wie vor 1871 aufzulösen. So habe es sich durch alle im Friedensvertrag niedergelegten Auflagen nicht niederringen lassen können, weil die politische Zentralgewalt die Ressourcen von 60 Millionen Menschen und deren Potential für Nationalleidenschaften, menschliche Leidenschaften, natürliche und tierische Instinkte gegen die Vertragsbedingungen mobilisieren konnte (Bainville, Les conséquences politiques de la paix, S. 25 ff. – Diese Sichtweise setzte sich in Gestalt von General Charles de Gaulle, des Chefs der Provisorischen Regierung, auf der Potsdamer Konferenz 1945 fort: Für Frankreich war das künftige Deutschland nur als loser Staatenbund und keinesfalls als Wirtschaftseinheit vorstellbar).
Eine Beobachtung Mullers für das Jahr 1942 in Frankreich verdient besondere Erwähnung – sonst gibt es keine zur europaweiten Judenverfolgung –, ehe er vier Sätze später über den Höhepunkt von Hitlers Macht 1941 schreibt und dessen Machtstreben mit dem judaistischen Auserwähltheitsglauben vergleicht: „Tausende Juden werden in der unbesetzten Zone verhaftet und den Behörden des Reichs ausgeliefert; diese Verfolgungsmaßnahmen lösen den beredsamen Protest des Erzbischofs von Toulouse aus“ (S. 469).
In der Übersetzung lauten die Ausführungen Mullers für die Schilderung des Höhepunktes nationalsozialistischer Macht 1941 folgendermaßen:
„§ 4 Die Neue
europäische Ordnung
Das Europa von 1939, in 25 souveräne Staaten
zerstückelt, heimgesucht von glühenden nationalen Leidenschaften, zerrissen
zwischen antagonistischen Ideologien, stellt eine seit langem überholte
Organisationsform dar. Gegenüber den kompakten Blöcken, dargestellt von den
Vereinigten Staaten, dem britischen Empire und der Union der sozialistischen
Sowjetrepubliken, wird es seinen Rang und Einfluss nur behalten, wenn es sich
in einem harmonisch ausgeglichenen Gesamtzusammenhang organisiert. Briand hatte
diese Notwendigkeit etwa zehn Jahre zuvor wahrgenommen, als er mit seiner hohen
Autorität für die Verfassung der ‚Vereinigten Staaten von Europa‘ eintrat.
Ausgestattet mit der bewaffneten Macht über fast den ganzen europäischen
Kontinent hat Hitler auf seine Weise das grandiose Programm des alten
französischen Staatsmannes wiederaufgenommen. Verschiedene Gründe mögen ihn zu
diesem Handeln bewogen haben:
1.
Die Unmöglichkeit, die Völker, die er seinem Gesetz unterworfen hat, dauerhaft
durch alleinigen militärischen Zwang zu kontrollieren. Man muss sie dazu
bringen, sich freiwillig in den Rahmen eines geeinten und harmonisch
eingerichteten Kontinents einzubringen.
2. Nur diese
Vereinigung wird das Mittel dazu liefern, die von England ausgelöste
Wirtschaftsblockade zu neutralisieren.
3. Um den
Abnutzungskrieg durchzustehen, der auf die anfänglichen glänzenden
Blitzfeldzüge folgen wird, hat Deutschland zu wenig eigene Ressourcen an
Menschen und Rohstoffen. Sein militärisches Arsenal muss sich auf das gesamte
unterjochte Europa ausdehnen.
4. Der
Führer, heimgesucht von der kommunistischen Gefahr, träumt davon, alle Völker
des Kontinents für seinen antibolschewistischen Kreuzzug anzuwerben.
Nicht alles an diesem gewagten organischen neuen
Guss Europas ist falsch. Einigkeit macht stark und um mit gleichen Waffen gegen
seine mächtigen ökonomischen Rivalen zu kämpfen, muss Europa seine Kräfte
sammeln und auf die inneren Zwistigkeiten, die es schwächen, verzichten.
Außerdem verlangt diese Konzentration in jedem Fall eine Autorität. So vollzog
sich einst die Einheit der Christenheit unter dem Szepter Karls des Großen.
Kann das ehrgeizige Projekt Hitlers mit dem des legendären Kaisers verglichen
werden? In keiner Weise. Damit eine wohltuende Wiedervereinigung Europas verwirklicht
werde, muss es vor allem den legitimen Interessen aller zur Einheit gerufenen
Nationen dienen. Das ist aber überhaupt nicht die Absicht des Führers. Für den
gibt es nämlich nur ein ‚Herrenvolk‘: das deutsche Volk, und die
‚Dienervölker‘: alle anderen Nationen des Kontinents. Es ist am ‚auserwählten
Volk‘, alle anderen Nationen zu unterjochen und seinen Interessen alle anderen
unterzuordnen. Ohne es zu merken, hat Hitler seinerseits die hochmütige
judaistische Ideologie wiederaufgenommen, der er seinen gnadenlosen Krieg
erklärt hat.
Übrigens gibt er vor, das neue Europa durch
Zwang zuschneiden zu wollen. Kann er sich vernünftigerweise schmeicheln,
Nationen, die besiegt, erobert, unterdrückt und ausgeplündert sind, zu einer
Zusammenarbeit zu vereinigen, die doch, um wirksam zu sein, die spontane und
herzliche Zustimmung aller Beteiligten verlangt?
Es
scheint wohl, dass der Führer ganz zu Anfang auf dem Weg der Überredung
vorgehen wollte. Man erinnere sich der Anstrengungen, die der Eroberer
entfaltete, um die eroberten Bevölkerungen in Sicherheit zu wiegen und ihnen zu zeigen, dass die
Reichswehr von 1940 in nichts der brutalen Soldateska des Kaisers ähnelte. Aber
leider! Ihr Charakter schlug doch durch... Trunken von ihren Siegen,
aufgebracht vom ‚Mangel an Verständnis‘, auf das sie stießen, hielten es die fanatisierten Truppen des Führers nicht
lange in ihrer nur geliehenen Rolle aus. Außerdem begleiteten sie und folgten
ihnen die Gestapoagenten, die anderen Weisungen gehorchten.
Dann
versuchte man, die eroberten Gebiete mittels nationaler Marionettenregierungen
zu verwalten (Quisling, Laval, Hacha, Tiso, Pavelic, Antonesco usw.) oder sich
wenigstens auf seit langem oder erst kürzlich für die Nazi-Ideen gewonnene
Parteigänger zu stützen (N.S.B. in Holland, V.N.V. und Rexisten in Belgien,
R.N.P. in Frankreich, Ustascha in Kroatien). Vergebliche Mühe: Diese Menschen
und Parteien wurden unwiederbringlich durch ihr heimliches Einverständnis mit
dem Besatzer in den Augen der Nation in Verruf gebracht.
Nach der Eröffnung der Feindseligkeiten gegen Russland nahm sich die deutsche Propaganda eines neuen Themas an, nämlich des europäischen Kreuzzuges gegen den Bolschewismus. Sie konnte in einigen Ländern eine gewisse Anzahl von aufrichtigen Idealisten gewinnen, aber hat erfolglos den zunehmenden Widerstand eindämmen wollen, der aus den wachsenden Unterdrückungsmaßnahmen des Besatzers erwuchs und durch die ersten Rückschläge der Reichswehr an der russischen Front ermutigt wurde“ (S. 470-471).
Der Krieg des „Deutschen Reichs“ mit Russland wird dann auf 6 Seiten abgehandelt, was deutlich macht, dass die „Lebensraum“-Planungen und der Vernichtungskrieg für die Wahrnehmung Mullers nur eine Nebenrolle spielen. Letzten Endes bleibt bei ihm der „Zweite dreißigjährige Krieg“ eine Auseinandersetzung zwischen Deutschland und Frankreich und der seit dem Ersten Weltkrieg offenkundig gewordene koloniale „Deutsche Drang nach Osten“ ausgespart, hätte er doch vor dem Hintergrund des gesamteuropäischen Kolonialismus einschließlich des französischen wahrgenommen und reflektiert werden müssen.
Dass auf Himmlers Umgang mit
Heinrich I. in mediävistischen Ottonendarstellungen nach 1945 hingewiesen wird,
sollte sich von selbst verstehen. Es geschieht in der Regel abschätzig, indem
mindestens von „Missbrauch“ die Rede ist und vom Nationalsozialismus wie unter
Abwehrbann gegenüber einer fremden Gesellschaft in einem vergifteten anderen
Land gesprochen wird. Das ist nicht nur in mediävistischen Darstellungen so,
sondern zieht sich als roter Faden seit dem „SS-Staat“ des noch direkt und
unmittelbar betroffenen Eugen Kogon
durch zeitgeschichtliche Darstellungen in unterschiedlicher Perspektivierung
bei den späteren Autoren Joachim Fest,
Heinz Höhne oder Guido Knopp.
Der Mediävist Horst Fuhrmann ist
in den 1990er Jahren immerhin in der Lage, zuzugestehen, dass die Vereinnahmung
Heinrichs I. keine dogmatische SS-Angelegenheit zu sein brauchte, sondern
durchaus „ohne ideologische Zwänge“ nach den aus dem Grab verschwundenen
Gebeinen Heinrichs bis 1942 weiter gesucht werden konnte mit dem Ergebnis, dass
die Grabungen „nach dem Krieg ausgewertet und veröffentlicht“ wurden.[192] Damit wird von einer Kontinuität von Forschung ausgegangen, die
für Hagen Keller in seiner
Ottonendarstellung von 2001 ebenfalls selbstverständlich ist,
weil sie, wie er unterstellt, im Rahmen ihrer „objektiven“ Erkenntnisgewinnung
sogar zu „Gegenreaktionen“ auf Himmlers Instrumentalisierungen geführt habe.
Diese Forschung hat dann allerdings keine Öffentlichkeit mehr erreicht, wie Keller es sich heute noch für die Ottonen-Zeit wünschte. Denn mit Bedauern
muss er feststellen, dass „nach dem Zweiten Weltkrieg das Interesse an so vergangenen
Zeiten wie dem 10. Jahrhundert mehr und mehr nachgelassen“ habe „und ein
fundiertes Wissen darüber auch bildungspolitisch zum entbehrlichen Luxus
erklärt worden“ sei (wie Anm. 93, S. 10).
Mediävisten
gehen also davon aus, dass sie mit ihren Ergebnissen Öffentlichkeitsrelevantes
mitzuteilen haben, wie es offenbar bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges für sie
Standard und selbstverständliche Ausgangsbasis ihres Selbstverständnisses war,
wenn seither auch immer lauthals behauptet wird, dass das gegen den
Nationalsozialismus und gegen seinen „Missbrauch“ des Mittelalters gerichtet
gewesen sein soll. Denn anzuerkennen, wie sehr Himmlers Umgang mit Heinrich I.
eingebettet war in die Glorifizierung des im „Dritten Reich“ angeblich
wiedererstandenen Ersten Reichs, kostet Überwindung und setzt einiges an
Unbefangenheit gegenüber der eigenen Fachgeschichte voraus. Waren doch die
Mediävisten im „Dritten Reich“ diejenigen, die in der Nachkriegszeit
weiterwirkten und eine neue Generation von ihresgleichen ausbildeten. Aber, so
der Schweizer Mediävist Valentin
Groebner, „im Gegensatz zur Situation nach dem Ersten Weltkrieg
wurden nach 1945 Mittelalteranrufungen zur Darstellung und Verarbeitung der
Geschehnisse weitgehend als unpassend, wenn nicht als komplett unmöglich
empfunden“ (wie Anm. 139, S. 117).
Im gleichen
Verlag wie Fuhrmann publizierte Groebner 2008 mit einem fast ähnlichen
Titel – der eine „Überall ist Mittelalter“, der andere „Das Mittelalter hört
nicht auf“ – eine gut lesbare, ohne Fußnoten auskommende Studie zur Mittelalterrezeption
vor allem im 19. und 20. Jahrhundert. In seiner Darstellung vollzieht sich die
nationale Mittelalterrezeption bis 1945 in einem Kontinuum, nicht nur in
Deutschland, sondern in ganz Europa. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges erlebte
die Mittelalterbeschwörung nach Groebner
bei deutschen, französischen, österreichischen und italienischen „Spezialisten
für mittelalterliche Geschichte“ mit jeweiliger nationaler Akzentsetzung
einen Höhepunkt. „Die Kriegsschriften des Ersten Weltkrieges machen auf
bedrückende Weise deutlich, dass die drei Generationen lang verkündete Wissenschaftlichkeit
der Geschichtsforschung, die Ausbildung zu historisch-kritischer Arbeit an
Originalquellen, zur Nachvollziehbarkeit von Ergebnissen und zur größtmöglichen
Genauigkeit der Beweisführung nicht im Widerspruch zum grobschlächtigen Einsatz
historischen Materials für Propagandazwecke und nationalistische Rhetorik
standen – zur Verwendung nicht durch andere, sondern durch ebenjene hochgebildeten
Wissenschaftler selbst. Der Erste Weltkrieg war in der Mittelalterrezeption der
Moderne nicht die Ausnahme, sondern nur jener Moment, in dem von Wissenschaft
und ihren Geschichtsbildern eben besonders intensiv Gebrauch gemacht wurde.“
Durch die Krisenjahre der Zwischenkriegszeit habe sich nämlich „die
Indienstnahme der mittelalterlichen Vergangenheit ungebrochen“ fortgesetzt,
was eigentlich mit Erstaunen festgestellt werden müsste (S. 94 ff.). Was dann
in der Zeit des Nationalsozialismus geschah, sei mit einer entscheidenden
Passage in Groebners Darstellung
wiedergegeben:
„Das
Mittelalter der Nationalsozialisten übernahm vom utopischen Mediävismus des 19. Jahrhunderts das Prinzip des
«Noch nicht»; denn der nach 1933
überall emphatisch gebrauchte Begriff der «Vollendung» hieß ja nichts anderes, als dass das Mittelalter selbst noch nicht mittelalterlich genug gewesen sei. In
seiner programmatischen Mittelalterrede
erläuterte Heimpel das genauer. Die Deutschen als mittelalterliche
Ordnungsmacht seien in der eigentlichen mittelalterlichen Epoche zwischen dem
9. und dem 12. Jahrhundert «durch die damaligen
Weltsorgen, Herrschaft und Krieg auf sich nehmend, von Anbeginn stärker
belastet» gewesen als die anderen Völker. «Und so bilden sich unter dieser Last die feinen Sprünge,
die sich dann im 12. Jahrhundert zu
breiten Rissen erweitern.» Sie werden bei Heimpel dann zu «Schluchten»
und «Abgründen», in die nach der Demütigung Heinrichs IV. in Canossa durch den
Papst das Schicksal der Deutschen
buchstäblich hineinrutsche (er schreibt das wirklich so) – so seine Erklärung, warum es mit den Deutschen im
Mittelalter dann doch schiefgegangen sei, von den «umglänzten Höhen der
Kaisermacht» hinunter in die «machtlos
dumpfe Enge der deutschen Kleinstaaten, die zu Spielbällen der Westmächte»
geworden seien. Anders gesagt, das Mittelalter lieferte Heimpel nicht
nur die Ursachen deutscher Größe, sondern
auch die Gründe, warum die Deutschen trotz ihres Edelmuts und ihrer
kulturellen Überlegenheit Verlierer gewesen seien. Nicht das Posaunen der
eigenen Macht, sondern das Herauskehren der eigenen Opferrolle und des
erlittenen Unrechts ist unverzichtbares Element nationalistischer
Geschichtsrhetorik: Demütigungen der Vergangenheit, die nun mit allen Mitteln
wiedergutgemacht werden müssten, ein
aggressiv nach außen gekehrter Masochismus. Deswegen erschien den
nationalsozialistischen Historikern bei
aller Betonung der Größe und des Ruhmes diese Größe paradoxerweise nie groß
genug. Am feurigsten und freudigsten, scheint es dem späten Leser, schrieben sie vielmehr von der unverdienten
Unbill, die den Deutschen in der Vergangenheit
zugefügt worden war.
(110:) Diese Klage hatten schon die nationalistischen
Historiker des 19. Jahrhunderts
angestimmt; auch sonst haben die Mittelalteranrufungen der Nationalsozialisten viel von dem weitergeführt, was in den Jahrzehnten zuvor die emphatischen Bilder der Epoche
bestimmt hatte, aber mit veränderten
Schwerpunkten. Religiöse Motive wurden stärker mythisch archaisiert, christliche und besonders katholische
Elemente durch Berufungen auf Germanisches ersetzt oder an den Rand
gedrängt. Das Nationale wurde weniger auf Staaten als auf eher vage beschriebene «Gemeinschaften» bezogen und mit
«Volkhaftem» und «Völkischem» verbunden. Volk wird dabei aber nicht für
sprachlich-philologische Zugehörigkeit oder kulturelle Kategorie im Herderschen Sinn gebraucht, sondern als «Art», als
kollektive Eigenschaft und vererbte,
biologische Kategorie; der neu geschaffene Begriff «Art-Frömmigkeit» etwa wurde verwendet, um angeblich
spezifisch deutsche bzw. germanische Formen religiösen Erlebens im
Mittelalter zu beschreiben. Geschichte war
für die Nationalsozialisten sozusagen eine biologische Kategorie, etwas,
was Ergebnisse und Unterschiede in Fleisch
und Blut hervorbringe, mit distinkten physischen Eigenschaften,
unterschiedlichen Körpern.
Ein zentraler Begriff war deshalb das
Organische und «Gesunde». Der
Kunsthistoriker Pinder sah sich 1933 in der Lage, die gesamte europäische Kunst in «gesunde» und «organische» versus «ungesunde» und «nicht normale» Stilentwicklungen zu
unterscheiden. Bei ihm hatte das
Organisch-Gesunde seinen Höhepunkt in der Kunst des 13. bis 15. Jahrhunderts,
während die Kunst der Moderne seit dem
Ende des Mittelalters und vor allem nach dem 18. Jahrhundert krankhafte
Tendenzen zeige. Und auch hier Wiederkunft: Weil das Mittelalter eine «noch gänzlich gesunde Epoche
europäischer Kultur gewesen sei», solle, was jetzt in Deutschland
entstehe, «im edelsten Sinn ein neues
Mittelalter werden». Ähnlich funktionierten Begriffe wie die der «konkreten Ordnung»,
neben anderen vom Staatsrechtler Carl Schmitt in den späten Zwanzigerjahren
konzipiert. Gemeint waren angeblich
vorgegebene «lebendige» und «organische» Rechtsformen, die man im Sinne
der Volksgemeinschaft weiterentwickeln müsse,
in scharfer Abgrenzung von bloßen theoretischen Modellen, die nur papierne Erfindungen
seien. Die neuen Rechtsquellen seien (111:) «Volkstum und Führertum», der neue Leitgedanke
die «ständisch gestufte Ehre
der völkischen Rechtsgenossen». Denn, so Schmitt, das «germanische Rechtsdenken
des Mittelalters» sei «durch und durch konkretes Ordnungsdenken» gewesen. Nach 1933
fanden ehrgeizige Mediävisten diese «konkreten
Ordnungen» dann auch prompt überall in
ihren Quellen; denn in dieser Rhetorik konnte ziemlich viel die Stelle dieses Ordnungsprinzips einnehmen, solange
es — wie auch immer vage bestimmte
— Gemeinschaften mit möglichst handfest-physischen Beispielen verkoppelte.
Das Mittelalter der Nazis war also etwas, das in Ordnung
gebracht werden
sollte; denn es enthielt nicht nur Glorie, sondern auch den Keim von Niederlage, Demütigung und Zerfall.
Das Mittelalter-Bild der Volksgenossen
lässt sich vielleicht am besten verstehen als Wunsch nach dem großen Re-Set, wie der Befehl bei
elektronischen Geräten heißt. Die Zähler sollten auf
null zurückgestellt werden, um auf «volkhafter
Grundlage» so unmittelbar wie möglich an ein heroisches früh- und hochmittelalterliches Heldenzeitalter
anzuknüpfen. Dieses Zeitalter blieb eigenartig archaisch und unbestimmt,
irgendwo zwischen den Gotenhäuptlingen der Völkerwanderung und Motiven aus der
«Edda» verortet, und genau diese Unbestimmtheit machte es ja auch so heroisch“ (S. 109-111).
Groebner braucht
nicht mehr bei einem Konstrukt Zuflucht zu suchen, in dem jemand wie Fuhrmann unter den Augen Himmlers noch
Forschungsmöglichkeiten „ohne ideologische Zwänge“ gegeben sieht. Denn Carl Erdmanns Forschungen vollzogen
sich genau in jenem über Generationen ausgebauten und weitergegebenen
Geschichtsbild, in dem Himmler ja auf Heinrich I. gestoßen war und in ihm jenen
angeblich authentisch germanischen Herrscher fand, den die nationale
Heinrichsrezeption geschaffen hatte und spätestens seit der Tausendjahrfeier
der Stadtgründung Quedlinburgs 1922 in der Fortsetzung des 1859 von Heinrich von Sybel initiierten
„Sybel-Ficker-Streits“ nunmehr völkisch akzentuierte und mit noch deutlicherem
Gewicht auf der angeblich von Heinrich I. begonnenen und von seinen Nachfolgern
vernachlässigten Ostpolitik in die Öffentlichkeit trug (vgl. S. 30).
Festzuhalten ist, dass die Mediävistik von sich aus als Teil der Gesellschaft, der sie ihre „Sinnstiftungen“ von „einem geschichtsphilosophisch garnierten Hochsitz“ aus (Groebner, wie Anm. 139, S. 122) herabreichte, mit ihren „Mittelalteranrufungen“ (Groebner) den „Zweiten Dreißigjährigen Krieg“ deutungshoheitlich kontinuierlich und ohne Verwerfungen durch die Zwischenkriegszeit, wie ein Historiker wie Albert Brackmann am deutlichsten und sinnfälligsten zeigt, in den Nationalsozialismus begleitete und so aktiver Teil des Geschehens war.
(Lexikalisches zu Albert Brackmann (*
21.Juni 1871 in Hannover, † 17. März 1952 in Berlin-Dahlem), das über das hier
verschiedentlich bereits Ausgeführte hinausgeht, aus Wikipedia:
Brackmann
stammte väterlicherseits aus einer Pastoren- und Wissenschaftlerfamilie,
mütterlicherseits aus der Industriellendynastie Egestorff. Nach anfänglichem Theologiestudium
wechselte er in die Geschichtswissenschaft und studierte in Tübingen, Leipzig
und Göttingen. Mit 27 Jahren gehörte er zum Stab der „Monumenta Germaniae
Historica“. Er spezialisierte sich in der Kaiser- und Papstgeschichte und wurde
1901 Herausgeber der Germania Pontificia, der Sammlung der für deutsche
Empfänger bestimmten Papsturkunden. 1905 war er außerordentlicher Ordinarius in
Paul Kehrs „Institut für Historische Hilfswissenschaften“ in Marburg, 1913
Professor für mittelalterliche Geschichte in Königsberg, 1920 wieder in Marburg
und ab 1922 als Nachfolger von Dietrich Schäfer in Berlin. 1929 Generaldirektor
der preußischen Staatsarchive und Erster Direktor des Geheimen Staatsarchivs,
1935 kommissarischer Leiter des Reichsarchivs. Außerdem war er Mitglied der
Gelehrtengesellschaft von Göttingen, der Bayerischen, Deutschen und Preußischen
Akademie und Mitherausgeber der Historischen Zeitschrift. Von 1919 bis 1925 war
er Mitglied der DVP, später der DNVP, ab 1926 Mitglied im 1894 gegründeten „Deutschen
Ostmarkenverein“(1), aus dem 1933 im Zusammenschluss mit
anderen ostdeutschen Volkstumsverbänden der Bund
Deutscher Osten(2) wurde.
Ein
biografischer Lexikoneintrag von 1973/95 hält fest, dass er mit Eintritt in den
Ruhestand 1936 „auch weiterhin an entscheidender Stelle tätig“ war, was mehr
verbirgt als enthüllt. Folgenreich war vor allem seine Rolle im Geheimen
Staatsarchiv, in dem 1931 eine so genannte Publikationsstelle(3)
für alle Ostforschungsangelegenheiten(4)
eingerichtet wurde, die mit Kriegsbeginn gegen Polen und beim Krieg gegen die
Sowjetunion 1941-1945 von praktischer Bedeutung für die gesamte „Volkstumspolitik“(5)
in Osteuropa wurde, z. B. durch die Verwaltung der Deutschen
Volksliste(6). Die P-Stelle stand von Anfang an in
engster Verbindung mit dem Reichsministerium des Innern und dem
Außenministerium. Brackmann arbeitete 1939 an einer Denkschrift zur
„Eindeutschung Posens und Westpreußens“ mit, in der die sofortige Umsiedlung
von 2,9 Millionen Polen und Juden gefordert wurde. Die Behauptung Brackmanns,
dass die Publikationsstelle zu einer "Zentralstelle für die
wissenschaftliche Beratung" des NS-Regimes aufstieg, wird 2007 als
realistisch eingeschätzt.
Über
die beiden von ihm dominierten Institutionen der Publikationsstelle und der
Nord- und Ostdeutschen Forschungsgemeinschaft, die "Denkfabriken der
Ostforschung", gilt er als beteiligt an der Parzellierung Europas, an
organisiertem Kunstraub und an der Vorbereitung des Völkermords.)
------------------
(1) http://de.wikipedia.org/wiki/Deutscher_Ostmarkenverein
(2) http://de.wikipedia.org/wiki/Bund_Deutscher_Osten
(3) http://de.wikipedia.org/wiki/Publikationsstelle_Berlin-Dahlem
(4) http://de.wikipedia.org/wiki/Ostforschung
(5) http://de.wikipedia.org/wiki/Volkstumspolitik
(6) http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Volksliste
6. Juli 2008
Wie im Zusammenhang mit der Analyse der Rede Himmlers „Heute Kolonie, morgen Siedlungsgebiet, übermorgen Reich!“ dargelegt, reichen seine Vorstellungen, im Osten zu siedeln, über den Weltkriegsgeneral und späteren Kolonisationspropagandisten Graf Rüdiger von der Goltz bis in den Ersten Weltkrieg zurück. Dass Hitler in seinem Geheimerlass „zur Festigung deutschen Volkstums“ vom 7. Oktober 1939 Himmler ebenfalls am 7. Oktober 1939 als „Reichskommissar zur Festigung deutschen Volkstums“ indirekt zum Fortsetzer von „Ober Ost“ einsetzt, aus dem im Juli 1940 „Generalgouvernement“ wird, ist der offensichtlichste, wenn auch 1939 geheim gehaltene Beleg für die im Ersten Weltkrieg gescheiterte und jetzt erneuerte Inangriffnahme von der Verwirklichung von deutschem „Lebensraum im Osten“. Juristisch ist vom „Generalgouvernement“ nur als von einem Gebiet mit sonderrechtlicher Kolonialverwaltung zu sprechen. Das heißt, dass zunächst einmal alle dort lebenden Nichtdeutschen, die so genannten Fremdvölkischen, rechtlos waren, wie das Diemut Majer in ihrer großen Untersuchung dargelegt hat (vgl. Anm. 163).
Der Leibarzt und Masseur Himmlers, Dr. Felix Kersten, seit 1939 in dessen Diensten und nach Heinz Höhne sein intimster Kenner, veröffentlichte 1952 seine Tagebuchaufzeichnungen. Wiederholt spricht er ganz ernsthaft von Himmlers Umgang mit König Heinrich I. Ein Eintrag lautet: „Jeder von denen, mit dem ich sprach, sah sich bereits als Herr im Osten ‚auf freier Scholle‘ mit einer germanischen Großfamilie von mindestens sieben Kindern. Sie betrachteten ihren ‚König Heinrich‘ als den Garanten und Führer zu diesem Paradies“ ( S. 91 f.). Kersten lässt das unkommentiert und referiert nur; genauso wie er vermerkt, dass die SS-Führer vor Himmlers geschichtlichen Ausführungen Respekt gehabt und in ihm eine Autorität gesehen hätten (S. 404).
Der Kommentar, mit dem die erwähnte Himmler-Rede in Bad Tölz (November 1942) ins Internet gestellt ist, zeigt, dass er mit Himmler als einem siedlungswilligen Ost-Kolonisator nicht viel anzufangen weiß und sich eher auf Rosenberg und Goebbels verlässt, der von „abwegig“ in Bezug auf derartige Vorstellungen spricht (vgl. Anm. 148). Dass Himmler von ganzen Wissenschaftlerstäben ernst genommen wurde, als sie den „Generalplan Ost“ zu Papier brachten, dürfte als Tatsache anzusehen sein. Durchweg verwenden sie bei der Beschreibung der zur Besiedlung und „Germanisierung“ ins Auge gefassten Gebiete Begriffe, die dem Lehnswesen entnommen sind, so dass die von Kersten erwähnten SS-Männer „Lehnsmänner“ unter dem obersten „Lehnsherrn“ Himmler geworden wären. Irgendeiner „Abwegigkeit“ zu folgen dürfte den ehrgeizigen Wissenschaftlern fern gelegen haben, wie viel mehr einem Albert Brackmann, der sich über alles Geschehen auf dem Laufenden hielt und der mit Hermann Aubin neben der SS die Wehrmacht auf Einladung der Propagandaabteilung des Obersten Heereskommandos mit den Ergebnissen der „Ostforschung“ vertraut machte.
Offenbar hängt mit dem Begriff „Kolonialismus“, gar mit „Ostforschung“, aber immer noch so viel Positives zusammen, dass beides mit Himmler und den mit seinem Namen reflexhaft verbundenen Verbrechen nichts zu tun haben kann. In Frankreich – wie in den anderen ehemaligen Kolonialmächten – ist der Kolonialismus zum Beispiel nicht an ein totalitäres Regime gebunden, sondern an die Monarchie und die Republik. Leopold II., König von Belgien, konnte seine verbrecherischen Machenschaften im Kongo als seinem Privatbesitz lange genug als eine humanitäre Mission ausgeben, der 10 Millionen Kongolesen zum Opfer gefallen sein sollen, und die internationale Gemeinschaft glaubte ihm lange genug. Gerade in Belgien ist über die vom König kolonial ausgebeuteten Reichtümer ein ganzes Kulturerbe so geprägt, dass in ihm einen Verbrecher zu erkennen eine lange und schmerzende Selbsterforschung, zu der Adam Hochschild längst alles Material geliefert hat, nötig wäre. So hat der französische Staatspräsident kürzlich ein Gesetz verabschieden lassen, das eine positive Darstellung der Kolonialzeit beispielsweise in Schulbüchern vorschreibt, weshalb Aimé Césaire sich weigerte, Sarkozy in Martinique zu empfangen. Denn die auf Kolonisation Versessenen ließen es sich immer angelegen sein, ihre Eroberungen in humanitäres Vokabular einzukleiden und europaweit die „Mission der abendländischen Gesittung und Zivilisation“ gegenüber den „armen Wilden“ zu predigen, aus denen im Mund des Kaisers Wilhelm II. auch schnell einmal vernichtenswerte „Hunnen“ werden konnten. Charlie Marlow, Hauptfigur in Joseph Conrads Erzählung „Herz der Finsternis“ hat den humanen Tenor gegenüber den „Barbaren“ schon 1902 folgendermaßen gebrandmarkt, als er von seiner Tante nach ihrer erfolgreichen Vermittlung dazu beglückwünscht wird, als „ein Gesandter des Lichts, ein noch nicht ganz ausgereifter Apostel“ für eine belgische Handelsgesellschaft in den Kongo zu gehen: „Sie sprach davon, wie man ‚diesen unwissenden Millionen ihre entsetzlichen Bräuche austreiben‘ könne, bis ich mich, ich schwör ’s, ziemlich unbehaglich fühlte. Ich nahm das Risiko auf mich, sie darauf hinzuweisen, dass die Gesellschaft Gewinne machen wollte.“
Rosa Amelia Plumelle-Uribe hielt am 15. Juni 2006 in Berlin einen französischen Vortrag, auf den die Bundeszentrale für politische Bildung als Mitveranstalter mit der auf Deutsch unrichtig wiedergegebenen Überschrift „Vom Kolonialismus zur Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus“ hinwies. Plumelle-Uribe sprach nämlich über „De la barbarie coloniale à la politique nazie d’extermination“, also über die koloniale Barbarei als Vorläuferin der NS-Ostpolitik. Denn für die in Frankreich lebende afro-kolumbianische Publizistin ist der Kolonialismus nichts anderes als die sich in seinen Opfern niederschlagende und so erfahrene „férocité blanche“ oder „Weiße Barbarei“, so ihr deutscher Buchtitel von 2004. Damit argumentiert sie auf der Ebene, für die Aimé Césaire mit seiner Rede „Über den Kolonialismus“ steht (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cber_den_Kolonialismus ). Der französische Erziehungsminister in den 1990er Jahren, François Bayrou, ein Bewunderer Césaires, ließ 1994 diese Rede zum ersten Mal ins Programm für das literarische Baccalauréat aufnehmen, gab aber dann den in der Nationalversammlung laut gewordenen Protesten nach, die Césaires Text deshalb unerträglich finden, weil er Nationalsozialismus und Kolonialismus in Parallele setze, und entfernte ihn wieder aus dem Prüfungsprogramm mit der Erklärung, dass ihm dieser Vergleich auch sehr übertrieben vorkomme.
Es gibt also massivste Vorbehalte, im Nationalsozialismus etwas zu erkennen, was mit Kolonialismus und seinen Praktiken zu tun haben könnte. Da mögen die NS-Führer sich noch so auffällig an Ideologie, Literatur und Praxis des europäischen Kolonialismus angelehnt haben, wie in vielen Dokumenten überliefert ist, und Hanns Johst schon zeitig als Propagandisten des eroberten Polen als eines „Koloniallandes“ in die Öffentlichkeit geschickt haben: Die ehemaligen europäischen Kolonialherren glauben offenbar, dass sie zu viel zu verlieren hätten, würden sie die NS-Führer mit Absichten identifizieren müssen, die sie selbst in Übersee verfolgt haben. Sie ziehen das eingespielte Denkmodell zum Selbstbetrug vor: Die NS-Führer dürfen gar keine kolonialen Absichten verfolgt haben, also haben sie es auch nicht gekonnt; sondern sie haben in ihrem verrannten Antisemitismus nur einen sinnlosen Genozid an den europäischen Juden fertig gebracht.
Sollten
Hitler und Himmler mit ihrer Symbolpolitik und ihrer Anlehnung an
mittelalterliche Herrscher gar nicht so verkehrt gelegen haben?
Zu einer positiven Beantwortung dieser Frage muss man/ich kommen, sieht man sich/sehe ich mir die Arbeit des englischen Mediävisten Robert Bartlett an, wobei es ihm fern liegt, irgendeine Aussage über den Nationalsozialismus machen zu wollen, aber doch über den modernen europäischen Kolonialismus. Er veröffentlichte 1993 seine ausführlich dokumentierte Studie „The Making of Europe. Conquest, Colonization and Cultural Change, 950-1350“, die 1996 bei Kindler unter dem Titel „Die Geburt Europas aus dem Geist der Gewalt: Eroberung, Kolonisierung und kultureller Wandel von 950 bis 1350“ (vgl. Rezension von Dietrich Schwarzkopf in „Die Zeit“:
http://www.zeit.de/1996/28/Von_Spanien_bis_zum_Baltikum?page=all ). Ausgangspunkt für Bartlett ist die Feststellung, dass durch Eroberung im Mittelalter Staaten geschaffen – Kastilien, Portugal, Böhmen, Jerusalem, Zypern, Sizilien und Thessalonike – und entfernte Landstriche an der Peripherie des Kontinents durch Einwanderer besiedelt wurden: „also der englische Kolonialismus in der keltischen Welt, die Ausdehnung des deutschen Siedlungsgebiets nach Osteuropa, die Rückeroberung Spaniens und die Unternehmungen der Kreuzfahrer und Kolonisten im östlichen Mittelmeerraum“ (S. 13). Bei all ihrem Umfang führte jedoch die deutsche Ostexpansion nicht zu kolonialen Königreichen, denn sie erfolgte unter dem Dach des „Heiligen Römischen Reiches“, so dass die neuen politischen Einheiten keine eigenen gekrönten Herrscher hatten (S. 57 f.), was sich erst 1701 änderte, als sich der preußische Kurfürst eigenhändig zu Friedrich I., „König in Preußen“, krönte und worin Hitler später in „Mein Kampf“ eines der drei Glanzlichter deutscher Politik in der Geschichte ausmachte.
Indessen versuchten die Bischöfe der Kirchenprovinz Magdeburg und andere ostsächsische Fürsten im 12. Jahrhundert das Organisationsprinzip der erfolgreichen Kreuzzüge in den Orient auf den „wenig verheißungsvollen Boden Osteuropas“ (Bartlett, S. 316) zu übertragen und verfassten 1108 einen entsprechenden Aufruf an Sachsen, Lothringer und Flamen:
„Rottet euch zusammen und kommt her, alle, die ihr Christen und die Kirche liebt; und wie die Franzosen bereitet euch zur Befreiung Jerusalems. Unser Jerusalem, anfangs frei, ist zur Magd geworden. … Er, der die Franzosen, die vom fernen Westen aufgebrochen sind, im entlegensten Osten mit seinem starken Arm über seine Feinde triumphieren ließ, er gebe euch den Willen und die Macht, diese Nachbarn und so unmenschlichen Heiden zu unterwerfen“ (S. 317).
Kommentar von Bartlett:
„Dieser Appell weckt ohne Umschweife Erinnerungen an den Ersten Kreuzzug und versucht, sie in den Dienst einer ganz neuen Sache zu stellen: Krieg gegen die heidnischen Slawen östlich der Elbe. Die Provinz Magdeburg wird zu ‚unserem Jerusalem‘ hochstilisiert; (…) Ein ganzer Komplex aus Rhetorik, Bildersprache und historischer Erinnerung wird bemüht, um ihn neuen Zwecken dienstbar zu machen.“
1147 kommt es dann zum „Wendenkreuzzug“:
„Jahrhunderte lang schon hatten die Sachsen die benachbarten Slawen überfallen, ausgeplündert und in die Sklaverei verschleppt. Manchmal standen sie zwar am Ende schlechter da als vorher, doch vom Anfang des 12. Jahrhunderts an schnitten sie immer besser ab. Beim so genannten Wendenkreuzzug des Jahres 1147 nun drang ein großes Sachsenheer in die slawischen Länder östlich der Elbe ein und begann, wie üblich, zu töten, zu brandschatzen und Sklaven zu erbeuten. Schließlich aber fragten sie sich, was sie da eigentlich taten. ‚Ist es nicht unser Land, das wir verheeren, und unser Volk, das wir bekämpfen?‘ Sie hatten Recht. Solch gutes Land konnte ihnen mehr einbringen, wenn es dauerhaft erobert wurde, als wenn es weiterhin Schauplatz blieb für gelegentliche blutdürstige Gemetzel und lukrative Beutezüge“ (S. 366).
Eroberer und Einwanderer schufen sich sodann eine „Kolonialliteratur“. Diese „ruhmredige Eroberungsliteratur“ zielte „auf eine imaginative Bestätigung der Erobererstaaten und Kolonialgesellschaften ab; sie stellte den Eroberern und Kolonisatoren sozusagen Gründungsurkunden aus“ (S. 120-127).[193]
Bei Auswertung seiner europaweit zusammengetragenen Quellen bringt Bartlett Belege für einen biologisch-genetisch verankerten Rassismus sowohl in England in den Heiratsbedingungen zwischen Engländern und Iren wie auch in Zunftordnungen ostdeutscher Städte den Slawen gegenüber, wo deutsche Bewerber nachweisen mussten, dass ihre beiden Großeltern deutschstämmig waren, vor allem aber in Spanien, wo die „limpieza de sangre“, die „Reinheit des Blutes“ gegenüber Arabern und Juden zu einer Bedingung des Überlebens wurde. Im Schlusskapitel kommt er unter der Überschrift „Der mittelalterliche und der moderne Kolonialismus“ zu folgendem Ergebnis:
„Eroberung, Kolonisierung, Christianisierung – dazu gehörten: die Techniken der Ansiedlung in einem neuen Land; die Fähigkeit, mit Hilfe rechtlicher Formen und beharrlich gepflegter Einstellungen eine kulturelle Identität aufrechtzuerhalten; die Institutionen und die Weltanschauung, die erforderlich sind, wenn man dem Fremden und dem Abschreckenden begegnen und standhalten, wenn man es zurückdrängen und mit ihm leben will; Gesetz und Religion, aber auch Geschütze und Schiffe. Die europäischen Christen, die im 15. und 16. Jahrhundert an die Küsten Nord- und Südamerikas, Asiens und Afrikas segelten, kamen aus einer Gesellschaft die bereits einschlägige Kolonialerfahrungen hatte. Jenes Europa, das einen der größten Eroberungs-, Kolonisierungs- und kulturellen Transformationsprozesse der Welt initiierte, war seinerseits schon das Produkt eines solchen Prozesses“ (S. 375 f.).
Bei den Kreuzzügen Anleihen zu machen, wie es Bartlett für die Sachsen des 12. Jahrhunderts zeigt, und zusätzlich auf stereotypische Erfahrungen im Jahrhunderte langen Umgang mit den grenznahen oder benachbarten Slawen zurückzugreifen war Anfang des 20. Jahrhunderts für die auf Ostpolitik versessene deutsche Bevölkerungsgruppe eine Notwendigkeit. Denn sie sah sich immer als eine Minderheit, sonst hätte „Das Land Ober Ost“ nicht so schnell in der deutschen Öffentlichkeit in Vergessenheit geraten sein können und die um Interesse für den Osten Werbenden sich auf wiederholt betontem vergeblichen Posten stehen sehen. Franz Lüdtke (1882-1945), geboren in Bromberg, das seit Gründung des polnischen Nationalstaates zu Polen gehörte, promovierter Lehrer (Studienrat), Politiker, Geschichtsschreiber, Schriftsteller und Mitherausgeber der Schriftenreihe „Deutsche Männer“, erster Führer des von ihm 1933 neu gegründeten „Bundes Deutscher Osten“ (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Bund_Deutscher_Osten ) wurde schließlich Hauptabteilungsleiter des außenpolitischen Amtes der NSDAP und arbeitete eng mit Albert Brackmann zusammen (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_L%C3%BCdtke ). In seiner für Himmler so wichtigen Heinrichsmonographie von 1936 zitiert Franz Lüdtke aus dem 200 Jahre nach Heinrich I. erfolgten und ebenfalls von Bartlett herangezogenen kirchlichen Kreuzzugsaufruf, mit dem er die Härte von Heinrichs Slawenkriegen verständlich machen will, in denen Volk „wider Volk, Glaube wider Glaube, Haß wider Haß, Rache wider Rache“ gestanden hätten. Die Bischöfe hatten ein Lüdtke überzeugendes Szenarium entworfen, um „die Härte der deutschen Kriegführung verständlich“ zu machen, und zwar offenbar für alle Zeiten: „Oft brechen die Slawen in unsere Grenzen, rauben ohne Schonung, morden, zerstören, quälen. Gefangene werden enthauptet und ihre Köpfe den Götzen geopfert, anderen reißt man die Eingeweide aus dem Leib, schneidet ihnen die Hände und Füße ab, verhöhnt unseren Christus (... )“ (Lüdtke [1936], S. 127).
1940 schreibt der von Himmler ebenfalls als SS-Barde umworbene Edwin Erich Dwinger ein Buch über die Ereignisse, die nach dem Einfall der Deutschen Wehrmacht in Polen zu Beginn des Zweiten Weltkrieges in Bromberg von polnischer Seite in antideutschem Impuls stattfanden, und zwar „Die volksdeutsche Passion: Der Tod in Polen“. Im Vorspann wird versichert, dass das Buch die nackte Wahrheit enthalte, „jeder Name ist der seines wirklichen Trägers, jede Schilderung beruht auf einer eidlichen Aussage“ (S. 6). Auf Seite 30 f. schreibt er:
„Jedenfalls ist es die
typische Reaktion minderwertiger Charaktere, die damit selbst die polnische
Nation aus der Reihe der Kulturvölker löscht: Vor einem diesen Soldaten
gleichwertig bewaffneten Gegner läuft ihre Armee haltlos davon, auf eine
waffenlose Zivilbevölkerung aber wirft sie sich mit unstillbarem Blutdurst, ihr
gegenüber tobt sich ihre legendäre Tapferkeit aus, während man sie an der Front
beschämend selten gewahrt ...Damit steigt das allgemeine Morden zu einem
Höhepunkt auf, wie es die Geschichte seit Dschingis-Khans Zeiten nicht mehr
kennt.“
Das
Buch besteht aus einer auf 173 Seiten ausgebreiteten Chronologie von angeblich
an Deutschen begangenen Gräueln. Sie werden geschildert, um im Nachhinein eine
Rechtfertigung für das zu geben, was angeblich als Reaktion auf einen
polnischen Angriff erfolgte. Damit erfüllt Dwinger ein offenbar unentbehrliches
und vom Kreuzzugsgedanken vorgegebenes Muster: Es werden die
‚heidnisch-barbarischen‘ Taten des Gegners so aufgebauscht, dass die eigenen
Aggressionen barbarischer Art ihre ‚heilige‘ Legitimation erhalten und die für
Kreuzzüge übliche Begleitmusik entsteht.
Lüdtke, nach dem bis 1945 in Bromberg eine dortige Straße benannt worden war und der seit der „Weimarer Republik“ gezielt auf die Wiederauflösung des polnischen Nationalstaates hingearbeitet hatte, stieß in dieses Horn, als er in einer „Geschichtsfibel für Wehrmacht und Volk“ 1941 unter der Überschrift „Ein Jahrtausend Krieg zwischen Deutschland und Polen“ seine Ausführungen so einleitet:
„Mit
der Zerschmetterung des Bolschewismus ist unser Ostland endgültig befreit
worden. Der Sieg über den Bolschewismus aber ist zugleich ein Sieg über den
Polen. Dies zu begründen ist nicht nötig. Wer den Osten kennt, weiß, daß es so
ist. Er weiß auch, daß die Lösung der Judenfrage notwendig ist, in Europa und
ganz besonders in Osteuropa. Alle diese Dinge stehen in einem inneren
Zusammenhang. Erst mit der Beendigung des 1000jährigen Kampfes gegen Polen
wurde der Weg offen für die Lösung der gesamten Ostfrage“ (S. 8).
Tausend Jahre Krieg! – Was für eine aufgeblähte, marktschreierische Übertreibung und was für eine Verleugnung der über lange Zeit auch gut nachbarschaftlichen Verhältnisse! Denn wie sonst hätten die Menschen zusammen leben können?
Aber bei Lüdtke zeigt sich die kolonialistische NS-Fratze so ungeschminkt wie bei Dwinger. So ungeschminkt gab sie sich im 1685 unter Ludwig XIV veröffentlichten Kolonialgesetz des „Code noir“ in ihrer Ausrichtung gegen Juden (Ausweisung) und Schwarze (Unterjochung) zu erkennen (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Code_noir ), zu dem Louis Sala-Molins ein wichtiges Buch in Frankreich veröffentlicht hat: „Le Code Noir ou le calvaire de Canaan“, Paris: Presses universitaires de France, 2002. Zu ergänzen bleibt allerdings, dass auf Erlass des Königs die Juden 1688 wieder von der Vertreibung ausgenommen wurden, weil, woran Plumelle-Uribe erinnert, sie als Sklavenhalter mit ihrem Wissen um den Zuckerrohranbau und die Produktion von Rum unentbehrlich waren. Für Sala-Molins handelt es sich um den ‚monströsesten juristischen Text der Moderne‘, der bis 1848 galt.
Es wird sich auf Dauer nicht umgehen lassen, die kolonialistische Selbstporträtierung der NS-Größen vor allem in Gestalt von Hitler und Himmler und der ihnen willfährig zuarbeitenden Militärs und Wissenschaftler ernst zu nehmen. Sie konnten das in der Überzeugung tun, dass moderner Kolonialismus seine Legitimität im Verhalten aller europäischen Nationen erhalten hatte und von einer bewährten, bis ins lateinische europäische Mittelalter zurückreichenden Tradition genährt wurde. Aber erst seit dem 1871 bestehenden deutschen Nationalstaat war das Tor zum deutsch-nationalen Imperialismus geöffnet. Er zeigte sich in seiner grenzkolonialistischen Form, mit der symbolpolitisch ans Mittelalter und der in ihm angeblich gegebenen „Weltgeltung“ und „Weltstellung“ der Deutschen angeschlossen werden sollte, zum ersten Mal im Ersten Weltkrieg, als zum Ausgriff in den Osten ausgeholt wurde, der dann 1918 nach dem Verlust von „Ober Ost“ (einschließlich der Überseekolonien) 1939, inzwischen wissenschaftlich seit der „Weimarer Republik“ durch „Ostforschung“ untermauert, wieder aufgenommen und in etwa bis 1942 durchgehalten wurde, bis er dann in den vielfach beschriebenen totalen Vernichtungskrieg mündete und in ihm unterging. In diesem Zusammenhang sei noch einmal daran erinnert, dass bereits Wilhelm II. sich ein Beispiel an der Weltpolitik des sächsischen Kaisers Otto der Große (912-973) genommen hatte „und glaubte, dass die mittelalterliche Universalität des Reichs den deutschen Imperialismus des beginnenden 20. Jahrhunderts rechtfertigte“ (Hagen Schulze). An dieser ottonischen Gebetsmühle drehte auch Rupert von Schumacher weiter, der als Grenzforscher, Buchautor und dem Geographen und Geopolitiker Karl Haushofer nahestehend in zweiter Auflage in seinem Buch „Volk vor den Grenzen“ 1937 schreibt:
„Das Bemühen um Raumerwerb durch Machtpolitik regt sich im deutschen Volk sehr früh. Alle kolonialen Leistungen des Deutschtums der späteren Epochen und auf andern Tätigkeitsfeldern hat die Ostkolonisation übertroffen. Unter Heinrich I. und Otto dem Großen, zuletzt noch in teilstaatlicher Verengung unter Heinrich dem Löwen ist sie das Vorbild kolonialen Wollens und Handelns. Der König, der Kaiser, der Herzog scharen um sich alle Kräfte des Volkstums – den Bauer, den Ritter, den Städter, die weltliche und die kirchliche Macht – um neue Räume der Macht des Reiches anzugliedern; sie binden das Gesamtvolk im einzigen Interesse und in der einzigen Aufgabe eines ganz klar umrissenen Kolonisationszieles, und sie sorgen – wenigstens innerhalb des Rahmens der damaligen Ideenwelt – für die notwendige raumstrategische Sicherung des Erworbenen und des zu Erwerbenden. Auf diesem Fundament sind dann auch die großen deutschen Staaten des östlichen Siedellandes entstanden, von denen das Ringen um die Einigung des Reiches und des Volkes getragen wird.“[194]
Frank Helzel wurde 1941 in
Nordböhmen geboren. Von 1967 bis 2004 Lehrer im hessischen Schuldienst für
Deutsch, Französisch und Spanisch, seit 1979 an der „König-Heinrich-Schule“ im
nordhessischen Fritzlar.
Über die Lektüre von Heinz Höhnes Buch „Der Orden unter dem Totenkopf. Die Geschichte
der SS“ wurde er 1995 auf den Namenspatron seiner Schule aufmerksam. Höhne schreibt nämlich von einem König
Heinrich, für dessen Reinkarnation sich Himmler deshalb gehalten habe, weil er
als Polenfeind in ihm in „schwärmerischer Verzückung“ den Slawen- und
Ungarnbekämpfer sah. Es stellte sich heraus, dass der von Höhne erwähnte
Sachsenkönig und der Namenspatron der Schule ein und dieselbe Figur sein
sollten.
Als
in der Fritzlarer Öffentlichkeit 1995 über die Errichtung eines Denkmals für
Heinrich I. auf dem Domplatz diskutiert wurde, um der (angeblichen) Königserhebung
Heinrichs I. (angeblich) in Fritzlar (angeblich) im Jahre 919 zu gedenken,
schaltete sich Helzel mit zwei Leserbriefen in der Lokalzeitung zu dem bereits
beschlossenen und vom Magistrat gutgeheißenen Denkmalsprojekt ein. Das durchweg
aggressive Echo in Stadt und Schule machte Helzel stutzig. Eigentlich wusste er
überhaupt nichts von der sächsischen Königsgestalt und musste sich zusätzlich
als Laie in Bezug auf Geschichte fühlen. So arbeitete er sich in die fremde
Thematik ein und suchte Absicherung durchs Korrespondieren mit Wissenschaftlern
und Publizisten. (Der Denkmalsplan für Heinrich I. wurde dann zeitig genug
fallen gelassen, so dass zum 1275. Stadtgeburtstag 1999 noch Bonifatius als
angeblicher Stadtgründer mit einem Denkmal auf dem Domplatz bedacht wurde.)
Aus der Vorbereitung einer Podiumsveranstaltung in Fritzlar im Herbst 1999 ergab sich ein Kontakt mit einem Marburger Germanisten, Prof. Dr. Joachim Heinzle, der dort den Lehrstuhl für mittelalterliche Philologie innehat und sich vor allem mit der Aufarbeitung der Nibelungenrezeption einen Namen gemacht hat. Als Heinzle sich von Helzel ins Bild setzen ließ, worum es beim Podiumsgespräch gehen sollte und womit er sich beschäftigt habe, lud er ihn an die Philipps-Universität, wo Helzel zwei Semester studiert hatte, zum Promovieren im Fachgebiet Neuere deutsche Literatur ein. Denn aus Helzels Untersuchungen hatte sich ergeben, dass es in der Nibelungen- und Heinrichsrezeption bemerkenswerte Parallelen und Überschneidungen gibt, die sich schließlich im lyrischen Werk Paul Celans ab 1944 äußern. (Vgl. Frank Helzel, Nibelungische Echos. Ost-westliche Bilder in Gedichten Paul Celans von 1944 bis 1968. In: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur, 128. Bd., Hft. 3, Stuttgart 1999, S. 309-336.) Grundlage der Dissertation wurde das im PC Zusammengetragene. Sie trägt den Titel „Die nationalideologische Rezeption König Heinrichs I. im 19. und 20. Jahrhundert“. Das Zweitgutachten übernahm der Frankfurter Historiker und einer der letzten Vorsitzenden des Verbandes deutscher Historiker Prof. Dr. Johannes Fried, der Helzels Untersuchungen von Anfang an über Korrespondenz aufmunternd begleitet hatte, und am 8. 2. 2000 wurde Helzel in Marburg promoviert.
Am 19. Oktober 2000 veröffentlichte K.-H. Janßen vor dem Hintergrund des unerwähnt bleibenden 100. Geburtstages von Himmler einen „Zeitläufte“-Artikel über Helzels Beschäftigung: „Himmlers Heinrich. Wie ein König des frühen Mittelalters zum Patron der deutschen Vernichtungspolitik im Osten wurde“ (vgl. http://www.zeit.de/2000/43/Himmlers_Heinrich), der 2006 in Band 6 der „Welt- und Kulturgeschichte“ des Zeitverlages aufgenommen wurde. Zuvor erschien, veranlasst vom Leiter des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Nordrheinwestfalen in Essen Prof. Dr. Jörn Rüsen, unter dem Titel Ein König, ein Reichsführer und der Wilde Osten. Heinrich I. (919-936) in der nationalen Selbstwahrnehmung der Deutschen im Januar 2004 bei transcript/Bielefeld eine überarbeitete Dissertationsfassung (http://www.transcript-verlag.de/ts178/ts178.htm). 2005 wurde in „Geschichte und Propaganda. Die Ottonen im Schatten des Nationalsozialismus“ (hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen-Anhalt u. Christian Mühldorfer-Vogt, Halle 2005, S. 53-84; http://www.boell-sachsen-anhalt.de/themen/zeitgeschichte/2007/geschichte-und-propaganda/ ) der Vortragstext „Der ‚Deutsche Drang nach Osten‘, Himmlers ‚Programm Heinrich‘ und die im Osten ins Auge gefassten Eroberungen“ publiziert. In den „Newsletter“ Nr. 29, Herbst 2006, des Frankfurter Fritz Bauer Instituts wurde der Aufsatz „Die Beschwörung des mittelalterlichen Reichs im ‚Dritten Reich‘. Zur nationalsozialistischen Symbolpolitik“ aufgenommen (www.fritz-bauer-institut.de/texte/essay/10-06_helzel.pdf).
Zwischen 2007 und 2011 arbeitete Helzel bei der Internet-Enzyklopädie „Wikipedia“ mit (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Frank_Helzel ).
National orientierte Historiker, wenn nicht auch andere sich berufen fühlende Vordenker sind in ihrem Drang zur gesellschaftlichen „Sinn- und Identitätsstiftung“ für sich selbst, aber vor allem für die immer bedürftig geglaubten anderen unermüdlich und werden in ihrem Wunsch, anderen Okulierreiser aufzupfropfen, im kollektiven Erinnerungsgut unvermeidlich fündig. Aber diese Reiser sind nichts anderes als eine kulturanthropologische Mitgift an Gitterstäben, die in das nur schwer umgehbare – und deshalb immer wieder neu kritisch in Augenschein zu nehmende – kulturelle Gehäuse jeweiliger Hörigkeiten eingezogen werden, auf dass sie für verpflichtend gehalten werden. So prägen sie dann die Sichtweisen derer, die gar nicht mehr bemerken, wenn sie sich historisch in die Brust werfen, was da aus ihnen schaut und spricht. Gegebenenfalls bekommt es einen Namen: „der abendländische Geist“, „der deutsche Geist“, „der europäische Geist“.
Im Folgenden eine Sammlung von Aussagen, die der Verfasser mehr oder weniger wörtlich im Laufe seiner Beschäftigung von Kollegen, Historikern mit Rang und Namen, Lokalpolitikern und anderen zu hören bekam, wenn sie meinten, sich gegen seine „Beschmutzung“ von Schule, Kleinstadt, Geschichtswissenschaft oder Heinrich I. und Kaiser Otto I. zur Wehr setzen zu müssen, um nur ja nicht über die thematisierte Sache und den beständigen Bedarf an Alibis (H. Arendt)[195] oder Vorbildern als „Tigernasen“ (Janosch) und Gitterstäben selbst nachzudenken, vor allem aber nicht über eigene Verantwortung. Vielmehr scheinen so kodierte Menschen immer vorgeben zu müssen, dass es um nichts anderes gehe, als der ‚historischen Wahrheit‘ Geltung zu verschaffen. Das tun sie, indem sie unverbrüchlich glauben, die Erinnerung an Heinrich I. oder Otto I. in ‚historischer Wahrheit‘ sei zur Bewältigung der Gegenwart notwendig. Das musste der Autor auf einmal erfahren, nachdem er durch Zufall auf solche Hörigkeiten aufmerksam geworden war und ihm der ihm über Jahrzehnte unbekannt gebliebene Namenspatron seiner Schule nicht mehr nur als ein unwesentliches Anhängsel seines Arbeitsplatzes erschien:
„Aber, sehen Sie mal, lieber Herr Helzel, da können doch Heinrich und Otto nichts dafür! Hätte ich wegen des ‚Dritten Reichs‘ etwas gegen die Ottonen, dürfte ich Wagners Musik unter diesem Vorzeichen auch nicht mehr hören. Und außerdem: Wenn ich Ihnen auflistete, was Lichtenberg alles über Frauen von sich gegeben hat ... Was ließe sich alles über Friedrich den Großen, über Bismarck, über Konrad Adenauer sagen! Ich nehme mir heraus, ganz pauschal zu behaupten, dass wir schier alle historischen Personen in die Rumpelkammer stellen oder auf den Müll schmeißen können, wenn wir sie nach heutigen Ansprüchen akribisch beäugen und sezieren – als Beispiele nenne ich Karl den Großen, Luther und Goethe, der für die Todesstrafe war; die Reihe ließe sich sicherlich fortsetzen. Und erst in der Geschichte unserer Nachbarländer: Da dürfen wir kein Fass aufmachen! Der mittelalterliche Heinrich sollte endlich von Himmler befreit werden. Die Auseinandersetzung mit dem ersten Liudolfinger ist ein klassisches Thema der Mittelalterforschung; weder bedarf es des rezeptionsgeschichtlichen Zugriffs, noch wird es durch diesen gar legitimiert. Wie kommen Sie dazu, neben uns anerkannte Erforscher der Ottonenzeit wie Martin Lintzel, Carl Erdmann, Helmut Beumann, Hans Karl Schulze und andere in Kontexte einzureihen, die von Himmler über SS-Historiker bis zu bekannten Rechten bundesrepublikanischer Couleur reichen? Ihre Textrezeption ist in unseren wie in anderen Fällen abstrus. Darüber hinaus missachten Sie elementare Regeln wissenschaftlicher Auseinandersetzung. Also: Was zwischen 1933 und 1945 passiert ist, ist für die Geschichte des 10. Jahrhunderts vollkommen irrelevant und für heute sowieso. Denn Heinrich I. und Otto I. können sich nicht wehren gegen ihren Missbrauch durch Himmler und Hitler, genauso wenig wie sich Platon gegen den Missbrauch seiner Eugenik-Gedanken durch Hitler oder Marx sich gegen den Missbrauch durch Stalin wehren kann. Hegel hat sich nicht gegen die Dummdreistigkeiten des Herrn Popper wehren können, der seine Texte in einer unvollständigen, teilweise falschen Übersetzung gelesen hat, genauso wenig wie sich Macchiavelli gegen jene wehren konnte, die seine Handlungsanleitung im Ausnahmezustand verwechselt haben mit einer allgemeinen Politik-Anleitung. Die Liste könnte ich leicht verlängern ... An Goldfischen darf ich mich auch schon nicht mehr freuen, seit bekannt ist, dass Honecker Mielke 15 Stück davon geschenkt hat; Havannas rauche ich sowieso nicht mehr; auf Hitlers Autobahnen zu fahren verbietet sich von allein. – Hören Sie mal: Was haben Sie überhaupt für ein Problem? Himmler soll seine Kriegsfahrten in den Osten mit dem Sonderzug ‚Heinrich‘ und Heinrich I. zum Patron des Völkermords an den Slawen und den Juden gemacht und das alles ‚Programm Heinrich‘ genannt haben? Aber, lieber Herr Helzel, wen haben die Nazis nicht missbraucht? Lieber Herr Helzel, Sie sollten mal über sich selbst ein bisschen nachdenken, ehe Sie sich über den Namenspatron des Fritzlarer Gymnasiums oder den Heinrich der Mediävisten weiter auslassen. Und jetzt haben Sie auch noch Otto den Großen am Wickel ... Aber eine Rose ist eine Rose ist eine Rose, und Heinrich ist Heinrich ist Heinrich, und Otto ist Otto ist Otto: Will das nicht in Ihren Kopf hinein?!“
Februar 2008:
Inzwischen sind die Auseinandersetzungen lange vorbei, was damit zusammenhängen mag, dass man bei der Online-Arbeit nicht mitbekommt, wenn man in ein Gelände gerät, das andere als ihr Gehege ansehen und sich in ihrer Besitzstandswahrung angegangen fühlen. Es ist meinen bisherigen Erfahrungen nach ein ziemlich echoloser, geduldiger Raum.
Ausgangspunkt meiner Recherchen waren die weiter oben aufgeführten Teile, an denen mein Blick zufällig hängen blieb und deren an den Rändern endende Linien zunächst nur ahnen ließen, dass es andere Teile geben könnte, auf denen eine Fortsetzung erkennbar würde. Manches schien sich wie ein Puzzleteil oder ein Dominostein anlegen zu lassen, anderes musste liegen bleiben, weil sich nur indirekt und mutmaßlich auf einen Zusammenhang schließen ließ; anderes liegt immer noch da und mag andere, inzwischen vergessene Teile zugedeckt haben.
Bevor ich im Sommer 2006 mit dieser Online-Präsentation begann, waren schon größere Flächen zu einem – vorläufigen – Ganzen gefügt worden. Unter symbolpolitischem Aspekt ergab sich dann ein neuer Ansatz für die Suche nach möglicherweise zusammengehörigen Teilen, aus denen das hier Vorgelegte wuchs. Da es bei meinem Schreiben nicht wie bei einem wirklichen Puzzle einen geradlinigen und rechtwinkligen Rahmen gibt, kommt mir der Vergleich mit einem „Domino-Puzzle“ gelegener. Das entspricht auch eher der Art meines Arbeitens, das ohne genaue Zielvorgaben erfolgt. Vielmehr ist es so, dass es beim „Domino-Puzzle“ zuweilen mehrere Stellen gibt, an denen ein Teil oder Stein passt, je nach dem Potential des auf ihm Sichtbaren. Schließlich ist eine Wahl zu treffen. Wie das Teil passt und mit welchen Folgen es für die nächsten Teile angelegt wurde, entzieht sich der genauen Planbarkeit. Ein wesentlicher Unterschied zu den Spiel- und Wahlmöglichkeiten wirklichen Handelns in der Gesellschaft besteht darin: „Was liegt, liegt“ gilt beim Schreiben nicht, so dass im Nachhinein sich noch ein besseres Arrangement einrichten lässt, das mehr Sinn macht, wenn damit geschichtlich relevant gewordene Verhaltensweisen von Menschen nachgezeichnet werden sollen. So folge ich Arno J. Mayer, der in einem Interview 2002 erklärte: „Vor den großen Geschichtsproblemen sind wir alle Revisionisten, was die Noblesse unserer Rolle ausmacht, nämlich abhängig zu sein von neuen Tatsachen, neuen Konzepten, neuen Methoden, neuen Sichtweisen auf die Welt – verbunden mit den Zusammenhängen, in denen Historiker schreiben. Dieser Revisionismus gehörte schon früh zu meinen Überzeugungen und hat mich veranlasst, nicht zu schlussfolgern, in dem Bewusstsein, dass das, was ich sagen würde, revidiert und von anderen korrigiert werden würde.“
Symbolpolitik möchte auf dem Pfeil der Zeit die Kontingenz der nicht einsehbaren Zukunft in Notwendigkeit verwandeln und bezieht zu diesem Zweck Nachahmenswertes aus Projekten gelungenen menschlichen Bestrebens. Wenn dieses Nachahmenswerte zum Entwurf für die Bewältigung von Zukunft wird, werden Wahlmöglichkeiten nicht nur eingeschränkt, sondern sollen sogar ausdrücklich ausgeschlossen werden, weil ja etwas bewerkstelligt werden soll, was schon einmal erfolgreich war. So wiederholt sich Geschichte zwar nicht, aber sie reimt sich (Mark Twain), und das Kontingente auf dem Pfeil der Zeit wird nach den Vorgaben des Menschen als eines animal symbolicum (Ernst Cassirer) mit seinen ganz spezifischen Mustern und Kodierungen versehen. Es gilt also nicht, dass das hier Dargelegte nur so und nicht anders sein konnte, sondern es folgte der Entscheidung konkreter Menschen, mittelalterliche Könige zu Symbolgestalten auszuwählen. Diese anachronistischen Gestalten, die seit dem 19. Jahrhundert den nationalen deutschen Träumen den Horizont zur einstmaligen mittelalterlichen „Weltgeltung“ aufreißen sollten, schmückten dann entscheidend genug die Kulissen des Schlussabschnitts des „Zweiten Dreißigjährigen Krieges“. Es hätte - wie in der Gegenwart – auch immer andere Wahlen gegeben haben können.
Die für den Herbst 2007 mit 560 Seiten angekündigte, Ende September 2008 bei Siedler erschienene und auf endgültige 1035 Seiten angewachsene Himmler-Biographie des renommierten NS-Forschers Peter Longerich (Heinrich Himmler. Biographie, Siedler Verlag: München 2008) wird in der Verlagsankündigung als erste umfassende Biographie vorgestellt, die die Person Himmlers „in all ihren Funktionen und Facetten in den Blick“ nehme. Michael Wildt nennt sie in seiner Rezension in „Die Zeit“ vom 1. Oktober 2008 in der Überschrift einen „Meilenstein der Forschung“ und schließt mit dem Satz: „Wenn die Rede von den Meilensteinen der Forschung Sinn macht, dann bei einem Buch wie diesem.“
Es kann hier nicht darum gehen, die große Leistung und die Ergebnisse in Abrede zu stellen, mit denen Longerich den Mann vorstellt, der „seine Zuständigkeiten sukzessive“ ausdehnte, „bis er schließlich am Ende des Krieges zum wohl mächtigsten NS-Politiker nach Hitler geworden war“ (S. 769). Im Sinne der hier behandelten Thematik gilt das Augenmerk ausschließlich der Frage, welche Bedeutung Longerich Himmlers Umgang mit Heinrich I. beimisst.
Im Personenregister werden zu Heinrich I. vier Stellen aufgeführt: 282 f., 286, 439f., 703. Drei weitere Stellen sind zu ergänzen: 304, 845 (Anm. 81), 858 (Anm. 95).
■ S. 282 f.: Longerich spricht vom „deutschen König Heinrich I.: In dessen Verehrung fanden Himmlers Bemühungen, antichristliche Wurzeln im Mittelalter aufzudecken, ihren wohl stärksten Ausdruck“. Er stellt einige Aussagen aus Himmlers Todestagsrede in Quedlinburg am 2. Juli 1936 vor und erwähnt die bis 1944 stattfindenden „König-Heinrich-Feiern“ in der von ihm „Dom“ genannten Stiftskirche. Am wichtigsten erscheint ihm, dass die Rede darauf angelegt gewesen sei, „Parallelen zwischen Heinrich und Hitler aufzuzeigen“.
■ S. 286: Erwähnung der in der Fachwelt umstrittenen Suche nach den Gebeinen Heinrichs I.
■ S. 304: Himmler habe bei seiner Suche nach „kulturellen Mittelpunkten“ vor allem die „Heimat des von Himmler so geschätzten Stammes der Sachsen“ bevorzugt und neben anderen die Grabstätte Heinrichs in Quedlinburg als einen „heiligen Ort“ angesehen.
■ S. 439 f.: Longerich beginnt das Kapitel „Krieg und Siedlung in Polen“ mit der bei der Heinrichsfeier von 1939 bei Himmler aufgekommenen Frage, „‚mit welcher Schnelligkeit große Leistungen in der deutschen Vergangenheit vollbracht worden sind‘, wobei sein Interesse in erster Linie der Frage galt, ob sein Idol König Heinrich bei der Beurteilung der Politik Adolf Hitlers als Vergleichsmaßstab herangezogen werden konnte“. Diese Frage habe Himmler jedoch nicht davon abhalten können, seinen eigenen Vorstellungen zu vertrauen und „den Krieg als die Erfüllung einer historischen Mission zu sehen“.
■ S. 703: Himmler habe sich auch auf Heinrich I. als „Städtegründer“ berufen.
■ S. 845: In Anmerkung 81 wird festgehalten: „In den SS-Leitheften von 1937 wurde aus Anlass der Heinrichsfeiern noch einmal explizit der Vergleich zwischen Heinrich und Hitler gezogen. Siehe H. Löffler, ‚Der Gründer des Ersten deutschen Reiches‘, in: SS-Leitheft 3 (1937), H. 4, S. 52-55: ‚Er hat sein Reich auf denselben Grundpfeilern errichtet, auf denen auch Adolf Hitler nach 1000 Jahren sein Drittes Reich erbaute: auf einem freien schollenverwurzelten Bauerntum und einem wehrtüchtigen Heer‘ (S. 55). Die Behauptung, Himmler habe sich als Reinkarnation des Kaisers gesehen, erscheint angesichts dieser nachhaltig betriebenen historischen Deutung des mittelalterlichen Kaisers abwegig.“
■ Anmerkung 95, S. 858, bezieht sich auf Heinrich I. als zu vermittelnde Heldenfigur im gleichen SS-Leitheft (S. 26-30), und zwar in der von Himmler geschätzten Saga-Form.
Hervorzuheben ist, dass Longerich sich aller ironisierenden oder verächtlichen Kommentare enthält, höchstens Goebbels zitiert, als es um die bei Grabungen angeblich aufgefundenen Gebeine Heinrichs I. geht: „Himmler hat die Gebeine Heinrichs I. herausgebuddelt“ (S. 283).
Abgesehen davon, dass die Erwähnungen Heinrichs bemerkenswert bescheiden ausfallen, hat die vorletzte auch etwas Unentschiedenes, im eigentlichen Sinne Widersprüchliches und weist auf einander Ausschließendes hin: Longerich spricht einerseits von Himmlers „Verehrung“ König Heinrichs, nennt ihn sogar dessen „Idol“, schiebt ihn aber andererseits „angesichts dieser nachhaltig betriebenen historischen Deutung“ weit von Himmler weg und ordnet ihn Adolf Hitler zu, wobei ihm die zweimalige (!) Bezeichnung Heinrichs als „mittelalterlicher Kaiser“ unterläuft. Wenn Longerich darauf zu bestehen scheint, dass nicht nur Himmler in seiner Todestagsrede, sondern auch der für die SS-Leithefte schreibende Hermann Löffler Heinrich I. in Parallele mit Hitler setzte, dann findet das seine einfachste Erklärung darin, dass Himmler als Reichsführer-SS selbst sich schlecht mit einem in der nationalen Geschichtsschreibung glorifizierten Herrscher vergleichen konnte, wo doch Hitler der Reichskanzler und „Führer“ war. Da Hitler allerdings wenig Interesse an Heinrich I. zeigte, dafür eher auf die mittelalterlichen Kaiser, angefangen bei Karl dem Großen, setzte, konnte Himmler sich schließlich mit dem König gebliebenen Heinrich weiter beschäftigen und sein Interesse auf die Sachsenherrscher fixieren, so dass schließlich 1943 die von J. O. Plassmann, der Himmlers Persönlichem Stab angehörte und ausgeprägter Heinrichsverehrer war, in Tübingen eingereichte Habilitationsschrift über die Ottonen dazu dienen sollte, „die Absichten des Reichsführers-SS in einer Weise und Stärke mit verwirklichen [zu] helfen, wie sie eindrucksvoller nicht gedacht werden kann“. Das überliefert Michael Kater in seiner „Ahnenerbe“-Studie, die Longerich für immer noch „grundlegend“ hält (S. 846, Anm. 91). Es ist hier früher schon festgestellt worden, dass Himmler sich selbst nie als eine Reinkarnation Heinrichs ausgab, obwohl ihn die Wiedergeburtsfrage, wie Longerich ebenfalls darlegt (S. 277-279), intensiv beschäftigte. Schließlich war sein Umgang mit dem sächsischen König so auffällig und eindrucksvoll, dass er auf seine Umgebung so wirkte, als strebe er diesem König nach, und dass er dort eben auch, wie Felix Kersten berichtet, als „König Heinrich“ galt.[196]
Hier kann in diesem Zusammenhang nur geschlossen werden, dass Longerich zu Heinrich I. keine weiteren Recherchen angestellt hat und ihm dieser erste Herrscher aus sächsischem Haus fremd geblieben ist, zumal er zu ihm auch keine weiterführende Literatur angibt. Die bedeutenden Historiker der Ranke-Schule, die Heinrich I. zu seiner maßgeblichen nationalgeschichtlichen Rolle verholfen haben, so dass Himmler auf ihn aufmerksam werden konnte, oder die Mediävistik zur Zeit des „Dritten Reiches“, nach Heimpel in ihrer „einmütigen Liebe und Verehrung auf Heinrich I. vereinigt“, kommen nicht vor, damit deutlich würde, woran denn Longerich gedacht haben mag, wenn er von Himmlers verehrtem Idol oder im Zusammenhang mit der Heinrichsfeier von 1939 vom „Krieg als die historische Mission“ Himmlers spricht. Er erwähnt nur kurz, dass Himmler mit „Germanenmythos und Germanenschwärmerei“ kein Neuland betreten habe, sondern dass er von dieser zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Bewegung geratenen Welle erfasst worden sei.
Der mit Himmlers Umgang mit Heinrich vertraute Leser kommt nicht umhin, Longerich eine gezielte, aber unausgesprochene Absicht zu unterstellen, Heinrich I. gewissermaßen aus dem Umfeld Himmlers zu verbannen und nicht zur Kenntnis zu nehmen. So stellt er Hanns Johst als „Barden der SS“ und „quasi-offiziellen Chronisten“ Himmlers vor (S. 540), führt Rolf Düsterbergs Johst-Monographie in der Literatur an, unterlässt es aber, die geplante „Heinrich-Saga“ als Chronistenprodukt zu nennen. In diesem Zusammenhang erwähnt er Johst 1939 und 1940 als zweimaligen Reisebegleiter Himmlers nach Polen. Den bei Richard Breitman – auf S. 973 mit einer längeren Bemerkung versehen – für diese Fahrten ausführlich vorgestellten Sonderzug „Heinrich“ unterschlägt er genauso wie die dort zum ersten Mal aus den Archiven beigebrachte Bezeichnung „Programm Heinrich“ zur Beschreibung des Tätigkeitsbereichs von Odilo Globocnik. So übergeht er auch die auffällig zahlreichen Erwähnungen des Sonderzugs „Heinrich“ im „Dienstkalender Heinrich Himmlers 1941/42“, dessen Herausgabe „sich einer kollektiven Anstrengung von acht deutschen Historikerinnen und Historikern verdankt“ (S. 972).
Die von Himmler 1938 ins Leben gerufene „König-Heinrich-I.-Gedächtnisstiftung“ mit den ihr als Mitglieder angehörenden „König-Heinrich-Städten“ bleibt unerwähnt.
Willi Frischauers Himmlerbiographie mit ihren zahlreichen Hinweisen auf den von Darré bei Himmler initiierten Umgang mit Heinrich I. kommt bei ihm nur als von der Forschung „gründlich überholt“ vor (S. 972), wobei offen bleibt, was er genau meint.
Obwohl er sich einige Male auf die Aufzeichnungen von Himmlers Leibarzt Felix Kersten beruft, sie dann wegen ihrer „bemerkenswerten Übereinstimmungen mit anderweitig überlieferten Darlegungen des Reichsführers-SS“ für überzeugend hält (S. 972), zieht er ihn nicht für dessen wiederholte Schilderungen von den in Himmlers Umfeld zu beobachtenden Hinweisen auf König Heinrich heran.
In der von Katrin Himmler vorgelegten Geschichte der Familie Himmler findet er „wichtiges Material zu den Biographien der Brüder und zu ihrer Beziehung zu Heinrich“ (S. 973), nimmt aber deren Erinnerung an Himmlers Geliebte Hedwig Potthast nicht zur Kenntnis, die kurz nach Kriegsende im Familienkreis nur von ihrem „König Heinrich“ gesprochen habe.
An der Wewelsburg und an der dort vor dem Russlandfeldzug zusammengerufenen SS-Gruppenführertagung kommt Longerich ihrer Bedeutung halber natürlich auch nicht vorbei, so dass er sich etliche Male auf Karl Hüsers Monographie zu deren Beschreibung bezieht. Hüsers Darlegung, dass die SS-Ideologen die Burg als in der Zeit von Heinrichs I. Abwehrkämpfen gegen die Ungarn entstanden sahen, womit sie zu den von Longerich erwähnten „heiligen Orten“ zu zählen wäre, wird indessen übergangen.
Es bleibt unerfindlich, welche Gründe Longerich bei seiner doch sonst durchweg verdienstvollen Arbeit zu dem von ihm verfolgten Vermeidungsverfahren bewogen haben mögen. Die Befürchtung, die Seitenzahl seines Buches über die Maßen zu vermehren, kann es sicher nicht gewesen sein, zumal die hier angeführten Daten leicht einzuarbeiten gewesen wären. Die Mediävistik, die über 60 Jahre nach Kriegsende angefangen hat, sich ihrer Verantwortung bewusst zu werden und zum Beispiel einen Mann wie den der SS, Himmler und der Wehrmacht für den Ostfeldzug zuarbeitenden Albert Brackmann, als höchstrangiger Historiker geltend und als ausgewiesener Ottonenkenner angesehen, endlich in ihr Selbsterforschungsprogramm bezüglich ihrer „Mittelalteranrufungen“ bis 1945 (Valentin Groebner) aufgenommen hat, wird es inzwischen Longerich nicht einmal mehr zu danken wissen, sie dermaßen geschont zu haben.
[1] Janosch betitelt so ein Bild von seinem armselig und
bedauernswert aussehenden kleinen Bären, dem er eine Tigerpappnase vors Gesicht
gebunden hat, damit er furchteinflößender aussehe. – Vgl. dazu Kap. 7.2.
[2] Katrin Himmler, Die Brüder Himmler. Eine deutsche
Familiengeschichte, Frankfurt a.M. 2007, S. 265.
[3] Friedrich Ludwig Jahn, Deutsches Volksthum, Hildesheim-New York
1980 (Nachdruck der Ausgabe von 1813), S. 349, 359.
[4] Heinrich von Sybel, Über die neueren Darstellungen der deutschen
Kaiserzeit, 1859, S. 12, in: Friedrich Schneider (Hg.), Universalstaat oder
Nationalstaat. Macht und Ende des Ersten deutschen Reiches. Die Streitschriften
von Heinrich von Sybel und Julius Ficker zur deutschen Kaiserpolitik des
Mittelalters, Innsbruck 1941, S. 1-18.
[5] Ebd., S. 15.
[6] Ebd., S. 18.
[7] Leopold von Ranke, Weltgeschichte.
Sechster Theil. Zersetzung des karolingischen, Begründung des deutschen
Reiches. Erste Abtheilung, Leipzig 1885, S. 114. – Diese Feststellung Rankes
geht auf Widukinds Schilderung der Königserhebung zurück.
[8] Vgl. zur hier durchschlagenden ‚Niedersachsenideologie‘, die in
der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt wurde, Klaus von See, Barbar, Germane, Arier: die Suche
nach der Identität der Deutschen, Heidelberg 1994, S. 11 ff., 226, 297 f., 310
f., 313.
[9] Hermann Lorenz, Werdegang
von Stift und Stadt Quedlinburg. Quedlinburgische Geschichte zur
Tausendjahrfeier der Stadt Quedlinburg, Quedlinburg 1922, S. 37.
[10] L. Kahnmeyer/H. Schulze, Realienbuch.
Ausgabe A. Vollständige Ausgabe für evangelische Schulen, Bielefeld-Leipzig
1935, S. 40, 42. – Hier schlägt jetzt die im 19. und zu Beginn des 20.
Jahrhunderts u.a. von Hermann Löns über die Verherrlichung des niederdeutschen
Bauern als angeblich natur- und scholleverbundensten ‚germanischen‘ Menschen
entworfene ‚Niedersachsenideologie‘ voll durch.
[11] Hagen Schulze, Staat und Nation in der europäischen Geschichte, München: Beck, 1999, S. 186 f. – Der hier sichtbar werdende Historismus, der im Nationalsozialismus seine Fortsetzung in einem ausgeprägten „Mediävalismus“ finden sollte, schlug sich auch in Kunst und Architektur nieder: „Unter den Bedingungen eines zunehmend eingeengten Pluralismus setzte sich im Kirchenbau eine starke Vorliebe für den gotischen Stil durch, und auch bei Rathäusern dominierte, in Erinnerung an die Wiedergeburt städtischen Lebens am Ende des Mittelalters, das Neugotische. Parlamentsgebäude errichtete man gern in klassizistischem oder wiederum gotischem Stil, Kasernen wurden mittelalterlichen Festungen oder Burgen nachempfunden“ (Arno J. Mayer, Adelsmacht und Bürgertum. Die Krise der europäischen Gesellschaft 1848-1914, München 1984, S. 193).
[12] (Heinrich Himmler),
Rede des Reichsführers-SS im Dom zu Quedlinburg, Nordland-Verlag, Berlin 1936
(Hervorhebungen im Text).
[13] Vgl. Wulff E. Brebeck,
Wewelsburg – Erinnerungskultur und Schatten rechtsextremer Mythen. In:
Christian Mühldorfer-Vogt u. Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen-Anhalt (Hg.),
Geschichte und Propaganda. Die Ottonen im Schatten des Nationalsozialismus, Halle
2005, S. 85-112. – Nicholas Goodrick-Clarke (Die okkulten Wurzeln
des Nationalsozialismus, Wiesbaden 2004, S. 197) hält demgegenüber fest, dass
gerade für Himmler wie auch für Heß, Rosenberg und Darré und deren Neigung zum
Okkulten gilt: „Der Primat gehört der Politik!“
[14] Karl Hüser, Wewelsburg 1933-1945. Kult- und Terrorstätte der SS,
Paderborn 21987, S. 8 f. – Auf welche Distanz man dazu inzwischen gegangen ist, zeigt der
Mitarbeiter an Hüsers Werk Wulff E. Brebeck in seiner neuesten Publikation: Die
Wewelsburg. Geschichte und Bauwerk im Überblick, München-Berlin 2005, S. 8 ff.,
68 f. Dabei beruft sich Brebeck auf das Fehlen heutiger (!) archäologischer
Nachweise (S. 10), wenn er folgert, dass die Burgentstehung nie etwas mit der
Zeitgenossenschaft Heinrichs I. zu tun gehabt haben könne. Trotzdem muss er
feststellen, dass die Wewelsburg „zeitweise“ zu den Burgen-gründungen
Heinrichs I. gezählt wurde (S. 58). – Als würde der heutige
Nachweis, dass die in Santiago de Compostela verehrten Reliquien nichts mit den
Knochen des Apostels Jakobus zu tun haben können, etwas an den Pilgerströmen
ändern müssen, die diesen Ort seit dem 10. Jahrhundert zum Ziel nehmen!
[16] Wulff E. Brebeck, Die Wewelsburg. Geschichte und Bauwerk im
Überblick, München-Berlin 2005, S. 69 u. 93. – Nichtsdestoweniger ist bei der
Beschäftigung mit Himmler nicht zu übersehen, dass er ein sehr enges Verhältnis
mit dem Sachsenkönig pflegte. Das stellt bereits Eugen Kogon fest (vgl. Eugen
Kogon, Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager, München
1974, S. 21 f.). Ohne den Beigeschmack des Anekdotischen geht F.-L. Kroll damit
um, indem er hervorhebt, warum Himmlers Heinrichsverehrung keine schärferen
Konturen in der öffentlichen Wahrnehmung erhielt: „Seine Weltanschauung hat
[...] keinen allgemeingültigen Ausdruck gefunden, der es einem größeren zeitgenössischen
Publikum ermöglicht hätte, sich mit ihr vertraut zu machen. Ihre offizielle
Breitenwirkung war dementsprechend gering, ihre Reichweite begrenzt [...]“
(Frank-Lothar Kroll, Utopie als Ideologie. Geschichtsdenken und politisches Handeln
im Dritten Reich, Paderborn-München-Wien-Zürich 21999, S. 210).
[17] Vgl. Hagen Keller, Die
Ottonen, München 2001, S. 10. – Das ist noch auffälliger bei einem der so
genannten Altmeister heutiger Ottonenforschung: Gerd Althoff, Die Beurteilung der
mittelalterlichen Ostpolitik als Paradigma für zeitgebundene
Geschichtsbewertung. In: Die Deutschen und ihr Mittelalter. Themen und
Funktionen moderner Geschichtsbilder vom Mittelalter, hrsg. von G. Althoff,
Darmstadt 1992, S. 147-167. Althoff erwähnt Heinrich I., der seit F. L. Jahn
durchgängig für die Diskussion mittelalterlicher Ostpolitik instrumentalisiert
wurde, nur in einer unwesentlichen Anmerkung (S. 212, Anm. 11)!
[18] Vgl. dazu Bernd
Schneidmüller/Stefan Weinfurter (Hrsg.), Die deutschen Herrscher des
Mittelalters. Historische Porträts von Heinrich I. bis Maximilian I., München
2003. – Auffällig an dem Buch die Titel- und Untertitelgebung, die nicht zu der
im Text zu Otto II. gemachten Feststellung passt: „Bis zum Ende des Alten
Reichs 1806 definierten sie ihr Kaisertum römisch, nicht fränkisch, nicht
deutsch. Deutsche Kaiser gab es nicht im Mittelalter [...]“ (S. 70). Und zu
Heinrich I.: „Die Idee eines programmatischen Neubeginns in der deutschen
Geschichte wird Heinrich I. nur bedingt gerecht“ ( S. 33). Damit wird weiter
alles Zweideutige transportiert, das der Diskussion um den Beginn spezifisch
deutsch zu nennender Geschichte seit ungefähr 150 Jahren eigen ist. Der letzte
Satz ist in sich schon zweideutig genug, als habe nämlich unabhängig vom „programmatischen
Neubeginn“ „deutsche Geschichte“ sowieso schon existiert. – Dazu
deutlicher, aber aus neuhistorischer Perspektive Hagen Schulze, Kleine deutsche
Geschichte, München 1996, S. 22: „Nur langsam gewöhnten sich die Deutschen
daran, Deutsche genannt zu werden, und nannten sich schließlich selbst so, ohne
freilich besonders darauf zu achten. Mit einer Geschichte des deutschen
Mittelalters, der deutschen Kaiserherrlichkeit haben wir es also nicht zu tun,
auch nicht mit einem Beginn der Geschichte der Deutschen, denn die wußten noch
nichts von ihrem Deutschsein. Es geht vielmehr um deutsche Vorgeschichte, um einen
Prolog, in dem über die Hauptdarsteller noch Unklarheit herrscht, den man aber
doch kennen muß, weil ohne ihn der weitere Ablauf des Schauspiels
unverständlich wäre. Denn in vielfacher Verwandlung sollte das Heilige Römische
Reich bis an die Schwelle der Moderne überdauern und zudem in Bismarcks
Deutschem Reich von 1871, das 1945 unterging, ein sonderbares, gebrochenes Echo
finden.“
[19] Wolfgang Reinhard,
Geschichte der Staatsgewalt. Eine vergleichende Verfassungsgeschichte Europas
von den Anfängen bis zur Gegenwart, München 22000, S. 451. –
„Neo-Nationalisten“ nennt der amerikanische Mediävist Patrick Geary Historiker,
die die kulturelle Ethnizität der politischen um Jahrhunderte vorausgehen
lassen: „Das Volk war ein Volk, bevor es selbst darum wusste, und die
Sprache ist Erkennungsmerkmal und innerste Realität dieser unwandelbaren
Identität zugleich“ (P. J. Geary, Europäische Völker im frühen Mittelalter.
Zur Legende vom Werden der Nationen, Frankfurt a.M. 2002, S. 44). Bei H. Keller
heißt es entsprechend, dass es seit dem 10. Jahrhundert die „Existenz eines
deutschen Königreiches“ gab, wiewohl sich seine Könige immer als römische
Könige verstanden hätten (Keller, wie Anm. 17, S. 12).
[20] Vgl. Frank Helzel, Die
nationalideologische Rezeption König Heinrichs I. im 19. und 20. Jahrhundert,
Diss. Marburg 1999, S. 25, Anm. 7.
[21] Friedrich Schneider, Die
neueren Anschauungen der deutschen Historiker über die deutsche Kaiserpolitik
des Mittelalters und die mit ihr verbundene Ostpolitik, Weimar 41940,
S. 22. – Die von Schneider in sechs Auflagen zwischen 1934 und 1944
dokumentierten Folgen des Sybel-Ficker-Streits, eines „wissenschaftlichen
Bürgerkriegs“ (S. 23), um die Kaiserpolitik des Mittelalters sind mit ihren
Auswirkungen für die imperialistische Geschichtspolitik des „Dritten Reiches“
nur teilweise aufgearbeitet, was eine Ursache darin haben mag, dass hier
Mediävistisches und Zeithistorisches zusammengesehen werden müssen. In Krolls
in Anm. 16 aufgeführter Untersuchung zum Geschichtsdenken im „Dritten Reich“
erfährt er z.B. überhaupt keine Erwähnung. So drohte z.B. der nach dem Krieg
weiterlehrende Historiker und zeitweise Vorsitzende des Verbandes deutscher
Historiker Hermann Aubin (1885-1969) 1942: „Wir wollen das Wort von der Ostsiedlung
als der Großtat unseres Volkes im Mittelalter nicht umsonst so oft wiederholt
haben“ (Hermann Aubin, Das Gesamtbild der mittelalterlichen deutschen
Ostsiedlung, in: Deutsche Ostforschung. Ergebnisse und Aufgaben seit dem ersten
Weltkrieg. Hrsg. v. Hermann Aubin u.a.,
Bd. 1, Leipzig 1942, S. 331-361. Hier S. 361). Noch 1958 erklären Rößler/Franz,
dass der Streit noch nicht ganz ausgetragen sei (Rößler/Franz, Sachwörterbuch
zur deutschen Geschichte, München 1958, S. 480). Aber auch in den Aufsätzen zum
Kapitel „Zur historischen Ostforschung“ (in: Deutsche Historiker im
Nationalsozialismus, hrsg. von Winfried Schulze und Otto Gerhard Oexle,
Frankfurt a.M. 22000, S. 163-301) wird er trotz der
Auseinandersetzung mit den einflussreichen Mediävisten A. Brackmann, dem damals
„höchstrangigen deutschen Historiker“ (W.J. Mommsen), der „grauen
Eminenz der Ostforschung“ (M. Beer), und H. Aubin nicht zum Bezugspunkt.
Aufschlussreicher und mit vielen rezeptionsgeschichtlichen Fakten bis ins
„Dritte Reich“ Johannes Fried, Otto der Große, sein Reich und Europa.
Vergangenheitsbilder eines Jahrtausends, in: Matthias Puhle (Hg.), Otto der Große, Magdeburg und
Europa, Bd. 1: Essays, Mainz 2001, S. 537-562.
[22] Heinrich von Sybel, Über die neueren Darstellungen der deutschen
Kaiserzeit, 1859, in: Friedrich Schneider, wie Anm. 4, S. 1-18. Hier S. 12, 15.
– Einer der populärsten und folgenreichsten Befürworter der „Eindämmung der
Slawenflut“ war Gustav Freytag. Er nannte ebenfalls 1859 die Ostsiedlung „die
größte That des deutschen Volkes in jenem Zeitraum“ (vgl. F. Helzel, Ein
König, ein Reichsführer und der Wilde Osten. Heinrich I. (919-936) in der
nationalen Selbstwahrnehmung der Deutschen, Bielefeld 2004, S. 110). Der
imperialistische Beiklang gehört bei Sybel wie bei Freytag zum Aussagezweck.
[23] Zitiert bei Wolfgang
Wippermann, Der ‚Deutsche Drang nach Osten‘. Ideologie und Wirklichkeit eines
politischen Schlagwortes, Darmstadt 1981, S. 44. – Wippermann verweist in
seiner wichtigen Studie am Rande auf den Sybel-Ficker-Streit (S. 85, Anm. 13 u.
14, S. 91, Anm. 33).
[24] Vgl. Kroll, wie Anm. 16, S. 238 f. – Damit ist auch die Frage
nach einem Selbstverständnis von Historikern gestellt, die fortfahren, die
Königsgestalt Heinrichs I. zur Identitätsstiftung für zeitgenössische Deutsche
anzubieten. So z.B. Gerd Althoff, Die Ottonen. Königsherrschaft ohne Staat,
Stuttgart-Berlin-Köln 2000, S. 67 f.
[25] Hüser, wie Anm. 14, S. 33.
[26] Richard Walther Darré, Neuadel aus Blut und Boden, München 1930, S.
32.
[27] Ebenda, S. 37.
[28] Ebenda, S. 141 (Hervorhebung im Text).
[29] Willi Frischauer, Himmler.
The evil genius of the Third Reich, London 1953, S. 28. – Darré gehörte nach
dem Krieg zu den von Frischauer für sein Buch interviewten Gesprächspartnern.
Frischauer trägt viel über den Zusammenhang Himmlers mit Heinrich I. zusammen
(vgl. S. 29, 68, 127) und überschreibt das ganze Kap. 7: „The other Heinrich“.
– Hüser bezieht sich mehrere Male auf Frischauer, aber nur am Rande und
folgenlos auf dessen Ausführungen zu Himmlers Umgang mit Heinrich I., so dass
er daraus keine weiteren Schlüsse für den ideologischen Stellenwert der
Wewelsburg im SS-Kosmos ziehen kann.
[30] Vgl. Klaus von See, wie Anm. 8, S. 11-13, 310 f.
[31] Vgl. Johannes Fried, Der Löwe als Objekt. Was Literaten, Historiker
und Politiker aus Heinrich dem Löwen machten. In: Historische Zeitschrift, Bd.
262, München 1996, S. 673-693. Hier S. 684.
[32] Hüser, wie Anm. 14, S. 28, 32.
[33] Vgl. Klaus Voigtländer, Die Stiftskirche St. Servatii zu
Quedlinburg, Berlin 1989, S. 38. –Vgl. auch Siegfried Kogelfranz/Willi A. Korte, Quedlinburg - Texas und zurück.
Schwarzhandel mit geraubter Kunst, München 1994, S. 23.
[34] Vgl. Michael H. Kater, Das „Ahnenerbe“ der SS 1935-1945. Ein Beitrag
zur Kulturpolitik des Dritten Reiches, Stuttgart 1974, S. 94.
[35] Vgl. Willi Frischauer, wie Anm. 29, S. 28 f.
[36] Vgl. Felix Kersten, Totenkopf und Treue. Heinrich Himmler ohne
Uniform. Aus den Tagebuchblättern des finnischen Medizinalrates Felix Kersten,
Hamburg 1952, S. 508.
[37] Hüser, wie Anm. 14, S. 8 f. – Hüser führt für diese Feststellung
keine Quellen an, so dass unklar bleibt, wen genau er mit „SS-Ideologen“
meint. Als interviewten Gesprächspartner führt er Karl Wolff an, Chef des
Persönlichen Stabs des Reichsführers-SS, der sich aber mit Aussagen zum Zweck
der Wewelsburg, deren Belange seit 1935 dem Persönlichen Stab unter
Geheimhaltungsvorgabe zugeschlagen worden waren, auffällig bedeckt hielt und
auch nicht zu den SS-Ideologen zu zählen ist (vgl. Hüser, wie Anm. 14, S. 27
ff.). Immerhin muss es sich aber um
einen für Hüser deutlich gewordenen Sachverhalt gehandelt haben. Das Adverb „später“
lässt darauf schließen, dass der Heinrichsaspekt für den Erwerb der Burg
zunächst ohne Bedeutung war und erst im Nachhinein für die Bewertung der Burg
ausschlaggebend wurde.
[38] Jan-Holger Kirsch, „Wir leben im Zeitalter der endgültigen
Auseinandersetzung mit dem Christentum.“ – Nationalsozialistische Projekte für
Kirchenumbauten in Enger, Quedlinburg und Braunschweig. In: Widukind:
Forschungen zu einem Mythos, hrsg. v. Stefan Brakensiek, Bielefeld 1997, S.
33-93. Hier S. 59.
[39] Joe Heydecker/Johannes Leeb, Der Nürnberger Prozeß, Köln 1995, S.
527.
[40] Hermann Lorenz, wie Anm. 9, S. 37.
[41] Himmler, Heinrich, Rede des Reichsführers-SS im Dom zu Quedlinburg,
Nordland-Verlag, Berlin 1936, erster Redeabsatz.
[42] W. Frischauer, wie Anm. 29, S. 87 f.
[43] Germanien. Monatshefte für Germanenkunde zur Erkenntnis deutschen
Wesens. – Offizielles Organ des Ahnenerbes e. V., Heft 7: Sonderheft zum
tausendsten Todestage des Reichsgründers König Heinrich I. Mit einem Geleitwort
des Reichsführers SS Heinrich Himmler, Juli 1936, Berlin-Leipzig 1936, S. 193
f.
[44] Julius Jung, Julius Ficker, 1826-1902. Ein Beitrag zur deutschen
Gelehrtengeschichte, Aalen 1981 (Neudruck der Ausgabe Innsbruck 1907), S. VIII.
– In Preußen hatte die Heinrichsrezeption vor H. v. Sybel seit 1810 im
„Turnvater“ Jahn einen ihrer einflussreichsten Fürsprecher, indem er für
„Heinrich den Großen“ als „Staatsretter“ gegen die Ungarn neben Hermann dem
Cherusker Volksdichtungen im Stile von Ilias und Odyssee forderte
und ihm auf seiner Turnermarke ein Zeichen setzte, nämlich „919“ als Jahr der
angeblichen Königserhebung in Fritzlar. (Vgl. Friedrich Ludwig Jahn, Deutsches
Volksthum, Hildesheim-New York 1980 (Nachdruck der Ausgabe von 1813), S. 349,
359; Günther Jahn, Friedrich Ludwig Jahn. Volkserzieher und Vorkämpfer für
Deutschlands Einigung, Göttingen-Zürich 1992, S. 34; dazu aber Johannes Fried,
Die Königserhebung Heinrichs I. – Erinnerung, Mündlichkeit und
Traditionsbildung im 10. Jahrhundert. In: Historische Zeitschrift, Beihefte
(Neue Folge), Bd. 20, München 1995, S. 304.)
[45] Quedlinburger Kreisblatt v. 2.07.1938.
[46] Vgl. K. Voigtländer, wie Anm. 33, S. 55, Anm. 146.
[47] Vgl. Frank Helzel (2004),
wie Anm. 22, S. 20 f.
[48] Ein wichtiges Moment für die Geheimhaltung alles für die Wewelsburg
Geplanten sieht v. See (wie Anm. 8, S. 337) in der nationalsozialistischen
Männerbundideologie. Himmler selbst ließ 1939 verlauten, dass „der ‚Hyäne‘
Presse [...] dieses Kleinod nicht zur Veröffentlichung freigegeben
werden“ würde (zitiert bei Josef Ackermann, Heinrich Himmler als Ideologe,
Göttingen-Zürich-Frankfurt 1970, S. 105). Die Burg sollte ihm zur „Anlage
für Gold- und Silberschätze (...) aus Tradition und (...) als
Notgroschen für schlechte Zeiten“ dienen (ebd.).
[49] Germanien. Monatshefte für Germanenkunde zur Erkenntnis deutschen
Wesens. – Offizielles Organ des Ahnenerbes e. V., Heft 8, August 1937:
Geschichtliche Weihestunde in Quedlinburg. Die feierliche Wiederbeisetzung der
Gebeine des ersten deutschen Königs, Berlin-Leipzig 1937, S. 251-252.
[50] Kater, wie Anm. 34, S. 94.
[51] Frischauer, wie Anm. 29, S. 68. - Für die eingeladenen SS-Führer
waren Räume vorgesehen, die die Namen anderer von Himmler ausgewählten
Geschichtshelden trugen und jeweils mit einem wichtigen Requisit und
entsprechender Literatur vergegenwärtigt wurden. Von Tagung zu Tagung hätten
die SS-Führer mit Ausnahme Karl Wolffs die Räume zu wechseln gehabt, bis sie zu
ihrer Erziehung mit allen Gestalten vertraut gewesen wären. In Himmlers Raum
soll sich als Requisit eine Kopie der heiligen Lanze befunden haben, die er
sich habe 1935 anfertigen lassen, also in dem Jahr, in dem Himmler auf Heinrich
I. stieß. Das berichtet Trevor Ravenscroft in seinem über weite Strecken, was
Hitlers Okkultismus angeht, unglaubwürdigen Buch Die heilige Lanze. Der
Speer von Golgatha, München 21996, S. 310 ff. (vgl. N. Goodrick-Clarke,
wie Anm. 13, S. 190-193). Da sich Frischauer bei seiner Wewelsburgschilderung
auf Zeugenaussagen beruft und wenn von Requisiten die Rede ist, zu Heinrich I.
die heilige Lanze als Attribut gehört, passt Ravenscrofts Aussage in diesen
Zusammenhang. Auch Ravenscrofts Aussagen zu den 1938 von Wien nach Nürnberg
verbrachten und bis 1945 dort aufbewahrten Reichsinsignien sind durch
Quellenbelege abgesichert.
[52] Carl Dirks/ Karl-Heinz Janssen,
Der Krieg der Generäle. Hitler als Werkzeug der Wehrmacht, Berlin 31999,
S. 127-145. – Der Generalstabschef von Seeckt hatte als nachmaliger
Militärschriftsteller die Kolonisation im Osten empfohlen, um „dem
Bevölkerungsüberschuss Besitz und Arbeit zu verschaffen“: Hans von Seeckt,
Die Zukunft des Reiches. Urteile und Forderungen, Berlin 1929, S. 30 f. Der
Name „Otto“ war für den Ostfeldzug insofern aufgebraucht, als er bereits für
die militärische Weisung für den Einmarsch in Österreich vom 11. März 1938, das
„Unternehmen Otto“, vergeben worden war (Walther Hofer [Hg.], Der
Nationalsozialismus. Dokumente 1933-1945, Frankfurt a.M. 1975, S. 197). Damit
sollte wohl an Otto I. als den Schöpfer der Ostmark erinnert werden, die 996
erstmals „ostarrîchi“ genannt worden war.
[53] Vgl. Richard Breitman,
Heinrich Himmler. Der Architekt der „Endlösung“, Zürich-München 22000,
S. 393, Anm. 12.
[54] Vgl. Rolf Düsterberg,
Völkermord und Saga-Dichtung im Zeichen des „Großgermanischen Reiches“. Hanns
Johsts Freundschaft mit Heinrich Himmler. In: Internationales Archiv für
Sozialgeschichte der deutschen Literatur (IASL), 24. Bd.
1999, 2. Heft, S. 88-133. Hier S. 110, 123 f., 127.
[55] Zitiert bei Heydecker/Leeb, wie Anm. 39, S. 376 f.
[56] Hermann Weiss, Biographisches Lexikon zum Dritten Reich, Frankfurt
a.M. 2002, S. 38, 92 f.
[57] Widukind von Corvey, Res gestae Saxonicae. Die Sachsengeschichte.
Lateinisch/ Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Ekkehart Rotter u. Bernd
Schneidmüller, Stuttgart 1997, S. 111.
[58] E. Unger-Winkelried, Die Schlacht am Birkenbaum, in: Sonderdienst
für den Frontzeitgenossen. Stimme der Heimat. Hrsg. v. der Reichspressestelle
der NSDAP in Zsarb. mit dem Oberkommando der Wehrmacht, Folge 246 v. 7.3.1943
(Berlin), S. 16-17, hier S. 16; Hüser, wie Anm. 14, S. 28 f. – Mit der
„Hunnensturm“-Metapher (vgl. Hüser, wie Anm. 14, S. 28 f.) lag die Assoziation
nahe, die Sage zur Zeit Heinrichs entstanden zu glauben, wie das bei Ravenscroft
wiedergegeben wird (wie Anm. 51, S. 311) und wie es der von Frischauer in
Anlehnung an Himmlervertraute geschilderte Glaube Himmlers an die „inevitable
final battle“ (wie Anm. 29, S. 87) gegen Russland nahe legt.
[59] Heinz Höhne, Der Orden unter dem Totenkopf. Die Geschichte der SS,
Augsburg 1995, S. 271.
[60] Im hessischen Bad Soden-Salmünster erhält eine einige Jahre zuvor
erschlossene Quelle in Erinnerung an den „großen Volkskönig Heinrich I. der Vogler“ am 25.8.1936 den Namen
„König-Heinrich-Sprudel“.
[61] Johannes Fried, Der Weg in die Geschichte. Die Ursprünge
Deutschlands bis 1024, Berlin 1998, S. 569.
[62] Breitman, wie Anm. 53, S. 105, 141. – Aus Himmlers Dienstkalender
1941/42 geht hervor, ohne dass das Herausgeberteam darin etwas Anmerkenswertes
gesehen hätte, dass er den Sonderzug „Heinrich“ regelmäßig benutzte, in den
beiden Jahren z.B. 24 Mal mit ausdrücklicher Erwähnung, auch zum Abendessen mit
Gauleitern wie am 21. 1. 1942 (vgl. Peter Witte u.a.[Hg.], Der Dienstkalender
Heinrich Himmlers 1941/42, Hamburg 1999, S. 322). – Zu „Feldkdo.-Stelle
Heinrich“ vgl. Bosl/Franz/Hofmann, Biographisches Wörterbuch zur deutschen
Geschichte, Augsburg 1995, S. 1164.
[63] Vgl. Ackermann, wie Anm. 48, Abbildung gegenüber S. 81. – Im
SS-Leitheft, Jg. 7, Folge 4a (1.7.1940) wird ohne weitere Kommentierung „Zum
Todestage König Heinrichs I. am 2. Juli“ ein Foto vom „Inneren des Domes
zu Quedlinburg“ mit Blick auf Hakenkreuz und herabhängende SS-Fahne
veröffentlicht.
[64] Zitiert bei George H. Stein, Geschichte der Waffen-SS, Düsseldorf
1967, S. 114.
[65] Hanns Johst, Ruf des Reiches – Echo des Volkes. Eine Ostfahrt,
München 1942, S. 86.
[66] Breitman, wie Anm. 53, S. 264 f. – Breitman, der in seiner
Monographie verschiedentlich den Namen „Heinrich“ erwähnt, kann ihn in keinen
Bezug zu Himmlers symbolpolitischem Denken setzen, weshalb er das von dessen
„Vorposten im Osten“, Odilo Globočnik, auszuführende „Programm Heinrich“,
das Himmler in der Personalakte von Globočnik in einem Vermerk vom 21. 7.
1941 (Personalakte Globočnik, BDC) erwähnt, kommentarlos lässt. –
Globočnik war bereits am 12.3.1938
an der Auslösung des „Falls Otto“ bzw. des „Unternehmens Otto“ beteiligt
(vgl. Anm. 52).
[67] Nach der mündlichen
Mitteilung eines meiner Schüler am 17. 7. 2003 gab Himmler den verschiedenen
Vernichtungslagern Namen folgender Art: „Heinrichs Faust“, „Heinrichs
Wille“. Das habe er aus dem von seinem Vater für 26.000 DM erworbenen und
unter Verschluss gehaltenen Buch „Himmlers Wege“, das von einem Weggefährten
Himmlers verfasst, handgeschrieben, aber gebunden sei und 136 Seiten habe. (Es
liegt nahe, für ein solches, offenbar im Militaria-Handel aufgespürtes Werk als
Ursprungsort ein KZ anzunehmen, wurden doch, wie bekannt, immer wieder
Häftlinge für kunstvolle Handwerksproduktionen herangezogen. Und ein
handgeschriebenes Buch passt in die von Himmler aufgenommene mittelalterliche
Tradition, in deren Sinn er z.B. den Leiter der Wewelsburg „Burghauptmann“
nannte, unter dem eine „Beschließerin“ und „Burgmaiden“ dienten [vgl. Hüser,
wie Anm. 14, S. 69 f.].)
[68] Sebastian Haffner, Germany: Jekyll & Hyde. 1939 – Deutschland
von innen betrachtet, Berlin 1996, S. 111 f. – Welche Bedeutung „Lohengrin“ als
„erste Oper meines Lebens“ für Hitler hatte, beschrieb er schon auf S.
15 in „Mein Kampf“.
[69] Gerd Althoff, Die Ottonen. Königsherrschaft ohne Staat,
Stuttgart-Berlin-Köln 2000, S. 52.
[70] F. Schneider (1940), wie Anm. 21, S. 92. – Brackmann äußert sich
1937 im Rahmen seines Buches „Magdeburg als Hauptstadt des deutschen Ostens im
frühen Mittelalter“ (Leipzig) zur heiligen Lanze und bringt eine Abbildung der
von Otto III. im Jahre 1000 an den polnischen Herzog überreichten Kopie, die im
Dom von Krakau aufbewahrt wird (S. 6; Abb. gegenüber S. 9). 1943 schreibt er
erneut zur Lanze und wiederholt, dass die von Heinrich I. erworbene Lanze „aus
der langobardischen Lanze zur Lanze des deutschen Reiches und zur
Mauritius-Lanze geworden“ war: Zur Geschichte der heiligen Lanze Heinrichs I.,
S. 411, in: Deutsches Archiv für Geschichte des Mittelalters, Bd. 6, Weimar
1943, S. 401-411. – 1939 nach Kriegsbeginn gegen Polen verfasste er auf Bestellung
der SS eine historische, zu Anfang (S. 16 ff.) auf Heinrich I. verweisende
Propagandaschrift zu „Krisis und Aufbau in Osteuropa. Ein weltgeschichtliches
Bild“ im Berliner „Ahnenerbe“-Verlag (vgl. Michael Burleigh, Germany Turns
Eastwards. A Study of Ostforschung in the Third Reich, Cambridge 1988,
S. 150 ff. – Wer etwas Genaueres über die hervorragende und einflussreiche
Stellung Brackmanns erfahren möchte, sei auf dieses Buch verwiesen!).
[71] Vgl. v. See, wie Anm. 8, S. 230, 390 f.
[72] Otto Höfler, Das germanische Kontinuitätsproblem. (Schriften des
Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands), Hamburg 1937 (Als
Vortrag auf dem Erfurter Historikertag gehalten). Vgl. dazu Josef Otto
Plassmann, Ehre ist Zwang genug. Gedanken zum deutschen Ahnenerbe, Berlin 1941,
S. 59 ff. u. Alfred Thoss, Heinrich I. Der Gründer des Deutschen Volksreiches,
Berlin 31943, S. 79 f. – Dass Höfler keine Außenseiterposition
besetzte, zeigt H.-W. Klewitz, Die heilige Lanze Heinrichs I., in: Deutsches
Archiv für Geschichte des Mittelalters, Bd. 6, Weimar 1943, S. 42-58. – Der
Plassmann gewogene Mediävist H. Beumann – vgl. Kater, wie Anm. 34, S. 202 –
verwendet in seiner Ottonenmonographie von 1994 von den 20 Heinrich I. gewidmeten Seiten reichlich eine auf die
Darstellung der heiligen Lanze (Helmut Beumann, Die Ottonen,
Stuttgart-Berlin-Köln 31994, S. 40-42). Aufschlussreich für die
Wewelsburger Planungen ist die Entwicklung der Lanzen-/Speerentwürfe von
1941-1944: Der erste zeigt noch deutliche Anlehnung an die Gestaltgebung der
Reichslanze, wohingegen 1944 die Speergestalt bevorzugt wird (vgl. Kap. 3.3).
[73] Germanien. Monatshefte für Germanenkunde zur Erkenntnis deutschen
Wesens. – Offizielles Organ des Ahnenerbes e. V., Heft 8, August 1937:
Geschichtliche Weihestunde in Quedlinburg. Die feierliche Wiederbeisetzung der
Gebeine des ersten deutschen Königs, Berlin-Leipzig 1937, S. 251-252.
[74] Kersten, wie Anm. 36, S. 190, 392.
[75] Zitiert bei Bradley Smith/Agnes Peterson (Hg.), Heinrich Himmler.
Geheimreden 1933 bis 1945 und andere Ansprachen. Mit einer Einführung von
Joachim C. Fest, Berlin 1974, S. 162, 174. – Noch im August 1944, wiederum in
Posen, spricht Himmler davon, dass „das Programm [...] unverrückbar“
sei.
[76] Heinrich I. gilt seit dem Wormser Hoftag von 926 als der
„Burgenbauer“ gegen Ungarn und Slawen.
[77] Am 26.2.1944 bestimmte Himmler von seiner Feldkdo.-Stelle aus in
einem Brief an den „Burghauptmann“ und Gottlob Berger, als Chef des
SS-Hauptamtes auch mit SS-Heinrichsschulungen betraut (vgl. Breitman, wie Anm.
53, S. 64), woran er bei „Friedensausbruch“ erinnert werden wollte: „Allenfalls“,
schrieb er, werde die Wewelsburg dann als „Reichshaus der SS-Gruppenführer“
zu bezeichnen sein (vgl. Hüser, S. 314). Himmler spricht anstatt von Sieg nur
mehr von „Friedensausbruch“! Spätestens 1944 dürfte sich für Hanns Johst
auch jeder Anlass für das Abfassen der „Heinrich-Saga“ verflüchtigt haben.
[78] Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft.
Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft, München-Zürich 82001,
S. 722.
[79] Zitiert bei Smith/Peterson, wie Anm. 75, S. 49, 160.
[80] Vgl. Kersten, wie Anm. 36, S. 190: „Wenn Himmler selbst in
dieser Vorstellungswelt lebt, muss er sich selbst ebenfalls als eine
Wiederverkörperung irgendeines großen Mannes aus der germanischen Geschichte
betrachten. Ich fragte ihn dann auch danach und er antwortete mir abwehrend:
‚Über sich persönlich redet man ja in solchen Dingen nur ungern. Ich habe viel
darüber nachgedacht. Zu einem Ergebnis bin ich jedoch nicht gekommen.‘“
[81] Vgl. M. Kater, wie Anm. 34, S. 119, 135, 201.
[82] Zitiert bei Kater, wie Anm. 34, S. 135.
[83] Darré, wie Anm. 26, S. 17.
[84] Zitiert bei Smith/Peterson, wie Anm. 75, S. 92.
[85] Olaf B. Rader, Grab und Herrschaft. Politischer Totenkult von
Alexander dem Großen bis Lenin, München 2003, S. 11, 27, 80 f.
[86] H. Lorenz, wie Anm. 9, S. 380. – Frischauer
(wie Anm. 29, S. 87) erfuhr von Himmlervertrauten, wie Himmler das politische
Zeitgeschehen mit dem ihm von Heinrich I. Bekannten in Parallele setzte: „And
what did Himmler’s hero do? He concluded an
armistice with the superior opponent and used it to prepare for the inevitable
final battle. If Europe’s statesmen had listened to Himmler they might have
been less surprised at the Nazi-Soviet pact of 1939 which was really an
armistice on the pattern of Heinrich I, who, in the end, was, of course,
victorious.“
[87] Von großer Bedeutung für den völkischen Todes- und Ahnenkult,
aber auch für Geheimhaltung als rituelle Haltung ist Otto Höflers 1934
publiziertes Buch über die kultischen Geheimbünde der Germanen. – Vgl. Ulrike
Brunotte, Zwischen Eros und Krieg. Männerbund und Ritual in der Moderne, Berlin
2004, S. 133-136.
[88] Hermann Heimpel, Deutschlands Mittelalter, Deutschlands Schicksal,
Freiburg i. B. 1933, S. 3 (Noch einmal publiziert 1941 in: Ders., Deutsches
Mittelalter, Leipzig 1941, S. 9-30). – Damit ist auch der Standpunkt von F.
Schneider wiedergegeben, denn er zitiert diesen Abschnitt am Ende seiner
Einleitung, als er die Schriften von Ficker und Sybel 1941 herausgibt (F.
Schneider [1941], wie Anm. 4, S. XXXVI).
[89] Hermann Heimpel, Bemerkungen zur Geschichte König Heinrichs I.,
Leipzig 1937, S. 11. – Der Text ist eine Kritik an der Heinrichsmonographie von
Franz Lüdtke (1936), an der er gleichwohl lobend hervorhebt, wie Lüdtke „mit
packender Wirklichkeitsnähe“ Heinrich I. als Ostpolitiker mit seinen
Kriegen gegen Slawen und Ungarn darstellt (S. 6 f.). Auch die acht deutschen
Geschichtsforscher, die 1935 Karl den Großen wegen der Verunglimpfung als
‚Sachsenschlächter‘ vor NS-Ideologen in Schutz nehmen wollen, möchten dabei „seine
richtunggebende Politik zur Eindämmung der Slawenflut und zur Vorbereitung
germanisierender Siedlung im Osten ins rechte Licht“ rücken. Namentlich
sind dies: Hermann Aubin, Friedrich Baethgen, Albert Brackmann, Carl Erdmann,
Karl Hampe (, dessen Buch von 1921 vom „Zug nach dem Osten. Die
kolonisatorische Großtat des deutschen Volkes im Mittelalter“ 1941 in zweiter
Auflage erscheint), Hans Naumann, Martin Lintzel, Wolfgang Windelbrand: Karl
der Große oder Charlemagne? Acht Antworten deutscher Geschichtsforscher, Berlin
1935, S. 6. – So hat die Sybel’sche Position im 1859 begonnenen
Historikerstreit mit ihrer Akzentsetzung auf der angeblich von den Kaisern
vernachlässigten Ostpolitik auch Karl den Großen von in diesem Sinne
willfährigen Historikern, die sich nichtsdestoweniger gegen die in ihren Augen
falsche NS-Instrumentalisierung des Frankenkaisers bei Rosenberg oder Himmler
wehrten, noch in ihr ostimperialistisches Fahrwasser gesetzt bekommen. Karl d.
Gr., Heinrich I. und sein Sohn Otto I. sind in dieser Reihung schließlich im
„Dritten Reich“ vorbildliche „Ostpolitiker“ für die Gegenwart geworden.
[90] Zitiert bei Gerd Althoff/Hagen Keller, Heinrich I. und Otto der
Große. Neubeginn auf karolingischem Erbe, Göttingen-Zürich 21994, S.
12 f. (Hervorhebung im Original). – Gegenüber Althoff/Keller, die behaupten,
Holtzmann habe mit dieser Passage die im Nationalsozialismus betriebene
Abwertung Ottos deutlich kritisieren wollen, ist zu unterstreichen, dass in
dessen Herrscherlob deutlich und vor allem an Hitler gedacht wird. Hitler als
Einheitsstifter: Erst mit dem „Gesetz über den Neuaufbau des Reiches“ vom
30.1.1934 und der Ergänzung beim „Reichsparteitag der Freiheit“ am 15.9. 1935
in Nürnberg gab es einen einheitlichen Reichsausweis für die deutschen
Staatsbürger. Zuvor war man noch Bayer, Preuße, Hesse usw., bevor man
Reichsangehöriger und damit Deutscher war. Da parallel in Nürnberg auch das Gesetz
„zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ verabschiedet
worden war, erfährt diese Neuerung gegenwärtig zu wenig Aufmerksamkeit, wurde
aber von den damaligen Deutschen als das entscheidende der beiden Gesetze
angesehen (vgl. I. Brodersen/K. Humann/S. v. Paczensky (Hg.), 1933: Wie die
Deutschen Hitler zur Macht verhalfen. Ein Lesebuch für Demokraten, Reinbek b.
Hamburg 1983, S. 27: „Mein Mann sagte immer, wenn Hitler eins geschafft hat,
dann ist es die Einheit der Deutschen“). – Auch für Bismarck als
Deutschlands Einiger war der Vergleich mit Karl d. Gr., Heinrich I. und Otto I.
bemüht worden: Vgl. Ottomar Schuchardt, Die deutsche Politik der Zukunft, Bd.
3, Celle 1902, S. 306.
[91] Vgl. Anm. 89: Karl der
Große oder Charlemagne?, S. 6. – Hier wird das seit dem 19. Jahrhundert
hochgespielte, jetzt angeblich für Europa und seine „abendländische Gesittung“
nachgerüstete Moment der Glorifizierung der Ostsiedlung als der „Großtat“ des
deutschen Volkes im Mittelalter sichtbar, mit dem Himmler in Stettin die
Soldaten im Juli 1941 auf den Ostfeldzug einstimmte. In einer Rede am 24. Mai
1944 bekennt sich schließlich auch er zu Karl als „dem Großen“, „weil
er der Reichsgründer ist“ (zitiert bei Josef Ackermann, wie Anm. 48, S.
57).
[92] Er bekommt trotzdem 1942 in
Halle eine ordentliche Professur.
[93] Hagen Schulze, Kleine
deutsche Geschichte, München 1996, S. 22. – Insofern wird nur noch von wenigen
bedauert, dass es in der Bundesrepublik keine „offiziösen Akte“ mehr gibt, in
denen an die Ottonen erinnert würde, wie man es sich 1955 und 1962 für den
1000. Jahrestag der Schlacht auf dem Lechfeld und der Kaiserkrönung Ottos oder
dessen Todesjahrestag 1973 gewünscht hätte (vgl. Hagen Keller, wie Anm. 17, S.
10 f.). Auch in der dreibändigen Sammlung „Deutsche Erinnerungsorte“, München
2001, hrsg. von Etienne François und Hagen Schulze, kommt ihnen außer einigen
Nennungen am Rande keine besondere Würdigung mehr zu. Das scheint darauf
hinzuweisen, dass einige Historiker offenbar meinen, dass über die Ottonen im
Rahmen „deutscher“ Geschichte gegenwärtig besser zu schweigen ist. – In
Österreich gehörte indessen 1996 zur nationalen 1000-Jahre-Österreich-Feier die
Aufreihung der Ottonen von Otto I. bis Otto III. unverzichtbar hinzu. Dass
Hitler beim „Anschluss“ 1938 der gleichen Genealogie folgte, wurde
selbstverständlich nicht thematisiert, weil weder Hitlers „Unternehmen Otto“
noch seine Umbenennung Österreichs in „Ostmark“ bei solch feierlichem Anlass
wahrgenommen werden sollten/wollten/durften (?).
[94] Rader, wie Anm. 85, S.
171.
[95] Der Historiker Friedrich
Schmidt umriss 1940 nach den ersten Eroberungen im Westen und Osten im
SS-eigenen Nordland-Verlag „das Germanische Reich Deutscher Nation“ „als
Aufgabe“ und setzte entsprechend vor den Ottonen und Heinrich I. an: „Karl
der Große hat in jenen schicksalsschweren Jahren das granitene Fundament für
die mehr als ein Jahrtausend später sich erfüllende Einheit aller Deutschen
gelegt“ (Friedrich Schmidt, Das Reich als Aufgabe, Berlin 1940, S. 36 f.).
[96] Vgl. Breitman, wie Anm. 53,
S. 19. – Der von Breitmann ausführlich mitgeteilte, auf der 1945 gemachten
Aussage von Marga Himmler fußende Sachverhalt sollte zu der nahe liegenden
Frage führen, was es denn heißt, wenn der neben Hitler mächtigste Mann mit
solcher Präparierung über sechs Jahre hinweg seine Tagesgeschäfte betreiben zu
müssen meinte!
[97] Zitiert bei Guido Knopp, Die SS. Eine Warnung der Geschichte,
München 2003, S. 90.
[98] Auch Heinrich I. war trotz
der von Widukind berichteten 200.000 gefallenen Slawen in der Schlacht von
Lenzen (929) und seiner wiederholten Vorstöße bis an die Elbe (Meißen), in die
Lausitz (Bautzen) oder nach Böhmen kein „Welteroberer“. Aber einer seiner
zeitgenössischen Bewunderer schreibt 1989 zu Heinrichs Auseinandersetzungen mit
den Slawen: „Ein Merkmal der Slawenkriege ist ihre Unerbittlichkeit. Sie
tragen Züge eines fanatisierten Völkermordes. [...] bei Lenzen wurden
fast fünfzigmal soviel Slawen erschlagen, als Karl Sachsen in Verden hinrichten
ließ. [...] Die Niedermetzelung einer vielfachen Anzahl von Slawen hat
das historische Gewissen der Menschheit kaum erregt“ (Ernst W. Wies, Otto
der Große. Beter und Kämpfer, Esslingen-München 1989, S. 58 f.). Gleichwohl
bleibt Heinrich I. jemand, den Wies eher einen „Großen“ nennen würde als seinen
Sohn Otto: „Heinrich gehört zu den tragenden Vätergestalten der
Weltgeschichte, die die Fundamente für den künftigen, strahlenden Ruhm ihrer
Söhne legten. Ihm hat die Nachwelt den Beinamen ‚der Große‘ nicht gegeben“ (S. 66).
[99] Die Wewelsburger Museumsleitung sieht indessen keinen Anlass, aus
den vorgetragenen Befunden irgendwelche Schlüsse zur eigenen Einschätzung der Wewelsburg
im SS-Kosmos zu ziehen, sondern geht davon aus, dass alle Aussagen
einschließlich der des Verfassers zur Rolle der Burg in den Augen Himmlers als
„Heinrichsburg“ haltlose Spekulation seien („Heinrichsburg“ in
Anführungszeichen, weil aufgebauscht mit angeklittertem, an Wagners „Lohengrin“
erinnerndem Grals-Mythos und anderen durch das Nadelöhr der historischen
Heinrichsfigur gefädelten auf „germanische“ Weltherrschaft zielenden
Spökenkiekereien; so gab es neben dem Himmler vorbehaltenen Raum „König
Heinrich“ andere Gästezimmer mit Namen wie „Arier“, „Deutscher
Orden“, „Fridericus“, „König Artus“, „Gral“, „Widukind“,
„Christoph Kolumbus“. Es wäre müßig, sich über ihren
Bedeutungszusammenhang Gedanken zu machen, außer dass sie alle gewissermaßen
als Machtfigurationen in „germanischen“ Weltheils- und Welterlösungsträumen
fantasiert werden konnten. Dombrowski kombinierte ja in seinem Holzschnitt auch
mangels konkreter Heinrichs-Anschauung ein aus Bamberger und Magdeburger Reiter
geklittertes, ritterliches Heinrich-I.-Idealbild. Das heißt, die Wewelsburg als
Himmlers „Heinrichsburg“ hat mit Heinrich I. so viel oder so wenig zu tun wie
der Holzschnitt Dombrowskis mit dem historischen Heinrich). So ließ die
Museumsleitung den Verfasser seinen Vortrag gewissermaßen als die Farce eines
von Historikern nicht ernst zu nehmenden Literaturwissenschaftlers aufführen.
Vergessen und verdrängt hat sie dabei, was sie selbst bis in die 1990er Jahre
im Prospektmaterial zur Burg veröffentlichte, dass nämlich die Burg „in
Zusammenhang steht mit einer Reihe von Fliehburgen, die Heinrich I. zum Schutz
gegen die Ungarn anlegen ließ, welche seit 915 wiederholt Einfälle nach
Ostwestfalen unternahmen“. Und es wäre in der Tat erstaunlich, wenn Himmler
ausgerechnet die Wewelsburg, von wo aus er diesseits aller Fantastereien
realpolitisch die „Dezimierung“ der Slawen im Juni 1941 vor seinen
Gruppenführern angekündigt hatte, aus seiner symbolpolitischen
Instrumentalisierung der Heinrichsfigur ausgenommen hätte, zumal doch Heinrich
als großer Sieger über die Slawen bei Widukind gefeiert wird und als
Slawenbekämpfer in die historische Überlieferung geraten ist, so dass E. W.
Wies, ein Verehrer Heinrichs I., 1989 meint, von dessen „fanatisiertem
Völkermord“ in den Slawenkriegen sprechen zu müssen (vgl. Anm. 98)!
Um die
Glaubwürdigkeit des Verfassers zu erschüttern, bringt man ihn – zusätzlich zum
Fragezeichen hinter seiner Befugnis, zu historischen Sachverhalten kompetent
sprechen zu können – einzig in Verbindung mit dem zwielichtigen Trevor
Ravenscroft, den er ergänzend zu anderen mit aller Distanz in Zusammenhang mit
Himmlers Umgang mit einer Kopie der „Heiligen Lanze“ zitiert (vgl. Helzel, wie
Anm. 22, S. 168 f., 171). Das soll allein dadurch als disqualifizierend
erscheinen, dass Ravenscroft zu Hitler unbelegbare, abenteuerliche Aussagen
macht und darüber hinaus um den „Speer von Golgatha“ obskurste Gedanken zum „Schicksal
der Welt“ entwickelt, die ihn in bestimmten esoterischen Kreisen zu einigem
Erfolg kommen ließen. Aber – und das gehört zum Erfolg solcher Literatur –
Ravenscrofts Auskünfte zur „Heiligen Lanze“ als Kopie in den Händen Himmlers
haben einiges an Plausibilität (vgl. Anm. 51, aber auch 58), um die es ihm in
Zusammenhang mit Himmler als Nebenfigur des von ihm als satanisch gezeichneten
Hitler ausdrücklich gar nicht geht. Denn sein Thema ist Hitler, zu dessen
Doppelgänger mit Lanzenkopie er Himmler macht, indem er sich auf eine Aussage
Frischauers beruft: „Himmler ist mit einer elektrischen Leitung verglichen
worden, die von außerhalb mit Strom versorgt wurde. Der Strom kam von Hitler.
Er selbst hatte keinen“ (Ravenscroft, wie Anm. 51, S. 294). Frischauer aber
folgert aus dieser Feststellung ganz hellsichtig, dass sich das Gewissen der
Deutschen an Himmler als dem „bösen Genius des Dritten Reichs“ schadlos
hielt, indem allein ihm alles Übermaß an Verbrechen zur Last gelegt wurde. Das
ist Ravenscrofts Thema jedoch nicht mehr. – Wenn man unabhängig davon die
zahlreichen wissenschaftlichen Ausführungen zur Lanze im „Dritten Reich“
heranzieht, auch die von „Ahnenerbe“-Wissenschaftlern, weiterhin Willi
Frischauers Schilderung der Wewelsburger Räumlichkeiten mit
Ausstattungsbeispielen liest und berücksichtigt, dass die Lanze
wissenschaftlich wie kein anderes Symbol als zentrale Herrschaftsreliquie in
den Händen Heinrichs I. und seines Sohnes Otto I. gedeutet wird, dann führt
nichts daran vorbei, Himmlers ausführliche Kenntnis der Lanze und ihrer
Geschichte als gegeben anzusehen. Es sollte von einer wissenschaftlich
interessierten Museumsleitung zu erwarten sein, dass ihre Kenntnis der Lanze
nicht nur aus der Abwehr der von ihr nicht einmal überprüften Befunde eines
Ravenscroft bestehe! (Zur Kritik am Verfasser von einer derzeitigen
Mitarbeiterin der Museumsleitung, in der die zentralen Ausführungen zur
Instrumentalisierung Heinrichs I. durch Himmler bis
zu dessen „Programm Heinrich“ gezielt ausgelassen und unerwähnt bleiben, vgl. http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2004-2-113.
– Der US-amerikanische Historiker Kevin Cramer [University of Indiana] kommt in
seiner Rezension zu einer ganz anderen Einschätzung: vgl. http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=13624
).
Insgesamt wäre
der Museumsleitung zu empfehlen, die kurze Himmler-Passage
in N. Goodrick-Clarkes Studie (wie Anm. 13, S. 197-198) aufmerksam zu lesen. Da
wird ernüchternd festgehalten, dass „nicht oft genug wiederholt werden kann:
bei Himmler [...] gilt immer eines: Der Primat gehört der Politik!“
Und zu dieser Politik gehörte nachgewiesenermaßen seine durchgängige
Instrumentalisierung Heinrichs I. Von dem, was sich sonst in der Wewelsburg abgespielt
hat und ins Okkulte reichen mag, „wissen wir so gut wie nichts“, und es
kann nach Goodrick-Clarkes Einschätzung „so wichtig nicht gewesen sein“.
Aber nachdem die Museumsleitung Himmlers Heinrichsrezeption als Tatsache nicht
zur Kenntnis nehmen will und sie alle Erinnerung daran getilgt hat, bleibt ihr
nur das Herumstochern im obskuren Nebel rechtsradikaler Mythenbildungen (vgl.
ebenfalls Anm. 13).
[100] Das Umdeuten der Reichslanze als Heiliger Lanze in den Heiligen Speer Wotans findet ebenfalls seinen Niederschlag bei einem der Heinrichsmonographen von 1936, und zwar bei Franz Lüdtke, auf dessen Ausführungen Himmler sich bei seiner Quedlinburger Rede so stützte, dass die im Dombrowski-Holzschnitt festgehaltenen Sätze fast wörtliche Übernahmen sind (F. Lüdtke, König Heinrich I., Berlin 1936, S. 205). In dieser Monographie schreibt Lüdtke noch dem allgemeinen Forschungsstand entsprechend von der „schwer datierbaren Überreichung der heiligen Lanze an Heinrich“ (ebd., S. 184), ohne sich weiter über sie auszulassen, zumal sie erst bei Otto I. als siegbringend ausdrücklicher erwähnt wird. Aber in seinem „König aller Deutschen. Roman vom völkischen Aufbruch“ (Berlin 1942) wird dann auf der letzten Seite aus der Lanze der an Otto überreichte „Wodes Speer“ (S. 389). Nun eignet sich gerade die Reichslanze zum Umdeuten, wurde sie doch je nach Umständen als über Kaiser Konstantin überlieferter Longinusspeer, mit dem Christi Leib geöffnet worden sein soll, als Mauritius-Lanze im Zusammenhang mit der Thebäischen Legion und dem in Magdeburg verehrten – dunkelhäutigen – Märtyrer Mauritius oder zusammenfassend als Heilige Lanze oder Reichslanze bezeichnet. Bernd Schneidmüller stellte sowieso zuletzt fest, dass bereits die erste von Liutprand von Cremona († 970/72) stammende Beschreibung der Lanze nicht mit der in der Wiener Hofburg als Reichslanze aufbewahrten oder mit deren im Krakauer Domschatz zu sehenden Kopie zusammenpasst, die Kaiser Otto III. im Jahr 1000 dem Polenherzog Boleslav Chrobry übertragen haben soll (Bernd Schneidmüller, Fränkische Bindungen. Heinrich I., Otto der Große, Westfranken und Burgund, S. 509, in: Matthias Puhle, wie Anm. 21, S. 503-516).
[101] Adolf Hitler, Mein Kampf.
Zweiter Band. Die nationalsozialistische Bewegung, München 1933, S. 733-742 (Hervorhebung im
Original). – 1918 beschreibt Tomás Garrigue Masaryk aus slawischer Perspektive
ein analoges Szenarium, und zwar unter dem Aspekt der Bedrohung durch den
„Deutschen Drang nach Osten“ (vgl. Anm. 165).
[102] Vgl. Friedrich Schneider, wie Anm. 4, und ders., wie Anm. 21. – An den 6 Auflagen (Anm. 21), mit denen Schneider den jeweiligen Stand der Diskussion um die Kaiser- und Ostpolitik des Mittelalters zwischen 1934 und 1943 dokumentierte, lässt sich ablesen, von welch langer Dauer dieser „wissenschaftliche Bürgerkrieg“ (Alfred Dove) war. „In einer Zeit ungeheuerer geschichtlicher Ereignisse“ sieht er, wie er 1940 einleitend schreibt, die Position Sybels in einer „gesamtdeutschen Geschichtsbetrachtung“ als aufgehoben und überholt an: „Österreich ist in das Reich heimgekehrt, Großdeutschland ist entstanden“ (S. V).
[103] Rößler/Franz,
Sachwörterbuch zur deutschen Geschichte, München 1958, S. 480.
[104] Wilhelm Giesebrecht,
Geschichte der deutschen Kaiserzeit. Bd. 1: Gründung des Kaisertums,
Braunschweig 31863 (zuerst 1855), S. VI. – Bis 1888 erscheinen fünf
Bände.
[105] Friedrich Schneider, wie
Anm. 4, S. 12, 15.
[106] Vgl. Wolfgang Wippermann, Der
‚Deutsche Drang nach Osten‘. Ideologie und Wirklichkeit eines politischen
Schlagwortes, Darmstadt 1981, S. 33.
[107] Gustav Freytag, Gesammelte
Werke 18: Bilder aus der deutschen Vergangenheit, Bd. 2, Leipzig 1888, S. 160
f.
[108] Franz Schnabel, Deutsche
Geschichte im neunzehnten Jahrhundert, München 1987, Bd. 3, S. 358. Vgl. hierzu
auch Bd. 2, S. 192-194.
[109] Klaus J. Bade, Bevölkerung, Arbeitsmarkt und Wanderung im Wandel vom Agrar- zum Industriestaat, in: Das deutsche Kaiserreich. 1867/71 bis 1918. Bilanz einer Epoche, hrsg. von Dieter Langewiesche. Einführung von Theodor Schieder, Freiburg-Würzburg 1984, S. 73-80.
[110] Ottomar Schuchardt, Die
deutsche Politik der Zukunft, Bd. 3, Celle 1902, S. 344 (Hervorhebung im Text).
[111] Fürst v. Bülow , Deutsche
Politik, Berlin 1916, S. 218, 220, 221.
[112] Heinrich Class, Deutsche
Geschichte, Leipzig 81919, S. 63 (Hervorhebung im Text), S. 68.
[113] Wilhelm Ziegler, Einführung
in die Politik, Berlin 21929, S. 280.
[114] Vgl. Sebastian Haffner, Von
Bismarck zu Hitler. Ein Rückblick, München 1989, S. 141.
[115] So hatten der junge
Himmler, der v.d. Goltz in München hatte sprechen hören, und mit ihm der
spätere Kommandant von Auschwitz, Rudolf Höß, zunächst vor, im Osten zu
siedeln. Vgl. Josef Ackermann, wie Anm. 48, S. 198 u. Martin Broszat (Hg.),
Kommandant in Auschwitz. Autobiographische Aufzeichnungen des Rudolf Höss,
München 71979, S. 53.
[116] Hitler, wie Anm. 101,
Erster Band, Eine Abrechnung, S. 11.
[117] Vgl. dazu Ernst Weymar, Das Selbstverständnis der Deutschen. Ein
Bericht über den Geist des Geschichtsunterrichts der höheren Schulen im 19.
Jahrhundert, Stuttgart 1961.
[118] Walter Keindel, Die Chronik
Österreichs, Dortmund 1984, S. 65 f.
[119] Otto Hötzsch, im „Dritten Reich“ geraume Zeit mit Ostpolitik befasster Professor, beklagt 1907, dass „namentlich im Westen“ kein Einsehen da ist, „daß es sich mit dieser Frage nicht nur um eine Angelegenheit des preußischen Staates oder gar nur seiner östlichen Provinzen handelt, sondern um eine der wichtigsten Fragen für das Deutsche Reich und Volk überhaupt“ (Vgl. Harry Pross, Die Zerstörung der deutschen Politik. Dokumente 1871 - 1933, Frankfurt a. M. 1983, S. 288-289). Ähnlich K. Thalheim/ A. Hillen Ziegfeld (Hg.), Der deutsche Osten. Seine Geschichte, sein Wesen und seine Aufgabe, Berlin (Propyläen ) 1936, S. XI: „Es sind viele Versäumnisse des vergangenen Jahrhunderts heute wiedergutzumachen. [...] Der deutsche Osten ist in den letzten Jahren Gegenstand eines mächtig anwachsenden Schrifttums geworden, das uns heute gestattet, über viele Fragen Auskunft zu erhalten, über die unsere Väter ahnungslos hinwegsahen, da sie sie als Fragen nicht zu werten vermochten. Aber noch immer ist bei einem großen Teil der Menschen, besonders in der westlichen Hälfte des Reiches, die Auffassung verbreitet, der deutsche Osten sei im wesentlichen ein Betreuungs- und Notstandsgebiet. Noch ist in diesen Reichsgebieten großenteils die Erkenntnis nicht lebendig, wie sehr das Ostproblem im Mittelpunkt unseres Schicksals steht.“
[120] Hitler, wie Anm. 101, S. 9
ff.
[121] Ebd., S. 1, 9.
[122] Richard Suchenwirth, Das Buch von der deutschen Ostmark, Leipzig
1939, S. 5.
[123] Ders., Deutsche Geschichte. Von der germanischen Vorzeit bis zur
Gegenwart, Leipzig 1935, S. 115.
[124] Vgl. Walther Hofer (Hg.),
Der Nationalsozialismus. Dokumente 1933-1945, Frankfurt a.M. 1957, S. 197 f.
[125] So z.B. bei Andreas
Hillgruber, Das Anschlussproblem (1918-1945) – Aus deutscher Sicht, S. 173. In:
Deutschland und Österreich. Ein bilaterales Geschichtsbuch, hrsg. von Robert A.
Kann u. Friedrich E. Prinz, Wien- München 1980, S. 161-178. Ebenfalls bei
Hermann Hagspiel, Die Ostmark. Österreich im Großdeutschen Reich 1938-1945,
Wien 1995, S. 18.
[126] Norbert Schausberger, Der
Griff nach Österreich. Der Anschluss, Wien-München 1978, S. 398 ff.
[127] J. Benoist-Méchin, Griff
über die Grenzen 1938. Der Anschluss Österreichs und seine Vorgeschichte,
Oldenburg-Hamburg 1966, S. 265.
[128] Allerdings blieb es nicht
lange bei „Ostmark“. Denn mit der im Krieg nach Osten und Südosten vorrückenden
Front rückte auch die Ostgrenze „Großdeutschlands“, wie das „Dritte Reich“ nach
dem „Anschluss“ offiziell bis 1945 hieß, weiter nach Osten vor, so dass 1942
auch der Name „Ostmark“ gelöscht wurde und nur mehr „Alpen- und
Donaureichsgaue“ für das ehemalige Österreich als Namen übrig blieben. Der
Begriff „Mark“ im Sinne des althochdeutschen ‚marcha‘ für ‚Grenze‘ oder
‚Grenzland‘ war jetzt für die im „Programm Heinrich“ und den für seine
Verwirklichung in Auftrag gegebenen „Generalplan Ost“ zur Erschließung und ‚germanischen‘
Siedlung ausgewiesenen Gebiete in Osteuropa reserviert. An der Spitze der neu
ausgewiesenen „Marken“ sollte ein „Markhauptmann“ stehen. Und Erich Koch wollte
als Reichskommissar (20.8.1941) die von ihm geleitete und um alle staatliche
Organisation gebrachte Ukraine in eine „deutsche Ostmark“ verwandeln, um sie
als wirtschaftliches Ausbeutungsobjekt besser manipulieren zu können. – Gerhard
Botz (wie Anm. 125, S. 194) beklagt 1980, Hillgruber zum „Anschluss“-Thema von
österreichischer Seite ergänzend, dass der „Anschluss“ Österreich „jeder
politischen Eigenständigkeit beraubt“ und „Wien auf die Stufe einer
zweitrangigen Großstadt herabgedrückt“ habe. (Das dürfte sehr viel eher für das
„Rote Wien“ der Nachkriegszeit gegolten haben, das mit der Auflösung der mehr
als 50 Millionen Einwohner zählenden österreichisch-ungarischen Monarchie bei
Kriegsende 1918 sich als Hauptstadt der unglücklichen Ersten Republik, eines
nur schwierig zu gründenden, unbeständigen nationalen Kleinstaats zu begnügen
lernen musste.) Für die Tilgung der Namen „Österreich“ und schließlich
„Ostmark“ sieht Botz als Grund nicht näher erklärte „historische
Reminiszenzen“, die wegen ihrer Gefährlichkeit (!) hätten gelöscht werden
müssen. Obwohl Hitler seinen Befehl zur Vermeidung des „Ostmark“-Begriffs an
die Reichsministerien am 19. Januar 1942
erteilte, setzt Botz ohne Beleg 1940 als Datum an und gibt seine
Sichtweise so an Karl Vocelka in dessen „Geschichte Österreichs. Kultur,
Gesellschaft, Politik“ (2000; München 4 2006, S. 300) weiter: „1940
wurde sogar der Begriff Ostmark, der immer noch zu sehr an die ehemalige
Eigenständigkeit des Gebietes erinnerte, durch die Bezeichnung ‚Alpen- und
Donau-Reichsagaue‘ abgelöst.“
Emmerich Tálos (wie Anm. 133, S. 69), der in Übereinstimmung mit Hitlers
Befehl den 19. Jänner 1942 als Datum angibt, ist zurückhaltender bei der
Erklärung der Umbenennung und führt hypothetisch nicht näher benannte „unerwünschte
Assoziationen“ als Grund an, die den „Ostmark“-Namen noch begleitet hätten.
Diese Erklärungen wirken deshalb schwach, weil sie in ihrem Augenmerk an die
mit dem „Anschluss“ erfolgende „Gleichschaltung“ Österreichs oder „Liquidation“
(Botz; Tálos) gefesselt bleiben. Dabei bleibt unberücksichtigt, dass Österreich
ab 1938 das Schicksal der mit dem „Gesetz über den Neuaufbau des Reiches“ vom
30. Januar 1934 gleichgeschalteten
Länder des Reiches teilte und im totalitären „Großdeutschen Reich“
genauso wenig eine Sonderrolle spielte. Wichtiger wäre es indessen, über die
Rolle Österreichs als „jüngstes Bollwerk der deutschen Nation“
nachzudenken, wie Hitler vom Balkon der Wiener Hofburg herab die „älteste
Ostmark des deutschen Volkes“ am 15. März apostrophierte (Reden des
Führers. Politik und Propaganda Adolf Hitlers 1922-1945, hrsg. v. Erhard Klöss,
München (dtv) 1967, S. 85). Österreich als „jüngstes Bollwerk“
verdeutlicht nämlich den instrumentellen Wert seiner Heimat für Hitler, der mit
dem „Anschluss“ als seinem „Unternehmen Otto“ längst den expansiven Ausgriff
nach Osteuropa plante, wie er im „Hossbach“- Protokoll vom 5.11.1937
zusammengefasst ist. Und das „jüngste Bollwerk“ war überholt und damit „älter“
geworden, wie Hillgruber im Unterschied zu Botz festhält (Hillgruber, wie Anm.
125, S. 176: „[...], weil für Hitler der ‚Anschluss‘ stets nur eine Etappe
oder eine Funktion in seinem weitgespannten Expansions-‚Programm‘ einnahm,[...]“),
als zunächst Böhmen und Mähren zum deutschen Protektorat wurden und Ungarn und
Rumänien als deutsche Satelliten ab 1941 den Überfall auf die Sowjetunion zum
Niederringen des „jüdischen Bolschewismus“ mittrugen. Heutige Forschung ist
sich einig darin, dass es Hitler bei allen östlichen Unternehmungen zielstrebig
um das Schaffen von „Lebensraum im Osten“ für das deutsche Volk ging, wie er es
bereits in „Mein Kampf“ niedergelegt hatte. – Was die Situation Österreichs
nach dem „Anschluss“ angeht, dürfte entscheidend sein, was Botz folgendermaßen
skizziert: „Der Wendepunkt liegt in den Jahren 1938 bis 1945, als aus der
freiwilligen und zugleich erzwungenen Negation seiner selbst das heutige
Österreich-Bewusstsein hervorzugehen begann“ (S. 198). Die von Vocelka als
verloren ausgegebene „Eigenständigkeit“ ist nach Botz also erst ein Ergebnis
der einsetzenden Gegenreaktion auf die „Gleichschaltung“ mit den anderen
gleichgeschalteten deutschen Reichsgauen.
[129] Dirks/Janßen, wie Anm. 52,
S. 140. – Nach einem von Burleigh (vgl. Anm. 70) ausfindig gemachten Eintrag
beim „Ahnenerbe“-Verlag vom 7.5.1940 kaufte die Wehrmacht 7.000 Exemplare der
Ende 1939 publizierten Propagandaschrift Brackmanns, so dass es nahe liegt,
dass Halder als Generalstabschef spätestens da einen Tipp für seine
Tarnbezeichnung gefunden haben könnte.
[130] Ebd., S. 144 (Hervorhebung
im Text).
[131] W. Hofer, wie Anm. 52, S.
243.
[132] Arno J. Mayer, Der Krieg
als Kreuzzug. Das Deutsche Reich, Hitlers Wehrmacht und die „Endlösung“,
Reinbek bei Hamburg 1989, S. 340.
[133] Vgl. Hanns Haas, Der
„Anschluss“, S. 34 (ebenfalls ohne Erklärung von „Otto“), in: E. Tálos, E.
Hanisch u.a. (Hg.), NS-Herrschaft in Österreich. Ein Handbuch, Wien 2000, S.
26-54.
[134] Manfred Messerschmidt,
Außenpolitik und Kriegsvorbereitung, S. 636, in: Das Deutsche Reich und der
Zweite Weltkrieg, hrsg. v. Militärgeschichtlichen Forschungsamt, Bd. 1:
Ursachen und Voraussetzungen der deutschen Kriegspolitik, Stuttgart 1979, S.
535-701.
[135] Vgl. dazu Benoist-Méchin,
wie Anm. 127, S. 270 ff.
[136] Messerschmidt, wie Anm. 134, S. 637.
[137] Vgl. I. Brodersen/K.
Humann/S. v. Paczensky [Hg.], 1933: Wie die Deutschen Hitler zur Macht
verhalfen. Ein Lesebuch für Demokraten, Reinbek b. Hamburg 1983, S. 27: „Bis
Hitler kam, gab es noch verschiedene Staatsangehörigkeiten in Deutschland.
[...] Das wurde dann durch Hitler aufgehoben. Das ist positiv empfunden
worden. Mein Mann sagte immer, wenn Hitler eins geschafft hat, dann ist es die
Einheit der Deutschen.“ – Diese Interviewaussage wird von den Autoren mit
einer unzureichenden Anmerkung versehen, indem auf Artikel 110 der Weimarer
Verfassung und auf die Nürnberger Gesetze von 1935 verwiesen wird. Die
entscheidende „Verordnung über die deutsche Staatsangehörigkeit“ vom 5. 2. 1934
bleibt unerwähnt. Das heißt, dass sie gewissermaßen vergessen wurde und auch in
der zeitgenössischen Geschichtsschreibung bisher keine Rolle spielt. Die
Juristen, die mit ihr noch umgehen, erkannten und erkennen hingegen ihre
historische Bedeutung auf dem Wege der „Deutschwerdung“ nicht. – Herrn Manfred
Hülsebruch, Standesbeamter in Bad Wildungen, verdanke ich die diesbezüglichen
genaueren Auskünfte.
[138] Gerd Althoff/Hagen Keller,
wie Anm. 90, S. 12 f. – Deutlich wird vor allem noch einmal, wie hier
Historiker einen über das „Dritte Reich“ hinaus renommierten Kollegen
legitimieren, dem sie sich verpflichtet fühlen und dessen Kompromittierung
durch seine Anpassung ans Regime sie nicht zur Kenntnis nehmen wollen, indem sie
zum einen „deutliche“ Kritik behaupten, wo es keine gibt, und gleichzeitig
keinen deutlichen Standpunkt gegenüber der von Holtzmann gepflegten Redeweise
finden, weil Holtzmann eben in seinem Nationalismus längst in den
Nationalsozialismus integriert ist.
[139] Indessen stellt G. Althoff
in einem neuen Essay „Die Deutschen und ihr mittelalterliches Reich“ zur von
August bis Dezember 2006 in Berlin und Magdeburg angesetzten Doppelausstellung
„Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation 962-1806“ Überlegungen an, die unter
Einbeziehung inzwischen nicht mehr zu übersehender Literatur auf eine
reflektiertere Position in Bezug auf die Rolle von Mediävistik und Mediävisten
im „Dritten Reich“ schließen lassen: Gerd Althoff, Die Deutschen und ihr
mittelalterliches Reich, in: Heilig, Römisch, Deutsch. Das Reich im
mittelalterlichen Europa, hrsg. von Bernd Schneidmüller u. Stefan Weinfurter,
Dresden 2006, S. 119-132. – Nach Patrick J. Gearys Studie von 2002 (vgl. Anm. 19) nimmt der
Schweizer Mediävist V. Groebner 2008 erneut Anlauf, die im 19. Jahrhundert im
Zusammenhang mit der nationalistischen Ideologie von der modernen
Geschichtswissenschaft aufgetürmte „Mülldeponie für das Gift des ethnischen
Nationalismus“ (Geary, S. 25) zu entsorgen. Bei ihm liest man in deutscher Mediävistik
bisher Unerhörtes: „Stellt man aber die Siedlungsarchäologie in den so
genannten Ostgebieten, wo Grabungen im heutigen Polen und Weißrussland die
Existenz germanischer Herrschaft zur Völkerwanderungszeit belegen sollten, in
einen größeren Zusammenhang mit Forschungen zur Agrarwirtschaft und Soziologie
dieser Gebiete und mit der gezielten Ermordung von Zigeunern und
‚Fremdrassigen‘ in Kriegsgefangenenlagern und KZs zur Gewinnung von
Skelettteilen für Schädelforschungen, dann werden die mörderischen Aspekte
eines solchen Versuchs deutlich, das germanische Mittelalter nachträglich in
Ordnung zu bringen und als physische Realität neu zu schaffen. Historiker – und
nicht zuletzt Mittelalterhistoriker – hatten daran ihren Anteil“ (Valentin
Groebner, Das Mittelalter hört nicht auf. Über historisches Erzählen, München
[C. H. Beck] 2008, S. 113). – Dabei geht es aber um mehr als die Verstrickung
deutscher Mediävistik ins „Dritte Reich“, sondern um die Infragestellung des um
die europäischen Nationalstaaten fortwirkenden in Schwertgeklirre und
Königsgetue getauchten und von der Mehrheit der Historiker weiter gepflegten
Bildes von einem Mittelalter, in dem Individuen ihre „Wurzeln“ suchen, weil
sich viele Menschen im sozialen Umfeld ihrer Gegenwart offenbar als frei
flottierend empfinden. Insgesamt hätte es um eine Neubestimmung des
mediävistischen Berufsbildes zu gehen, das eine seiner stärksten Gefährdungen
in der von Historikern immer wieder für ihre Zeitgenossen beanspruchten Rolle
als „Sinnstiftern“ haben dürfte. – Die lange angekündigte 10. Auflage des Gebhardt:
Handbuch der deutschen Geschichte. Bd. 3 (888-1024) bringt insofern Neues von
den in ihrem Beruf alt gewordenen Mediävisten Gerd Althoff/Hagen Keller, als
nach nichts Identitätsstiftendem mehr gesucht wird und vor allem jenseits der
herkömmlichen Verherrlichung des als ‚Goldenen Zeitalters‘ verklärten 10.
Jahrhunderts die „Vorstaatlichkeit“ von dessen Herrschaftsverhältnissen
herausgearbeitet wird. Die beiden Autoren sprechen im Präteritum von der Bedeutung,
„die das 10. Jh. im Geschichtsbild der Deutschen hatte“ (S. 436). Das
entspricht den Vorgaben der Herausgeber, die „anachronistische
Betrachtungsweisen“ vermeiden wollen und „deutsche Geschichte“ im Mittelalter
in Anführungszeichen setzen (S. XIV).
[140] Albert Brackmann, Krisis und Aufbau in Osteuropa. Ein weltgeschichtliches Bild, Berlin 1939, S. 18 f. (Hervorhebung im Text). – Burleigh zitiert aus einem Brief Aubins an Brackmann vom 25. 1. 1939: „Wohin neuestens ein Teil der deutschen Wissenschaft und namentlich der Jugend segelt, darüber haben Sie, wie ich sehe, ebenso wenig einen Zweifel wie ich. Diese Leute können es gar nicht abwarten, sich in einen hemmungslosen Imperialismus hineinzustürzen. Geben Sie acht, wie bald Otto I. und Friedrich I. obenauf sein werden, weil sie das Beispiel gegeben haben, wie man eine ‚deutsche Ordnung‘ aufzurichten hat. Diese Männer werden die deutsche Wissenschaft um ihren letzten Kredit bringen“ (wie Anm. 70, S. 155). – Es hat dem 1871 geborenen Brackmann nichts ausgemacht, dieser Jugend schnell zuvorkommen zu wollen, wobei er natürlich die Tarnbezeichnung „Unternehmen Otto“ nicht kannte und so nicht wissen konnte, dass Hitler mit Otto längst Österreich gegenüber mit dem „Anschluss“ die Politik gemacht hatte, die jetzt erneut mit Otto als beschworenem Vorbild nach Kriegsbeginn weitergeführt werden sollte! Hitler hat Aubin oder Brackmann als Ratgeber gar nicht gebraucht, um selbst auf Otto zu kommen, genauso wenig wie 1940 die Reichsbahner oder Halder ihres direkten Rates bei der Planung des Russlandfeldzugs als „Plan Otto“ bedurft haben dürften (vgl. ergänzend Anm. 129). – Was für ein Gedrängel, mit Otto Politik machen zu wollen!
[141] Zitiert und kommentiert bei
Karen Schönwälder, „Lehrmeisterin der Völker und der Jugend“. Historiker als
politische Kommentatoren 1933 bis 1945, S. 141. In: Peter Schöttler (Hg.),
Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918-1945, Frankfurt a.M. 21999,
S. 128-165.
[142] Hermann Heimpel, wie Anm. 88 (1941), S. 207.
[143] Joachim Fernau,
„Deutschland, Deutschland über alles...“ – Von Anfang bis Ende, München-Wien
1972, S. 31 (Hervorhebung im Original).
[144] Wolfgang Neugebauer /
Herbert Steiner, Widerstand und Verfolgung in Österreich (im Zeitraum vom 12.
Februar 1938 bis zum 10. April 1938), in: Anschluss 1938: Protokoll des
Symposions in Wien am 14. und 15. März 1978, München 1981, S. 86 – 108. Hier S.
107.
[145] Von welch großer
Vorbildwirkung für Himmler wie für Hitler darüber hinaus das völkermörderische
Tun eines Dschingis Chan in der zweibändigen Darstellung von Michael Prawdin
(Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1934 u. 1935) war, arbeitet Breitman
ausführlich heraus: wie Anm. 53, S. 63-69. In Hitlers Augen hatte Dschingis
Chan „bewusst und fröhlichen Herzens Millionen Frauen und Kinder in den Tod
gejagt“. „Unbarmherzig und mitleidlos“ sollten das die
SS-Totenkopfverbände mit „Mann, Weib und Kind polnischer Abstammung und
Sprache“ bei Kriegsausbruch auch tun.
[146] Fritz Vater, Herr Heinrich. Die Saga vom Ersten Deutschen Reich, Berlin 1942, S. 455. – So war auch in der SS-Sondereinheit „Dirlewanger“ nach der Absicht des Dirlewanger-Freundes und Leiters des SS-Hauptamtes Gottlob Berger die von Widukind von Corvey geschilderte „Merseburger Schar“ Heinrichs I. wiedererstanden. In seiner Rede am 3. August 1944 vor Gauleitern anlässlich des Attentats auf Hitler schildert Himmler die Sitten der Einheit folgendermaßen: „Der Ton in dem Regiment ist selbstverständlich in vielen Fällen, möchte ich sagen, ein mittelalterlicher, mit Prügel usw. Oder wenn einer schief guckt, ob wir den Krieg gewinnen, dann fällt er tot vom Tisch, weil ihn der andere über den Haufen schießt. Anders läßt sich mit einem solchen Volk ja nicht umgehen“ (Hervorhebung vom Verfasser).
[147] Vgl. dazu Sergio Romano,
Brief an einen jüdischen Freund, Berlin 2007. – Das Buch des 1929 geborenen
italienischen Diplomaten und Historikers (mit Lehraufträgen u.a. in Harvard),
konservativ, katholisch und mit heftigen Affekten gegen die Linke und den
„Geist von 1789“ ausgestattet, ist 1997
in Italien erschienen und 2007 ins Deutsche übersetzt worden. Anlass seiner
Kritik am Umgang mit dem, was sich als „Holocaust“-Gedächtnis etabliert hat und
als Quelle für mythische Instrumentalisierungen vieler Art taugen soll, ist
seine Wahrnehmung, dass dieser Umgang die Keimzelle eines neuen Antisemitismus
geworden ist.
[148] Gerd Simon, der die Rede im Internet präsentiert, schreibt dazu einleitend: „Wie auf diese Rede gemünzt, verbreitete wenig später Goebbels jedenfalls in einem Rundschreiben an alle Reichsleiter, Gauleiter etc. vom 15.2.1943: ‚Äußerungen, daß Deutschland im Osten Kolonien errichten und Kolonialpolitik treiben werde, das Land und seine Bewohner als Ausbeutungsobjekt betrachte, sind völlig verfehlt […] Ebenso abwegig ist es, von neuen deutschen Siedlungen oder gar Großsiedlungen und Landenteignung zu sprechen oder theoretische Aufsätze über diese Frage zu verfassen, ob man die Völker oder den Boden germanisieren müsse.‘‘“ – Das Rundschreiben von Goebbels steht jedoch in einem gänzlich anderen als dem von Simon unterstellten Zusammenhang. Hitler selbst hielt nämlich – wie natürlich Himmler auch – bis zum Ende 1945 an seiner Vorstellung fest, dass seine „eigentliche Lebensaufgabe [...] und die Sendung des Nationalsozialismus und meines Lebens“ darin bestanden habe, den Bolschewismus zu vernichten „und damit gleichzeitig die Sicherung des für die Zukunft unseres Volkes unentbehrlichen Lebensraumes im Osten“ zu schaffen (vgl. Arno J. Mayer, wie Anm. 132, S. 657). Goebbels’ Anweisungen tragen der Situation beim 10. Jahrestag der Machtübernahme Rechnung, dass nämlich die militärische Lage im Osten auf eine Niederlage hinauslief. Propagandistisch trat jetzt mit Adresse an die Heimatfront, die Ostarmeen und das übrige Europa einschließlich Englands als Thema der Kampf gegen den „jüdischen Bolschewismus“ ins Zentrum. Deutschland kämpfe nämlich in abendländischem Sinne für den Erhalt einer stark gefährdeten westlichen Zivilisation. Dabei sollten im Rahmen des „totalen Kriegs“ auch den Slawen gegenüber Äußerungen von Hass und Feindschaft unterbleiben und „alle egoistischen Ziele im Osten“ verleugnet werden. Vielmehr sei ausschließlich „von dem heiligen Kreuzzug des 20. Jahrhunderts gegen den Bolschewismus zu sprechen“. Der totale Kriegseinsatz bedurfte nämlich enormer zusätzlicher Arbeitskräfte, die vor allem in Osteuropa zu rekrutieren waren. Deshalb war es nach Goebbels nicht ratsam, „diese Völker, insbesondere die Angehörigen der Ostvölker, direkt oder indirekt vor allem in öffentlichen Reden oder Aufsätzen herabzusetzen und in ihrem inneren Wertbewusstsein zu kränken“ (vgl. Mayer, wie Anm. 132, S. 514 f.).
Simon scheint offenbar davon auszugehen, dass das Ziel des „Unternehmens Barbarossa“ nichts mit Hitlers Vorstellungen vom „unentbehrlichen Lebensraum im Osten“ zu tun hatte und Himmler höchstens persönliche Ideen und Fantasmen verfolgt habe. Das Gegenteil ist der Fall. Denn wozu hätte es des von Simon erwähnten Ostministeriums unter Alfred Rosenberg bedurft, wenn nicht für die in „Ostland“ und der Ukraine eingerichteten Reichskommissariate? Oder des 1942 in Kraft getretenen „Generalplans Ost“, der dann freilich mit seinen nicht einzuhaltenden Zielvorgaben der „germanischen Siedlungserschließung“ bis zum Ural aufgegeben werden musste? Außerdem übersieht Simon, dass Himmler ja im Unterschied zu den von Goebbels angesprochenen Reichs- und Gauleitern vor den SS-Junkern keine medientauglichen Verlautbarungen von sich zu geben hatte und seine Rede nicht zur Veröffentlichung bestimmt war.
An was für einem Geschichtsbild wird da gearbeitet, wenn der Reichspropagandaminister mit seinen Propagandavorgaben zum heutigen Zeugen der Wahrheit gegenüber Himmler (und Hitler) aufgerufen wird, wo Goebbels doch nur im „Führer“-Auftrag für die Sprachregelungen sorgte, mit denen der Öffentlichkeit von den Reichs- und Gauleitern die jeweils „richtige“ Sichtweise verordnet werden und vor allem das westliche Ausland ins angeblich abendländische Boot geholt werden sollte, damit die erschöpften deutschen Kräfte im Osten weiter aushielten?
[149] Victor Klemperer
reflektiert gegen Ende des Ersten Weltkrieges über die Herkunft des Wortes
„auskämmen“, als in Deutschland die letzten Männer für den Kriegseinsatz
gesucht werden: Curriculum vitae. Erinnerungen 1881-1918, Bd. 2, hersg. v. W.
Nowojski, Berlin 1996, S. 627 f.
[150] Klaus J. Bade (wie Anm.
109), S. 76.
[151] 1906 heißt es dann in dem Buch „Die Helden des Deutschtums“ von Dr. W.Opitz, Oberlehrer am Realgymnasium in Zittau. Mit Abbildungen zur Landeskunde. Erste Folge. 16 Bogen 80. Geb. 3.50 M: „Wie in unseren Tagen die überschüssige Bevölkerung des aufgeblühten Deutschen Reichs hinüberzieht in die Neue Welt, um bessere Arbeitsbedingungen und billigeres Land zum Feldbau zu gewinnen, so zogen einstmals vom 10. Jahrhundert an, aber besonders im 11. bis 13. Jahrhundert Scharen von Ansiedlern aus allen deutschen Gauen in das slavische Gebiet östlich der Saale und Elbe. Und während unsere jetzigen Auswanderer oft nichts Eiligeres zu tun haben, als ihr Volkstum abzuwerfen und fremde Eigenart anzunehmen, trugen die damaligen Kolonisten siegreiche deutsche Kultur und deutsche Sprache über die alte Grenze in die Fremde hinaus; sie hielten fest an ihrem Volkscharakter und erwarben so neues deutsches Gebiet, von dem aus das Reich zu neuer Blüte erstehen sollte. Die Geschichte dieser Kulturarbeit wird hier in einzelnen Lebensbeschreibungen der Führer dieser Bewegung der deutschen Jugend geschildert, und je mehr die Slaven in der Gegenwart den mühsam gewonnenen deutschen Besitz uns streitig zu machen suchen, desto mehr muß dem deutschen Volk in Erinnerung gebracht werden, welch heiliges, von den Vätern ererbtes Gut es heute dort zu verteidigen gilt“ (Hervorhebung im Original). – Damit sind die Lehrer zu Multiplikatoren der intellektuellen Obsession von der Umkehrung des Auswanderungsstromes geworden. In kontinuierlicher Fortsetzung des mythisierten Deutschtums werden 1933 alle über die Jahrhunderte in Ostmittel- und Osteuropa von deutschsprachigen Menschen besiedelten Gegenden über alle geografischen und landsmannschaftlichen Grenzen hinweg mit großdeutschem Anspruch zum „deutschen Osten“, für den eigens eine neue Organisation geschaffen wird, nämlich der in „gleichschaltender“ Funktion an die Stelle aller regionalen Vereinigungen tretende „Bund Deutscher Osten“. Wiederum ist Albert Brackmann beteiligt. Während aber diese von bürgerlichen, in der Regel preußisch orientierten Intellektuellen entwickelte Propaganda für den „deutschen Osten“ von diesem spätestens 1945 nichts übrig ließ, außer dass dieser Begriff seit den 1950er Jahren zum kollektiven Erinnerungsort im Vertriebenenmilieu wurde, gibt es, wie eine US-Volkszählung 1990 ergab, in den USA rund 60 Millionen Deutschstämmige, die dort die größte ethnische Gruppe bilden. Dem ging Schreckliches für die indianischen Ethnien bis zum Ende des 19. Jahrhunderts voraus, nämlich dass hunderte von Völkern mitsamt ihrer Kultur und Sprache vernichtet worden sind, also eine Kette verschiedener Völkermorde, die in einer gigantischen demographischen Katastrophe das Gesicht des amerikanischen Kontinents radikal veränderten und zur angeblich „Neuen Welt“ machten. Für das amerikanische „Go West!“ gab es eben nicht den grenzkolonisatorischen Einhalt, der das deutsche „Go East!“ schnell, wenn auch nicht schnell genug zum Scheitern brachte.
[152] Vgl. Enzo Traverso, Moderne
und Gewalt. Eine europäische Genealogie des Nazi-Terrors, Köln 2003, S. 57. –
Traverso fährt fort: „Neben der umfänglichen Bibliographie über die
Geschichte des Antisemitismus in Deutschland, über die ideologischen Vorläufer
und theoretischen Inspiratoren Hitlers (...) nehmen sich die Arbeiten, die die
Naziverbrechen auch im Lichte der deutschen und allgemeiner der europäischen
Kultur und der Praktiken des Kolonialismus zu erhellen suchen, ausnehmend
bescheiden aus. Der Akzent wird auf die besonderen Charakteristika des
Antisemitismus der Nazis gelegt, aber nicht auf seine Verankerung in der
Theorie und Praxis der Vernichtung ‚minderwertiger Rassen‘, die das gemeinsame
Los der westlichen Imperialismen war.“
[153] Henry Picker, Hitlers
Tischgespräche, hrsg. v. Andreas Hillgruber, München 1968, S. 30 f. – Hitler
fährt fort: „Die Norweger, Schweden, Dänen, Niederländer müssen wir alle in
die Ostgebiete hereinleiten; das werden Glieder des Reichs.“
[154] Der als Vorsitzender des „Alldeutschen Verbandes“ tätige nationalliberale Abgeordnete Ernst Hasse, Professor für Statistik, hatte 1895 im Reichstag dafür plädiert, dem Staatsbürgerschaftsrecht eine ethnisch-kulturelle Grundlage zu geben und „in nationaler Hinsicht minderwerthigen“ Zuwanderern die deutsche Staatsangehörigkeit nicht zu gewähren, sie dafür aber den deutschen Auswanderern zu belassen, damit sie jederzeit nach Deutschland zurückkehren könnten. Er hatte nämlich bereits beobachtet, wie sich in den 1890er Jahren nach der letzten Auswanderungswelle nach Übersee die Wanderungssituation allmählich umkehrte und Deutschland für Arbeitskräfte vor allem aus den polnischen Gebieten zum Einwanderungsland wurde. Angesichts seiner Überzeugung von einem „Überschuss an Volkskraft“ der Deutschen sah er jede Zuwanderung Fremder als schädlich und überflüssig an und wollte einen Ausgleich nur über die Rückwanderung ethnisch Deutscher aus dem Ausland gewährleistet sehen (vgl. Dieter Gosewinkel, Einbürgern und ausschließen: Die Nationalisierung der Staatsangehörigkeit vom deutschen Bund bis zur Bundesrepublik Deutschland, Göttingen 2001, S. 279 f.). Sebastian Conrad hebt hervor, dass die 1913 erfolgende Änderung des Staatsangehörigkeitsrechts diesem Ansatz Rechnung trug, indem Auswanderer ihre deutsche Staatsangehörigkeit behielten und sogar auf ihre Nachkommen übertragen konnten (Deutsche Kolonialgeschichte, C. H. Beck: München 2008, S. 95 f.): „Spätestens die hohe Zahl von ‚Aussiedlern‘, die als Folge dieser Bestimmungen in den 1990er Jahren vor allem aus Russland in die Bundesrepublik ‚zurückkehrten‘, demonstrierte die anhaltende gesellschaftliche Relevanz dieser gesetzlichen Regelung und, allgemeiner gesprochen, die Bedeutung des kolonialen Vermächtnisses in der deutschen Geschichte.“
[155] Domenico Losurdo spricht
von der in totalen Kriegen auftretenden „Despezifikation“ des
Feindes, die „zum Ausschluss oder zur Vertreibung bestimmter ethnischer,
sozialer, politischer Gruppen aus der Wertegemeinschaft, aus der wahren
menschlichen Gesellschaft und sogar aus dem Menschengeschlecht“ führe
(Kampf um die Geschichte. Der historische Revisionismus und seine Mythen, Köln
2007, S. 75).
[156] Zitiert bei Sergio Romano,
Brief an einen jüdischen Freund, Berlin 2007, S. 114. – Im Vorwort zur Neuauflage
des Romans „Le maître des âmes“ (1939) von Irène Némirovsky, inzwischen als
große französische Autorin gewürdigt, die 1942 in Auschwitz umkam, halten ihre
Biographen Olivier Philipponnat und Patrick Lienhardt 2005 fest, was es mit den
Hauptgestalten ihres Romanschaffens auf sich hat. Sie gebe ihnen nämlich einen
Habitus, der im Bild vom „Orientalen“ im Frankreich der Zwischenkriegszeit
seine Ausprägung erfahren habe und immer auch „den“ Juden meine. Für dieses
Verschmelzen des Orientalischen mit dem Jüdischen können solche Autoren wie
Charles Maurras, Léon Daudet, Louis-Ferdinand Céline, aber auch Martin Buber
namhaft gemacht werden. Némirovsky assimiliere es sich, um sich mit dem Los der
Emigranten und ihrer für Fremdenfeindlichkeit jeder Art geschaffenen Rolle
auseinander zu setzen. Sie selbst zählte zu ihnen, nachdem sie mit ihrer
jüdischen Familie vor der russischen Oktoberrevolution geflohen und über
Finnland und Schweden 1919 in Paris angekommen war.
[157] Zitiert bei Ulrich Sieg,
Deutschlands Prophet. Paul de Lagarde und die Ursprünge des modernen
Antisemitismus, München 2007, S. 63, 240. – Zum 50. Todestag Lagardes sollen im
Dezember 1941 nicht weniger als 180 Lagarde-Feiern stattgefunden haben (S.
350).
[158] Vgl. Götz Aly, Macht, Geist, Wahn. Kontinuitäten deutschen Denkens, Berlin 1997 (Lizenzausgabe für die Büchergilde Gutenberg), S. 95.
[159] Zitiert in Wolfgang Benz, (Hg.),
Legenden, Lügen, Vorurteile. Ein Wörterbuch zur Zeitgeschichte, München 1992,
S. 114.
[160]
Zitiert bei Bradley Smith/Agnes Peterson, wie Anm. 75, S. 202. – Dies ist eine
der Passagen, die gern zur Kennzeichnung der menschen- bzw. judenfeindlichen
Mentalität Himmlers zitiert werden. Volker Ullrich erwähnt in der Rezension
eines Buches von Bernd Greiner (Krieg ohne Fronten. Die USA in Vietnam; Hamburger
Edition; Hamburg 2007) einen an einem Massaker in My Lai im Jahr 1968
Beteiligten: „Wenn wir die Mütter töten, die Frauen, werden sie keine
Vietcong mehr produzieren. Und wenn wir die Kinder töten, werden sie nicht zu
Vietcong heranwachsen. Und wenn wir alle töten, wird es am Ende keine Vietcong
mehr geben“ (in: Die Zeit, Nr. 40, 27. September 2007, S. 78). Es ist wohl
auszuschließen, dass dieser Beteiligte sich in Himmlers Denkweise ausgekannt
haben muss, um sich so zu äußern. Wahrscheinlicher scheint vielmehr, dass
Volker Ullrich dieses Zitat mit Bedacht ausgewählt hat, um auf die Universalität
dieses Tötungsmusters hinzuweisen, das so wenig wie anderes dazu taugt, die
„ontologisch“ oder wie immer superlativisch sonst einzuordnende „Einzigartigkeit“
der „Endlösung der Judenfrage“ zu belegen. Deshalb schreibt Peter Novick auch
in seinem Buch „Nach dem Holocaust. Der Umgang mit dem Massenmord“ (dtv 2003,
S. 22): „Die Behauptung, der Holocaust sei einzigartig – wie die, er sei
unfassbar oder nicht darstellbar –, ist tatsächlich zutiefst beleidigend. Was
könnte sie anderes bedeuten als: ‚Eure Katastrophe ist im Gegensatz zu unserer
gewöhnlich, fassbar und darstellbar.‘ “ – Es war Joseph Conrad, der im Jahr
1900 seine Erzählung „Herz der Finsternis“ veröffentlichte, in der er
eigene Erfahrungen aus dem Kongo übersetzte. Herrn Kurtz als Kolonisator im
afrikanischen Herzen der Finsternis stellt er dar als einen, an dessen
Zustandekommen ganz Europa beteiligt gewesen sei, kurz bevor er ihn in einem
Bericht für die „Internationale Gesellschaft zur Unterdrückung primitiver
Bräuche“ einen Satz „wie einen Blitz aus heiterem Himmel“ zu Papier
bringen lässt: „Rottet all diese Bestien aus!“ Indessen braucht man
nicht außerhalb Europas zu schauen, um das in Kurtz gerinnende Conrad’sche „Grauen“
zu erleben. Es ist Trotzki, der die Pogrome beschrieb, die die zaristischen Schwarzen
Hundertschaften in Reaktion auf die russische Revolution von 1905 verübten: „Ihm
ist alles erlaubt [dem Mitglied der antisemitischen Bande], er darf alles, er
ist Herr über Gut und Ehre, über Leben und Tod. Wenn er die Lust dazu verspürt,
schleudert er aus einem Fenster im dritten Stock eine alte Frau zusammen mit
einem Konzertflügel aufs Straßenpflaster hinunter, zerschmettert einen Stuhl am
Kopfe eines Säuglings, vergewaltigt ein kleines Mädchen vor den Augen der
Menge, treibt Nägel in lebendiges Menschenfleisch … Er schlachtet ganze
Familien hin; er begießt das Haus mit Petroleum, verwandelt es in einen
lodernden Scheiterhaufen und gibt jedem, der sich aus dem Fenster aufs Pflaster
wirft, mit dem Knüttel den letzten Rest … Es gibt keine Marter, die nur ein von
Schnaps und Wut tollgemachtes Hirn aushecken kann, vor der er gezwungen wäre,
Halt zu machen. Denn ihm ist alles erlaubt, er darf alles …“ ( Leo Trotzki, Die russische
Revolution 1905, Berlin 1972, [Nachdruck von 1923], S.108. – Zitiert bei Alex
Callinicos, Ausloten der Abgründe – Marxismus und der Holocaust, vgl.
http://www.stiftung-sozialgeschichte.de/ZeitschriftOnline/pdfs/holocaust-fertig%2006.04.06.pdf?PHPSESSID=c70eb334f15aafb141c9 ). – Man braucht aber nicht Trotzki als Zeugen für orgiastische Brutalitäten zu zitieren. Man bleibe bei Himmlers Äußerung zur „Auseinandersetzung mit Asien“ und den zur Vergessenheit verdammten „uns lieb gewordenen Spielregeln“ vergangener europäischer Auseinandersetzungen. Dazu hat der junge französische Historiker Christian Ingrao 2006 eine Studie vorgelegt, und zwar zum Wüten der „Sondereinheit Dirlewanger“, einer Himmlerschen Kreation zur Verwirklichung von „Programm Heinrich“, zunächst im Herrschaftsbereich Globocniks und dann in Weißrussland. Sie ist gespickt mit aus russischen und polnischen Archiven zusammengetragenen Details, die einem den Atem stocken lassen, so dass am Schluss in einem zu Herzen gehenden kurzen Nachwort Ingrao selbst Zeugnis davon ablegen muss, wie sehr er um Fassung und Worte ringen muss, um ins Alltagsleben zurückkehren zu können. (Les chasseurs noirs. La brigade Dirlewanger, Paris [Perrin] 2006). – Es sind diese von allem zivilisierenden Einspruch befreiten Gewaltausbrüche und -passionen, die Arno J. Mayer in Bezug auf die beiden Weltkriege dann von einem „Zweiten Dreißigjährigen Krieg“ sprechen lassen (vgl. Mayer, wie Anm. 132, S. 54-71).
[161] Aimé Césaire, Über den Kolonialismus, Berlin 1968, S. 12. – Hier wäre freilich an die Bewohner der Vendée während der Französischen Revolution oder an die Iren unter der Macht der Engländer zu erinnern, wie das Losurdo tut: vgl. Anm. 155, S. 82-86. – Traverso erinnert an den in den USA lebenden marxistischen Philosophen Karl Korsch, der 1942 sagte: „Die Neuheit der totalitären Politik ergibt sich aus der Tatsache, dass die Nazis auf die ‚zivilisierten‘ europäischen Völker die Methoden angewandt haben, die bisher den ‚Eingeborenen‘ und den ‚Wilden‘ vorbehalten waren, die außerhalb der so genannten Zivilisation lebten“ (wie Anm. 152, S. 53 f.). Man sollte annehmen, dass dieser Wahrnehmung eigentlich ein bemerkenswerterer Stellenwert schon längst zugekommen sein sollte, zumal Hanns Johst 1940 als Chronist Himmlers Polen als ein „Kolonialland“ bereiste und beschrieb. Aber es dürfte genau so sein, wie es Alfred Grosser konstatierte, als er auf das große, 2001 in Frankreich und 2004 auf Deutsch in der Schweiz erschienene Buch von Rosa Amelia Plumelle-Uribe „Weiße Barbarei – Vom Kolonialismus zur Rassenpolitik der Nazis“ mit folgender Aussage reagierte: „Das Buch macht bewusst, dass das Verbot eines Vergleiches mit dem Holocaust, das Tabu, dessen Vokabular zu benutzen, auf einen uneingestandenen weißen Rassismus zurückzuführen ist.“ Dass dieser „weiße Rassismus“ auch in die für Palästina als „unvergessliche Heimat“ entworfene zionistische Ideologie hineinwirkte, wird in Theodor Herzls „Judenstaat“ von 1896 deutlich, wenn er in der für Plumelle-Uribe so offensichtlichen europäischen Überheblichkeit schreibt: „Für Europa würden wir dort ein Stück des Walles gegen Asien bilden, wir würden den Vorpostendienst der Kultur gegen die Barbarei besorgen“ (Der Judenstaat. Text und Materialien. 1896 bis heute, hrsg. von Ernst Piper, Berlin-Wien [philo-Verlag] 2004, S. 34). Aber es bleibt zu fragen, was für Chancen es für eine alternative Wahrnehmung neben der „Holocaust“-Orthodoxie in Deutschland gibt, wenn in der 2006 erschienenen „Welt- und Kulturgeschichte“ des Zeitverlages das von Wolfgang Benz geschriebene entsprechende Kapitel „Ein barbarisches, beispielloses Verbrechen: Der Holocaust“ (Bd. 14, S. 135-146) heißt? Zuvor hatte ein anderer, als renommiert geltender „Holocaust“-Forscher das Vergleichen selbst zur Voraussetzung für „Unvergleichbarkeit“ in Anspruch genommen: „Einiges spricht dafür, dass sorgfältige Vergleiche die historische Besonderheit des Mordes an den Juden gegenüber anderen Völkermorden zukünftig noch klarer akzentuieren werden“ (Peter Longerich, „Frankfurter Rundschau“ vom 22.8. 2000). Denn der Sinn dieses Vergleichens läuft nach Novick ja sowieso darauf hinaus, dass die Katastrophen der anderen immer nur „gewöhnlich, fassbar und darstellbar“ sein können. Das wird am 18. Juni 2008 sogar regierungsamtlich und nimmt im vom Kabinett beschlossenen neuen Gedenkstättenkonzept folgenden Wortlaut an: „Die Erinnerung an die NS-Terrorherrschaft wird durch das Wissen um die Unvergleichlichkeit des Holocaust bestimmt: Dem systematischen, auf völlige Vernichtung abzielenden Völkermord an 6 Millionen Juden als Menschheitsverbrechen bisher nicht gekannten Ausmaßes kommt in der deutschen, europäischen und weltweiten Erinnerungskultur singuläre Bedeutung zu“ (vgl. http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Pressemitteilungen/BPA/2008/06/2008-06-18-bkm-gedenkstaettenkonzept.html). Da wird das von Alfred Grosser monierte und als rassistisch eingestufte Vergleichsverbot als Denkverbot einschüchternd in Überschriften und Einleitungen mit Anspruch auf Weltgeltung weiterkolportiert, so dass sich die Frage stellt, ob Alfred Grosser vom gleichen wie Wolfgang Benz, Peter Longerich oder der Kulturstaatsminister spricht, ja ob sie alle überhaupt gleichzeitig in der gleichen Welt leben, ganz zu schweigen von Rosa Amelia Plumelle-Uribe. – Arme afro-kolumbianisch-stämmige Publizistin!, bleibt einem da nur resignativ zu sagen übrig. Was sollte so jemand in der Nachfolge des afro-karibischen Schriftstellers Césaire vom „Holcaust“ und vom unvergleichlichen Europa/Deutschland verstehen? Da können einstweilen noch so viele andere zum Gelächter über angebliche „Unvergleichlichkeit“ auffordern oder vom negativen, aber nichtsdestoweniger Nationalismus bleibenden deutschen „Schuldstolz“ sprechen und etwas anderes im Auge haben als die auf „endgültige Entschuldung“ und „feindselige Normalität“ drängende deutsche Mehrheitsgesellschaft, die nach Wilhelm Heitmeyer als Basis für einen neuen „unverkrampften Antisemitismus“ herhalten könnte (vgl. Die Zeit, 11. Dezember 2003). Festzuhalten bleibt, dass das Verhängnis unentbehrlicher (!) Aufarbeitungen von persönlichen, wenn auch im Kollektiv erfahrenen Leidensgeschichten dort beginnt, wo die Aufarbeitung über Gruppeninteressen von Lebenden und ihr Selbstbild vermittelt wird und in die von ihnen zu ihrer eigenen Auszeichnung geforderten Hierarchisierungen in einer saturierten Gegenwart eingebettet werden soll. Da geht es um die Vergleichgültigung gegenüber dem einst individuell erfahrenen Leid und um gesellschaftlich monumentalisierte, institutionalisierte und ritualisierte Erinnerung der immer nur sich selbst darstellenden Lebenden, die das einstige Leid nur mehr als gesellschaftlich hoch gehängte Maske und als Aushängeschild tragen. Die Dramatik der angeblich beispielloses Leid zelebrierenden Masken und Aushängeschilder beginnt dort, wo ihnen das Publikum nicht mehr glaubt. Aber die vom Gesicht gerissenen Masken geben noch keine Gewähr dafür, dass das in ihnen gemeinte Leid authentischer wieder hervortrete. Denn es soll ja ums Leid und nicht um die Masken gehen, wie aufwändig und hierarchiebezogen sie immer daherkommen mögen. – Zur Veranschaulichung dessen, was hier gemeint ist und „imperiale“ Gedenkzufahrtswege beansprucht, sei aus einem Leserbrief zitiert, der am 26. März 1998 in „Die Zeit“ abgedruckt wurde: „Berlin, die ehemalige Reichshauptstadt und neue Hauptstadt im vereinigten Deutschland, braucht ein Mahnmal – im Gegensatz zum Bundesdorf Bonn. In Berlin kann man an jeder Stelle den Boden kratzen, um auf Spuren zu stoßen, die das größte Verbrechen in der Geschichte der Menschheit bezeugen. Besucher aus Washington, Moskau, London, Madrid oder Rom, die über die imperialen Achsen, durch das Brandenburger Tor, am Reichstag vorbeifahren, benötigen auch einen Ort, um der Millionen Menschen zu gedenken, die europaweit ermordet wurden.“
[162] So schreibt Arno J. Mayer:
„Tatsächlich war der Krieg gegen die Juden viel eher ein Schmarotzer oder
blinder Passagier des Russland-Feldzuges, der bis zum Ende sein Nährboden
blieb, auch oder erst recht als er sich tief in Russland festgefahren hatte“
(wie Anm. 132, S. 411). Enzo Traverso stützt sich in seiner Untersuchung u. a.
auf Befunde von Mayer und schreibt zum Schluss (wie Anm. 152, S. 155): „Die
Architekten der Nazilager wussten ganz genau, dass sie Todesfabriken bauten,
und Hitler verbarg nicht, dass die Eroberung von ‚Lebensraum‘ die
Kolonialkriege des 19. Jahrhunderts weiterführen sollte (was sie in seinen
Augen rechtfertigte). Zwischen den Massakern der imperialistischen Eroberungen
und der ‚Endlösung‘ gibt es nicht nur ‚phänomenologische Affinitäten‘ noch
entfernte Analogien.“ Weder Mayer noch Traverso fanden in der deutschen
Öffentlichkeit eine breite Resonanz. Aber Klaus Holz, Leiter des Ev.
Studienwerks e. V. Villigst, spricht in einem Interview 2006 von Traversos
„wunderschönem Büchlein“, in dem Wurzeln der Kolonialerfahrung aufgezeigt
werden, die Menschen zu „Herrenmenschen“ machen (Fritz Bauer Institut,
Newsletter zur Geschichte und Wirkung des Holocaust, Nr. 29, Herbst 2006, S.
10: http://www.fritz-bauer-institut.de/texte/gespraech/10-06_holz.pdf).
– Domenico Losurdo (wie Anm. 155) bringt in seinem 1996 in Italien erschienenen
Buch zahlreiche ausführliche Beispiele für Hitlers kolonialistische
Vorstellungen in Bezug auf Osteuropa. Dazu auch folgende Feststellung: „Die
Tatsache, dass das Schicksal der Juden durch ihre doppelte Stigmatisierung als
orientalische ‚Eingeborene‘ und als Überträger des orientalischen Bolschewismus
besiegelt worden ist, wird überhaupt nicht in Betracht gezogen“ (S. 282).
[163] Vgl. Diemut Majer,
„Fremdvölkische“ im Dritten Reich. Ein Beitrag zur nationalsozialistischen
Rechtssetzung und Rechtspraxis in Verwaltung und Justiz unter besonderer
Berücksichtigung der eingegliederten Ostgebiete und des Generalgouvernements,
Schriften des Bundesarchivs, Bd. 28, München 1993. – Nach D. Majer gab es einen
fortschreitenden Übergang von der „völkischen Ungleichheit“ über die allgemeine
Rechtsungleichheit und „Artfremdheit“ zur „Gemeinschaftsfremdheit“. Damit sei
der ursprünglich rassische Kern aufgegeben gewesen, wie das auch an der
Verwendung des Begriffs „Fremdvölkische“ deutlich werde. Denn Hitlers
Rasseideen seien auch nach außen hin „nur politisches Mittel zur Verschleierung
außenpolitischer Herrschaftsansprüche“ gewesen (S. 85 f.). So hätten die Slawen
nach der
nationalsozialistischen Rassenkunde, wie sie Hans F. K. Günther – genannt
„Rassen-Günther“ –
entwickelt hatte, eigentlich gar nicht als eigene Rasse gegolten.
[164] „Unser Recht ist kein
anderes Recht als das Recht des Stärkeren, das Recht der Eroberung. Ja, wir
haben erobert, aber diese Eroberungen sind auf einem Wege, auf eine Weise
geschehen, daß sie nicht mehr zurückgegeben werden können.“ [...] „Die
Übermacht des deutschen Stammes gegen die meisten slavischen Stämme, vielleicht mit alleiniger Ausnahme
des russischen, ist eine Thatsache, die sich jedem unbefangenen Beobachter
aufdrängen muß, und gegen solche (...) naturhistorischen Thatsachen läßt
sich mit einem Decrete im Sinne der cosmopolitischen Gerechtigkeit schlechterdings
nichts ausrichten.“ [...] „Der
letzte Act dieser Eroberung, die viel verschrieene Theilung Polens, war nicht,
wie man sie genannt hat, ein Völkermord, sondern weiter nichts als die
Proclamation eines bereits erfolgten Todes, nichts als die Bestattung einer
längst in der Auflösung begriffenen Leiche, die nicht mehr geduldet werden
durfte unter den Lebendigen.“ Dann geht Jordan ausdrücklich mit den
westdeutschen Demokraten ins Gericht und will ihre „cosmopolitische
Gerechtigkeit“ der nationalen Lächerlichkeit preisgeben: „Dieser Umstand,
daß man die Polen desto mehr lieb hat, je weiter man von ihnen entfernt ist,
und je weniger man sie kennt, und desto weniger, je näher man ihnen rückt (Bravo von der Rechten, Zischen von der
Linken), dieser Umstand, sage ich, muß jedenfalls die Vermuthung erregen, daß
diese Zuneigung nicht sowohl auf einem wirklichen Vorzuge des polnischen
Charakters, als vielmehr auf einem gewissen kosmopolitischen Idealismus
(...) beruhe, den man eben hinnimmt, ohne ihn weiter zu untersuchen“ (zitiert
bei Michael Imhof, Polen 1772 bis 1945, S. 183. In: Wochenschau Nr. 5,
Sept./Okt. 1996, Frankfurt a.M., S. 177-193). Hans Rothfels zitiert 1935 und in
Neuauflage 1960 einen weiteren entscheidend wichtigen Satz aus Jordans Rede: „Wenn wir rücksichtslos gerecht sein wollten, dann müßten wir nicht bloß Posen
herausgeben, sondern halb Deutschland. Denn bis an die Saale und darüber hinaus
erstreckte sich vormals die Slawenwelt“ (Hans Rothfels, Bismarck, der Osten und das
Reich, Darmstadt 1960, S. 11).
In seiner Kommentierung der Auflösung Preußens durch die Potsdamer Konferenz bezog sich der polnische Deutschlandpublizist Edmund Osmańczyk 1948 ebenfalls auf diesen 1000-Jahrezeitraum, indem er an den von Widukind von Corvey beschriebenen brutalen Umgang des ottonischen Markgrafen Gero mit den Slawen erinnert, der bei einem Gastmahl die geladenen Slawenführer heimtückisch niedermetzeln ließ: „Der Drang nach Osten, durch die Mordtaten Markgraf Geros unter den Elbslawen eingeleitet, sei der Beginn des Hitlerismus gewesen.“ (Vgl. Andreas Lawaty, Das Ende Preußens aus polnischer Sicht. Zur Kontinuität negativer Wirkungen der preußischen Geschichte auf die deutsch-polnischen Beziehungen, de Gruyter: Berlin-New York 1985, S. 189 f.)
[165] „Deshalb kam es auch 919
zu einer großen historischen Wende, als der Sachsenherzog Heinrich der Vogler
zum deutschen König gewählt wurde. Mit seinem Namen verbindet sich der
eigentliche Auftakt jenes ‚Dranges nach Osten‘, der neun Jahre später
eingeleitet wurde“ (Zdeněk Váňa, Die Welt der alten Slawen, Prag
1983, S. 211). – Tomás Garrigue Masaryk, Gelehrter und von 1918-1935 erster
Präsident der neugegründeten Tschecho-slowakischen Republik, widmet in seinem
1917/18 geschriebenen Buch „Das neue Europa. Der slavische Standpunkt“ (Prag
1920; Berlin 1991) dem „deutschen Drang nach Osten“ zwei eigene Kapitel (S.
37-44) und thematisiert ihn durchweg bis zum Schluss des Buches (S. 91 [...„von
der Elbe und der Saale her drängten die Deutschen beständig gegen den
slavischen Osten“...], 93, 106, 123, 131, 158, 161, 165, 175, 183, 188,
191), und zwar auch immer unter Zurückweisung des „pangermanischen“
Herrenmenschentums und der von deutscher Seite behaupteten kulturellen
Überlegenheit über die slawische Welt.
Die historische Wirklichkeit
des Schlagworts vom „Drang nach Osten“ sieht Masaryk im Folgenden: „Deutschland
war in seinen Anfängen (unter Karl dem Großen) nur bis an die Elbe und die
Saale deutsch, der übrige östliche Teil, der ursprünglich slavisch war, wurde
im Laufe der Jahrhunderte gewaltsam germanisiert und kolonisiert. Treitschke
sieht den Sinn der deutschen Geschichte in der Kolonisations-Tätigkeit. Das
Kaisertum hat an den Rändern des Reiches sog. Marken eingerichtet; im Osten und
Südosten waren solche Peripherie-Marken Brandenburg und Österreich, dieses im Süden,
jenes im Norden. Brandenburg wurde mit Preußen vereinigt und Preußen von dem
deutschen Ritterorden germanisiert; später nahm es die Reformation an und wurde
der Führer Deutschlands, gegen Österreich“ (S. 37).
Löwenstein – überzeugter
Demokrat in der Weimarer Republik und Mitglied des sozialdemokratisch
dominierten „Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold“, von den Nationalsozialisten
gleich verfolgt und im April 1933 nach Österreich geflüchtet, dann Professor
für Staatsrecht und Geschichte in den USA, in der BRD zunächst FDP-Mitglied und
Bundestagsabgeordneter, dann Wechsel zur konservativen Deutschen Partei (DP) –
unterbreitet in seiner „Kleinen Deutschen Geschichte“ 1953/21957 ein
Ottonenbild, das genau auf der Linie des von Masaryk und Váňa als
aggressiv wahrgenommenen und so ja auch gemeinten „Dranges nach Osten“ liegt,
wenn er schreibt: „Mit Heinrich I. dem Vogler (919 - 936) beginnt die
Herrschaft des Sächsischen Hauses, unter dem das römische Kaisertum der
Deutschen entstand, das bis zum Jahre 1806 währte.“ – Zur Vertreibung der
Magyaren 933: „Diesem Abwehrsieg folgte ( ... ) die Erschließung
heidnisch-slawischen Landes zwischen der Elbe und der Havel.“ – „So darf
man Heinrich als den Begründer von Brandenburg, dem Kernland des späteren
preußischen Königreichs, bezeichnen.“ (S. 19 f., 22.) – „Mit seinem
Regierungsantritt 936 nahm Otto das Werk seines Vaters auf – die historische
Aufgabe, den Osten dem Reich einzugliedern.“ – Damit folgen Heinrich I. und
Otto der Große dem „geschichtlichen Auftrag“ an die abendländischen
Völker, „Abwehr zu schaffen gegen die unter immer anderen Zeichen und Namen
heranbrandenden Kräfte des Ostens ( ... ).“ (S.12.)
Keiner der in Deutschland
gebliebenen Historiker hätte nach 1945 noch solche Sätze unverhohlen
veröffentlichen können. Dabei spricht Löwenstein nicht viel anders als der
Liberale Wilhelm Jordan 100 Jahre zuvor in der Frankfurter Nationalversammlung
von 1848. Allerdings hat niemand Löwenstein zurückhalten können oder wollen,
ein gerade endgültig kompromittiertes nationales Geschichtsmodell öffentlich zu
vertreten. Es bedurfte offensichtlich der Abwesenheit aus Deutschland, um das
Ottonenbild in den 1950er Jahren so aufzunehmen und fortzuführen, wie es in der
nationalen Geschichtsschreibung seit dem 19. Jahrhundert aufbereitet worden
war. Denn wie es im Nationalsozialismus in Realpolitik übersetzt wurde, muss
Löwenstein entgangen sein, wenn er nach wie vor vom „geschichtlichen Auftrag
der abendländischen Völker“ spricht. Hans-Ulrich Wehler nennt Momente, in denen es Übereinstimmung
zwischen Geschichtswissenschaft und Nationalsozialismus gab. Löwenstein zeigt
einige, die er außerhalb des „Dritten Reichs“ über das „Dritte Reich“ hinaus
weitertransportiert hat: Großdeutschland, europäische Hegemonialpolitik,
deutsche Kulturmission im Osten, Reichsmythos (Wehler, wie Anm. 21, Deutsche
Historiker im Nationalsozialismus, S. 315).
Es blieb
der „Bundesarbeitsgemeinschaft für deutsche Ostkunde im Unterricht“
vorbehalten, dass in ihrer Obhut 1956 trotzig und für lange Zeit noch ohne
Bewusstsein für das Ausmaß der gerade geschehenen Katastrophe geschrieben
werden konnte, wie Heinrich I. – wohl immer noch als imitierenswertes Vorbild –
die Ostgrenze „sicherte“, nämlich durch den Gewinn des „geopolitisch so
wichtigen Dreiecks zwischen Elbe, Saale und Erzgebirge“. Dann geht es breitgedruckt
weiter: „Wir aber halten die Erkenntnis fest, dass der Anlass zum ersten
Ausgriff des deutschen Staates und Volkes nach dem Osten nicht etwa der so oft
unterstellte ‚Drang nach Osten‘ war, sondern die nüchterne Notwendigkeit, einer
tödlichen Bedrohung aus den Fernen Asiens vorsorglich zu begegnen! Die erfolgreiche
Abwehr der Gefahr aus dem Osten war die Geburtsstunde des deutschen Ostens, und
das Gesetz, nach dem er angetreten, war der Schutz Deutschlands und des
gesamten Abendlandes und aller seiner Werte!“ (Heinrich Wolfrum, Die
Entstehung des deutschen Ostens, sein Wesen und seine Bedeutung, S. 21. In: Der
deutsche Osten im Unterricht, hrsg. von E. Lehmann, Weilburg/Lahn 1956, S.
19-30.) Das ist die Tradition, in der Löwenstein seine Sichtweise vorträgt und
in der auch Himmler in Bad Tölz über „Asien“ sprach. Im gleichen Buch wird dann
noch auf S. 76 die von Gustav Freytag in Anm. 22 wiedergegebene und über 100
Jahre wiederholte Aussage programmatisch variiert: „Die deutsche Ostsiedlung
muss als die größte Leistung des deutschen Mittelalters herausgestellt werden.“
– Was Historiker so nicht mehr zu sagen wagten (vgl. z. B. Hermann Aubins in
Anm. 21 zitierten Satz von 1942), konnte in Vertriebenenkreisen, zu
denen sich Löwenstein in der 1949-1960 an der Bundesregierung beteiligten, 1961
auf Bundesebene de facto aufgelösten Deutschen Partei gesellte, noch eine Zeit
lang als um seine Basis gebrachter nationalstaatlicher Traum gepflegt werden,
den angeblich nur die Spezies „Nazi“ und vor allem Himmler verdorben und
missbraucht hatten...
[166] Klaus J. Bade (wie Anm. 109),
S. 80.
[167]
„Sind die Ungarn zu
stoppen?“ überschreibt Friedrich Christian Delius in seiner
Erinnerungserzählung von 1994 „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“ ein
Kapitel (rororo-Ausgabe 1996, S. 78-88).
[168]
Hubertus Prinz zu Löwenstein, Kleine Deutsche Geschichte, Frankfurt a.M. 21957,
S. 160.
[169] Im Jahr 2007 findet man in einem von der
Schulleitung des Gymnasiums gezeichneten Papier eine Stellungnahme zum
Namenspatron, und zwar unter der panegyrischen Überschrift Heinricus – Rex Saxonum et Francorum. Einleitend
werden einige Herrschaftsdaten aufgereiht, wobei bezeichnenderweise die in den
Jahren 928/929 stattfindenden verheerenden Kriegszüge gegen die Slawen
wegfallen. – Das Gymnasium pflegt nämlich gegenwärtig auch eine
Schulpartnerschaft mit Polen, und zwar mit Posen, wo Himmler am 6.10.1943 unter
Berufung auf die „Reichsautorität Heinrichs I.“ erklärt hatte: „...über
Großdeutschland hinaus das noch größere Reich, nämlich das Germanische Reich aufzubauen,
dessen Grenzen nach meiner Überzeugung - nun halten Sie mich nicht für einen
verrückten Optimisten - einmal am Ural liegen werden!“ – Zusammenfassend
heißt es am Schluss in der Stellungnahme: „Bedeutet diese
nationalsozialistische Vereinnahmung Heinrichs, dass er als Namensgeber für die
Schule eines demokratischen Staates in einem zusammenwachsenden Europa nicht
taugt? – In den vergangenen Jahren wurde diese Frage in der
König-Heinrich-Schule wiederholt diskutiert. Die ganz überwiegende Mehrheit der
Schulangehörigen beantwortet diese Frage wie folgt: Heinrich war in seiner Zeit
ein überaus erfolgreicher Herrscher. Erfolg meint hier: Festigung des
ostfränkischen Reiches durch Siege über die
Slawen, Dänen, Westfranken und Ungarn, die den Menschen in seinem
Herrschaftsbereich einen erheblich Zugewinn an Sicherheit und Frieden
schenkten. – Heinrich I., den sein wichtigster Chronist Widukind den „besten aller Könige“ nennt und der seinem
Namen einen so guten Ruf verschaffte, dass er zum meist verwandten Königsnamen
Europas wurde, bietet uns aber darüber hinaus in der Art seiner
Herrschaftsausübung eine Perspektive, zukunftsorientiert an seine Tradition
anzuknüpfen. Denn seine Herrschaft war nicht, wie die ältere teilweise
nationalistische Deutung es glauben machen wollte, vor allem durch ein
kriegerisches machtbewusstes Auftrumpfen gekennzeichnet, sondern viel mehr
durch eine kluge, langfristig angelegte Herrschaft des Bündnisses, der Einigung
und damit des Befriedens. Heinrich setzte nicht in karolingischer Tradition auf
eine durch Furcht und Schrecken geprägte Königsautorität, sondern suchte den
Konsens mit den anderen Großen im Reich. Er schloss mit seinen politischen
Kontrahenten amicitae [sic; gemeint sind ‚amicitiae‘],
Freundschaftsbünde, die in den sogenannten Gebetsverbrüderungen belegt sind. So
konnte er seine Königsherrschaft unter Wahrung der Interessen der anderen
Herzöge im ganzen Reich zur Geltung bringen. Insgesamt ist sein Bemühen zu
erkennen auch den Adel dazu zu bewegen, innerhalb seines Reiches politische Konflikte
möglichst gewaltfrei, ohne Fehde zu lösen. Ein nicht Geringes für die in dieser
Zeit durch Krieg und Fehde permanent geplagten Menschen. – Heinrich I. kann in
seinem Handeln gewiss nicht unseren heutigen humanistisch-christlichen Wertmaßstäben
entsprechen, aber er zeigt uns, dass man mit kluger, konsensorientierter,
durchaus auch machtbewusster Politik mehr erreichen kann als mit Dogmatismus
und roher Gewalt. So ist es Heinrich gelungen, in den 17 Jahren seiner
Herrschaft das Reich nach Innen und Außen [sic] zu sichern und zu befrieden. Eine enorme
Leistung zum Wohle der Menschen, die gerade in der Art und Weise ihrer Bewerkstelligung rechtfertigt, eine höhere
Bildungsanstalt nach diesem großen König zu benennen.“ – Vergleicht
man diesen Sermon mit der in Kap.
3.1 abgedruckten Todestagsrede Himmlers, dann
wird hier – freilich in gänzlich anderem Zusammenhang – ein doch ähnliches
Legitimationsbemühen deutlich. Für Himmler war seine Rede eine politische
Veranstaltung, bei der er sich über Radio an das ganze Volk wandte; in Fritzlar
geht es um den Namenspatron für ein Gymnasium. In beiden Fällen wird aber die
„ganze“ „deutsche“ Geschichte bemüht. Und dafür, was im Jahr 2007 über Heinrich
I. geschrieben wird, kann Heinrich I. genauso wenig wie für Himmlers
Legitimationsbedürfnis! Denn was hat er mehr als sonst ein seit 1000 Jahren
Toter mit deutscher Gegenwart zu tun? Instrumentalisierungsmuster haben eben
keine große Variationsbreite angesichts eines Quellenmaterials, das für das 10.
Jahrhundert dürftig ist und dessen Bestand seit gut 150 Jahren je nach Bedarf
den jeweils für angemessen gehaltenen Deutungskodierungen angepasst wird: mal
vaterlandsrettender Slawen- und Ungarnbekämpfer, mal Friedensfürst, weil es
sich im gegenwärtigen Europa so gehört. Und für beide Sichtweisen lässt sich
immer wieder die gleiche Quelle bemühen: Widukind von Corvey, der bei genauem
Lesen auch allerhand heute nur als scheußliche Verbrechen zu bezeichnende Züge
damaliger Herrschaftspraxis preisgibt. Die wären gerade bei einer als
Namenspatron favorisierten Persönlichkeit genau zu kennzeichnen, anstatt „unsere
heutigen humanistisch-christlichen Wertmaßstäbe“ für ihre
Beurteilung gleich gar nicht erst in Erwägung zu ziehen, weil es eben nicht
willkommen scheint, sie bei der Rechtfertigung einer Namenspatronage auch nur
zu erwähnen. – Wie sagt doch Johannes
Fried in Bezug auf den Umgang mit den Ottonen? „Geschichte entpuppt
sich, um ein scharfsinniges Wort Gustav Radbruchs abzuwandeln, als wohlfeile
Dirne der gerade gängigen Münze“ (M. Puhle, wie Anm. 21, S. 557). Neuerdings
verwendet die Schule den strapazierten Königsnamen als weiteren Baustein der
schulischen corporate identity: Schüler können ihre Arbeiten aus dem
Kunstunterricht in der „Heinrichs-Galerie“ ausstellen.
[170] Franz
Kafka, Sämtliche Erzählungen. Hrsg. v. Paul Raabe, Frankfurt a.M. 1969, S. 122.
[171] Der Verfasser ist über
seine Beschäftigung mit Himmlers Rede 1942 in der SS-Junkerschule in Bad Tölz
in diesen Diskussionszusammenhang geraten. Nichts anderes als ein laienhafter
Versuch soll hier unternommen werden, das hier zuvor Dargelegte in diese in
Deutschland bisher nur rudimentär, wenn auch schon 2004 plakativ als
„Spiegel“-Titel angekündigte, in Westeuropa und den USA ausführlicher geführte
Debatte einzubetten. Vor dem umgehenden Gespenst des „Geschichtsrevisionismus“,
für den Ernst Nolte als umstrittenste Historikerpersönlichkeit zu benennen ist
und der sich weiter auf seinem in den 1980er Jahren eingeschlagenen Weg
profiliert, meint der Verfasser – naiv genug – bei seinem Versuch keine Angst
haben zu müssen. Das fällt umso leichter, als Enzo Traverso 2007 vom
Ritualvergleich („comparaison rituelle“) zwischen der Periode 1914-1945 und dem
Dreißigjährigen Krieg schreibt. Dabei denkt er aber nicht an Deutschland, das
in der offiziellen Memorialkultur so aufs „Dritte Reich“ fixiert ist, dass
diese 12 Jahre nichts mit darüber hinausreichender Geschichte zu tun zu haben
scheinen. Das ließ sich im Dezember 2007 bei Wikipedia ablesen, wo auf einen
diesbezüglichen neuen Artikel sofort mit einem Löschantrag geantwortet wurde,
dem aber dann nach langer, heftiger Diskussion nicht nachgegeben wurde. Tenor
der Begründung: Begriff ist in Deutschland nicht geläufig. Auf dieser Linie vermerkt
die Meyer-online-Enzyklopädie im Stichwort „Weltkrieg“: „Dagegen eingewendet
werden die Singularität und Unvergleichbarkeit des Zweiten Weltkrieges
als ‚ideologischer Vernichtungskrieg‘ des nationalsozialistischen
Deutschland gegen das bolschewistische Russland und v. a. der Genozid an den
von den Nationalsozialisten als ‚völkisch-rassisch minderwertig‘
betrachteten Minderheiten. Würden beide Weltkriege ‚gleichgestellt‘ werden,
so wird argumentiert, würden der Holocaust verharmlost und die beispiellose
kriegerisch-verbrecherische Qualität nationalsozialistischer (Rassen- und
Ausrottungs-)Politik nicht angemessen bewertet, ja bagatellisiert werden.“
Der Autor versteht die
Begriffe „Singularität und Unvergleichbarkeit“ als Indizien für ein
Denkverbot und hält sich daran!
[172] Malaparte bezieht sich hier
offenbar auf sarkastische Äußerungen deutscher Soldaten, denen er an der
Ostfront in der Ukraine begegnet war und die sich über die Rede vom als
„Blitzkrieg“ geplanten „Unternehmen Barbarossa“ lustig machten. – Wie sehr das
Bild vom Dreißigjährigen Krieg als einem „Panorama verwüsteter Landschaften“
die Soldaten an der Ostfront der beiden Weltkriege, vor allem in Ober Ost und
in den Freikorps, heimsuchte, beschreibt Vejas Gabriel Luilevicius: Kriegsland
im Osten. Eroberung, Kolonisierung, Militärherrschaft im Ersten Weltkrieg,
Hamburg 2002, S. 60 ff.
[173] Enzo Traverso, A feu et à sang. De la guerre civile européenne
1914-1945, Paris 2007, S. 9-18.
[174] Arno J. Mayer, Adelsmacht
und Bürgertum. Die Krise der europäischen Gesellschaft 1848-1914, München 1984,
S. 313 f., 325.
[175] Arno J. Mayer, Der Krieg
als Kreuzzug. Das Deutsche Reich, Hitlers Wehrmacht und die Endlösung, Reinbek
bei Hamburg 1989, S. 49 (zum Begriff „Holocaust“ vgl. S. 44; „Lebensraum“ S.
36, 657, Kapitel 7: Der „Lebensraum im Osten“: Ein Kreuzzug wird geplant).
[176] Arno J. Mayer, wie Anm.
172. S. 50-71.
[177] Enzo Traverso, wie Anm.
170. S. 46 f. (Übersetzung vom Verfasser).
[178] Ders., wie Anm. 170, S. 48.
– Deshalb bleibt Traverso wohl beim Bürgerkriegsbegriff, mit dem er dann seine
Analyse weiter betreibt.
[181] Deutsche Ostforschung,
Ergebnisse und Aufgaben seit dem ersten Weltkrieg. Hg. v. Hermann Aubin u.a. ,
Bd. 1, Leipzig 1942, S. 1, 11.
[182] Bis 1938 hatte der 1934 in
Königsberg zwangsemeritierte Rothfels im von Brackmann geleiteten Preußischen
Geheimen Staatsarchiv Unterschlupf gefunden und konnte dort weiter
Quellenstudien betreiben. Bezüglich der Planungen all dessen, was die
Ostforschung zum nationalsozialistischen Umgang mit Osteuropa beitragen wollte,
saß er im ganz wörtlichen Sinne an der Quelle! Das heißt, dass Rothfels wie
Victor Klemperer und viele andere die nationaldeutschen Vorstellungen gegenüber
Osteuropa teilte, ehe er merkte, dass er selbst aus der – theoretischen –
Täterrolle in die des direkten Opfers geraten war. Heute gilt als erwiesen,
dass Brackmann mit seinem Selbstlob, eine „Zentralstelle für die
wissenschaftliche Beratung“ des NS-Regimes zu leiten, sich richtig eingeschätzt
habe. Diese Beratung diente der Parzellierung Europas, dem organisierten
Kunstraub und der Vorbereitung des Völkermords (Vgl. http://gplanost.x-berg.de/pustedahlem.pdf).
[183] Werner Conze, Nationalstaat
oder Mitteleuropa? Die Deutschen des Reichs und die Nationalitätenfragen
Ostmitteleuropas im ersten Weltkrieg, S. 201. In: Deutschland und Europa.
Festschrift für Hans Rothfels, hg. von Werner Conze, Düsseldorf 1951, S. 201-230.
[184] In Abschnitt II heißt es: „In
den besetzten ehemals polnischen Gebieten führt der Verwaltungschef Ober-Ost
die dem Reichsführer-SS übertragenen Aufgaben nach dessen allgemeinen
Anordnungen aus. Der Verwaltungschef Ober-Ost und die nachgeordneten
Verwaltungschefs der Militärbezirke tragen für die Durchführung die
Verantwortung.“ (Vgl. http://gplanost.x-berg.de/wprim.html#Erlass .) Am 21.
7. 1940 wurde der Stab „Ober Ost“ in den des „Militärbefehlshabers im
Generalgouvernement“ umgewandelt. Dieses „Generalgouvernement“ war dann einer sonderrechtlichen
Kolonialverwaltung unterworfen (vgl. D. Majer, Anm. 161 und http://de.wikipedia.org/wiki/Fremdv%C3%B6lkische).
[185] Max Hildebert Boehm, Die
deutschen Grenzlande, Berlin 1930, S. 326 f.
[186] Bisher wird in der Forschung, gestützt durch eine Bemerkung in den Aufzeichnungen von Himmlers Leibarzt Felix Kersten, von dessen Abneigung gegen die Jagd, z.B. auf ein friedlich weidendes Reh, gesprochen. Dabei finden die Beteiligungen an Jagdausflügen, zu denen er in seiner Eigenschaft als Reichsführer auch zu Willy Sachs nach Schweinfurt oder zu Wilhelm von Alvensleben ins Mecklenburgische eingeladen wurde oder seine eigene Einladung zur Jagd in seinen ausgedehnten Domänen in den eroberten Ostgebieten am 4. September 1942 (Ingrao, wie Anm. 158, S. 120 f.) keine Erwähnung. Eine am 12.9.1942 von Franz Mueller-Darß im Namen Himmlers verschickte Einladung zur Jagd in der Steiermark wird in einer dtv-Dokumentenpublikation unter dem Titel „Die Rückseite des Hakenkreuzes - Absonderliches aus den Akten des Dritten Reiches“ (1993) vorgelegt und weist eher darauf hin, dass Himmler es seiner Stellung schuldig zu sein glaubte, den jagdgewohnten Herren seines Umfeldes auf gleicher Augenhöhe zu begegnen. Dass Himmler persönlich ein eher distanziertes Verhältnis zur Jagd und den mit ihr als gesellschaftlichem Ereignis einhergehenden Verpflichtungen pflegte, lässt sich aus seiner Rede am 3. August 1944 in Posen ablesen, wo er „Drückeberger“ erwähnt, die über ihre Jagdbekanntschaften „Gefälligkeits-uk-Stellungen“ erwirkt hätten. Auch Longerich diagnostiziert in der Persönlichkeitsskizze zu Himmler keine besondere Jagdleidenschaft, erwähnt vielmehr nur eine Jagdhütte (Valepp) in der Nähe des Wohnhauses, das Himmler am Tegernsee erwarb und 1937 umbauen ließ (Longerich, Heinrich Himmler, 2010, S. 387). Katrin Himmler etwa stellt in der Präsentation der Brüder Himmler nichts vor, was auf eine in der Familie Himmler gepflegte Jagdtradition schließen ließe. Der ehemalige SS-Arzt Ernst-Günther Schenck erinnert an Himmlers Neigung zum Vegetariertum: „Himmler war ein Ernährungsapostel. Im Grunde standen ihm die so genannten Ostvölker viel näher als die verweichlichten Westler. Seine Hoffnung war, dass er nach dem Kriege – er wusste wohl, dass es während des Krieges nicht ging – seine ganze Truppe zu Vegetariern machen könnte, außerdem alkohol- und nikotinfrei. Das war sein Zukunftsbild, und er glaubte, dass auf diesem Wege die deutsche Rasse am besten weiter emporgezüchtet werden könne.“
[187] Einen ähnlichen Gedanken gibt Irène Némirovsky in ihrem Roman „L’affaire Courilof“ von 1933 (dt. „Der Fall Kurilow“, Frankfurt a. M. 1995) wieder, wenn sie einen Arzt in der Gesellschaft eines zaristischen Ministers 1903 Folgendes sagen lässt: „Man müsste eine Geheimgesellschaft schaffen, deren Aufgabe es wäre, diese verdammten Sozialisten, Revolutionäre, Kommunisten, Freidenker und alle Juden, selbstverständlich, auszurotten... Man könnte ehemalige Banditen, nach gemeinem Recht Verbrecher, anstellen und ihnen Straferlass versprechen. Diese Leute, diese revolutionäre Kanaille, die verdienen nicht mehr Mitleid als tollwütige Hunde...“ (Némirovsky, 1995, S. 102 f.) – Jürgen Osterhammel beschreibt die Grenzergewalt in Amerika: „Im Inneren Brasiliens, vorübergehend in Australien und vielfach auch an der nordamerikanischen Indianergrenze herrschte das ungezähmte Faustrecht. Im permanenten Verdrängungskampf gegen die ‚Wilden‘ war Siedlern und paramilitärischen Killerkommandos (etwa den brasilianischen ‚bandeirantes‘) bis hin zum Völkermord jedes Mittel recht“ (J. O., Kolonialismus. Geschichte, Formen, Folgen, 5., aktualisierte Auflage, München 2006, S. 47.).
[188] Paul Celan, Das Frühwerk,
hrsg. von Barbara Wiedemann, Frankfurt a. M. 21998, S. 143.
[189] Vgl. Frank Helzel‚
Nibelungische Echos: Ost-westliche Bilder in Gedichten Paul Celans von 1944 bis
1968, in: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur (ZfdA), Nr.
128, 1999, S. 309-336.
[190] Losurdo, wie Anm. 155, S.
108.
[191] Fritz Stern, Der
Westen im 20. Jahrhundert. Selbstzerstörung, Wiederaufbau, Gefährdungen der
Gegenwart. Reihentitel: Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts. Vorträge
und Kolloquien, Bandnummer: 3, Göttingen (Wallstein) 05/2008. – In dem Band ist
der am 16. April 2007 in Jena gehaltene Vortrag „Der zweite dreißigjährige
Krieg“ abgedruckt.
[192] Horst Fuhrmann, Überall ist
Mittelalter. Von der Gegenwart einer vergangenen Zeit, München 31998,
S. 119. – Was aber in diesem Zusammenhang „ohne ideologische Zwänge“
heißen soll, erklärt Fuhrmann nicht. Er geht offenbar von der Voraussetzung
aus, dass im Nationalsozialismus solche Forschung auch in diesem so heiklen
Bereich unter Himmlers Augen möglich war! Denn der „unbestechliche
Mittelalterforscher Carl Erdmann (1898-1945)“ konnte den „berühmt
gewordenen und mehrfach nachgedruckten Aufsatz „Das Grab Heinrichs I.“
veröffentlichen (S. 118).
[193] Wenn nach Theodor Herzls
Worten vom Ende des 19. Jahrhunderts in der „unvergessenen historischen
Heimat Palästina“ „ein Stück des Walles gegen Asien“ zu bilden und
der „Vorpostendienst der Kultur gegen die Barbarei“ zu besorgen sei
(vgl. Anm. 161), dann hat Tom Segev 1986 beschrieben, was sich dann bei der
Gründung des Staates Israel wirklich abgespielt hat und was 2008 in einer
ersten deutschen Übersetzung nachzulesen ist. Es war nicht anders, als es
Bartlett für die Genese Europas aus dem Geist der Gewalt beschrieben hat. Arno
Widmann fasst in der „Frankfurter Rundschau“ vom 8. Juli 2008 seinen Eindruck
von Segevs Buch so zusammen: „Man hat die Entstehung des Staates Israel
gerade am vergangenen 60. Jahrestag seiner Gründung gerne ein Epos genannt. Tom
Segevs ‚Die ersten Israelis‘ erinnert an Mord und Totschlag, Wunden und Blut,
ohne die kein Staat und ohne die kein Epos zu haben ist.“ Joseph Conrad hat
nach seinen eigenen Erfahrungen im und am Kongo in einem Brief am 2.2.1899 an
Cunninghame Graham dem vorgegriffen, was dann in „Herz der Finsternis“
literarische Form annimmt: „Das Verbrechen ist eine notwendige Bedingung der
organisierten Existenz. Die Gesellschaft ist ihrem Wesen nach kriminell.“
Für René Girard ist am Anfang jeder Gesellschaft ein Gewaltakt oder
Gründungsgewalt anzunehmen. Denn was in Ritus und Mythos geheiligt und
gerechtfertigt wird, hat immer eine derartige reale Basis. Die unbeantwortete,
aber weiter zu stellende Frage bleibt, was mit den allfälligen Opfern in der
Erinnerung geschieht, wenn sie nicht mehr in den Formen verfremdender Rituale und
Mythen oder in einer nie geschriebenen „Heinrich-Saga“ zum zweiten und
endgültigen Mal um sich selbst gebracht werden.
Losurdo erinnert am Schluss
seines Buches an William Clintons Antrittsrede, in der er sein Land als „die
älteste Demokratie der Welt“ glorifizierte – „unsere Mission ist zeitlos“
–, aber Indianer und Schwarze gleichsam als deren Humus übergangen habe. Diesen
Umgang des Westens mit seiner eigenen Vergangenheit macht Losurdo dafür
verantwortlich, dass ein von vielen Intellektuellen betriebener Revisionismus
darauf abziele, den „Westen“ in eine „blendende Verklärung“ zu
hüllen, „die keinen Raum mehr lässt für ausgewogene historische Bilanzen und
für Gleichgewichtsverhältnisse in Bezug auf den Rest der Welt“. So habe
auch die „fortschrittlichste deutsche Kultur“ bei ihrem selbstkritischen
Versuch der „Aufarbeitung der Vergangenheit“ diesen Revisionismus noch
verstärkt, weil er eben bisher eine rein deutsche Angelegenheit geblieben ist
und „der Westen in seiner Gesamtheit“
mit seiner kolonialen Vergangenheit und den an sie gebundenen Verbrechen gegen
die Menschlichkeit sich noch nicht angesprochen gefühlt hat, so wenig wie für
die Beteiligung an totalen Kriegen wie dem „Zweiten Dreißigjährigen Krieg“
(vgl. Anm. 155, S. 281 f.). – Rosa Amelia Plumelle-Uribe verdanke ich den
Hinweis, dass in der „Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der
nationalsozialistischen Judenvernichtung“ zum „Historikerstreit“ (Piper:
München-Zürich 1997) kein einziges der Argumente auf „Deutsch-Südwestafrika“
verweist, wo es ab 1904 wiederholt zu blutig niedergeschlagenen Aufständen der
Herero und Nama gekommen war, so dass heute mit einiger Berechtigung von
Völkermord von Seiten der deutschen Kolonialtruppen gesprochen wird und seit
2002 die Nachfahren Schadenersatzklagen gegen die BRD anstrengen. Das ist
deshalb auffällig, weil z. B. Joachim Fest sich um alles mögliche Vergleichbare
bemüht, aber es fallen ihm nur Beispiele aus dem osteuropäischen Zusammenhang
(Russische Revolution, Antisemitismus in Polen) ein. Kolonialismus kommt
nirgends vor.
[194] Rupert von Schumacher, Volk
vor den Grenzen, Stuttgart-Berlin-Leipzig o. J. (die Literaturangaben werden
bis 1936 angegeben), S. 68 f.
[195] Vgl. Hannah Arendt, wie
Anm. 78, S. 37. – In dem von Arendt skizzierten Zusammenhang geht es dem
Verfasser ausschließlich um ihre Feststellung, dass konkrete politische
Mordtaten im Schatten historischer Täter-Vorbilder daherkommen. Dabei versteht
sich von selbst, dass diese Vorbilder als sieg- und erfolgreiche Herrscher
Eingang in die geschichtliche Überlieferung gefunden haben. Diese
Herrscher-Vorbilder werden immer von intellektuellen Legitimatoren und ihren
Mitläufern bereit gehalten. Die stehlen sich jedoch aus der Verantwortung,
sobald die im Namen der Vorbilder verübten Mordtaten nicht zu einem bejubelten
Sieg führen, sondern in der Niederlage als das erscheinen, was sie von Anfang
an waren, nämlich Verbrechen. Die neue Rolle der Legitimatoren besteht dann
nach der offenbar nur als Blamage empfundenen Niederlage darin, die naiv
wirkende Frage zu stellen: „Was kann Heinrich I. denn dafür, von Himmler so
missbraucht worden zu sein?“ Usw. Damit haben sie natürlich Recht. Aber was man
Himmler und Hitler als Verlierern mit dem Vorwurf des „Missbrauchs“ ankreidet,
lässt hinwiederum ein weites Feld für den weiteren „Gebrauch“ offen, der, weil
– zunächst und anfangs immer – guten Gewissens betrieben, nur ein richtiger
sein kann. Dafür können Karl d. Gr., Heinrich I., Otto I., Friedrich
„Barbarossa“, Dschingis Chan und all die anderen Geschichtsheroen aber
natürlich genauso wenig; denn sie sind alle lange, lange tot. – Als
problematisch erweist sich indessen in solchen Zusammenhängen unübersehbar der
für menschliche Sozialisation und Orientierung offenbar unentbehrliche Umgang
mit Vorbildern.
[196] Als der Oberbürgermeister
von Quedlinburg bei der Heinrichsfeier von 1939 Himmler den eigens für ihn
komponierten „König-Heinrich-Marsch“ übergab, was Longerich ebenfalls bei
Michael Kater hätte nachlesen können, war für den Oberbürgermeister sicher klar,
dass die Quedlinburger Veranstaltungen, bei denen Hitler nie zugegen war, auch
nicht unter den zahlreichen NS-Führungsmitgliedern bei der nationalen
Todestagsfeier 1936, eine Angelegenheit Himmlers und nicht Hitlers waren.
Longerich hingegen erwähnt die Heinrichsfeier von 1939 nur, um aus Himmlers
Anfrage ans „Ahnenerbe“ wiederum auf die Parallele zwischen Heinrich I. und
Adolf Hitler schließen zu können. Dabei ging es bei der in Frage stehenden
„Beurteilung der Politik Adolf Hitlers“ im Vergleichsmaßstab mit Heinrich I.
doch genauso um Himmler, der wie niemand sonst es seinem „Führer“ doch recht
machen wollte. Oder sollte Adolf Hitlers Politik nichts mit Himmler und mit
niemandem sonst im gleichgeschalteten „Dritten Reich“ zu tun gehabt haben? –
Longerich wäre wirklich eine Erklärung für seine selektive Wahrnehmung
schuldig. Denn zur Biographie Himmlers hätte eine andere Wahrnehmung von
Himmlers Umgang mit Heinrich I. gehört.